Die Geige lügt

Paul Zech 

(* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires) 

Café

Auch hier ist alles nur Betrug und Schein:
Die Geige lügt, die Kellner gehn gemein.
Das Wort noch, in Gesprächen ausgetauscht,
macht uns nicht heiß. Wir sind belauscht.

Wir haben eine Aristokratie
aus uns gemacht, gelenkig unser Knie.
Wir wissen von der Nacht nur, daß sie tanzt,
nicht, daß sie unsere Existenz zerfranst.

Den Bettler vor dem windigen Portal
sehn wir nicht an, das Bild ist schal
und doch im steten Trotz der Wiederkehr
der Spiegel: wie verkalkt sind wir und leer!

. . .  Da stürzt ein Pferd, der Damm schluckt schwarzes Blut
Und niemand hat mehr einen Funken Mut,
dem Schmerzgeschmetter das Pistol zu ziehn.
Was hilft dies uns, daß wir vor Ekel fliehn?

Es stürzen Tausend diese Nacht noch hin,
die sich mit Faust und ausgetrotztem Kinn
ein Dasein zimmerten. Wofür noch sind
wir da? Wir fechten in den Wind.

Wir häufen einen Chimborasso von Papier,
nicht Waffen und sind immer noch nur vier,
nicht Millionen wider diese Zeit.
Der Strom der Not wächst bald zu breit.

Eh’ nicht ein Wall von Fleisch die Brücke baut –:
seid auf der Gasse laut,
auf allen Kanzeln zeigt das rote Tuch,
durch jede Gurgel müssen wir den Fluch

hindonnern: „alte Ordnung stirb !“
. . . . . . ich höre nur Gezirp.
Das Herz in unserem Tun gefror.
Mit krummen Hörnern stößt der Morgen vor.

Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart / Reclam, 1991, S. 86f (1. Aufl. 1966)

Der Dichter deichselt die Wahrheit

Ich bleibe noch einen Tag bei Handrij Zejler. Ein Gedicht des deutschen und sorbischen Dichters Kito Lorenc, der als Christoph Lorenz aufwuchs, bis er seine sorbische Herkunft entdeckte. Kito Lorenc war einer aus dem mächtigen Haufen der „sächsischen Dichterschule“. Hier huldigt er dem Vorfahren Seiler/Zejler.

Huldigung für den Fabeldichter Handrij Zejler

                             Ein Wagen ohne Deichsel, Rad
                             und ohne Beispiel ein Traktat,
                             sie seien noch so fabelhaft:
                             mit beiden hast du nichts geschafft.
                             Vorspruch zu den Fabeln, 1855

So fabulös war alles erdacht: Die Weisheit
muß man unter die Leute fahren, zu Markte
karren fuderweis, und damit es fährt, das
Fuhrwerk, braucht es als Beispiel das Rad.
Da rollt nun das Wägelchen immer gemächlich
im Trochäus oder auch munter im Daktylus
fein brav den Heideweg lang holterdipolter
Versfuß um Versfuß im Schritt hin über
Wurzel und Stock und Stein sechs Strophen
weit bis zum Ziel, wo dann beim Reimgewend
die Lehre, sprichwörtlich gebündelt, vom Wagen
kippt mit einem Ruck. Doch unterwegs, so
Verszeile drei, bricht, unter der Schwere
der Ladung, das Rad ab der Fuchs, will sagen
das Beispiel, und tippel tappel, ach laßt doch
den Wagen, es hinkt jetzt, das Bild also
der Fuchs, dies zum Beispiel, läuft Ähren
lesen ins Feld und alle Leser wie Mäuse
ihm nach — weg sind sie strophenlang. Item
der Wolf, da rennt er gleich Brennholz sammeln
im Wald, der Dachs macht sein Nickerchen
am Wegrand, der Hase spielt Geige, es schwätzt
der Hamster mit dem Bauer im Haustor, seinen
Kuhflatsch erblickt der Mistkäfer, zur Kirmes
ins Dorf eilt die Feldmaus, der Bär lädt
zum Schlachtfest, der Aberglaube hinwiederum
und was seine Braut ist, die Faulheit, die beiden
feiern Hochzeit elf Strophen durch, vor
sie sich ersäufen lassen in der Moral. Folglich
das Traktatwägelchen, jetzt brauchen wir's wieder,
kommt nicht vom Fleck, verstreut sind die Leser
in der Zeit, die Räder zu suchen, zum Beispiel
den Fuchs, der lief tippel tappel –
Und überall wartet der Dichter verschmitzt
schon mit seinem Wagen, auf dem Heideweg
in der Vergangenheit hinten oder vorn in der Zukunft
auf der Asphaltstraße‚ und deichselt die Wahrheit.

