Aus Heines Faust

Heute vor 225 Jahren, am 13. Dezember 1797, wurde Heinrich Heine in Düsseldorf am Rhein geboren. Zum Anlass hier mal kein Gedicht, sondern ein Auszug aus einem weniger bekannten Prosawerk. Oder doch ein Gedicht – Heine bezeichnet das Genre als Tanzpoem. Sicher hat ihm seine klassische Bildung beigebracht, dass Poesie und Tanz in ihren Ursprüngen eng verbunden sind. Der Prosatext ist nur das Libretto des getanzten Poems.

Heinrich Heine

DER DOKTOR FAUST.

EIN TANZPOEM,
NEBST KURIOSEN BERICHTEN ÜBER TEUFEL, HEXEN UND DICHTKUNST.

(Beginn des 3. Akts)

Nächtlicher Schauplatz des Hexen-Sabbaths: Eine breite Bergkoppe; zu beiden Seiten Bäume, an deren Zweigen seltsame Lampen hängen, welche die Scene erleuchten; in der Mitte ein steinernes Postament, wie ein Altar, und darauf steht ein großer schwarzer Bock mit einem schwarzen Menschenantlitz und einer brennenden Kerze zwischen den Hörnern. Im Hintergrunde Gebirgshöhen, die einander überragend, gleichsam ein Amphitheater bilden, auf dessen kolossalen Stufen als Zuschauer die Notabilitäten der Unterwelt sitzen, nämlich jene Höllenfürsten, die wir in den vorigen Akten gesehen und die hier noch riesenhafter erscheinen. Auf den erwähnten Bäumen hocken Musikanten mit Vogelgesichtern und wunderlichen Saiten- und Blasinstrumenten. Die Scene ist bereits ziemlich belebt von tanzenden Gruppen, deren Trachten an die verschiedensten Länder und Zeitalter erinnern, so daß die ganze Versammlung einem Maskenball gleicht, um so mehr, da wirklich viele darunter verlarvt und vermummt sind. Wie barock, bizarr und abenteuerlich auch manche dieser Gestalten, so dürfen sie dennoch den Schönheitssinn nicht verletzen, und der häßliche Eindruck des Fratzenwesens wird gemildert oder verwischt durch mährchenhafte Pracht und positives Grauen. Vor dem Bocksaltar tritt ab und zu ein Paar, ein Mann und ein Weib, jeder mit einer schwarzen Fackel in der Hand, sie verbeugen sich vor der Rückseite des Bocks, knieen davor nieder und leisten das Homagium des Kusses. Unterdessen kommen neue Gäste durch die Luft geritten, auf Besenstielen, Mistgabeln, Kochlöffeln, auch auf Wölfen und Katzen. Diese Ankömmlinge finden hier die Buhlen, die bereits ihrer harrten. Nach freudigster Willkomm-Begrüßung mischen sie sich unter die tanzenden Gruppen. Auch Ihre Durchlaucht die Herzogin kommt auf einer ungeheuren Fledermaus herangeflogen; sie ist so entblößt als möglich gekleidet und trägt am rechten Fuß den güldenen Schuh. Sie scheint Jemanden mit Ungeduld zu suchen. Endlich erblickt sie den Ersehnten, nämlich Faust, welcher mit Mephistophela auf schwarzen Rossen zum Feste heranfliegt; er trägt ein glänzendes Rittergewand und seine Gefährtin schmückt das züchtig enganliegende Amazonenkleid eines deutschen Edelfräuleins. Faust und die Herzogin stürzen einander in die Arme und ihre überschwellende Inbrunst offenbart sich in den verzücktesten Tänzen. Mephistophela hat unterdessen ebenfalls einen erwarteten Gespons gefunden, einen dürren Junker in schwarzer, spanischer Manteltracht und mit einer blutrothen Hahnenfeder auf dem Barett; doch während Faust und die Herzogin die ganze Stufenleiter einer wahren Leidenschaft, einer wilden Liebe, durchtanzen, ist der Zweitanz der Mephistophela und ihres Partners, als Gegensatz, nur der buhlerische Ausdruck der Galanterie, der zärtlichen Lüge, der sich selbst persiflirenden Lüsternheit. Alle vier ergreifen endlich schwarze Fackeln, bringen in der obenerwähnten Weise dem Bocke ihre Huldigung, und schließen sich zuletzt der Ronde an, womit die ganze vermischte Gesellschaft den Altar umwirbelt. Das Eigenthümliche dieser Ronde besteht darin, daß die Tänzer einander den Rücken zudrehen, und nicht das Gesicht, welches nach Außen gewendet bleibt.

War da was? Rückblick auf eine Debatte (1)

L&Poe Journal #02-2022

2021 gab es eine aufgeregte und wüste Debatte um einen Aufsatz von Konstantin Ames.* Aus dem zeitlichen Abstand versuche ich eine Neubesichtigung. War da was war was da da was war da war was was war da was da war.

Im ersten Teil lese ich den Aufsatz (von dem es ausging, obwohl es gar nicht um ihn ging) Satz für Satz, um zunächst die Grundlagen zu überprüfen. Dem mag ein Blick auf die Debatte folgen.

