Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)
Maschinelle Texterkennung und Rekonstruktion


Texterkennung nach der Ausgabe: C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte. Breßlau 1704 (urn:nbn:de:gbv:3:1-210933-p0573-7)
SAuf Den Sinfall Der Stirden zu Elifaberly, Sonet. StartemRrachen brach Der?Bau DeszEr,tert ein / Die 9 feiler gaben nach / Die 2alcfen muften biegen / Die Zügel wolten fich nicht mebt zufammen fügen : Es trennte Ralc oon RalcE/ und riß fich Gtein von Ctein/ Der Mauren Dole racht / Der füffen Srgeln Echein/ Die hieß ein 2ugenblicf in einen Rlumpen liegen : Und was igund aus 2ngft mein bleicher Drund berefc)wiegen/ Duft abaethan/ zerfprengt/ und gant vertilget fern. S menich! Dißift ein Slucy/ Dernach Dem Simmet Schmeckt/ Det Die(er Sy aus getilrt/ und Dein Semuth erwectt. Es (pricht Der Seven S GOR9R: Du folt mich beffer ebien; Die Ginde Fommt von Dit/Das Gel eitern Fommtoon Und in Dein Sherse Gtein/ und Dein Semithetobt, Go müffen Dich itund Die toDten Steine lebren.
Auf den Einfall der Kirchen
zu St. Elisabeth.
Sonnet.
MJt starckem Krachen brach der Bau des HErren ein /
Die Pfeiler gaben nach / die Balcken musten biegen /
Die Zügel wolten sich nicht mehr zusammen fügen:
Es trennte Kalck von Kalck und riß sich Stein von Stein /
Der Mauern hohe Pracht / der süssen Orgeln Schein /
Die hieß ein Augenblick in einem Klumpen liegen :
Und was itzund aus Angst mein bleicher Mund verschwiegen /
Must abgethan / zersprengt / und gantz vertilget seyn.
O Mensch ! diß ist ein Fluch / der nach dem Himmel schmeckt /
Der dieses Haus gerührt / und dein Gemüth erweckt.
Es spricht der Herren HERR : Du solst mich besser ehren ;
Die Sünde kommt von dir / das Scheitern kommt von GOTT.
Und ist dein Herze Stein / und dein Gemüthe todt /
So müssen dich itzund die toten Steine lehren.
Zügel: Ziegel
Johann Wolfgang Goethe
An Belinden.
Warum ziehst du mich unwiderstehlich,
Ach! in iene Pracht?
War ich guter Junge nicht so seelig
In der öden Nacht!
Heimlich in mein Zimmerchen verschloßen,
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umfloßen –
Und ich dämmert ein.
Träumte da von vollen goldnen Stunden,
Ungemischter Lust!
Ahndungsvoll hatt’ ich dein Bild empfunden
Tief in meiner Brust.
Bin ich’s noch, den du bey so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
Reizender ist mir des Frühlingsblüthe
Nun nicht auf der Flur;
Wo du Engel bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur.
Text nach dem Erstdruck in der Zeitschrift von J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 240f
Umberto Saba
(* 9. März 1883 in Triest, Österreich-Ungarn; † 25. August 1957 in Gorizia, Italien)
LIBRERIA ANTIQUARIA Morti chiedono a un morto libri morti. Illusione non ho che mi conforti in questo caro al buon Carletto nero antro sofferto. Un tempo al mio pensiero parve un rifugio, e agli orrori del tempo. Ma quel tempo è passato oggi, e la vita con lui, che amavo. E di sentirmi inerme escluso piango come tu piangevi quando eri ancora un bambino e perdevi tra la folla la madre tua al mercato. BUCHANTIQUARIAT Tote fragen einen Toten nach Büchern von Toten. Illusionen habe ich keine, die mich trösten in dieser dunklen Höhle, die Carletto so sehr liebt. Einst schien sie meinem Denken Zuflucht, auch vor den Schrecken meiner Zeit. Die Zeit ist nun vergangen und mit ihr das Leben, das ich liebte. Wehrlos fühl ich mich und ausgeschlossen und weine, wie du weintest, als du noch ein Kind warst und du in der Menge deine Mutter auf dem Markt verlorst.
