Ich bin ein Schrei aus dem Nebel

L&Poe Journal #02

Nach dem Start der Ausgabe 02 im zeitigen Frühjahr kam eine intensive Arbeitsphase im Zusammenhang mit dem zweiten Band meiner Edition der Barockdichterin Sibylla Schwarz. Die Paperbackausgabe ist erschienen, Hardcover ist noch im Satz. Zeit für den Schlussspurt des zweiten Journals. Heute eine Ergänzung zum Abschnitt NEUE TEXTE, der in dieser Ausgabe Gedichte von Autorinnen bringt. Nach Jayne-Ann Igel | Silke Peters | Mara Genschel | Kerstin Becker | Brigitte Struzyk | Odile Endres | Martina Hefter und Anna Hoffmann hier ein paar unveröffentlichte Gedichte von Sophie Reyer, die sie mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte.

Sophie Reyer

:
Ich bin ein Schrei aus dem Nebel 
bin die die der Fremde spricht 
ganz ohne Nabel 
wo fange ich an 

Überland fährt mein Wind 
Schnee schlägt mein Leben dir ins Gesicht 
bleich die Sonne an meinem Rücken 

ich bin die Vollendete
das ist mein Leid:

kalt fall ich Flocke 
quelle als Schnee 
lös mich auf in deinen Augen 

dein Blick der trifft 
mir Lied und Trost aus eigenem Mund:
keinem

(du meine 
Wunde) 

:
Abend 
Abgrund 

ohne Knochen 
ohne Gelenke 
so eine fällt nicht 

durchsichtig werden 
Abschied 

:
Bekenntnis 

ich habe nie 
den Frühling 

verstanden die 
Sommer hasste ich 

von Kindheit 
an nur 

im Dunkel 
lasteten süß

die Träume auf mir 
immer da 

wo ich 
fror wo 

ich wegblieb 
wurde ich 

ganz 

:
Stiche brauchen 
die Klippen 

Schatten die Erde
ruh dich aus 

im letzten Lachen zieh 
deine Clownschuhe an:

Abschied 

:
wohin uns die 
Sonnen Strahlen nicht 
folgen konnten band 

uns der Regen 
zusammen:

Schmerz 

(der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten)

:
was Liebe ist:

der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten

:
Die Sonne 
ein Loch 
im Schädel 

der Welt:
wie lange 

noch? 
(Ozon.) 

:
Epitaph:

wohin 
klirrendes Mädchen 

weißt du noch 
damals: der Friede 

zerbrach

und am Rücken 
der Druck von Flügeln 

die Last ein Engel 
zu sein bis der Wind kam:

klirrendes Mädchen 
wohin

:
Kindheitserinnerung

Gedächtnis meiner Fusssohlen:
Gras du, dein irres

Grün

:
Narbe 

geh ans Ende 
um es zu Ende zu 
fürchten 

nur was man 
verliert wird 

nahe 

Narbe 

:
Drachin singt 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

ich belle so laut 
ich weine so zart 
ich speie Feuer 
ich nage Knochen 
ich bin aus Glas 

du meine Sehnsucht:
der Leuchtturm

schwer immer 
diese Flügel der 
Panzer so hart 

ich kreise um dich 
wie ein Sturm 
die Haut in Falten gelegt 
aber kein Brennen 
währt ewig 
gegen den See

auch wenn Schuppen 
nicht altern: du weichst nicht 
du kennst keine Furcht 

Drachin bin ich 
so halb 
so zart 

und du 
lässt dein Haar 
nicht herunter 

schau der Stern 
im Auge meines Sturms 
manche nennen ihn 
Krone der Welt:
ich habe Schmerzen 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel 

:
Unzählige Male 
zergeht ein Jetzt 

und ich weiß nicht 
wer ich bin 

zerdrückte Früchte 
rote Flecken 

auf meinem Kleid.
Mein Wort heißt:

