156. Rilkes Eigensinn

Obwohl Rilke zu Lebzeiten eine Randfigur war [? MG], wird sein lyrischer Eigensinn in unserer postromantischen Zeit geschätzt; eine kleine Gruppe von Kennern lobte ihn damals, während er heute geliebt wird.* Sonette an Orpheus, Duineser Elegien, sein einziger Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge und vielleicht am stärksten Briefe an einen jungen Dichter sind Probiersteine. Einzelne Gedichte wurden berühmt: Archaischer Torso Apollo mit der Schlußzeile „Du mußt dein Leben ändern“; Der Panther, pulsierend von der Energie des eingesperrten Tiers. Rilke wurde sogar zu einer Art Talisman der Popkultur. Er inspirierte Wim Wenders für seinen Film Der Himmel über Berlin**, und vor kurzem ließ sich die Hitparaden-Disko-Queen Lady Gaga ein Rilkezitat auf den Oberarm tätowieren: „In the deepest hour of the night, confess to yourself that you would die if you were forbidden to write. And look deep into your heart where it spreads its roots, the answer, and ask yourself, must I write?“ Adam Zagajewski behauptet, daß Rilke vielleicht mehr in den Vereinigten Staaten als in Deutschland gelesen wird, was einiges über die Faszination der Amerikaner für existentielle Unbehaustheit, Selbsterfindung und Ziellosigkeit sagt. / Angels to Radios: On Rainer Maria Rilke. By Ange Mlinko. The Nation 14.12.

The Poetry of Rilke: Bilingual Edition
by Edward Snow, ed. and trans.

* Na gut, diesen Passus bezweifeln wir mal. Rilke wurde zu Lebzeiten viel gekauft, viel gelesen und gerühmt, später auch viel imitiert (und geriet erst später bei Teilen des Publikums in Verschiß). Allein von den Insel-Taschenbüchern wurden in den 75 Jahren von 1912-1987 verkauft: Cornet (Band 1 der Reihe, 1912! Wikipedia weiß: Am 23. Mai 1912 erschien Rilkes Werk als erster Band der Insel-Bücherei in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, die sofort vergriffen war und den Erfolg der Reihe begründete.) 48 Auflagen, mehr als 1.125.000, davon zu Rilkes Lebzeiten 230.000. Marien-Leben: 15 Auflagen seit 1913, 164.000, davon zu Lebzeiten 20.000. Postum: Sonette an Orpheus 119.000. Gedichte I 270.000. Briefe an einen jungen Dichter 453.000. Briefe an eine junge Frau 280.000.  Gedichte II 322.000. (Und 5 weitere Bände). Und das sind nur die Taschenbuchausgaben in seinem Verlag. Die Bücher wurden en masse gedruckt, verkauft, gelesen & geliebt! (Daß er den Nobelpreis nicht bekam, ist eine andere Frage. Aber Kafka oder Joyce ging es auch so.)
**) Merkwürdigerweise englisch unter dem Titel „Wings of desire“ (das Plakat zeigt martialisch-preußische Engels- und Adlerflügel, aber desire? Filmverleihergeschmack)
*** Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muß ich schreiben?

Hier mehrere englische Versionen von Rilkes Grabspruch:

Rose, O pure contradiction, delight
in being no one’s sleep under so many
eyelids.
(Edward Snow)

Rose, oh pure contradiction, joy
of being No-one’s sleep, under so
many lids.
(translation by Stephen Mitchell)

„Rose, o pure contradiction,
desire to be no one’s sleep
beneath so many lids.“

rose, PURE CONTRADICTION, delight, to be no-ones sleep under so many lids.

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Hier ein Foto des Grabsteins

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