39. Bizarre Städte

Asteris Kutulas
Bizarre Städte im Fadenkreuz
Ein unmelancholischer Rückblick 20 Jahre später

Das Projekt Bizarre Städte entsprang einem elementaren Freiheitsbedürfnis: sich nämlich nicht von vergreisten, kleinbürgerlichen und ungebildeten Herren vorschreiben zu lassen, was man zu denken, zu lesen, abzubilden und wie man zu leben hat. Die BS waren keine Publikation von oder für Dissidenten, ja, ich würde sagen, nicht mal von Oppositionellen im landläufigen Verständnis, sondern eher Ausdruck eines anarchischen Lebensgefühls gegenüber der uns damals umgebenden kulturellen Wirklichkeit und deren opportunistischer und größtenteils dümmlicher Repräsentanten, die da alle Ebenen des öffentlichen Lebens der DDR abweideten und in einigen Fällen ihre Machtgelüste und/oder ihren Kleingartenfrieden auslebten: Verlagsmenschen, Zeitschriftenredakteure, Kulturfunktionäre, Schallplatten- und Rundfunkproduzenten, Fernsehreporter, Festival- und Konzertveranstalter, Abteilungsleiter, Sekretäre, Jugendklubbetreiber etc. etc. (…)

Ich schreibe all das, weil sich die BS seltsamerweise nicht nur im Fadenkreuz staatlicher Ermittlungen, sondern auch im Fadenkreuz der „Szene-Regierung“ befanden, denn Anderson & Schedlinski agierten wie deren Premier- und Propaganda-Minister – dabei nicht nur die politischen, sondern auch und vor allem die geschäftlichen und bilateralen Beziehungen zum Westen regelnd. Diese beiden mal farbschillernderen, mal blasseren Oberhäupter hatten die geistige und teilweise auch faktische Regentschaft über das Erscheinen einiger „Untergrund“-Publikationen in Prenzlauer Berg und anderswo inne und wähnten sich kompetent genug, festlegen zu dürfen, wer in dieser Szene salonfähig war und wer nicht, waren also ebenfalls kleinbürgerlich, wenn auch mit abgetretenen Kelimteppichen und Ledersesseln, khakifarben von Alterspatina, in den Arbeitsräumen und/oder bekleidet mit einer ewigen beuys-kreuz- und -flecken-dekorierten Weste.

Trotz dieser doppelten „Restriktion“, die unsere Arbeit ständig begleitete, will ich nicht behaupten, dass die BS in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht „wichtig“ waren, aber sie veränderten immerhin in konstruktiver Weise die persönlichen Produktions- und Dialog-Bedingungen einiger Leute, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigten, und wurden damit zu einem selbstbewussten Ausdruck unserer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in diesem seltsamen Niemands-Land DDR. Immerhin veröffentlichten wir einige Texte, die sonst keine Chance auf Publikation hatten, wie z.B. Annett Gröschners „Maria im Schnee“, Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee IV“, Matthias „Baader“ Holsts Gedichte oder Frank Lanzendörfers Foto-Text-Collage „Garuna, ich bin“, um nur einige zu nennen. / Bizarre Städte

38. Habla Español, no

„Believe it or not, writing like this helps me to remember vocabulary“, sagt Margaret Prezioso-Frye zu ihren Gedichten, mit deren Hilfe sie spanischen Wortschatz memoriert:

An Italian-American Studying Spanish In Spain

Syllogismo Hypothetico 101

Or hypothetical syllogism on a
Developing Spanish brain
Habla No Español
Could be a crying shame
After all is said and done
This is what I have to say

Poco Loco
No muy pero
Mucho Loco
Cocoa Loco
Coco Loco
Coco Richo Bicho
No poco dinero
Muy Mucho
Loco mucho dinero
Wanto be richo
Richo like bicho
No bicho es bug-o
Bicho es richo con mucho dinero
Mi scrive con headacho
Es scrive ‘Taliano
Pero mi Italiana
Scribo escriva
Who cares!
Con huevo
Con hueso
An egg or a wrist
Make my food by hand?
If you insist!