Keiner. Ich gieß Milch 
aus der Schale an 

einen Baum um 
ihn zu füttern. Und alles 

hab ich gestohlen: 
Gesichter und 

Gedichte. Ich sage es laut 
immer wieder:

wohin 

 
:
Ich bin 
der Möglichkeitssinn 

die multipolare Welt 
in Atem 

Sirenengesang
als schriller Schrei 
als Unerhörtes 

gerate ich in 
die Welt 

und weiß von 
Anfang an 

nicht weiter:
Mutters Massengrab 

in mir: es ist 
ein Menschheitsgrab 

ohne Namen 

Stein in mir 
mehr als bloss 

Materie oder 
Gewicht 

ich kippe 
werde von Wasser 
(deinem Blick) weich 

gewaschen 

mein Herz 
pocht steinern:

Mineral und 
Muskeln und nur 

deine Augen 
könnten mich 
irgendwann 

heilen 


:
Kiesel
Felsen 
Geröll
Schutt 
Mauer:

ich gehe 
in mir 

nicht mehr 
auf 

:
wie tief 
entwellt 

mein Falten Ich 
vom Leben gestaltet 

alt geworden 
atmet nicht mehr:

atme mich 
aus 

:
und ein neues 
Selbst gefaltet:

Tiefe der
Steine 

:
aufgeatmet 
nach dem Wellenschub

liegst du Land 
an Land mit mir 

wie Hagelkörner 
sind wir 

durchsichtig 
rein und 
hart dein 

Schwanz an 
meinem Abgrund 

ich folge 
dem Wesen des 

Wassers werd 
in dir 

ganz 

:
Liebeserklärung 

komm bekomm 
nie einen Körper sei 

Raum in mir 
Äther aus Blau 

ich will dich 
fingerlos lieben 

und mit dir sprechen 
wie Fische es miteinander 

tun und 
keiner kann uns 

hören 

:
Ich Verunfallte 

Friede ist 
das wunde Wort 

in mir 
das ich immer nur schrieb 

ohne es 
werden zu 

können 

:
Im Traum 
lachen die Bäume 

dich aus. Uns retten?
Auf diese 

Idee kommen nur 
Menschen, 

ehrlich! Sagen 
sie kichernd. (Und sogar 
ihr Lachen dauert tausend 

Jahre)

:
für Rainer Maria Rilke 

Licht 
Wasser und 
Sonne 

und die Klarheit 
die alles 

tötet:

was du heute 
noch 
an Worten brauchst 
heißt 

wachsende 
Ringe 

:
Wie der Blitz 
tauchst mein Zimmer 

ins Licht das selbst 
jeder Tote 

wegsehen muss:

:
Es ist Windzeit.
Deine Wangen spannen sich an.
Türme fallen überall um. 
Es ist Einsamkeit.
Dir fehlen keine 
Menschen- Du trauerst um etwas
das du nicht 

kennst.

Finger sprießen 
Vögel werden kommen 

und du 
wirst zu Tode 

gehungert sein:
Flügel 

Es ist Windzeit. 

:
Ich weiß 
je schneller ich die 

Phantasie von mir 
aufgebe desto leichter 

treffe ich 
auf das Leben 

doch ich will 
es nicht sein: dieses

faltige Gesicht 
vom Meißel des 

Intellekts behauen
ausdruckslos wie 

ein Stein 
und immer noch 

mit Augen 
aus 

Glas 

:
Du bist: Bilder:
die sorgfältig konstruierte Maschine 

der Gewalt. Du betriffst uns:
unmittelbar. Fängst uns 

in den Rastern 
der Manipulation: 

zu rühren: alles aus 
dem Wege fegst du 

(im Sinne des Konsens
von Opfer und Täter) Du machst 
Atomwaffen und 

Angst. Und die macht uns:
unlogisch: das 

ist deine Macht. 
Du bist 

die gewaltvolle Besetzung 
all unserer Lebenswirklichkeiten:

Kein Ein. Kein Aus. 
Ein endloses 

Enter. Die Reproduktion 
von Sinn. Eine Konstruktion 

als Gegenteil 
Von Ethos. Von Demokratie. Eine 

Institution bist. Des Rassistischen.
Wem du dienst? 

