„Solange es Religionen gibt, wird es auch Kriege geben.“
Merete Lundbye
G&GN-INSTITUT / Das Lundbye-Zitat ziert das Rückcover des neuen Gedichtbandes „NEUROATHEISMUS“ von Tom de Toys, der im Interview mit Pier Zellin über seine Poetologie sagt:
„Meine Direkte Dichtung ist quasi „Erfahrungslyrik“ mit dem Schwerpunkt auf ekstatischen Erkenntnissen. (…) Das Spirituelle als Überwindung jeglicher Religiosität ist eben mein Hauptanliegen. Deshalb verstehe ich eine erwachsene, freie Spiritualität als Transreligiosität. (…) Neuroatheistisch bedeutet ja, daß die Überwindung der Religiosität durch einen nervösen Körperzustand erreicht wird, eine ekstatische Erkenntnis, die durch die Nervenbahnen strömt, die gespürt wird anstatt nur gedacht“
Quelle: DIE SEHNSUCHT NACH DEM LETZTEN GEDICHT
http://urruhe.jimdo.com/b%C3%BCcher/neuroatheismus-interview/
Pier Zellin hat den Gedichtband außerdem für Kultura-extra rezensiert und untersucht die Gedichte auf ihre lebensphilosophische Tauglichkeit:
„Das direkte Du ohne jenseitige Dimension ist vielleicht das Kernthema der Gedichtauswahl und erklärt auch den Titel. Wo früher traditionell Gott angesiedelt wurde, ist nun eine Leere, die mit konkretem Leben gefüllt wird. (…) Tom de Toys holt das ehemals Religiöse, das Heile und Heilige, ganz ins konkrete, diesseitige Leben, er zersetzt geradezu jegliche Hoffnung auf Überirdisches und bietet als philosophische Alternative einen „radikalen Kontaktismus“, der sich wie eine anti-esoterische mystische Erfahrung anfühlt“
Quelle: Neuro? Atheismus? Kombiniert?
http://www.kultura-extra.de/literatur/spezial/buchkritik_tomdetoys_neuroatheismus.php
Es wird viel geredet über die Notwendigkeit einer neuen Politisierung der zeitgenössischen Lyrik, aber da noch immer Kriege und Terrorismus durch Glaubenssysteme verursacht werden, muß auch nach den spirituellen Dimensionen von Lyrik gefragt werden. Nicht nur „engagierte“ Gedichte üben Gesellschaftskritik, auch spirituelle Poesie ist politisch! Alles Wissenswerte über den Gedichtband hier: www.TRANSRELIGIÖS.de
The 2015 Janus Pannonius Grand Prize for Poetry has been awarded to Charles Bernstein and Giuseppe Conte. The prize was founded in 2012 by the Hungarian PEN Club (an affiliate of International PEN). In 2014, Yves Bonnefois (France) and Adonis (Syria) won the prize, which is modelled on the Nobel Prize for Literature. In 2013 the prize went to Simin Behbahani (Iran). The prize was announced on the Janus Pannonius web page. The web page includes an English pdf about the prize.
According to Hungarian PEN president Géza Szőcs:
Our prize seeks to honour and reward those poets who can be considered heirs to human spirituality and culture, the grand chain of values, accumulated over millennia. We wish to honour those contemporary artists who have done the most to advance the representation and enrichment of forms of consciousness in harmony with the reflection and interpretation of the world today. The prize has been named after Janus Pannonius, the first known and celebrated Hungarian poet. The prize awarded is 50,000 euros.
