Sibylla Vričić Hausmann
goldene Blumen (1)
Für nichts in der Welt gäbe Sappho ihr schönes Kind her. Nicht für ganz Lydien‚ nicht für Lesbos, die Insel. Seine Gestalt gleicht goldenen Blumen. Wer könnte es wagen, ihre Gedichte in die Waagschale zu werfen, nur um herauszufinden, was ihr wichtiger ist? Ich nicht. Niemand würde das tun, niemand würde denken, dass ein Mensch, der Gedichte macht, nicht lieben darf, nicht haben darf, was sie oder er liebt. Außer vielleicht Hölderlin. Oder Rilke. Oder … lntransitive Liebe ist eine Illusion wie Hygiene. Grenzen werden überschritten, befahren, bebetet, auch die Grenzen zum Rückzug, zum Eigenen Zimmer, in dem etwas aufgeht bei geschlossener Tür. (Innere Quellen, Buchdeckel, Hosenknöpfe, Rockknöpfe …) Bezuglos zu sein, das stünde mir als Menschenartiger nicht gut zu Gesicht. Doch nichts spricht dagegen, danach zu streben, die eigene Gesellschaft zu verfeinern. Nichts spricht gegen unreine Reime und schöne Kinder, die gewaschen werden müssen. In sich kräuselnden Schichten einer Landschaft zwischen Schlaf und Nichtschlaf, fiction und nonfiction wachsen meine Kreise an. Wachsen um ein Kissen, das ich einmal erhielt, zu träumen und hineinzuweinen. Das Ersatzobjekt — es genügt nicht.
Aus: Sibylla Vričić Hausmann: meine Faust. Gedichte. Berlin: Kookbooks, 2022, S. 27
Joseph Roth
(* 2. September 1894 in Brody, Ostgalizien, heute Ukraine; † 27. Mai 1939 in Paris)
Natur Hinter den Häusern der Stadt, dort wo die Verbotstafeln stehn, beginnt Gottes freie Natur, die den Menschen gehört. Parzelliert und in Grundbüchern eingetragen sind die Quellen, die Äcker, die Wälder, der Wind, die Tannen, die Eichen, die Buchen, die Linden, die Hasen, die Hirsche, der Lerchenschlag, der Mond in den Nächten, die Sonne am Achtstundentag und die Vögel, die, von Sorgen angeblich unbeschwert, die segensreiche Ordnung dieser Welt verkünden — — Leibeigene Eichkätzchen springen auf Eichen, als wären sie unabhängig vom Kapital — — und wissen nicht, daß unterdessen Förster ohne Zahl auf hinterlistigen Pfaden zum Schießen schleichen — — Nur die Schriftsteller wandern umher und werden Wunder gewahr und schreiben Gedichte, Skizzen und Romane, sie leben in ihrem göttlichen Wahne und sterben vom menschlichen Honorar.
Aus: 50 Gedichte der Neuen Sachlichkeit. Hrsg. Gabriele Sander. Stuttgart: Reclam, 2022, S. 65
hrěch ~a m Sünde; herbski ~ Erbsünde (HORNJOSERBSKO-
NĚMSKI SŁOWNIK, https://www.soblex.de/? )
Róža Domašcyna
Hab die synonyme gewechselt das wort sünde weiblich besetzt flötet wie wind so ich finde die erste silbe mit gespitzten lippen wie zum kuss sich nähernd nachschmeckend genüsslich auskostend sogar süßlich anzüglich und dann der schluss im munde verborgen so zu sagen hrjech kommt männlich ein kehllaut am ende klingt wie ich nachdrücklich die silbe welche man sich ins gesicht spuckt mit hartem zischlaut letztlich einen schnaufer lassend wie am anfang von kampfhandlungen einsilbig befehl ausdruck erwünschter verheißung
Aus: Róža Domašcyna: stimmen aus der unterbühne. gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2020, S. 20
Tom de Toys, 26.11.2022 @ G&GN-INSTITUT (g-gn.de)
NA(c)HRUF auf HME