Den Eliten. Wie das Patriachat
sich einschreibt: Bist du

Reproduktionsmittel 
und Missbrauch aller. Die Ausbeutung

einer Philosophie 
der Verstellung. Die Welt 

deine Bühne. Performance
aus Schlagzeilen. Schaffst 

einen Rahmen. Bist 
im Handel mit Leben 

und Tod (it´s all 
a game for the ones 

in power game:)

over. Von Anfang an 
ein geschrieben: Rück 

Koppelungs Schleife & Rückfall 
in die archaischen 

Vorstellungen 
der Macht. Du kennst 

keine Liebe, keine Demut. 
Bist eine Erzählung 

ohne Leerstellen, da
wo Eliten Gott 

spielen behauptest du 
die Eroberung irgendeines 

Paradises: Krieg.
Krieg: du bist 

eine künstliche 
Psychose, ein Sprechen 

mit dem Anspruch 
des Allwissens: Krieg.

Nie bist du Freiheit. Gewalt 
& Unterhaltung deine 

Narrationen. Krieg: A 
performing Act: 

da Form 
über Zensur 

die Inhalte manipuliert: 
nie Ausblick. Bloss 

Behauptung 
des Erhabenen (not 

funny sagen die) 
bist Handel 

als Grammatik 
der Mächtigen, das Gegenteil von 

Leben. Ersetzt du 
Vernunft 

durch Gefühle (not funny!)
besiegt 

sind alle. Ohne Frieden.
In dir:

Krieg. 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel 

Schewtschenko an Gogol

Taras Schewtschenko 

(Taras Hryhorowytsch Schewtschenko, ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, wiss. Transliteration Taras Hryhorovyč Ševčenko; * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März1861greg. in Sankt Petersburg) 

Sehr viele der großen russischen Schriftsteller und Künstler stammen aus der Ukraine. Sind sie Ukrainer oder Russen? Beides. So wie Mozart Deutscher und Österreicher ist, der Prager Kafka deutscher, österreichischer und auch tschechischer Autor, Celan zu Rumänien, der Ukraine, Frankreich und der Sprache und Kultur nach zu Österreich-Ungarn und Deutschland „gehört“, so Achmatowa und Bulgakow, Babel und Gogol zu den beiden Ländern und Kulturen, Kafka, Celan und Babel obendrein zur jüdischen und damit womöglich israelischen Kultur.

Im heutigen Gedicht redet ein „Exilukrainer“ den anderen an. Taras Schewtschenko, der in ukrainischer Sprache dichtete (und dem der Zar die Sprache sowie Rückkehr in die Ukraine verbot) und als Nationalautor der Ukraine gilt, richtet sein Gedicht an Nikolai Gogol, der in russischer Sprache schrieb und in der russischen Literatur als Klassiker gilt. Obwohl die Fälle ziemlich unterschiedlich sind, weist das Gedicht auf gemeinsame Hintergründe und Vertrautheiten.

An Gogol

SCHWARM auf Schwarm entfliegen meine Lieder; 
Eins zerreißt mein Herz, das andre drückt es nieder, 
Leis beginnt ein drittes Tränen zu vergießen 
Tief im Herzen, wo Gott selbst sie nicht hört fließen.

Wer wird meine Lieder grüßen, 
Wem kann ich sie zeigen, 
Wer errät den Sinn der Worte? 
Alle, alle schweigen.
Sind ja taub, gebeugt in Ketten, 
Leben nur zum Scheine...
Ja, mein großer Freund und Bruder, 
Du lachst, doch ich weine.
Aber was erwächst dem Weinen? 
Dürres Gras, nichts Grünes...
Keine Freiheitssalven donnern 
In der Ukraine.
Keinen Sohn erschlägt ein Vater 
Mehr mit eigner Hand 
Für die Ehre, für die Freiheit, 
Fürs Ukrainerland.
Nein, er zieht sie auf, verkauft sie 
Stückweis dann dem Zaren.
Sieh, das ist der Witwe Scherflein, 
Damit muß sie zahlen 
An den Zaren und die Fremden, 
Die sich ihm vereinen.
Laß sie, Bruder. — Doch wir werden 
Lachen, werden weinen.

St. Petersburg, 30. Dezember 1844

Deutsch von Hans Rodenberg, aus: Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Berlin: Verlag der Nation; Kiew: Verlag Dnipro, 1987, S. 132f

Begegnung

Ezra Pound

(* 30. Oktober 1885 in Hailey, Blaine County, Idaho; † 1. November 1972 in Venedig)

The Encounter

All the while they were talking the new morality 
Her eyes explored me.
And when I arose to go
Her fingers were like the tissue
Of a Japanese paper napkin.
Begegnung

Dieweil man über die neue Sittlichkeit sprach, 
Visitierten mich ihre Augen.
Und als ich aufstand, um wegzugehn,
Waren ihre Finger wie der Krepp
Einer japanischen Papierserviette.

