Viele gute Gedichtbücher sind zwischen Anfang 2014 und März 2015 erschienen. Welche darunter sind außerordentlich bemerkenswert, interessant, überraschend? Kritiker, Lyriker und Vertreter literarischer Institutionen haben zwölf deutschsprachige und zwölf ins Deutsche übersetzte Gedichtbände ausgewählt, die sie für besonders empfehlenswert halten.
Die Empfehlungsliste erscheint einmal jährlich und wird von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und der Literaturwerkstatt Berlin zur Leipziger Buchmesse und zum Welttag der Poesie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband präsentiert.
Wir wünschen den Lyrik-Empfehlungen breite öffentliche Aufmerksamkeit, damit die Stimmenvielfalt der Poesie weitere Leserinnen und Leser findet.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett veröffentlichen jährlich eine Empfehlungsliste von Neuerscheinungen deutschsprachiger Lyrik und ins Deutsche übersetzter Lyrik. Neue Partner seit 2015 sind die Literaturwerkstatt Berlin und der Deutsche Bibiotheksverband.
Über die Empfehlungsliste entscheidet ein Gremium aus Lyrikern,Kritikern und Vertretern literarischer Institutionen. Dem Gremium gehören an:
Im Rahmen der Buchmesse Leipzig findet in zwei Veranstaltungen eine öffentliche Präsentation der Lyrik-Empfehlungen statt:
Freitag, den 13. März 2015
16 Uhr: Literaturforum Halle 4, Stand E101, Messegelände
20 Uhr: Gohliser Schlösschen, Menckestraße 23, Leipzig
mit Marcel Beyer, Michael Braun, Sonja vom Brocke, Tadeusz Dąbrowski, Heinrich Detering, Florian Kessler, Michael Krüger, Margitt Lehbert, Holger Pils, Jan Wagner und Thomas Wohlfahrt
Außerdem ein Gespräch über die Lyrik-Empfehlungen am
Samstag, den 14. März 2015
10 Uhr: 3sat – Kulturzeit, Glashalle, Stand 18, Messegelände
mit Jan Wagner und Holger Pils
Das PDF enthält die ausführlichen Listen »Deutschsprachige Lyrik« und »Internationale Lyrik in Übersetzung« mit Begründungen. Hier
Lyrik-Empfehlungen 2015
Deutschsprachige Lyrik
Internationale Lyrik in deutscher Übersetzung
Aus dem Bericht von Katharina Kohm über das erste Treffen junger Lesereihen mit Lyrik-Schwerpunkt im Münchner Lyrik Kabinett (komplett bei Signaturen):
Man hatte das Gefühl, einem Lyrikfrühling, der sich über den gesamten deutschsprachigen Raum erstreckt, beizuwohnen, an diesem dynamisch und abwechslungsreich gestalteten Abend, Samstag, den 21. Februar 2015. (…)
Zum Beispiel die Orte, die kreativen Räume: Derweil die einen in Lokalen auftreten (z.B. »Kabeljau & Dorsch« im Café Gelegenheiten in Berlin Neukölln, »niemerlang« in verschiedenen Leipziger Cafés und die seit letztem Oktober bestehende Lesereihe »Land in Sicht« im Cafe Fleur in Köln), lesen die Lyriker der »zwischen/miete« in Freiburg in wechselnden, privaten WGs. Dass auch der Privatraum für Lesungen genutzt wird und großen Zulauf verzeichnen kann, zeigt das Bedürfnis junger Leute nach einer gemütlichen Atmosphäre für die Präsentation von Lyrik. Auch gab es schon Lesungen in einem Gummibärchenladen sowie in einem Fleischwarenfachgeschäft. Nutzbaren Räumen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein.