Para aqui? Si si!
Aqui para me
No mi pero me
Poro mi? See, see!
No sea, no see
pero si, si, si, si!
Some espresso con tearos
Bitteros, Bitter?
Tearos no ’spañol
Españolo para tearo?
No tiendo!
No tieno?
I don’t knowlo
Understando oro havo
Oro goldo
No goldo!
Oro tieno.

Hasta luego
Luego see you latero
Latero lateral
Lateral no Españo
Lateral es linea
Linea es tren
Linea es meho
Meho es pano
Español es ce (they)
They uno
They dos
Dos progama o programo uno eme
Emmy is nombre
Nombre es name-o
No number is numero
So?

Medicino assistencia
Para Headacho
Headacho Españo
Braino paino
Oh… oh…
I don’t know.
Fell lightheaded, no feel lightheaded es
Illuminato
Illuminato Italiano?
Illuminato Demolitionato Mano?
Illuminata Italiana, so vero.
Si vero, Italiana Españana, Españata?
Posiblo? No, posibla!
Finito Syllogismo-o-a
Si, si here it goes.
Aqui es so, boy, yo?

Habla Español?
:. No

37. Kunst ohne Geld

Das Spannende an der Lyrik sei, dass diese fast keinen Marktwert hätte, hat der Psychoanalytiker und Essayist Adam Phillips kürzlich gesagt. Künstlern kann man „unlautere“ Motive in Form einer erwarteten finanziellen Belohnung unterstellen. Lyriker schreiben Gedichte aus dem einzigen Grund, dass sie es wollen. Der schwedische Künstler Karl Holmqvist hat sich nun in die Grauzone zwischen bildender Kunst und Lyrik gewagt: In seiner ersten Ausstellung in der Galerie Neu zeigt er einen Film, in dem poetische Sprache sowohl an die Wand projiziert als auch im Raum über Tonband abgespielt wird. Der Film thematisiert, wie die Kunstwelt Statusnetzwerke erzeugt, die sich im Marktwert niederschlagen. / Mark Prince, Die Welt

36. Geld für junge Dichter

In jedem Jahr erhalten fünf junge Dichter mit dem Ruth-Lilly-Lyrik-Stipendium Prestige, Publicity und Geld ($15,000).

Die Bekanntgabe der diesjährigen Stipendien verursachte einen kleinen Aufruhr im Internet, weil alle fünf an Männer gingen. Da hilft es nicht, daß die Stiftung eine umstrittene Einrichtung ist – ein wohlhabender Behemoth, dessen Präsident sich beschwerte, die heutige Lyrik sei nicht „unterhaltsam“ genug, und die Dichter aufforderte, sich an ein allgemeines Publikum zu wenden, das Unterrichten aufzugeben und wie Hemingway zu leben – mit Speerfischfang und so. Die Stiftung wurde 2003 gegründet, als Ruth Lilly, die einzelgängerische und exzentrische Erbin des Eli Lilly Pharmaziekonzerns, die Welt der Literatur mit einer $200.000.000-Spende an das Poetry Magazine schockierte, einst eine Avantgardezeitschrift, die Modernisten wie T.S. Eliot förderte. Kritiker sagen, die von dem Investmentbanker und Lyriker John Barr geführte Stiftung habe ihr Geld nicht gut angelegt. Zu ihren wahrnehmbaren Projekten gehört eine Website mit 12 Millionen Besuchern im Jahr, ein Hochschul-Vorleseprogramm, ein Redesign der Zeitschrift und, am meisten umstritten, ein $21.5-Millionen-Hauptquartier in Chicago. Barr verläßt die Stiftung im Juli, die Stelle übernimmt der anerkannte Lyriker und Kritiker Robert Polito, vielleicht ein Zeichen, daß die Stiftung auf die kritischen Stimmen hört.