Deutsch von Eva Hesse, aus: Ezra Pound, Personae/Masken. Gedichte. Englisch/Deutsch. Mit einem Nachwort von Eva Hesse. Ungekürzte Ausgabe. Von der Herausgeberin geringfügig revidierte Fassung der Ausgabe von 1959 (Arche, Zürich). München: dtv, 1992, S. 177

im kreis

Jayne-Ann Igel

Im kreis

wolltest nicht mehr im kreis gehen, nach anstalten, nie mehr, im kreise der familie das unausgesprochene ausbaden, in binnenseen, abtauchen und wieder auftauchen, mit nichts im maul als seetang, der sich in girlanden um die hüfte legt, den hals, ohne leuchtkraft, aber schnürend/ gehst alsdann doch im kreis, treibst die pumpe im brunnen an, aus dem nur die asche, kein stimmiges bild, keine metapher, nur asche –

[2021]

Aus: Mütze #34 (2022), S. 1752

Senryū über Corona

Gisbert Amm

VIER SENRYŪ ÜBER CORONA

În diesêm Sênryū 
ûber Corôna trâgen 
dîe Wôrter Mâsken.

In______diesem______Senryū 
über______Corona______halten 
die______Wörter______Abstand.

In diesem Senryū 
über Corona schert es 
die Wörter gar nicht.

In |||| diesem |||| Senryū 
über |||| Corona |||| wurde 
es |||| übertrieben.

Aus: Gisbert Amm: Das Fingerzeighaus. Gedichte. F.W. Bernstein: Zeichnungen. Berlin: Bübül Verlag, 2022, S. 55

Ghasel 15

August von Platen

(* 24. Oktober 1796 in Ansbach; † 5. Dezember 1835 in Syrakus, damals Königreich beider Sizilien)

Ghaselen 
15

Wer Gelder eingetrieben,
Durchbebt die Nacht vor Dieben;
Mir, der ich nichts besitze,
Vergeht sie nach Belieben.
Es dunkeln zwar die Lüfte,
Doch sind sie rein geblieben;
Da senkt des Himmels Wagen
Der Sterne heil'ge Sieben.
O lernt die Welt beschauen,
Dann lernt ihr auch sie lieben!
Bemächtigt euch der Tage,
Die Jedem schnell zerstieben!
Die Welt ist eine Tafel,
Noch viel ist unbeschrieben.

Aus: August von Platen, Gedichte (Ausgabe 1834)

Aus der Weißkohlmatrix

Kenah Cusanit 

(geboren 1979 in Blankenburg (Harz))

Weißkohl

Man braucht ein Messer, will man was über seinen Charakter erfahren. Einmal senkrecht durchtrennen bitte. Was sehen Sie: einen Engel, dessen Flügel in Flammen aufgehen oder eine Zypresse, die zu lang in einer Blumenpresse gelegen hat? Kohlschau ist I Ching für Anfänger. Geschwurbel, wie man heute sagt. Aber in die Küche zu den Fakten: Ziehen Sie das äußerste Blatt ab. Dann noch eins. Sehen Sie sich das an: weder stirbt's noch verändert's sich. Was ist das. Vegetative Palilalie? Aus der Weißkohlmatrix ist auch die Berliner Philharmonie gebaut, wirklich, ich hab’s erst auch nicht geglaubt.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2022. Hrsg. Matthias Kniep u. Nadja Küchenmeister. Frankfurt am Main: Schöffling, 2022, S. 138

Reim (Engl)

Konstantin Ames

Reim (Engl)

GOd today is too lazy
so an I choose to climb
a Schutthügel all the way
like an I planned to do such
a thing like other people perhaps
plan to murder s.o. of their own kind
on a Tier · Tiere waren da natürlich au
ch s war ja Neobarock in this era of pre-war

We were enemies before our friendship-play
began & hostile ones became my fellows
real friendship only comes from advers
city magdeburgisieren Make It New
I was that tree I sat next to in this
godforsaken Hasenheide I was
this heathen deeply ashamed
rasen und toben die Heiden
until in some sort of sun
light web a Kohlmeise
greeted me nodding