Neben der breiten Palette an Vortragsorten ist auch eine Vielfalt der Formate und neuen Konzepte für Lesungen beeindruckend. Während die »Dichtungsfans« in Frankfurt u.a. in ihrer Reihe »Undercover« fremde Texte lesen und am Ende der Veranstaltung das Publikum entscheiden lassen, welcher am besten gefallen hat, ohne dass es informiert worden ist, wer ihn verfasst hat, werden beim »hörgeREDE-Festival« in Graz Performances präsentiert, die zwischen Lyrikern und Musikern 4-5 Monate lang erarbeitet worden sind. So wird eine musikalische Begleitung, zu der nach bestehendem Programm gelesen wird, vermieden. Vielmehr gilt es, eine Öffnung hin zum Dialogischen beider Formen zu generieren, damit ein gemeinsames künstlerisches Werk entsteht. (…)
Zwar empfinden sich die Lesereihen als Ergänzung zu bestehenden Literaturhäusern, aber nur in Freiburg scheint bisher eine Kooperation mit dem dortigen Literaturbüro gelungen zu sein. Auch durch den jüngst publizierten Beschwerdebrief der Leitung des Frankfurter Literaturhauses werde deutlich, dass die etablierten Institutionen die aufkommende junge Szene eher als Bedrohung denn als Bereicherung empfänden. Aufgrund dieser Situation sei ein gemeinsames und vernetztes Auftreten, die Verbündung der Akteure, umso wichtiger, wie sie beispielsweise schon von jungen Literaturmagazinen praktiziert werde.
Das grundlegende Problem scheint, zusammengefasst, die Kommunikation mit dem institutionellen Literaturbetrieb zu sein. Dabei hätten doch auch junge Lyriker ohne Rang und Namen ein Anrecht darauf, anerkannt zu werden und sich als Literaten einer Stadt zu präsentieren. Der existierende scheinbar tiefe Graben zwischen etablierter Literatur und einer »Underground-Literaturszene« wäre nicht nötig, würden sich Lyrikinteressierte aller Altersgruppen austauschen und keine Hemmungen haben, aufeinander zuzugehen.
Man fragte sich, ein wenig beklommen, wie lange dieses Engagement ohne finanzielle Unterstützung aufrechterhalten werden könne, wenn auf Dauer von offizieller Seite keine oder zu wenig Unterstützung käme. Und ein »Wo sind wir in 10 Jahren?« wäre ohne einen ausreichenden finanziellen Rahmen nicht zu beantworten. Auf der anderen Seite befinde sich die junge Lyrikszene aber gerade am Anfang ihrer vernetzten Arbeit.
Die Kulturpolitik einer Stadt, so die Forderung, habe darauf achten, dass sich junge Autoren, der Nachwuchs, in den bestehenden Institutionen aufgenommen fühlten, inklusive der Freiheit, Eigenes zu schaffen und neue Konzepte zu entwickeln. Die Freiräume für Lyrik scheinen dabei unerschöpflich. Also sollte es auch im Sinne der Stadt sein, die kreativen Szenen zu fördern und ihnen dauerhaften Platz unter einem gemeinsamen Dach zu bieten. Dass sich ein Literaturhaus nur dem etablierten Literaturbetrieb verpflichtet fühle, sei befremdlich, zumal man so das junge Publikum, aber auch die jungen Lyriker verpasse. Kommunikation und Kooperation müssten unbedingt gefördert werden.
Belgrad/Wien. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke ist zum Ehrenbürger Belgrads ernannt worden. Der Vorschlag der Stadtverwaltung wurde vom städtischen Parlament laut Medienberichten einstimmig unterstützt.
Handke habe den Titel des Ehrenbürgers verdient, weil er Serbien jahrzehntelang, „ungeachtet dessen, wer an der Macht war“, unterstützt habe, erläuterte Goran Vesic von der Stadtverwaltung. Handke habe als Intellektueller viel dafür getan, damit in den Zeiten des Zerfalles des früheren Jugoslawien auch die „andere Seite der Wahrheit“ an die Öffentlichkeit gekommen sei, argumentierte er ferner. / Wiener Zeitung
Der Verleger Siegfried Unseld hielt Karl Krolow für den „Nestor der deutschen Lyrik“, für Kurt Drawert war er „moderner als die Moderne“, Friedrich Rasche meinte, dass sein Werk „neben dem Besten bestehen kann, was wir heute an deutscher Lyrik besitzen“, und Hugo Friedrich stellte ihn gar in eine Reihe mit Rimbaud, Mallarmé, Garcia Lorca, Trakl und Else Lasker-Schüler.
