43. Dichter und Rock-Musiker Ivan „Magor“ Jirous gestorben

 

Im Alter von 67 Jahren ist am Donnerstag in Prag der Dichter und Rock-Musiker Ivan Martin Jirous, genannt Magor gestorben. Dies berichtete der Internetserver lidovky.cz. Jirous war eine Legende der tschechischen Underground-Szene und ein Symbol des Widerstands gegen den Kommunismus. Zu seinen berühmtesten Gedichtsammlungen gehört „Magors Schwanengesang“ (Magorovy labutí písně), für den er den Tom-Stoppard-Preis erhielt. Zum ersten Mal erschien das Werk in den 1980er Jahren als Samizdat-Ausgabe. Sein Gesamtwerk wurde 2006 mit dem renommierten tschechischen Jaroslav-Seifert-Preis ausgezeichnet.

Der Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker ist indes zunächst vor allem als Bandleader der Plastic People of the Universe berühmt geworden. Er unterzeichnete die Charta 77. Aus politischen Gründen wurde er in den 1970er und 1980er Jahren fünfmal verurteilt und verbrachte insgesamt achteinhalb Jahre im Gefängnis. Nach der Samtenen Revolution wurde Jirous Mitglied des PEN-Klubs. Der Dichter engagierte sich auch weiterhin politisch. Er setzte sich beispielsweise für die Errichtung einer US-amerikanischen Raketenabwehr-Radaranlage in Mittelböhmen ein.

Wikipedia:

Ivan Martin Jirous, auch bekannt unter seinem Pseudonym Magor (* 23. September 1944 in Humpolec, Protektorat Böhmen und Mähren; † 10. November 2011 in Prag) war ein tschechischer Lyriker, Kritiker und Kunsthistoriker. Er war eine der zentralen Figuren des tschechischen Underground.

Er war der Initiator der Musikgruppe Plastic People of the Universe, deren Verbot durch das Regime einer der Anlässe für die Charta 77 war.

Ivan Martin Jirous (September 23, 1944[1] – November 10, 2011[2]) was a Czech poet, best known for being the artistic director of the Czech psychedelic rock group The Plastic People of the Universe and later one of organizers of Czech underground during the communist regime. He is also known more frequently as Magor, which can be roughly translated as „loony“ or „blockhead“ and is supposedly derived from „phantasmagoria“, author of this nickname is „experimental“ poet Eugen Brikcius.[1] His wife, Věra Jirousová, wrote a good number of the Plastics‘ early lyrics.

Trained as an art historian but unable to work as such under the Communist regime in then Czechoslovakia, Magor/Jirous was a member of the dissident subculture there. His particular contribution to Czech dissidence was his work on the concept of the „Parallel Polis,“ or „Second Culture.“ Magor believed that simply expressing oneself through art could ultimately undermine the totalitarian system.

He was friends with Václav Havel, and is mentioned several times in Havel’s Letters to Olga.

References

  1. a b Doležal, Miloš (2009-09-23). „Miloš Doležal: Ježatý Magor z Humpolce“. Hospodářské noviny. Retrieved 27 February 2010.
  2. ^ „Zemřel básník Ivan Martin Jirous. Legenda českého undergroundu“. http://www.lidovky.cz. November 10, 2011. Retrieved November 10, 2011.

External links

The Prague Post Blogs / Ivan Jirous: Madman From the Underground, Prague Post /

42. Mehr von Pan

Heute neu in poetenladen.de vier Gedichte von Frauke Tomczak, eines davon mit dem Titel »Pan« .

41. Keine Panik

Die in Gedichtform gegossenen Sedativa von befindlichkeitsfixierten Momentaufnahmen werden wohl niemanden aus der Siesta reißen. …

Obwohl Hummelts Texte vor allem die gediegene Ruhe von »pans stunde« wieder in die Lyrik bringen wollen, erahnt man noch den Versuch, Unruhe zu stiften, Widerspruch, Panik. Die Kontraste sind jedoch nur spärlich eingesät. Der Band dümpelt vor sich hin, mittagsfaul und bewegungsunfähig. Welche Dimension Hummelts Gedichte auch hätten bekommen können, welches politische Potential in ihnen vielleicht sogar stecken könnte – es wird verdrängt von klebrigem Pathos und stilisiertem Kitsch. / Kristoffer Cornils, junge Welt 7.11.

Norbert Hummelt: pans stunde. Gedichte. Luchterhand, München 2011, 96 S., 16,99 Euro.

