Am von der UNESCO deklarierten „International Day of Poetry“ am 21. März kann man seine Melange in ausgewählten Lokalen mit einem selbst verfassten Gedicht bezahlen. Initiator der Aktion ist Julius Meinl Kaffee.
Laut Angaben des Wiener Kaffeerösters konnte man 1.100 Kaffeehäuser und Restaurants in 23 Ländern als Partner für die Aktion gewinnen, mehr als 100 davon in Österreich. In Wien nehmen etwa das Café Museum, das Café Weimar, das Café Hummel, das Restaurant am Donauturm oder der Meinl am Graben daran teil. Die teilnehmenden Lokalitäten findet man auf www.PoetenDesAlltags.at. / Kleine Zeitung
Aus Deutschland sind nur wenige Cafés dabei, u.a. in Köln und Hamburg.
It’s not clear if cashiers will be exercising their critical judgment (“This comparison between your girlfriend and a red, red rose is a little overfamiliar – I’ll have to insist on a rewrite”), whether they’ll be focusing on quality or quantity (“This haiku is very nicely turned, but I don’t think it’ll stretch to a skinny frappucino extra-grande with the extra slice of melon”), or what kind of rights your barista will acquire over your work. But if you feel moved to liquidate your lines, you can find participating outlets on the campaign’s Facebook page – let us know how you get on either here or with the hashtag #PayWithAPoem on Twitter. / Guardian
Rivka Basman ist die bedeutendste lebende Dichterin ihrer Muttersprache. Dass ihr neunzigster Geburtstag vorige Woche in Deutschland unbemerkt blieb, ist trotzdem keine Überraschung. Immerhin haben die Nationalsozialisten alles dafür getan, Rivka Basmans Muttersprache, das Jiddische, zusammen mit den Sprechern auszurotten.
Während ihr Vater und ihr achtjähriger Bruder Arele von den Deutschen im Baltikum ermordet wurden, hat Rivka Basman erst den Horror des Gettos von Wilna überlebt, später auch noch das KZ Kaiserwald. Dort wurde sie zur Dichterin, indem sie jeden Abend für die anderen Gefangenen zum Trost ein jiddisches „lid“ rezitierte. Während das Lager geräumt wurde, schmuggelte sie die Papierrolle mit ihren ersten Werken unter der Zunge durch die Kontrolle. Sie hält diese Gedichte heute für wenig gelungen, doch hat sie das Manuskript der Schoah-Gedenkstätte in Yad Vashem vermacht.
Ist es nach alldem ein Wunder, wenn Rivka Basman ihre innere Welt immer noch in ihrer „mameloshn“, in der jiddischen Muttersprache aus dem Shtetl von Wilkomir, ausdrückt? Zwar lebt sie nun seit fast siebzig Jahren in Israel, hat im Unabhängigkeitskrieg ihren Kibbutz Ha-Ma’pil verteidigt und dort Kinder unterrichtet. Gemeinsam mit ihrem Mann Mula Ben-Hayim aber, der als israelischer Kulturattaché ab 1963 in Moskau stationiert war und alle ihre Werke illustrierte, hat sie die Kontakte zu den isolierten jiddischen Autoren der Sowjetunion wieder angeknüpft. (…)
Doch ihren einstweilen letzten Lyrikband hat Rivka Basman mit gutem Grund „Liderheym“, Gedichtheimat, genannt, wohl weil das Jiddische mit seinen „Buchstaben aus Tränen“ der letzte Kontakt mit der ausgerotteten Welt ihrer Jugend in Osteuropa ist. Es wäre indes eine Zumutung, ihr Lebenswerk mit fast tausend Seiten einzig als Dokument einer Holocaust-Überlebenden zu lesen. Rivka Basman führt vor, dass ein Mensch – anders als Adorno meinte – nach Auschwitz nicht nur Gedichte schreiben kann, sondern auch ein Leben abseits des „churbn“ – so das jiddische Wort für die Schoah – führen darf. (…)
Es gibt leider noch keine deutsche, ja kaum eine englische Übersetzung von Rivka Basmans bittersüßen „lidern“. Sich selbst macht die letzte Königin der jiddischen Literatur, obgleich sie im Internet als Rezitatorin zu finden ist, kaum mehr Hoffnung auf ein großes Publikum. In einem wunderschönen Gedicht vergleicht sie ihr Werk „aus steinernen Wörtern“ mit einer seltenen Blume, die einsam in felsigem Grund wurzelt und blüht, „und außer den Felsen gibt es da niemanden, niemanden“. Es ist an der Zeit, diese so stolze wie traurige Vision zu widerlegen.
Gleichwohl geht die Ära der großen jiddischen Autoren nach der Vernichtung und Vertreibung von Millionen Menschen ihrer Heimatkultur zwischen Odessa und Wilna, Warschau und Czernowitz unaufhaltsam dem Ende entgegen. Der geniale Avrom Sutzkever, der wie Rivka Basman das Todesgrauen des Gettos von Wilna überlebte, starb 2010 mit fast hundert Jahren in Israel. (…) / Dirk Schümer, Die Welt
Give any one thought a push; it falls down easily; but the pusher and the pushed pro-duce that entertainment called a dis-cussion. Shall we have one later?
John Cage
Damals, als es Facebook noch nicht gab, da gab es häufig Debatten in der Lyrikzeitung – manchmal lange, hitzige, mal ernsthafte, mal alberne… jedenfalls immer interessante. Heute landen alle L&Poe-Nachrichten bei Facebook und werden von ein paar hundert Freunden und ein paar tausend Freundesfreunden registriert, angeklickt, „geliket“ und oft an Ort und Stelle diskutiert – von denen, die zufällig am Netz sind, denn es gehört zu den Besonderheiten der Facebookkommunikation, daß sie keine Vergangenheit kennt, kein Archiv, nur eine im Deutschen irreführend Chronik genannte „Timeline“, von der man immer nur das Allerneuste zu sehn kriegt. Facebookdebatten sind persönlicher, spontaner, oft auch allzu zugespitzt bis raufboldisch; aber sicher hängt es vom eigenen Freundeskreis ab. Gestern und heute entspann sich eine spannende Debatte über Verstehen, Unverständlichkeit, Wirkung oder Wirkungslosigkeit, ausgehend von einem Artikel der Lyrikzeitung. Ich dokumentiere sie heute, aber ohne Namen. Vielleicht kann man ein Argument ja besser prüfen, wenn man nicht von vornherein weiß, von wem es kommt.
Da:
Gestern um 14:12 ·
Oho, in den Kommentarspalten der Lyrikzeitung wird es interessant: Bertram Reinecke dreht Max Czolleks (und von vielen geteilte) Vorbehalte gegen Elitäres/ Hermetisches/ Unzugängliches/ Sperriges/ schwer Verständliches/ vermeintlich Unpolitisches .. in der Gegenwartslyrik um und argumentiert: „Ich halte eher Deine Position für, na nicht für elitär an sich, aber für mit den eben zufällig mächtigen Eliten verbunden. Ein Argument der durchgesetzen Mehrheitsdiskurse gegen undurchgesetzte Minderheiten.“
Die Nachteile des Erfolgs
(…) „Da hat es innerhalb der Lyrikszene schon ein bisschen Diskussion drüber gegeben“, fasst Seel die Reaktionen auf Wagners Nominierung betont nüchtern zusammen. Kern der Diskussion: Wenn Lyrik …
LYRIKZEITUNG.COM
Di: „Zugänglichkeit zu schaffen ist meiner Meinung nach ein Teil meines Handwerks als Autor.“ Über diesen Satz von Czollek kann man aber auch nachdenken … man kann mit dieser Haltung wohin kommen, wo ich nicht hin möchte, aber ich finde den Aspekt dennoch interessant.
Gestern um 14:35
Ja: ich glaube, dass jeder text (jeder) bereits zugänglich ist. man braucht den passenden schlüssel, und den muss sich der leser schaffen, oder darf, wenn er will. es ist eine frage des aufwandes.
Gestern um 14:55
Ja: und natürlich ist der leser nicht zu verdammen, wenn er den aufwand scheut. zuweilen aber verpasst er was.
Gestern um 14:56
Di: Mich interessiert das stärker auf der Ebene des Autors. Wende ich mich an andere, will ich sie erreichen oder entziehe ich mich. Ich will nicht, dass man in dem Sinn auf andere zugeht, dass man sich anbiedert oder einschränkt. Aber es gibt auch Raffinessen, mit denen Autoren sich vorführen und sich dabei entziehen …
Gestern um 15:01
Ja: aber wenn ich die modi des entziehens durchschaue, verstehe ich als leser den autor. und das kann hoch spannend sein. egal was wir schrteiben, wir legen fährten, und verwischen wir sie, hinterlassen wir spuren,
Gestern um 15:04
Sa: Es ist im Grunde ganz einfach: wer gegen das Elitäre argumentiert, argumentiert für das maximal Warenförmige.
