Verlaine

»Philippe Jaroussky: Das war mein ‚geheimer Garten‘, vielleicht erstaunlich für einen Countertenor.«

In diesem Garten gedeihen Gedichte. Jaroussky singt sie. Gedichte von Paul Verlaine, dem Skandalpoeten der Franzosen. Der lebte Ende des 19.Jahrhunderts. Verlaine war genial, gewalttätig, bisexuell und der Geliebte von Arthur Rimbaud. Ein Kinofilm mit Leonardo di Caprio als Rimbaud machte ihr Verhältnis sogar zum Thema. Eine große Liebe, auch für Jaroussky. Den Sound des toten Dichters hat er jetzt auf zwei CDs gepackt, 43 Musikstücke von verschiedenen Komponisten.

Acht Jahre lang hat sich Philippe Jaroussky auf die Suche gemacht, um die  unterschiedlichsten Vertonungen der Gedichte in der Musikgeschichte aufzuspüren. Warum die Mühe?
»Philippe Jaroussky: Er repräsentiert einen gewissen französischen Freigeist, er war jemand, der keine Zugeständnisse gemacht hat.« / ARD

Erdogan und seine

Kritiker Gedichte:

Recep Tayyip Erdogan sass einst wegen eines Gedichts im Gefängnis. Heute überzieht der Präsident jeden mit einer Klage, der auch nur die leiseste Kritik wagt.

Mit dem Humor ist es bekanntlich so eine Sache. Nicht jeder hat den gleichen, und die Grenze zwischen Witz und Beleidigung ist fliessend. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan freilich scheint über gar keinen Humor zu verfügen. Darauf deuten zumindest die vielen Klagen hin, die sein Anwalt in den letzten Monaten eingereicht hat.

Eines der jüngsten Opfer der Klagewelle ist Merve Büyüksarac, die im Jahr 2006 zur Miss Türkei gewählt worden war. Das Vergehen von Büyüksarac, die heute als Designerin und Autorin tätig ist? Sie hatte auf Instagram eine Karikatur aus der Satirezeitschrift «Uykusuz» (Schlaflos) gepostet. Der als Gedicht deklarierte Text nimmt den Bestechungsskandal aufs Korn, der Ende Dezember 2013 kurzzeitig Dutzende von Erdogan-Vertrauten kurzzeitig ins Gefängnis brachte.

Den Eintrag hat Büyüksarac längst gelöscht, weil sie Freunde warnten, sie könnte sich damit eine Klage einhandeln. Genutzt hat es nichts. Im Januar wurde sie von der Polizei verhört, und am Mittwoch war Prozessauftakt. Die Anklage lautet auf Beleidigung einer öffentlichen Person. Büyüksarac drohen bis zu zwei Jahren Haft. / Inga Rogg und Onur Ogul, NZZ

(Die Zeitung druckt auch den Text des „umstrittenen“ Gedichts)

Erdoğan und die Lyrik in L&Poe:

Anagramm und Palindrom

Bei lyrikkritik.de ein auf seinem Nachwort basierender Essay von Bertram Reinecke: „Einige Bemerkungen über Anagramm und Palindrom als Prototypen der strengen Form“ zu dem in Kürze erscheinenden Band „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ von Titus Meyer.

Stern des Jazz-Age

„Meine Kerze brennt an beiden Enden. Sie wird die Nacht nicht überdauern“. Sie war der Stern des Jazz-Age, die erste Pulitzerpreisträgerin, der Star der amerikanischen Lyrik. Aber als sie 1950 verarmt und vereinsamt, von Alkohol und Morphium zerfressen, die Treppe herunterstürzt und sich den Hals bricht, wird sie erst am Tag darauf gefunden. Und doch gab es zu ihren Lebzeiten unter den literarisch Gebildeten Amerikas wohl keinen, der nicht wenigstens eines ihrer Gedichte auswendig wusste.

(…) Aber ihre Vorhersage „Meine Kerze brennt … sie wird die Nacht nicht überdauern“ trifft mindestens im angelsächsischen Raum nicht zu. Noch 1944 druckt die US-Armee in einer „Armed Service Edition“ ihre Gedichte in einer Auflage von 140 000 und verteilt sie an die Soldaten. (…)
Nie zuvor war die Flüchtigkeit der Liebe so kaltschnäuzig von einer Frau besungen worden:

And if I loved you Wednesday
Well, what is that to you?
I do not love you Thursday –
So much is true.

And why you come complaining
Is more than I can see,
I loved you Wednesday – yes, but what
Is that to me?

(…)

Sie war keine Frauenrechtlerin. Doch als die New York University sie zum Dr. h. c. macht und ein getrenntes Dinner für die männlichen Ehrendoktoren arrangiert, weist sie die Ehrung zurück: „Ich hoffe, dass ich die letzte Frau bin, die man dazu nötigt, aus dem Becher dieser Ehre die Galle einer solchen Demütigung zu trinken.“

Der Zweite Weltkrieg findet sie endgültig auf der Seite der Politik gegen das noch überwiegende Appeasement. Noch ein Gedicht über die Mörder von Lidice, dann verstummt sie, elf Jahre vor ihrem Tod. In Deutschland machen die Nazis das Erscheinen eines Essays von Rudolph Borchardt unmöglich. Der hatte über Edna geschrieben: „Sappho noch einmal, unglaublich und wirklich – dort seit zehn Jahren ein Klassiker und wir erfahren es nicht einmal.“ (…)

/ Peter Stoltzenberg, Tagesspiegel

Ernst Osterkamp: „Edna St. Vincent Millay“; Deutscher Kunstverlag, Berlin und München 2014, 96 Seiten, 19,90 Euro.

