Was der C.H. Beck Verlag da gemacht hat, ist äußerst verdienstvoll. Nach dem Roman „Ich hielt meinen Schatten für einen Andern und grüßte“, legte er 2011 den Gedichtband „Idylle, rückwärts“ auf. Der Band enthält eine starke Auswahl von Drawerts lyrischen Texten aus den letzten drei Jahrzehnten, und der Verlag hat dieser Auswahl genügend Raum geschenkt. Sie erstreckt sich über ca. 270 Seiten und ist mehr als nur ein Einblick in die verschiedenen Schaffensphasen. Ziemlich genau in der Mitte findet sich unter dem Titel: „Die Lust zu Verschwinden im Körper der Texte“ eine Sammlung instruktiver Essays zur Dichtung und zum Gedicht. Sie alle kreisen meiner Meinung nach um das Thema Freiheit. Freiheit der Kunst, Freiheit in der Kunst und Freiheit angesichts der Kunst. Mich hat die Sammlung eine Zeitlang beschäftigt, und wie es aussieht, wird sie es auch noch eine Zeitlang tun. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry.com
Kurt Drawert: Idylle. Rückwärts. C.H.Beck, München 2011
Silke Peters
also ich hab das mal versucht
mit dem Kalthalten, Kaffee, Zigaretten und so
an meinen Unterarmen waren Landkarten
die Füße leicht betäubt
also ich hab schon mal Leichenflecken
gesehen an den Beinen meiner Mutter
als der Arzt kam die Todesursache einzuschreiben
(keine schöne Arbeit so was)
rief der: die liegt zu warm
ich öffne die Fenster
(Meine Anthologie 2002)
In der „Literarischen Welt“ erlaubte sich Willy Haas im Oktober 1928 eine bissige Bemerkung über politisierende Literatensnobs. So einer, meinte Haas, nehme sich gern wichtiger als die ganze Moderne. Becher halte seine Gedichte sogar für schöner als Goethes schönste Verse. „Das war mein Bestes“ war eins von ihnen, und es beschrieb das Beste so: „Daß Schulter an Schulter ich mitschritt / Im Marschschritt der Arbeiterheere, / Daß meinen Herzschlag / Gleichtakt der Herzen-Millionen trug, / Herzwelle einer heiligen Herzflut…“ Bis Becher 1953 eine Totenklage auf Stalin anstimmte, mußte einiges geschehen. In Moskau hatte er selber vor dem Großen Terror gezittert. Als Stalin gestorben war, griff er trotzdem in die Harfe. Seine „Danksagung“ ist so verkitscht, daß der Verdacht auf Ironie aufkommt. Doch darum handelt es sich nicht. In der sechsten Strophe triumphiert die Trauer inniglich. Stalin schreitet durch deutsche Lande und wird gepriesen: „Dort wirst Du, Stalin, stehn, in voller Blüte / Der Apfelbäume an dem Bodensee, / Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte, / Und winkt zu sich heran ein scheues Reh…“Nein, lyrische Höhen erklimmt Johannes R. Becher wahrlich nicht. Ein besseres, ein ganz anderes Gedicht von ihm hat gerade Günter Kunert in der „Frankfurter Anthologie“ vorgestellt. Es heißt „Walt Disney“, und die erste Strophe lautet: „Die Dinge auferstehn aus ihrem Schweigen, / Als wären sie zu lange schon verdingt. / Und das geringste Ding auch schwingt und singt, / Tanzt mit in einem wunderreichen Reigen.“Die verblüffende Mixtur aus Rilke und Ringelnatz enthält genug vom Dichter Becher, um ihn als Mann der Sprache auszuweisen. / Jost Nolte, Die Welt, verreißt die Becherbiografie von Jens-Fietje Dwars
„Verlegen ist Männersache“
So überschreibt Richard Kämmerlings einen Bericht über die Schwierigkeiten des Dichters und Hanser-Verlegers Michael Krüger, einen Nachfolger für sich zu finden – nicht als Dichter, sondern als Verleger. Eine Frau als Verlegerin?