Vor hundert Jahren, am 11. März 1915, wurde dieser außergewöhnliche Poet, der zu seinen Lebzeiten in einem Atemzug mit Paul Celan, Günter Eich und Ingeborg Bachmann genannt wurde und heute etwas aus der Erinnerung gefallen ist, in Hannover geboren. / Oliver Bentz, Wiener Zeitung
Von Stan Lafleur
Das letzte Mal traf ich Rolf Persch bei einer seiner Lesungen in einem Café am Eigelstein. Weil ich mich verspätet hatte und auf der kleinen Dachterrasse kein Platz mehr frei war, tändelte ich hinter Rolf auf der Behelfsbühne herum. Sobald er meine Anwesenheit in seinem Rücken bemerkte, begrüßte er mich, bot mir den Stuhl, auf dem seine Manuskripte lagen und integrierte mich in seine Lesung, indem er mich anhielt, seinen Textstapel zu verwalten. Im weiteren Verlauf der Lesung ergaben sich ein paar kurze Dialoge – das Publikum reagierte befremdet bis amüsiert.
Kennengelernt hatten wir uns 1997, als wir gemeinsam bei der vom KRASH-Verlag ausgerichteten Westdeutschen Literaturmeisterschaft – einer frühen Variante des Slams – auf der Bühne standen und die Siegerplätze belegten. Meist trafen wir uns anläßlich seiner Lesungen in diversen Kölner Cafés. Rolf erzählte mir von seiner Junkie-Vergangenheit, von Marokko, seinem Abo-Gedicht (jeden Monat ein neues, durchgepaustes und an 20 Abonnenten als Typoskript versandtes Gedicht, mit dem er wesentliche Teile seines Lebensunterhalts bestritt) und von seinem Rückzugsort in der Eifel, der ihn so günstig kam, daß er seinen Vermieter als Mäzen bezeichnete.
Vor anderthalb Wochen erhielt ich Nachricht, daß Rolf Persch schwer erkrankt sei und nicht mehr gesund würde. Eine für den ersten März angesetzte Lesung in einem Südstadt-Café, die ich besuchen wollte, könne er nicht mehr wahrnehmen. Vor drei Tagen ist Rolf von uns gegangen. Wie viele Dichter lebte er materiell arm und starb früh.
Als Dichter war Rolf Persch vornehmlich im Kölner Raum bekannt. Seine Texte sind auf Lakonie geschnitten und wirken mit unerwarteten, hinter- bis tiefsinnigen Wortspielen und grotesken, lebensweisen Wendungen. In seinem Nachruf im Kölner Stadt-Anzeiger nennt Norbert Hummelt Ernst Jandl als Vorbild. Perschs Buchtitel lauten: mein stuhl und ich, scheuen sie sich nicht mich außenbordmotor zu nennen oder von möglichkeiten. Beim Vortrag agierte Rolf mit schneidend-akzentuierender Stimme, die bisweilen ins Melancholische driftete, lebte in seinen Gedichten und zog so sein Publikum in Bann. Kollegen erzählten mir von wilden Performance-Aktionen, die für seine früheren Auftritte typisch gewesen seien. Ich habe Rolf stets eher als souveränen, denn als wilden Performer empfunden.
Eine kleine Textauswahl im Netz läßt sich im Poetenladen finden. Unter dem Titel ist es am rhein so schön habe ich auf rheinsein fünf seiner Rhein-Gedichte eingestellt. Wer Rolf Perschs Homepage anwählt, stößt nun zuerst auf ein selbst verfaßtes und eingesprochenes Epitaf:
am ende
am ende wird es ein erdenaufenthalt gewesen sein,
der kaum zu ordnen war, für mich, der ich
immer ordentlich bin.
(Quelle)
die Uhren ticken nicht mehr richtig – lautlos, taktlos gleitet ihre Zeit an uns vorbei
Hansjürgen Bulkowski
Aaron Angello first noticed the powerful relation between poetry and place around five years ago while working on his doctorate in English literature at the University of Colorado Boulder.
“We read Charles Olsen’s [sic] “Maximus,” poems which take place in Gloucester, and Lorraine Niedecker’s “Paeon to Place” — all these poems which are specifically tied to location,” Angello says of a class he took which examined the relationship between poetry and place.