Okee, in Wahrheit ist es natürlich nicht ganz so einfach und schwarzweiß, aber der Appell an die Massentauglichkeit von Kunst ist bürgerlicher Kapitalismus in Reinform. Die eigentliche bürgerliche Kultur ist doch längst nicht mehr die elitäre «hohe» von früher, sondern Popkultur, die ohne größere geistige Gymnastik konsumiert (sic!) werden kann. Und die hat eindeutigen Hegemonialstatus.
Gestern um 15:06
Di: Wer spricht von Massentauglichkeit? Wenn ich mir einen Band kaufe mit Vorträgen von Kollegen zu einer deutschen Mystikerin, möchte ich was über sie erfahren und nicht in erster Linie vorgeführt bekommen, wie raffiniert die schreiben können. Ich will denen nämlich kein Stipendium verpassen für ihre Virtuosität, ich möchte einfach Leser sein und etwas erfahren.
Gestern um 15:09
Sa: Ich sprach von Kunst, nicht von Sachtexten. Völlig andere Baustelle.
Gestern um 15:13
Ja: nicht unbedingt. beides verlangt klarheit, und wenn ich merke, ein text will nichts anderes, als mich hinters licht führen, werde ich auch bei einem gedicht zornig.
Gestern um 15:14
Da: ein punkt, wo max‘ vergleich mit der melodie auch hinkt, ist, dass jede lyrik ja schon von sich aus melodie hat, sprachmelodie, und dass gerade diejenigen, denen ein mangel an „inhaltlichkeit“ vorgehalten wird, also „die experimentellen“ oder wie auch immer man es nennen will, oft gerade die sind, die besonderen wert auf eine komplexe musikalische komposition legen. und eben dadurch auch mit formen von verständnis und vermittlung arbeiten, denn das sind musikalische aspekte ja, nur eben nicht ohne weiteres in gehalte „übersetzbar“. (wie es überhaupt eines der schlimmsten gängigen klischees des grassierenden informationspositivismus ist, inhalte ließen sich von ihrer konkreten gebundenheit in form abstrahieren.)
Gestern um 15:16
Man: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Will heißen: wenn es irgendwo piepst, hat das noch keine Bedeutung.
Gestern um 15:21
Ja: hinter all dem dräut soetwas wie eine normästhetik. ich denke schon, dass ich einigermassen politisches zeug mache, aber daraus kann ich keine pflicht ableiten, und es wär schon blöde, wenn ich auf „unpolitidches“ verzichten müsste
Gestern um 15:22
Sa: Seit wann verlangt Kunst Klarheit? Wie definierst du die, Ja–? Virtuositätskitsch, Verschwurbelung & Co. halte ich hier für Strohmänner bzw. Kategorienfehler, das betrifft dann nämlich die Qualitätsebene.
Gestern um 15:27
Ja: ich definier sie eher negativ, also ihrem autonomieanspruch entsprechend. sie verletzt ihn da, wo sie künstliche schikanen einbaut, die sie von außen bezieht (in etwa). also wenn sie mittel benutzt, die keinen anderen (ästhetischen) sinn haben, als nebel.
Gestern um 15:31
Sa: In Bezug auf Sachtexte bin ich damit völlig d’accord (das gespreizte Ehrfurchtsgeheische akademischer Sprache, v. a. in den Geisteswissenschaften vor Augen, beispielsweise).
Gestern um 15:34
Man: man kann schon dichten, wie man will, wenn man Sprache zu verwenden weiß. Nur keine Realpoesie, nichts ästhetisches.
Gestern um 15:34
Ka: [„sprache VERWENDEN“, öhm. naja.]
Gestern um 15:39
Man: geeenau, wenden und nicht gebrauchen wie …
Gestern um 15:40
Sa: In der Kunst wird’s aber deutlich schwieriger, da ne Linie zu ziehen. Form IST auch Inhalt. Mal besser gelungen, mal schlechter. Aber wie gesagt: da argumentierst du dann m. E. mit der falschen Kategorie.
Gestern um 15:43
Ka: [verwenden, gehoben veraltet: abwenden (von jemandem).]
Gestern um 15:45
Ja: https://www.youtube.com/watch?v=kKxZ1G8NzWE
Luigi Nono, Das Atmende Klarsein {Part 1/5}
1981 „Wanderer, deine Spuren sind der Weg und sonst…
YOUTUBE.COM
Gestern um 15:46
Sa: Angewandte und abgewandte Künste
Gestern um 15:46
Sa: Und verwandte.
Gestern um 15:47
Ja: um ein wenig verwirrung zu stiften: Derrida: Wie aber soll man etwas datieren, das sich nicht wiederholt, wenn die Datierung sich auf irgendeine Form der Widerkehr beruft, wenn sie durch die Möglichkeit, eine Wiederholung herauszulesen, Erinnerung auslöst? Wie aber soll man etwas anderes als das, was sich nie widerholt, datieren?
(in: Jacques Derrida: Schibboleth)
Gestern um 15:50
Da: es ist ja nicht nur ein problem der datierung. mit sprache haben wir das allgemeinste, vergesellschaftetste system überhaupt (außer vllt gencodierung, obwohl die vllt einfach auch eine art vergesellschaftetes sprachsystem ist), das auf permamenter rückkopplung und feedbackschleifen beruht, und trotzdem ist verständigung nahezu unmöglich. jedenfalls erscheint es mir so. und je älter ich werde, desto mehr. fast alles erscheint immer fremder, immer weniger verständlich. und das ist vllt der punkt, auf den auch bertram hinweisen will: verständigung ist selbst eine art klischee. und es kann gar nicht darum gehen, einen kleinsten gemeinsamen nenner finden zu wollen, sondern im gegenteil darum: die fremdheit aushalten zu lernen, der befremdung und dem eigenen unverständnis zu begegnen, ohne sich davon angegriffen zu fühlen.
Gestern um 16:21
Ja: die erfahrung mache ich so nicht. abgesehen davon, dass das mir unverständliche zunimmt, weil der gegenstandsraum wächst, akkumuliert sich auch das verständliche, weil sich die zugangsweisen erweitern
Gestern um 16:34
Chri: es geht also nicht darum, literatur/sprache zu verstehen, sondern verständnis für beide zu entwickeln?
Gestern um 16:40
Ja: das eine führt zum anderen. da bin ich aufklärer
Gestern um 16:53
Da: ich würde eher sagen, es geht darum, einen guten umgang mit dem eigenen unverständnis zu finden. momente von verstehen sind rar, und dazwischen ist es schon viel, sachen so anwenden zu können, dass sich gut durch den alltag kommen, also leben lässt.
Gestern um 17:03
Ja: ich glaub wir haben verschiedene vorstellungen von verstehen
Gestern um 17:12
Ja: wäre aber mal spannend das auszuleuchten
Gestern um 17:13
Da: haben wir sicher. davon rede ich ja.
Gestern um 17:29
Sve: Aber ich weiß nicht. Diese Diskussionen sind sicher wichtig – besonders für die Lyriker, die sich dadurch ihren Standpunkt bestimmen. Und deswegen halte ich die Diskussionen auch für legitim. Und ich bin auch bei Be–, wenn es darum geht, das vermeintlich „Sperrige“ zu verteidigen. Sobald diese Verteidigungen aber in eine Art Versuch umschlagen, Lyrik mit anderem Vorzeichen zu normieren, kann ich nicht mehr folgen. Jeder Versuch einer Normierung von Kunst (oder eben Literatur) ist bisher – zum Glück – gescheitert. Kurz: Einer Debatte, die bestimmte Formen lyrischen Schreibens ausschließt, kann ich nichts abgewinnen.
Gestern um 17:37
Brue: Ich glaube, daß der Max in seinen Konsequenzen vielleicht recht hat, aber die Vorgabe kommt mir vollständig falsch vor. Ich kann mich noch so gut erinnern, wie ich mit 15 Ginsberg nicht verstanden habe. und mit 17 Konrad Bayer und Oskar Pastior, und mit 18 Friederike Mayröcker und Reinhard Priessnitz – und was das für ein Gefühl von Glück und Freiheit war, und was für eine Euphorie. Das ist eben nicht elitär – das hat ein dummer, kleiner Bub so empfunden. Auf dieselbe Art habe ich zur gleichen Zeit Cecil Taylor nicht verstanden, und Derek Bailey und Evan Parker nicht verstanden – und hab halt doch gewußt, daß ich nie mehr etwas anderes hören will. Mir kommt das normal vor.
