Nichts spricht gegen unreine Reime

Sibylla Vričić Hausmann

goldene Blumen (1)

Für nichts in der Welt gäbe Sappho ihr schönes Kind her. Nicht für ganz Lydien‚ nicht für Lesbos, die Insel. Seine Gestalt gleicht goldenen Blumen. Wer könnte es wagen, ihre Gedichte in die Waagschale zu werfen, nur um herauszufinden, was ihr wichtiger ist? Ich nicht. Niemand würde das tun, niemand würde denken, dass ein Mensch, der Gedichte macht, nicht lieben darf, nicht haben darf, was sie oder er liebt. Außer vielleicht Hölderlin. Oder Rilke. Oder … lntransitive Liebe ist eine Illusion wie Hygiene. Grenzen werden überschritten, befahren, bebetet, auch die Grenzen zum Rückzug, zum Eigenen Zimmer, in dem etwas aufgeht bei geschlossener Tür. (Innere Quellen, Buchdeckel, Hosenknöpfe, Rockknöpfe …) Bezuglos zu sein, das stünde mir als Menschenartiger nicht gut zu Gesicht. Doch nichts spricht dagegen, danach zu streben, die eigene Gesellschaft zu verfeinern. Nichts spricht gegen unreine Reime und schöne Kinder, die gewaschen werden müssen. In sich kräuselnden Schichten einer Landschaft zwischen Schlaf und Nichtschlaf, fiction und nonfiction wachsen meine Kreise an. Wachsen um ein Kissen, das ich einmal erhielt, zu träumen und hineinzuweinen. Das Ersatzobjekt — es genügt nicht.

Aus: Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust. Gedichte. Berlin: Kookbooks, 2022, S. 27

Natur

Joseph Roth 

(* 2. September 1894 in Brody, Ostgalizien, heute Ukraine; † 27. Mai 1939 in Paris)

Natur

Hinter den Häusern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn, beginnt 
Gottes freie Natur, die den Menschen gehört.
Parzelliert und in Grundbüchern eingetragen sind
die Quellen, die Äcker, die Wälder, der Wind,
die Tannen, die Eichen, die Buchen, die Linden,
die Hasen, die Hirsche, der Lerchenschlag,
der Mond in den Nächten, die Sonne am Achtstundentag
und die Vögel, die, von Sorgen angeblich unbeschwert,
die segensreiche Ordnung dieser Welt verkünden — —
Leibeigene Eichkätzchen springen auf Eichen,
als wären sie unabhängig vom Kapital — —
und wissen nicht, daß unterdessen Förster ohne Zahl
auf hinterlistigen Pfaden zum Schießen schleichen — —
Nur die Schriftsteller wandern umher und werden Wunder gewahr
und schreiben Gedichte, Skizzen und Romane,
sie leben in ihrem göttlichen Wahne
und sterben vom menschlichen Honorar.

Aus: 50 Gedichte der Neuen Sachlichkeit. Hrsg. Gabriele Sander. Stuttgart: Reclam, 2022, S. 65

Sünde, hrěch

hrěch ~a m Sünde; herbski ~ Erbsünde (HORNJOSERBSKO-
NĚMSKI SŁOWNIK, https://www.soblex.de/? )

Róža Domašcyna

Hab die synonyme gewechselt

das wort sünde weiblich besetzt flötet
wie wind so ich finde
die erste silbe mit gespitzten lippen
wie zum kuss sich nähernd nachschmeckend
genüsslich auskostend sogar süßlich anzüglich
und dann der schluss im munde verborgen

so zu sagen hrjech kommt männlich
ein kehllaut am ende klingt wie ich
nachdrücklich die silbe welche man sich
ins gesicht spuckt mit hartem zischlaut
letztlich einen schnaufer lassend wie
am anfang von kampfhandlungen einsilbig
befehl ausdruck erwünschter verheißung

Aus: Róža Domašcyna: stimmen aus der unterbühne. gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2020, S. 20

Nachruf & Gedicht

Tom de Toys, 26.11.2022 @ G&GN-INSTITUT (g-gn.de)