Bei zintzen.org 8 Gedichte englisch/deutsch (Übersetzt von Klaus Bonn)

Nur Poesie

Bin Laden in seiner ikonenhaften Inszenierung der Autarkie gegenüber Technik und Großmacht, als Weiser in den Bergen, erschien mir zugleich vorbildhaft und trügerisch: ein falscher Prophet, vor dem ich die Poesie in Schutz nehmen wollte. Denn nur Poesie, kein religiöser Wahn, kann der Schnelligkeit und oft beliebigen Bilderflut unserer Zivilisation entgegenwirken. Die Antwort auf das Bildergebot, das unsere westliche Zivilisation in fast allen Bereichen zeichnet, wäre nicht der talibaneske Ikonoklasmus, sondern die philosophische und ästhetische Konzentration.

Ähnliches aber gilt auch für die Kunst. Sollte nicht sie gerade sich nicht dem Heischen des Marktes nach Attraktion, nach immer neuen Bildern und Sensationen, vor allem aber der Angst vor der Leere, dem weißen Blatt der der schwarzen Stille widersetzen? Uns stattdessen einerseits Zwischenräume, die ein Denken in Gang setzen, und andererseits eine Achtsamkeit ermöglichen, die uns das, was eigentlich nahe ist und was wir nicht abstreifen können – ein Leben in der unmittelbaren Umgebung – überhaupt erst wieder näher bringen? / Hendrik Jackson, aus dem Essay „Verlust des Hierseins“, Qjubes

Elementares Gedicht No. 3

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Ulrich Koch:

Ich im Bus im Bauch des Wals. Dresden: Edition Azur, 2015
(Erscheint nächste Woche)
Direkt mit einer Mail an info@edition-azur.de bestellen – keine Versandkosten

Mit Erlaubnis des Verlages hier eine Probe:

Elementares Gedicht No. 3

Wie lähmend sind eure Jamben.
Und laßt uns schweigen von euren – ihr nennt sie –
Biographien: banal wie die Zypressenschatten
auf den Bildern von Böcklin.
Wolltet ihr nicht endlich Dyslalien züchten?
Versucht euch doch einmal wie Delphine zu küssen!
Die Gesichter eurer Kinder: Machbarkeitsstudien.
Ich lebe länger ohne eure Verse.
Wann wird man euch das Kunsthandwerk legen?
Ich lese lieber Kohlhaas, treu wie Herse.

Auch in mir sind lange Gedichte, die ins Freie wollen
nach so vielen Jahren. Bald
ist die Küste erreicht, glauben sie mir immer noch.
Droht mir jetzt nicht mit Gewaltlosigkeiten.
Ich zähle mein Leben
nach Dienstjahren, unterbrochen
von wenigen Sommern.
Das Gras sagt mir alles ins Gesicht.

So möchte ich leben:
In Auflösung begriffen, im Schatten
einer cerebralen Wolke wandernd,
die mich vergißt. Ausruhend
von mir, an einem Bach,
die Kiesel kandiert vom gebrochenen
Licht; die Füße im Wasser,
vom Wasser geknickt.

Elementares Gedicht No. 12
(Was du mir vorlesen sollst, wenn ich tot bin, Sonja)

Mein Diminutivchen.
Mein Libellchen,
mein Nihilenchen.
Meine Birke,
mein Skript.
Mein Monströschen,
in Perlen aufgelöst.
Mein Bett und Bauch und Barm.
Mein Schiffchen,
mein Apokryphchen.
Mein Äugchen, mein Stäubchen,
meine Nacht und Naht.
Meine Alleine und Echte,
mein epochendes Herz:
Zur Begrüßung die Linke,
zum Abschied die Waagerechte.
Ich kann mich nicht an dich erinnern:
Wir lebten eine Nacht zusammen
in zwei leeren Duchgangszimmern.

Stoßseufzer in Zweckbauten. Kniefälle vor nichts. Selbstgespräche mit der Welt. Welche Form Ulrich Kochs Gedichte auch annehmen – immer sind sie auf verstörende Weise schön. Und auf die schönste denkbare Weise verstörend: »Jeden Morgen wäscht sie ihre Haare, / als ertränke sie eine Katze « heißt es dann, oder » Auf den Handrücken pulsen / die über Putz verlegten / blauen Adern«. 

Unter dem leeren Himmel der Lüneburger Heide schreibt dieser » freundliche Misanthrop« (Martin Brinkmann) an seiner Poetik der alltäglichen Ungeheuerlichkeiten. An Gedichten, die ahnen lassen, warum uns eine flüchtige Erinnerung oder ein vor Jahren bedenkenlos hingeworfener Satz für immer verändern kann. 

Das Mauern

Im Zentrum seiner Bilder wie seiner Dichtung stand immer die Sexualität. Gerade das hat man wenig gemocht.