That lead Angello to create the Denver Poetry Map, a map that enlivens Denver with poems inspired by specific locations around the city. / CHLOE VELTMAN, cpr.org
Beim Aufräumen meines Büros in der Universität finde ich einen alten Zettel, der Rätsel aufgibt. Es muß tief in den 90ern gewesen sein. Eine Sekretärin schreibt mir: „Lieber Michael, du möchtest bitte auch noch das Gedicht entfernen! Herr XY hat es so gesagt und Herrn YZ beauftragt! Gruß, W“
Hm, mysteriös. Zwar die Befehlskette ist klar. Herr XY ist sehr wichtig und hat Befehlsgewalt nicht nur über mich, sondern in einer schönen Treppe über Herrn YZ, der direkt unter ihm steht und „beauftragt“ wird, was in der Befehlskette bedeutet, daß er es nach unten weitersagt, bis Frau W an der Reihe ist und es mir mitteilt. An mir ist es nun, die gleichwohl höflich formulierte Weisung auszuführen, also „auch noch das Gedicht [zu] entfernen!“ Welches Gedicht, wo steht liegt hängt das verdammte Gedicht, warum muß es „auch noch“ weg, was also mußte zuvor schon weggeräumt werden? Und hab ich es dann entfernt, und wenn ja wohin? Es ist zu lange her, vielleicht verjährt, nur das Rätsel ist noch da. Der letzte Gruß der Uni sozusagen. Was haben die gegen Gedichte?
Ein neuer Lyrikverlag taucht auf, mit exzellentem Programm. Ich freue mich, die neuen Bücher hier vorstellen zu dürfen – und natürlich auf die Bücher, die in Kürze vorliegen sollen. Der Verlag heißt Brueterich Press und wirbt mit dem Slogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS!
Die Autoren der angekündigten 4 Bücher sind: Hans Thill, Cyrus Console, Monika Rinck und Oswald Egger. Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise munkeln, hinter Brueterich verberge sich… darf ich das ausplaudern? Ach was, hoch lebe die Glasnost: Ulf Stolterfoht. Und die Lyrikknappschaft Schöneberg ist mit von der Partie. Aus gegebenem Anlaß darf ich als erstes das Buch von Oswald Egger vorstellen:
Oswald Egger: Gnomen & Amben. Berlin: Brueterich Press, 2015 (BP 005). 20,00 €
Ein paar Seiten als Leseprobe:
WETTLAUF DER GNOMEN UND AMBEN. Am Anfang war es einmal – also keinmal–, und zwar die Geschichte selbst hat sich so zugetragen: Von einem Igelpaar sitzt jeweils der eine oder die andere am Ausgangs- und Endpunkt der festgelegten Wettwegstrecke, und harrt, da wie dort, dem erschöpften anderen, cognomen, dessen Name sei – Hase: »Ick bün al dor!« Aber dann, beim 74. Anlauf (in Anwendung der Bilokation im Wortsinn) bricht der Gambengnom ein und – hubbubs – muß »dran glauben«. Ein alter Kalender mit Fünffingererzählung liegt der Mär zu Grunde, ich weiß, und von einer solchen Fünftage-Woche müssen im Jahreskreis binnen 365 Tagen ganze 73 ab- und ausgelaufen sein. Dieser oder jener Haselant freilich, gefangen im Nomen seiner Posse, fiele hasardiert ins immerneu zv wwwerwürfelte Mondloch pro Woche – jetzt bin ich dann da, dann bin ich jetzt dort. Von Jetzt auf Gleich erstreckt sich »daß«, aber nicht »wie« die ganze Zeit vergeht, dabei: vom »Vom« zum »Zum« ineinander übergehend, ununterdessen unaufhörlich andauernd, fast unbenommen pausenlos Woche um Woche, Wort für Wort, Ton in Ton verwoben, stets und doch wechselständig, fortwährend, unentwegt, von Klippe zu Klippe, in einem fort: Die Geschichte ist eigenlos, »um nichts«, gelogen, bloß – wahr ist sie aber! Ich will mir die Fabel in Sprache und Gestalt eines Rebus und Silbenrätsels denken (»das Blatt hat sich gewendet«); nur unumgänglich müsse sie sein, besiegelt, sonst könnte sie einer ja um die Wette nicht unverwandt ausgesprochen wissen wie kein anderer ..: am Ende ist sie ausgedacht –