NA(c)HRUF auf HME

2005 traf ich Enzensberger zufällig eine halbe Stunde vor seiner Lesung an der Tür zum Konzertsaal auf dem 5.ilb (Internationales Literaturfestival Berlin), in dessen Rahmenprogramm ich selber involviert war, da ich als Mitglied der Literaturgruppe „INUNDAUSWÄNDIG“ [1] Türsprechanlagen-Lesungen in diversen Wohnungen am Ku’damm machte. Enzensberger wollte in den Saal, um sich auf seinen Auftritt vorzubereiten, aber ich versperrte ihm wie ein Türsteher den Weg und erklärte ihm mit ernster Miene: „Tut mir leid, hier ist noch kein Einlass!“ Er schaute mich völlig überrascht an, erkannte aber an meinem unterdrückten Grinsen die Lage und antwortete mir mit seinem eigenen Humor: „Doch, ich darf das, weil ich der lesende Autor bin.“ Als ich darauf erwiderte „Das kann ja jeder behaupten, der berühmte Enzensberger zu sein. Außerdem kommt hier sowieso keiner ohne Ticket rein“, zeigte er mir seinen Personalausweis und behauptete siegessicher: „Erstens bin ich es tatsächlich und außerdem brauche ich kein Ticket, weil ich es bin.“ Ich prüfte den Namen in seinem Ausweis ganz gründlich, Buchstabe für Buchstabe, verglich das Foto genau mit seinem Gesicht, schaute ihn noch einige Sekunden schweigend an, um ihm dann die erlösende Ansage zu machen: „Na gut, dann mache ich bei Ihnen mal eine Ausnahme. Bitte schön!“ Wir konnten nun unser Lachen nicht mehr zurückhalten und er spürte durch meinen Scherz umso mehr, wie sehr ich mich auf seine Lesung freute…

Tom de Toys, 25.11.2022 in memoriam
H. M. Enzensberger (11.11.1929-24.11.2022)
© POEMiE™ @ www.Neurogermanistik.de

SPIEGELNEUROTISCHE VER(T)EIDIGUNG
DER VER(G/L)ORENEN WÖRTERSCHLACHT

eigentlich sollte ich anläßlich des todes von
Hans Magnus Enzensberger ein gedicht ver-
fassen um die systemrelevanz dieses über-
literarischen verlustes für die kultur dieses
landes auszudrücken doch kann ich mir nicht
jedesmal auf die zunge beißen wenn irgend-
welche nobelbüchnerheinepreisträger mal
wieder den löffel abgeben und ohne besteck
in das soeben noch frisch gemähte gras beis-
zen wo unbemerkt blumen wachsen die jeden
tag unerkannt knospen blühen und welken
ohne vom schnitter verschont zu bleiben aber
ich will hier keine hermetischen metaphern
ins spiel bringen das sowieso schon verloren
ist weil die gesellschaft nur jene beachtet die
in der reality talkshow thematisiert werden
während die nachhaltigen helden erst post-
hum mit h für systemrelevante zwecke abge-
zockt werden indem man neue preise neue
schulen akademien und straßen nach ihnen
benennt um mit ihren werken den markt an-
zukurbeln der tod ist ein meister gegen die
insolvenz - nebenbei: hat hollywood sich die 
rechte am leben von HME schon gesichert?

[1] Aus der Pressemitteilung der Gruppe von 2004: INUNDAUSWÄNDIG verspricht ein Literaturerlebnis der ungewöhnlichen und eventuell gestörten Art. INUNDAUSWÄNDIG ist eine „gesichtslose“ Autorenlesung FÜR, aber nicht VOR Zuhörern. Sogenannte TürsprecherInnen [2] (ver)stecken (sich) in einer Wohnung und sprechen, flüstern oder schreien ihre 3-5 Minuten langen Texte über den Türlautsprecher nach draußen. Dem Publikum soll eine Art AUDITIVER VOYEURISMUS gegönnt werden, indem durch die Poesie Privates, Intimes, aber auch Alltägliches „von inwändig nach außwändig“ übertragen wird. INUNDAUSWÄNDIG wird durch das Medium zu einer Lesung mit Schutzfaktor und soll ganz besonders ein Podium für solche DichterInnen sein, die bisher noch nicht vor Publikum gelesen haben und sich ausprobieren möchten. So funktioniert es:

A) Klingeln Sie einfach bei INUNDAUSWÄNDIG;

B) Suchen Sie die Nähe zum Türlautsprecher;

C) Bewahren Sie unbedingt Ruhe;

D) Beginnen Sie erneut bei Punkt A, wenn Sie nicht genug kriegen können.

