Worte, Worte, aber keine Sprache

Tomas Tranströmer hatte Respekt vor der Sprache, er verschwendete sie nicht. „Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch Analphabet“ heißt es in einem Gedicht. „Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen“, in einem anderen. Er sei der Worte oft müde, hat Tranströmer schon 1990 in einem Interview gesagt. Er sei verzweifelt wegen der Masse an Worten und Texten, die auf uns einströmen.

Tranströmer gelang es, Vorurteile gegen Lyrik zu widerlegen, ohne in Banalitäten abzurutschen. Seine Gedichte sind nicht abgehoben oder weltfremd. Er kleidete Alltägliches in ein neues Gewand, erfand die Metapher neu und eröffnete mit ausdrucksstarken Bildern ungeahnte Einblicke in scheinbar Vertrautes. Tranströmers Poesie beschreibe genau den Augenblick, in dem sich der Nebel lichte, hat sein Freund Lars Gustafsson einmal gesagt. / Anne Burgmer, Frankfurter Rundschau

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Poetopie

kurz nach 5 weckt dich der erste Flieger – du wünscht ihm Guten Flug, drehst dich um, schläfst weiter

Hansjürgen Bulkowski

iPoetry

FEAR not, fans of poetry: The app world has not left you behind. Some will even help you write your own poetry.

Poetry from the Poetry Foundation, free for iOS and Android, is my favorite way to read poems digitally. It includes thousands of poems, from Shakespeare to modern-day poets. While most are text entries, some are also available as audio recordings.

The app’s main purpose is to help you discover new poems. When you fire it up, whirling graphical dials spin automatically to select two categories at random, perhaps “worry” and “youth” or “humor” and “life.” Then you see a list of all the poems that fit these categories.

Tapping on a poem in the list takes you to a page where you can read the poem’s text or, if available, listen to an audio file. (…)

If you are interested in writing a poem rather than reading one, a great place to start is Haiku Poem, for iPads and Android devices. This app coaches you to write haikus by counting each line’s syllables, suggesting words you could include and offering you artwork to decorate your poems. It is aimed at schools, but if you’ve not written a poem in years, this offering’s gentle, cheerful style may help you get back in the groove.

For writing poetry in a longer style, Poet’s Pad may do the trick. It’s $10 for the iPad and $5 for Android (though it was on sale for $2 this week), and acts as an interactive writing platform. / New York Times 31.7. 2014

Erregungsmomente

Eine wissenschaftliche Tagung in Saarbrücken untersucht die Funktion erotischer Szenen in der Literatur, berichtet die Saarbrücker Zeitung. 2 Splitter:

Von „feisten Hüften“ ist da die Rede, von einem „entzückenden Rücken“ und von schwellenden Muskeln, „die nicht nur zum Anschauen, sondern zum Betasten verführen“. Formulierungen aus einem angestaubten Erotikroman? Von wegen. In kunsttheoretischen Abhandlungen aus dem 18. Jahrhundert stieß die Saarbrücker Literaturwissenschaftlerin Juliane Blank vor ein paar Jahren auf Ausdrücke, die sie dort nicht vermutet hatte. Autoren wie Johann Joachim Winckelmann bemühten sich noch, ihre sexualisierten Skulpturenbeschreibungen dem Moralkodex der Zeit entsprechend mit Verweisen auf das „Übermenschliche“ der dargestellten Gottheiten „auszubalancieren“, sagt Blank.

(…)

Assoziationen an der Grenze zum Unappetitlichen lösen die Vortragstitel des zweiten Blocks rund um die Epochenschwelle 1900 aus: Um „syphilitische Erregungsmomente“ in der Lyrik von Georg Trakl und Gottfried Benn geht es da etwa. Lyrik, die vor dem Hintergrund der aufkommenden Psychoanalyse und des Einzugs medizinischer Diskurse in die Literatur entstand. Ein anderer Vortrag sucht nach der Verbindung von „Fellatio und Gedächtnis“ in Paul Celans Gedicht „Benedicta“.