The prize will be presented both in Italy and Hungary. In Milan on August 27 at 7pm there will be a reading of the Janus Pannonius laureates and translators at the Hungarian Pavilion of Expo Milano, sponsored by The Hungarian Pen Club and the Casa della Poesia Milano. The joint bilingual volume of Charles Bernstein and Giuseppe Conte, Tutto il whiskey in cielo/Tutto il meraviglioso in terra (All the Whiskey in Heaven/All the Wonder of the World) will also be presented at this time. This will followed by a concert by Béla Faragó on the Bogányi-piano. The award ceremony will take place on August 29 in Pécs, the birthplace of Janus Pannonius. The ceremony will take place in the Courtyard of the Episcopal Palace. Laudations will be given by Enikő Bollobás and Tomaso Kemény. In addition to the two poetry prizes, two translation prizes will also be presented there. At 7pm that same day new books with the Hungarian translations of Bernstein and Conte will be launched at the Ceremonial Hall of the National Széchényi Library in Budapest. Joined by their translators, the two laureates will read from their works during this event to be held in three languages, English, Italian, and Hungarian.
This is the second major international poetry prize for Bernstein in 2015. He also won the Münster International Poetry Prize. Poetry magazine published two poems by Conte in 1989, translated by Lawrence Venuti: one & two. Finalists for the Janus Pannonius Grand Prize for Poetry have included Augusto de Campos, Knut Odegard, Justo Jorge Padrón, Yang Lian, Christian Bök, Leonard Cohen, Tom Raworth, Tadeusz Różewicz, Geoffrey Hill, Yevgeny Yevtushenko, and Cole Swensen.
Veranstaltung Literaturwerkstatt Berlin: September 2015
Do 24.09.2015 – 19:00 Uhr
GESPRÄCH
Diskussion mit Nora Bossong, Berlin, Hendrik Jackson, Berlin und Sabine Scho, Berlin Moderation: Jens Bisky, Berlin
Alte und neue Gräben tun sich auf, und das Terrain der Poesie will neu vermessen und bewertet werden. Der Anlass: Der Lyriker Jan Wagner hat in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten, und die Verkaufszahlen seiner »Regentonnenvariationen« (Hanser Berlin 2014) sind auf Bestsellerniveau gestiegen.
In Dichterkreisen wird gestritten, und es kursieren Positionen um die Frage: Wie hat ein Gedicht zu sein? Sie bewegen sich zwischen Verrätselung und Hermetik auf der einen Seite und zugänglichen Formen und Inhalten auf der anderen. Während die einen die vermeintliche Randständigkeit als Lebensprinzip der Poesie hinterfragen, lehnen die anderen eine vermutete Marktkonformität ab.
Wo ist der Ort des Dichters und seiner Kunst? Und worauf zielt sie? Darüber diskutieren die in der Überschrift zitierte Autorin Nora Bossong, die Dichterin Sabine Scho und der Dichter Hendrik Jackson. Durch den Abend führt der Journalist Jens Bisky. / literaturwerkstatt.org
(Wahrscheinlich kenn ich mich in Dichterkreisen zu wenig aus und mit den um die Frage kursierenden Positionen. Oder meine DDR-Lehrer hatten doch recht und ich denke einfach zu kompliziert. Du mußt Stellung beziehen: Wie hat ein Gedicht zu sein?! Du mußt hinter dem Wirrwarr der hundert Meinungen die Linie erkennen, die zwei klar gegeneinanderstehenden Positionen. Verrätselung und Hermetik oder zugängliche Formen und Inhalte, jawoll! Vermeintliche Randständigkeit oder vermutete Marktkonformität, ein Drittes, ich muß es doch mal lernen, ein Drittes kann es nicht geben. Du mußt dich entscheiden, die Dinge beim richtigen Namen uns nennen, sag mir wo du stehst. M.G.)
Anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist die nächste Ausgabe der Literaturzeitschrift Hava Lehaba zeitgenössischer deutscher Lyrik gewidmet.
Hava Lehaba erscheint halbjährlich und veröffentlicht neben zeitgenössischer israelischer Lyrik auch Prosa, Essays und Manifeste aus Israel, wobei jeweils ein Drittel der Zeitschrift internationaler zeitgenössischer Lyrik vorbehalten ist.