Aus: Poesiealbum 143: Kito Lorenc. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 18f

Sorbische Dichtung

Handrij Zejler 

(gesprochen wie Seiler, deutsche Namensform Andreas Seiler; * 1. Februar  1804  in Salzenforst bei Budissin / Bautzen; † 15. Oktober 1872, heute vor 150 Jahren in Lohsa, Oberlausitz) gilt als Vater der modernen sorbischen Dichtung.

Gedankensplitter

Gott, den Meister, will ich preisen,
daß nicht alle Vögel Meisen!

*

Was bist? Was kannst? So fragt man dich,
doch niemand wägt die Müh’ an sich.

*

Der Narr verrät sich unbedacht,
so er nicht spricht, dann, wenn er lacht.

*

Wo man hadert laut,
wenig wird gebaut.

*

Gute Happen vor ein Schwein man warf
— aus lauter Liebe, schloß es messerscharf.

*

Wer Krieg führt mit dem großen Leid,
der hat für Kleinkram keine Zeit.

*

Alles Gute kann sich selbst empfehlen,
ihren Klumpfuß nicht die Wut verhehlen.

*
Wie eine Schwalbe leicht, so fliegt es fort,
Vier Pferde zieh’n es nicht zurück: das Wort.

Deutsch von Kito Lorenc, aus: Kito Lorenc (Hrsg.): Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Peter Handke und einem Nachwort von Christian Prunitsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 113

Friedhof in Bachtschissaraj

Saul Tschernichowski 

(hebräisch שאול טשרניחובסקי; ukrainisch Саул (Шауль) Гутманович Черниховський, Saul Hutmanowitsch Tschernichowski; geboren am 20. August 1875 in Michailiwka im Süden der Ukraine; gestorben am 14. Oktober 1943 in Jerusalem)

Wem gehört der Dichter? Geboren in einem Ort im Süden der Ukraine, der zum Russischen Reich gehörte. Exiliert nach Deutschland und dann nach Palästina, damals britisches Mandatsgebiet, heute Israel. Sowohl russische als ukrainische Wikipedia nennen ihn einen jüdischen Dichter hebräischer Sprache. Ist er, als Jude, staatenlos? Sein Geburtsort ist seit 7 Monaten russisch besetzt und seit Anfang des Monats der Russischen Föderation angeschlossen.

Und wem gehört der Friedhof von Bachtschisaraj? Das ist eine tatarische Stadt, sie liegt auf der Krim, die 2014 auf dem gleichen Weg heim ins Reich geholt wurde wie jetzt die nur wenige Tage existierende „Volksrepublik Saporishshja“. Tschernichowskis Gedicht nennt „Grusier“ (die russische Bezeichnung für Georgier) und Deutsche. Ob die Tataren nicht genannt werden, weil sie auf einem eigenen islamischen Friedhof begraben wurden? Ich vermute es. Jedenfalls kommt auch Allah im Gedicht vor. Ich erwähne noch, dass der Türke (Osmane) Çelebi, der Russe Puschkin und der Pole Mickiewicz über die Stadt schrieben. Und nun der „Hebräer“ Tschernichowski.*

Der Friedhof neben dem Palast von Bachtschisaraj

Ein Gott des Gartens hat den Garten hier gepflanzt!
Hier erntet Azrael. Im Schatten weinen Eschen,
Zypressen, Weiden und das welke Laub der Pappel.
Und zwischen Halmen des Getreides auf den Pfaden —

ruhen dort ewig bei den blauen Herbstzeitlosen
die Töchter Grusiens, Germaniens und Töchter
der Inseln, braun vom Licht der Sonne, Handelsware
gleich wurden sie gepflückt nach Lust des dumpfen Herrn.

