189. Doppelleben

In der Hamburger Freien Akademie der Künste gibt es bis 21.3. die Ausstellung „Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ mit viel Material – auch in einem zweibändigen Katalog und online, zB:

  • „Aber lachen konnte ich immer …“ Adolf Endler im Gespräch   >>lesen
  • Die Moderne rauschhaft aufgesaugt“ Jürgen Becker im Gespräch   >>lesen
  • Kaum vorstellbares „Ausmaß an reaktionärem Muff“ Gerhard Rühm im Gespräch   >>lesen

188. Sehnsucht Oper

Es gibt eigentlich keine größere Sehnsucht für einen Dichter als jene, dass die Sätze, dass die Sprache zu singen beginnt, dass die ihr eingeschriebene Musik und Rhythmik über Sinnlichkeit Sinn stiftet. Lyrik kommt ja von der Lyra. Die Oper macht den Sprach- zum Klangraum, sie ist Welttheater, weil sie immer den Weltentwurf im Auge und den Horizont auf den Stimmbändern hat. Für mich hat Oper immer auch etwas von Fitzcarraldo, diesem Wunsch, das Unerhörte hörbar zu machen und dafür Schiffe über Berge zu ziehen, kein Opfer zu scheuen, bis endlich eine Oper im Dschungel steht. / Albert Ostermaier im Gespräch mit der „Welt

187. Gedichte von Gert Jonke

Jetzt präsentiert der Salzburger Verlag Jung und Jung Gert Jonke als Lyriker: „Alle Gedichte“, so der Titel, von Jonke hat der Klagenfurter Germanist Klaus Amann in einem Band versammelt. / Ö1 Inforadio

186. schmetterlingssäge.doc

Den mit 46 Gedichten weitaus größten Abschnitt seines Debütbandes hat Andre Rudolph „schmetterlingssäge.doc“ überschrieben. … Es werden aber weder Tag- oder Nachtpfauenaugen zerschnibbelt, noch ergeht sich Rudolph in schweißgetriebenem lyrischem Holzrauchproduzieren. Es sind Gedichte nach dem Ausgebranntsein der Sprache, der Welt. / Elmar Krekeler, Die Welt

fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit.
Von Andre Rudolph. luxbooks, Wiesbaden. 104 S., 18,50 Euro.

185. Babi Jar

SZ sprach mit dem Bassisten Yorck Felix Speer, „Enkel von Hitlers Lieblingsarchitekten und zwischenzeitlichem Rüstungsminister Albert Speer“, und mit dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg, dessen Großvater im Widerstand gegen Hitler hingerichtet wurde. Beide haben zusammen Schostakowitschs 13. Symphonie „Babi Jar“ nach Gedichten von Jewgenij Jewtuschenko interpretiert. Auszug (SZ 19.2.):

Am 29. und 30. September 1941 massakrierte die SS mit Unterstützung der deutschen Wehrmacht mehrere zehntausend Juden in der Schlucht namens „Babi Jar“ am Rande von Kiew. Darüber schrieb Jewgeni Jewtuschenko ein Gedicht, das Dmitrij Schostakowitsch neben vier weiteren Gedichten des Autors 1962 in seiner 13. Symphonie „Babi Jar“ vertonte. …

SZ: Aber worauf zielt denn Schostakowitsch, gerade wenn man die vier anderen Gedichte Jewtuschenkos betrachtet?

Guttenberg: Jedenfalls zielt er nicht auf die Deutschen, das ist das Große daran. Er greift den Antisemitismus grundsätzlich an. Und, da sind wir wieder bei unserer überwältigenden Aufführungssituation, gleichzeitig kann ich nicht vergessen, wer Felix ist, wenn er es mir schon sagt.

184. Liebesgedichte und Videolesung

Über die Leser anspruchsvoller Lyrik in Deutschland kursieren ohnehin nur Dunkelziffern.

Thomas Kling vermutete einmal, es könne sich höchstens um dreihundert handeln, während Hans Magnus Enzensberger ihre Zahl auf immerhin 1354 schätzte – aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Die Auflage der meisten Lyriktitel liegt bei 250 bis siebenhundert Exemplaren; Anthologien schaffen etwas mehr. …

Doch jetzt erscheint ein Liebesgedichtband, der das Zeug zum Volksbuch hat – und verdient hätte, eins zu werden: „Offene Unruh“ von Michael Lentz. Es gehört nicht in die Bibliotheken, sondern in jede Jackentasche. Dabei ist der Band eine Provokation, eine Anmaßung, ganz wie das Gefühl, um das es geht. Vor allem aber ist er ein eingelöstes Versprechen, ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft seines fünfundvierzigjährigen Autors. Die Liebe lässt sich nicht beherrschen, die Sprache der Liebe schon: Das macht „Offene Unruh“ zu einem Werk, das diese Frühjahrssaison weit überdauern wird. …

Von heute an bis zum Erscheinen von „Offene Unruh“ am 11. März im S. Fischer Verlag präsentieren wir täglich eine neue Gedicht-Performance von Michael Lentz.