Die Redaktion der deutschen Anthologie liegt bei dem deutschen Lyriker Ron Winkler. Die ausgewählten Gedichte sind von dem israelischen Dichter Jeremy Vogel ins Hebräische übertragen worden. Die Anthologie enthält Gedichte renommierter junger Dichter aus sämtlichen Teilen Deutschlands, die alle in den 1970er und 1980er geboren sind.
Die Sonderausgabe von Hava Lehaba ist in Clubs, auf Campus und in Buchläden in ganz Israel kostenlos erhältlich.
Die E-Version der Ausgabe läßt sich ebenfalls kostenlos unter http://havalehaba.co.il herunterladen. / Goetheinstitut
Gedichte Deutsch und Hebräisch von Dagmara Kraus, Monika Rinck, Mara-Daria Cojocaru, Nora Gomringer, Christian Filips, Arne Rautenberg, Ron Winkler, Uljana Wolf, Daniel Falb, Sonja vom Brocke, Norbert Lange, Hannes Bajohr, Alexander Gumz, Daniela Seel
Direktlink zum Download
Michael Braun urteilt anders. Bei literaturkritik.de bespricht er das Lyrikjahrbuch 2015. Sein Fazit:
Eine wunderbare Anthologie. Nehmt sie und lest!
Weit über 150 Gedichte wurden für aufnahmewürdig in diese Anthologie befunden, die, unter den Dauerfittichen von Christoph Buchwald, so etwas wie ein Kompass der deutschen Gegenwartslyrik ist.
Die Auswahl ist repräsentativ, die Gliederung in sieben lockere Themenabteilungen anregend. Damit haben die Herausgeber die feierliche Last des Jubiläums spielerisch abgeschüttelt. Der Klassiker (Durs Grünbein) steht neben Arrivierten (Kerstin Hensel etwa mit einem wundervollen Nachrufgedicht auf Rolf Haufs) und Newcomern (Max Czollek), Herta Müller ist vertreten (obwohl das visuelle Moment ihrer Gedichtmontagen fehlt), Norbert Hummelt, Michael Lentz, Lutz Seiler, Jan Wagner und viele mehr. Einige Dichter sind mit mehreren Gedichten dabei, andere nur mit einem Text vertreten. Kurzpoesie und Blocksatzlyrik, Aphoristisches und Reflexives, Natur und Politik – formal und inhaltlich ein breites Spektrum. Von den Rändern dieses Spektrums aus kann man vielleicht ermessen, was die deutsche Lyrik im Jahr 2014/15 ausmacht. (…)
Christoph Buchwald / Nora Gomringer (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2015.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015.
221 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783421046123
Fr/Sa 11./12.9. 20:00 Poetry-Performance!
Die 13. Frauenfelder Lyriktage werden von Urs Engeler kuratiert und stehen unter dem Buchstaben P.
P poppt!
5 Autoren und 2 Musiker performen und tüfteln seltene Wort- und Klangkombinationen aus. Ganz im Sinne von Poesie, poésie, poetry: Pläne, Projekte, Petersilie, Parapsychologie und Pier Paolo Pasolini, ganz p.p.: porto payé – party, please! Punkt.
(Eintritt 25.-/15.-, beide Abende 40.-/25.-)
Sa ab 17:00 Podiumsgespräch mit den Autoren/Autorinnen Christian Filips, Dagmara Kraus, Birgit Kempker, Michael Fehr, Isabelle Sbrissa und den Musikern Bo Wiget und Marc Matter. Moderation: Urs Engeler.
