Nach dem Langen, Schweren mal wieder etwas Kurzes, Leichtes. Obwohl die Manieristen auch nicht immer kurz und leicht sind. Dies ist es aber schon und hat es trotzdem in sich (auch abgesehen von der unkorrekten Metapher).
Giambattista Marino
(* 14. Oktober 1569 in Neapel; † 25. März 1625 ebenda)
Das Wunderbare Des Dichters Ziel ist das Wunderbare. (Ich meine das der Meister, nicht der Krüppel); Wer nicht verblüffen kann, soll sich striegeln lassen.
Diese Zeilen veröffentlichte Gustav René Hocke im Gedichtanhang seiner Studie „Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst“ (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 1959), den er als „Miniatur-Anthologie“ europäischer „concetti“ (Hocke übersetzt: lyrische Sinnfiguren) versteht. Hier der Originaltext.
È del poeta il fin la meraviglia (parlo de l’eccellente e non del goffo): chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Eigentlich ist es kein Gedicht, sondern ein aus einem Gedicht herausgegriffenes concetto. Das gesamte Gedicht (auch nicht lang) steht deutsch in einem Buch bei Reinecke & Voß, das sich bei mir gerade versteckt, ggf. reiche ich es nach. Hier das Original.
IL POETA E LA MERAVIGLIA
Vuo’ dar una mentita per la gola
a qualunque uomo ardisca d’affermare
che il Murtola non sa ben poetare,
e c’ha bisogno di tornare a scuola.
E mi viene una stizza mariola,
quando sento ch’alcun lo vuol biasmare;
perché nessuno fa meravigliare,
come fa egli, in ogni sua parola.
È del poeta il fin la meraviglia
(parlo de l’eccellente e non del goffo):
chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Io mai non leggo il Cavolo e ’l Carcioffo,
che non inarchi per stupor le ciglia,
com’esser possa un uom tanto gaglioffo.
Lesetipp
Episteln und Pistolen : eine barocke Dichterfehde / Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola. Ausgew. und erstmals aus dem Ital. übertr. von Jürgen Buchmann. Leipzig : Reinecke & Voß, 2013
Friedrich Hölderlin
Gesang des Deutschen
Vis consilí expers mole ruit sua;
Vim temperatam di quoque provehunt
in maius.
Horat.*
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!
Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe! daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.
Du Land des hohen ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
Oft zürnt' ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele läugnest.
Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;
Oft stand ich überschauend das holde Grün,
Den weiten Garten hoch in deinen
Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.
An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,
Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall
Auf schwanker Weide sang, und still auf
Dämmerndem Grunde die Welle weilte.
Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
Die Wissenschaft, wo deine Sonne
Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.
Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
Noch lebt, noch waltet der Athener
Seele, die sinnende, still bei Menschen,
Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
Die Heldenasche pflügt, und scheu der
Vogel der Nacht auf der Säule trauert.
O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,
Und eilten sie, die dich belebt, die
Flammen entbunden zum Aether über?
Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
Von unsern Jünglingen, der nicht ein
Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?
Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.
Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,
Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,
Wo Weise, wie die unsre sind? die
Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!
Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!
Du lezte und du erste aller
Musen, Urania, sei gegrüßt mir!
Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
Das einzig, wie du selber, das aus
Liebe geboren und gut, wie du, sei –
Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –
Doch wie erräth der Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?
Aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, Band 5: Oden II. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 245ff
* )
Kraft ohne Einsicht stürzt durch die eigne Wucht,
Kraft, die maßvoll bleibt, führen die Götter selbst
noch höher; [sie hassen Kräfte,
die jeden Frevel im Sinne bewegen.]
