10. Wahres Wort

Jede Lyrikbibliothek ohne Kookbooks ist eine traurige Sache.

(literaturwerkstatt berlin)

9. Übersetzt

Ein Band mit Liebesgedichten von Erich Fried, übersetzt von Ali Abdollahi, ist in Iran erschienen, meldet die Agentur IBNA (eine Einrichtung des iranischen Kulturministeriums). Der Artikel informiert über Frieds Übersetzungen aus dem Englischen (Shakespeare, Eliot, Dylan Thomas). Daß er zum Übersetzen kam, weil er als Jude vor Hitler nach England floh, verschweigt der Artikel wie überhaupt die Tatsache, daß er Jude war. Nicht verschwiegen wird aber, daß er umstritten war, weil er den Zionismus angegriffen habe. Ein antizionistischer Jude, das geht in der islamischen Republik (auf seinem Judesein muß man ja nicht herumreiten).

Der Artikel berichtet ferner, daß Frieds Werk hauptsächlich im Westen erschien, aber 1969 sei eine Auswahl seiner Gedichte in der DDR in der Reihe Poesiealbum erschienen, ebenso wie später seine Dylan-Thomas-Übersetzungen in der gleichen Reihe. Das stimmt, obwohl es ergänzungsbedürftig wäre. (In der DDR erschienen mehrere weitere Bände von Fried / bei dem Poesiealbum Dylan Thomas war Fried nicht der einzige Übersetzer / Fried übersetzte auch den israelischen Autor David Rokeah, der vor Hitler aus Lemberg geflohen war, aus dem Hebräischen. Zur gefälligen Benutzung durch das Kulturministerium.)

Ali Abdollahi wurde 1968 in Birjand geboren und hat u.a. Nietzsche, Rilke, Heidegger und Michael Ende ins Persische übersetzt. Seine eigenen Gedichte verfaßt er auf Persisch und Deutsch, einige finden sich in der von Gerrit Wustmann herausgegebenen Anthologie „Hier ist Iran!“

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum. Ausgewählt und eingeleitet von Gerrit Wustmann.

Mit Gedichten von:
Ali Abdollahi, Pegah Ahmadi, Farhad Ahmadkhan, Mirza Agha Asgari (Mani), Houshang Ebtehaj (Sayeh), Sara Ehsan, Mahmood Falaki, Ali Ghazanfari, Salem Khalfani, Mina Khani, Abdolreza Madjderey, Hossein Mansouri, Abbas Maroufi, Madjid Mohit, Leila Nouri Naini, Schirin Nowrousian, Nassrin Ranjbar Irani, Shahrouz Rashid, Negar L. Roubani, Ali Akbar Safaian, Dorna Safaian, SAID, Mohammad Ali Shakibaei, Mitra Shahmoradi-Strohmaier, Mikal Numa Shayegi, Javad Talee, Sanaz Zaresani, Kathy Zarnegi.

Bremen: Sujet Verlag 2011

8. Poetopie

warum sich nach den Nachrichten richten? Es ist doch alles bekannt

Hansjürgen Bulkowski

7. Unzuverlässiges Ich

Gerhard Falkners Gedicht beginnt mit dem Vorsatz, über das Nicht-Erinnern zu sprechen: „Es gibt hier nichts/was an dich erinnert“. Das ist ganz offensichtlich ein Widerspruch in sich selbst. Denn schon mit dieser Aussage zeigt das in einem sommerlichen Straßencafé sitzende Ich, wie intensiv es an den angesprochenen Menschen denkt. Wir dürfen seinen Aussagen also nicht trauen. Denn Wort und Bedeutung können sich weit voneinander entfernen. Der Sprecher des Gedichts steigert die behauptete Erinnerungslosigkeit ins Allgemeine und Absurde: „Es gibt hier auch niemanden sonst/der sich an irgendetwas erinnert“. Egal, ob hier einzelne Personen gemeint sind oder die Erinnerungskultur, die Überspitzung lässt das Gesagte als Autosuggestion erscheinen, als Abwehrhaltung, die im Laufe des Gedichts durch lyrische Raffinesse zerfällt und Raum für ein elegisches und trotzdem leichtes Erinnerungsgedicht schafft.