Anders als diese Projekte kommen die Lilly-Stipendien direkt den Dichtern zugute. (Es gibt sie seit 1989, lange vor der Großspende.) Auch wenn man wünschte, daß unter den Gewinnern in diesem Jahr Frauen wären, kann man die Wahl der Stiftung nachvollziehen. Bei aller stilistischen Verschiedenheit hat jeder dieser fünf eine eigene Stimme. Ihre Gedichte sind musikalisch, sozial engagiert, in einem Fall leicht mystisch, in einem anderen Amerikas Rassenkämpfe beklagend… Das sind keine avantgardistischen Gedichte, weder elliptisch noch von exzentrischer Verschrobenheit. Sie bezeugen Liebe zur Sprache, analog zur Liebe des Designers für Muster und Textur. Die besten von ihnen flimmern auf dem Blatt, und sie düpieren unsere Vorstellungen von „poetischer Sprache“. Mit anderen Worten, es gelingt ihnen, schön zu sein und zugleich das zu benutzen, was Wordsworth „die wirkliche Sprache der Menschen“ nannte. / Meghan O’Rourke, Tmagazine

Die fünf Stipendiaten: Reginald Dwayne Betts, Richie Hofmann, Rickey Laurentiis, Jacob Saenz and Nicholas Friedman

35. Olga Martynova

In einem Essays hat Olga Martynova einmal den russischen Lyriker Joseph Brodsky zitiert, wie er die Lage eines Schriftstellers in der Diktatur und eines Schriftstellers in einem freien Land verglichen hat: „In beiden Fällen versucht ein Dichter eine ziemlich feste Wand mit seinem Kopf durchzubrechen. Im ersten Fall reagiert die Wand so, dass der physische Zustand des Dichters gefährdet ist. In zweiten Fall schweigt die Wand, und das gefährdet seinen psychischen Zustand. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was furchtbarer ist.“

Leningrad, 80er Jahre. Olga Martynova lernt Oleg Jurjew kennen. Er muss Mathematik studieren, weil er als Jude nicht Literatur studieren darf, der Antisemitismus in der Sowjetunion ist wenig subtil. Sie studiert Literatur in Abendkursen, am regulären Studium kann sie nicht teilnehmen. Der kommunistischen Jugend wollte sie nicht beitreten. Und in der Schule las sie ein Gedicht der unter Stalin verfemten Dichterin Anna Achmatowa vor. Irrtümlicherweise nahm ihre Lehrerin an, die Achmatowa sei nach wie vor verfemt gewesen.

Ihre eigenen Gedichte darf Olga Martynova nicht veröffentlichen, Oleg Jurjew nicht die seinen. Inoffizielle Schriftsteller sind sie, leben von Übersetzungen und irgendwelchen Schreibarbeiten. Eisern aber behaupten sie ihre wahre Identität, treffen sich mit Kollegen zu privaten Lesungen, gründen eine Literatengruppe, organisieren einen Untergrund mit Worten – ganz in der Tradition der von ihnen verehrten Dichtervereinigung „Oberiuten“. / Frankfurter Neue Presse

34. Mit einem Gedicht

Julietta Fix schreibt:

alle tage fangen an: am besten mit einem gedicht

Brigitte Struzyk
 übernimmt ab 08.03. das Ruder „Gedicht des Tages“ auf Fixpoetry

und soviel ist klar, die tage fangen gut an

Zu Beginn wählte sie ein Gedicht von Helga Königsdorf mit diesem Kommentar:

helga königsdorf kennt man als prosaautorin, doch sie hat , als sie sich noch äußern konnte, gedichte geschrieben, die ich vorzeige, wo ich kann

Heute: Wilhelm Lehmann.

33. Der Schornstein lacht

Nun legen Wulf Kirsten und Annette Seemann mit „Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald“ eine wahrlich ungewöhnliche Anthologie in französischer und deutscher Sprache vor. Dabei folgen sie der Originalausgabe von André Verdet aus dem Jahr 1945.