Ihn verbitterte das, zunehmend. Er konnte tatsächlich tun, was er wollte, immer stieß er auf Mauern, auf das Mauern. Als ich nach Berlin ging, bekam ich es schließlich nicht mehr nur indirekt mit: in den Literaturinstitutionen nur gerümpfte Nasen, abfällige Bemerkungen, Ignoranz. Tatsächlich hat sich Böhmer nie und nirgends eingeschleimt; ihm lag und liegt es nicht, sich zu beugen. Abgesehen von den letzten Jahren, ging er fast zweieinhalb Jahrzehnte davon aus, vergessen zu werden. „Es ist alles nicht wichtig“, wurde sein ständiger Satz, „alles ist nichts.“ Er durchzieht, aber mit großer Trauer, seit den Kaddish-Büchern sein Werk, das insgesamt eine glühende Trauerarbeit ist und insistierendes Gedenken.

In diesem Jahr, im April, wird er den wichtigsten deutschen Lyrikpreis erhalten, den es gibt.

Paradoxerweise musste das Internet dafür entstehen, das er hasste, dann verachtete und schließlich grollend akzeptiert hat, ohne es freilich, weiterhin, zu nutzen. Und es musste eine ganz neue Generation, die sich über dieses Medium schnell austauscht, von Lyrikern werden, denen die Vorbehalte namentlich des Literaturbetriebs am, um es deutlich zu sagen, Arsch vorbeigingen. Für sie und ihre Arbeit wurde er zum Großen Alten Mann der modernen deutschen Dichtung, als der er fortan dastehen wird. Mit kleinen Schritten, namentlich durch Jan Volker Röhnert, begann es, aber sie wurden entschieden gesetzt, und weitere Junge, gemeinsam, legten das Ruder herum.

Das kommt, persönlich, ein wenig viel zu sehr spät. Da ist nun eine schwere Leidensgeschichte; kein Erfolg wird ihre Spuren wieder tilgen; Böhmers oft harte Wutausbrüche – eine Folge anhaltenden Misserfolgs –, seine depressiven Zerknirschungen, sein Missmut haben ihn gezeichnet, aber auch seine poetische Unerbittlichkeit und das poetische Beharren: sein Werk gegen jeden Widerstand weiterzuschreiben, auch wenn er oft – oh sehr oft! – alles, alles hinwerfen wollte und nicht selten suizidal war. Es ist keine Frage, dass ihn der deutsche Literaturbetrieb geschädigt hat, und zwar bewusst, ja absichtsvoll, sowohl in der Seele wie der körperlichen, einer gesundheitlich schließlich höchst heiklen Verfassung. So gesehen, ist diese Preisvergabe eine Wiedergutmachung – von etwas indes, das sich wiedergutmachen nicht lässt. / Alban Nicolai Herbst bei Faustkultur (mehr)

Geschichtsüberbordende, rockmusikalische Riffheftigkeit

Thomas Kunst bei Faustkultur über Paulus Böhmer, Auszug:

Viel zu oft wird in Deutschland von Einzigartigkeit oder Ausnahmedichter gesprochen.

Im Falle Böhmers finden diese beiden Begriffe eine logische Entsprechung. Viel zu selten finden wir in unserer heutigen Literatur solch eine konzertante Rauschhaftigeit, solche geschichtsüberbordende, rockmusikalische Riffheftigkeit und sinfonische Vulkanisierung des täglichen Zugrundegehens wie in den Gedichten von Paulus Böhmer. Wir lesen und saufen und lesen und verehren die ewige Wiederkehr eines durch jeden historischen Umzug gegangenen Wassers. Ich wollte immer nur eine Zementfabrik oder ein Stahlwerk sein.

Seine Bücher sind für mich kleine Heiligtümer. Sie gehören für mich zu den wenigen, die ich mit nach draußen, an die Luft nehme. Sie hätten die ungeheuerlichen Jahreshauptversammlungen unserer Pfingstrosen sehen sollen.

Diese Texte benötigten noch nie eine seitlich vom Literaturmarkt oder vom herrschenden Hochfeuilleton eingeflößte Vitalisierungsarznei. Seine kraterhaften, ablebeprallen Infusionen bestimmte Böhmer von jeher selbst. Noch schießen die Wasser bergaufwärts, ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundene Tür. Die Lächerlichkeit einer gesellschaftsfreundlichen Volumentherapie. Die Aufrechterhaltung wachblöder Nüchternphasen. Dunkelheit der Diskurse vor dem Milcheinschuß. Geringe Wissenschaftsoberfläche. Keine Restverdaulichkeit. Und ich hörte die Stimme der Frau, die sich über den Sterbenden beugte, mit allen Kollateralschäden des Nichtbegreifens, mit Vogelstimmen, röcheln und racheln, klirren und kratzen und schaben und Resten von Maulbrütersaft und Resten von Sumatra. Es gibt nicht die geringste Leseanleitung für solche Gedichte. Resignation der Flußflöße. Olympische Einlaufordnung. Die Weiterleitung des Sammelns unter keiner Zielfahne. Ich wollte nie ein Stahlwerk, nie eine Zementfabrik sein. Die besessene und auslöschende Genauigkeit von Amokläufen. Eidechsen stehen herum auf erstarrten Beinchen und lecken Aschereste. Wie sollen wir uns, wir können wir uns denn überhaupt zurechtfinden in Böhmers Kosmos, wie? Aus Innenohren treten bläschenartige Ausstülpungen hervor, mit Muster, Vertiefungen, Poren, Kanülen, die sich zu Höhenlinien einer Wanderkarte verwandeln. Wir verlassen in regelmäßigen Abständen beim Sprechen, Lesen, Saufen, Schreiben, Musikhören und Ficken die Erde, kümmern uns um unsere biographischen Schulhofpausen und  Ein leuchtend-orangeroter Geweihschwamm setzt zur Landung an, weich. Bin da. Mögen wir also alle noch einen Raubanteil unserer Zeit mit diesen überragenden Gedichten verbringen und uns daran erfreuen, daß wir gegen sie und mit ihnen zu kämpfen haben, da wir ohne die geringste Anstrengung leichter zu beeinflussen wären und uns wie Wasser verhalten würden. Allen Bakterien in mir ist das Verlangen nach Sanftmut und Wasser, nach Wurmnähe und Pasta nah.

