Schöner Schreiben

Angesichts der täglichen Flut von E-Mail, SMS und anderer Kurzmitteilungsdienste klagen immer mehr Kulturpessimisten über den Niedergang der Handschrift und übersehen dabei, dass auch heute noch fleißig mit der Hand geschrieben wird. Selbst junge Menschen kaufen sich wieder schöne Stifte, verschicken Briefe, schreiben wieder Gedichte oder füllen regelmäßig die Seiten ihres Tagebuchs.

Geschrieben wird am liebsten mit Tinte und wer es edel mag, bevorzugt einen Füllfederhalter. Nicht nur weil er für ein schöneres Schriftbild sorgt, er verbessert auch den Stil. / Nach Mittelstands Nachrichten

 

Heimat

Er setzte seiner Heimat ein lyrisches Denkmal:

„Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, / Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; / So käm’ auch ich zur Heimat, hätt’ ich / Güter so viele, wie Leid, geerntet.“

In den letzten Jahrzehnten seines Lebens wanderte er täglich auf dem schmalen Fußweg am Neckarufer hin und her, beobachtete die hölzernen, flachen Stocherkähne, wie sie wellenlos über das dunkle Wasser glitten und verschloss sich gegen den Lärm der Zeit. Er starb am 7. Juni 1843. / Mehr über Hölderlin in Tübingen hier (Hans H. Krüger)

Vollmundig

Nein, obszön sei seine Übersetzung nicht, wehrt sich Raoul Schrott noch vor Beginn seiner Lesung, über die Zuschreibung, die LitCologne-Geschäftsführer Labonté bei der Vorstellung des Tiroler Dichters über dessen „Ilias“-Übertragung vorschlägt: Nein, nicht obszön, sondern „vollmundig“. Dies gilt dann wohl auch für die neueste Übersetzung, die Schrott gerade geleistet hat und die an besagtem Abend in Köln von ihm selbst vorgestellt wurde, nämlich die „Theogonie“ von Hesiod. Dieses älteste Zeugnis griechischer Poetik, rund 700 v. Chr. entstanden, die Erzählung von der Entstehung der Welt – Hesiod am Berg Helikon auf der Insel Euböa von den Musen eingehaucht – , hat Raoul Schrott – wie schon zuvor die „Ilias“ – in ein zeitgemäßes Deutsch übertragen, eben „vollmundig“, wofür er da und dort bereits heftig kritisiert wurde. / Gerald Schmickl, Wiener Zeitung

Wir brauchen einen großen Poesiepreis

„Ich glaube, daß unsere Dichter – Lutz Seiler, Jan Wagner, Nora Bossong, Monika Rinck und wie sie alle heißen – wunderbare Schriftsteller sind. Aber selbst, wenn sie Preise kriegen, werden die Auflagen nie höher als 3000. Meistens bleibt es bei 700, 800 Exemplaren. Deshalb muß es einen großen Preis für Poesie geben. Wir leben jetzt im Zeitalter der Prosa, des zielgerichteten Schreibens. Da sind diese schweifenden, träumerischen, nachdenklichen Typen nicht mehr so gefragt. Deshalb wäre es toll, wenn der Börsenverein so einen Preis erfände – wo dann auch mal für ein, zwei Wochen der Buchhandel mitmacht. Dann hätten wir Fenster voller Poesie.“

Michael Krüger, Börsenblatt, Dezember 2013

Gedichte im Computerspiel verstehen

Deutschschüler aus Zwickau lernen mit zwei Studenten der Medienkommunikation von der TU Chemnitz Goethes „Osterspaziergang“ verstehen, berichtet die Freie Presse. Gedichte im Informatikunterricht, das klingt nach einem interessanten Ansatz *. Die Studenten

nutzen mit „Minecraft“ ein beliebtes Computerspiel, um jungen Leuten einen neuen Zugang zur Literatur zu eröffnen. Im Spiel geht es darum, aus unterschiedlichen Materialien eine neue Welt zu erschaffen – warum also nicht die, die Faust und Mephisto erlebten, als sie zu Ostern beobachteten, wie es die Menschen in die Natur zieht?