Wer weiß, ob nicht erst jetzt, posthum, aus fremdem Auge,
das selbst die Lettern in den Namen nicht erkennt,
die Träne fließt, nach der sich jene Töchter sehnten.

Denn Allahs Hand bestimmt: Wer nur gefangen wird
und wessen Antlitz rot wird unter dem Florett,
und wessen Angesicht verfluchte Schönheit küsst...

Odessa 8. April 1921

Deutsch von Jörg Schulte, aus Saul Tschernichowski: Dein Glanz nahm mir die Worte. Band I. Sonette, Idyllen, Gedichte. Aus dem Hebräischen von Jörg Schulte. Mit einem Vorwort von Aminadav Dykman. Berlin: Edition Rugerup, 2020, S. 92f

*) Jedenfalls sollten wir die versimpelnde, die Propagandaerzählung von den „ethnischen Russen“, die nichts sehnlicher wünschen als zurück zu Mütterchen Russland, mal als solche wahrnehmen.

Oh, du armes Ungarvolk

János Rimay

(Um 1573 — 9. Dezember 1631)

Gedicht, in dem er den Verderb
der ungarischen Nation beklagt

Oh, du armes Ungarvolk, entkräftet und verfallen,
Einst warst du durch Heldentum und Mut gerühmt von allen.
Weh, jetzt mahnst du an gestürzte Heldenbildgestalten,
Keiner deiner Wege blieb dir unversehrt erhalten.

Dein Geblüt, einst hoch gepriesen, wird nicht mehr geachtet,
Dein soviel begehrter Säbel wird billig verpachtet,
Deine alte Größe ist entadelt und zertreten,
Dort, wo du einst glücklich warst, wirst du nicht hingebeten.

Deine jungen Herrn, zur Hoffnung für die Welt erzogen —
Wie gerupfte Hähne sind sie auf den Mist geflogen.
Mästen nun mit ihrem Fett die Söhne fremder Schinder,
Die nicht besser zu dir sind als Satans wahre Kinder.

Alle festen Burgen deiner Grenzen sind zerfallen,
Und dein schönes Heer ist nun das schwächste Heer von allen.
Treu ist nur die Not geblieben, schläft in deinem Bette,
Deine weitgerühmten Speisen sind entblößt vom Fette.

Keiner hat für dich ein Mitleid, mußt dich selbst beklagen,
Der dir auf dem Rücken reitet, hat dich so geschlagen
Der aus deinem Reichtum soviel Schönheit schaffen könnte,
Macht aus deinen Schätzen seine feile Lebensrente.

Weder Geld noch Grund, noch Tuch, noch alle Alimente
Sind ein Lohn, der dich zu seinem Dienst verführen könnte.
Und du wunderst dich, daß dich nicht alle Stände plündern —
Alle hängt der große Dieb, die seine Beute mindern.

Vaterland, geliebtes Ungarn, meine lieben Schwäher,
Eure Liebe bringt im Winter mir den Frühling näher.
Klagt und weint und ruft mit mir, den Himmel zu erweichen —
Diese Verse nehmt als Botschaft und als Liebeszeichen.