Danke Paulus, daß ich deine großen, störrischen Gesänge schon so lange Zeit begleiten durfte.

Paulus Böhmer
Zum Wasser will alles Wasser will weg
236 Seiten
ISBN 978-3-941126-56-5
Verlag Peter Engstler, Ostheim 2014

Am 3. April erhält er für dieses Buch den Peter-Huchel-Preis

Nachruf auf Malek Alloula

Der renommierte algerische Essayist, Literaturwissenschaftler und Lyriker Malek Alloula ist im vergangenen Februar im Alter von 78 Jahren gestorben. Erst wenige Wochen zuvor war seine frühere Frau, die Schriftstellerin Assia Djebar, im Pariser Exil verschieden. Suleman Taufiq mit einem Nachruf auf quantara.de, Auszug:

Malek Alloula war ein Kind der französischen Kolonialzeit. Geboren wurde er 1937 in Oran, einer geschichtsträchtigen Hafenstadt im Westen Algeriens. Die Stadt gilt bis heute als die liberalste und weltoffenste in Algerien. In dieser Atmosphäre wuchs Alloula auf.

Er gehörte zu den wenigen Algeriern die das Privileg hatten, eine französische Schule besuchen zu können. Die damalige kulturelle Entfremdung im Zuge des französischen Kolonialismus war gewaltig. So sehr, dass Alloula dies schon während seiner Schulzeit feststellen musste: „Wir sprachen zu Hause Arabisch, lernten aber in der französischsprachigen Schule lediglich die Geschichte Frankreichs. Arabisch war für uns eine Fremdsprache im eigenen Land.“

Es gab kaum Schulen, an denen Arabisch unterrichtet wurde, außer an den Koranschulen. Nach dem Algerienkrieg und der Befreiung von der französischen Kolonialmacht waren viele Algerier daher Analphabeten. (…)

Es war allerdings nicht zuletzt dieser Prozess der kulturellen Verdrängung und Entfremdung, der es einigen Autoren ermöglichte, sich von den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Heimat zu distanzieren, Tabus aufzubrechen und politische und religiöse Dogmen in Frage zu stellen. Dieser Schritt war jedoch auch mit dem Wagnis verbunden, sich selbst grundlegend in Frage zu stellen und sich konsequenterweise auf die Suche nach einer neuen, eigenständigen Identität zu begeben.

Brodskys Ukraine-Schmäh

Von Michail Ryklin (Auszüge)

(…) 1991/1992, als die Sowjetunion zerfiel, war der sowjetische Exil-Schriftsteller Joseph Brodsky «poeta laureatus» der Library of Congress Washington DC. Sein ganzes Leben hatte er sich, so ein Freund des Dichters, durch «extremen Individualismus, Selbständigkeit im Denken, Originalität und vielleicht sogar Exzentrik» ausgezeichnet. Das Sowjetimperium bestrafte ihn zuerst wegen Schmarotzertums, dann schickte es ihn ins Exil. Viel hatte Brodsky für dieses Reich nicht übrig, ganz im Gegenteil. Er erzählte gern, wie er halb im Scherz die Frage parierte, von wo aus man am besten auf den Kreml schauen sollte: «Aus der Kabine eines amerikanischen Bombers.»

Sein Leben lang hatte Brodsky – vor allem als Dichter, aber auch im Alltag – in sich den privaten Menschen kultiviert. Seine Nobelpreisrede begann er 1987 mit den Worten: «Für einen Privatmann wie mich, für einen, der sein Leben lang die private Existenz jeder Rolle von sozialer Bedeutung vorgezogen hat (. . .), für einen solchen Menschen stellt es eine unbequeme Herausforderung dar, sich auf diesem Podium wiederzufinden.» (…)

Der Zerfall der Sowjetunion hätte diesen inspirierten Diener der Poesie und Individualisten nicht besonders aufgeregt, wäre nicht dieser eine Umstand gewesen: Die Ukraine erklärte ihre staatliche Selbständigkeit!
Anfangs verstand Brodsky nicht, warum ihn dieser Akt so heftig traf und in Wut versetzte: «Alles, was schlecht ist für die Sowjetunion, ist absolut richtig», hatte er seinerzeit über die Bombardierung Kambodschas durch die Amerikaner gesagt. Der Zerfall der UdSSR, so könnte man glauben, hätte ihn freuen müssen, aber nichts dergleichen: Denn die Ukrainer haben sich von Russland und seiner grossen Kultur abgespalten! Wie aus dem «Bollwerk des Sozialismus» plötzlich Russland wurde, hätte Brodsky vermutlich auch selbst schwer erklären können. Ja, diese Reaktion ist emotional und unlogisch und widerspricht allem, was er früher gepredigt hat. Aber die Wut, die tiefe Kränkung verflogen nicht, sondern verstärkten sich noch, und er setzte sich hin und schrieb das Gedicht «Auf die Unabhängigkeit der Ukraine».