Als Annette Seemann anlässlich des Todes von Jorge Semprún dessen Gedicht „Uralter Traum“ aus dem Französischen übersetzte, zudem das Vorwort von André Verdet, reifte der Plan, das Ganze dem deutschen Leser zweisprachig in die Hand zu geben. Dass Annette Seemann die Übersetzung auf sich genommen hat, ist mit Dankbarkeit zu würdigen. Mich lassen diese Gedichte und ihre Entstehungsumstände nicht mehr los. Die Anthologie mit 25 vorwiegend französischen, aber auch polnischen, russischen und deutschen Beiträgen entstand im Lager selbst. Kirstens Nachwort erhellt die Umstände. Es gab ein „Zentrum klandestinen Kulturlebens der französischen Deportierten“, ja, es gab einen Schreibwettbewerb. Man bedenke unter welchen Bedingungen! „Der Zeichner und Lyriker Jacques Lamy berichtete: „Schreiben im Konzentrationslager war streng verboten und wurde in der Regel mit dem Strang bestraft.“ (…)

Was für eine innere Kraft gehört dazu, diese Realität in die surreale Metapher zu treiben, über das Krematorium und einen unmenschlichen Lageralltag mit Hunger, Demütigung und Tod zu schreiben.

„Durchsichtige Gespenster. / Fremdartige Tänzer vereisten Lichts. / […] Der Schornstein lacht.“, heißt es bei Yves Darriet. Und bei René Salme lesen wir: „Im Wind / Schnaubende Fetzen von Nebel. / […] Flammen, rotes Heulen, / Schreiende Bäume, Skeletten gleich, / Im Wind“. / Martin Straub, Thüringische Landeszeitung

Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald. Französisch-Deutsche Ausgabe. Herausgeber Wulf Kirsten und Annette Seemann, kommentiert und mit einem Nachwort von Wulf Kirsten, aus dem Französischen übersetzt von Annette Seemann, Wallstein Verlag, Göttingen, 189 S., 19.90 Euro.

32. Mehr Preise

Der in mehreren Kategorien (Fiktion, Sachbuch, Autobiographie, Kritik, Lyrik) vergebene National Book Critics Circle Award geht in der Kategorie Lyrik an D.A. Powell für den Band “Useless Landscape, or A Guide for Boys“.

Finalisten in der Kategorie Lyrik waren außerdem:

  • David Ferry, Bewilderment: New Poems and Translations
  • Lucia Perillo, On the Spectrum of Possible Deaths
  • Allan Peterson, Fragile Acts
  • A. E. Stallings, Olives

Über den Sieger in der Kategorie Roman, Ben Fountain, schrieb die Los Angeles Times: “Fountain’s novel is not a work of realism; it’s an über-story, defined by irony and metaphor.”

31. Preise

Marianne Boruch erhält den mit $100,000 dotierten Kingsley Tufts Poetry Award für zeitgenössische Lyriker für ihren siebten Gedichtband  „The Book of Hours. Der Preis zeichnet Dichter in der Mitte ihrer Karriere aus.

Den mit $10,000 dotierte Kate Tufts Discovery Award für einen Debütband erhält Heidy Steidlmayer für „Fowling Piece“ (TriQuarterly).

Auf der Shortlist für den Kingslex Tufts Award standen neben Boruch: Edward Haworth Hoeppner, „Blood Prism“ (Ohio State University Press) und Paisley Rekdal, „Animal Eye“ (University of Pittsburgh Press). Für den Debütpreis waren weiter gelistet: Rebecca Morgan Frank, „Little Murders Everywhere“ (Salmon Poetry) und Francine J. Harris, „Allegiance“ (Wayne State University Press).

Für deutsche Leser mag auch interessant sein, daß alle drei Dichter der Shortlist für den Mid-career-Preis an einer amerikanischen Universität lehren.

Die Preise werden am 18.4. in Claremont übergeben.

30. Lyrisches

hat die Bamberger Onlinezeitung auch sonst zu bieten, zB Vítĕzslav Nezval, Gerhard Falkner,   Hans-Ulrich Treichel, Sarah Kirsch, William Carlos Williams (mit einer Erinnerung an den Freiburger Übersetzer, Lyriker und Verleger Rainer Maria Gerhardt) und viel mehr.