22 Std.
Ja: so ungefähr meinte ich das. man muss (sollte) auf das zugehen, was man nicht versteht. und wenn man merkt, dass etwas unverständlich sein will.mir also willentlich keine chance gibt, sein leser zu werden, dann gehe ich eben weiter. aber autobanalisierung in vorauseilenedem gehorsam, halte ich für falsch. nicht nur falsch, sondern paternalistisch und verlogen. ich will nicht, dass man sich zu mir herablässt, weil man denkt, ich sei zu klein, um zu verstehen. da wersch fuchsch. wie man hier so sagt.
22 Std.
Sa: Ich frage mich bloß, ob es da nicht eine Art Dunning-Kruger-Effekt der Rezeption gibt: ob nicht genau die Rezeptionsfähigkeit, die nötig wäre, um beurteilen zu können, ob mir etwas unnötige Rezeptionshürden in den Weg legt, z. B. um sich mangels Größe auf einen Ehrfurchtssockel zu schwurbeln, der entspricht, mit der ich es dann eh «verstünde». Also zumindest in manchen Fällen.
Blöd ist bloß, wenn man den Sockel erklimmt und dann findet sich dort tatsächlich so eine, sagen wir mal, unvorteilhaft verschwollene Heideggermaus und bläht zwanghaft Brust und Backen. >;->
21 Std.
Sa: 100% Zustimmung zum zweiten Teil. Diese Zyniker, die ihre Rezipienten von oben herab zu Idioten erklären, bekommen genau solche Idioten, und vor allem die, dann allerdings auch verdient.
21 Std.
Ma: Ähäm. Sehr viele Kommentare hier. Stimmt, dass bewusste Zugänglichkeit Paternalismus bedeuten kann. Muss es aber nicht. Sie kann auch auf Kommunikationsformen einer bestimmten Gruppe zielen. Und die kann mainstream sein, muss es aber nicht! (das wäre dann ein bewusstes Spiel mit der Variable Zugänglichkeit, wie ich das meine und verteidigen würde)
20 Std.
Da: ich will es noch mal grundsätzlicher fassen, oder zumindest einen teilaspekt: was immer ich zu verstehen mir einbilde, formt sich allein in mir und in immer feiner ausgesponnenen details heraus. und je länger, je intensiver ich damit befasst bin, desto mehr unterscheidet sich mein verständnis von dem aller anderen, und desto schwerer fällt es, die abstände (abgründe?) zu den anderen einzuschätzen, weil ich immer weniger weiß, was von den unendlichen möglichkeiten, etwas zu wissen oder zu verstehen, ich bei einem gegenüber voraussetzen kann. (ignoranz gegenüber diesen fundamentalen unterschieden als privileg von jugend?) und hier liegt auch ein grundlegendes verfehlen dieses gängigen „jemanden da abzuholen, wo er/sie steht“. denn wo wäre denn dieser ort, und wie kann ich ihn je kennen? natürlich stelle ich, wann immer ich spreche, vermutungen darüber an und richte mich entsprechend aus (und ich sage das ja als jemand, die nahezu täglich damit befasst und bemüht ist, „sperriges“ zu „vermitteln“). aber die notwendig eigenen anteile des verstehens bleiben eben eigen, sie sind von niemandem einzuholen. und ich kann es mir auch nur sehr bedingt aussuchen, was ich verstehen will, was mich interessiert. da muss schon sehr viel zusammenkommen. ein wirkliches problem wird für mich daraus aber erst dann, wenn jemand unverständnis oder nichtverstehen als bedrohung empfindet.
20 Std.
Ma: ok, das ist sehr universalistisch gedacht. werden damit nicht eben jene unterschiede einer kommunikation unsichtbar, die eine disitinktion zwischen gruppen erzeugt (ein offensichtliches beispiel wäre z.B. ein soziolekt und die markierung, die das bedeutet; oder ein habitus, der sich auch über sprache ausdrückt und jemanden z.B. als akademiker markiert); es liegt doch zumindest ein sowohl als auch zwischen allgemeinem verfehlen der kommunikationsabsicht und gruppenbezogenen kommunikationsformen und deren einordnung. letzteres einfach abzustreiten bedeutet doch, es sich im eigenen und fremden potentiellen unverständnis leicht zu machen. oder?
20 Std.
Sa: Müsste ein «bewusstes Spiel mit der Variable Zugänglichkeit» aber nicht auch beinhalten, sie zu unterlaufen oder zumindest zu ignorieren? Mein Eindruck war, dass du die affirmative Variante deutlich bevorzugst. In dem Fall wäre es aber kein Spiel mehr und «Zugänglichkeit» keine Variable, oder?
20 Std.
Ka: ….wie definierst du „ein allgemeines verfehlen der kommunikationsabsicht“? ich kann auch nur von mir ausgehen, aber wenn ich schreibe, bin ich jedes einzelne mal der meinung, mehr als deutlich zu werden. was sich dann – natürlich – mindestens jedes zweite mal als verfehlt erweist, wenn ich über feedback feststelle, dass weitaus weniger durchkommt, als ich dachte. verfehlte kommunikation, klar, aber verfehlte kommunikationsabsicht? wie willst du die bitte einem text und/oder einem autor oder einer autorin nachweisen?
19 Std.
Ma: ah, ok. also dann verfehlte kommunikation
19 Std. ·
Sa: Zum anderen: klar, wenn ich eine «Kommunikationsabsicht» habe, die im wesentlichen auf Überredung und Überzeugung einer bestimmten Gruppe hinausläuft, dann ist es ratsam die feinen Unterschiede anzuerkennen und zu benutzen. Aber was ist denn bitte die Kommunikationsabsicht von zettbe Poesie und Konsorten? «Kauf mich!»?
19 Std.
Da: ich will überhaupt nicht abstreiten, dass es soziolekte und andere, auch hierarchisierende markierungen gibt. ich will nur darauf hinweisen, dass ihr anteil am individuellen verstehen begrenzt ist und dass weder gruppen noch sprachformen fixiert sind, sondern in ständiger bewegung und inkohärent. (hier sollte irgendwo noch macht, also diskursmacht vermutlich, ins spiel kommen, worauf ja auch bertram verweist. bin vllt schon zu müde, das heute noch auszuformulieren.)
19 Std.
Mi: schade daß ihr die diskussion hier in den kleinen kreis steckt
19 Std.
Ma: aber da würde ich dir doch völlig zustimmen. die frage ist ja nur, ob mein abheben auf kommunikation notwendig elitendiskurse bedient. betram behauptet ja in seinem zweiten beitrag, dass zugänglichkeit die eigentliche elitenorientierung ist. das ist wiederum ebenfalls sehr undifferenziert gedacht. ich kann mit gruppen kommunizieren und zugänge schaffen, die nicht zur elite gehören. siehe als nur ein beispiel das postmigrantische theater am gorki. und da geht es nicht so sehr um hierarchisierung sondern um empowerment. aber das muss natürlich auch ankommen.. und tut es ja auch oft genug.
19 Std.
Da: kleiner kreis? nur unter den diskutierenden hier kommen wir sicher schon auf eine reichweite von 5000
19 Std.
Mi: klagen nicht immer alle daß sie nix sehen… geschweige übermorgen wiederfinden?
19 Std.
Sa: Ob gut identifizierbare Biotope tatsächlich Empowerment bedeuten? Ich halte das eher für gutgemeintes Wunschdenken. De fakto ist Kunst ziemlich ungeeignet wenn es darum geht, Machtverhältnisse zu ändern (außer kunstinternen). Notabene: nichts gegen alles, was eine höhere Durchlässigkeit schafft.
19 Std.
Da: oh, das gorki ist ein sehr gutes beispiel, an dem man eben sieht, dass es für verstehensprozesse weniger auf texte „an sich“ als auf ihre kontextualisierung ankommt. (z.b. dagmara kraus im kontext des gorki lesen/hören versus dagmara kraus im kontext der tippgemeinschaft lesen/hören versus dagmara kraus im kontext der reihe sprachkunst heute in kassel lesen/hören ..)
19 Std.
Da: na gut, das übermorgen wiederfinden könnte hier schwieriger werden. besser ein paar screenshots machen, wenn man es weniger flüchtig mag.
19 Std.
Sa: Zum Gorkibeispiel: wenn das postmigrantische Theater dort als ebensolches bezeichnet wird, trenne ich damit auch gleichzeitig dieses Theater vom «normalen» Theater und stecke es in ein hybsch umzäuntes Reservat. Also von wegen «keine Hierarchie». (Zugegeben: das Problem ist kaum aufzulösen, weil solche Projekte durch den Exotenstatus mehr Aufmerksamkeit erhalten, was ihnen hoffentlich dann auch wieder zugute kommt.) Auch positive Diskriminierung ist Diskriminierung.