Brodsky sagte von sich: «Ich bin Jude, russischer Dichter und amerikanischer Staatsbürger.» Jetzt machte sich der «russische Dichter», der Bewahrer der grossen Kultur, im Juden und amerikanischen Staatsbürger (ein solcher war der Dichter schon seit 1977) mit unerwarteter Stärke bemerkbar. Der Dichter ging daran, den ukrainischen «Chochols» («Schopf», nach dem Haarschopf der Saporoscher Kosaken) im Namen aller Russen zu antworten. (…)
Dass die Ukrainer einfach ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten und selbständig geworden waren, daran glaubte Brodsky nicht eine Sekunde – woher sonst übermannte ihn diese Selbstquälerei: Die Chochols haben, und auch nicht zum ersten Mal, die russischen Brüder gemein betrogen und sich auf die Seite der Feinde geschlagen! Das Gedicht beginnt mit einer Anrede an den Schwedenkönig Karl XII., dessen Armee 1709 bei Poltawa geschlagen wurde: Ja, will der Dichter sagen, damals habt ihr verloren, aber heute, fast dreihundert Jahre später, habt ihr uns dennoch besiegt. Schaut, über der Ukraine flattert die Flagge in denselben Farben, wie eure schwedische: «Gelb-Blau». Aber Schweden liegt ja weit weg von der Ukraine, dagegen sind Polen und Deutschland gleich nebenan, und eben mit den «Fritzen» und den «Polacken» oder «Ljachen» haben die undankbaren Chochols diesmal die Russen verraten. Dort aber erwartet sie nichts Gutes! Mit beispielloser Bosheit, um nicht zu sagen mit Sadismus, zeichnet Brodskys tödlich beleidigte imperiale Phantasie eine Szene der kollektiven Vergewaltigung der Verräter: «Sollen euch jetzt in der Hütte die Fritzen im Chor / Mit den Polacken auf alle Viere stellen, Dreckspack.»

Dann kippt der Dichter über die Chochols*, die Russland angeblich verraten haben, das ganze Arsenal von Ukraine-Klischees aus, über das der Durchschnitts-Kazap** verfügt. Dieses Arsenal ist extrem dürftig und banal: Ruschnik (ein besticktes Handtuch), Karbowanez (ukrainische Währungseinheit bis 1996), Borschtsch (Randensuppe), Ganovenbraut und Knödel. Brodsky, der Aristokrat des Geistes, schreibt diesmal im Namen des gemeinen Mannes; daher die Fülle volkstümlicher Wörtchen und Wendungen.
«Das Kürbismelonen-Volk» (…)

Die Lektüre dieses Gedichts ist ernüchternd: Man versteht plötzlich besser, warum alte russische Bekannte, gestern noch zurechnungsfähig, trunken sind vom Glück der Inbesitznahme der Krim, dafür die ganze Welt brüskieren und in ihrer Ekstase gar nicht merken, wie sie buchstäblich zusehends verarmen. Man wundert sich weniger über die Wirkung der imperialen Anästhesie, wenn man weiss, dass auch der berühmte Dichter, unter Gefährdung seines Rufs als freier und aufgeklärter Denker und von vornherein überzeugt, man werde ihn «falsch verstehen», zum Schreibtisch eilte und auf dem Papier Gefühlen ihren Lauf liess, die er nicht beherrschen konnte. Man möchte seinem Beispiel auf keinen Fall folgen. / NZZ

Der russische Philosoph und Schriftsteller Michail Ryklin, 1948 in Leningrad geboren, lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2014 auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag: «Das Buch Anna». – Aus dem Russischen von Gabriele Leupold.

*) Chochol, russ. хохо́л, Schmähwort für Ukrainer, nach dem Kosakenhaarschnitt

**) Kazap, von kak zap, wie ein Ziegenbock, ukrainisches Schmähwort für Russen

Liste der Verfahren

Liste der in Titus Meyers Band „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“ verwendeten Verfahren

1. Buchstaben-Palindrome 

1.1. Buchstaben-Palindrom: 
Zeichenfolge, die vor- und rückwärts das Gleiche oder etwas anderes ergibt. Interpunktion (auch das &-Zeichen) sind dabei außer Acht gelassen. Bei sämtlichen buchstabenpalindromischen Texten dieses Bandes wirkt eine hundertprozentige Spurtreue; d.h. beispielsweise werden „ch“ und „sch“ als Folge von zwei bzw. drei Buchstaben palindromiert und nicht als die entsprechenden Laute auch wenn daraus ein erheblich höherer Schwierigkeitsgrad bei der Verwendung 
solcher Laute resultiert. 

1.2. Zeilen-Buchstaben-Palindrom: Siehe 1.1., bloß wirkt die Palindromität zeilenweise, so dass sich der Gesamttext aus vielen kleinen Palindromen zusammensetzt. 

1.3. Monovokalisches Palindrom: Siehe 1.1. Es darf zudem nur ein Vokal verwendet 
werden. 

1.4. Abecedarisches Palindrom: 

Siehe 1.1. Die Anfangsbuchstaben der Wörter müssen jedoch gemäß der Reihenfolge des Alphabets gewählt werden, beginnend mit a und endend mit z. 