/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 26.2.

183. Schlüsselroman

Ein früher Schlüsselroman der Beat-Generation konnte jetzt, nachdem alle Beteiligten tot sind, erscheinen: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, geschrieben 1945 von William S. Burroughs und Jack Kerouac. / FR 8.2.

Mehr: FAZ 19.2.

182. Alles gleichzeitig

Peter und Thomas Brasch starben im Juni und November 2001. „Die Männer der Familie Brasch waren nicht sehr kräftig“, sagt Katja Lange-Müller, „aber sie wollten in geradezu rasendem Aktionismus immer alles gleichzeitig machen.“ / FR 15.2.

181. Westerwelle und Goethe

Westerwelle, Goethe und andere schicken die deutsche Sprache in die Welt. Was soll daran schlecht sein? Die etwas angestrengte Form der Sprachwerbung vermochte Zweifel nicht zu zerstreuen. Schöner ist es, wenn die deutsche Sprache unerwartet ins Spiel kommt.

– Zur Erklärung reiche ich 3 Sätze aus dem FR-Artikel nach:

Guido Westerwelle war am Donnerstag der Eröffnungsredner einer Berliner Veranstaltung des Auswärtigen Amtes und diverser Mittlerorganisationen, bei der eine gemeinsame Kampagne für die deutsche Sprache vorgestellt wurde. Hässliche Worte wie Leistungsgerechtigkeit oder anstrengungsloser Wohlstand fielen nicht.

Und zur Versöhnung:

Der heiterste und wohl auch intelligenteste Vortrag stammte von der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada.

180. Geendlert, geerbt

Ob der wunderbare Titel „Vokalise geht einkaufen“ oder das Wort „höricht“ auf Oskar Pastior hinweisen, bleibt ungewiss, auch die „flughunde“ sind wohl eher metaphorische Fledermäuse als eine Hommage für Marcel Beyers gleichnamigen Roman*. Das autobiografischste Gedicht „wer anderen ein ei ins nest färbt“ ist Volker Braun gewidmet und beschreibt die Herkunft der 1958 in Gotha geborenen Schriftstellerin als einen „eher eng zu nennenden ort / in einer eher eng zu nennenden landschaft, die, von bergen umstellt, / am thüringer becken hing. mein nest war mir sicher, / nie hatte ich furcht, der vorrat wollte nicht reichen, und dass mir / die kleider schnell platzten aus den volkseigenen nähten, / war meine wie meiner mutter und großmutter absicht.“

Von den nicht passenden Kleidungsstücken sagt die Autorin, dass sie sie „manchmal erbte und färbte in kirsch oder braun“ und dass sie sie „endlerte und auftrug bis zum abmickeln“. Ja, so kommen die Dichter ins Nest. Farben sind sie und Tätigkeitswörter, Verbformen, wie wir sie von den entsprechenden Namensableitungen „gebennt“ und „gerilkt“ her schon länger kennen. Kathrin Schmidts Dichter-Verben sind aber neu, wie so vieles neu ist in diesem aufregenden Gedichtband. / HERBERT WIESNER, Die Welt 27.2.

Vgl. L&Poe 2010 Feb #155. Lust am Überfluss

*) Aber mit Verlaub, daß eine belesene Autorin die Wörter Vokalisen und Höricht verwendet und nicht an Pastior denkt, sollte man wohl ausschließen! – Das „wir“ in „wie wir sie schon länger kennen“ könnte man auch mal untersuchen. Ich würde eher sagen, sie schreibt sich in das Verweisungsnetz der  Sächsischen „Gruppe“, wie es hin und her ging. (Nicht anders übrigens als die, Gruppe oder nicht, Rudolph und Winkler und Falb und Popp und und und)

179. Werner Karma, Gebrauchstexter

Alles Rot heißt die neue Platte von Silly. Sie erscheint in drei Wochen. 14 Jahre nach dem Tod der Sängerin Tamara Danz hat sich die Band neu erfunden. Tamaras Männer, Uwe Hassbecker, Ritchie Barton und Jäcki Reznicek, wagen mit einer anderen Frau, mit Schauspielerin Anna Loos, ein zweites Debüt. Alle Texte auf dem neuen Album stammen von Werner Karma, so wie früher, als er Mont Klamott, Bataillon d’Amour oder So ’ne kleine Frau schrieb. Lieder, für die man die Band verehrte.

Werner Karma, geboren 1952 in Berlin, gehörte zu den wichtigsten Textern im Osten, er arbeitete für City, Veronika Fischer, Dirk Zöllner, Dirk Michaelis und schrieb alle Texte für Pension Volkmann. Gebrauchstexter nennt er sich, Dichter sei nicht das richtige Wort. Seine Reime brauchen einen Auftrag, sie brauchen Musik. / Marika Bent, Märkische Allgemeine 27.2.