2005 traf ich Enzensberger zufällig eine halbe Stunde vor seiner Lesung an der Tür zum Konzertsaal auf dem 5.ilb (Internationales Literaturfestival Berlin), in dessen Rahmenprogramm ich selber involviert war, da ich als Mitglied der Literaturgruppe „INUNDAUSWÄNDIG“ [1] Türsprechanlagen-Lesungen in diversen Wohnungen am Ku’damm machte. Enzensberger wollte in den Saal, um sich auf seinen Auftritt vorzubereiten, aber ich versperrte ihm wie ein Türsteher den Weg und erklärte ihm mit ernster Miene: „Tut mir leid, hier ist noch kein Einlass!“ Er schaute mich völlig überrascht an, erkannte aber an meinem unterdrückten Grinsen die Lage und antwortete mir mit seinem eigenen Humor: „Doch, ich darf das, weil ich der lesende Autor bin.“ Als ich darauf erwiderte „Das kann ja jeder behaupten, der berühmte Enzensberger zu sein. Außerdem kommt hier sowieso keiner ohne Ticket rein“, zeigte er mir seinen Personalausweis und behauptete siegessicher: „Erstens bin ich es tatsächlich und außerdem brauche ich kein Ticket, weil ich es bin.“ Ich prüfte den Namen in seinem Ausweis ganz gründlich, Buchstabe für Buchstabe, verglich das Foto genau mit seinem Gesicht, schaute ihn noch einige Sekunden schweigend an, um ihm dann die erlösende Ansage zu machen: „Na gut, dann mache ich bei Ihnen mal eine Ausnahme. Bitte schön!“ Wir konnten nun unser Lachen nicht mehr zurückhalten und er spürte durch meinen Scherz umso mehr, wie sehr ich mich auf seine Lesung freute…
Tom de Toys, 25.11.2022 in memoriam H. M. Enzensberger (11.11.1929-24.11.2022) © POEMiE™ @ www.Neurogermanistik.de SPIEGELNEUROTISCHE VER(T)EIDIGUNG DER VER(G/L)ORENEN WÖRTERSCHLACHT eigentlich sollte ich anläßlich des todes von Hans Magnus Enzensberger ein gedicht ver- fassen um die systemrelevanz dieses über- literarischen verlustes für die kultur dieses landes auszudrücken doch kann ich mir nicht jedesmal auf die zunge beißen wenn irgend- welche nobelbüchnerheinepreisträger mal wieder den löffel abgeben und ohne besteck in das soeben noch frisch gemähte gras beis- zen wo unbemerkt blumen wachsen die jeden tag unerkannt knospen blühen und welken ohne vom schnitter verschont zu bleiben aber ich will hier keine hermetischen metaphern ins spiel bringen das sowieso schon verloren ist weil die gesellschaft nur jene beachtet die in der reality talkshow thematisiert werden während die nachhaltigen helden erst post- hum mit h für systemrelevante zwecke abge- zockt werden indem man neue preise neue schulen akademien und straßen nach ihnen benennt um mit ihren werken den markt an- zukurbeln der tod ist ein meister gegen die insolvenz - nebenbei: hat hollywood sich die rechte am leben von HME schon gesichert?
[1] Aus der Pressemitteilung der Gruppe von 2004: INUNDAUSWÄNDIG verspricht ein Literaturerlebnis der ungewöhnlichen und eventuell gestörten Art. INUNDAUSWÄNDIG ist eine „gesichtslose“ Autorenlesung FÜR, aber nicht VOR Zuhörern. Sogenannte TürsprecherInnen [2] (ver)stecken (sich) in einer Wohnung und sprechen, flüstern oder schreien ihre 3-5 Minuten langen Texte über den Türlautsprecher nach draußen. Dem Publikum soll eine Art AUDITIVER VOYEURISMUS gegönnt werden, indem durch die Poesie Privates, Intimes, aber auch Alltägliches „von inwändig nach außwändig“ übertragen wird. INUNDAUSWÄNDIG wird durch das Medium zu einer Lesung mit Schutzfaktor und soll ganz besonders ein Podium für solche DichterInnen sein, die bisher noch nicht vor Publikum gelesen haben und sich ausprobieren möchten. So funktioniert es:
A) Klingeln Sie einfach bei INUNDAUSWÄNDIG;
B) Suchen Sie die Nähe zum Türlautsprecher;
C) Bewahren Sie unbedingt Ruhe;
D) Beginnen Sie erneut bei Punkt A, wenn Sie nicht genug kriegen können.