19 Std.
Ti: hm…
18 Std.
Sa: Im übrigen: finde ich die Auffassung von Kommunikation, die hier m. E. stellenweise durchscheint, etwas eng. Das Problem, dass «etwas nicht ankommt», stellt sich doch vor allem innerhalb einer Befehlskette, bei der das Gegenüber möglichst präzise informiert (sic!) bzw. instruiert werden soll, mit – ganz klassisch nach Shannon – Sprache/Text als Code etc. Das ist zwar ein valides aber IMHO gleichzeitig auch ein unkünstlerisches Kommunikationsmodell. Zumal es extrem einseitig ist – schon alleine aufgrund der asymmetrischen Kommunikationssitation (mit der ich kein Problem habe). Aber im Gegensatz zu kulturellen Formen, bei denen der Gebrauchswert dominiert (und für den ist Verständlichkeit bzw. effiziente Erschließbarkeit oft ein wesentlicher Faktor, außer bei z. B. Expertenwerkzeugen), kann Kunst sich Offenheit, Mehrdeutigkeit etc. problemlos leisten. Da ist eher ein Kommunikations- oder Wahrnehmungsangebot, das einen Möglichkeitsraum aufreißt.
18 Std.
Mi: ich stimme ti– zu
6 Std.
Sve: „Kunst“ ist „ziemlich ungeeignet wenn es darum geht, Machtverhältnisse zu ändern“? Das würde ich so nicht unterschreiben. Ja: wenn man jetzt ein wütendes Gedicht gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen schreibt, wird man sich wohl schlimmstenfalls blamieren. Wenn man aber bei diesem komplexen Feld der Wirksamkeit von Kunstwerken davon ausgeht, dass Kunst auf Einstellungen, Weltbilder usw. dennoch irgendwie wirken kann (und zwar häufig auf indirekte Weise/ durch Darstellen von Möglichkeiten/ als Gegendiskurs usw. usf.), dann ist Kunst keineswegs „ungeeignet, Machtverhältnisse zu ändern“. Man höre öfters mal auf die Zensoren in totalitären Regimen. Die nämlich glauben noch an die Wirksamkeit von Kunst.
6 Std.
Sa: Tun sie das wirklich? Ich denke, die verwirklichen bloß den totalitären Anspruch, dem sich eben auch die Kunst unterzuordnen hat. Und sie nehmen damit den potenziell Widerständigen ein Kommunikations- und Erkennungsmedium. Das potenziell Gefährliche ist nicht die Kunst – das Gefährliche sind die Menschen, die sich über diese zusammenfinden könnten.
6 Std.
Be: Ich habe erlebt das Kunst die Wirklichkeit ändern kann. Man sucht immer in den falschen Bildern. Zu groß zu heroisch und möchte es dann auch bitte von einem einzelnen gedicht haben. Aber ich habe z.B. mit einem einzelnen Gedicht das Curriculum eines Seminars am deutschen Literaturinstitut umgeschmissen. Bei der Menge der Gedichte käme da einiges an Wirkung zusammen … Wer aber Dissenze erzeugt verschrekt eventuell Veranstaltern ein Publikum, auf welches sie zwingend angewiesen sind? Ich glaube, dass es solche platten Involviertheiten hinter dem Rücken neben allem anderen auch gibt.
5 Std.
Sve: Und außerdem: für die Wirksamkeit spricht die schlichte Tatsache, dass Zensoren dazu neigen, die Kunstwerke auf ihren Inhalt zu prüfen. Nichts ist dem Zensor ein größeres Übel als die Polyvalenz eines anspruchsvollen Kunstwerks bzw. die Offenheit der Sinn- bzw. Bedeutungsstruktur anspruchsvoller literarischer Texte. Deswegen verwenden Zensurapparate oft viele Ressourcen darauf, gerade jene Werke zu be-deuten, deren Kritik an bestehenden Verhältnissen nicht offensichtlich ist. Jeder literarische Text ist dem Zensor gerade wegen seiner literarischen Eigenschaften verdächtig.
5 Std.
Mi: papenfuß berichtet, daß die stasi versucht hat, ein buch von robert wienes zu „entschlüsseln“. („alles geschriebene bisher quark“)
5 Std.
Flo: also mir ist die leserschaft ehrlich gesagt scheißegal, ich verschwende beim schreiben keinen gedanken an sie.
5 Std.
Mi: sprichst aber öfter über sie. also hinterher
5 Std.
Be: Nochmal zu einem Aspekt, der hier schon aus den Augen geraten ist. Ja– habe ich hier so missverstanden, dass arbiträre Verständnishürden Ja– als Aufklärer nicht gefallen. Der brecht der „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ oder, ums am Beispiel der Lyrik zu machen der des „Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches“ schienen da anderer Meinung. Ich finde es legitim, wenn ein Dichter im Einzelnen eher verunsichern will als z.B. Thesen aufstellen. Ich fühle mich da nicht gleich verarscht sondern manchmal herausgefordert. Und noch etwas. Mir gestand ein geschätzer, relativ klasischer Kollege meine Liebe zu, wie er es nannte, „avantgardistischen“ Lyrikern wie Titus Meyer zu sagte jedoch: „Es gibt nur so viele Scharlatane darunter“ Ich antwortete darauf: „Aber es gibt doch auch sooo viel schlechte klasische Lyrik, man macht doch andere gedichte auch nicht für jedes misslungene Liebes- oder Pubertätsgedicht verantwortlich.“ Es stehen Dinge, die nicht so verstanden werden unter der Last einer Rechtfertigungsumkehr, sie sollen nicht nur ihre Qualität gegen eine misstrauische Lektüre zeigen (was schwer genug ist.) Sie sollen auch noch irgendwie für anderes mit haften. Da sieht man doch einen ausgreifenden Widerwillen, den ich mir nur so erklähren kann, dass Spracheliten oft denken, nun müsse die ganze Welt der Sprache auch für sie da sein. Nun mal sehen, was inzwischen hier noch so alles gepostet wurde und dann rüber zur Lyrikzeitung.
5 Std.
Sa: Die zensieren aber trotzdem die sichtbare Gesinnung und nicht die potenzielle Wirkung auf andere: In einem totalitären System darf grundsätzlich nichts auf Differenz hinweisen – jeder wahrnehmbare Dissens stellt ja die Totalität an sich in Frage. Und das darf nicht sein.
5 Std.
Be: Sa– Ja, das ist das schöne, manches kann der Zensor nicht kritisiseren, weil er dazu abscheulich unheilige Gedanken äußeren müsste, die der Autor entrüstet seinem Vorgesetzen kommunizieren könnte.
5 Std.
Sve: Und mit dieser Beobachtung hast Du Dich widerlegt: wie kann etwas die Totalität in Frage stellen, wenn es wirkungslos sein soll bzw. nicht die Verhältnisse in Frage stellen soll?
5 Std.
Mi: neenee, die hatten schon angst daß es gelesen und „verstanden“ wird. ich erinnere mich an einen spruch 1980: paßt auf daß eure jungen leute nicht vom polnischen bazillus angesteckt werden. oder daß in artikeln zur jungen lyrik der 60er geschrieben wird, die lesen die falschen bücher, statt weinert und weerth eliot oder enzensberger,
5 Std.
Sa: Be–: das meinte ich mit «kunstintern». Solange Diskurs, Hoheit, Pöstchen, Eitelkeiten, … an die Kunst gekoppelt sind, kann sie natürlich auch auf diese wirken. Mir geht’s um eine Wirkung außerhalb der Expertenkreise.
5 Std.
Sve: Also natürlich ist der Zensor ein schlechter Poststrukturalist. Ihm ging es nicht um die grundsätzliche Offenheit komplexer literarischer Texte, sondern um eine mögliche „verborgene „Bedeutung“. Vergleichbar vielleicht mit dem 4-fachen Schriftsinn Dantes: die Suche nach dem Hintersinn.
5 Std.
Be: Jaja, aber das Publikum kann dann durchaus mit anzeigewürdigen Meinungen ausgestattet doch das verstehen, was der Zensor sich zu sagen nicht traut und dem Autor gegenüber nicht ohne Risiko thematisieren kann. Dennoch läuft das noch lange nicht auf soziologisch verstandene Verständlichkeit hinaus, sondern bleibt „Spiel im Dunkel“
5 Std.
Sa: Sve–: nee, hab ich nicht: «ungeeignet» ≠ wirkungslos. Eine geringe politische Wirkung gestehe ich der Kunst ja zu, aber die steht – notabene: rein zweckorientiert gedacht – in keinem Verhältnis zum Aufwand. Und trägt zum zweiten außerdem i. d. R. Eulen nach Athen.
Abgesehen davon: totalitäre Systeme verhalten sich grundsätzlich schwer paranoid. Die Wahrnehmung von Paranoikern würde ich aber nicht unbedingt zur Grundlage meiner Einschätzung der Realität machen.