Viele der jüngeren Gedichte Gerhard Falkners erkunden nach Phasen der Sprach- und Kulturkritik nun den Innenraum des Ichs. Auch dieser Text gehört dazu. Es geht um einen Verlust, der sich anders als in Elegien der römischen Antike und des achtzehnten Jahrhunderts nicht mehr in Distichen, sondern in freien, aber doch höchst melodischen Versen artikuliert: ein fließender Gedankengang durch Jamben und Daktylen rhythmisiert und durch Enjambements in eine nachdenkliche Form gebracht. / Sandra Kerschbaumer, FAZ 2.3. (Frankfurter Anthologie)

6. Dringlichkeit

Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende Westermann ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. Westermann dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“. Damit hat er 2010 den „open mike“-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt in der Sparte Lyrik gewönnen.

Seine Gedichte geben sich narrativ, dabei wird das Erzählerische stets eingebunden in trancehafte Monologe, die vom Weltgefühl der Verlorenheit sprechen. Immer wieder sucht das an sich selbst zweifelnde und verzweifelnde Ich nach einer Verankerung – doch im „Kammerflimmern“ ist kein Halt zu finden. / Michael Braun, Tagesspiegel

Levin Westermann: unbekannt verzogen. Gedichte. Luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013. 114 Seiten, 22 €.

5. Bilderrede (káṛi-m magána)

Ausdrucksmittel der Hausa-Poesie. Die Hausa (Haussa)-Sprache wird zwischen Nigeria und Sudan gesprochen. Rudolf Prietze sammelte seit 1904 in Tunis und Kairo Lieder aus dem Sudan. Entsprechend dem damals üblichen kolonialen und europazentrischen Blickwinkel nennt er die Hausasprecher ein „Mischvolk“, das er als „heiter-sinnlich, weltgewandt, oberflächlich“ charakterisiert. Als Basis zur Bewertung der Oberflächlichkeit muß man sich „deutsche Tiefe“ vorstellen. Dieser globalen Einschätzung entspricht die Charakterisierung ihrer Poesie. Europäisch, also deutsch, tief und echt ist nach dem deutschen Standpunkt des 19. Jahrhunderts eine Lyrik, die aus der „Tiefe des Herzens“ spricht. Den Hausa fehle „ein tieferes Gefühl für Poesie“. Er meint damit nicht, daß sie keine bemerkenswerte Poesie produzierten, sondern eben „nur“ nicht nach dem deutschen Tiefsinnsgebot.

Die Stärke und Schönheit dieser Lyrik liegt woanders:

Quelle seiner Empfänglichkeit ist nicht sowohl das Herz, als seine behende Auffassung oder, um an eine naheliegende Parallele zu erinnern, sein Esprit, der in treffenden Einfällen, wohlgeprägten Schlagworten, vor allem im káṛi-m magána d.h. in Bilderrede, versteckten, nur dem Eingeweihten verständlichen Anspielungen Befriedigung sucht. Ein glückliches Bonmot ist bei ihm (…) der Unsterblichkeit sicher.“ (Prietze S. 163f)

Der von mir zunächst ironisch als deutsch apostrophierte Standpunkt läßt sich nach zwei Seiten belegen. Da sind zunächst die französischen Wörter Esprit und Bonmot, die nicht unbedingt deutsche Tugenden bezeichnen. Man bedenke, es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs, der sich im Westen gegen den Erzfeind richtet. [1] Opposition ist die im 19. Jahrhundert als „Herzstück“ der Lyrik angesehene „deutsche“ Innerlichkeit und (Gefühls-)tiefe vs. oberflächliche, „welsche“ Geistreichelei.

Aber es gibt noch eine Seite. Man bedenke, daß, während die Geisteswissenschaften noch weitgehend im 19. Jahrhundert verharren[2], Nietzsche und Darwin, Marx und Freud dessen Grundlagen längst unterhöhlt hatten und in Genf (de Saussure) und Rußland (die sogenannten Formalisten um Jakobson, Schklowski und Tynjanow) der Strukturalismus vorbereitet wurde und daß ferner in Kunst und Literatur Berliner und Wiener Moderne ausgangs des 19. und Innovationsschübe wie Kubismus und Futurismus eingangs des 20. Jahrhunderts schon wirkten und daß zwischen Arno Holz‘ Wortkunst und August Stramms radikalem Experimentieren die Gemütskunst in die Zange genommen wurde. Ezra Pound entwickelt das Konzept von drei Arten (oder Verfahren) der Poesie, ein Fortschritt gegen die bisher meist ein- oder zweiseitige Betrachtung, wie in der o.g. Opposition skizziert. An die Stelle binärer Oppositionen wie: rhetorisch vs. (genieästhetisch-) poetisch, objektiv vs. subjektiv (Goethe/ Hegel), pontifikal vs. profan (Brecht), unverständlich-akademisch vs. realpoetisch (Politycki) können mehrseitige treten. Die binäre Opposition zieht alles ins Kampfgetümmel und verlangt Bekenntnisse, die mehrgliedrige ermöglicht Beschreibung und Analyse. Pounds drei Arten sind: Melopoia, Phänopoia und Logopoia. In der Melopoia entsteht die Poesie aus dem Zusammentreffen von Sinn und musikalischer Seite, „welche Tragweite und Richtung dieses Sinnes steuert“ (Pound S. 83). In der Phänopoia werden „Bilder auf die visuelle Einbildungskraft projiziert“. Während Melopoia durch Übersetzen fast vollständig zerstört wird, kann Phänopoia fast unversehrt übersetzt werden. Logopoia („das jüngste und vielleicht auch das heikelste und unzuverlässigste Verfahren“) ist „der Tanz des Intellekts unter den Worten“.