Deutsch von Bernhard Kytzler, aus: Horaz: Sämtliche Werke Lateinisch/ Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 143
Peter Rühmkorf
Variation auf «Gesang des Deutschen» von Friedrich Hölderlin Wie der Phönix aus den Scherben, oh Vaterland, Edelstahl platzt in den Nähten, Fette erholt, Farben bei lebhaftem Angebot Aufgalopp, Kursgewinn‚ Hanomag, hundertprozentige Rheinstahltochter . . . also erhobest du dich, verlorengegebener gräulich geviertelter Aar, doch bald auf der Höhe schon deines alten Gewichts, und, ei, den Tauben gleich an Kropf und Krallen! Du Land, chromblinzelnd, wo man die Meinung verzieht bei stillem Anteil, bin ich der deine schon? Sieh, auch ich bin fix in der Lüge, freundlich blinket mein Damaszenergebiß. Wenn ich mich auf meine Feinde besinne, morgens, wenn mir der rote Kamm unterm Hut schwillt . . . leicht von den Knöcheln gebrochen, wächst ihr schon neuer Vorrat, der morchelhäuptigen Hyder. Wer wollte da? an welchem Fels? wozu? mit was? dem Adler trotzen, dem längst überfütterten? der von des Himmels Kaltschale nippt, dein nicht zu achten und Helden-Unschlitt. Oh Freund, vor kein Schafott bestellt, in Frieden, wer bläst sich da auf und wie ohne Zweifel?! Zück deine Hauer, alteingesessen, da bleibet ein abgestochener Brei auf der Walstatt. Kennst du Minervens Kinder? Was kümmert sie des Wüsten Donnerers, des sie nicht achten, Gebell? Schickt, schickt ihn nur ins Glück, da wird keiner über die eigenen Zähne straucheln. Das geht in Größe glatt, das ist wie über Nacht ins Licht gefordert und vor die Sterne geschleift, jeder zu allem aufgerufen, man teilet dir vom Schmer des Säkels und heißt dich verdauen. Nimm nun dein Pfund auf dich und wuchere, ehe der schlechtere Mann das Licht absahnt — unter die Gauner erhoben, sollst du deinen Hintern zum Fluge lüften. Gegrüßt in deinem Glanze, mein Vaterland! Mit neuen Namen lockst du, mit Blust und Bluff, wenn das entbundene Fett als Flamme mächtig über die eigenen Ufer lodert. Noch schwillst du an von unterdrücktem Krieg, sinnest ein neu Gebild, das von dir zeuge, das, einzig wie du selbst, das aus Stroh geschaffen, goldene Körner treibt. Wo sind nun Dichter, die ein neu Gemythe auftuen diesem blauen Schlaraffenblick? Tausendgut — Güldenfett — Rosenschleck — Eselein deck dich, Deutschland, käufliche Mutter. Also: aus voller Brust geklampft, aus vollem Magen — das Lied, aus überfließendem Munde gespendet; Schmierig währt am längsten, wer wollte da mürisch gegen die Seligen vorgehn?! Die in der Sonnenlache, die im Gewinnbereich ihren Jubel aus eigener Tasche bestreiten; und – die Hand an der Börse — schwört es Sein gestrichen Maß Glück und Persönlichkeit. Gebt also, gebt ihn endlich, gebt den Himmel frei, und scheltet nicht, nein, besser preiset ihn, den wohlgelenken, den Mann, der nach Sintflut und -feuer wieder den Wanst in die Waage hievte. Der was die ALTEN sungen, der Dichter spann, wirklich erfährt, das prästabilierte Behagen: Nun: Blüten angelandet! nun: Sternenstreusel! und mit dem Sänger geteilt auf Kippe und Schweigen. Auf Kippe und Gedeih, daß nie und keiner die Kreise jemals störe, Wanderer, kommst du nach Deutschland, sage du habest uns hier unterliegen sehen, wie es der Vorteil empfahl.
Aus: Peter Rühmkorf, Gedichte (Werke 1). Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 233ff
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen
Aus: Ernst Jandl, werke 2 (werke in 6 bänden). München: Luchterhand, 2016, S. 108
Gastón Salvatore
(* 29. September 1941 in Valparaíso; † 11. Dezember 2015 in Venedig)
Ich habe deine Spuren gesucht auf dem zerknüllten Bettuch. Ein Geruch von Kälte ist immer unter den Träumen begraben. Noch verdeckt dein Körper den Spiegel über dem Waschbecken. Vielleicht finde ich dich nur deswegen nicht. Aber ich verkenne das Gewicht des Regens und das Gewicht des Hemdes und die Nummer des Güterwagens und die Natur der Abmachung. An meinen Schuhen sehe ich etwas Blutiges. Dann weiß ich ein Tag hat angefangen.