Deutsch von Heinz Kahlau, aus: Ungarische Dichtung aus fünf Jahrhunderten. Hrsg. Stephan Hermlin und György Mihály Vajda. Berlin und Weimar: Aufbau, 1970, S. 21f

KIBEN KESEREG A MAGYAR NEMZETNEK ROMLÁSSÁN S FOGYÁSSÁN

Nóta: Legyen jó idő

Ó, szegény megromlott s elfogyott magyar nép, 
Vitézséggel nevelt hírrel vagy igen szép, 
Kár, hogy tartatol úgy, mint senyvedendő kép, 
Elémenetedre nincs egy utad is ép.

Kedvelt, böcsült véred lett csúfoltságossá, 
Szablyádnak bév zsoldja nagy olcsóságossá, 
Megcsorbult nemzeted változott korcsossá, 
Neved ékessége utálatságossá.

Föld reménségére felnevelt úrfiak 
Szemétre vettetnek úgy, mint köz tyúkfiak, 
Zsírokkal hízódnak az idegen fiak, 
Hozzád nem különbek, mint az ördögfiak.

Hazádnak szép vége mindenütt csonkán áll, 
Sereged szép száma fogy, romol s szállton száll, 
Ínséged nő s árad, veled egy ágyban hál, 
Bév étkeid helyett rakódik apró tál.

Ki szánhat? bánd magad nyomorúságidot, 
Mert nézi s nem érzi az csak romlásodot, 
Aki építhetné te szép országodot, 
Könnyen múlatja el csak zálaglásidot.

Sem pénz, jószág mostan, s méltó árú posztó 
Nem indít, hogy szolgálj, megszűkült az osztó, 
Csudáld, hogy minden rend nem kóborló s fosztó, 
Az nagy orv mert kicsint szörnyebb felakasztó.

Ó, kedves nemzetem, hazám, édes felem, 
Kivel szerelmetes mind tavaszom s telem, 
Keseregj, sírj, kiálts Istenedhez velem; 
Nálad, hogy szeretlek, legyen ez vers jelem.

Und das Gedicht das Gedicht

Stefan Döring

das gedicht das gedicht

das notizbuch bleibe das notizbuch
das telefon bleibe das telefon
die zigarette die zigarette
und das gedicht das gedicht

das wetter sei nicht wetterbericht
die strasse nicht strassenverkehr
das leben sei nicht lebenslauf
und der weg nicht strecke

gestürmt werde nicht der himmel
ausgelotet nicht die tiefe
zerstückelt nicht der tag
nicht durchleuchtet der schlaf

die sprache bleibe die sprache
die ferne bleibe die ferne 
die zeit die zeit
und das gedicht das gedicht

die welt sei nicht weltall
der schritt nicht fortschritt
die gelegenheit nicht käuflich
die billigung nicht wohlfeil

bewacht werde nicht die wachheit
beäugt nicht der augenblick
abgehört nicht das schweigen
nicht ruhiggestellt die stille

der mensch bleibe der mensch
die krankheit die krankheit
der tod der tod
und das gedicht das gedicht

Aus der neuesten Ausgabe der Berliner Zeitschrift Abwärts! („Zweite Stufe der Vorarbeit“), Nr. 45, August 2022

(BasisDruck Verlag, 40 Seiten, 7 Euro. Beiträge von Jörg-Michael Koerbl, El Loko, Astrid Beutel, Li Po, Adam Ważyk, Emily Dickinson, HEL Toussaint u.v.m..)

3. juni

Yan Jun

(严俊, geboren 1973, chinesischer Lyriker und Musiker)

3. juni

ich parke in meinem körper
wie eine elektrifizierte banane    wickle ich rost

ein verregneter tag
fremde heben ihr bier    oder ab und zu einen molotov-cocktail

wer noch nicht vorbeigekommen ist
hebt seinen kopf    überall auf der welt
wird irgendwann mozart gespielt

(2012, berlin)

Aus dem Chinesischen von Lea Schneider, in: poetica7. Festival für Weltliteratur. Sounding Archives. Poesie zwischen Experiment und Dokument. Tübingen: konkursbuch, 2022, S. 101

Mehr Texte hier http://u.osu.edu/mclc/online-series/yanjun/

Achtet wenigstens auf die Schönheit

Dante Alighieri 

(* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna)

ALLEGORIE

Mein Lied, ich glaube, daß es Wenige sind,
Die deinen Sinn genau verstehen werden,
So dunkel sprichst du und so mühevoll.
Wofern es etwa dir begegnen sollte,
Daß du vor solche Leute treten mußt,
Die stumpf für deinen Sinn erscheinen,
So bitt ich dich, mein liebliches Geschöpf,
Beruhige dich, indem du ihnen sagst:
So achtet wenigstens, wie schön ich bin!