Manfred Winkler 1922-2014

(* 27. Oktober 1922 in Putilla, Bukowina, Rumänien; † 12. Juli 2014 in Jerusalem) 

Manfred Winkler wurde in der früher österreichischen Region geboren, als die zu Rumänien gehörte. Er ging zur Schule in der Kulturmetropole Czernowitz. 1940 wurde die Nordbukowina in der Folge des Hitler-Stalin-Pakts von der Sowjetunion besetzt. Eltern und Bruder wurden verhaftet und nach Sibirien deportiert. 1941 eroberten rumänische Truppen, die an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion kämpften, das Gebiet zurück, und jetzt wurde er von den rumänischen Behörden deportiert. Nach Kriegsende fiel die Nordbukowina wieder an die Sowjetunion, und Winkler wurde nach Rumänien ausgesiedelt. 1959 konnte er nach Israel ausreisen. Außer Deutsch schrieb er auch Hebräisch.

Mein Bart hat Wurzeln geschlagen

Ich hol mir die Nacht zum Spielen 
wie einen entschlüpften Ball,
der Himmel wölbt sich uns entgegen. 
Von allen Wegen
scharen sich Vögel dem Morgen zu. 
Noch ist alles unbewegt und winterklar. 
Ich wart auf einer Bank
                                           schon tausend Jahr, 
mein Bart, den ich von Propheten ererbt,
hat Wurzeln geschlagen
und saugt aus der Tiefe das bittere Salz.

Aus: 40 Jahre Israel : Die deutsche Sprache, deutschsprachige Literatur und Presse in Israel / Eine Anthologie hrsg. von Paul Tischler. Mit e. Einl. von Margarita Pazi und e. Geleitw. von Paul Tischler. München : Paul Tischler, 1988 (ISBN 3-924047—01-4) (= Impressum Heft 4/5, 1988) S. 25

Vor 90 Jahren geboren: Sylvia Plath

Sylvia Plath 

(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Mass.; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

An Appearance

The smile of iceboxes annihilates me.
Such blue currents in the veins of my loved one! 
I hear her great heart purr.

From her lips ampersands and percent signs 
Exit like kisses.
It is Monday in her mind: morals

Launder and present themselves.
What am I to make of these contradictions? 
I wear white cuffs, I bow.

Is this love then, this red material
Issuing from the steele needle that flies so blindingly? 
It will make little dresses and coats,

It will cover a dynasty.
How her body opens and shuts—
A Swiss watch, jeweled in the hinges!

O heart, such disorganization! 
The stars are flashing like terrible numerals. 
ABC, her eyelids say.
Eine Erscheinung

Das Lächeln von Kühltruhen vernichtet mich. 
Solch blaue Ströme in den Adern meiner Geliebten! 
Ich höre ihr großes Herz schnurren.

Wie Küsse springen Und- und Prozentzeichen 
Von ihren Lippen.
In ihrem Geist ist es Montag: Moral

Wäscht und präsentiert sich.
Was soll ich halten von diesen Widersprüchen? 
Ich trage weiße Manschetten, ich verbeuge mich.

Ist das also Liebe, dieses rote Material,
Das aus der Stahlnadel fließt, die so blendend dahinfliegt? 
Es wird kleine Kleider und Mäntel herstellen.

Es wird ein ganzes Geschlecht einhüllen.
Wie ihr Körper sich öffnet und schließt—
Eine Schweizer Uhr, an den Scharnieren Juwelen! 

Oh Herz, welche Unordnung!
Die Sterne funkeln wie schreckliche Ziffern. 
ABC, sagen ihre Lider.

Aus: Sylvia Plath: Übers Wasser. Nachgelassene Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: Luxbooks, 2013, S. 36f

Tücke des Feindes

Günter Kunert 

(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)

Tücke des Feindes

Nichts erfuhr
auf der Insel Ioa 
eine japanische Kompanie
vom Ende des Krieges, vom Stillstehn 
der Waffen, von der Verwundeten Austausch, 
Befreiung der Gefangenen, dem beginnenden Aufbau
zerstörter Häuser und Städte, sondern zog morgens
auf Wache, spürte hinter jedem Gesträuch nach,
erschreckt vom Ruf wilder Hirsche, mißtrauisch
gegenüber der Nachtigall, ob sie nicht etwa
ein getarntes Signal, vor Wachsamkeit
schlaflos und völlig zermürbt und hielt,
daß kein Feind kam, für eine besondere
Tücke des Feindes. 