Ich war damals beteiligt und Partei. Teils freiwillig, teils unfreiwillig. Ich kann nicht erwarten, dass meine Neubesichtigung aus dem Abstand von anderthalb Jahren bei den damaligen Kombattant- und Mitstreiter-Innen zur Klärung (Befriedung?) beitragen kann. Ich habe meine Meinungen – über den Text und die Debatte. Die Adjektive aufgeregt und wüst zeugen davon. Dieser Text ist (soll werden) für mich weder Schlussstrich noch Bilanz, welcher Art immer, sondern der Versuch, meine überbliebenen Meinungen zu überprüfen. Erst über den Text und dann vielleicht über die Debatte.

Ich habe meine Meinungen, ich erinnere mich an sie. Aber weiß ich, was herauskommt, wenn man irgendwelche analytischen Bestecke in den Prozess wirft? Ich ahne es nur.

Ein Verfahren, um zu den eigenen Meinungen etwas Abstand zu gewinnen, ist die Sukzession. Mit voller Absicht komponiere ich nicht einen Text, der erst dann veröffentlicht wird, wenn er geprüft und abgerundet worden (und der eigenen Meinung unterworfen) ist. Ich gehe Satz für Satz vor und veröffentliche das sofort portionsweise. Freunde und Kontrahenten sind eingeladen, genauso sukzessiv mitzulesen und mindestens nicht gleich volles Rohr draufzuballern. Wer zuerst schießt, also schreibt (o Gott, die martialische Sprache schon gleich!), mag zuerst im Vorteil sein – aber er wird dann ja auch von allen Seiten gesehen. Halali!

*) Den Beitrag gab es beim Signaturen-Magazin. Dort kann ihn noch heute jeder nachlesen. Anders die Debatte. Die fand in der damaligen Halböffentlichkeit eines Facebook-„Threads“ statt. Verschiedene Aufforderungen, bei Signaturen weiterzudiskutieren, fanden kein Gehör. Schon den damaligen Teilnehmern war es aus verschiedenen Gründen unmöglich, sämtlichen Verzweigungen auf Facebook zu folgen. Heute ist es praktisch unmöglich, die Debatte im FB-Dschungel auch nur zu finden. Wer zum Zwecke des Mitredens nachlesen will, bräuchte wohl tausend Seiten Bildschirmschnappschüsse.

Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs





er meint, das Ende des Lyrikbetriebs habe begonnen. Wenn der Anfang vom Ende noch (lange) nicht das Ende ist, warum machte die Debatte „von Anfang an“ den Eindruck von Endgültigkeit. Endgültiger Zerrüttung. Worum ging es eigentlich, um Geld? Aufmerksamkeitspunkte? Wegkicken des / der KontrahentInnen? Welcher Blumentopf war zu gewinnen / zertöppern?
„Grußwort“: A. sitzt von je der Schalk im Nacken.
Es ist eine Zahl, die mich zuerst darauf brachte – und Zahlen achten wir doch alle über alles; es ist die Zahl 600: Das ist die Zahl der Einsendungen zum Jahrbuch der Lyrik 2021; sie findet sich im Schutzumschlag dieser „bedeutendsten jährlichen Sammlung neuester (!) deutschsprachiger Gedichte“.
ob „wir alle“ wirklich Zahlen über „alles“ achten, kann bezweifelt werden. Ich habe in meinem Leben viel öfter beobachtet, dass mit Ablehnung reagiert wird, wenn man mit Zahlen kommt. Im Kern sind wir doch Romantiker geblieben.
Aber okay, es ist ein sprachlicher Kniff des Textes.
Von 600 Einsendungen ist auch im Jahrbuch 2022 die Rede.
„bedeutendsten“ (!!)
A. kommentiert hier nur mit einfachem (!) das Wort „neuester“. Dem „bedeutendsten“ oder, wie auch zu lesen war, „einzigen wahren“ Lyrikjahrbuch fehlt es an Unbescheidenheit nicht. Bei allem Respekt, haben die Macher oder Kritiker das ebenfalls langjährige Jahrbuch von Axel Kutsch wirklich so gründlich analysiert, dass sie es stillschweigend abtun können? Wollen sie es durch bewusstes Verschweigen „erledigen“? (Wir sind einmal bei der Militanz!)
– Aus Hochachtung vor den Kollegen Bonné, Kraus und Callies tat ich etwas, das ich mir geschworen hatte, nicht mehr zu tun.
Nicht mehr einzusenden, manche machen es wirklich, manche sprechen nur davon. Spätestens seit Oswald Eggers‘ „Ich will nie wieder beim Lyrikjahrbuch mitmachen“ ein running gag.
Ich schickte Poeme zum Lyrikjahrbuch; ein performatives Gedicht (2019), ein Fakesonett (2020) und eine semantische Übersetzung (2021). Alle drei Dingelchen kamen nicht auf den „Nein-Stapel“ (Chr. Buchwald), sondern wurden abgedruckt.Wer sich für die Gedichte von Ames interessiert, könnte hier dankbar ansetzen. Hat glaube ich keiner erst versucht.


Als ich ein Jahrzehnt zuvor in zwei Jahrbüchern (2008f.) vertreten sein durfte – und deshalb brachte mich die Zahl 600 ins Grübeln – las man in den Nachworten von Uljana Wolf und Ulf Stolterfoht von einer jeweils vierstelligen Zahl an Einsendungen … 9000 …  8000 … Ein Jahrzehnt später haben wir es mit einem Gutteil Einsendungen weniger zu tun. Selbst wenn alle Einsender die maximale Zahl von zehn Gedichteinsendungen ausgereizt haben sollten, wären zum amtierenden Jahrbuch nicht mehr als 6000 Einsendungen eingegangen.Ich ziehe zufällige 6 Stichproben aus dem Regal:
1984: „Strudel“
2000: „Fülle der Einsendungen“
2006: rund 10.000
2013: mehr als 900
2015: über 1000 Einsendungen
2020: k.A.