Hätte Prietze statt des binären Hegelschen den beweglichen Poundschen Code gehabt, er hätte nicht zwischen germanisch und welsch herumpoltern müssen, sondern vielmehr einzelne Verfahren herausarbeiten können.

Die Orientalisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind abhängig von den Standpunkten des geisteswissenschaftlichen Diskurses, aber sie stellen Material zur Verfügung, mit dem man spätestens im 21. Jahrhundert den euro- und logozentristischen Standpunkt überwinden kann. Oralität und Performativität dieser Literatur, die von Prietze genannte Schnelligkeit (von hier kann man an Klopstock und Herder anschließen)[3], der Wechsel zwischen gemeinschaftlicher und individueller Funktion, auf den die Orientalisten hinweisen, geben dieser Poesie ihren Platz in der Weltkunst des 21. Jahrhunderts.

Anmerkungen:

[1] Reste dieser Wertung haben sich bis heute erhalten, u.a. in den in der Wissenschaft üblichen Vorbehalten gegen „Essayistisches“.

[2] Der Begriff „lyrisches Ich“ etwa wurde 1910 von Margarete Susman (in Das Wesen der modernen deutschen Lyrik) eingeführt und hält sich bis heute in der Schule und einem Teil der Literaturwissenschaft, obwohl er auf dem um 1800 neuen subjektiv-innerlichen Lyrikbegriff beruht, der in der modernen und postmodernen Lyrik nur bedingt anwendbar ist. Die Literaturwissenschaft führt eine Zentralinstanz des Sehens und Wertens im Gedicht ein in dem Moment, als Werte (Nietzsche), Bedeutung (de Saussure), ja selbst das Ich (Freud) problematisch geworden war.

[3] Prietzes Formulierung von der „behenden Auffassung“ der Hausasänger ist die inhaltlich relevante Kehrseite seiner Oberflächlichkeitsschelte. Im Bild (der Poundschen Phänopoia) erfolgt eine blitzhafte Überlagerung und Verbindung verschiedener Bereiche, im Moment erfassen wir Zusammenhänge. Klopstock sagt: Wir lesen langsamer und denken schneller.

Literatur:

  • Prietze, Rudolf: Haussa-Sänger. I. [Teildruck]. (Aus den Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse) 1916
  • Ezra Pound: Lesebuch. Dichtung und Prosa. Hg. Eva Hesse. München: dtv 1987
  • Erika Greber: Oppositionen. In: Heinrich Bosse / Ursula Renner (Hg.): Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg im Breisgau: Rombach, 1999 (S. 193-210).
  • Friedrich Gottlieb Klopstock: Gedanken über die Natur der Poesie. Dichtungstheoretische Schriften. Hg. Winfried Menninghaus. Frankf./M.: Insel 1989.

4. Wir sind Raja Ben Slama

Abdelwahab Meddeb bei Facebook:

Damit sich jeder von uns in die Situation Raja Ben Slamas versetzen kann, schlage ich euch vor, daß ihn jeder in seinem eigenen Namen und in der ersten Person ausspricht

Habs getan:

Ich verlange von dem islamistischen Berichterstatter der Verfassungskommission M. Habib Kheder, mich zu verklagen, wie er es mit Raja Ben Slama getan hat, denn auch ich werfe ihm vor, illegal Artikel 26 des Entwurfs der Verfassung betreffend Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit geändert zu haben.