[2] TürsprecherInnen: Mia Frimmer, Martin Tomasik, Nathalie du Prel, Tom de Toys, HEL ToussainT, Ophelia Kampe, Marco Lutz, ibii und Alexander Hahn
Im Alter von 93 Jahren starb vorgestern in München der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, einer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik und ein bedeutender Lyriker, Essayist, Herausgeber und Übersetzer.
Hans Magnus Enzensberger
(* 11. November 1929 in Kaufbeuren; † 24. November 2022 in München)
wortbildungslehre in den toten hemden ruhn die blinden hunde um die kranken kassen gehn die wunden wäscher und die waisen häuser voll von irren wärtern leihn den fremden heimen ihre toten lieder doch die kranken hunde ziehn den irren wäschern ihre waisen hemden aus den toten kassen vor den blinden liedern fliehn die fremden wärter aus den wunden heimen in die toten häuser alle wunden wäscher in den kranken kassen ruhn mit blinden hunden in den toten hemden in den toten kassen in den toten häusern in den toten heimen in den toten liedern ruhn die toten toten
Aus: Hans Magnus Enzensberger, Landessprache. Gedichte. Edition Suhrkamp 1969, S. 50f (das Buch erschien zuerst 1960).
Colette Peignot
(* 6. Oktober 1903 in Meudon; † 7. November 1938 in Saint-Germain-en-Laye)
Die französische Schriftstellerin veröffentlichte überwiegend unter dem Pseudonym Laure, unter dem auch die deutsche Ausgabe bei Matthes & Seitz erschien.
Aus dem gegenwärtigen und unsichtbaren Fenster sah ich alle meine Freunde, wie sie mein Leben in Fetzen unter sich aufteilten sie nagten es bis auf die Knochen ab, nicht willens, ein so schönes Stück zu verscherzen und machten sich das Gerippe streitig.
Aus: Laure (Colette Peignot): Schriften. Hrsg. und übersetzt von Bernd Mattheus. München: Matthes & Seitz, 1980, S. 45
De la fenêtre présent et invisible je voyais tous mes amis se partageant ma vie en lambeaux ils rongeaient jusqu’aux os et ne voulant pas perdre un si beau morceau se disputaient la carcasse
Ruth Wolf-Rehfeldt
(Geboren am 8. Februar 1932 in Wurzen bei Leipzig)

Ruth Wolf-Rehfeldt: Introverse, um 1980, aus: Marvin und Ruth Sackner: Schreib/ maschinen/ kunst//. Mit über 570 Abbildungen Aus dem Englischen von Claudia Kotte. München: Sieveking, 2015, S. 162.
Ruth Wolf-Rehfeldt war eine Pionierin der Mail Art und Schreibmaschinenkunst in der DDR. In diesem Jahr wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin geehrt.
Paul Celan
(geboren am 23. November 1920 in Czernowitz, damals Rumänien, heute Ukraine; gestorben vermutlich am 20. April 1970 in Paris)
Wie sich die Zeit verzweigt, das weiß die Welt nicht mehr. Wo sie den Sommer geigt, vereist ein Meer. Woraus die Herzen sind, weiß die Vergessenheit. In Truhe, Schrein und Spind wächst wahr die Zeit. Sie wirkt ein schönes Wort von großer Kümmernis. An dem und jenem Ort ists dir gewiß.
Aus: Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 63 (Verstreute Publikation aus dem Zeitraum »Mohn und Gedächtnis«).
Das Gedicht entstand am 15. oder 16. Juni 1949 in Paris. In einem Brief an Erica Lillegg schrieb er: „Bei Notre-Dame fiel mir ein kleines Gedicht ein, seltsam, es ist gereimt. Nicht ich habe es gemacht, sondern Du – hier ist es.“ (Ebd. S. 704). Erstdruck: Wort und Wahrheit (1951)
Endre Ady
(* 22. November 1877 in Érmindszent, Komitat Sathmar, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1919 in Budapest)
Pfeife alten Aberglaubens Gesungen einst von einem Ungarn auf der Flucht Einsam dein Geschick bewein ich, Ungarnvolk‚ Volk meines Blutes, Mitten auf dem Bettlermarkte Wein noch saufend bittern Mutes Vor dem Aufbruch in die Fremde, Wegbereit schon müden Fußes. Ringsum tummeln sich nur lahme Schatten, lumpige und taube, Und ein Lied schrillt in das Ohr mir, Pfeife alten Aberglaubens, Liebes Volk, tanzt nach der Pfeife, Ach, ich mach mich aus dem Staube. Pfeifenklang: ach, Volk verfluchtes, Laß es, Herr, nicht ungeschlagen, Herrschaft kann es nicht erdulden Und die Freiheit nicht ertragen, Feige ist es in der Rache, Gnadlos übt es seine Gnaden. Lange könnt ihr nach mir rufen, Keschrnarks Berg und Feld von Majtény, Schneid mir einen Wanderstecken, Nie wirst du mein Blut mehr einziehn, Tollen Volkes tolle Erde: Nie im Leben werd ich heimziehn.
