Mandelstam, Wetterblitz, lügenprall

Die Perlentaucher-Rubrik „Vorgeblättert“ präsentiert Ralph Dutlis Mandelstambiographie, die im August bei Ammann erscheint:

Das bitterböse Kapitel Grenzsituation im zweiten Band der Memoiren Nadeschdas läßt die Ausmaße der Katastrophe ahnen. Noch 1970, als sie das Buch schrieb, schien ihr die ungezügelte Eifersucht die Feder zu führen. Fast täglich sei die junge Schöne vorbeigekommen und habe vor ihrer Nase Mandelstam „entführt“. Die Situation wäre reichlich banal, hätte Mandelstam in jenen ersten Monaten des Jahres 1925 für Olga nicht zwei seiner schönsten Gedichte geschrieben, die er wohlweislich vor Nadeschda verborgen hielt (1935, in der Woronescher Verbannung, als er verspätet vom Selbstmord Olga Waksels in Oslo erfuhr, kamen noch zwei Gedichte hinzu). Es sind die Verse eines schwerverliebten Dichters, der sich seiner Ehefrau gegenüber bereits in Lügen und Ausflüchte verstrickt hatte und oft selber keinen Ausweg mehr wußte. Das Leben war zum freien Fall geworden:

Das Leben fiel, ein Wetterblitz,
Wie ins Glas die Wimper stürzt,
Lügenprall bis an den Rand –
Keinen, niemand klag ich an.

(TR, 195/197)

Das Gedicht entwirft eine Utopie absoluter Liebe. Das „goldene Schaffell“, das die Geliebte umgibt, ist das Kleid eines unerhörten Liebesmythos. Ein Traumpaar wird vorgeführt, das alles hinter sich zurückläßt. Der Reiz des Gedichtes liegt in der Spannung zwischen mythisch-erotischer Utopie und winzigen, schlichten Alltagsdetails:

Willst zur Nacht du einen Apfel,
Honigtee, ganz frisch gemachten?
Zieh ich dir die Stiefel aus,
Heb dich Fläumchen leise auf?

Engel – hell im Spinngewebe,
Goldnes Schaffell dich umgebend,
Strahl von dem Laternenlicht
Schulterhoch beleckt er dich.

(…)
Wie du stocktest allzuplötzlich,
Logst und lächeltest verletzlich,
Und verhaltene Schönheit strich
Hilflos hin dir durchs Gesicht.

Hinter Hüten von Palästen,
Hinter Gärten, schäumend letzten,
Wimpernjenseits liegt ein Land –
Bist dort meine Frau genannt.

Komm wir nehmen trockne Stiefel,
Goldne Bauernpelzchen, tiefe,
Nehmen uns dann bei der Hand
Gehn die gleiche Straße lang,

Blicken uns nie um, erreichen
Strahlend helle Wegezeichen,
Nachtlang bis der Tag anbricht
Zwei Laternen voller Licht.

(TR, 195/197)

19.7.03

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