Aus: Roehler, Klaus (Hg.): Liebesgedichte. Eine Luchterhand-Anthologie (Sammlung Luchterhand 500). Frankfurt/Main: Luchterhand, 1987, S. 71
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947, heute vor 75 Jahren, in Schönberg im Taunus)
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest, Sein Geliebtes fest in den Fängen, Aber Gehaßtes gibt es auch, Das er niemals entläßt Bis zum letzten Hauch, was immer die Jahre verhängen. Es gibt Namen, die beflecken Die Lippen, die sie nennen, Die Erde mag sie nicht decken, Die Flamme mag sie nicht brennen. Der Engel, gesandt, den Verbrecher Mit der Gnade von Gott zu betauen, Wendet sich ab voll Grauen Und wird zum zischenden Rächer. Und hätte Gott selbst so viel Huld, zu waschen die blutrote Schuld, Bis der Schandfleck verblaßte, – Mein Herz wird hassen, was es haßte, Mein Herz hält fest seine Beute, Daß keiner dran künstle und deute, Daß kein Lügner schminke das Böse, Verfluchtes vom Fluche löse.
Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Hans Bender u. Wolfgang Weyrauch. Bd. I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 378
Marie Šťastná
xxx Bedenke jede Landschaft beginnt und endet auf deinem Unterarm Eine feine furchige Geheimsprache unter der Haut Abdruck des Waldes der Straße des Gedächtnisses Aber was wenn man von dir etwas weiß etwas so Unglaubliches dass selbst du nur Andeutungen kennst die Brailleschrift des Körpers an schwer erreichbaren Orten Denk daran Wer dir wann über den Rücken strich
xxx Pomysli každá krajina začíná a končí na tvém předloktí Pod kůží jemně vyrýhovaná tajná řeč otisk lesa ulice paměti Ale co když se o tobě něco ví něco tak neuvěřitelného že i ty jen tápeš v náznacích Braillovo písmo těla v těžko dostupných místech Vzpomínej Kdo tě kdy hladil po zádech
Aus: Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. [Gedichte]. Aus dem Tschechischen übersetzt von Julia Miesenböck. Zweisprachig. Leipzig: Hochroth, 2018 (Edition OstroVers 02)
Volha Hapeyeva
(* 1982 in Minsk)
●
bis ans ende
lesen den schnee:
tilgen alle fehler
bis der schnee schmilzt
durst stillt emanzipierter winter
an den feldrand rote vögel setzen:
so die erde lockernden knoten im hals
doch wie du auch schluckst
diese blauen lippen rette
ich nicht:
ich: nichts
als unsilbe vor der betonung
ein weiblicher hauptwortstamm auf „h“
weshalb will man mich beugen —
was darf ich ihnen zeigen?
diese bonbons — der plural immer hilft
und weil sich manche worte
nicht zusammen schreiben
geb ich mir den bindestrich
und trage unterm mantel
sträuße roter und gelber
weichheitszeichen
gegen deine härte
doch
bist du nicht die ausnahme
und ich nicht die regel
Deutsch von Uljana Wolf, aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martinas Jakobson und Uljana Wolf. Ottensheim: Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 54
●
вычытаць гэты сьнег
да канца
каб ніводнай памылкі не засталося
калі будзе ён паміраць
наталяючы смагу эмансыпацыйнай зімы
вынесьці на палі птушак чырвоных
каб дзяўблі яны глебу што камянём застрае ў горле
і глытай не глытай
сінія вусны да жыцьця не вярнуць мне
або ня вернуць,
я - нескладовая перад націскам
а дакладней – назоўнік жаночага роду з асновай на ”г”
і таму калі мяне праскланяць...