Die nicht repräsentative Stichprobe scheint den „Trend“ zu bestätigen.
Für die folgenden Fingerzeige verwende ich aus Gründen der Sprachökonomie und -ästhetik das generische Maskulinum; jede* und jeder* sind von Herzen gemeint.



„von Herzen“, klar
(hat aber nicht geholfen, stoßseufze ich im Blick auf die verbissene Diskussion)

Fortsetzung folgt.

Auftakt

Heute vor 60 Jahren, am 12. Dezember 1962, fand in der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin ein Lyrikabend statt. Auf Einladung Stephan Hermlins hatten zahlreiche junge Lyriker ihre Gedichte eingesandt, aus denen er vorlas. Da die Lesung sehr gut ankam, trugen anschließend die anwesenden Autoren weitere Gedichte vor, darunter Wolf Biermann mit Gitarre und Rainer Kirsch (Meinen Freunden, den alten Genossen). Nachträglich wurde die Veranstaltung aus politischen Gründen heftig angegriffen, Hermlin wurde kritisiert und musste von seinem Amt bei der Akademie zurücktreten. Lyrik mit Folgen. Trotz des Skandals verhalf der Abend einer neuen Dichtergeneration zum Durchbruch, die später die „Sächsische Dichterschule“ genannt wurde. Die Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) versuchte die Bewegung zu kanalisieren und veranstaltete große öffentliche Lyriklesungen, anfangs auch mit kritischen Autoren einschließlich Biermanns. Diese Lesungen bildeten die sogenannte „Lyrikwelle“ der Jahre 1963/65. Zu einer Lesung im großen „Marx-Engels-Auditorium“ der Berliner Humboldtuniversität erschienen um die 1000 Zuhörer (der Saal hatte 750 Plätze).

1963 erschien ein Band „Auftakt 63. Gedichte mit Publikum. Herausgegeben vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend“. Etliches an Blümchen- und Parteilyrik, aber auch einige Talentproben. Unter den Autoren der Anthologie waren Werner Bräunig, Heinz Kahlau, Bernd Jentzsch, Sarah und Rainer Kirsch, Karl Mickel, Uwe Greßmann, Heinz Czechowski und Adolf Endler. Zum Anlass ein Gedicht aus dem Band.

Adolf Endler

Definitionen

1
Ein Gedicht, heißt’s: gehöhlte Hand, in der sich
     die Schatten sammeln.
Ein Gedicht, meint ein andrer: Filter des Lichts
     einer untergehenden Sonne. 
Definitionen, in den Sand der Wüste gekratzt,

wenn schon die Staubwirbel kreisen
kurz vor dem Sturm.

2
Ich berechne mit jedem Gedicht, fiebernder
     Rechner, 
jede Nacht neu die empfindlichen Pfeiler der Brücke
Zum Nachbarn.


Aus: Auftakt 63. Gedichte mit Publikum. Herausgegeben vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend. Berlin (Ost): Neues Leben, 1963, S. 108.

Aus der Auftaktanthologie entwickelte sich die Reihe „Auswahl 19xx. Neue Lyrik, neue Namen“, in der von 1964 bis 1988 alle zwei Jahre ein Band erschien, ein ostdeutsches Lyrik(zwei)jahrbuch.

Frei wie deine Dichtung, nirgends und überall

Artur Lundkvist 

(* 3. März 1906 in Hagstad, Südschweden; † 11. Dezember 1991 in Solna)

Die Freiheit

                                                             aus: Elegie für Pablo Neruda

Und nun bist du frei wie deine Dichtung, nirgends und überall,     
         nicht länger gebunden an Ort und Zeit, befreit von der
         Kette der Siege und Niederlagen,
und es ist gleichgültig, wo sie dich schließlich begraben oder
         nicht, ob sie dich der Erde anheimgeben, dem Feuer oder
         dem Meer, womöglich heimlich, als fürchteten sie deine
         Auferstehung,
du bist frei wie deine endlos schweifende Phantasie, du kannst,
         der Biene gleich, alle Blumen dieser Erde besuchen oder
         wie Sturmvogel, Wind und Wolke die irdischen Länder
         überstreichen,
bist und bist nicht in einem blauen Rauchband oder dem jähen
         Duft einer Balsampappel, im gefallenen Laub, das am
         Schuh haftet oder im Geäst, wo du wie ein Vogelkönig
         sitzt in des Pollens goldener Maske,
und ob du einer ermatteten Schwalbe gleich auf der Erde ruhst
         mit abgespreizten Flügeln, bis du umarmt wirst von deinen
         geliebten Wurzeln und hinabsteigst in dein letztes Heim,
wo du sein wirst bei den Quelladern, den Mineralen und Edelsteinen, 
         die träumen und nicht träumen von der Auferstehung 
         in ihren unterirdischen Reichen.