40. Fusseln

„Was ist das eigentlich, was Du schreibst?“ haben wir Wolfram Lotz gefragt, nachdem wir seinen Text das erste Mal gelesen hatten. Es ist in einem Zwischenbereich von Lyrik und Prosa angesiedelt und trägt jetzt den UntertitelListe, der am treffendsten beschreibt, was der Wahl-Leipziger macht. Eine Liste der Dinge, Worte, Bilder, die irgendwie scheinbar nutzlos wie Fusseln an der Gegenwart haften. / Parasitenpresse

39. Griechenlands Blüte und Krise

In der griechischen Literatur der 1950er-Jahre war es fast ein Verbrechen, über Bäume zu reden oder Liebesromane zu schreiben. Beides war bei der Kritik verpönt. Es gab aber eine kleine, engagierte Leserschaft, die eifrig alles las, was die Verlage publizierten, vor allem Lyrik. Bis in die 1970er-Jahre erlebte sie ihre Blütezeit. Auch diejenigen, die sie nicht lasen, konnten sie anhören, nicht vorgetragen, sondern vertont von Komponisten wie Mikis Theodorakis oder Stavros Xarchakos. Die Gedichte der Nobelpreisträger Jorgos Seferis und Odysseas Elytis, die von Jiannis Ritsos und Nikos Gatsos wurden überall gesungen. Vielleicht, weil die Bäume fehlten. Es es gab fast keine mehr nach dem Bürgerkrieg. Die meisten waren niedergebrannt worden, was übrig blieb, wurde als Brennholz verwendet. …

Griechenland war nach dem Bürgerkrieg ein armes Land mit einem hohen kulturellen Niveau. Es waren nicht nur die großen Namen der griechischen Literatur – darunter Nikos Kazantzakis, Andreas Frangias und Jiannis Maris -, auch Theaterleute wie Karolos Koun, Filmemacher wie Theo Angelopoulos und Maler wie Alekos Fassianos und Jiannis Tsarouchis gehörten zur Elite. Griechenland war ein armes Land, das aber „die Kultur der Armut“ sehr gut beherrschte.  / Petros Markaris, Die Presse

38. Lufthansa & Underground

Die literarischen Undergroundstars dieser Republik lassen sich an einer Hand abzählen: Da gab’s den fesselnden Storyteller Jörg Fauser, den rücksichtslosen Rolf Dieter Brinkmann, den zum Islam konvertierten Kommune-1-Bewohner Hadayatullah Hübsch, den Bukowski-Übersetzer Carl Weißner und den Rockpoeten Wolf Wondratschek. Dann ist da noch der 1935 geborene Jürgen Ploog; im Berufsleben war er 33 Jahre Linienpilot der Lufthansa, literarisch ambitioniert und von dandyhafter Erscheinung.

Befeuert von und befreundet mit William S. Burroughs, der amerikanischen Beat-Generation-Legende, experimentiert Ploog ebenso wie sein berühmter Kollege mit der Cut-up-Technik; dabei werden Textfragmente über Zufall- oder andere Prinzipien mehr oder weniger rücksichtslos zusammengestellt, so dass sie als ein geschlossener Text erscheinen. Nicht selten zerfällt dieser vermeintlich geschlossene Text beim Lesen wieder in seine Einzelteile. Im „Kino der Wahrnehmung“ vermischen sich ständig Erinnerungen, Erlebnisse, Träume, Phantasien. / Arne Rautenberg, Saarbrücker Zeitung 5.11.

Jürgen Ploog: Unterwegssein ist alles. Tagebuch Berlin-New York, SIC-Literaturverlag, 152 S., 19 €

37. Was ist dann ein Gedicht?

Und was ist dann ein Gedicht, wenn es keine Lautdichtung gibt? Ist die Lautdichtung von der Zeit abgestempelt? Wer bestimmt die Zeit? Die Armeen der tüchtig schreibenden konventionellen Lyriker?

Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 150f.

Die Lautpoesie ist die einzige Alternative zur visuellen Poesie.

Und umgekehrt.

Ebd. S. 144.

  • Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2011, 120 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3-9813470-5-0
  • Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus, 160 S., 14,90 Euro. Matthes & Seitz Berlin, Mai 2011, ISBN 978-3882216189

36. Videolesung

Nachtrag zu #33:

VIDEOLESUNG

Friedrich Achleitner liest aus „iwahaubbd“ / Zeit online

35. Gestorben

Der spanische Dichter Tomás Segovia, der 1940 nach Mexiko auswanderte, starb am Montag im Alter von 84 Jahren an Krebs. Der Freund des Dichters und Poeten Octavio Paz war eine bedeutende Figur im Kulturleben Mexikos. Zu seinen bekanntesten Werken zählen La luz (1950), Apariciones (1957), Cuaderno del nómada (1978), Cantata a solas (1985), Lapso (1986), Noticia natural (1992), Fiel imagen (1996) und Sonetos votivos (2007). /  Europe1.fr avec AFP

34. Catull beim Rockkonzert

Der gebürtige Kärntner, der in Innsbruck lebt, beschreibt sein eigenes Schreiben als Schabearbeit: Wie ein Bildhauer klopft er Verse aus der Sprachmasse. …

Nach „die mobilität des wassers müsste man mieten können“ (2001) und „fontanalia.fragmente“ (2003) folgt – nach einem Zwischenspiel mit zwei Romanen – nun „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“. Christoph W. Bauer schickt in 37 Gedichten eine Liebe in all ihre Stationen vom Ver- über das Entlieben bis zu „so circa fünf frauen nach dir“.

Und er hat sich dafür meisterhaft eine Folie zu Eigen gemacht: Basis, Inspiration und die Fäden, die weitergesponnen werden liefern die Gedichte des Dichters Catull (ca. 85-55 v. Chr.), das Nachwort lieferte denn auch der Universitätsprofessor und Altphilologe Niklas Holzberg.

Der Bezug auf Catull ist schon am Titel zu erkennen: Odi et amo/Ich hasse und ich liebe heißt es in dessen Gedicht Nr. 85. Nur, dass der antike Poet sich nun auf ein Rockkonzert verirrt hat: Das Ich begegnet dem Du bei einem Konzert „Toten Hosen“ (siehe Leseprobe). / MARIANNE FISCHER, Kleine Zeitung

33. Was reimt auf Braissn?

Eine Inspirationsquelle für Achleitner ist das Schnadahüpfel oder Gstanzl. Seine normierte Form lädt zum Spielen ein. Bekanntlich hat Artmann, offenbar von solchen Formexperimenten fasziniert, Edward Lears Limmericks [auf Limerick reimt sic, MG] übersetzt. Im Schnadahüpfel und im Gstanzl treffen, wie im Limmerick, anarchische und regulative Elemente auf einander. Sie öffnen sich dem Nonsens, der ja als solcher nur empfunden wird, weil er unseren Erfahrungen widerspricht, und werden – durch ihre Form und durch die gesungene Melodie – zum Ritual. Hinzu kommt die Vorliebe der Gattung fürs Fäkalische. Bei Achleitner klingt das so: „jo, jo dö braissn / dö frössn und schaissn / dö boan kinnans aa / owa aonö draraa“.

Den Band, der Arbeiten seit 1955 vereint, schließt eine „innviaddla liddanai“ ab, die über 55 Seiten hinweg dem Muster einer Gstanzl-Variante folgt, in der jeder zweite Vers „sagt er“ (bei Achleitner: „sogd a“) lautet. Eine Kostprobe: „mid dö schuach / sogd a / kaosd guad lauffm / sogd a / owa zeaschd / sogd a / muas das kauffm / sogd a“.

Man sieht: Avantgarde kann höchst amüsant sein. Kinder sind mit ihren Abzählreimen ganz nah dran an diesem spielerischen Umgang mit Sprache, ehe er ihnen zugunsten eines scheinbaren Tiefsinns ausgetrieben wird. Sie könnten zur Erkenntnis gelangen, dass Achleitners gesammelte Dialektgedichte zu den wichtigsten heimischen Neuerscheinungen des Jahres gehören. / Thomas Rothschild, Die Presse 5.11.

Friedrich Achleitners Band „Iwahaubbd“ versammelt Achleitners Dialektpoeme seit 1955.

32. Nicht mehr so laut

Die indische Zeitung Deccan Chronicle sprach mit dem Malayalam-Dichter K. Satchidanandan, der Anfang Oktober in britischen Wettbüros als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt wurde:

Sie gehörten zu denen, die die Moderne in der Malayalamlyrik ausriefen. Wie sehen Sie das heute?

Ihc habe immer noch das Gefühl, daß die 60er Jahre eine Zeit der Erneuerung waren, in der Lyrik wie in allen anderen Künsten. Es herrschte eine ungewöhnliche Brüderlichkeit zwischen den Künstlern, die alle auf der Suche nach etwas waren, dessen sie sich nicht sicher waren – einer Sprache der mondernen Erfahrung.