Deutsch von Karl Voßler, aus: Lyrik der Welt. Dichtungen des Auslandes. Hrsg. Reinhard Jaspert. Berlin: Safari, 1960, S. 567

Sätze auf kauernden Stirnen oder Hinschauen statt Verstehen

Was heißt schon Verstehen? Mal vorausgesetzt, das Lesen geschieht freiwillig. Man kann entzückt verharren, achselzuckend weitergehn, wieder lesen, Indizien sammeln, sätze / Stelzen auf kauernden stirnen? Was haben wir da, eine Beziehungskiste, du so, ich so?

du in der Sonne deines badezimmers
du in der geöffneten tür
ich betrüge Gewohntes: trinke
Gewaschenes Haar

Wie wird es weitergehn? Gewohntes betrügen? Falsches trinken? Fliegen die Fetzen? Nein (noch nicht?), aber

blaupausen fliegen
Am Augenwinkel vorbei sätze
Stelzen auf kauernden stirnen

Wenn ich so weiter lese, wird das klarer?

Angesichts weißer wangen
                                          blätter
schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein

Flieg Haar von deinem haar
leiser als Spinnenfäden
nasses Haar rotes Haar
Eben noch bei dir

Der Text in den Kästchen (das ist beim Lesen im Handy nicht sichtbar, die Verszitate zwischen den Kommentaren) ist ein fast vollständiges Gedicht, es stammt von Judith Zander. Hier noch einmal komplett mit Überschrift und in der Originalschreibweise.

du in der Sonne deines badezimmers/(okt)oberlicht

du in der Sonne deines badezimmers
du in der geöffneten tür
ich betrüge Gewohntes: trinke
Gewaschenes Haar

blaupausen fliegen
Am Augenwinkel vorbei sätze
Stelzen auf kauernden stirnen
Angesichts weißer wangen
                                          blätter
schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein

Flieg Haar von deinem haar
leiser als Spinnenfäden
nasses Haar rotes Haar
Eben noch bei dir

Eben noch bei dir. Man könnte (da ist es aber nicht mehr freiwillig) Interpretationen schreiben lassen. Viele verschiedene sind denkbar, und das ist gut so. Dann bitte hier nicht weiterlesen (und nicht am Ende die schönen Interpretationen, die da entstehen könnten, korrigieren mit der „richtigen“ Bedeutung.

Ich schlage etwas anderes vor, Hinschauen statt Verstehen.

Die Sache mit der Beziehungskiste,

Eben noch bei dir

höchstens eine vage Ausgangshypothese sein lassen und wieder lesen (vielleicht fällt mir noch was auf? oder wenigstens ein?), beobachten und fragen statt antworten und interpretieren. Warum sind in fast jeder Zeile einzelne Wörter kursiv gedruckt? Warum wird die Sonne großgeschrieben, das Badezimmer aber klein,

du in der Sonne deines badezimmers

manchmal das gleiche Wort in der gleichen Zeile verschieden

Flieg Haar von deinem haar

Hier noch einmal das Gedicht, wobei alle kursiven Stellen zusätzlich unterstrichen sind zur besseren Sichtbarkeit.

du in der Sonne deines badezimmers/(okt)oberlicht

du in der Sonne deines badezimmers
du in der geöffneten tür
ich betrüge Gewohntes: trinke
Gewaschenes Haar

blaupausen fliegen
Am Augenwinkel vorbei sätze
Stelzen auf kauernden stirnen
Angesichts weißer wangen
                                          blätter
schweigt die wünscherei hand: sie ist noch klein

Flieg Haar von deinem haar
leiser als Spinnenfäden
nasses Haar rotes Haar
Eben noch bei dir

Spoilerwarnung: wer weiterliest, wird das Gedicht nie mehr unbefangen lesen können.