1.5. Palindrom-Block: 
Siehe 1.1. und 1.2. Hierbei verkomplizieren aber neben der Buchstabenpalindromität vier weitere Prämissen die Herstellung: Zeilenpalindromität, Akrostichon, das das Wort Palindrom bildet, 
Telestichon mit diesem Wort rückwärts, sowie ungefähre Zeilenlängengleichheit. 

1.6. Sator-Quadrat: 

Palindrom, das sich aus 5 mal 5 Buchstaben zusammensetzt, welche exakt quadratisch angeordnet werden, sodass sich eine Palindromitätszweidimensionalität bildet: Der Text ergibt sowohl horizontal, als auch vertikal vor- und rückwärts das Gleiche. 

1.7. Vertikalpalindrom: 

Text, der bei 180°-Drehung das Gleiche ergibt. Entweder en bloc oder zeilenweise. Diese Form stellt, soweit wir wissen, eine Novität dar. 

2. Silben-Palindrome 

2.1. Silben-Palindrom: 

Siehe 1.1., allerdings ist hierbei die Silbe die Zeicheneinheit, die dem Palindromitätsprinzip unterliegt. 

2.2. Silben-Palindrom, geschüttelt: Siehe 2.1. Allerdings kommt hier- 
bei erschwerend hinzu, dass die Anlaute der Silben immer paarweise ausgetauscht werden: Die Anlaute der ersten und vorletzten Silbe; der zweiten und letzten; der dritten und viertletzten; der vierten und drittletzten ... etc. des Textes sind dabei identisch. Daraus folgt, dass die direkte Palindromität einzig auf die Silbenstämme wirkt und die indirekte Palindromität auf die Silbenanlaute, welche palindromisch paarweise alterniert werden.

3. Wortpalindrom, anagrammatisch: 

Siehe 1.1. Allerdings ist hierbei das Wort die Zeicheneinheit, die dem Palindromitätsprinzip unterliegt. Erschwerend kommt hinzu, dass die palindromisch korrelierenden Worte Anagramme zueinander sind. Bei diesem Verfahren handelt es sich unseres Wissens ebenfalls 
um eine Novität. 

4. Anagramm-Gedichte 

4.1. Anagramm-Gedicht: 

Die Buchstaben eines Verses (meist eines Wortes oder Satzes) werden zeilenweise permutiert. Umlaute können zu ihrem Vokal + e aufgelöst werden und umgekehrt. 

4.2. Anagrammdrillinge: 

3 Worte pro Zeile, die alle die gleichen Buchstaben besitzen, diese aber jeweils unterschiedlich angeordnet, sodass 3 verschiedene Worte entstehen. Die Grammatikalität des Textes sollte dabei jedoch nicht außer Kraft gesetzt werden. Reines Worte-Akkumulieren wird vermieden. 

4.3. Pangramm-Gedicht: 

Alle 26 Buchstaben des deutschen Alphabets, alle 3 Umlaute, sowie ß müssen im Text enthalten sein. Die sogenannte Echtheit des Pangramms wird dabei erstrebt: Jeder der dreißig Buchstaben darf nur genau einmal darin vorkommen. 
Dadurch ist der Text zugleich ein Isogramm, welches das Gleichoft- Vorhandensein jedes Buchstabens verlangt. 

5. Homogramm-Gedicht: 

2 Texte besitzen die gleichen Buchstaben und auch die gleiche Chronologie dieser, weisen jedoch unterschiedliche Interpunktionen auf. Dadurch entstehen zwei verschiedene Texte, die aber sozusagen aus dem gleichen Material geflochten wurden. Sowohl en bloc als auch zeilenweise vertreten. 

6. Abecedarius, pentavokalisch: 

Text, dessen Wortanfangsbuchstaben gemäß der Reihenfolge des Alphabets gewählt werden müssen, beginnend mit a und endend mit z. Außerdem dürfen die fünf Vokale a-e-i-o-u in jeder Zeile des Textes nur genau einmal und nur in ebendieser Reihenfolge auftauchen. 

7. Schüttelreim-Gedichte 

7.1. Schüttelreimgedicht, doppelt: Gedicht, bei dem stets die Anlaute UND die darauffolgenden Vokale der letzten beiden Wörter beziehungsweise betonten Silben zweier Verse ausgetauscht werden. 

7.2. Schüttelreimgedicht, doppelt, tetravokalisch:  Gedicht, bei dem stets die Anlaute UND die darauffolgenden Vokale der letzten beiden Wörter beziehungsweise betonten Silben zweier Verse ausgetauscht werden. Hinzu kommt, dass die Vokale noch einmal gegen ein anderes Vokalpaar bei gleichbleibendem Anlautpaar ausgetauscht werden.

Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung

LBM_Logo_2015_4CZu den Messeneuerscheinungen, die Vorfreude entfachen, gehört auf alle Fälle Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung von Titus Meyer. Seit einiger Zeit lese ich seine raffinierten Spieltexte, Textspiele bei Facebook. Jetzt hat er mir freundlicherweise eine Leseprobe vorab zur Verfügung gestellt. In der nächsten Meldung folgt eine Liste der im Buch verwendeten Verfahren.

Zwillinge

Anton ist reich. Enge Stirn ediere Geld.
Erbe sitze wohlhabend am Ende in Reichtum.
Bund der Beträge. Wer den las, sende rar Mist
sich; Teer des halben Genies; eine Schein-Etage
im Potenten; Geld! Er nach Träumen jage. Tönte
er folgerichtig aussen selig? Ah, ungern aschelos
er sei. Nein, kommen laute Sterne, giert er werbend.
Etwa sehr elastisch, lose rahmte reinen Nachtrock
negierend er ein. Er? Selbst Mord vollführte er. Au!
Tosend lichten den Zins arge Reiche. Man, Geld Erbe
zu nehmen hat! Erbe hämmert drauf.