5 Std. ·
Mi: 1963 kritisierte ein germanist in der rostocker ostseezeitung dieses gedicht von kunert: „ALS UNNÖTIGEN LUXUS Herzustellen verbot, was die Leute Lampen nennen, König Tharsos von Xantos, der Von Geburt Blinde“ mit der aussage, da würde der genosse ulbricht verunglimpft. genau wie in dem ddr-witz. passant schimpft: scheiß staat. polizist: ich muß sie verhaften, sie haben scheiß staat gesagt“. passant: sie wissen doch nicht welchen staat ich meine. polizist stimmt zu, geht weiter und kommt gleich zurück: ich muß sie doch verhaften. es gibt nur einen scheiß staat.
5 Std.
Sve: @Sa–: „Paranoiker“, da stimme ich zu. Und DENNOCH: Literaten haben ja auch Strategien entwickelt, Botschaften zu verschlüsseln. Ich meine das, was man unter den Begriff der „Sklavensprache“ fasst: etwas wird anders kommuniziert. Obwohl ich tendenziell mit den Poststrukturalisten mitgehe, bin ich immer noch bei Eco: die Wörter des Autors bilden ein „ziemlich sperriges Bündel handfester Indizien“. Und wenn man die Geschichte der DDR- Literatur als Rezeptionsgeschichte betrachtet, gab es beim Entschlüsseln der „Zwischentöne“ teils viel Übereinstimmung. An manchen Punkten gerät der Poststrukturalismus in Erklärungsnot.
5 Std.
Sve: Wie ja das Beispiel von Mi– auch zeigt: bei manchem Witz haben die Pointe alle verstanden. Naja. oder zumindest viele.
5 Std.
Be: Zur Frage des Nutzens: Die Gefahr ist jedenfalls im zweifel groß, dass man als Künstler mit seinem gegenstand untergeht. Ich glaube, so lange wir keinen Maßstab formulieren können und ich glaube, es wäre sehr schwierig einen Maßstab für Erfolg so tausender kleiner Prozesse zu formulieren, tappen wir im Dunkeln, aber die Annahme, dass etwas zu bewirken wäre ist so lange mindestens ebenso vernünftig wie die, das nicht, wenn auch unbequemer und darum unbeliebter.
5 Std.
Be: man verstand dann sehr viel über die, die die Pointe nicht verstanden
5 Std.
Sa: Ach, der Poststrukturalismus. Da haben sich eh viele eine parallele Privatwelt aus Diskursen zusammengeheideggert…
5 Std.
Be: Der Poststrukturalismus hat aber auch gänzlich unheideggerisches zu bieten: Jonathan Culler z.B.
5 Std.
Mi: brauns klage von 1990: und unverständlich wird mein ganzer text, ist vielleicht auch eine art verschämter selbstkritik, dasses zu eng mit der ddr verbandelt war
5 Std.
Sve: @Mi–: Und dass vielleicht unter anderen Rezeptionsbedingungen auch Dinge an Bedeutung verlieren. Ich erinnere mich an so eine freundschaftlich- polemische Auseinandersetzung Biermanns mit einem Text von Braun in „Wie man Verse macht und Lieder“. Da geht es gerade darum, wie man dem Zensor umständlich ein Schnippchen schlägt, weil die Kritik unter hunderten Bedeutungsschichten „vergraben“ ist. Hab das Buch gerade nicht hier, aber Biermann spottet sehr über diese Strategie (wenn ich mich recht erinnere). Aber die Texte von Braun sind dennoch natürlich auch heutzutage lesenswert.
5 Std.
Sa: Notebene: meinem Verständnis nach besitzt Kunst als öffentliche Äußerung IMMER auch politische Aspekte. Selbst wenn die politische Wirksamkeit im Sinn von Argumentation/Überzeugung/Überredung/… deutlich beschränkt ist. Dafür will ich die Kunst aber auch gar nicht in den Dienst nehmen: weil die Unterordnung unter politische Wirksamkeit, also einen Gebrauchsaspekt, gleichzeitig auch eine Forderung nach möglichst breiter Verständlichkeit beinhaltet etc.
5 Std.
Sve: @Sa–: aber nicht nur Heidegger steckt viel drin. Sondern auch viel Marx.
5 Std.
Sa: Das kommt ja noch dazu
5 Std.
Kri: Bertolt Brecht: Sich an alle wenden: „Man braucht nicht die Forderung aufzustellen, daß künstlerische Werke sogleich allen, die sie zu sehen kriegen, verständlich sein sollen, wenn man eine Literatur für das Volk haben will. Das Volk kann sich literarischer Werke auf vielerlei Art bemächtigen, in Gruppen, selbst kleinen Gruppen, die schnell verstehen und das Verständnis verbreiten, oder indem es sich an einiges in den betreffenden Werken hält, das es sogleich versteht und von dem aus es durch Rückschlüsse im Zusammenhang das anfänglich Unverständliche sich klärt. Schreiben für kleine Gruppen ist nicht glechbedeutend mit Verachten des Volks. Es kommt darauf an, ob diese Gruppen ihrerseits die Interessen des Volks bedienen oder ihnen entgegenarbeiten. Ein solches den Interessen des Volks Entgegenarbeiten liegt allerdings schon vor, wenn solche Zirkel ihre Befriedigung zur Aufrechterhaltung ihrer selbst benutzen können und Monopole angestrebt (und vom Schreibenden ermöglicht) werden. Der Strom muß die Sammelstellen sozusagen überfluten.“
4 Std.
Mi: zu dem braun-biermann. da bin ich eigentlich auf brauns seite. braun hatte in einem gedicht geschrieben: „nur das banjo darf noch nicht spielen“. er sagte zu biermann, er habe was über ihn reingeschrieben. der spielte aber gitarre. biermanns spott find ich hier verfehlt. biermann war staatsfeind nr 2 nach havemann, unmöglich in einem ddr-buch sich positiv auf biermann beziehen, selbst „nur die gitarre darf noch nicht spielen“ wär zu direkt und unmöglich. das ist nicht mal sklavensprache, das hat man ohnehin verstanden
3 Std.
Sve: Ja, das stimmt. Zumal ich glaube: hinter diesem Spott scheint etwas auf, das eine poetologische Auseinandersetzung ins Politische projiziert. Wenn Braun eine Tradition zitiert, die sich auf Klopstock und Hölderlin beruft, unterscheidet er sich doch stark von Biermanns direkten Texten. Und immerhin hat Braun es geschafft, sein „Zeitungsgedicht, redigiert“ zu veröffentlichen (wenn auch mit 8 Jahren Verspätung).
3 Std.
Ti: Ich ein Avantgardist? Eigentlich ein umgekehrter. Bin so avantgardistisch, wie die Rede eines Stummen unverständlich ist. Ich versuche meine Sachen so sauber wie möglich zu machen. Für die Avantgardisierung ist allein die Weggabelungsanzahl und Letterndeterminiertheit in jedem Raumpunkt des Gedichts verantwortlich. Diese haften für ihre Kinder; die Kollokationen.
2 Std.
Sve: Aber ja doch Avantgardist. Immerhin haben die Leute seit Lykophron von Chalkis nur wenig Zeit gehabt, sich an Anagramm und Palindrom zu gewöhnen. Und da braucht es eben auch heute noch Überredungsarbeit.
2 Std.
Ti: Für die „normale“ Lyrik gilt ja heute eher Sartres Satz: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Wie das heutige Gedicht. Ich machs noch althergebracht. Claustrum, statt agorá.
2 Std.
Der Schweizer Dichter Felix Philipp Ingold war so freundlich, L&Poe eine Auswahl von unveröffentlichten Einzeilern/Monosticha, „die ich nicht mehr in Buchform bringen werde“, zu überlassen.
Lyrikzeitung & Poetry News wird ab heute etwa bis zum Jahresende jeden Donnerstag um 11 Uhr eines dieser Poesiekonzentrate, Gedichte in Pillenform veröffentlichen.
Heute:
Dort! der Wald. Nach unten steht er offen bis zum Meer. Tritt ein.