-дык Вы будзеце што-небудзь браць?
-..цукеркі...
множны лік мае свае перавагі
аднак ёсьць словы якія нельга пісаць разам
таму ў скрайніх выпадках я пішу сябе праз злучок
трымаючы пад паліто
букеты ружовых і жоўтых
мяккіх знакаў
каб паслабіць тваю цьвёрдасьць
але
ты не выключэньне
а я ня правіла
© Логвінаў
Aus: Няголены ранак
Мінск: Логвінаў, 2008
Originaltext bei Lyrikline (dort kann man es auch anhören, von der Autorin gelesen)
Donna Stonecipher
(Geboren 1969 in Seattle, lebt in Berlin)
Aus: MUSTERSTADT. Gedichte
1 Es war
Als wäre es der sozialistische Traum eines Kulturpalasts, wo alles an Kultur Platz findet in einem Marmorgebäude mitten in der Stadt, wie in einem großen Marmoraktenschrank, in dem man die Kultur zu den Akten legen kann.
Als griffe man die Idee dieses Palastes wieder auf und vererbte sie an Leute, die kommen und zu Königen und Königinnen werden im Aktenschrank-Königreich der Kultur.
Als beträte man den Kulturpalast und spazierte durch endlose gelbe Marmorgänge, die zu Räumen führen, Hörsälen, Kulturbühnen — und fühlte sich selbst, als neugierige Touristenkönigin, zu den Akten gelegt.
Als schriebe man im Traum Gedichte, gesäumt von endlosen gelben Marmorgängen, hin und wieder unterbrochen von den Kristallorgasmen der Lüster, als hätte man das Verlangen im Stil sozialistischen Barocks zu schreiben.
Deutsch von Lars-Arvid Brischke, aus dem soeben erschienenen Heft 6/2022 der Zeitschrift Sinn und Form (S. 782). Das Original erschien 2015: Model City, Shearsman Books.
Konstantin Ames
s Wegeverhalten Trampeln auf deiner, meiner Gesundheit herum. Nennen s Spaziergang. Als ob Deutschreicher Österländer das könnten! Sind für die Theorie zu infantil, verkörpern lieber Ellenbogen, Oden, Essays. Verscherbeln s letzte Rilkesilber, tanzen Raben an, Kumpels im Kunstpelz belobigen ihre Organe, rücken ihre Zitrönchen zurecht; man sieht die Wunder kaum vor lauter Hörnchen. Ging das letzte Impflicht auf, würde dieser prosaische Handkäs hier ein kunstvoll Lied von Walle Sayer.
Aus: Konstantin Ames, Verständniserklärun g 2 Kapitel. Gedichte. Berlin: Noack & Block 2023 [sic / sic], S. 24
Tadeusz Borowski
(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)
Und dennoch, über verbissene Worte wie über einen gerodeten Pfad werd ich mich kämpfen, bis meine wahre Dichtkunst sich wiedergefunden hat. Als wär ich todkrank gewesen, muß neu ich die Welt beginnen, jede Gestalt neu erlernen, neue Wortgefüge ersinnen. Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg Agitpropverse auf den Plätzen herum! Ich werde ruhig und leise sprechen. Ich überlebte. Die Toten sind stumm. Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn, tief Atem holen mit der Brust eines Menschen, der lang wie mit einem Freund mit dem Tode zu leben gewußt.
Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 208
Der polnische Lyriker Tadeusz Borowski wurde heute vor 100 Jahren in Shitomir (Schytomyr) geboren, einer Stadt in der damaligen Sowjetunion und in der heutigen Ukraine mit einer polnischen Minderheit (1862: 3 katholische und mehrere griechische Kirchen). Aus der Biografie bei Wikipedia: „Seine Mutter Teofila, geborene Karpińska (1897–1993), und sein Vater Stanisław (1890–1966) stammten aus Bauernfamilien in der Ukraine. Sie heirateten 1917 in Shytomyr. Sie hatten zwei Söhne, Juliusz und Tadeusz. Stanisław arbeitete als Buchhalter in einer Genossenschaft für Imkerei und Gartenbau. 1926 kam er ins Gefängnis, weil er vor dem Ersten Weltkrieg ein Mitglied der POW, Polska Organizacja Wojskowa (Polnische Militärorganisation), gewesen war. Er wurde nach Karelien deportiert, wo er beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals mitarbeiten musste. Teofila, eine Schneiderin, wurde nach Sibirien deportiert, nach Igarka bei Jenisseisk. 1932 tauschten die Sowjets Stanislaw gegen in Polen inhaftierte Kommunisten aus. (…) Während des Zweiten Weltkriegs machte Tadeusz 1940 im deutsch besetzten Warschau an einem geheimen Untergrundgymnasium sein Abitur und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. (…) Im Jahr 1943 wurde Borowski verhaftet und ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Nachdem er sich als Zwangsarbeiter eine Lungenentzündung zugezogen hatte, arbeitete er als Sanitäter im Lagerkrankenhaus. Borowski wurde Zeuge, wie Neuankömmlinge aufgefordert wurden, ihre Sachen zurückzulassen, um daraufhin in die Gaskammern geschickt zu werden. Er wurde 1944 in das Konzentrationslager Dautmergen (ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof bei Balingen) bzw. später nach Dachau verlegt und dort am 1. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. (…) Am 1. Juli 1951, fünf Tage nach der Geburt seiner Tochter Małgorzata, unternahm er einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er am 3. Juli 1951 im Alter von 28 Jahren starb.“
Paul Colinet
(* 2. Mai 1898 in Arquennes, Seneffe, Belgien.; † 23. Dezember 1957 in Forest (Brüssel))
Dichtkunst
Der Vogel ist im Koffer, der Koffer im Ei, das Ei im Felsen, der Felsen im kleinen Finger, der kleine Finger im Mond, der Mond im Hahn des Gewehrs, der Hahn des Gewehrs im Passagierdampfer, der Passagierdampfer im Wald, der Wald in der Puderdose, die Puderdose im Ring, der Ring in der Fassung, die Fassung in der einsamen Insel, die einsame Insel im Löschblatt, das Löschblatt im leeren Kopf, der leere Kopf in der Nacht.
Deutsch von Brigitte Weidmann, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins; Museum Bochum, 2000, S. 247
Dai Schi-ping (Tai Shih-p’ing), 12. Jahrhundert
DORF NACH DEM KRIEG
Zwerg-Pfirsichbäume blühn verwaist
und Blumen herrenlos;
Von Raben dicht umlagert dampft
das feuchte, weite Moos.
Um alte Brunnen da und dort
nur Mauerreste stehn . . .
Hier ragten früher weit und breit
Gehöfte, reich und groß.
Aus dem Chinesischen von Zoltan Franyó, aus: Lyrik des Ostens: China. München: dtv, 1962 (Original Hanser 1952), S. 140
Olga Stehlíková
Is the new Alt ist das neue jung Single ist das neue verheiratet Vegan ist das neue vegetarisch Remoska ist die neue Mikrowelle Neomarxismus ist der neue Marxismus Mama ist die neue Oma Hipster ist der neue Dandy DIY ist das neue Heimwerken Schreiben ist das neue Lesen Xanax ist das neue Gras Midlifecrisis ist das neue Viagra Klug ist das neue sexy Letztlich ist das neue nichtsdestoweniger Ich ist das neue du
Is the new Staré je nové mladé Singles jsou noví manželé Veganství je nové vegetariánství Remoska je nová mikrovlnka Neomarxismus je nový marxismus Maminka je nová babička Hipster je nový dandy DIY je nové kutilství Psaní je nové čteni Neurol je nová tráva Krize středního věku je nová Viagra Chytré je nové sexy Koneckonců je nové nicméně Já je nové ty
Aus: Olga Stehlíková, Porträts, aus dem Tschechischen übersetzt von Lena Dorn. Leipzig: Hochroth, 2019 (OstroVers 04), S. 10f
John Milton
(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674 in Bunhill bei London)
An die Zeit Flieh neidsche Zeit, bis du dein Ziel erreichet, Beschleunige der Stunden schweren Gang, Des Eile nur dem Schritt des Senkbleis* gleichet, Es sättige dich was dein Rachen schlang, Das Eitle, Falsche, denn nur das wird dein, Nur Erdentand und Staub; So wenig ist dein Raub, Und der Verlust so klein. Wirst endlich alles Böse du begraben, Zuletzt die eigne Gier verzehret haben, Dann nahet Ewigkeit mit hohem Gruß Und bringt den unteilbaren Kuss; Und einer Flut gleich wird die Freude steigen, Wenn jedes wahrhaft Gute sich wird zeigen, Das Göttliche hell scheinen Und Wahrheit, Friede, Liebe sich vereinen Um dessen Thron zu schweben, Zu dem wir uns im Himmelsflug erheben, Ihn anzuschaun durch alle Ewigkeit, Tief unter uns die dunkle Erdenbahn, Ruhn ewig wir, in Sternen angetan, Erhaben über Zufall, Tod und dich, o Zeit.