Wie Raja Ben Slama werfe ich ihm vor, in die von der Kommission für Rechte und Freiheiten vorgeschlagene Version Formulierungen eingefügt zu haben, die die Ausübung der Meinungs- und Informationsfreiheit aushöhlen, indem sie an die öffentliche Ordnung und die guten Sitten gebunden werden. Wie Raja Ben Slama halte ich diese Veränderung für eine Verfälschung, die aus Artikel 26 einen gegen die Freiheit gerichteten Artikel macht. Ich verurteile diese Handlung und halte sie für einen „Vertrauensbruch.“ Wir alle sind Raja Ben Slama.

Michael Gratz

Kopie an alle Bundestagsabgeordneten, die vergangene Nacht für ein von Medienkonzernen eingebrachtes Gesetz zur Einschränkung der Informationsfreiheit stimmten sowie für alle, die evtl. der Abstimmung fernblieben, weil sie grad andres vorhatten (oder es sich nicht mit ihren Sponsoren verderben wollten?). Ich verurteile diese Handlung und halte sie für einen Vertrauensbruch. Wir sind das Volk. Wir sind Raja Ben Slama.

3. Erasures

Die neu entstandenen Gedichte selbst hingegen öffnen vielmehr Räume, bergen Schichten, in denen einerseits der nicht negierbare Bezug zu den Ausgangsgedichten mitschwingt, andererseits gerade durch die optische Darstellung des angewandten poetischen Verfahrens die Texte in Bewegung gesetzt und andere Lesarten ermöglicht werden. Dennoch ist man dabei teilweise versucht, dieses Verfahren thematisch allzu sehr in die Gedichte hineinzulesen. Dies birgt die Gefahr, manchen Texten eine mitunter unverhältnismäßig erklärende, illustrative Geste zu unterstellen und schließlich einzig darauf zu reduzieren, doch durch die Bedeutungsverschiebung der extrahierten Wörter schaffen es Hawkey und Wolf nach und nach eigenständige Gedichte herauszudestillieren, die weit über den Ausgangstext hinausweisen. Sie wecken sozusagen jene Gedichte, die noch unter der Vorlage schlummerten. Dadurch gelingt es den Beiden gleichzeitig aufzuzeigen, dass sowohl die AutorInnen als auch LeserInnen jeden Text stets aktualisieren, erweitern, verändern können bzw. müssen und dass die Arbeit daran kontinuierlich ist und nicht beendet werden kann, oder um Uljana Wolfs eigene Worte noch einmal zu verwenden: »das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt.« / David Frühauf, Fixpoetry

Uljana Wolf, Christian Hawkey: Sonne from Ort. Ausstreichungen/ Erasures, engl./dt. nach den »Sonnets from the Portugese« von Elizabeth Barrett Browning und den Übertragungen von Rainer Maria Rilke. ISBN 978-3937445533. Euro 19,90 — Berlin kookbooks 2012.

Erasure als Reduktion und Bewusstseinswerweiterung. Nicht wenige Male über den Dämpfen der Korrekturflüssigkeit geschwindelt. Aber das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt. Gehen die Dämpfe auch ins Hirn, wie Kleber                as der löst, Kontrollverlust, Sprach- und Gangstörungen           I compose the hole      . Jedes Erinnern ist Überschreiben. Shudder Islands. Aufblitzende schwarze Textfragmente, Inseln, in weißes Licht getaucht. Was ist darin gefangen. Gestern las ich, heute vergaß ich, morgen überschreib ich mir der Königin ihr Kind. Rumpelstilzchen tanzt so lange, bis man seinen Namen nennt. Dann zerreißt er sich und fährt in die Erde, ein anderes Land, wo er ein Literaturarchiv gründet und wartet, bis man ihn wieder zusammenfügt. Was geschieht dann mit seinem Namen?          I sang my name but it sounded strange /                            I sang the trace then // without a sound, /                                    then erased it.                                                                           (Michael Palmer)

Lesen ist die intensivste Form des Übersetzens, Übersetzen ist die intensivste Form des Schreibens, Schreiben ist die intensivste Form der Auslöschung. Ich sehe in mir die Möglichkeiten für die jeweilige Neuschreibung des Textes. Auflesen. Hänsel und Gretel. Der neuschreibende Leser macht aus dem Text kein Ganzes, er fügt ihm weiteres Material, Fragmente, Möglichkeiten hinzu. In diesem Sinn ist Lesen nie Vervollständigung eines Textes. Eher seine aufgefächerte Behinderung. Lesen und Übersetzen als Verhinderung, disability. Die Verleger des amerikanischen Verlags Action Books, Joyelle McSweeney und Johannes Göransson, veröffentlichten gegen die Übersetzungsmüdigkeit ihres Landes, gegen den Hunger des Marktes nach „glatten“ Texten ihr Manifesto for the Disabled Text. Der zweite Absatz liest sich wie ein Argument für erasures