Deutsch von Günther Deicke, aus: Endre Ady, Der verirrte Reiter. Berlin: Volk und Welt, 1977, S. 61
Ady Endre Sípja régi babonának (Bujdosó magyar énekli) Csak magamban sírom sorsod, Vérem népe, magyar népem, Sátor-sarkon bort nyakalva Koldus-vásár közepében, Már menőben bús világgá, Fáradt lábbal útrakészen. Körös-körül kavarognak Béna árnyak, rongyos árnyak, Nótát sípol a fülembe Sípja régi babonának, Édes népem, szól a sípszó, Sohse lesz jól, sohse látlak. Szól a sípszó: átkozott nép, Ne hagyja az Úr veretlen, Uralkodást magán nem tűr S szabadságra érdemetlen, Ha bosszút áll, gyáva, lankadt S ha kegyet ád, rossz, kegyetlen. Üzenhettek már utánam Kézsmárk hegye, Majtény síkja, Határ-szélen botot vágok, Vérem többé sohse issza Veszett népem veszett földje: Sohse nézek többet vissza.
Nach dem Langen, Schweren mal wieder etwas Kurzes, Leichtes. Obwohl die Manieristen auch nicht immer kurz und leicht sind. Dies ist es aber schon und hat es trotzdem in sich (auch abgesehen von der unkorrekten Metapher).
Giambattista Marino
(* 14. Oktober 1569 in Neapel; † 25. März 1625 ebenda)
Das Wunderbare Des Dichters Ziel ist das Wunderbare. (Ich meine das der Meister, nicht der Krüppel); Wer nicht verblüffen kann, soll sich striegeln lassen.
Diese Zeilen veröffentlichte Gustav René Hocke im Gedichtanhang seiner Studie „Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchemie und esoterische Kombinationskunst“ (Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 1959), den er als „Miniatur-Anthologie“ europäischer „concetti“ (Hocke übersetzt: lyrische Sinnfiguren) versteht. Hier der Originaltext.
È del poeta il fin la meraviglia (parlo de l’eccellente e non del goffo): chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Eigentlich ist es kein Gedicht, sondern ein aus einem Gedicht herausgegriffenes concetto. Das gesamte Gedicht (auch nicht lang) steht deutsch in einem Buch bei Reinecke & Voß, das sich bei mir gerade versteckt, ggf. reiche ich es nach. Hier das Original.
IL POETA E LA MERAVIGLIA
Vuo’ dar una mentita per la gola
a qualunque uomo ardisca d’affermare
che il Murtola non sa ben poetare,
e c’ha bisogno di tornare a scuola.
E mi viene una stizza mariola,
quando sento ch’alcun lo vuol biasmare;
perché nessuno fa meravigliare,
come fa egli, in ogni sua parola.
È del poeta il fin la meraviglia
(parlo de l’eccellente e non del goffo):
chi non sa far stupir, vada alla striglia!
Io mai non leggo il Cavolo e ’l Carcioffo,
che non inarchi per stupor le ciglia,
com’esser possa un uom tanto gaglioffo.
Lesetipp
Episteln und Pistolen : eine barocke Dichterfehde / Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola. Ausgew. und erstmals aus dem Ital. übertr. von Jürgen Buchmann. Leipzig : Reinecke & Voß, 2013
Friedrich Hölderlin
Gesang des Deutschen
Vis consilí expers mole ruit sua;
Vim temperatam di quoque provehunt
in maius.
Horat.*
O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd',
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!
Sie erndten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflüken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe! daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.
Du Land des hohen ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
Oft zürnt' ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele läugnest.
Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;
Oft stand ich überschauend das holde Grün,
Den weiten Garten hoch in deinen
Lüften auf hellem Gebirg' und sah dich.