Siehe auch das Material zu NEE DIE IDEEN bei planetlyrik
Ingold bei L&Poe: https://lyrikzeitung.com/tag/felix-philipp-ingold/
Auszüge aus einem Essay von Felix Philipp Ingold (in: Volltext 1/2015 S. 22ff)
Reb Tal: „Alle Buchstaben bilden die Abwesenheit.“
(Edmond Jabès)
Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772–1810) – auch „der Bratzlawer“, „der Breslover“ genannt – ist durch die wortmächtige Vermittlung Martin Bubers als Verfasser ebenso erbaulicher wie abgründiger „Geschichten“ weithin bekannt, sogar populär geworden. Seit deren deutschsprachiger Erstausgabe von 1906 sind die Texte vielfach nachgedruckt und aus dem Deutschen auch in andere Sprachen übersetzt worden. Mit einer erweiterten, philologisch aufgebesserten, stilistisch aber glanzlosen Neufassung der Erzählungen des Rabbi Nachman von Bratzlaw hat Michael Brocke in den 1980er-Jahren das Interesse an dem großen chassidischen Gottesmann noch einmal nachhaltig reaktiviert. 1)
Weder bei Brocke noch bei Buber ist allerdings zu erfahren, dass Nachman nicht nur ein einfallsreicher und wirkungsstarker Geschichtenerzähler war, sondern auch – in viel größerem Umfang und viel höherer Qualität – ein Lehrmeister des Chassidismus und der neuzeitlichen Kabbala. Selbst Gershom Scholem, der dem chassidischen Judentum und der kabbalistischen Mystik mehrere Buchpublikationen gewidmet hat, geht an keiner Stelle auf Rabbi Nachmans Glaubens- und Lebenslehre ein, sondern begnügt sich damit, ihn, der als Chassid wie als Kabbalist eine herausragende (wiewohl umstrittene) Autorität war, in seinem umfangreichen Werk nur gerade zwei-, dreimal beiläufig zu erwähnen. 2)
Solche Missachtung (oder Verkennung) ist durchaus bemerkenswert, wenn auch kaum begreiflich, steht doch den rund 200 Druckseiten narrativer Prosa, die man von Nachman gemeinhin kennt, ein Konvolut von didaktischen, homiletischen, hermeneutischen, polemischen und aphoristischen Schriften gegenüber, das Tausende von Manuskript- beziehungsweise Druckseiten umfasst. Unter anderm wurde aus diesem Fundus das Opus magnum des Bratzlawers kompiliert, das 1808 und – postum – 1811 in zwei Teilen unter dem Titel Likkutei Moharan (Gesammelte Lehrmeinungen des Rabbi Nachman) erschien und das neuerdings als kommentierte hebräischenglische Parallelausgabe in fünfzehn Textbänden greifbar ist. 3) Eine deutsche Übersetzung der „Lehrmeinungen“ wie auch der übrigen diskursiven Schriften Nachmans liegt bisher nicht vor.
(…)
Nachmans Wunsch war es, das Denken von vorgegebener Begrifflichkeit, von logischer Schlüssigkeit, von objektiver Verbindlichkeit auf Subjektivität hin zu befreien, statt es – wie unter orthodoxen Juden oder aufgeklärten Christen üblich – methodologisch und institutionell zu domestizieren. Zum freien, intuitiven, nomadisch sich auslebenden Denken gehörten für ihn naturgemäß eben auch Widersprüche, Wiederholungen, Leerläufe, absurde Verschlaufungen, spontane Einfälle, und wenn man ihm Trivialität vorwarf, konnte er dies leicht mit dem Hinweis parieren, triviale Gedanken seien allemal freier und wahrhaftiger als fixe Ideen. Für noch freier und noch wahrhaftiger als irgendwelche in Worte gefasste Gedanken hielt er allerdings das Lachen und das Tanzen. Dass ein hochkarätiger Schriftgelehrter wie Gershom Scholem damit nicht eben viel anfangen konnte, ist leicht nachvollziehbar: Der Bratzlawer selbst hat die Gelehrsamkeit – auch seine eigene – bei der Wahrheitssuche als hinderlich empfunden und eben deshalb dafür plädiert, allem Vorwissen und Erkennenwollen zu entsagen.
Nachman selbst hat seine Autorschaft als problematisch, sein Werk als unzureichend, mitunter auch als frevelhaft und schädlich empfunden. Wichtige Teile daraus (angeblich die wichtigsten) hat er, geplagt von Selbstzweifeln und Wirkungsangst, dem Feuer übergeben – ein Vernichtungsakt, der den Text aufwerten, ihn in den Bereich des Hermetischen, wenn nicht gar des Heiligen einführen sollte: Niemand durfte ihn zu lesen bekommen, nur als ungelesener, als unlesbarer konnte er, meinte Rabbi Nachman, seinen vollen Sinn entfalten – indem er als Geheimnis bestehen blieb.
Was bei der talmudistischen Exegese schon lange praktiziert worden war, nämlich das fortschreitende, nicht so sehr auf den Text eingehende als vielmehr von ihm ausgehende Denken (ein Weiterdenken „über den Vers hinaus“ 6), das hat Rabbi Nachman mit rücksichtslosem Eigensinn ins Extrem getrieben, bis zu einem Punkt, an dem Wahn und Sinn tatsächlich kaum noch auseinander zu halten sind. Indem er den Akt des Schreibens – des Nachschreibens, Umschreibens, Überschreibens – an einen Mitautor delegierte, wertete er für sich selbst den Akt des Lesens zu einem produktiven Vorgang auf, der nicht mehr primär dem Verstehen und Bewahren des Gelesenen verpflichtet sein sollte, sondern der innovativen Sinnproduktion – ein Lektüreverständnis, das Fehldeutungen geradezu provoziert, um daraus neue Lesarten zu gewinnen.
Die so verstandene und so angewandte Lektüre ist dementsprechend eher als ein Gegenlesen denn ein Mit- oder Nachlesen aufzufassen, und „schöpferisch“ kann sie gerade dann werden, wenn sie auch als „Verlesung“, als Falschlesung ihre Berechtigung bekommt. 7) Der französische Talmudist Marc-Alain Ouaknin schlägt dafür die treffende wortspielerische Formulierung lire aux éclats vor, also „schallend lesen“ (mit impliziter Bezugnahme auf rire aux éclats, d. h. „schallend lachen“). 8) Da mit „éclats“ aber auch Funken oder Scherben gemeint sein können (denen in der Kabbala große symbolische Bedeutung zukommt), bedeutet der Ausdruck, als Homophon begriffen, auch so viel wie „in Trümmer lesen“. Beides – das laute Lesen wie das dekonstruktive Lesen – gehört zu Rabbi Nachmans Lektürekonzept, das den Schrifttext – ob als Feuerwerk oder als Trümmerwerk – überhaupt erst ermöglicht, ihn produktiv und innovativ werden lässt. Darin verbirgt sich die ungewöhnliche, deshalb auch unbequeme Idee – oder Vision –, wonach Autorschaft nicht Ordnung, sondern Chaos schafft, dass sie Funken und Scherben statt eines kohärenten Ganzen erzeugt, um auf diese (einzig mögliche) Weise den späteren Leser in die Pflicht zu nehmen, ihm aber auch die Möglichkeit zu geben, aus all den unverbundenen Fragmenten eine eigene, subjektiv bedingte Ordnung herzustellen und damit selbst zum Autor zu werden – zum Urheber eines Werks, das kraft kreativer Lektüre entsteht und in jedem Fall, ungeachtet seiner Qualität, als originell und singulär gelten darf. Eben diese Extremposition vertritt, zweihundert Jahre danach, der einflussreiche Großkritiker Harold Bloom, wenn er kurz und bündig festhält, literarisches Schreiben bestehe darin, Vorläufertexte – ob von Goethe oder Pound, von Homer oder Wallace Stevens – zu lesen, genauer: sie fehlzulesen (misreading), um sie als Überschreibung und Fortschreibung erneut produktiv zu machen. 9)
Originell können demzufolge bloß der Akt und die Art der Lektüre von Fremdtexten sein, nicht aber die angebliche „Schöpfung“ eines angeblichen „Originaltextes“. Was der solcherart entmächtigte Autor beim Lesen und durch das Lesen von Fremdtexten zu unverbundenen (oder unsinnig verbundenen) „Funken“ und „Scherben“ fragmentiert, das bietet sich dem nachkommenden Leser zu eigenmächtiger Rekonstruktion an, so dass dieser Leser zum Komplizen jenes Autors und zum Vollender eines Werks von eigener Ordnung und eigenem Anspruch wird. Ein Gleiches ließe sich in generellem Hinblick auf die Sprache sagen, die als solche auch bloß einen chaotischen Worthaufen bildet, der erst durch seine regelhafte Ausrichtung und praktische Erprobung zu sinnvollem Einsatz kommen kann. Was gemeinhin als „Originaltext“ gilt, ist demnach lediglich eine wie immer geartete, stets aber veränderte und ergänzte „Kopie“ eines bereits gelesenen Vor-Textes.