Uljana Wolf: Ausweißen, Einschreiben. In: karawa.net 04

2. Barça und Espriu

Der Fußballklub FC Barcelona beteiligt sich offiziell am »Any Espriu« (siehe Meldung Nr. 78 vom 22. Februar). Am 20. oder 21. April 2013 wird es vor dem Liga-Spiel gegen Llevant U.E. im eigenen Stadion einen feierlichen Gedenkakt zu Ehren Salvador Esprius geben, dazu eine mehrmonatige Ausstellung in den Räumen des Club-Museums; Zitate des 1985 verstorbenen Lyrikers werden mehrere Wochen auf den Anzeigetafeln und anderen vereinseigenen Medien zu lesen sein. Darüber hinaus werden Bücher von Espriu in den Veranstaltungen zur Leseförderung, die auch vom FC Barcelona am 23. April durchgeführt werden, besondere Berücksichtigung finden. Über weitere Aktivitäten in diesem Rahmen berichtet die monatliche Vereinszeitschrift.

(Wer sich der Meldung Nr. 66 vom 19. Januar entsinnt, die über die Begeisterung des Trainers Pep Guardiola für die Gedichte von Miquel Martí i Pol berichtet, könnte fast den Eindruck gewinnen, dass es im katalanischsprachigen Raum eine besondere Verbindung zwischen Fußball und Lyrik gibt. Das wohl nicht – aber es handelt sich sicherlich um mehr als um einen bloßen Zufall. Oder ist damit zu rechnen, dass irgendein deutscher Fußballverein z.B. 2020 an den Veranstaltungen zum Celan-Jahr beteiligt ist?)

/àxel sanjosé

 

 

1. In afrikanischer Poesie

Trotz verbesserter Verkehrsverhältnisse ist auch heute noch – oft wenig abseits der Wege – ein Leben in afrikanischer Poesie möglich…

Hermann Friedrich Schatteburg: Sprachschatz des „Ubundu“. Freising-München: Dr. F.P. Datterer & Cie., [undat., Einleitung dat.: 1931], S. 4.

103. Andre Rudolph Stadtschreiber

Der Lyriker Andre Rudolph erhält das Stadtschreiberstipendium 2013 der Universitätsstadt Tübingen. Wie seine Vorgängerinnen und Vorgänger wird Andre Rudolph für drei Monate im ehemaligen Aufseherhäuschen am Stadtfriedhof leben. Von April bis Juni 2013 bekommt er ein Stipendium, um in Ruhe an aktuellen Projekten zu arbeiten. Andre Rudolph möchte die Zeit in Tübingen nutzen, um an einem Gedichtzyklus weiterzuschreiben: „Ich bringe ein Langgedicht nach Tübingen mit, zu dem in den letzten Monaten der Kontakt abzureißen drohte, das Ruhe braucht, abseits von notwendig gewordenen Jobs und für eine gewisse Zeit auch jenseits meiner Kinder.“

Bei drei Lesungen hat die interessierte Tübinger Öffentlichkeit Gelegenheit, den Autor und sein literarisches Werk kennen zu lernen. Den Auftakt bildet eine Lesung im Zimmertheater am Dienstag, 9. April 2013. / Hamburg-Nord aktuell (! stimmt, in Tübingen konnt ich noch nichts finden)

Siehe auch hier (Werkstatt Lyrik, Gedichte machen – oder zunichte machen?)

  • fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit, Gedichte, Wiesbaden: luxbooks 2009. ISBN 978-3-939557-90-6
  • confessional poetry, Gedichte, Wiesbaden: luxbooks 2012. ISBN 978-3-939557-99-9

102. Fürs / Gesinde

Das gefällt mir: Lyrik im Gesindehaus!

(Aber nein; leider trifft sich auch da nur der Kunstverein. Eintritt 8 Euro, 1 Getränk im Preis enthalten.)

101. Bilder hören

Er pokert hoch im Einsatz von Wahrnehmungen und handwerklichen Mitteln, und meist gewinnt er – und manchmal wunderbar. (…)

«Wer sehen kann, kann sehen», kommentiert die Zeile und sagt, dass das Gedicht im guten Fall Dinge zeigt, die eben noch nicht gesehen worden sind. Auch das Gedicht «Anemone» spielt mit der Hyperrealität des beobachtenden Empfindens: «die Blumen sind Frauen / kleidsam an Nachmittagen / sehe ich sie aufgehen, bevor ich / mich ihnen nähern kann // ihren Knospungen». Dann stehen sie «über den Dingen / auf dem Küchentisch z. B. / wie hin und her gerissen / sie mich haben, die Blumen // von denen ich nicht kosten kann».