Deutsch von Gerhard Kofler, aus: Umberto Saba, Canzoniere. Gedichte italienisch/ deutsch. Übersetzt von Gerhard Kofler, Christa Pock und Peter Rosei. Nachwort von Peter Rosei. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 200f
Agostinho Neto war ein angolanischer Arzt, Dichter und Politiker. Die Portugiesen steckten ihn ins Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit seines Landes war er von 1975 bis 1979 erster Staatspräsident. Er starb in Moskau, wurde von sowjetischen Fachleuten einbalsamiert und (in Angola) in ein Mausoleum verbracht wie Lenin in Moskau. Zu seinem gestrigen 100. Geburtstag ein Gedicht aus einem Buch, das 1977 in der DDR erschien.
Agostinho Neto
(* 17. September 1922 in Catete, Kreis Ícolo e Bengo, Angola; † 10. September 1979 in Moskau)
Jenseits der Dichtung Dort am Horizont das Feuer und die schwarzen Silhouetten der Affenbrotbaume mit hochgereckten Armen In der Luft der grüne Geruch der verbrannten Palmen Afrikanische Poesie Auf der Landstraße die Reihe der Bailundo-Lastträger stöhnend unter der Last der Maniokkleie Im Zimmer das Mulattenmädchen mit zärtlichen Augen retuschierend ihr Gesicht mit Rouge und mit Reispuder Die Frau unter üppigen Tüchern schwingt ihre Hüften Im Bett der schlaflose Mann denkt daran Gabeln und Messer zu kaufen um zu essen am Tisch Am Himmel der Widerschein des Feuers und die Silhouette der schwarzen Batuque tanzenden Männer mit hochgereckten Armen In der Luft die heiße Melodie der Marimbas Afrikanische Poesie Und auf der Landstraße die Lastträger im Zimmer das Mulattenmädchen im Bett der schlaflose Mann Die Glut verzehrt verzehrt die Horizonte der heißen Erde in Feuer.
Bailundo : Stamm (Red).
Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Agostinho Neto: Gedichte. Leipzig: Reclam, 1977, S. 30
Günter Kunert
(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)
Aktfoto In den schwarzen Schattenspalten verröchelt das Licht. Fruchtlosigkeit birgt sich hinterm Kalk blitzgeknipster Haut. Die Technik kennt keine Scham und betont Zoologisches: Lippen, schnappend, lastendes Gehänge, Kugelhaftes, tiefgekerbt, teils gebeugt und teils gestreckt. Die Technik kennt nichts von dir als Abbilder, die dich nicht zeigen.
Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 12f
Heiner Müller
(* 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen; † 30. Dezember 1995 in Berlin )
Altes Gedicht Nachts beim Schwimmen über den See der Augenblick Der dich in Frage stellt Es gibt keinen anderen mehr Endlich die Wahrheit Daß du nur ein Zitat bist Aus einem Buch das du nicht geschrieben hast Dagegen kannst du lange anschreiben auf dein Ausbleichendes Farbband Der Text schlägt durch
Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 38. Dort ausführlich über die lange Entstehungsgeschichte des Gedichts zwischen Anfang der 50er und Ende der 80er Jahre. Die frühen Fassungen waren viel länger. Eine spätere Fassung (vermutlich 70er Jahre) ist überschrieben: AUFFINDUNG EINES ALTENS GEDICHTS NACH ZWANZIG JAHREN.
Wassyl Stus
(ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Oblast Perm)
Zwischen Welt und Seele ist eine Mauer gewachsen. Spiele Verstecken, damit dich niemand erkennt im Dickicht der toten Erinnerungen, der erstarrten Gedanken und der Eisschollen der Gefühle. Die Erfrierungen der Seele brennen, und Unwille dämpft den Wunsch, einen Ausweg zu suchen in der stetigen Angst, daß die Welt dich sehen und mit ihrem tödlichen Gewicht erdrücken könnte. Der Wind bläst die Seelen aus den Leibern, knickt Bäume um und läßt die Gräser sinken, schafft bunte Leere, die sich in der Blüte erschöpft. Siechtum überall! Viele Schicksale verloren! Viele sind noch verschont, die der Tod sich auf die hohe Kante legt. Siechtum überall! Zwischen Welt und Seele ist eine Mauer gewachsen.
Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Versensporn 51. Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 19. Schon äußerlich sieht man den Unterschied zum darunterstehenden Original, das, soweit ich sehen kann, aus 18 reimlosen, ungefähr gleichlangen, rhythmisch organisierten Versen besteht. Die deutsche Fassung erstreckt sich auf 28 auf 5 Strophen eingeteilte Zeilen. Die erste Zeile, die am Schluß identisch wiederkehrt, ist im deutschen Text auf zwei Verse aufgeteilt. Unten die Biografie des ukrainischen Autors und Dissidenten, der vom sowjetischen Repressionsapparat ausgelöscht wurde.

Biografische Notiz aus dem Heft
Geboren am 6. Januar 1938 in Rachniwka. Von 1954 bis 1959 Student am Pädagogischen Institut von Stalino, anschließend Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur, Militärdienst. Ab Ende März 1963 literarischer Redakteur der Zeitung Socjalisticeskij Donbass. Ab November Aspirantur am Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften in Kyjiw. Wegen Protests gegen die Inhaftierung ukrainischer Intellektueller wird er im September 1965 zwangsexmatrikuliert. 1965 vergeblicher Versuch, seinen ersten Gedichtband Kruhowert (Wirbel) zu veröffentlichen; auch die zweite Gedichtsammlung Symowi derewa (Winterbäume) wird abgelehnt, erscheint aber 1970 in Brüssel. Protest gegen das Wiedererstarken des Personenkults, die Politik der Russifizierung, die Beschränkung der Meinungsfreiheit. Am 12. Januar 1972 Verhaftung; Anklage wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“, Verurteilung zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung; in verschiedenen Arbeitslagern von Mordowien. Am 11. Januar 1977 Verschickung nach Matrosowo (Magadan), den Ort seiner Verbannung. 1978 Aufnahme in den PEN-Klub. Im August 1979 Rückkehr nach Kyjiw. Anschluss an die Ukrainische Helsinki-Gruppe. Im Mai 1980 erneute Verhaftung; Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung. Internierung in Kutschino (Perm 36). Am 28. August 1985 wird er wegen „Verletzung der Kleiderordnung“ mit Isolationshaft bestraft und protestiert dagegen mit einem Hungerstreik. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1985 stirbt Wassyl Stus in seiner Zelle, vermeintlich an Herzversagen.
http://www.poesieschmecktgut.de/versenspornstart.htm
Zwei Ergänzungen aus Wikipedia
„Während seiner Studien- und Armeezeit begann er zu schreiben und entdeckte Dichter wie Goethe oder Rilke für sich; er soll mehrere hundert Gedichte der beiden deutschen Dichter ins Ukrainische übertragen haben, sie sind durch Beschlagnahmung verschollen.“
„Er wurde auf dem Lagerfriedhof beerdigt; seiner Familie wurde eine Bestattung in der Heimat mit der Begründung verweigert, seine Haftzeit sei noch nicht abgelaufen.“
Hugo Ball
(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)
Der Schizophrene Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen Bin ich – wie nennt ihr’s doch? – ein Schizophrene. Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene, Um euren eigenen Anblick zu vergessen. Ich aber werde eure Worte pressen In des Sonettes dunkle Kantilene. Es haben meine ätzenden Arsene Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen. Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer Behüten euch mit einer sichern Mauer Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne. Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer. Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne. (1923/24)
Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1963, S. 37
George Oppen
(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien)
A note to Pound in heaven: Only one mistake, Ezra: You should have talked to women
Eine Notiz an Pound im Himmel: Nur ein Fehler, Ezra: Du hättest mit Frauen reden sollen
Aus Mary Oppens Transkriptionen einiger später Aufzeichnungen ihres Mannes, Faksimile und Text in: Schwarzvers. George Oppens Dichtung der Negativität. Zusammengestellt von Rachel Blau DuPlessis. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Lawrence S. Dembo, Rachel Blau DuPlessis, George Oppen und Stefan Ripplinger. Schreibheft 99 (August 2022), S. 104
Im Alter von beinahe 100 Jahren starb die Schriftstellerin Eva Zeller, geb. Feldhaus, verh. Dirks (* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).