(…)
Wenn Rabbi Nachman, talmudistischer Tradition folgend, die in weitestem Verständnis „literarische“ Autorschaft an der kreativen Lektüre festmacht und das „Schöpfertum“ mit produktiv verfremdender Nachbereitung gleichsetzt, nimmt er damit um gut hundert Jahre vorweg, was die Poetik der klassischen Moderne, besonders aber die europäische Avantgarde der 1910er-, 1920er- Jahre zum Programm machen wird: Traditionsbruch als innovatives Verfahren, Schmähung anerkannter Autoritäten, Ablehnung oder Parodierung des bestehenden Kanons, Schwächung originaler Autorschaft bei gleichzeitiger Aufwertung des Sprachmaterials und seiner Eigendynamik, seiner „Selbstorganisation“ – all dies hatte sich auch Rabbi Nachman mit staunenswerter Radikalität und Konsequenz zur Aufgabe gemacht. Doch ihm ging es, wohlverstanden, nicht um Literatur als Kunst, sein Interesse galt allein der religiösen Rede, deren vielfältige Ausdrucksformen – von der Legende über den Lehrsatz bis zum Gebet – er gleichermaßen beherrschte und die er zusätzlich ergänzte durch bald kryptische, bald komische oder auch absurde Aussagen, deren Sinn darin bestehen sollte, neuen Sinn beziehungsweise Widersinn hervorzurufen. Nachmans bald schwärmerische, bald nörglerische Rhetorik war durchweg von einer fundamentalen Sprachskepsis konditioniert, von der schlichten Einsicht, dass die Sprache der realen Welt stets nachgeordnet ist, sie lediglich benennen, nicht aber hervorbringen kann.
(…)
Nachmans lurianische Vorstellung eines hinter seine und für seine Schöpfung sich zurückziehenden Gottes wie auch seine Funktionsbestimmung des Schreibens als kreative Lektüre weisen voraus auf den modernen Topos vom „Verschwinden“ oder vom „Tod“ des Autors, der in den antiautoritären 1968er-Jahren die internationale Literaturdebatte dominierte und schließlich in der Toterklärung der künstlerischen Literatur schlechthin ihren Höhepunkt fand. Heute, da jene Forderungen weitgehend vergessen sind und literarische Autorschaft erneut – bei Buchpremieren, Preisverleihungen, Lese- und Messeauftritten – vehement personalisiert wird, sollte man sich vielleicht einmal wieder daran erinnern, dass jeder Schreibende, ob er will oder nicht, an bereits Geschriebenem mit- und weiterschreibt, und dies in einem Ausmaß, dass man mit Edmond Jabès prosaisch konstatieren darf: Schreiben heißt geschrieben werden.
Anmerkungen
1 Die Geschichten des Rabbi Nachman, ihm nacherzählt von Martin Buber, Leipzig 1906; Die Erzählungen des Rabbi Nachman von Bratzlaw, aus dem Jiddischen und Hebräischen übersetzt und kommentiert von Michael Brocke, München 1985. Beide Ausgaben enthalten biografische Aufsätze zu Rabbi Nachman sowie Erläuterungen zu seinen Texten; Buber ergänzt die Geschichten durch ausgewählte „Worte des Rabbi Nachman“ aus andern Schriften und durch allgemeine Hinweise auf die jüdische Mystik.
2 Siehe u. a. Gershom Scholem, Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen, Zürich 1957, wo Rabbi Nachman zwar als „tiefer Kopf“ (S. 380) genannt, aber nicht weiter gewürdigt wird. Man darf vermuten, dass der Bratzlawer wegen seiner inkohärenten Lehrmeinungen, seiner radikalen Sprach- und Wissenschaftsskepsis und generell wegen seines chassidischen Extremismus bei Scholem kein adäquates Verständnis finden konnte.
3 Likutey Moharan („Collected Teachings of Our Teacher, Rabbi Nachman“), translated to English and annotated by Rabbis Chaim Kramer and Moshe Mykoff, I-XV, Jerusalem/New York 1984-2014.
6 Vgl. dazu u. a. Emmanuel Lévinas, L’Au-delà du verset, Paris 1982.
7 In talmudistischem Verständnis ist Tradition, als das zu Lesende, eng an Innovation und Offenbarung gebunden: Lektüre als kreativer Prozess. Vom Exegeten wird „Kühnheit vor dem Text“ gefordert, er soll verfestigte Traditionen (Lesarten) unterlaufen und sprengen, darf sich nicht zufrieden geben mit dem, was er liest. Der vorgegebene Text kann und soll nicht eindeutig sein – nur in seiner Mehrstimmigkeit und Rätselhaftigkeit wird er sich als Lehre behaupten. Siehe dazu den aufschlussreichen Versuch über die „unendliche“ Bibellektüre jüdischer Kommentatoren von David Banon, La lecture infinie, Paris 1987.
8 Marc-Alain Ouaknin, Lire aux éclats, Paris 1989.
9 Harold Bloom, Kabbalah and Criticism, New York 1975, S. 102.
Als Engstler 1986 mit dem Bücherverlegen begann, hatte er keinerlei Finanzkapital im Hintergrund. Das ist bis heute so. Sein Einmannbetrieb rechnet sich marktwirtschaftlich nicht. Engstlers Bücher, nunmehr knapp 200 und fast alle noch lieferbar, sind Nischenprodukte: Lyrik, experimentelle Prosa.
Das Bücherhaus hat etwas von einem verwunschenen Museum. Das Erdgeschoss sieht aus wie die Installation eines Buchladens mit Auslagen aktueller Titel, Tischchen mit Leselampe, Postkarten mit Agitpropsprüchen und Flugschriften unverständlicher Theorien. Das ganze Haus ist ein Speicher der Ideengeschichten. Lager und Archiv von der Beat-Generation über die Anti-Psychiatrie zur linksradikalen Subkultur.
„Es geht um das Bewahren“, wiederholt der eher linkssubversive als konservative Engstler. Denn die Hoch-Zeit dieser undogmatischen Rebellion, als sich Bücher wie „Rock-Power“ 200 000 mal verkauften, war ja schon in den 80er Jahren vorbei. Der Buchladen existiert theoretisch, wie ein abgeschlossenes Forschungsgebiet, denn praktisch kommt niemand. (…)
Engstler redet nicht gerne über seine eigene Dichterei. Wie jeder gute Verleger bringt er die Sprache immer wieder auf andere Autoren zurück. Dem großen „Indianer“ Burroughs hat er in Basel „die Hand geschüttelt“.
Von ihm hat er die „Cut-up“-Methode. Mit einfachen technischen Hilfsmitteln – einer Schere – wird da ein Text zerhackt und neu verklebt. Zeilen fallen, Bedeutungen verrutschen. Das Ergebnis dieser Zufalls-Montage ist Dekonstruktion von Sinn, im Wortverschnitt sollen sich neue poetische Assoziationsräume auftun.
Und kommen die Gedanken aus der Spur, spurt bald auch die Person nicht mehr. Hier ist der Keim zum Widerspruch, die Sprengkraft der Poesie.
„Die Revolution ist ein langes Gedicht. Jaja“, formulierte Helmut Salzinger einmal. Dessen Text-Collage „Swinging Benjamin“ von 1973, ein Klassiker der Pop-Kritik, ist inzwischen im Engstler Verlag wiederaufgelegt. Der ehemalige „Zeit“-Journalist Salzinger zog seinerzeit aufs Land, gründete die Kommune Head Farm, kaufte einen Fotokopierer zum Selbstpublizieren und schrieb von da an demütige Naturlyrik. Nach seinem Tod 1993 gab seine Frau Mo bei Engstler eine Handvoll nachgelassener Gedichte unter dem Titel „Vogelschau“ heraus.
Aber mit Schwärmerei und Naturverklärung hatte Engstler eigentlich nie was am Hut. Dem Spätpunk – der als alleinerziehender Vater das No-Future in ein Ja zum Leben ummünzte – war Sektiererei immer suspekt. Wer Hühner hält, muss sie auch schlachten können. Eines davon gibt es zum Abendessen. Wer Engstler ohne Auto in seinem heute literarischen Zonenrandgebiet besucht, bleibt am besten über Nacht. Im Gästezimmer steht mein Bilderbuchbauernbett.
Engstlers Bücher sind schön gemacht, aber nicht aufwendig. Er ist kein Bibliophiler, ihn interessiert der Inhalt. Eines der teuersten Bücher war vergangenes Jahr Paulus Böhmers Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“. Großes Format, bunte Zeichnungen, gutes Papier – „daran lass ich’s nicht scheitern“. Böhmer erhält am 2. April den Peter Huchel Preis dafür. Die Auflage von sagenhaften 500 Exemplaren sollte gerade so reichen.
