157. Rilkes Mama

Der Poet ist nach Goethe der meistgelesene deutschsprachige Dichter weltweit. Aber es gibt auch Leser, die von ihm weniger begeistert sind und seine Lyrik als zu weltentrückt, fast schon kitschig und eine Spur zu esoterisch empfinden. So nannte ihn Thomas Mann einen „österreichischen Snob, der seinen Adelstick von Mama geerbt hätte.“ Zur „lieben Mama“ hatte Rilke zeitlebens auch ein besonderes Verhältnis.

Mutter Sophia, genannt Phia, war eine moderne Frau aus vermögendem Hause: eine tollkühne Reiterin, eine exzellente Fechterin, begabt im Klavierspiel und für Sprachen. Sie war der Liebling ihres Vaters, der eine chemische Fabrik in Prag besaß und viele Ehrenämter dort bekleidete. Bis zu seinem Tode lebte sie in einer Welt, in der ihr Geld und Stellung in der höheren Gesellschaft ganz selbstverständlich gegeben waren. Sie war es, die den Sohn Rainer Maria Rilke förderte und in ihm schon früh den kommenden Dichter sah, nie den Offizier, wie der Ehemann es wünschte. Phia Rilke, die liebe Mama, erhielt zwischen 1900 und 1925 Weihnachtsbriefe von ihrem Sohn. In diesen Jahren hat Rilke nie den Weihnachtsabend mit seiner Mutter verbracht – und deshalb immer Briefe geschrieben, die sie zur „geheiligten Stunde“ um sechs Uhr abends öffnen sollte. So ähnlich die Briefe über weite Strecken klingen – zumindest die vor dem Ersten Weltkrieg – identisch sind sie zu keiner Zeit. / MDR

Essay | MDR FIGARO | 26.12.2009 | 18:30 Uhr

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