Für dich keine Grabmale, keine Steinbilder, statt dessen wird die
         Erinnerung an dich fortdauern wie rinnendes Wasser, immer 
         in Bewegung, labend, tröstend,
so lebst du bereits im Tode, so spricht deine Stimme aus der
         Stille, leuchtet dein Lächeln aus dem Finstern wie ein erblühter 
         Jasminzweig oder ein Splitter Meereselfenbein,
die Natur trauert um dich und leckt ihre Wunden, die Vögel suchen 
         dich klagend, die Wellen fragen dir nach, das Meer wäscht 
         seine unzähligen Hände und spült das Blut zurück
         auf den Strand,
die Menschenmassen wälzen sich ruhelos, gequält im Halbschlaf, 
         gefangen in einem Alptraum, aus dem sie sich nicht
         zu befreien vermögen, geschlossen in das Labyrinth, das
         sie unwissend errichteten,
die finstren Massen, die du weiter durchstreifen wirst mit deinem
         Suchlicht von Zorn und unbezähmbarer Freude, mit deiner 
         Kraft, die fortströmen wird wie die unsichtbare Elektrizität,
bis Widerstand die weiße Flamme entzündet!

Deutsch von Richard Pietraß. Aus: Schweden heute. Ein Lesebuch. Hrsg. Gisela Kosubek und Anne Storm. Berlin: Volk und Welt, 1983, S. 483f.

Wasserschöpferin

Nelly Sachs 

(* 10. Dezember 1891 in Schöneberg, heute Berlin; † 12. Mai 1970 in Stockholm)

WASSERSCHÖPFERIN

Ich schöpfe Wasser aus einer Quelle
Bin zurück zu der Kindheit meines Volkes gelaufen
Bin ganz warm geworden
Durch den Wüstensand der Jahrtausende gelaufen
um bei meinem Volk zu trinken.
Rahels Spiegelbild schöpfe ich mit den Händen und küsse es
jetzt legt mir Gott einen Stern hinein 
Ganz nahe bin ich zu Gott gelaufen
Auch wenn ich Leitungswasser trinken muß
werde ich das Geheimnis der Quelle meines Volkes schmecken.

Aus: NELLY SACHS: WERKE. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Herausgegeben von Aris Fioretos. Band I. GEDICHTE 1940—1950. Herausgegeben von Matthias Weichelt. Berlin: Suhrkamp, 2010, S. 167

Lemminge

Àxel Sanjosé

Die Lemminge

Die                                          Felsen des Nordens
         schwarzen] wahren
das graugelbe] grenzgelbe Gras
eine] keine Wiese, gewesene Zeit <Zelt?>
kaum  einer Ruhe] Liebe wert
des Wortes] der Worte] Wörter
| : dröhnender] drehender  : | Wind
                          drohende      Welt

Sibelius
Die Themen] Säuglinge, vom Wickeltisch gefallen
<mit Bleistift: Adorno nachschlagen>
Auf den Grund] das Gras die Narbe
                                                   Farbe
auf die Welt kommen] gehen
Wirklichkeit] Wickeltisch
<unleserlich, gestrichen>

Aus: Àxel Sanjosé: Gelegentlich Krähen. Gedichte. Weilerswist: Landpresse, 2004, S. 75

Neujahrsgrüße aus der bösen Zeit

Leopold Marx 

(* 8. Dezember 1889 in Cannstatt ; † 25. Januar 1983 in Shavei Zion, Israel ) 

Aus: Neujahrsgrüße aus der bösen Zeit

1934

Manches Jahr schon haben wir mit Sprüchen
eingesegnet und zu Grab geleitet,
aber keins noch hat den Dichterküchen
so viel Hirn— und Herzensnot bereitet.

Redefluß. Triumphgebrüll . . . Wir schweigen.
Selbstvergottung, Hohn und Haß . . . Wir klagen.
Hängt ein Schwert am Himmel? — Lauter Geigen! ——
Jäger, Meute — auf zum fröhlichenjagen!

Ha, das edle Blut in deutschen Adern,
hört ihr’s singen nicht und mächtig rollen —
Recken reinster Rasse . . . Gummiquadern,
die zum Babelturm sich türmen wollen . . .

bis sie drohen zimbeln, drunten schmoren
einst — in tausend (oder zwanzig) Jahren.
Dann wird sich erweisen, was sie waren—
Welterneurer — wahnbetörte Toren.

Aus: Leopold Marx: Gedichte aus der Schaffenszeit von 1910 bis 1982, hrsg. in Zusammenarbeit mit der Schillergesellschaft von Werner P. Heyd. Gerlingen: Bleicher, 1983, S. 340f

Liebe

Henriette Hardenberg 

(geboren am 5. Februar 1894 in Berlin; gestorben am 26. Oktober 1993 in London)

Liebe

Zwei gehen nackt durch einen Wald,
Sie schreiten hoch
Und lachen mit den Vogelschreien.
Der wunde rasende Klang würgt ihre Kehlen.
In ihren Häuten brennen sie eisig,
Atemstücke brechen aus verschütteten Massen.
Menschen reißen sich höher:
Ihr Kopf starrt vor,
Augen, die tief bluten,
Stürzen in Schädel zurück.
Arme und Beine sind Stricke,
Sie meistern krachende Leiber.
Zwei fühlen sich breit verschmelzen und berühren sich nicht.
Sie schlingen sich um Bäume
Und brechen entzwei.

Aus: Versensporn 52. Henriette Hardenberg. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 9

Das Gedicht stammt aus dem einzigen Gedichtband der Autorin, Neigungen (München: Roland, 1918). Zuvor war es in der Zeitschrift Die Aktion erschienen. Das Heft von Versensporn enthält Gedichte aus den Jahren 1912-1991, es kostet 4 Euro.