Weiterlesen

Und es gibt ein Lächeln des Lächelns

WILLIAM BLAKE
(1757—1827)

Blick und Lächeln

Es gibt ein Lächeln der Liebe,
Und es gibt ein Lächeln aus Trug,
Und es gibt ein Lächeln des Lächelns,
Drin trifft sich der zweifache Zug.

Und es gibt einen Blick aus Haß,
Und es gibt einen Blick aus Veracht,
Und es gibt einen Blick des Blicks,
Den nichts mehr vergessen macht.

Denn er steckt in dem tiefen Herz,
Und er steckt in dem tiefen Gebein.
Und kein Lächeln ward je gelächelt,
Als nur ein Lächeln allein.

Und es ist zwischen Wiege und Grab
Nur zu lächeln ein einzig Mal,
Doch ward es einmal gelächelt,
Hat's ein Ende mit aller Qual . . .

Deutsch von Alexander von Bernus, aus: Unsterbliches Saitenspiel. Die schönsten Gedichte der Weltliteratur. Ausgewählt von Johannes von Günther. Frankfurt/Main: Das Goldene Vlies (Ullstein Bücher 100), 1956, S. 77

[The Pickering Manuscript]

The Smile

There is a Smile of Love 
And there is a Smile of Deceit 
And there is a Smile of Smiles 
In which these two Smiles meet

And there is a Frown of Hate 
And there is a Frown of Disdain 
And there is a Frown of Frowns 
Which you strive to forget in vain 

For it sticks in the Hearts deep Core 
And it sticks in the deep Back bone 
And no Smile that ever was smild 
But only one Smile alone

That betwixt the Cradle & Grave 
It only once Smild can be 
But when it once is Smild 
Theres an end to all Misery

Tayari. Through. Durch

Jumoke Adeyanju

Tayari.
Tuko tayari.
Na wewe? 
Umejificha 
kwenye ndoto za 
kiume 
kimya 
unavaa kitenge cha 
askari aliyefariki
Through.
We are through. 
And you?
You hide 
in the dream of 
masculinity 
silently 
wearing the cloth of 
a dead soldier
Durch.
Wir sind durch. 
Und du?
Du versteckst dich 
im Traum von 
Männlichkeit 
still 
trägst du den Stoff 
eines toten Soldaten

Aus dem Englischen von Jumoke Adeyanju und Carla Cerda, in: Kontinentaldrift. Das Schwarze Europa. Hrsg. Fiston Mwanza Mujila. Heidelberg: Wunderhorn, 2021 (Wunderhorn | Haus für Poesie), S. 24f

Jumoke Adeyanju ist eine deutsche Autorin (denn sie wurde in Aachen geboren), aber auch eine englische, eine Swahili- und Yorubaautorin (denn in diesen Sprachen dichtet und performt sie). Die erste Fassung hier oben ist Swahili, weiß Google.

Hier ist nichts mehr zu zähmen

Horst Lange

(* 6. Oktober 1904 in Liegnitz; † 6. Juli 1971 in München)

Die Katzen

Der Wind drängt die zerbrochnen Türen
Ins leere Haus hinein,
Der Wind will meine Schritte führen,
Ich trete zögernd ein,
Die kalten Wirbel schweifen
Um Tisch und Stuhl und Spind
Und rühren Band und Schleifen,
Der Spiegel ist schon blind.

In fahler Runde hallen Schüsse,
Ich trag den Krieg mit mir,
Ich sä den Krieg, als fielen Nüsse
Auch in der Stille hier,
Im Stall die toten Fohlen
Warn ganz verrenkt und glatt,
Jetzt lausche ich verhohlen,
da raschelt nur ein Blatt.