Über den Prager Platz Naměstí Míru schallt die Stimme von Egon Bondy. Sie kommt aus dem ersten „Poesiomaten der Welt“. Seit dieser Woche befindet er sich direkt vor der Kirche der Heiligen Ludmilla. Bondy spricht aus einem unauffälligen grauen Rohr – es sieht aus wie das Periskop eines U-Boots. 20 Gedichte stehen zur Auswahl. Darunter tschechische Klassiker wie Jaroslav Seifert und Vladimír Holan, Underground-Ikonen wie Bondy oder Ivan Martin Jirous und auch Nachwuchspoeten wie Marek Šindelka. Alle lesen ihre Gedichte selbst. Entweder sind es Originalaufnahmen des Tschechischen Rundfunks, oder eigens eingesprochene Texte der zeitgenössischen Künstler. Wie kam es nach Klavieren, Schach nun zur Dichtkunst im öffentlichen Raum? Ondřej Kobza:
„Ich habe mir die etwas seltsame Frage gestellt, was man denn nach den Klavieren noch so alles aufstellen könnte. Ist das nicht eine seltsame Frage: was könnte man nur aufstellen? Und da ist uns dann eben diese Jukebox für Poesie eingefallen. Ich lese sehr gerne Gedichte laut unter freiem Himmel. Man nimmt das ganz anders auf, wenn ein Vogel vorbeifliegt, wenn es leicht nieselt und die Kirchenglocken läuten. Die Worte dringen auf einmal auf eine ganz andere Weise auf den Menschen ein.“
Im Laufe des Jahres sollen nun weitere Poesiomaten in ganz Tschechien dazukommen. Das sprechende Periskop wird auch ins Ausland exportiert. Für Kiew läuft die Deadline, dort hat das tschechische Zentrum einen Gedicht-Automaten bestellt. Mit New York gab es schon Verhandlungen. / Radio Prag
Zum 17. Mal findet vom 7.-22.3. das Festival „Dichterfrühling“ (Le Printemps des poètes) mit zahlreichen Veranstaltungen in ganz Frankreich statt. Thema in diesem Jahr: „Der poetische Aufstand“. Das Plakat trägt den Kopf des jungen Majakowski und ein Zitat aus der Anthologie de la poésie russe, traduction de Katia Granoff, Gallimard, 1926.
Die Comedie Française ehrt den vor 70 Jahren in Theresienstadt ums Leben gekommenen Dichter Robert Desnos. Desnos wurde am 22.2. 1944 verhaftet und nach Buchenwald, Flossenbürg und dann Theresienstadt verschleppt, wo er 4 Wochen nach Kriegsende am 8.6. an Krankheit und Erschöpfung starb, er war erst 44 Jahre alt. Im Théâtre du Vieux-Colombier tragen am 10.3. um 12 Uhr Stéphane Varupenne, Suliane Brahim, Jérémy Lopez und Claire de La Rüe du Can Texte und Chansons vor. Auch in Lyon, Villeurbanne und Montpellier gibt es Veranstaltungen über den Dichter.
Ab 20.3. findet in Paris der Salon du Livre statt, Ehrengast ist in diesem Jahr Brasilien. Der brasilianische Dichter Max de Carvalho stellt sein Buch Poésie du Brésil vor, die erste Anthologie in französischer Sprache, die 5 Jahrhunderte brasilianischer Dichtung von indianischen Mythen bis zu vor 1940 geborenen Dichtern versammelt.
Auch in anderen Ländern gibt es Ableger des Festivals. In Luxemburg lesen am 17.3. beim zweiten „Printemps poétique transfrontalier“ Norbert Lange (Deutschland), Alain Dantinne (Belgien), Fabienne Jacob (Frankreich) und Lambert Schlechter (Luxemburg).
Hier gibt es bibliographische Hinweise zu diesem und früheren Themen
Am Donnerstag ist der Autor Rolf Persch im Alter von 65 Jahren gestorben. Aus dem Nachruf von Norbert Hummelt beim Kölner Stadtanzeiger:
Seine Gedichte erschienen seit 1988 im Handpressendruck in der von Richard Müller in Köln-Nippes betriebenen edition fundamental; seit 1998 fertigte Persch monatlich auf der mechanischen Schreibmaschine unter Verwendung von Kohlepapier ein Gedicht, das er einem exklusiven Kreis von Abonnenten samt Durchschlag, getackert und signiert, persönlich zustellte – und im privaten Ambiente laut vortrug.