In Engstlers Kalkulation spielt der Verkauf der Hälfte der Auflage die Produktionskosten ein. Gewinn wird in das nächste Buch investiert. (…)
In Papenfuß’ Schankwirtschaft Rumbalotte stellte Engstler vor kurzem auch sein neues Buch des Antipsychiaters Deligny vor. Die Kulturspelunke war brechend voll, es wurde höllisch gequalmt, Bücher wurden nicht gekauft. Junge Dichterinnen, Ann Cotten und Monika Rinck, rezitierten Gedichtetes, Papenfuß fummelte am Diaprojektor, Helmut Höge las aus seiner Endlosrecherche vor. / Sabine Vogel, FR
Elke Erb wird mit dem Anke-Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung ausgezeichnet. Das über Jahrzehnte angewachsene Werk erstrecke sich von einer tagebuchartigen Prosa bis zu hoch konzentrierten Gedichten, hieß es in der Begründung der Jury. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 8. Mai im Deutschen Schillerarchiv in Marbach verliehen.
Vgl. hier
Zum Welttag der Poesie kooperiert das Lyrik Kabinett mit dem Deutschen Museum, um zu zeigen: Gedichte sollen nicht nur im engen Rahmen für Eingeweihte zelebriert werden, sondern die Menschen in unerwarteten Kontexten ansprechen und bereichern.
Seit es Menschen gibt, haben sie die Erde geprägt und verändert. Doch spätestens seit den 1950er Jahren hinterlassen wir auf unserem Planeten einen unwiderruflichen Fingerabdruck. Das Deutsche Museum widmet sich mit seiner großen Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän“ der in der Wissenschaft stark diskutierten Frage, ob sich die vom Menschen initiierten Veränderungen in geologischer Form niederschlagen und so langfristig sind, dass das Menschenzeitalter bereits ein neues Erdzeitalter ausgelöst hat. Bei der Lesung bilden die sechs Themenplattformen der Ausstellung – Evolution, Natur, Urbanität, Mobilität, Ernährung und Mensch-Maschine – die Orte, von denen aus die Gedichte hörbar werden, aufeinander antworten und das Anthropozän in der Vielfalt all seiner Aspekte kritisch spiegeln.
Lesung zum Welttag der Poesie in Kooperation mit dem Deutschen Museum
Lyrik des Anthropozäns
Es lesen eigene und fremde Texte:
Lydia Daher, Karin Fellner, Sabina Lorenz, Tristan Marquardt, Àxel Sanjosé, Nikolai Vogel
Konzept und Gedichtauswahl: Anja Bayer
Am Samstag, dem 21. März 2015
um 15:00 Uhr
Deutsches Museum
In der Ausstellung „Willkommen im Anthropozän. Unsere Verantwortung für die Zukunft der Erde“ (Sonderausstellungsraum 1. OG)
Eintritt: €8,50 / Studierende €3,00
Mitglieder Lyrik Kabinett: : gegen Vorlage der Mitgliedskarte ab 14 Uhr ermäßigter Eintritt €4 an Kasse 1 (keine Vormerkung nötig)

Der vorliegende Band „Fortgesetztes Vermächtnis“ beinhaltet bislang unveröffentlichte Gedichte, die allesamt nach der Jahrtausendwende entstanden sind. In höchster sprachlicher Präzision präsentiert sich Günter Kunert einmal mehr als Meister der Dichtkunst. Ungebrochen findet sich in diesen Gedichten Kunerts lebenslanges Nachspüren unscheinbarer Begebenheiten des Alltags. Ob es ein altes Haus ist oder ein Supermarkt, das menschliche Skelett oder Kometen im All, Kunert macht sich seinen eigenen unverwechselbaren Reim darauf. Zudem korrespondieren Kunerts Überlegungen immer wieder mit dem Phänomen der Sprache, ihren Buchstaben und Wörtern sowie den Büchern, die damit geschrieben wurden. / Volker Strebel, literaturkritik.de
Hubert Witt (Hg.) / Günter Kunert: Fortgesetztes Vermächtnis. Gedichte.
Carl Hanser Verlag, München 2014.
173 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783446245303
von Axel Reitel (Auszug)
Als Milan Kundera im Jahre 1981 vom Journalisten Jürgen Serke auf dem Slawisten-Kongress in Philadelphia einen Gedichtband von Ivan Blatný (21. Dezember 1919 in Brünn – 5. August 1990 in Colchester) in die Hand gedrückt bekam, begann er zu schwärmen: „Den musst du besuchen. Wenn du wissen willst, wie phantastisch tschechische Lyrik in den vierziger Jahren war, dann wirst du es bei ihm erfahren. Einer der großen. Und Momente dieser Größe findest Du in diesem Band.“
Zu dieser Zeit lebte Ivan Blatný bereits seit drei Jahrzehnten zurückgezogen in einer psychiatrischen Anstalt, dem „Warren House“ im St. Clemen’s Hospital, bei Ipswitchtown, in England. Im Jahre 1948 hatte sich Blatný in London von einer tschechoslowakischen Delegation abgesetzt, um den geahnten stalinistischen Säuberungen in der Heimat zu entgehen.
(…)
Was Ivan Blatný fortan hinter den Anstaltsmauern schrieb, wurde ihm von den Wärtern im Warren-House Personal weggenommen, um es als das Geschreibsel eines Nicht-Zurechnungsfähigen wegzuschmeißen. Dies änderte sich – welch wundersame Fügung – mit einem Schlag im Jahre 1976.
Zu dieser Zeit war Ms. Frances Meacham als Krankenschwester tätig. Durch einen Angestellten kam ihr die Liste der Insassen des „Waren House“ in die Hände. Dabei machte sie der Name Ivan Blatný aus einem höchst erklärlichen wie schicksalhaften Grund hellhörig.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte Frances Meacham eine Liebesbeziehung mit einem tschechischen Piloten, der in der englischen Luftwaffe gegen Nazideutschland kämpfte.
Diese Beziehung zerbrach zwar nach dem Krieg, doch besuchte Ms. Meacham die CSSR immer wieder. Dieser Ivan Blatný, sagte sie sich, muss ein Tscheche sein.
Sie besuchte Ivan Blatný im „Warren House“ und bekam von ihm am Ende ihres Besuchs einen Packen Zettel mit der Bemerkung in die Hand gedrückt, die würden sonst doch nur „vom Wärter“ weggeworfen.“[1][2]Sie erkannte sofort, dass sie kein Geschreibsel eines Geisteskranken sondern hohe Dichtkunst las.
In der Folge sorgte Ms. Meacham mit Erfolg dafür, dass Ivan Blatný ab sofort einen „Tisch in der Ecke einer Anstaltswerkstätte“ bekam, wo er in Ruhe schreiben konnte: die Wärter warfen hinfort nichts mehr weg und Blatný bekam sogar eine Schreibmaschine. Derweil nahm sie, wieder mit Erfolg, Kontakt auf mit dem in Kanada ansässigen tschechischen Exil-Verlag „Sixty-Eight-Publishers“ auf. (…)
In den Jahren 2013 und 2014 legte der Schriftsteller und Dichter Frank Wolf Matthies „Bixley“ in deutscher Übersetzung komplett in zwei Bänden vor, jedoch „ausschließlich für den privaten Gebrauch und als Geschenk gedacht“, was der Rezensent mehr als bedauerlich findet, denn Milan Kunderas Schwärmen lässt sich bei der Lektüre im Jahr 2015 immer noch nachvollziehen. Mit seinen Übertragungen ist wirklich Frank Wolf Matthies etwas Wunderbares gelungen.
Bereits der Titel „Hilfsschule Bixley“ verweist auf ein zu erwartendes singuläres Ereignis und ist eines schon selbst. Man kann lange auf dem aktuellen „Lyrik-Markt“ nach einem Vergleich suchen: die Gedichte der Bixley-Bände geben sich nicht nur so. Die frühe Lyrik Ivan Blatnýs umfasst insgesamt vier Bände, der letzte erschien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erschien. Zu „Quellen der Inspiration“ (Serke) seiner Inspiration zählte Ivan Blatný die Dichtungen von T.S. Eliot, Carl Sandberg, Dylan Thomas und Walt Whitmann.
Eines seiner Hauptthemen ist das Glück auf dieser Welt. In einem Gedicht aus dem Jahr 1941 schrieb dazu Blatný: Siehe, wir sind in der Landschaft der neuen Wiederholungen, / und die Stadt auf den Hügeln unter uns tritt aus dem Morgen wie aus einem Bade heraus […] / Mehr bei tabula rasa
PS: Wie der Rezensent erfuhr, befindet sich „Hilfsschule Bixley Band III“ in Progress.
Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley & andere Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.
Ivan Blatný, Hilfsschule Bixley II. Gedichte. Mit Bildern von Lutz Leibner. Ausgabe nur für Privat und zum Verschenken. Nicht paginiert. Nachdichtungen von Frank Wolf Matthies. Alle Rechte beim Nachdichter.
Internetseite des Nachdichters:
www.frankwolfmatthies.de
[ii] Jürgen Serke, Die verbannten Dichter, Fischer TB 1982, S.175.
[iii] Ebenda, S. 180.
Neueste Kommentare