Peter Handke zum 80.

Ich widerstehe der Versuchung, die Aufstellung des 1. FC Nürnberg zu bemühen. Stattdessen etwas Konventionelleres. Ein Gedicht „an“ etwas. Als hätte Benn das nicht verboten, das „an“dichten. Handke schreibt ein Gedicht „an“ und „über“ die Dauer. Der Schluß des Auszugs schlägt unerwartet den Bogen zum gestrigen Gedicht. Die Dauer:

(...) hätte sie eine Regel,
dann verlangte sie vielleicht nach einem Paragraphen 
und nicht nach einem Gedicht.
Ich habe sie ja erlebt auch als Reisender, 
als Träumer, als Lauscher, 
als Spielender, als Betrachter, 
auf einem Sportplatz, in einer Kirche, 
in sehr vielen Pissoirs.

Nähern möchte ich mich trotzdem 
dem Wesen der Dauer, 
es andeuten können, ihm gerecht werden, 
es zum Schwingen bringen, 
es, das mir immer wieder den Aufschwung gibt. 
Doch da stellt sich fürs erste nur eine Litanei 
aus vereinzelten Wörtern ein:
Quelle, Neuschnee, Spatzen, Wegerich, 
Morgenwerden, Abendwerden, Wundverband, Einklang.

Aus: Peter Handke, Gedicht an die Dauer. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986, S. 22f

Hier eine lange noch unvollständige Liste von Handkes Gedichtbüchern.

Der Tag ist nah, die Nacht ist alle

Blixa Bargeld 

(* 12. Januar 1959 in West-Berlin als Hans-Christian Emmerich)

Drachen






Totseinam Leben sein
Auferstehungschlafen gehen
jüngster Tagletzte Woche
behauptetenthauptet
vermutetentmutigt
ins ewige Leben eingehenausgehen
ins Fegefeuer geworfenaus der örtlichen Disco geworfen
wohnen im Hause GottesHausverbot in der Ruine
Der Tag ist nahDie Nacht ist alle

Aus: Blixa Bargeld: Stimme frißt Feuer. Berlin: Merve, 1988, S. 40

Kriegsszene

Petr Křička

(* 4. Dezember 1884 in Kelč; † 25. Juli 1949 in Okarec, heute Ortsteil von Třebíč)

Medynia Głogowska

Über den Kopf die erste, die zweite pfiffen,
fliegen viel dichter schon.
Tiefer geduckt, im ängstlichen Spott noch begriffen,
bieten die Burschen Willkomm.

Fünferhaubitzen, da sind sie herangaloppiert,
Herrgott, dein Wille geschehe!
Mach ihre Seelen stark, wie das Schicksal regiert:
Mütterchen, armes, flehe;

sieh, als ein Stern steh ich dann über dem Walde,
brennender Talglichtstumpf,
und in der Ferne, gehn und entschwinden die Jahre,
verblasse, erlösche ich dumpf.

Vater, den Brief küß ich im Geiste, und deine Locken,
Mädchen, so fern von hier.
Und eine Springflut‚ die furchtbaren Liebeswogen
sprengen die Herzfestung mir;

Liebe zu allen, die leiden. Das düstre Erzittern
des Herzens lösen die Welln,
und die Angst, Angst vor dem allzu bittren
Kelch, meines Volkes Kelch.

Lukášek, Vávra, rechtschaffene Burschen, ihr edlen
von dem mährischen Grund,
Gott wird einst richten. Wir, die wir ehrlich lebten,
sterben auch ohne Schuld.

‚Vorwärts!‘ Sie laufen, sie laufen nach meinen Befehlen,
schon in gelichteten Reihn . . .
Jesus, demütiger, stiller, den sie quälen,
du wollest bei uns sein! . .

8. 10. 1914

Aus dem Tschechischen von Roland Erb. Aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 3: 1900 – 1950. Hrsg. Ludvík Kundera. Leipzig: Reclam, 1987, S. 93/95

Medynia Głogowska ist ein Dorf im Südosten Polens. Im Ersten Weltkrieg fanden in dieser Gegend im damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Galicien blutige Kämpfe statt. Die jungen Burschen aus Mähren starben dort auf Befehl des Kaisers.

Bettelhort

Friedrich Bergammer 

(eigentlich Friedrich Glueckselig; geboren am 18. Dezember 1909 in Wien; gestorben am 9. Oktober 1981 in New York City)

Der letzte Hort

O Ewigkeit, du Bettelhort!
Vergänglich Sitte, Art, Kultur,
geknüpft an Mode, Zeit und Wort.
O Weltenschicksal! Unglücksspur!

Sie treiben uns von einem Ort
zum anderen. O Leidenskur!
Wir ziehn von einer Heimat fort
in eine andre Heimat nur.

Was bleibt uns noch als Ewigkeit,
der letzte Hort? Es ist vollbracht.
Wir sind der Platz der tiefsten Nacht.

Wir gehen auf die Wanderschaft.
Aus aller Länder Wurzelkraft
blühn wir zur Menschenähnlichkeit.