Hebräisch-Deutsch

„Wir wollen die Tradition, hebräische Texte im Original in Deutschland zu drucken, wieder beleben“, so Dr. Rachel Heuberger, Leiterin der Hebraica- und Judaica Sammlung der Universitätsbibliothek Frankfurt. Gemeinsam mit dem israelischen Generalkonsul Dr. Dan Shaham ergriff sie vor knapp einem Jahr die Initiative zu einem Gedichtband, der am Dienstag (31.3.) um 19 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek vorgestellt wird.

In dem soeben im Klostermann Verlag erschienenen Hardcover-Buch „Zukunftsarchäologie: Eine Anthologie hebräischer Gedichte“ haben die israelischen Literaturwissenschaftler Giddon Ticotsky und Lina Barouch als Herausgeber Werke von israelischen Lyrikern in Hebräisch und deutscher Übersetzung zusammengestellt. Berücksichtigt wurden acht Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die direkt vom deutschsprachigen Kulturkreis beeinflusst sind, die jedoch ihre Texte fast alle nach dem Holocaust nur auf Hebräisch verfassen konnten. Zum Kreis der Autoren zählen Literaten, deren Gedichte überwiegend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert entstanden sind: Avraham Ben Yitzhak, David Vogel, Ludwig Strauß, Lea Goldberg, Jehuda Amichai, Tuvia Rübner und Dan Pagis. / idw

„Zukunftsarchäologie: Eine Anthologie hebräischer Gedichte“ (Hrsg. Giddon Ticotsky und Lina Barouch), Verlag Klostermann, Frankfurt 2015, ISBN 978-3-465-03907-5, 88 Seiten, 16,80 Euro.

Letzte Worte

Wer die späten Verse von Dichtern liest, liest lauter letzte Worte. Mehr als andere hat Tomas Tranströmer seine Leser auf sie vorbereitet. Sein Band „Das große Rätsel“ von 2005 – schmal wie alle seine Bücher – ist sein Vermächtnis geworden. In ihm ist November, Windstille, Spätzeit. Das Eingangsgedicht wirft einen letzten Blick vom „Adlerfelsen“: „In der Tiefe des Bodens gleitet meine Seele/schweigend wie ein Komet.“ In dieses Schweigen ist Tomas Tranströmer nun eingetreten. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. / Anfang des Nachrufs von Harald Hartung, FAZ

Suchmaschine

Wie man heute die Lyrikzeitung fand:

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Beliebteste Schlagworte in der letzten Woche:

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Für die einen neue Innerlichkeit, für die andern Lyrik fürs Taschentuch

Unter dem Kommentar von Frank Milautzcki zum Leonce-und-Lena-Preis (bei Fixpoetry) entspann sich ein kleiner Wortwechsel zwischen David Krause und Konstantin Ames. Zitat:

Krause:

Inhaltliche Wagnisse … ich weiß gar nicht, was das sein soll. Von Tabubrüchen kann ja nicht die Rede sein, denn mir fiele keines ein, was noch nicht gebrochen wurde. Fehlendes sprachliches Wagnis: Ok. Es gibt halt jene, die sprachexperimentell vorgehen und diejenigen, die das nicht tun. Das ist doch schön. Wie viel Verkrampftes würde entstehen, wenn jeder versuchen würde, auf Formebene das Rad neu zu erfinden. Was mich freut: Die „neue Subjektivität“ oder „neue Innerlichkeit“ lebt noch, stößt nicht auf Ablehnung; sinnlich ausgelegte Lyrik, die auch Leuten zugänglich ist, die „nur“ Lyrikliebhaber ohne breites diskursives Background-Wissen sind, einfach, weil emotional spontan etwas angestoßen wird, abseits von intellektuellem „Verstehen“ … So zumindest viele Stimmen aus dem Publikum. Für mich ist es das größte Lob, wenn mir jemand sagt: Deine Texte haben mich tief berührt.