Aus: Günter Kunert: Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 64

Warum Bäume nicht fliegen

Jiří Kolář 

(* 24. September 1914 in Protivín; † 11. August 2002 in Prag)

Würden
fliegen
sie
Eier
Bäume
könnte
Möbel
wären
eßbar
ich
ein
aus
Schrank
aus
gebratene
auf
Furnier
Essig
druckte
die
auf
erschiene
Zeitung
einem
schriebe
mit
Peitsche
den
schriebe
mit
Peitsche
den
führen
Leute
der
führen
Leute
der
ginge
endlich
Lebendige
es
Bäume
legten
auch
legten
Eier
man
essen
Möbel
machte
mir
Rippchen
einem
Salat
Stühlen
Hobelspäne
Sägmehl
mit
und
man
Zeitung
Beefsteak
die
auf
Beefsteak
man
der
auf
Rücken
man
der
auf
Rücken
die
aus
Haut
die
aus
Haut
es
ins
ginge
endlich

Aus dem Tschechischen von Konrad Balder Schäuffelen und Tamara Kafková. Aus: Jiří Kolář, Das sprechende Bild. Poeme – Collagen – Poeme. Mit einem Nachwort von Konrad Balder Schäuffelen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1971, S. 63f

Sonett 35

August von Platen

(* 24. Oktober 1796 in Ansbach; † 5. Dezember 1835 in Syrakus, damals Königreich beider Sizilien)

Sonette

35.

Wer möchte sich um einen Kranz bemühen,
Den unsre Zeit, die feile Modedirne,
Geschäftig flicht für jede flache Stirne,
Aus Blumen flicht, die zwo Sekunden blühen?
 
Wer wollte noch für das Vollkommne Glühen,
Wo man willkommen ist mit leerem Hirne?
Wer wollte fliegen gegen die Gestirne,
Wo Funken bloß aus faulem Holze sprühen?
 
Gereimten Aberwitzes Propaganden,
Fahrt ruhig fort, euch wechselseits zu preisen,
Und stellt euch nur, als wär ich nicht vorhanden!
 
Ein Zeitungsblatt ist leider nicht von Eisen,
Und wenn posaunt ihr seid in allen Landen,
Eins fehlt euch doch – es ist das Lob der Weisen.

Aus: August von Platen, Gedichte (Ausgabe 1834)

deutschland unter merkel

Tone Avenstroup

tyskland under merkel

menn mater
svaner i havel
ensomme menn fisker
på hver sin bredde av kanalen
snørene henger
i grå dis
falmede blad
driver forbi

deutschland unter merkel

männer füttern
die schwäne auf der havel
einsame männer fischen
jeder an seiner uferkante
die schnüre hängen
im grauen dunst
verblasste blätter
treiben vorbei

Aus: Tone Avenstroup, Silene. fünf serien und vier vereinzelte. fem serier og fire løse. Oberwaldbehrungen: Engstler, 2016, S. 11. Übersetzung aus dem Norwegischen von Tone Avenstroup mit Dank an Henryk Gericke

Ghasel

Heinrich Leuthold 

(* 9. August 1827 in Wetzikon; † 1. Juli 1879 in Zürich) 

Im sichern Hafen land ich nie; 
Mich selber überwand ich nie; 
Des Lebens Wechsel sucht ich auf, 
Doch seinen Reiz empfand ich nie; 
Mein Herzblut rieselt hin im Lied, 
Dies wunde Herz verband ich nie. 
Wohl hab ich oft geklagt, jedoch 
Mein herbstes Weh gestand ich nie: 
Die Schönheit, die ich früh geliebt, 
Die göttliche, umwand ich nie; 
Da wollt ich folgen der Vernunft, 
Doch ihren Wink verstand ich nie; 
Wieviel ich in der Welt erstrebt, 
Den Stein der Weisen fand ich nie.

Aus: Die Krokodile. Ein Münchner Dichterkreis.  Hrsg. Johannes Maar. Stuttgart: Reclam, 1987, S. 353