97. Klangwelt

Hans Werner Henzes «Nachtstücke und Arien» für Sopran und grosses Orchester auf Gedichte von Ingeborg Bachmann waren am 20. Oktober 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen eine eigentliche Sensation. Für einige ein kleiner Skandal; für manche eine strahlende Offenbarung. Die Uraufführung im begehrten Sonntagnachmittags-Konzert – mit der blendenden farbigen Sopranistin Gloria Davy und dem überlegenen Südwestfunk-Orchester unter Hans Rosbaud – zeigte, dass Musik in den fünfziger Jahren auch ausserhalb der Gebote der Darmstädter Avantgarde überzeugen konnte. Da blühte eine Klangwelt auf, die keck, nachdrücklich und unmissverständlich zu bedenken gab: zeitgenössische Musik ist heute auch anders möglich. …

Ausgangspunkt dieser offensichtlichen Neuorientierung des Komponisten waren zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann aus dem Zyklus «Anrufung des Grossen Bären» (1956). Dass es eben zu dieser Werkverbindung kam, war das Resultat von eigentlich missliebigen Umständen. Zuerst vorgesehen gewesen war eine Opernproduktion für die Donaueschinger Musiktage: «Belinda». Doch wegen angeblich technischer Hindernisse bei den Saalverhältnissen und weil Heinrich Strobel, der Leiter der Südwestfunk-Musikabteilung, starke Bedenken gegen Bachmanns Libretto-Proben bekundete, aber bereits die Sängerin engagiert war, musste eine einfachere Lösung anvisiert werden. Sogar eine Vertonung von Jean Cocteaus Monodrama «La voix humaine» stand zur Diskussion: ein Sujet, das kurz danach Francis Poulenc erfolgreich realisieren sollte. – Henze entschloss sich rasch für die Gedichte «Aria I» und «Freies Geleit (Aria II)». Enthusiastisch schreibt er in seinem Brief vom 29. Mai 1957 an Ingeborg Bachmann zum zweiten Gedicht: «. . . denn es enthielt beherzt eines der schönsten gedichte der welt bei dem es mir fast leid tut es durch töne zu ruinieren die vielleicht gar nicht gefallen». / Rolf Urs Ringger, NZZ 17.10.

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