Ames:

Da hast Du Dich ja nun dankenswert klar positioniert. Aber Deine Sicht auf die Dinge ist wirklich, da ist Franks Einwand schon berechtigt, sehr gängig. Diese Lyrik-fürs-Taschentuch-Haltung kostet einen nichts. Das ist reinweg Mainstream. Die Neue Subjektivität, also auf Outriertheit und Aura setzende erzählende Lyrik, die auf außerliterarische Effekte setzt (damit Rhetorik ist, nicht mehr Poesie) ist übrigens noch nie vom Aussterben bedroht gewesen, lieber David.

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My Degeneration

Kai Pohls „Auweia heißt jetzt Ai Weiwei“ (S. 117 ff.) mag auch als neodadaistische Textperformance mit dem Transformationsschutt aus der Sprache von Werbewirtschaft und Politik begriffen werden. In seinem Kompilierungsverfahren verknüpft er verschiedene Bedeutungs- und Sinnebenen. „Erwartung heißt jetzt Entwaldung“ ist da etwa zu lesen, oder: „beschleunigte Verschwendung heißt jetzt Zukunftsverbrauch oder Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Und spart dabei die Niederungen des politischen Alltags nicht aus: „FDP heißt jetzt fast drei Prozent“, „Hohn heißt jetzt Hoeneß“. Man muß diese Texte, in denen sich, wie z.B. in Lars-Arvid Brischkes manifestartigem Beitrag (S. 100 ff.), die Rasanz und die Atemlosigkeit der medial aufbereiteten Gegenwart widerspiegeln, einfach politisch lesen. Und das durchaus mit Genuß. Brischke läßt mittels Versatzstücken aus Pressemeldungen, Schlagzeilen und Statements, die er gelegentlich lakonisch kommentiert, die Szenarien von Mauerfall, Nachwendezeit, Finanzkrise und Fukushima-Katastrophe Revue passieren. Wie nebenher tauchen da auch Namen auf, die in jüngster Zeit mit Skandalen verbunden wurden, Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange. Robert Mießner verbucht in seiner Enzyklopädie diverse Sinnverschiebungen: „separat bleibt separat doch siehe/ kontakt unter kontrakt/ intellektuell unter integriert/ anpassung unter sachzwang“ (S.88). In Benedikt Maria Kramers Variationen zum Drifting von Dingen, Begriffen und Namen nach Kai Pohl finden sich beispielsweise diese Zeilen: „Abzocke heißt jetzt Marketing./ Propaganda heißt jetzt Advertising.“ (S. 98).

Ja, es besteht Gefahr, irgendwann selbst in Kai Pohls Namedropping-Trommel oder den Fokus seiner Mitstreiter zu geraten und sich unvermittelt in einem illustren Kontext wiederzufinden. / Jayne-Ann Igel, Signaturen

(Kramer / Mießner / Pohl / Schittko et al.:) my degeneration: the very best of WHO IS WHO. Greifswald (freiraum verlag) 2014. 151 Seiten. 14,95 Euro. 

Boulez und Char

Am 26. März wird Pierre Boulez neunzig Jahre alt. Drei Mal hat er in seinem reichen schöpferischen Leben Gedichte von René Char vertont. Recht bekannt sind die beiden frühen Vokalkompositionen auf die Gedichte «Le Soleil des eaux» und «Le Visage nuptial». Geradezu berühmt sind die originellen Char-Vertonungen im Rahmen des «Marteau sans maître», zu dem es nicht nur eine eigene Aufführungsgeschichte mit unterschiedlichen Dirigenten und Ensembles gibt, sondern auch eine stupende musik- und literaturwissenschaftliche Rezeption, die allerdings von der engeren René-Char-Forschung bisher nur wenig berücksichtigt wurde. Dabei bietet Boulez‘ musikalische Lektüre der drei Gedichte des «Marteau», die mit Vor- und Nach-Echos und Kommentaren auf die Texte eine eigenständige Aneignung von Chars Lyrik darstellt, eine Form der Interpretation, die denjenigen der Literaturwissenschaft zumindest gleichwertig, wenn nicht an Perspektivenreichtum und intermittierender Diskursivität überlegen ist.