An deinen Strömen gieng ich und dachte dich,
Indeß die Töne schüchtern die Nachtigall
Auf schwanker Weide sang, und still auf
Dämmerndem Grunde die Welle weilte.
Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
Die Wissenschaft, wo deine Sonne
Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.
Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
Den Oelbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
Noch lebt, noch waltet der Athener
Seele, die sinnende, still bei Menschen,
Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
Die Heldenasche pflügt, und scheu der
Vogel der Nacht auf der Säule trauert.
O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
Mit seinem furchtbarn Strale dich auch, so bald,
Und eilten sie, die dich belebt, die
Flammen entbunden zum Aether über?
Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
Von unsern Jünglingen, der nicht ein
Ahnden, ein Räthsel der Brust, verschwiege?
Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.
Wo sind jezt Dichter, denen der Gott es gab,
Wie unsern Alten, freudig und fromm zu seyn,
Wo Weise, wie die unsre sind? die
Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!
Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
Mit neuem Nahmen, reifeste Frucht der Zeit!
Du lezte und du erste aller
Musen, Urania, sei gegrüßt mir!
Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
Das einzig, wie du selber, das aus
Liebe geboren und gut, wie du, sei –
Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –
Doch wie erräth der Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?
Aus: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe, Band 5: Oden II. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 245ff
* )
Kraft ohne Einsicht stürzt durch die eigne Wucht,
Kraft, die maßvoll bleibt, führen die Götter selbst
noch höher; [sie hassen Kräfte,
die jeden Frevel im Sinne bewegen.]
Deutsch von Bernhard Kytzler, aus: Horaz: Sämtliche Werke Lateinisch/ Deutsch. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 143
Peter Rühmkorf
Variation auf «Gesang des Deutschen» von Friedrich Hölderlin Wie der Phönix aus den Scherben, oh Vaterland, Edelstahl platzt in den Nähten, Fette erholt, Farben bei lebhaftem Angebot Aufgalopp, Kursgewinn‚ Hanomag, hundertprozentige Rheinstahltochter . . . also erhobest du dich, verlorengegebener gräulich geviertelter Aar, doch bald auf der Höhe schon deines alten Gewichts, und, ei, den Tauben gleich an Kropf und Krallen! Du Land, chromblinzelnd, wo man die Meinung verzieht bei stillem Anteil, bin ich der deine schon? Sieh, auch ich bin fix in der Lüge, freundlich blinket mein Damaszenergebiß. Wenn ich mich auf meine Feinde besinne, morgens, wenn mir der rote Kamm unterm Hut schwillt . . . leicht von den Knöcheln gebrochen, wächst ihr schon neuer Vorrat, der morchelhäuptigen Hyder. Wer wollte da? an welchem Fels? wozu? mit was? dem Adler trotzen, dem längst überfütterten? der von des Himmels Kaltschale nippt, dein nicht zu achten und Helden-Unschlitt. Oh Freund, vor kein Schafott bestellt, in Frieden, wer bläst sich da auf und wie ohne Zweifel?! Zück deine Hauer, alteingesessen, da bleibet ein abgestochener Brei auf der Walstatt. Kennst du Minervens Kinder? Was kümmert sie des Wüsten Donnerers, des sie nicht achten, Gebell? Schickt, schickt ihn nur ins Glück, da wird keiner über die eigenen Zähne straucheln. Das geht in Größe glatt, das ist wie über Nacht ins Licht gefordert und vor die Sterne geschleift, jeder zu allem aufgerufen, man teilet dir vom Schmer des Säkels und heißt dich verdauen. Nimm nun dein Pfund auf dich und wuchere, ehe der schlechtere Mann das Licht absahnt — unter die Gauner erhoben, sollst du deinen Hintern zum Fluge lüften. Gegrüßt in deinem Glanze, mein Vaterland! Mit neuen Namen lockst du, mit Blust und Bluff, wenn das entbundene Fett als Flamme mächtig über die eigenen Ufer lodert. Noch schwillst du an von unterdrücktem Krieg, sinnest ein neu Gebild, das von dir zeuge, das, einzig wie du selbst, das aus Stroh geschaffen, goldene Körner treibt. Wo sind nun Dichter, die ein neu Gemythe auftuen diesem blauen Schlaraffenblick? Tausendgut — Güldenfett — Rosenschleck — Eselein deck dich, Deutschland, käufliche Mutter. Also: aus voller Brust geklampft, aus vollem Magen — das Lied, aus überfließendem Munde gespendet; Schmierig währt am längsten, wer wollte da mürisch gegen die Seligen vorgehn?! Die in der Sonnenlache, die im Gewinnbereich ihren Jubel aus eigener Tasche bestreiten; und – die Hand an der Börse — schwört es Sein gestrichen Maß Glück und Persönlichkeit. Gebt also, gebt ihn endlich, gebt den Himmel frei, und scheltet nicht, nein, besser preiset ihn, den wohlgelenken, den Mann, der nach Sintflut und -feuer wieder den Wanst in die Waage hievte. Der was die ALTEN sungen, der Dichter spann, wirklich erfährt, das prästabilierte Behagen: Nun: Blüten angelandet! nun: Sternenstreusel! und mit dem Sänger geteilt auf Kippe und Schweigen. Auf Kippe und Gedeih, daß nie und keiner die Kreise jemals störe, Wanderer, kommst du nach Deutschland, sage du habest uns hier unterliegen sehen, wie es der Vorteil empfahl.