[2] TürsprecherInnen: Mia Frimmer, Martin Tomasik, Nathalie du Prel, Tom de Toys, HEL ToussainT, Ophelia Kampe, Marco Lutz, ibii und Alexander Hahn

Hans Magnus Enzensberger †

Im Alter von 93 Jahren starb vorgestern in München der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik und ein bedeutender Lyriker, Essayist, Herausgeber und Übersetzer.

Hans Magnus Enzensberger 

(* 11. November 1929 in Kaufbeuren; † 24. November 2022 in München)

wortbildungslehre

in den toten hemden
ruhn die blinden hunde
um die kranken kassen
gehn die wunden wäscher

und die waisen häuser
voll von irren wärtern
leihn den fremden heimen
ihre toten lieder

doch die kranken hunde
ziehn den irren wäschern
ihre waisen hemden
aus den toten kassen

vor den blinden liedern
fliehn die fremden wärter
aus den wunden heimen
in die toten häuser

alle wunden wäscher
in den kranken kassen
ruhn mit blinden hunden
in den toten hemden

in den toten kassen
in den toten häusern
in den toten heimen
in den toten liedern

ruhn die toten toten

Aus: Hans Magnus Enzensberger, Landessprache. Gedichte. Edition Suhrkamp 1969, S. 50f (das Buch erschien zuerst 1960).

Laure (1903-1938)

Colette Peignot 

(* 6. Oktober 1903 in Meudon; † 7. November 1938 in Saint-Germain-en-Laye)

Die französische Schriftstellerin veröffentlichte überwiegend unter dem Pseudonym Laure, unter dem auch die deutsche Ausgabe bei Matthes & Seitz erschien.

 
Aus dem gegenwärtigen und unsichtbaren Fenster 
sah ich alle meine Freunde,
wie sie mein Leben in Fetzen
unter sich aufteilten
sie nagten es bis auf die Knochen ab,
nicht willens, ein so schönes Stück zu verscherzen 
und machten sich das Gerippe streitig.

Aus: Laure (Colette Peignot): Schriften. Hrsg. und übersetzt von Bernd Mattheus. München: Matthes & Seitz, 1980, S. 45

De la fenêtre présent et invisible
je voyais tous mes amis
se partageant ma vie
en lambeaux
ils rongeaient jusqu’aux os
et ne voulant pas perdre un si beau morceau
se disputaient la carcasse

Introvers

Ruth Wolf-Rehfeldt

(Geboren am 8. Februar 1932 in Wurzen bei Leipzig)

Ruth Wolf-Rehfeldt: Introverse, um 1980, aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/ maschinen/ kunst//. Mit über 570 Abbildungen Aus dem Englischen von Claudia Kotte. München: Sieveking, 2015, S. 162.

Ruth Wolf-Rehfeldt war eine Pionierin der Mail Art und Schreibmaschinenkunst in der DDR. In diesem Jahr wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin geehrt.

Wie sich die Zeit verzweigt

Paul Celan

(geboren am 23. November 1920 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; gestorben vermutlich am 20. April 1970 in Paris)

Wie sich die Zeit verzweigt,
das weiß die Welt nicht mehr.
Wo sie den Sommer geigt,
vereist ein Meer.

Woraus die Herzen sind,
weiß die Vergessenheit.
In Truhe, Schrein und Spind
wächst wahr die Zeit.

Sie wirkt ein schönes Wort
von großer Kümmernis.
An dem und jenem Ort
ists dir gewiß.

Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 63 (Verstreute Publikation aus dem Zeitraum »Mohn und Gedächtnis«).

Das Gedicht entstand am 15. oder 16. Juni 1949 in Paris. In einem Brief an Erica Lillegg schrieb er: „Bei Notre-Dame fiel mir ein kleines Gedicht ein, seltsam, es ist gereimt. Nicht ich habe es gemacht, sondern Du – hier ist es.“ (Ebd. S. 704). Erstdruck: Wort und Wahrheit (1951)

Nie im Leben werd ich heimziehn

Endre Ady

(* 22. November 1877 in Érmindszent, Komitat Sathmar, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1919 in Budapest)

Pfeife alten Aberglaubens

Gesungen einst von einem Ungarn
auf der Flucht

Einsam dein Geschick bewein ich,
Ungarnvolk‚ Volk meines Blutes,
Mitten auf dem Bettlermarkte
Wein noch saufend bittern Mutes
Vor dem Aufbruch in die Fremde,
Wegbereit schon müden Fußes.