„Das kann man ganz deutlich sagen. Das wird sie hundertprozentig nicht“, wird Michael Krüger jetzt in der „Zeit“ zitiert: „Da müsse ein ganz anderer Typus her, das könne man Elisabeth Ruge gar nicht zumuten, außerdem habe sie ja zwei Kinder“, so Krüger gegenüber der spürbar irritierten Gesprächspartnerin Iris Radisch, die es selbst immerhin hingekriegt hat, ihren Job als bekannteste deutsche Literaturkritikerin mit drei Kindern zu vereinbaren.
Wenn Krüger so eine patriarchalische Unverschämtheit nicht bewusst äußern sollte, um Ruge in letzter Minute doch noch zu vergraulen (bislang sind die Verträge offenbar nicht unterschrieben), dann redet hier aufs Schönste ein Machotum alter Schule frei von der Leber weg.
Die Welt 28.10.
Vgl. 117. Frauensache
Wie man den Büchnerpreis gewinnt
Der wichtigste deutsche Literaturpreis wird seit 60 Jahren verliehen. An welche Autoren eigentlich? Klar ist: Der Büchnerpreisträger muss schullektüretauglich schreiben. VON ANGELA LEINEN, taz 29.10.
Ich vergleiche Geld gern mit einem Gedicht. Denn auch ein Gedicht bewahrt stets seine Struktur, so wie eine Goldmünze ihre Prägung behält. Beides sollte und kann nicht geändert werden, wenn es einmal geschrieben bzw. geprägt wurde. Übrigens hat sich Goethe, wie man im „Faust“ nachlesen kann, zu diesem Thema viele Gedanken gemacht. / Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, in BILD
Überhaupt ist es dieses Eröffnungskapitel, das mit seinen akribisch recherchierten Details zu den Lebensumständen des Dichters im umkämpften Berlin die Stärken dieser Biografie zeigt. Hof konzentriert sich auf die Erschließung der Fakten und wahrt eine auffällige Distanz zu den meist ideengeschichtlich orientierten oder weltanschaulich aufgeladenen Lebensbeschreibungen, die in der Rezeption bislang dominierten. Freilich bringt dieses nüchtern-positivistische Verfahren nicht nur Erkenntnisgewinne. Unterbelichtet bleiben viele poetologisch-ästhetische Fragen, wenig Neues erfährt man auch über Benns letztlich gescheiterte Anbiederung an die Stallwärme der faschistischen „Volksgemeinschaft“.
Eine fast vollkommene Leerstelle bleibt das Verhältnis zwischen Benn und Brecht, deren Werk viel mehr untergründige Parallelen aufweist – im Habitus der Kälte, im Frauenbild und im hedonistischen Gestus der späten Gedichte –, als Hof in seinen mageren Ausführungen dazu erkennen lässt. Dennoch: Wer künftig den Lebensspuren des „Artistenmetaphysikers“, des „halluzinatorischen Egoisten“ und großen Frauen-Verlassers folgen will, wird ohne Holger Hofs Lebensbeschreibung des „Mannes ohne Gedächtnis“ nicht auskommen. / Michael Braun, Badische Zeitung
Holger Hof: Gottfried Benn – Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biographie. 540 Seiten, Klett-Cotta Verlag, 26,95 Euro.