Weniger bekannt dürfte nun aber eine geplante vierte musikalische Begegnung von Boulez mit René Char sein, nämlich eine mit dem Gedicht «A la Santé du serpent», die Boulez in einem Brief vom 1. September 1948 an den Dichter ausführlich dargelegt hat (…) / Martin Zenck, NZZ

Krabbe und Hummer

Satz Tabea Magyar, Zeichnung Petrus Akkordeon
Satz Tabea Magyar, Zeichnung Petrus Akkordeon

Authentisch verstörend

Als „funktionierende Wahnsinnige“ beschreibt sich die in Berlin lebende Ann Cotten, die in ihren Texten ihre „authentisch verstörende Gedanken“ vermittelt. Als ehemalige Poetry Slammerin performt sie Gedichte, unter anderem aus dem Lyrikband „Rein – Ja oder Nein“. Im Gespräch beeindruckt die gebürtige Amerikanerin mit Bemerkungen, dass sie sich selbst nur als Filter für die im Raum herumfliegende Sprache sieht. Und wenn sie über das Melken von Kühen spricht, zeigt sie auf, wie Literatur oft Alltägliches verkompliziert. / VERONIKA ELLECOSTA UND ANNA FREMUTH, DrehPunktKultur

Die 45. Rauriser Literaturtage bis Sonntag 22. März – www.rauriser-literaturtage.at auf Facebookund Twitter

SS-Folk in Kreuzberg

Von Österreich nach Berlin-Kreuzberg: das avantgardistische Neofolk-Projekt „Allerseelen“ aus Österreich will am 28. März (Sonnabend) ein Konzert in Berlin-Kreuzberg spielen. Dies geht aus einer Ankündigung hervor, die derzeit auf Facebook und Tumblr kursiert. „Allerseelen“ gehören seit Jahrzehnten zum extrem rechten Flügel der Neofolk-Szene. Auf einem Albumcover ist das SS-Symbol der „Schwarzen Sonne“ abgebildet. Auch einen Gedichtzyklus des SS-Gruppenführers und „Ariosophen“ Karl Maria Wiligut hat „Allerseelen“ vertont. / Störungsmelder

Ingolds Einzeiler

Plötzlich jetzt aber die Liebe mit ihren bebenden Schläfen von hinten im Dreiviertelprofil.

Rauris.Lyrik

„… und dann der weg entlang der hecke der jeden fuß erkannte und nicht weiter ließ und sich an seine ferse schmiegte sobald der morgen sich auf den balkonen zeigte als ein versprechen…“ Nadja Küchenmeister, Erwin Einzinger und Christoph Wilhelm Aigner haben nicht nur live in „RAURIS.LYRIK“ vermittelt: Im SALZ zu den Rauriser Literaturtagen gibt es Texte von ihnen nachzulesen – und von allen anderen, die in Rauris zu Gast gewesen sind. / Mehr

SALZ. Zeitschrift für Literatur: Das Heft 159 der Zeitschrift für Literatur ist – wie jede Frühlingsnummer – das Begleitheft zu den Rauriser Literaturtagen. SALZ Mehr.Sprachen umfasst die Laudationes auf die Literatur- und Förderungspreisträgerinnen Karen Köhler und Birgit Birnbacher, eine Einleitung der Rauris-Intendanten Manfred Mittermayer und Ines Schütz, sowie Texte aller in Rauris eingeladenen Autorinnen und Autoren: Christoph Wilhelm Aigner, Birgit Birnbacher, Seher Çakir, Ann Cotten, György Dálos, Erwin Einzinger, Karl-Markus Gauß, Esther Kinsky, Karen Köhler, Nadja Küchenmeister, Olga Grjasnowa, Ilma Rakusa, Jaroslav Rudis, Raoul Schrott, Anne Weber und O. P. Zier. Das Cover und Aquarelle im Heft sind von Roswitha Klaushofer –  www.leselampe-salz.at