An Toni streichen Gestirne die Regel der Besitze.
Wohl haben Damen dein Reich tumb und derbe
träge werden lassen. Der arm ist. Sichte er deshalb
Enge, nie seine Scheine? Tage impotent. Engel der
Nacht räumen, ja, getönte Erfolge richtig aus. Sense!
Liga Hunger nasche Loser. Sein Einkommen lau.
Test er negiert, Erwerb endet. Was? Ehre? Las
tischlos er, ahmt er einen nach. Trockne Gier.
Ende: Reiner Selbstmord. Voll führte er Autos.
Endlich Tendenz in Sarg. Er eiche Mangel. Derbe
zunehmen hat er behämmert drauf.

(Homografe)

Hormone

Gene-Gier uns adelt.
Türme, DNA!
So die Seele da nadelt.
Sühne Gier fein! Na?

Mies ’nen Hit im Leben
trägst, & Rose, du.
Des Orts gärt Nebel. Mit ihnen
sei man nie frei. Gen

hüstle, da nadele es;
Eidos. An dem rüttle
das nur eigene
Genom, roh.

(Palindrom)

Leben

Kredo liegt. Sitten sind öde.
Im Geiste begehe Welttür!
Eine Dressur, grell: Ehre.
Ruettle Wege! Lebe!

In dir, arid: Nie belege
weltteurer, heller Gruss Erde.
Nie rüttle & wehe Gebet.

Sieg mied Ödnis.
Nett ist geil, oder
Knebel.

(Palindrom)

Novembertage

Schummerige Sternchengemische,
Graukalte Nebelschwaden, rinnsaleisige
Weltwerknote. Lichthunger erleidend,
Stellarzelte entschlafen, stachen.

Eingangskrach neben Einkaufszentrum.
Hier herbenge Herzen herumgeisterten &
reden. Deren Husterregimente zehren.
Begehren: ihre Futurkaminszene ebnen.

Kranichgesang naechst Nachtfelsen.
Allerletztes Erdenlied? Rehlichtung:
Wetterwolken signalisieren Schwalbenende.
Lautkarge Menschengesichter.
Grimmseuche, atemverbogen.

Sun, uns

Sun, do puns!
Puns und
sun, uns.
Uns und pun, Sun.

Dichtung

Dichtung:
Gicht und
Tuch-Ding

Halt in
Tal ihn
alt hin;
Inhalt.

Kam einst
Semantik.
Kam, niste.
Kein Mast,
kein Samt.

Na, arm mag
man arg am
Mama-Garn:
Anagramm?

titusmeyerdieterrine

Haydnschreck

Aber bin Chorbub,
daher Eis-Dopplung.
Fast Gehirnformung:
Haydnschreck ist Jobkunst.
Kadenz litt. Moll nun
Oasenpilz, postum.
Qat? Rest spinto: Trumpf
u.a. versingt Wortschwund.
Xaver & Yin – Zopfbrut.

kopfstand

Titus Meyer: „Meiner Buchstabeneuter Milchwuchtordnung“. Leipzig: Reinecke & Voß, 2015
ISBN 978-3-942901-15-4
88 Seiten
10 Euro (D)
lieferbar ab 18. März

Titus Meyer hat sich in jahrelanger Übung eine Fertigkeit im Umgang mit Formen wie Palindrom, Anagramm und Homografie erarbeitet, die kaum einer, der solche rigiden Muster selbst erprobte, für möglich hält. Der Verfasser des längsten Palindroms, das in deutscher Sprache bekannt ist, wechselt mühelos Töne und Stillagen. Das hebt seine Arbeiten über das rein Spielerische hinaus. Ein absoluter Agnostizismus erweist sich dabei immer wieder als die Kehrseite strengster Buchstabengläubigkeit.

Denotationen

Seit 2012 gibt es im Münchner Stadtteil Berg am Laim den Streitfeld-Projektraum. Dort präsentieren freie Kuratoren Projekte »im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design und Medien«. Das Programm umfasst verschiedene Reihen, darunter »Denotationen«, kuratiert von Olaf Probst und Anja Bayer, die der Interaktion von Musik und Wort gewidmet ist und deren neunte Ausgabe am kommenden Freitag stattfindet.

Denotationen #9: Konzert und Lesung in sieben Sätzen

Anja Bayer (Denotationen): »Gedichte dieser Musik«

Frank Reinecke (Kontrabass): »Plainsound Counterpoint. Five 23-limit Harmony Intonation Studies for double bass solo«, op. 56 (2010) von Wolfgang von Schweinitz

Freitag, 6. März 2015, 20:00 Uhr
Streitfeld-Projektraum, Streitfeldstraße 33/Rückgebäude, München

 […] aufgespannt zwischen Höhen und Tiefen / lichtert in den Eingeweiden / führst mich zum Weiden / weidest mich / weidest mich aus / sammelst und teilst mich / teilst mich dir mit / Pause / notiere geschlossenen Auges / Lied / unerhaben gehoben und gesenkt / weit abgesenkt / Surrendes Sirrendes Pause […] (Anja Bayer)

SuperverlegerIn

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Aus Leipzig wird glücklich und erschöpft vermeldet: Die SuperverlegerIn-Bastelaktion für die UV-Lesung 2015 ist erfolgreich abgeschlossen, die teilnehmenden Autorinnen und Autoren aus unabhängigen Verlagen können dank der finanziellen Unterstützung fair bezahlt werden, das Lesevolk sich ab sofort um die Gestaltung seines Abends kümmern – das Programm steht nämlich auch schon fest.