Frauen bei Kriegsende Wie haben wir schlafen können als wir vor Hunger nicht schlafen konnten weil Brot sich in Steine verwandelt Wie haben wir atmen können als Feuer und Schwefel wir waren Zeugen vom Himmel geregnet wir haben gesehen Eine jede von uns Lots Weib – aber Lot war vermißt – das sich umdreht da unter dem Schuttberg da das verkohlte Salzsäulentempel wir senkrecht auf dem Geschleiften zu bemeißelnde Grabsteine lagen zuhauf gehungert geatmet gesehen
Aus: Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 56, gefunden bei http://www.lyrikschadchen.de/html/zeller.html
Salomon Geßner
(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)
Mein Herr.
Ich fühl ein Vergnügen nur halb, wann sie es nicht mitgeniessen; werden sie hier nicht ein Lied mit Vergnügen lesen, das ich vorgestern in einem Band von uralten, ohne sonderliche Wahl zusammen geschriebenen Geschichten und Liedern gefunden? Es schildert die Empfindungen, die vor etwa 400 Jahren ein junger Schweitzer gefühlt, da er sein Mädgen, oder seine Buhlschaft im Harnisch sahe. Sie müssen wissen, daß die Mädgen jener Zeiten, wann sich ein Feind an ihre Mauern wagte, Scherz und Spiel verliessen, sich mit Helm und Harnisch bedeckten, und bewafnet an der Männer Seite fochten. Bedenken sie doch, wie schön diß muß gelassen haben, wann ein Heer von Mädgen unter blankem Harnisch den kleinen Fuß Glieder-weis durch die Stadt fortsetzte; wär ich Feind gewesen, ich hätte allemahl mein Leben gewagt, ein Paar von diesen Heldinnen zu meinen Kriegs-Gefangenen zu machen, oder ich hätte mich willig als ihr Gefangener hingegeben. Doch hier ist das Lied:
1. Wie seh ich, seh ich nicht mein Kind! Was blendt mein zweifelnd Aug? Ein zitterndes ein helles Licht, Blitzt von dem blanken Helm. 2. Ein weiß und rother Feder-Busch Fliegt rauschend in der Luft, Dein braunes Haar fließt aus dem Helm; Und flieget mit dem Busch. 3. Ein Harnsch deckt deinen weissen Leib, Und deine zarte Brust, O böser Harnsch, jetzt seh ich nicht, Wie sie sanft schmachtend steigt. 4. Doch froh! ich seh dein rundes Knie, Den wohlgemachten Fuß, Den sonst dem Aug ein langes Kleid Bis auf die Erd entzog. 5. Dem Engel der das Paradies Vor dem bewachet hat, Dem gleichest du mein schönstes Kind In dieser blanken Tracht. 6. Er drohte nur dem bösen Feind, Und lacht dem Frommen zu. Dein blaues Aug droht unserm Feind, Und mir mir lacht es froh. 7. Des frechen Feindes scharffer Pfeil Zisch neben dir vorbey, Dich treffe nur der sanfte Pfeil Vom kleinen Liebes-Gott.
Ich hab es in unsre Sprach übersetzt, weil sie der Alten nicht mächtig sind; gefällt es ihnen nicht recht wohl, so geben sie der Ubersetzung Schuld.
Wie leben sie mit ihrem Mädgen? In wenig Tagen werd ich sie besuchen: Ihr braunes Aug soll mich dann wieder schalkhaft anlachen, wann ich ihr noch einmahl sage, daß ein Kuß von ihr mich ganze Tage froh macht. Leben sie wohl!
Quelle:
Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 148-152.
Permalink:
Anne Carson
(* 21. Juni 1950 in Toronto)
Appendix 33 (a) über Metapher und Metonymie
Da die Frage aufgekommen ist, hier der Unterschied: Aufgefordert, auf das Wort Hütte zu reagieren, antworten einige Kinder aus einer Gruppe mit ein Häuschen, andere mit ist abgebrannt.