Stück für Stück erarbeiten sich die 9. Klassen Goethes Worte und damit ihre eigene Welt. Und auch die Gedankenwelt des Dichters. Denn die bleibt jungen Leuten nicht selten verschlossen, gibt Anja Lehmann zu. Die 15-Jährige arbeitet an dem Projekt mit. Bislang findet sie, dass Gedichte oft aus geschwollenen Worten bestehen, wie sie es nennt. Indem sie sich näher mit den Natur- und Gemütsbeschreibungen auseinandersetzt, öffnet sich ihr diese Welt. „Man versteht das Ganze besser“, findet die Zwickauerin. Auch wenn sie sich wohl immer noch lieber mit einem Computerspiel zurückzieht als mit einem Lyrik-Band.

*) Das paßt zu einer Nachricht aus Finnland, die ich heute im Independent las. Finnlands Schulsystem gilt ja in Europa als vorbildhaft. Jetzt will man es in einem mutigen Schritt radikal umbauen. Statt Fachunterricht soll es dort künftig Unterricht an Themen oder Projekten (an Phänomenen, sagt man dort) geben. Nicht Montag erste Stunde Geschichte, dann Mathematik, dann zwei Stunden Finnisch, sondern zum Beispiel einen Kurs in „Cafeteria-Service“, was Mathematik, Sprachen, Schreib- und Kommunikationsfähigkeiten einschließt. Oder ein Projekt „Europäische Union“, in dem man sich Elemente von Ökonomie, Geschichte, Sprachen und Geographie erschließt.

Thema Schule in L&Poe

Gert-Jonke-Preis an Julian Schutting

Am Sonntag ist in Klagenfurt der dritte Gert-Jonke-Preis an den Niederösterreicher Julian Schutting vergeben worden. Laudator Cornelius Hell sagte, damit sei Schuttings lyrisches Lebenswerk gewürdigt worden. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Mit der Jonke Preis zeichnen Land Kärnten und Stadt Klagenfurt renommierte Autoren aus. Laudator Hell lobte Preisträger Schutting als Lyriker, der sich bereits seit einem halben Jahrhundert der Arbeit an Gedichten widme. Schutting kreise in seinem Werk „in immer wieder faszinierenden Sprachkaskaden um ein Thema, um das der Liebe“.

Er erhalte die Auszeichnung „für Gedichte, die oft mit einfachsten Alltagsbeobachtungen beginnen und sich zu komplexen Fragestellungen weiten können, für Gedichte, die politisches und religiöses Sprachmaterial in sich aufnehmen und verändern oder Kunstwerke befragen und in einem neuen Licht erscheinen lassen“.

Der Gert Jonke-Preis wird alle zwei Jahre abwechselnd in den Kategorien Prosa, Dramatik und Lyrik vergeben. In der Jury saßen neben dem Laudator und Journalisten Cornelius Hell noch Jochen Jung, Leiter des Jung und Jung-Verlags, sowie Holger Pils von der Stiftung Lyrik Kabinett in München.

Der Laudator kritisierte, dass Lyrik im deutschsprachigen Raum heute zu wenig Beachtung finde. Dies sei „ein Schaden und eine Schande“, öffentliche Literaturgespräche drehten sich nur mehr um Romane, es gebe kaum Rezensionen über Gedichtbände in wichtigen Zeitungen und die neue Zentralmatura und das ihr zugrunde liegende Konzept des Deutschunterrichts grabe der Literatur überhaupt das Wasser ab.

Julian Schutting über Lyrik: „Da gibt es chinesisches kleines Papier, wenn man das ins Wasser wirft, blühen Lampions und Blüten. Ein Reizwort reicht, da entsteht ein Mikrokosmos. Realistische Geschichten zu schreiben hat mich nie gereizt.“

Julian Schutting wurde 1937 in Amstetten als Mädchen geboren. Nach einer Fotografie-Ausbildung und dem Studium der Geschichte und Germanistik arbeitete Jutta Schutting als Lehrerin in Wien. Anlässlich einer 1989 vorgenommenen Geschlechtsumwandlung ließ der Schriftsteller über seinen Verlag erklären, er suche mit diesem Schritt „Übereinstimmung mit meinem lebenslangen Selbstgefühl“.