Aus: Feuerharfe. Deutsche Gedichte jüdischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Josef Billen. Leipzig: Reclam, 1997, S. 31

in den buchstaben ein zerschellen

Hansjörg Zauner 

(* 2. Dezember 1959 in Salzburg; † 30. Juni 2017) 

DAS ZERSCHELLEN DER WOERTER IN
DEN BUCHSTABEN UND DARUEBER HINAUS
DA VERWORTEN DIE BUCHSTABEN IM
DARUEBER HINAUS ZU ZERSCHELLEN
EIN ZERBUCHSTABEN DIE SCHELLEN IN
DEN WOERTERN EIN DARUEBER HINAUS
DAS DARUEBERHINAUS IN DEN WOERTERN
IN DEN BUCHSTABEN EIN ZERSCHELLEN
EIN ZERSCHELLEN DER BUCHSTABEN IM
DARUEBER HINAUS ZU DARUEBER HINAUS
DIE WOERTER ........
ZERBUCHSTABEN DAS DARUEBER HINAUS
ZERWORTEN DAS ZERSCHELLEN
ZERDARUEBERHINAUS

Aus: Hansjörg Zauner: zerschneiden das sprechen. Linz, Wien: edition neue texte, 1989 (unpaginiert)

Anna Louisa Karsch 300

Die Dichterin Anna Louisa Karsch, oft genannt die Karschin, wurde geboren als Anna Luisa Dürbach am 1. Dezember 1722, heute vor 300 Jahren, in Hammer bei Schwiebus, heute Świebodzin; gestorben ist sie am 12. Oktober 1791 in Berlin. Der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim ernannte sie zur „deutschen Sappho“. Was es ihr gebracht hat? Die Nachwelt hat bis heute (!) ihr Werk nur in Auswahl ediert, offenbar auch nicht zum Anlass des 300. Geburtstages*. Los, Verleger, straft mich Lügen.

*) Naja, bei der „pommerschen Sappho“ Sibylla Schwarz hat es noch 100 Jahre länger gedauert.

Ob Sappho für den Ruhm schreibt?
An die Frau von Reichmann
Den 10. März 1762.

Frau, schreib ich für den Ruhm und für die Ewigkeit?
Nein, zum Vergnügen meiner Freunde!
O das Gerüchte trägt nur eine kurze Zeit
Mit unserm Ruhme sich; sobald wir von dem Feinde
Der Menschheit überwunden sind,
Verflattert er so leicht wie Blätter, die der Wind
In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben.
Homer, Virgil, Horaz und Pindar sind geblieben;
Die Griechin aber nicht, die meine Leier trug,
So zärtlich war wie ich, nach ihrem Phaon frug
Und nach dem Leben nicht; sie flog zum Tode wieder.
Nichts blieb uns als ein Brief und zwei beflammte Lieder.
Die andern schrieb der Neid sich diebisch heimlich ab,
Und endlich fanden sie in einem Brand ihr Grab!
Oh, Sappho war berühmt! ihr Volk, ein Volk von Prinzen,
Trug seine Dichterin auf viel Gedächtnis-Münzen,
Und mancher Künstler hieb ihr Bild in Marmor aus,
Und Kenner redeten ihr Lob bei jedem Schmaus.
Halb Göttin war das Weib; neun Bücher schrieb sie voll
So schön, als wären sie geschrieben vom Apoll.
Und ach! von alledem, was sie so schön geschrieben,
Ist nur ein kleiner Rest für unsre Zeit geblieben!
Frau, solch ein Schicksal trifft auch meine Lieder einst’.
Wenn Du voll Zärtlichkeit bei meiner Asche weinst 
Noch ehe sich an mir die Würmer satt gefressen, 
Dann, Frau, hat schon die Welt mich und mein Buch vergessen.

Aus: Anna Louisa Karschin, Gedichte und Lebenszeugnisse. Herausgegeben von Alfred Anger. Stuttgart: Reclam, 1987, S. 74

Angekündigt: Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Claudia Brandt und Ute Pott. Göttingen, Niedersachs : Wallstein, 2022, 1. Auflage. Schriften des Gleimhauses Halberstadt #13. ISBN-978-3-8353-4932-2 416 Seiten, auch als eBuch („Eine Edition der schönsten und wichtigsten Briefe und Gedichte der berühmten Stegreif-Dichterin.“)

Mehr über Anna Louisa Karsch

Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs

L&Poe Journal #02-2022

Ein Mailwechsel (Teil 1)

Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen: Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs

Betreff: Aw: Stadtschreiber in Halle Datum: 10.10.2022 20:46 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>

Lieber Konstantin, danke für den Hinweis. Ich saß in den letzten 3 Jahren mit in unterschiedlichen Jurys und weiß vom Fehlen transparenter Argumente, dem Ausbleiben von Begründungen, die über den persönlichen Geschmack hinaus gehen, dem Mangel an Sprache beim Sprechen über Literatur und dem Ehrgeiz, seinen Geschmack durchzudrücken, weil die anderen Stimmen irgendwie auch als Angreifer auf denselben wahrgenommen werden, dem trostlosen Hin und Her zwischen Vorlieben und Analyse derselben, Begründung derselben, Legitimation des Eigenen, dem missgünstigen Blicken über den Tellerrand, der fehlenden Biografiearbeit, dem Blockaden am Ende der eigenen Lesebereitschaft und den verzweifelten Versuchen auch etwas anzusprechen, was nicht den Lesegewonheiten entspricht, was nicht dem eigenen oder dem Geschmack der anderen entspricht, den Kompromissen, den letzten beiden Namen im Briefumschlag, dem Zufall, der getragen werden muss, aber auch der viel zu schnellen Einigkeit, der zweifelhaften Zustimmung und der Arbeit, beidem auf den Grund zu gehen. Und ja, vielleicht mache ich eine Bewerbung.