Der Frost zerfraß die grünen Pflanzen,
Die in den Töpfen stehn,
Bald werden graue Flocken tanzen
Und durch die Fenster wehn,
Schon stäubt die Winterasche
Auf jedes bunte Bild
Aus des Oktobers Tasche,
Der ist nicht sanft und mild. 

Die Dämmrung füllt das trübe Zimmer,
Wie Sporen den Bovist,
Wo sonst am Ofen Feuerschimmer
Und lauliches Genist,
Da spinnt ein eisger Schatten
Nun Bank und SchemeI ein,
Ich fühl den Puls ermatten
und hör die Katzen schrein.

Die harte Krall in weichen Sohlen,
So glitten sie heran,
Lautlos, auf lockren Dielenbohlen,
Mit einem bösen Bann,
Ich lehne an dem Pfosten,
In Händen das Gewehr,
Die Katzen sind wie Posten
Und dulden mich nicht mehr.

Die Frauen aus den blassen Bildern,
Sie lächeln ihnen zu,
Der Bauer lacht, weil sie verwildern
In Bett und Häckseltruh,
Ich kann es nicht vernehmen,
Doch spür ich, wie es lacht,
Hier ist nichts mehr zu zähmen,
Ich gehe in die Nacht.

Für Alfred Kubin

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (1965), S. 328f

Zwei Strophen über eine

Der ukrainische Dichter Bohdan-Ihor Antonytsch wurde in Österreich-Ungarn geboren und starb in Polen. Heute liegt der Geburtsort in Polen und der Sterbeort in der Ukraine. In der Sowjetzeit war er verboten, seine Werkausgabe erschien 30 Jahre nach seinem frühen Tod in den USA. Erst in der unabhängigen Ukraine wurde er breiter rezipiert und gilt seither als wichtige Stimme der ukrainischen Moderne. Juri Andruchowytsch schreibt über ihn und die Übersetzung:

Und schliesslich Bohdan Ihor Antonytsch, dieser wundersame, kurzlebige Besucher aus einer anderen Welt, ein Geschöpf seiner eigenen poetischen Fantasie. Wie kann man den schon fast übergrossen Reichtum seiner Metaphern, mehrstufig wie kosmische Raketen, übertragen? Oder diese ständige filigrane Reibung zwischen Phonetik und Semiotik? Oder die völlig unerwarteten Explosionen seiner surrealistischen Wortschwalle? (…)

Aber Adrian Wanner hat das Unmögliche getan.

A.a.O. S. 15

Bohdan-Ihor Antonytsch

(ukrainisch Богдан-Ігор Антонич; * 5. Oktober 1909 in Nowica, Uście Gorlickie, Galizien; † 6. Juli 1937 in Lwiw, Zweite Polnische Republik)

Über eine Strophe

Vier parallele Linien auf der Herzenskarte 
erschaffen ein Quadrat der Freude und der Pein, 
zur Seite ohne Namen führen vier Gerade 
und trennen Sinnesreiz und Freiheit wie ein Keil.

Egal, ob scharfe Spitzen meine Seele quälen, 
der Mond, der Dunst in kurzen Nächten — sie sind mein. 
Und wird der Kern auch eingehüllt von Wörterschalen 
ich lege stumme Lippen in den Strophen-Schrein.

Deutsch von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Hrsg. Adrian Wanner. Gedichte ukrainisch-deutsch mit einem Vorwort von Juri Andruchowytsch. Zürich: Pano, 2008, S. 99

Про строфу

Чотири рівнобіжники на малі серця, 
чотирикутник радости та болю, 
чотири припрямки до боку, що не зветься, 
що входить клином - між чуття та волю.

Дарма, дарма, що гостре вістря душу ятрить, 
серп і серпанок нам на ніч коротку.
Хоч знаю, що лушпиння сдів закриє ядра, 
вкладаю тихість уст - в строфи коробку.