Seitdem lebt er unter dem Namen Julian Schutting als freier Schriftsteller in Wien. Sein Werk umfasst neben Lyrik auch Prosa und sprachphilosophische Abhandlungen. Seit 1973 wurden mehr als 40 Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien 2014 bei Jung und Jung sein Gedichtband „Der Schwan“. Schutting ist bereits Träger vieler Auszeichnungen, darunter der Anton-Wildgans-Preis und der Georg-Trakl-Preis. / ORF

Jorie Graham

This collection has characteristics of the perfect art exhibit — smart staging has transformed the artist’s familiar work into something foreign and riveting. Graham, an expert designer, has organized poems from disparate books into a seamless whole. The book manages to showcase changes in Graham’s intricate poetic sensibility without diluting the unique, visceral effect one receives from reading her work. / CHRISTIAN HARDER, Special correspondent, Richmond Times Dispatch

Jorie Graham: “From the New World: Poems 1976-2014”

Truth serum

Poems are elusive, sentient creatures, and if they are not ‚trapped‘ in time, they simply fade away. They are caught in midair and made palpable on paper. Poetry demands honesty. It is a truth serum taken voluntarily and unconditionally. The fakes will always be found out. / Der indische Dichter Manohar Shetty bei dnaindia

Poetopie

ich müsste mehr über die Wissenschaften wissen – sie wissen schon zu viel über mich

Hansjürgen Bulkowski

Gerettet werden

Ein Satz von Ulrich Koch, gezeichnet von Petrus Akkordeon
Ein Satz von Ulrich Koch, gezeichnet von Petrus Akkordeon

Literarischer März 2015

Mitteilung auf darmstadt.de:

Der Kulturdezernent der Wissenschaftsstadt Darmstadt, Oberbürgermeister Jochen Partsch, hat am heutigen Samstag (21.) um 20 Uhr im Kulturwerk Centralstation den Leonce-und-Lena-Preis 2015 an David Krause (geboren 1988 in Köln) vergeben. Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise gingen an Anja Kampmann (geboren 1983 in Hamburg) und Özlem Özgül Dündar (geboren 1983 in Solingen). Mit dem Leonce-und-Lena-Preis ist ein Preisgeld von 8.000 Euro verbunden, die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise sind mit jeweils 4.000 Euro dotiert.

Die Entscheidung über die Preisvergabe trafen die Jurymitglieder Sibylle Cramer, Kurt Drawert, Norbert Hummelt, Jan Koneffke und Marion Poschmann. Dem Lektorat, das eine Vorauswahl unter den insgesamt 458 Bewerbungen traf, gehörten Fritz Deppert, Christian Döring und Hanne F. Juritz an.

Die Jury schreibt in ihrer Begründung zur Preisvergabe des Leonce-und-Lena-Preises an David Krause:

„Der Leonce-und-Lena-Preis 2015 der Stadt Darmstadt wird David Krause zuerkannt. In seinen Gedichten geht der erst 27-jährige Autor ein hohes ästhetisches Risiko ein: er wagt noch einmal wie am ersten Tag unmittelbar sinnlich von den Dingen zu sprechen, wie sie sich dem schreibenden Subjekt in der Erinnerung und in ihrer unentrinnbaren Flüchtigkeit zeigen. Dabei gelingen ihm eindringliche Gedichte von großer sprachlicher Schönheit, in deren Fluchtraum das Ideal einer vollständig zurück gewonnenen Präsenz aufscheint. Die Gedichte bezeugen seine intensive Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition, insbesondere mit dem Werk Rolf Dieter Brinkmanns, dem er im Zusammenspiel und Widerstand huldigt. Seine Gedichte erscheinen der Jury als verheißungsvoller Auftakt eines literarischen Werkes.

Zu Anja Kampmann schreibt die Jury: „Den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2015 der Stadt Darmstadt erhält Anja Kampmann für ihre Versuche der Landschaftsvermessung. Mit einem poetischen Verfahren, das scheinbar das Ich der Natur anheim gibt, legt sie sowohl historische als auch politische Schichten frei. In diesen Gebieten, ‚in denen die Angst sich nicht ausspricht aber anwesend ist’, wird lyrisches Sprechen zum Grenzgang zwischen Anschaulichem und Unanschaulichen, Raum und Zeit. Horizontlinien, Ränder und Zäune strukturieren ein unsicheres Gelände, das sich in seiner Sprachwerdung trotz präziser Beschreibung der Eindeutigkeit entzieht.“

„Wenn der verstand das / gespräch verlässt“, heißt eines ihrer Gedichte, und es meint die Beschädigung des Subjektes durch eine beschädigte Sprache. Özlem Özgül Dündar führt im Spannungs- und Widerspruchsfeld von Sprache und Sprechen, Fremdverwaltung und Selbstwerdung auf poetisch überzeugende Weise vor, wie eng die Physis unserer Texte mit der unserer Körper verbunden ist und soziales Handeln nur in den Paradigmen einer Ordnung der Sprache stattfinden kann. In einer Zeit des Werte- und Sprachverlustes sind sie ein humanitärer Appell. Ihr wird hiermit der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2015 zugesprochen“, heißt es in der Würdigung der Jury für Özlem Özgül Dündar.