Das Thema dieser Mail sei also Wettbewerb. Nun: Ich weiß es nicht sicher, aber meine Ahnung wird mit den Jahren immer fester. Es ist weniger wichtig was du schreibst. Wichtiger ist, wie DU! damit auftrittst und wen du kennst. Weil die die dich kennen erst sagen können, ob du stimmig bist; ach, und um Stimmigkeit geht es natürlich auch. Manchmal lernst du jemanden kennen, weil du gutes Zeug schreibst. Manchmal, weil du zur richtigen Zeit am richtigen Tisch sitzt und manchmal musst du dich ranschleimen, um jemand wichtigen als Freund zu gewinnen. Wenn jemand wichtiges dein Freund ist, dann wird der auch gut finden, was du schreibst, weil auch er weiß, dass es egal ist, was du schreibst.

Wie soll man Qualität auch erkennen? Immer gefangen im eigenen Lesehorizont, ist alles, was man nicht kennt, natürlich originell. Über die Blase der Präferenzen, kommt auch selten jemand heraus.

Hab ich letztens von K. gelesen, dass er W. gut findet, weil der auch Gedichte über die Provinz schreibt. Toll! So geht es für gewöhnlich weiter und immer so weiter. Guckst du dir die Finalisten beim Lyrikpreis X oder Xten Lyrikpreis an, fällt dir auf, dass es auch hier einen Ton gibt, oft ohne Ausschlag nach oben oder unten, reimund klanglos, tonlostrostloses Zeusch, mit der Tendenz zum Bierernst, aber nicht zu weit in Richtung Celan! Da wäre nicht mal Günter Eich angekommen. Die hätten seine Inventur aussortiert. Der Stallgeruch ein Trauerspiel oder Resultat der Sortierung immer gleicher Vorjuroren, der Kompromisse immer gleicher Jurorendiskussionen! Aber: ehrenwerter Ansatz: „Wenn ich schon nicht mit meinem Scheiß groß rausgekommen bin, probiere ich, von dieser Position aus anderen, die so schreiben, wie ich es mag, zu helfen groß raus zu kommen.“ Ein perpetuum-lyrik und weiter geht es. Natürlich gibt es hier einen großen Unterschied zwischen öffentlich gemachter Privathaltung und öffentlich gemachter Privathaltung. Obwohl… wohl besser zwischen dem, was persönlich gefällt und ausgezeichnet wird. Einen Unterschied zwischen Bekenntnis und Auszeichnung. Beides ändert sich durch a) neue Erfahrungen b) lange Weile c) Invasion etc. was auch immer einen aus der Komfortzone der eigenen Erwartungen und Haltung locken mag, innere Motivation oder äußerer Anstoß. Wir hatten jetzt eine längere Pause und ich bin nicht mehr auf dem Laufenden. Schreib mir doch kurz, was du so getrieben hast. Das Schöne an diesem ekelhaften Bekanntheitsgroove ist nämlich, wenn man jemanden ein bisschen kennengelernt hat, nimmt die Toleranz gegenüber dessen Erfolge im Betrieb zu. Und so schließe ich meine Mail mit diesem selbstverursachten Lächeln und weltbesten Stoff für ein Sonett.

Mit lieben Grüßen Micha

Betreff: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 10:21 Von: Konstantin Ames <—@—> An: michael spyra <—@—>