Im Gespräch mit Gerrit Bartels antwortet Büchner-Preisträger F.C. Delius auf Artikel in der SZ und FAZ, die seine Auszeichnung kritisiert haben: „‚Das ist üblich‘, sagt er, ‚das wird oft so gemacht. Ich bin seit über 40, nein, man darf es gar nicht sagen, seit fast 50 Jahren in diesem Literaturbetrieb. Ich kenne die Rituale. Da ein Kritiker im Schnitt vielleicht ein, zwei Bücher von den namhaften Autorinnen und Autoren kennt, da alle wenig oder fast nichts voneinander wirklich gelesen haben, hat dieser Betrieb börsenhafte Züge.'“
Einmal hat er sich zum unerbittlichsten Kritiker seiner selbst gemacht, als er in dem spielerischen Büchlein „Die Minute mit Paul McCartney“ von 2005 eine Rezension über sich schrieb. Auf 66 verschiedene Arten schildert Delius eine Begegnung mit dem gerade seinen Hund ausführenden Beatles-Musiker Paul McCartney 1967 im Londoner Regent’s Park. Als Anagramm zum Beispiel, als Eilmeldung, als Augenzeugenbericht. Und eben einmal als Rezension: „Wieder einmal scheitert Delius“, heißt es da. „Auch in seinem neuen Buch kann er sich nicht entscheiden zwischen Roman und Dokument, zwischen lyrischer Kurzform und epischer Breite, zwischen Realismus, Autobiografie und literarischem Spiel. Was für ein großer Roman über die Vorzeit von 1968 hätte hier entstehen können! (…) Dieser Autor kann nicht erzählen oder will nicht erzählen. Noch schlimmer: Er weigert sich beharrlich, so zu schreiben, wie er nach unserer maßgeblichen Meinung schreiben sollte.“
Delius hat hier auf einer knappen Buchseite präzise zusammengefasst, was Literaturkritiker seit seinen Anfängen als Lyriker in den mittleren 60er Jahren an ihm auszusetzen hatten – und er hat es mit großem Vergnügen getan, wie er sagt. (…)
Jetzt, im Café Manstein, sagt er lieber, dass er sich immer gern an einen Ausspruch des britischen Schriftstellers John Donne gehalten habe: „To find out what you cannot do – and than go and do it. Man muss scheitern können, man muss Risiken eingehen, sonst hat das Schreiben keinen Sinn.“
Lyrik entspricht wohl am wenigsten unserer heutigen von den Finanzmärkten beherrschten Welt. Dennoch werden weiter Gedichte geschrieben und veröffentlicht, nicht selten in schönen bibliophilen Ausgaben. Einige davon werden in dieser Ausstellung präsentiert, darunter auch Werke des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer. Hinzu kommen bemerkenswerte Lyrik-Taschenbuchausgaben und Plakatgedichte. / Wiesentbote
Der tschechische Schriftsteller, ehemalige Diplomat, Politiker und frühere Chef des internationalen PEN-Klubs, Jiří Gruša, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Das meldete das Tschechische Fernsehen am Freitag. Gruša war unter anderem auch tschechischer Botschafter in Österreich und Leiter der Diplomatischen Akademie in Wien.
Gruša sei am Freitag während einer Herz-Operation in einem Krankenhaus der deutschen Stadt Hannover gestorben, hieß es weiter. „Für das tschechische Zentrum des internationalen PEN-Klubs ist das ein harter Schlag und eine große Trauer. Wir hatten ihn wirklich sehr gern“, sagte der Chef des tschechischen PEN-Klubs, Jiri Dedecek. / kurier.at
Bekannt wurde Gruša in den sechziger und siebziger Jahren mit erotischen Gedichtsammlungen wie «Anbetung der Janinka». Er gehörte zu den Unterzeichnern der Charta 77, die mehr Bürgerrechte in der kommunistischen Tschechoslowakei forderte. Nach Erscheinen seines regimekritischen Romans «Fragebogen» wurde Grusa 1978 zwei Monate inhaftiert.
Mit dem tschechischen Ex-Präsidenten Václav Havel entwickelte sich in dieser Zeit eine enge Freundschaft. «Was hatten wir in dieser unfreien Welt für Möglichkeiten?», sagte Gruša im September in Prag.
Abends habe man sich mit Freunden in einer guten Kneipe getroffen. «Da konnten wir bei unseren Diskussionen natürlich die Welt verändern – und dann haben wir es auch getan», erinnerte sich der Dichter. … Während einer Auslandsreise in die USA wurde Gruša 1981 ausgebürgert und findet in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat. Zunächst habe er den Verlust der Muttersprache im täglichen Umfeld als eine «kleine Hinrichtung» empfunden, erinnerte sich Gruša. «Nachdem ich das überlebt hatte, wurde Deutsch die Sprache meiner Freiheit», sagte der Dichter. / NZZ
Der Literaturwissenschaftler, Essayist und Lyriker Heinrich Detering wurde von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für drei Jahre zum Präsidenten gewählt.
Er tritt die Nachfolge von Klaus Reichert an, der seit 2002 die Präsidentschaft inne hatte und sich nicht mehr zur Wiederwahl stellte.