Selbst die progressiven Autoren hatten damals keine moderne Sprache. Sie waren progressive Romantiker, als andernorts Dichter wie Neruda eine völlig andere Sprache führten.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, daß die Moderne heute auf dem Rückzug ist?

Vielleicht der Einfluß des Marktes, karrieristisches Kalkül der Dichter.

Wie bewerten Sie die 70er Jahre als Zeit politischer Turbulenzen, als nach allgemeiner Ansicht die Malayalamlyrik eine Hochzeit hatte?

Lyrik und Revolution waren eins. Einige der modernen Autoren wurden politisiert. Wenn ich unfreundlich bin, kann ich sagen, die Brüderlichkeit war auf dem Rückzug.

Und heute?

Die absolute Zerrissenheit gibt es nicht mehr. Der Konkurrenzdruck unter den Dichtern verhindert jeden sinnvollen Diskurs. Die Dichter sehen mehr nach innen, sind subtiler geworden und nicht mehr so laut.

31. Vielleicht lesen sie zuviel, aber nett sind sie doch

Das Setting für die Lesungen ist hervorragend; das Bühnenlicht weich, das Publikum ist aufmerksam, klatscht sehr gerne und feiert – zu Recht – mehr Texte als es Preise gibt.

Ich war ziemlich lange nicht mehr bei solchen Wettbewerben und wundere mich darüber, dass es keine Dissonanzen zu geben scheint, keine Fraktionierungen, keine Ablehnung des Betriebs etwa seitens der Autoren; dass das Etwas-toll-Finden nicht wie früher so oft von der entschiedenen Ablehnung eines anderen begleitet wird. …

Thomas Wohlfahrt von der Literaturwerkstatt Berlin dachte mit Grauen an Veranstaltungen zurück, bei denen arrogante Dichter oft das Publikum beschimpft hätten, und freute sich, dass die Autoren nun netter geworden seien.

Felicitas Hoppe richtete am Ende als Stimme der Juroren das Wort an die Autoren und sagte, die Juroren seien sehr beeindruckt gewesen von dem Auftreten und Lesen der Autoren. Zugleich hätten sie beim Lesen aber gedacht, „vielleicht lesen Sie mehr, als dass sie schreiben. Und manchmal hätten wir uns gewünscht: Brüllen Sie doch das mal raus!“

Das Gleiche hört man oft auf Filmfestivals. Dem Publikum und auch mir hatte aber alles eigentlich ganz supergut gefallen. Es ist so superangenehm, mit vielen stillzusitzen und junge Autoren lesen zu hören! / Detlef Kuhlbrodt, taz

30. Hellwach

Die Poesie von Wallace Stevens („Hellwach, am Rande des Schlafs“) könnte von Matisse gemalt sein, sagte Durs Grünbein. Der Autor, seit 2006 Dozent an der Kunstakademie, baute in der Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz ganz weit gespannte Brücken, nicht nur zwischen Formen der Phantasie und fernen Trauminseln, auch hin zu Modellen der Atomphysik. / Rheinische Post

29. Prix du Québec / Prix Athanase-David

Der Prix du Québec / Prix Athanase-David, der angesehenste Literaturpreis Québecs, geht an den Dichter, Psychiater und Essayisten Joël Des Rosiers für sein Gesamtwerk.

Der Preis wurde 1977 gestiftet. Er ist einer von 12 nationalen Preisen, die Québec jährlich für Leistungen für Kunst und Wissenschaft sowie die Förderung der französischen Sprache vergibt.

Die Journalistin Francine Bordeleau nennt Des Rosiers „einen aus der langen Reihe der Schriftsteller-Ärzte von Empedokles und Rabelais bis Arthur Conan Doyle, Louis-Ferdinand Céline, Gottfried Benn, Antonio Lobo Antunes oder André Breton, Maurice Blanchot, Jacques Stephen Alexis und Jacques Ferron.

Joël Des Rosiers stammt aus einer alten Familie im Süden Haitis. Vom Vater hat er die Liebe zur Literatur (er las ihm unter anderem Baudelaires Gedicht « À une dame créole » vor), von der Mutter, die als Neuropsychologin arbeitete, das Interesse an der Erforschung der Psyche. Mit 10 Jahren verließ er mit seinen Eltern, die in Opposition zur Dikatator standen, er kam nach Chicago, New York und schließlich nach Montréal und damit zur französischen Sprache.

/ Robert Berrouet-Oriol, AlterPresse 7.11.