Ringsum tummeln sich nur lahme
Schatten, lumpige und taube,
Und ein Lied schrillt in das Ohr mir,
Pfeife alten Aberglaubens,
Liebes Volk, tanzt nach der Pfeife,
Ach, ich mach mich aus dem Staube.

Pfeifenklang: ach, Volk verfluchtes,
Laß es, Herr, nicht ungeschlagen,
Herrschaft kann es nicht erdulden
Und die Freiheit nicht ertragen,
Feige ist es in der Rache,
Gnadlos übt es seine Gnaden.

Lange könnt ihr nach mir rufen,
Keschrnarks Berg und Feld von Majtény,
Schneid mir einen Wanderstecken,
Nie wirst du mein Blut mehr einziehn,
Tollen Volkes tolle Erde: 
Nie im Leben werd ich heimziehn.

Deutsch von Günther Deicke, aus: Endre Ady, Der verirrte Reiter. Berlin: Volk und Welt, 1977, S. 61

Ady Endre

Sípja régi babonának 
(Bujdosó magyar énekli)

Csak magamban sírom sorsod,
Vérem népe, magyar népem,
Sátor-sarkon bort nyakalva
Koldus-vásár közepében,
Már menőben bús világgá,
Fáradt lábbal útrakészen.

Körös-körül kavarognak
Béna árnyak, rongyos árnyak,
Nótát sípol a fülembe
Sípja régi babonának,
Édes népem, szól a sípszó,
Sohse lesz jól, sohse látlak.

Szól a sípszó: átkozott nép,
Ne hagyja az Úr veretlen,
Uralkodást magán nem tűr
S szabadságra érdemetlen,
Ha bosszút áll, gyáva, lankadt
S ha kegyet ád, rossz, kegyetlen.

Üzenhettek már utánam
Kézsmárk hegye, Majtény síkja,
Határ-szélen botot vágok,
Vérem többé sohse issza
Veszett népem veszett földje:
Sohse nézek többet vissza.

Das Wunderbare

Nach dem Langen, Schweren mal wieder etwas Kurzes, Leichtes. Obwohl die Manieristen auch nicht immer kurz und leicht sind. Dies ist es aber schon und hat es trotzdem in sich (auch abgesehen von der unkorrekten Metapher).

Giambattista Marino 

(* 14. Oktober 1569 in Neapel; † 25. März 1625 ebenda)

Das Wunderbare

Des Dichters Ziel ist das Wunderbare.
(Ich meine das der Meister, nicht der Krüppel);
Wer nicht verblüffen kann, soll sich striegeln lassen.

Diese Zeilen veröffentlichte Gustav René Hocke im Gedichtanhang seiner Studie „Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst“ (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 1959), den er als „Miniatur-Anthologie“ europäischer „concetti“ (Hocke übersetzt: lyrische Sinnfiguren) versteht. Hier der Originaltext.

È del poeta il fin la meraviglia
(parlo de l’eccellente e non del goffo):
chi non sa far stupir, vada alla striglia! 

Eigentlich ist es kein Gedicht, sondern ein aus einem Gedicht herausgegriffenes concetto. Das gesamte Gedicht (auch nicht lang) steht deutsch in einem Buch bei Reinecke & Voß, das sich bei mir gerade versteckt, ggf. reiche ich es nach. Hier das Original.

IL POETA E LA MERAVIGLIA

     Vuo’ dar una mentita per la gola
a qualunque uomo ardisca d’affermare
che il Murtola non sa ben poetare,
e c’ha bisogno di tornare a scuola.
     E mi viene una stizza mariola,
quando sento ch’alcun lo vuol biasmare;
perché nessuno fa meravigliare,
come fa egli, in ogni sua parola.
     È del poeta il fin la meraviglia
(parlo de l’eccellente e non del goffo):
chi non sa far stupir, vada alla striglia!
     Io mai non leggo il Cavolo e ’l Carcioffo,
che non inarchi per stupor le ciglia,
com’esser possa un uom tanto gaglioffo.

Lesetipp

Episteln und Pistolen : eine barocke Dichterfehde / Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola. Ausgew. und erstmals aus dem Ital. übertr. von Jürgen Buchmann. Leipzig : Reinecke & Voß, 2013

Hölderlin & Rühmkorf

Friedrich Hölderlin

Gesang des Deutschen

     Vis consilí expers mole ruit sua;               
          Vim temperatam di quoque provehunt
                    in maius.
                                                            Horat.*
 
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
     Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',
          Und allverkannt, wenn schon aus deiner
               Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!
 
Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,
     Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie
          Dich, ungestalte Rebe! daß du
               Schwankend den Boden und wild umirrest.
 
Du Land des hohen ernsteren Genius!
     Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
          Oft zürnt' ich weinend, daß du immer
               Blöde die eigene Seele läugnest.
 
Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;
     Oft stand ich überschauend das holde Grün,
          Den weiten Garten hoch in deinen
               Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.
 
An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,
     Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall
          Auf schwanker Weide sang, und still auf
               Dämmerndem Grunde die Welle weilte.
 
Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
     Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
          Die Wissenschaft, wo deine Sonne
               Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.
 
Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
     Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
          Noch lebt, noch waltet der Athener
               Seele, die sinnende, still bei Menschen,
 
Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
     Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
          Die Heldenasche pflügt, und scheu der
               Vogel der Nacht auf der Säule trauert.
 
O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
     Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,
          Und eilten sie, die dich belebt, die
               Flammen entbunden zum Aether über?
 
Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
     Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
          Von unsern Jünglingen, der nicht ein
               Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?
 
Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
     Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
          Und täglich sühnt der holde klare
               Friede das böse Gewirre wieder.
 
Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,
     Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,
          Wo Weise, wie die unsre sind? die
               Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!
 
Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
     Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!
          Du lezte und du erste aller
               Musen, Urania, sei gegrüßt mir!
 
Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
     Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
          Das einzig, wie du selber, das aus
               Liebe geboren und gut, wie du, sei –
 
Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
     Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –
          Doch wie erräth der Sohn, was du den
               Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?

Aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, Band 5: Oden II. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 245ff

* )

Kraft ohne Einsicht stürzt durch die eigne Wucht,
Kraft, die maßvoll bleibt, führen die Götter selbst
noch höher; [sie hassen Kräfte,
die jeden Frevel im Sinne bewegen.]

Deutsch von Bernhard Kytzler, aus: Horaz: Sämtliche Werke Lateinisch/ Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 143

Peter Rühmkorf

Variation
auf «Gesang des Deutschen» 
von Friedrich Hölderlin

Wie der Phönix aus den Scherben, oh Vaterland,
Edelstahl platzt in den Nähten, Fette erholt,
Farben bei lebhaftem Angebot Aufgalopp, Kursgewinn‚
Hanomag, hundertprozentige Rheinstahltochter . . .

also erhobest du dich, verlorengegebener
gräulich geviertelter Aar, doch bald auf der Höhe schon
deines alten Gewichts, und, ei, den Tauben gleich
an Kropf und Krallen!

Du Land, chromblinzelnd, wo man die Meinung verzieht
bei stillem Anteil, bin ich der deine schon?
Sieh, auch ich bin fix in der Lüge,
freundlich blinket mein Damaszenergebiß.

Wenn ich mich auf meine Feinde besinne,
morgens, wenn mir der rote Kamm unterm Hut schwillt . . .
leicht von den Knöcheln gebrochen, wächst ihr schon
neuer Vorrat, der morchelhäuptigen Hyder.

Wer wollte da? an welchem Fels? wozu?
mit was? dem Adler trotzen, dem längst überfütterten?
der von des Himmels Kaltschale nippt,
dein nicht zu achten und Helden-Unschlitt.

Oh Freund, vor kein Schafott bestellt, in Frieden,
wer bläst sich da auf und wie ohne Zweifel?!
Zück deine Hauer, alteingesessen, da bleibet ein
abgestochener Brei auf der Walstatt.

Kennst du Minervens Kinder? Was kümmert sie
des Wüsten Donnerers, des sie nicht achten, Gebell?
Schickt, schickt ihn nur ins Glück, da wird
keiner über die eigenen Zähne straucheln.

Das geht in Größe glatt, das ist wie über Nacht
ins Licht gefordert und vor die Sterne geschleift,
jeder zu allem aufgerufen, man teilet
dir vom Schmer des Säkels und heißt dich verdauen.

Nimm nun dein Pfund auf dich und wuchere,
ehe der schlechtere Mann das Licht absahnt —
unter die Gauner erhoben, sollst du
deinen Hintern zum Fluge lüften.

Gegrüßt in deinem Glanze, mein Vaterland!
Mit neuen Namen lockst du, mit Blust und Bluff,
wenn das entbundene Fett als Flamme
mächtig über die eigenen Ufer lodert.