Neu gewählt wurden ebenfalls die drei Vizepräsidenten:
Neu gewählt wurde auch der Beirat mit sechs Mitgliedern:
*) ach nein, sorry, 1 Frau ist ja dabei. (Warum sollen die Akademiker schneller sein als Topmanager?)
„Seife will schäumen. Seife macht rein. Wer sich nicht einseift, endet als schwer zu ertragender Zeitgenosse“, schrieb bereits Robert Gernhardt in einem Gedicht. Dem würde wohl jeder zustimmen. Doch andere Zeilen wie „Seife ist eckig. Seife wird rund“ sind für Kinder kaum noch nachvollziehbar. / Die Welt
Na, wenn das mal nicht umgekehrt ist!
Auch schön:
Wer unverständlich schreibt, liebt auch die DDR
schreibt Die Welt und meint Uwe Johnson – und jeder, der Johnsons Romane nicht gelesen hat oder, was auf dasselbe hinausläuft, in der Schule damit gequält wurde, wird ihr zustimmen.
Ich protestantischer Heide (hab Johnson gelesen, aber nicht in der Schule) exorziere die mit dem „Atomdichter“ Einar Bragi:
Menschen werden oft zu Konservativen, wenn ihnen etwas gegeben wurde, an dem sie sich festklammern können. (In: die horen Nr. 242, S. 179)
(Aber Vorsicht, Seife ist rutschig. Jedes Kind weiß das)
Der neue Süd-West-Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) dichtet auch und hat den Band „Politikergschwätz“ veröffentlicht. Die Südwestpresse zitiert aus seinem Gedicht „Politische Logik“
Sagt ein Schwarzer mal zu dir: / „Zwei und nochmal zwei gibt vier“, / musst als Roter du verneinen, / dir zuliebe und den Deinen. / Stellt dann aber tags darauf / Rot die Gegenthese auf, / die alleine richtig sei: / „Vier besteht aus eins und drei“ / protestiert aus reinem Sport / Schwarz und widerspricht sofort. (…)
Der kärntnerisch-slowenische Schriftsteller und Kämpfer für Minderheitenrechte hinterlässt ein umfangreiches Werk. 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.
„Du sprichst eine Sprache, die in meinen Ohren fremd klingt“, schreibt Janko Messner im Gedicht „Lieder für Ivo“. „Aber jede Sprache ist Musik in offenen Ohren und offenen Herzen.“ Der Kärntner-Slowene, 1921 in Aich nahe Bleiburg geboren, war neben seiner literarischen Arbeit auch politisch aktiv. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Schwarzweiße Geschichten“ (1995) und das „Kärntner Heimatbuch“ (1980). 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Vier Jahre später schickte er es an Bundespräsident Heinz Fischer zurück, weil der ORF seinen Film „Vrnitev/Die Rückkehr“ nicht ausstrahlte. Darin geht es um die Vertreibung hunderter Kärntner Slowenen durch die Nazis im April 1942. Das Ereignis wurde in Kärnten jahrzehntelang totgeschwiegen. / Die Presse 28.10.
„Läßt die Literaturkritik an unseren Schriftstellern, wie sie in den Zeitungen A..bladid* und Morgunbladid* zu lesen ist, wirklich so viel zu wünschen übrig, wie einige meinen?“
„Sie ist amüsant und nicht so unsinnig, wie manch einer glaubt. In dieser ganzen Diskussion um die Qualität dichterischen Schaffens stellt jedoch der Kritiker selbst mit seiner Besprechung den Gipfel dar. Wer als Dichter mit seinem Werk darüber nicht hinausgelangt, der wird erlöst.“
/ „Die traditionelle Gedichtform ist nun endlich tot…“ Interview mit dem Dichter Steinn Steinarr. In: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik 56 (242) 2011, S. 197. Original erschienen in: Tímarit Líf og List 7/1950 (Aus dem Isländischen von Dirk Gerdes)
(Das Islandheft der Zeitschrift mit dem Schwerpunkt: Islands „Atomdichter“)
* Die diakritischen Zeichen vereinfacht oder weggelassen
Neueste Kommentare