Aus dem Englischen von Arthur Schopenhauer, aus: Lyrik des Abendlands. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Voßler ausgewählt von Georg Britting. München: Hanser, 1978, S. 277
* ) Vgl. Anmerkung zum englischen Text
On Time Fly, envious Time, till thou run out thy race, Call on the lazy leaden-stepping1 hours, Whose speed is but the heavy plummet's2 pace; And glut thyself with what thy womb3 devours, Which is no more then what is false and vain, And merely mortal dross; So little is our loss, So little is thy gain. For when as each thing bad thou hast entombed, And last of all, thy greedy self consumed, Then long Eternity shall greet our bliss With an individual4 kiss; And joy shall overtake us as a flood, When every thing that is sincerely5 good And perfectly divine, With Truth, and Peace, and Love shall ever shine About the supreme throne Of Him t'whose happy-making sight6 alone, When once our Heav'nly-guided soul shall climb, Then all this earthy grossness quit, 7 Attired8 with Stars, we shall for ever sit, Triumphing over Death, and Chance, and thee, O Time.
Aus: Milton’s Selected Poetry and Prose. Critical Edition. Ed. Jason P. Rosenblatt. New York, London: Norton, 2010, S. 21f
Worterklärungen aus dieser Ausgabe
Horst Samson
landregen die tür fällt ins schloss der Schlüssel steckt von außen und ich denke dass die tür ins schloss gefallen ist und der Schlüssel von außen steckt das zimmer ist klein es riecht nach Schimmel in den ecken spinnweben überall hat sich der staub breitgemacht und aus dem radio fehlt der lautsprecher vier schritte dann bin ich beim fenster es ist vernagelt die scheiben sind gesprungen ich fahre mit der hand über das holz und die färbe blättert ab der herbst denke ich vor dem fenster steht der armstuhl in dem großvater seine Zigaretten gedreht hat ich setze mich hin und sehe die sonne steigen und auch wieder verschwinden in der dämmerung geht mein mädchen vorüber in die finsternis mit offenem haar und glitzernden augen die dunkelheit kommt schneller die dunkelheit bleibt länger die letzte glühbirne in dieser gasse ist vorgestern ausgebrannt es ist schon spät noch zuckt kein blitz über den himmel plötzlich geht ein landregen nieder gleichmäßiges tropfen einschläfernd ich schlage die fensterscheiben ein und blute dann ist es wieder still ringsum es ist nicht aufzuhalten das schweigen
Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie. Hrsg. Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022. Ludwigsburg: POP, 2022, S. 146f
Diese Anthologie wurde 1980 in Rumänien abgelehnt und daraufhin als kartoniertes Typoskript vervielfältigt. 9 von den 10 in dieser Anthologie versammelten Lyriker reisten zwischen 1981 und 1992 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Horst Samson wurde 1954 in Salcimi in Rumänien geboren. 1987 emigrierte er und lebt heute bei Frankfurt am Main.
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