Karmas Website: www.rockpoet.de. Das Silly-Album „Alles Rot“ erscheint am 19. März.

178. Irrtum

„Frau Auffermann irrt“, ruft Sascha Anderson in einem Essay zur Hegemann-Debatte:

Die Aussagen der Literaturkritik à la Verena Auffermann sind von einem grundsätzlichen Nicht-Wissen um die Probleme des sogenannten schöpferischen Prozesses geprägt: 1. Die Erfahrung des Schreibenden schließt das Wissen um das Nicht-Erfahrene ein. 2. Wer das Nicht-Erfahrene nur als Lücke begreift und die »Wissenslücken« mit mehr oder weniger kopierter Information zu schließen versucht, muss scheitern. 3. Wer beim Schreiben scheitert und es nicht merkt, liefert einen gescheiterten Text ab. 4. Heutzutage werden Verlagsverträge ja nicht für einen fertig abgelieferten, vielleicht noch zu lektorierenden Text aufgesetzt, sondern für Konzepte, Treatments, Stichproben, Ansätze, erste und zweite Kapitel; und dann muss alles sehr schnell gehen. Es bleibt keine Zeit, einen Text (wie sich selbst) ruhen zu lassen, das Verhältnis von Ich und Produkt zu reflektieren. 5. Es ist kein Sakrileg, das Material anderer zu verwenden. Dies gehört grundsätzlich zur Kunst. Auf einem anderen Blatt steht, die Illusion als Illusion kenntlich zu machen. / Sascha Anderson, ND 27.2.

177. Mawlîd-Gedichte

Der Begriff „Mawlîd“ bedeutet Geburt, Geburtsort und –zeit. Literarisch bezeichnet der Begriff hauptsächlich Werke, die sich mit der Geburt des Propheten Muhammad (saw), seinem Leben, Verhalten, Aussehen, seinen Wundern bis hin zu seinem Tod beschäftigen. Viele dieser Werke wurden mit der Absicht verschriftlicht, diese auf Feiern anlässlich der Geburt des Propheten Muhammad (saw) gemeinsam lesen zu können. …

In Mawlîd-Gedichten werden oft Themen bezüglich der Geburt des Propheten, sein Aufstieg in das Himmelreich (Mirâdsch) und sein Tod behandelt. Diese religiösen Schriften sind in einer einfachen Sprache abgefasst und an den einfachen Menschen gerichtet. In der türkischen Kultur tragen Mawlî-Gedichte eine besondere Bedeutung. Außer den in arabischer Sprache verfassten Mawlîd-Gedichten wurden auch Schriften in persischer, albanischer, kurdischer, bosnischer, tscherkesischer, und tartarischer Sprache, sowie auf Urdu und Swahili verfasst. …

Auf die Mawlîdsche Textgattung wurde in der türkischen Literatur besonders viel Wert gelegt. Der hauptsächliche Grund dafür liegt an dem ersten türkischen Mawlîd-Text „Vesîletü’n-Necât“ um 1409 von Süleyman Çelebi, der besonders beliebt war und gleichzeitig zur Ursache seiner Befreiung wurde. Das Mawlîd-Gedicht des Süleyman Çelebi ist in einer ausdrücklich einfachen und eindrucksvollen Sprache geschrieben. Dies führte dazu, dass daraufhin auch viele andere Mawlîd-Texte geschrieben wurden, allerdings schaffte es keiner Çelebi das Wasser zu reichen. In der türkischen Literatur sind mehr als 200 Mawlîd-Gedichte und ähnliche Texte zu finden. / Islamische Gemeinschaft Milli Görüș

176. Frauen-Farben

Vom 1. bis 6.3. findet in der Hauptstadt Benins, Cotonou, der 4. Internationale Salon der frankophonen Dichter in Benin (SIPOEF) statt. Er steht unter dem Motto „Frauen-Farben“ (Couleurs Femmes). / Afrique en ligne

175. Richtig

Schneider blätterte sich durch den Fußballteil und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und ertappte sich, wie er einen Satz von Tobias Lehmkuhl, der einen Satz von Theodor W. Adorno drehte und wendete, aufmerksam las: Adorno hatte in der ursprünglichen Fassung von »Minima Moralia« nicht »Es gibt kein richtiges Leben im falschen« geschrieben, sondern »Es lässt sich privat nicht mehr richtig leben.« Lehmkuhl schreibt: »Adorno setzte also um der Wirkung willen ›richtig‹ an Stelle von ›privat‹, an der Sache aber ändert es nicht grundsätzlich etwas. Im Gegenteil, man kann aus heutiger Perspektive sogar sagen, dass Mittelmeiers Fund (des Originalzitats) den Satz nur noch näher an den Refrain von der Unmöglichkeit des Gedichts nach Auschwitz rückt. Nach Auschwitz ist eben auch die behagliche Sesselruhe dahin, in der ein Gedicht, das Auschwitz nicht eingedenk wäre, entstehen könnte.« / Max Dax, spex.de