Ein echtes Privileg, denn mit seinem präzisen, lakonischen Sprechgesang konnte Rolf Persch mühelos große Säle unterhalten. Seine Lesungen waren legendär, vorwiegend zu erleben im Kölner Raum, aber auch bei internationalen Festivals wie dem Steirischen Herbst. Geschult war seine Stimme, waren seine Gedichte an Ernst Jandl, aber Einfallsreichtum und persönliche Originalität gaben ihnen ein eigenes Gepräge; den sprachlichen Spieltrieb hat er mit Klarheit und Strenge stets an der kurzen Leine geführt und so eine Vielzahl prägnanter, zeitloser Gebilde geschaffen.
Lieferbare Bücher: „von möglichkeiten“ und „spüler im rausch“, erschienen in der Lyrikedition 2000.
In der Lyrikzeitung: https://lyrikzeitung.com/tag/rolf-persch/
guten Wein trifft, gehts dann wieder. Mehr
Wer Robert Kelly kennenlernen will, muss Umwege auf sich nehmen. Entweder muss er den Weg von New York ins das Städtchen Annandale-on-Hudson finden, das gute anderthalb Stunden Zugfahrt von der Großstadt entfernt ist. Oder er muss sich über englische Verse beugen. Seit vier Jahrzehnten ist der Lyriker Robert Kelly eine Größe im amerikanischen Literaturbetrieb, jedenfalls wenn man nach den üblichen Maßeinheiten urteilt: Kelly hat mehr als 40 Lyrikbände veröffentlicht, ferner Romane, Theaterstücke und Essays; er hat Literaturzeitschriften gegründet, an den großen Universitäten des Landes unterrichtet und er wurde für seine Verdienste von der American Academy of Arts and Letters ausgezeichnet. Und doch findet man in deutscher Übersetzung von Kelly kaum mehr, als einen Band mit Kurzgeschichten, „Schlaflose Schönheit“, (Residenz-Verlag, 1996).
Von dieser Seite des Atlantiks gesehen, ist Kelly Amerikas größter, lebender, unbekannter Dichter. Ein Zustand, der nachdenklich stimmt, da er einen Universalisten und Kulturvermittler trifft. Der 65jährige Kelly spricht sehr gut Deutsch und hat ins Italienische und Französische übersetzt. (…)
Trotz der Ruhe des Lehrberufs sieht Kelly sich als engagierten Schriftsteller, als „Poète engagée“. Die literarischen Moden der Sechziger und Siebziger hat er ausgelassen. Doch er hegt Vorbehalte gegenüber dem amerikanischen Kulturbetrieb: „Wenn die Duke Ellington ins Weiße Haus einladen, halten sie das für experimentell.“ Und er wundert sich darüber, dass so viele europäische Intellektuelle, die Gen-Food und McDonalds kritisieren, den amerikanischen Kulturexport „fraglos“ schluckten: „Das ist, als protestiere man gegen die Nazis und liest nichts außer Jünger.“ Seine Gedichte verbreitet Kelly seit Jahrzehnten nach Graswurzelmanier, preiswert und schmucklos bei „Black Sparrow Press“. Wer in seinen Anthologien „Red Actions“ (1995) und „The Time of Voice“ (1998) stöbert, findet einen Traditionalisten im Wandel. / Tanya Louise Lieske
Der 13. Tag der vietnamesischen Poesie wurde am 5.3. im „Tempel der Literatur“ (Van Mieu) in Hanoi und an 100 Orten im ganzen Land begangen. In Hanoi beteiligten sich 150 Dichter und Übersetzer aus 43 Ländern. Der Festtag stand in diesem Jahr unter dem Motto „Sich den Gewässern und den Inseln des Vaterlands zuwenden“. / vietnamplus
In der Provinz Bac Ninh, in Hanoi und an anderen Orten findet vom 1.-7.3. das 2. Festival der Lyrik des pazifischen Asiens statt. 200 Autoren und Übersetzer aus Vietnam und 43 „Ländern und Territorien“ beteiligen sich. / vietnamplus
Eröffnet wird das Festival vom Staatspräsidenten Truong Tân San (hier ein Gruppenfoto im Kreis der Teilnehmer, zumindest einiger – diese Quelle berichtet von 650 Teilnehmern insgesamt).
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