Noch schwillst du an von unterdrücktem Krieg,
sinnest ein neu Gebild, das von dir zeuge,
das, einzig wie du selbst, das aus
Stroh geschaffen, goldene Körner treibt.

Wo sind nun Dichter, die ein neu Gemythe
auftuen diesem blauen Schlaraffenblick?
Tausendgut — Güldenfett — Rosenschleck —
Eselein deck dich, Deutschland, käufliche Mutter.

Also: aus voller Brust geklampft, aus vollem Magen —
das Lied, aus überfließendem Munde gespendet; 
Schmierig währt am längsten, wer wollte da
mürisch gegen die Seligen vorgehn?!

Die in der Sonnenlache, die im Gewinnbereich
ihren Jubel aus eigener Tasche bestreiten;
und – die Hand an der Börse — schwört es
Sein gestrichen Maß Glück und Persönlichkeit.

Gebt also, gebt ihn endlich, gebt den Himmel frei,
und scheltet nicht, nein, besser preiset ihn, den wohlgelenken,
den Mann, der nach Sintflut und -feuer
wieder den Wanst in die Waage hievte.

Der was die ALTEN sungen, der Dichter spann,
wirklich erfährt, das prästabilierte Behagen:
Nun: Blüten angelandet! nun: Sternenstreusel! und
mit dem Sänger geteilt auf Kippe und Schweigen.

Auf Kippe und Gedeih, daß nie und keiner
die Kreise jemals störe, Wanderer, kommst du nach
Deutschland, sage du habest uns hier
unterliegen sehen, wie es der Vorteil empfahl.

Aus: Peter Rühmkorf, Gedichte (Werke 1). Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 233ff

mehr die anderen

Ernst Jandl 

(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda) 

sie mehr den anderen
dieser sie weniger
er mehr die andere
diese ihn weniger
sie mehr den anderen
dieser sie weniger
er mehr die andere
diese ihn weniger
sie mehr den anderen
dieser sie weniger
er mehr die andere
diese ihn weniger
sie mehr den anderen
dieser sie weniger
er mehr die andere
diese ihn weniger
sie mehr den anderen

Aus: Ernst Jandl, werke 2 (werke in 6 bänden). München: Luchterhand, 2016, S. 108

Ich habe deine Spuren gesucht

Gastón Salvatore 

(* 29. September 1941 in Valparaíso; † 11. Dezember 2015 in Venedig)

Ich habe deine Spuren gesucht 
auf dem zerknüllten Bettuch.
Ein Geruch von Kälte 
ist immer unter den Träumen begraben.

Noch verdeckt dein Körper 
den Spiegel über dem Waschbecken. 
Vielleicht finde ich dich 
nur deswegen nicht.

Aber ich verkenne das Gewicht des Regens 
und das Gewicht des Hemdes 
und die Nummer des Güterwagens 
und die Natur der Abmachung.

An meinen Schuhen 
sehe ich etwas Blutiges. 
Dann weiß ich 
ein Tag hat angefangen.

Aus: Roehler, Klaus (Hg.): Liebesgedichte. Eine Luchterhand-Anthologie (Sammlung Luchterhand 500). Frankfurt/Main: Luchterhand, 1987, S. 71

Mein Herz

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947, heute vor 75 Jahren, in Schönberg im Taunus)

Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblaßte, –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse. 

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Hans Bender u. Wolfgang Weyrauch. Bd. I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 378

Bedenke

Marie Šťastná

xxx 

Bedenke
jede Landschaft beginnt und endet
auf deinem Unterarm
Eine feine furchige Geheimsprache unter der Haut
Abdruck des Waldes
der Straße
des Gedächtnisses
Aber was wenn man von dir etwas weiß
etwas so Unglaubliches
dass selbst du nur Andeutungen kennst
die Brailleschrift des Körpers
an schwer erreichbaren Orten
Denk daran
Wer dir wann über den Rücken strich
xxx

Pomysli 
každá krajina začíná a končí 
na tvém předloktí 
Pod kůží jemně vyrýhovaná tajná řeč 
otisk lesa 
ulice 
paměti 
Ale co když se o tobě něco ví 
něco tak neuvěřitelného 
že i ty jen tápeš v náznacích 
Braillovo písmo těla 
v těžko dostupných místech 
Vzpomínej 
Kdo tě kdy hladil po zádech

Aus: Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. [Gedichte]. Aus dem Tschechischen übersetzt von Julia Miesenböck. Zweisprachig. Leipzig: Hochroth, 2018 (Edition OstroVers 02)