29. Das Nordlicht

Bilderreich orakelt Oskar Ansull:

Wer der vor 99 Jahren geborene Autor Arno Schmidt [1914-1979] war, muss gegenwärtig noch nicht in Erinnerung gerufen werden, obwohl ich mir da nicht ganz so sicher bin. Aber, ich gehe mal naiv munter davon aus, dass die Nennung des Namens Arno Schmidt bei durchschnittlichen Hardcorelesern – zumindest ab 50 Lebensjahren – keine größere Irritation auslösen wird. Hingegen dürfte der Name Theodor Däubler [1876-1934] schon ein sichtbares Großfragezeichen in die Luft malen, das sich noch vergrößert, wird nach der Präsenz seines Epos’ „Das Nordlicht“ [1910 und 1921/22 und 2004, kritische Ausgabe] im Werk Arno Schmidts gefragt. Das ist schon sehr abseitig. Verschwindend wenige sind es, die hier durchblicken lassen können, dass diese Frage sie schon immer interessiert habe und sich damit leicht als Zugehörige einer unter Kulturschutz stehenden Spezies outen, die nicht gleich an rot-weiße Leuchttürme denkt oder an TV-Ratespiele, wo Leuchten des deutschen Nordens gekürt werden. Wer aber die merkwürdigen Lichterscheinungen am Nordpol auf der Platte hat und sich unscharf an Arno Schmidt Lektüren erinnern kann, ist schon fast als erleuchtet anzusehen. Kurz: Ulrich Klappsteins Sichtung, dessen Umschlag eine sagenhafte Nordlichtgötterdämmerung Stefan Forsters (Will, Schweiz) ziert, ist die literaturwissenschaftliche Spezialausleuchtung eines bisher noch relativ im Dunkel liegenden Großgebietes der Herz- und Hirnkammer Arno Schmidts. / literaturkritik.de

Ausgabe von 1921 als pdf

28. Gertrud Kolmar

Gertrud Kolmar gehört neben Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs zu den herausragenden deutsch-jüdischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. In der Berliner Februaraktion 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und ermordet. Bis zuletzt hat sie in der Nacht an ihren Dichtungen gearbeitet – Kreativität gegen den Tod.

Nun endlich gerät Kolmars Werk intensiv in den Blick internationaler Forschung und wird seinem außerordentlichen künstlerischen Rang angemessen erschlossen und gewürdigt. Es entsteht die Gesamtausgabe des in der NS-Zeit bald verbotenen und allein im Jüdischen Kulturbund noch rezipierten Werkes, das nach Kriegsende nur bruchstückhaft und zum Teil nicht textgerecht publiziert worden war. (…)

Gertrud Kolmar wurde 1894 in eine assimilierte Familie des liberalen Berliner Judentums der wilhelminischen Ära hineingeboren und war sich früh ihrer doppelten kulturellen Verwurzelung in der westeuropäischen und hebräischen Kultur bewusst. Dabei unterlag auch ihr jüdisches Selbstbild tiefgreifenden Wandlungen. Sie löste sich schreibend aus dem eurozentrischen Denken. Außerordentlich sprachbegabt und schon früh polyglott, lernte Kolmar vornehmlich im Selbststudium Hebräisch und beginnt nach 1937 in dieser Sprache zu dichten. Nichts davon ist auf uns gekommen. / Karin Lorenz-Lindemann, literaturkritik.de

 

27. Michael Speier

Es ist der mittlerweile neunte Lyrikband des Autors und, das wird man sagen dürfen, sein dichtester und schönster, nicht nur der Linolschnitte des Rotterdamer Künstlers Hans Wap wegen, die zusammen mit einer musikalischen Gedichtkomposition zu einem Gedicht Speiers („otter creek“) von Wolfgang Seierl dem vom Aphaia Verlag herausgebrachten – und kundig eingeleiteten – Band ein sehr gediegenes Ansehen verleihen. / Michael Braun, literaturkritik.de

Anmerkung der Redaktion: Der Verfasser des Vorworts, der Heidelberger Literaturkritiker Michael Braun, ist nicht identisch mit dem Autor dieser Rezension.

Michael Speier: Haupt – Stadt – Studio.
Mit einem Vorwort von Michael Braun. Illustriert von Hans Wap. Komponiert von Wolfgang Seierl.
Aphaia-Verlag, Berlin 2012.
82 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783926677846

26. Ernst Meister

Die anlässlich des 100. Geburtstages 2011 erschienene Edition sämtlicher Gedichte sowie die umfassend informierende, bebilderte Lebenschronik gehen ebenso wie der zwei Jahre vorher erschienene Materialienband aus der von Stephanie Jordans geleiteten Ernst-Meister-Arbeitsstelle an der RWTH Aachen hervor, die der vor allem als Celan-Herausgeber bekannte Axel Gellhaus im Jahr 2000 ins Leben gerufen hatte. Ein großartiges Projekt hat nun vor allem in Gestalt der in jeder Hinsicht überzeugenden textkritischen und reich kommentierten Ausgabe der Gedichte seinen Abschluss gefunden.