Englische Transkription von Google:

Pro strofu 

Chotyry rivnobizhnyky na mali sertsya, 
chotyrykutnyk radosty ta bolyu, 
chotyry prypryamky do boku, shcho ne zvetʹsya, 
shcho vkhodytʹ klynom - mizh chuttya ta volyu. 

Darma, darma, shcho hostre vistrya dushu yatrytʹ, 
serp i serpanok nam na nich korotku. 
Khoch znayu, shcho lushpynnya sdiv zakryye yadra, 
vkladayu tykhistʹ ust - v strofy korobku.

Unbehagen Sehnsucht

Sophie Reyer

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel

Mit freundlicher Genehmigung. Zuletzt erschienen:

  • CoronaEin Chor. Edition Melos, 2020
  • BioMachtMonsterWeiber, Passagen Verlag, 2021
  • 1431, Roman, Czernin Verlag, Wien 2021
  • Hoffnung auf Schmetterlinge. Gedichte. Sisyphus Verlag, Klagenfurt 2021
  • Gartentage, Edition Keiper, Graz 2022

Website von Sophie Reyer

Doch ich lebe

Zum Feiertag und zur Erinnerung an Eva Maria Hagen ein Lied von Wolf Biermann

Ich leb mein Leben, sagt Eva Marie

1
Als ich saß in meiner Mutter
dunklem Bauch
Sprang sie mit mir Treppen runter
schluckte auch
Rattengift, den Sud von Kippen
presste sich
In den Leib die elend lange
Wurzel. Ich
Kreischte, und mich hörte keiner
Zittrig mit der Fahrradspeiche
Hat sie nach mir rumgestochert
- immer rein! ins Dunkle Weiche

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

2
Aus dem Dorf in Polen hab'n wir
weggekonnt
Mutter schleppte mich im Schneematsch
durch die Front
Westwärts in den Osten ging's nach
Neuruppin
Russen nahmen alles, haben
alles hin
Schweiß und Fusel für die Weiber
Für uns Kinder Speck und Brote
Manche Weiber machten's gerne
Manche wehrten sich zu Tode

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

3
Vor dem Brandenburger Tor war
ein Gekreisch
Panzer machten da aus Menschen
Menschenfleisch
ach, was wussten schon die roten
Fahnen groß
Von dem Rot in meinem Hemde!
Ich war bloß
Jung und gierig nach dem Leben
Als die Panzerketter kreischten
Als sie meinen allerschönsten
Tag im Juni mir zerfleischten

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

4
Ja, ich war ein hübsches Ding und
wusste das
Und das Bonzenleben machte
auch mal Spaß
Wenn ich mit den Schweinen auch im
Bette lag
War ich darum lange noch kein
Schwein. ich frag
Frag mich bloß: wo kommt das her
Dass das Korn fault, eh' es reift
Dass das Leben fast vorbei ist
Eh' man was begreift

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

5
Doch als ich das Maul aufriss, gleich
war fini!
Spitzel - Ratten - Walkie-Talkie -
Hysterie
Und mein Mund ward zugenäht mit
Stacheldraht
Nix vonwegen Arbeiter- und
Bauernstaat!
Und so wurd ich abgetrieben
Meine Landesväter schmissen
Mich und andern Menschenabfall
Ihren Feinden vor die Füße

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

6
Schön ist Hamburg auch im Regen
und ich mag
Nicht zurück woher ich kam, nicht
einen Tag
Langsam seh ich durch und sehe
was hier läuft:
Dass man Kätzchen, die zuviel sind
auch ersäuft
Gute Leute gibt es drüben
- hier hab ich sie auch gefunden.
Und ansonsten: Nirgendwo
Mangelt es an Schweinehunden

    Doch ich lebe noch, ich lebe
    Und so war das eben
    – is nich traurig, is ja Wahrheit –
    Und ich leb mein Leben

Text aus: Wolf Biermann: Alle Lieder. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991, S. 345ff