Am 13. März, dem Leipziger Buchmessefreitag,  geht ab 20 Uhr die diesjährige sechste UV-Lesung in Anwesenheit eines Superverlegers über die Bühne. Zum aufregenden Programm im Lindenfels Westflügel gehts hier.
“Mit Lenos aus der Schweiz, Septime aus Österreich, Liesmich, parasitenpresse, Klöpfer & Meyer, Fuchs & Fuchs und der Frankfurter Verlagsanstalt gesellen sich gleich sieben neue Verlage in die Reihe der Unabhängigen, die das UV-Programm 2015 bestreiten.”

(…)

Worum gings bei der ganzen Crowdfunding-Bastelei? Um den Preis der Unabhängigkeit, wer ihn bezahlt, warum die Eintritte nicht reichen und wo die öffentlichen Förderinstitutionen versagen. “Wer liest, soll dafür entlohnt werden”, sagen die UV-Macherinnen Irina Kramp und Christine Koschmieder und ließen sich was Witziges einfallen. Mit insgesamt 101 Bastelsets, die es zu erwerben gab, und einem deutlichen kulturpolitischen Signal dahinter wollte man Geld in die Honorarkasse der Autorinnen und Autoren und anderer Fleißiger spülen. Wer die Zeichen verstand, hat gebastelt, bestellt oder großzügig gespendet. Aus Leipzig geht ein großes Dankeschön an sie alle, die Ware dürfte inzwischen bei ihnen sein: Stoffbeutel, rote Socken, Postkartensets. Mehr Bastelwillige und einen größeren Aufruhr im Literaturbetrieb statt eines Hauches hätten sich die Initiatorinnen schon gewünscht.

Ein lesenwertes Gespräch mit Irina Kramp über die aktuelle Kampagne und alle Hintergründe von UV – die Lesung der unabhängigen Verlage e. V. gibt es bei we read indie. / Mehr

Zusammenfügen von Teilen

Auf ihrer poetologischen Ebene handeln Böhmers Gedichte von der ständigen Abgleichung von Höhen und Tiefen. Es „dringen Bilder durch uns, glänzend, erhaben, idiotisch“. Er sortiert sein Material nicht. Das „Zusammenfügen von Teilen“ ist daher keine mechanische Tätigkeit, sondern verspricht eine Grenzüberschreitung. Durch die andauernde Wiederholung dieser Schreibbewegung lösen Assoziationen einander ab:

Daß die Ockerfarbe des Windes sich im Gras verfängt.
Daß Haß, daß Liebe sind, was sie sind: etwas
weniger als du und ich. (Und manchmal, vielleicht,
etwas mehr.)
Daß die Erde mit offenem Mund daliegt. Daß
wir uns nicht mehr wehren.
Daß grauer Regen heraufzieht und alles verschwindet:
Berge, Ebenen, Baumspitzen, und daß, später,
die Ockerfarbe des Windes sich im Gras verfängt.

Doch die Repetitionen sind nicht überflüssig; ihrem Mittelpunkt, der Erde, wenden sie sich mit Aufopferung zu. So ist es kein Wunder, dass Böhmer, der ständig zwischen den Stilniveaus hin- und herschaltet, ein Dichter des Körpers ist, dessen Position in der Welt auf dem Physischen, nicht dem Individuellen begründet ist: „Daß ich die Leberflecken auf dem Körper meiner Mutter sah: / Zoomorphe, Mischwesen, Ranken, verflochtene Fratzen- / gesichter, schwarz, braun, durchscheinend trüb, / […] / Daß der Tod / auf sich selber zurückkommt, jung, nackt, / mit dem Lupusfleck auf der Hüfte.“ Die Intensität des Körperlichen in diesen Gedichten ist oft kaum auszuhalten.

Leider ist Böhmer vorrangig als poets‘ poet in Erscheinung getreten und hat bislang keinen Zuspruch von einer größeren Leserschar erhalten. Daran wird auch der Huchel-Preis, den er in diesem Jahr zugesprochen bekam, wenig ändern. Obwohl seine literarische Stimme eine eminent wichtige, wenn nicht sogar eine äußerst zeitgenössische ist, die abseits des Surrealismus erklingt. Das wacklige Konzept mit Namen „Sinn“ zeigt weithin sichtbare Risse, die nicht mit noch mehr Fiktion verschleiert, sondern offengelegt werden sollen: Seht her, in dieser Wüste schreibe ich, mache aber eine Kunst daraus. Böhmer lesen heißt, sich in Hingabe zu üben. Seine unfreundliche Textlandschaft zu betreten bedeutet nicht, sich von jeder Grundwahrheit zu lösen, sondern neue Gewissheit zu finden: Nach jedem Blitz entsteht Raum für etwas Neues. / Matthias Friedrich, literaturkritik.de

Paulus Böhmer: Werichbin. Gedichte / Über das Zusammenfügen von Teilen. 
editionfaust, Frankfurt am Main 2014. 
56 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783945400012