Die fünfbändige gedruckte Ausgabe mit den weit über 1.000 Seiten der drei Textbände und den zusammen nochmals über 1.000 Seiten umfassenden ergänzenden Bänden mit editorischem Apparat und ausführlichem Kommentar wird durch die online zugängliche Edition aller hand- und maschinenschriftlichen Textzeugen in Gestalt von Image-Digitalisaten ergänzt. Unter http://ema.germlit.rwth-aachen.de findet der interessierte Leser nicht nur Informationen über das Ernst-Meister-Archiv und das nun abgeschlossene Editionsprojekt, sondern er kann sich zu jedem einzelnen Gedicht einen Einblick in die mitunter langwierige und komplex anmutende Textgenese verschaffen. Die Leser von Meisters Handschrift sind jedenfalls nicht zu beneiden. Am besten benutzt man die Digitalisate zusammen mit dem Apparatband. Vorsorglich sei erwähnt: Zugänglich sind die (passwortgeschützten!) digitalen Materialien nur für diejenigen Interessenten, die die gedruckte Edition zur Hand haben.

Gewiss: der Leser der chronologisch letzten maschinenschriftlichen Textzeugen, mutmaßlich also der Druckvorlagen der Gedichte, bekäme bei open access einen mehr als flüchtigen Eindruck von Meisters Texten – Buchverkäufe wären dennoch kaum gefährdet, da nur spezialisierte wissenschaftliche Nutzer überhaupt auf die Idee kommen dürften, die Digitalisate zu konsultieren. Kurz: die Freischaltung der Materialien für die Öffentlichkeit wäre wünschenswert. Sie ersetzen weder die angesichts ihres Umfangs und ihrer Vorzüge durchaus preiswerte fünfbändige Ausgabe des Wallstein Verlags noch die übrigen derzeit lieferbaren Bände Meisters, die, von einem Suhrkamp-Bändchen abgesehen, nun im Rimbaud Verlag erscheinen. / Jochen Strobel, literaturkritik.de

Karin Herrmann / Stephanie Jordans (Hg.): Ernst Meister – Perspektiven auf Werk, Nachlaß und Textgenese. Ein Materialienbuch.
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
237 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783835305670

Axel Gellhaus / Stephanie Jordans / Andreas Lohr (Hg.): Ernst Meister. Gedichte. Textkritische und kommentierte Ausgabe.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
2436 Seiten, 198,00 EUR.
ISBN-13: 9783835307926

Karin Herrmann / Stephanie Jordans: Ernst Meister. Eine Chronik.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
182 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783835307872

25. Autorenfotos

Mangold fotografiert Essenz: Herta Müller, kurz nach ihrer Übersiedlung aus Rumänien in den 1980er Jahren, hatte kurz geschnittene, hell gefärbte Haare und trug eine nicht unbedingt als elegant zu bezeichnende Garderobe. Doch der innere Ausdruck – eine wägende, beobachtende Verschlossenheit – ist geblieben und findet sich auch in Mangoldts Porträt aus dem Jahr 2000 wieder.

Viele Autoren hat Mangoldt immer wieder getroffen. Auch das sieht man den Fotos an: wie sich Persönlichkeiten entwickeln, wie einer anfängt, was Alter und Erfolg mit ihm machen und was dabei auf der Strecke bleibt.

(…) Ein Zwang zum Marketing und zur Pose, wie er heute in der Autorenfotografie vorherrscht, ist in Mangoldts Aufnahmen beglückenderweise nicht zu spüren.

/ Carsten Hueck, DLR

Renate von Mangoldt: Autoren. Fotografien 1963 – 2012
Steidl Verlag, Göttingen 2013, 544 Seiten, 38,00 Euro