Bereits zum 19. Mal hat die Wissenschaftsstadt Darmstadt den Literarischen März ausgerichtet. Seit 1979 werden in diesem Rahmen der Leonce-und-Lena-Preis und seit 1997 der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis alle zwei Jahre von der Wissenschaftsstadt Darmstadt vergeben.

Elf junge Autorinnen und Autoren hatte das Lektorat des Literarischen März 2015 unter 458 Bewerbungen ausgewählt: Am 20. und 21. März 2015 traten sie in öffentlichen Lesungen in der Darmstädter Centralstation auf und stellten sich der Kritik. Bewerben konnten sich Nachwuchslyrikerinnen und -lyriker, die nicht älter als 35 Jahre sind.

Frank Milautzcki kommentiert bei Fixpoetry:

In seinen eher konventionell aufgesetzten Texten finden sich Rückgriffe auf eine einfache und klargedachte Poesie, wie man sie bspw. Ende der 60er/Anfang der 70er schrieb und die als Schaubild für einen Wiedergewinn verstehbarer Authentizität und semantischer Tiefe dienen kann, während viele jener Wettbewerbstexte, die formelle und inhaltliche Wagnisse eingingen, polternd bis pauschal von der Bühne disputiert wurden oder im offen bekannten Unverständnis landeten.

(…) Darüber hinaus konnte man über einen ganzen Tag verteilt weitere viel spannende Lyrik hören (WF Schmid, Konstantin Ames, Carolin Callies – um nur die zu nennen, die mir persönlich am besten gefielen) und ihr bis in die öffentliche Jury-Diskussion folgen, wo allerdings recht oft alleinstellende Aspektwahrheiten aufgrund persönlicher Sehschwächen der Jurymitglieder unerkannt oder verkannt bis mißgedeutet blieben.

Eilmeldung

Reitende Boten verkünden:

Leonce und Lena Preis David Krause. Wolfgang Weyrauch Förderpreise Özlem Özgül Dündar & Anja Kampmann

Die Experten

Die Experten haben keine Lust, sich auf die verwirrend vielfältige Gegenwartslyrik einzulasssen. Es könnte auch ihr Expertentum in Frage stellen. Lieber suchen sie sich 1 oder 2 Namen, die sie als Großdichter handeln können. Alle, fast alle – ebenfalls & kreuzweis von Experten bestückten – Jurys werden sie darin bestätigen. Oder sie rufen den Verfasser des einen Buches, das sie sich zu rezensieren herbeilassen, zum Ausnahmepoeten (gern auch die Verfasserin zur Ausnahmepoetin) aus. Und reden auf der andern Seite dem ebenso ignoranten Publikum nach dem Maul und sagen, macht euch nichts draus, daß ihr die Gedichte nicht lest, sie sind eh nicht mehr zeitgemäß/akademisch/unverständlich/elitär. WIR nicht, wir sind das VOLK. Poesie ist die Schnulze, die ihr gern hört, das Event, auf das ihr geht. WIR SIND DIE POESIE!

Helene Fischer

Zum Welttag der Poesie erklären drei Experten aus Siegen, wie Lyrik sich durch das Netz und Events verändert hat:

Was haben Helene Fischer, Johann Wolfgang von Goethe und Rammstein gemeinsam? Sie sind Poeten, jedenfalls wenn man Jörg Döring, Germanist an der Universität Siegen, fragt. Zum Welttag der Poesie haben er und seine Kollegen Johannes Paßmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter, und Dieter Schönecker, Philosophieprofessor, darüber diskutiert, wie „in“ Poesie heutzutage noch ist, wie das Internet sie verändert hat und warum der Schlagersong „Atemlos durch die Nacht“ das derzeit bekannteste deutsche Gedicht ist.

Was Helene Fischer mit Goethe verbindet – | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-siegen-kreuztal-netphen-hilchenbach-und-freudenberg/was-helene-fischer-mit-goethe-verbindet-id10482515.html#plx910184380

Von Das Erste

ARD spendet zum „Welttag der Poesie“ eine Galerie der Dichterheroen von Goethe bis Wagner