Müsste ich Priester sein, oder sonst ein stoischer Perv, um solche Verberei nicht zu mögen, erstrecht aber die Neohauptwörter: Literatrue, Lehreren, aber vor allem: d*r Gechmack. Da steckt etwas drin, das wir laut Stirner endlich groß schreiben oder damit aufhören sollten: Ich. Nach meiner Erfahrung sind Juryker in ihren Sitzungen Menschen weniger ähnlich als Spiegeln. Da das aber kein gutes Bild gibt, ersetze x Spiegel durch – – – Seeigel, das ist natürlich animal appropriation, und wir machen -weil wir es können, verdammt — aus dem S-Wort einen Sehspiegel, und sind dem Juryker immer noch näher als dem Mensch, der den Pfiff gehört hat. Seinen Pfiff. Und dann fing er auch an zu pfeifen. Pfiff erstmal so. Dann sah er eine Sozialisation. Pfiff sie an. Die war nicht sehr musikalisch, spielte aber Cello oder Cembalo. Sozialisation war ihm zu hölzern, auch zu wenig animiert. Da ploppte es immer öfter in seinem Ohr. Das musste was sein. Nein! Es sollte etwas sein. Einfach so. Andere sagten: Das ploppte aber schon vorher. Und ein richtiger Plopp kann niemals im Ohr sein. Kunstplopps ploppen nicht im Ohr. Sondern im Finger, im schönen Finger. Oder im Hals, im schönen Hals, aber nie und nimmer im Finger. X schnitt sich die Finger gedanklich ab. Poetisch gedacht, tut eben nicht nur manchmal weh. Lügt daran, dass man in der Wüste Denn wohnt. Er hätte auch den Namen der Finger abgeschnitten, bloß: Das hätte er vorher tun sollen. Dann hätte aber niemand seine Finger gekannt. Neue Finger wachsen nicht so schnell nach. Sind ja Bäume. Ja, Finger sind Bäume. Finger sind Bäume, die aufs glibberige Haifischpipi da oben zeigen. Doch! Zigmal gesehen. Nicht? Achso, geträumt ist nicht gesehen. Stimmt diese Stimme? Nein, ich meine nicht die Stimme der Metapher. Ich meine die Stimme. Stimmt die denn? Ist die nicht vielleicht falsch. Nein, eine Stimme kann man nicht ankreuzen. Ich meine auch nicht die Stimme zwischen Buchdeckeln oder die Stimme unterm Sargdeckel. Ich meine nicht die höhere Lyrikstimme. Nicht die hochtimbrierten Dinger am Sonntagabend auf Radioeins. „Böse Menschen haben keine Lieder. Warum haben die Russen Lieder?“ — Wer hat das gesagt? Warum höre ich lieber Russisch, das ich nicht verstehe, als diese ausgefuchsten Abgefuckten, die Wetten abschließen, wer denn nun am weitesten spuckt. Erinnerungsrest an den Chandos-Brief: Da ist irgendwo eine Gießkanne. Löcherig? x weiß nicht. Test 1, denn wir wissen es längst: Es geht nicht um den Text. Test 2, denn wir wissen etwas längs dazu: Es geht um den Text, denn es geht um den Dichter, pardon derzeit: D[x]ter. Ey, kreuz einfach irgendwas an, ok? Sagt die Ironie. Aber das Rhizom sagt: Der Beginn von allem ist der Streit. Nichts Gutes beginnt gut, freundlich, lyrisch. Das ist mit der Jurysitzung nicht anders als mit dem Puffbesuch. Gibt es nicht auch gute Gründe, beides sein zu lassen. Spaß zu Spaß: Bisschen Spiegel musste sein. Herein marschiert die Dezision, die mit dem Carl-Schmitt-Orden dran, und sie tut was sie kann, sie drillt wie der Vogel tiriliert. Wieder bei den Tieren und auch den Zwitschermaschinen, lieber schreiben lassen, einen fahren lassen, gelassen sein, als … ja, was denn eigentlich?! Sie müssen ´einen raushauen´, sonst werden sie alle noch abgeschafft. Juryker sind die Junker von heute, und die Junker sind noch nicht ganz weg. Oh-oh.

Auch liebe, aber auch berauhigte, Grüße K.os

Betreff: Aw: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 11:24 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>

Da aber was? Schlägt dem Zwitscher die Gurgen quer und hängt den Zilpzapp, der Zappellahm: Es unregelmäßigt im Gewonheitsgetriebe… Moment! Da aber noch was: guck ich mal nicht richtig weg, schon rollt der nächste Kopf durchs Bild und schlag Alarm. Ach, niedlich, neidisch ist ich wieder. Neiddebatte hossassa! Versuch ich zu erklären: „Nein, ich wundere mich nur, dass das möglich ist, weil es doch so offensichtlich ist.“ werd ich mit anderem Ton überzwitschert: „Nein, er wundert sich doch nur, dass so etwas möglich ist!“ Aber eine Antwort bleibt er mir schuldig. Der Betrieb, der bleierne Bleisarg mit der Liste auf dem Beistelltisch: Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen. Also gehörst du dazu, wenn du neidisch auf andere bist. Denn du meinst ja, dass du einen Neidanspruch hast, weil du in derselben Liga spielst. (Regionalliga Ost!) Und trotzdem nein! Wer absteigt und aufsteigt legt nicht der DFB fest oder PEN, seis mit oder ohne -Berelien. Vereinzelt ein gutes Gedicht hier oder da und einer der schreibt. Tatsächlich ja! Erst eine Redaktion die sich erkundigt, dann der Kontakt und da ist dann jemand, der sagt: „Hat mir wirklich gut gefallen.“ Und ist weder Juror noch Mentor oder Autor und nun!? Was mach ich mit dem Lob, wenn es dabei bleibt? Es läuft mir den Bückel rünter und stärkt mein Rückgrat gegen den Neidanfall, Neidanschlag.

Warum neidisch sein böse ist, erkundige ich mich bei der Aufsicht und werde vermerkt: Name, Alter, Beruf, Vorerkrankungen: Neid! Na so was. Da zeig ich hier hin und dort hin und dann wird es schwer das alles auseinanderzuklamüsern. Und dann war es schon immer so und ich wisse doch, was ich tun müsse um dazu. Und wie könne ich denn erwarten dass… Wenn ich also schreibe, weil gefällt, dann gefällt? Nein, so einfach ist es auch nicht, ich hab ja noch meinen Namen und meinen Bekanntenkreis, mal besser mal schlechter. Wohin jetzt mit mir mit meinem Getexte und dem? Das weiß ich doch irgendwie, dass es anderen auch so…

Also heraus damit. Lesebühne, Kochstudio, Herrenkrug … Jurybeschimpfung!

Und dann einen Verlag finden, der mir den Kram auf Kommission druckt oder ganz selber machen und fertig mit dem Firlefanz, dem Flimmer, Flirren, Tirilieren.

Aber aussteigen kommt nicht in Frage. Dann doch lieber noch einen nachsetzen:

A) schreibste was gefällt und passt dich ein wenig besser ins Kollektiv (Oh fuck, da hab ich mir jetzt selbst ne Gänsehaut geschrieben! Die Biografiearbeit lässt herzlich grüßen.) B) du machst auf die Missstände BUH! die Missstände… BUH!… du machst auf die Missstände…BUH!… du machst BUH!

und Ende