Aus: Peter Rühmkorf, Gedichte (Werke 1). Reinbek: Rowohlt, 2000, S. 233ff
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen dieser sie weniger er mehr die andere diese ihn weniger sie mehr den anderen
Aus: Ernst Jandl, werke 2 (werke in 6 bänden). München: Luchterhand, 2016, S. 108
Gastón Salvatore
(* 29. September 1941 in Valparaíso; † 11. Dezember 2015 in Venedig)
Ich habe deine Spuren gesucht auf dem zerknüllten Bettuch. Ein Geruch von Kälte ist immer unter den Träumen begraben. Noch verdeckt dein Körper den Spiegel über dem Waschbecken. Vielleicht finde ich dich nur deswegen nicht. Aber ich verkenne das Gewicht des Regens und das Gewicht des Hemdes und die Nummer des Güterwagens und die Natur der Abmachung. An meinen Schuhen sehe ich etwas Blutiges. Dann weiß ich ein Tag hat angefangen.
Aus: Roehler, Klaus (Hg.): Liebesgedichte. Eine Luchterhand-Anthologie (Sammlung Luchterhand 500). Frankfurt/Main: Luchterhand, 1987, S. 71
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947, heute vor 75 Jahren, in Schönberg im Taunus)
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest, Sein Geliebtes fest in den Fängen, Aber Gehaßtes gibt es auch, Das er niemals entläßt Bis zum letzten Hauch, was immer die Jahre verhängen. Es gibt Namen, die beflecken Die Lippen, die sie nennen, Die Erde mag sie nicht decken, Die Flamme mag sie nicht brennen. Der Engel, gesandt, den Verbrecher Mit der Gnade von Gott zu betauen, Wendet sich ab voll Grauen Und wird zum zischenden Rächer. Und hätte Gott selbst so viel Huld, zu waschen die blutrote Schuld, Bis der Schandfleck verblaßte, – Mein Herz wird hassen, was es haßte, Mein Herz hält fest seine Beute, Daß keiner dran künstle und deute, Daß kein Lügner schminke das Böse, Verfluchtes vom Fluche löse.
Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Hans Bender u. Wolfgang Weyrauch. Bd. I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 378
Marie Šťastná
xxx Bedenke jede Landschaft beginnt und endet auf deinem Unterarm Eine feine furchige Geheimsprache unter der Haut Abdruck des Waldes der Straße des Gedächtnisses Aber was wenn man von dir etwas weiß etwas so Unglaubliches dass selbst du nur Andeutungen kennst die Brailleschrift des Körpers an schwer erreichbaren Orten Denk daran Wer dir wann über den Rücken strich
xxx Pomysli každá krajina začíná a končí na tvém předloktí Pod kůží jemně vyrýhovaná tajná řeč otisk lesa ulice paměti Ale co když se o tobě něco ví něco tak neuvěřitelného že i ty jen tápeš v náznacích Braillovo písmo těla v těžko dostupných místech Vzpomínej Kdo tě kdy hladil po zádech
Aus: Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. [Gedichte]. Aus dem Tschechischen übersetzt von Julia Miesenböck. Zweisprachig. Leipzig: Hochroth, 2018 (Edition OstroVers 02)
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