Appendix 33 (b) über Metapher und Metonymie
Jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, erhellt die Unterscheidung zwischen ein Häuschen und ist abgebrannt nichts über Metapher und Metonymie. Dafür enthüllt sie einiges über das Abenteuer des Denkens und seine Fragilität. An dem Tag, als ich beschloss, das mit der Metapher und der Metonymie ein für allemal kapieren zu wollen, ging ich in die Bibliothek, besorgte mir einen Stapel Bücher, las aus jedem einige Passagen und machte mir wild Notizen auf Papierschnipsel, um am folgenden Tag zu Hause meine Aufzeichnungen zu sortieren. Am folgenden Tag fand ich unter meinen mittlerweile zerfledderten und unverständlichen Notizen dieses mich seither verfolgende Urbild eines Häuschens, das vielleicht abgebrannt war, vielleicht auch nicht. Und obwohl ich mich an den Zusammenhang nicht mehr erinnern konnte, die Quelle zu notieren vergessen hatte und nicht begriff, was es für den Unterschied von Metapher und Metonymie bedeutete, rief mir das Häuschen zu, es nicht aufzugeben. Es bleibt ein sehr gutes Beispiel, nur wissen wir nicht wofür.
Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson, Albertine. 59 Liebesübungen + Appendices. Berlin: Matthes & Seitz, 2017, S. 39f.
Mark Strand
(Geboren am 11. April 1934 in Summerside, Prince Edward Island, Kanada, gestorben am 29. November 2014 in Brooklyn, New York)
Die Vorhersagung
In dieser Nacht trieb der Mond über den Teich,
verwandelte das Wasser in Milch, und unter
den Zweigen der Bäume, der blauen Bäume,
ging eine junge Frau, und für einen Augenblick
kam die Zukunft zu ihr:
Regen fällt auf ihres Mannes Grab, Regen fällt
auf die Rasenstücke ihrer Kinder, ihr eigener Mund
füllt sich mit kalter Luft, Fremde ziehen in ihr Haus,
ein Mann in ihrem Zimmer schreibt ein Gedicht, der Mond treibt
dort hinein,
eine Frau schlendert unter seinen Bäumen, denkt an den Tod,
denkt an den Mann, der an sie denkt, und der Wind kommt auf
und nimmt den Mond und läßt das Papier schwarz zurück.
Deutsch von Rainer G. Schmidt, aus: Mark Strand, Dunkler Hafen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997, S. 42
Jan Skácel
(* 7. Februar 1922 in Vnorovy; † 7. November 1989 in Brünn)
WER ZU EINER GEIGE PASST Hab keine Angst vor nichts hab Angst und wär’s auch noch so kraß denn immer findet sich ein Mensch der gut zu einer Geige paßt In dieser Welt gibt’s schöne Zeiten auch üble Zeiten gibt es zur Genüge zu guter Letzt finden wir alle Platz im Grab genauso wie in einer Geige Geige kleine Geige mit zwei Saiten wie wir sie als Kinder kannten mit Wiesensteg mit Schlüsselblume und ganz leicht angestoßen an den Kanten
Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: Jan Skácel, Ein Wind mit Namen Jaromír und andere Gedichte. Deutsch von Felix Philipp Ingold. Salzburg und Wien: Residenz, 1991 (2. Aufl.), S. 16
Serhij Zhadan
(ukrainisch Сергій Вікторович Жадан, englisch Serhiy Zhadan, wissenschaftl. Transliteration Serhij Viktorovyč Žadan, * 23. August 1974 in Starobilsk, Oblast Luhansk)
Wenn der Mond größer wird, wenn der Mond größer wird, geht die Frau durch den Garten, sieht nach den Blumen. Hinter ihr das Haus. Still und leer. Still am Tag. Still gegen Abend. Keine Kinderstimmen. Kein Gesang. Wenn der Mond größer wird, wenn der Mond größer wird, müssen die Fehler auf den Blumenbeeten korrigiert, muss das Gras erzogen werden. Keiner sagt dem Mond was, keiner sagt dem Mond was. Wenn er groß ist, wird er alles verstehen.
Deutsch von Claudia Dathe, aus: Serhij Zhadan: Antenne. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 94
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