Das erstaunlichste Kapitel ist vielleicht «Figurationen»; eine Galerie von hingetupften, schönen, schrägen Porträts: die Tagesmutter («im Sommer / muss man alle Mütter gut giessen»), die Alleinstehende, die Schattenschwestern, der Tanzbär, ein Mann aus Kuwait-City, der auf eine Frau wartet. Eröffnet wird die Galerie von der Geliebten: «manche nannten sie eine perfekte / Fälschung aus der Werkstatt von Delft / dabei kam sie aus Andalusien: / sie war reine Poesie ohne Sprache / wahre Musik ohne einen Ton // [. . .] wenn sie sich singen liesse, dann / in einem Chorwerk von Pergolesi». In den schönsten Passagen dieses Buchs wird, wer hören kann, Bilder hören. / Angelika Overath, NZZ

Tom Schulz: Innere Musik. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2012. 92 S., Fr. 29.90.

100. Mit meiner Angst allein

Ich bin mit meiner Angst allein
Der Brecht-Schüler Martin Pohl in den Zeiten des Kalten Krieges
Von Stephan Suschke

Am 22. Februar 1953 wurde ein 22-jähriger Mann in seiner Wohnung, Breite Straße 4 B in Berlin-Pankow, von der Staatssicherheit verhaftet. Er hieß Martin Pohl, war Meisterschüler bei Bertolt Brecht.
Der Vorwurf: Er hätte 100 Briefbögen mit dem Kopf der Jugendzeitung Junge Welt an einen US-amerikanischen CIC-Agenten für 100 Westmark weitergegeben. Pohl leugnete hartnäckig, unterschrieb unter Druck schließlich ein Geständnis, widerrief.

Im November 1953 wurde er gemeinsam mit dem Mitangeklagten Peter Lefold zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Brecht setzte sich für Pohl ein – nach knapp zwei Jahren wurde Pohl freigelassen, aber sein Leben hatte einen Riss bekommen.

60 Jahre nach Pohls Verhaftung, 20 Jahre nach Öffnung der Archive rekonstruiert das Feature den simpel scheinenden Fall und macht überraschende Entdeckungen: ein ganz besonderes Dokument aus dem „Jahrhundert der Wölfe“.

DLF 2013

99. Gedichte und Denkzettel

Viele Denkzettel haben allerdings – im Gegensatz zu den Gedichten – eine relativ kurze Halbwertszeit. Das mag vor allem an der unverblümten Freizügigkeit liegen, mit der Hensel immer wieder zum Kalauer greift. Eine Marotte, die so manchen Denkzettel zäh werden lässt: „Das Ur-Laub: von welchem Busch oder Bau mag es wohl stammen?“ Da hilft es auch kaum, wenn an anderer Stelle versucht wird, dieser unliebsamen Veranlagung ironisch zuvorzukommen: „Mein Zwang zum Kalauern ist umso schlimmer, je schlimmer es ist. Auf der Gefäßchirurgie des Klinikums Wilmersdorf sah ich drei fette Frauen um das Bett der sterbenden Mutter: drei Venen von Wilmersdorf.“

Glücklicherweise bleiben die Gedichte von derartigen Wortspielereien verschont. Jan Kuhlbrodt schreibt in seinem Nachwort, der Vers, das Künstlichste, das die Sprache kennt, sei Kerstin Hensel eingeboren. Eine natürliche Weise des Artikulierens. Dem bleibt nur hinzuzufügen, dass sich ihre Sprache deswegen noch nicht im Vers erschöpft. Sie versucht ihm vielmehr immer schon voraus zu sein. Schwarz und romantisch, um einen Atemzug.

Kurzer Besuch

Jetzt kommt noch
Herr Nachtmar und fährt mir
Mit seiner grauen Hand über den Kopf
Ich rüttle mich schüttle mich und ich
Empfehle mich.

/ Peter Neumann, Fixpoetry

Kerstin Hensel: Das gefallene Fest. Gedichte und Denkzettel. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner. Gebundene Ausgabe. 96 Seiten. 16,80 Euro. ISBN: 978-3-940691-41-5. poetenladen, Leipzig 2013.