(freier Eintritt)
Eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Kantons Thurgau
Der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck ist einer von über 30 Teilnehmern am Internationalen Poesiefestival Meridian in Czernowitz. Bei Ukraine Today schreibt er darüber, was sich für ihn mit dem Namen Ukraine verbindet:
Einem literaturbeflissenen Brasilianer fällt bei „Ukraine“ sofort Clarice Lispector ein, die große brasilianische Modernistin, die 1920 in der kleinen Stadt Tschetschelnyk geboren wurde und wenig später mit ihrer Familie nach Brasilien auswanderte, wo sie eine unserer beliebtesten Autoren wurde. (…)
Einige Jahre später erfuhr ich, daß eine bedeutende ukrainische Dichterin, Wira Wowk, in Rio de Janeiro lebt. Ich lebe seit 2002 in Berlin, jüngere Dichter wie Juri Andruchowitsch und Serhij Zhadan wurden mein erster Kontakt mit ukrainischer Literatur. 2013 reiste Max Czollek, der wie ich beim Verlagshaus Berlin erscheint, mit dem Dichter und Novellisten Andrij Ljubka durch die Ukraine und las bei Meridian Czernowitz. Ein paar Monate später traf ich Ljubka in Berlin, wir lasen zusammen in Brasilien und besuchten Wira Wowk in Rio de Janeiro. Unser Gespräch pendelte zwischen Portugiesisch (sie und ich), Englisch (wir drei) und Ukrainisch (sie und Ljubka). Sie gab mir ein paar ihrer Bücher, die sie selbst ins Portugiesische übersetzte, und zeigte Fotos von brasilianischen Dichtern wie Carlos Drummond de Andrade und Manuel Bandeira, die sie genau wie Fernando Pessoa, José Régio und andere ins Ukrainische übersetzt hat. (…)
Das Wort war sein Leben. Das gedachte, das geschriebene, das gestaltete. Als ihn das Wort vor geraumer Zeit verlassen hatte, schickte er sich an zum Abschied nehmen. Der international gewürdigte Typograf und Lyriker Philipp Luidl starb am 12. August. In seinem Heim in Dießen, jenem Ort, wo er am 11. Dezember 1930 in der Fischerei auf die Welt kam.
Generationen von Schriftsetzern, grafischen Gestaltern, Formgebern der Zeit verdanken ihm ihre berufliche Qualifikation. „Als Angehörige des grafischen Gewerbes ist für uns die Schrift und die Ausformung zum Bild das Fundament unserer beruflichen Existenz“, so formulierte er es einmal. Aber es war für Philipp Luidl viel mehr. Es lässt sich kaum beschreiben, wie er vom Buchstaben zum Wort, vom Wort zum Gedicht und zur Prosa fand, und stets auch noch die Ästhetik des Schriftbildes, die Schönheit des Ganzen im Fokus hatte, wie er sein Gestalten und sein Tun mit Intellektualität, scharfem Denken, Klarheit, Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit gliederte, strukturierte und weitergab.
/ Gestalter, Denker und Lyriker – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine
Ein Füsschen das fliegt. Ein Pfeil der will. Noch ist kein Kerl zu sehn der diesen Wald zum Wandern bringt.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
When John Ashbery, the Pulitzer Prize-winning poet, first learned that the digital editions of his poetry looked nothing like the print version, he was stunned. There were no line breaks, and the stanzas had been jammed together into a block of text that looked like prose. The careful architecture of his poems had been leveled.
He complained to his publisher, Ecco, and those four e-books were immediately withdrawn.
That was three years ago, and digital publishing has evolved a lot since then. Publishers can now create e-books that better preserve a poet’s meticulous formatting. So when Open Road Media, a digital publishing company, approached Mr. Ashbery about creating electronic versions of his books, he decided to give it another chance.
Last week, Open Road published 17 digital collections of Mr. Ashbery’s work, the first time the bulk of his poetry will be available in e-book form. This time, he hasn’t asked for a recall.
Aus Teil 4 der Auseinandersetzung mit der neuen Anthologie afrikanischer Lyrik
Der Herausgeber der neuen Afrika-Anthologie will das tiefe »Wesen« des ganzen Kontinents erfassen, ein früheres Werk aus seiner Werkstatt trägt den bezeichnenden Titel Afrika als Weltreligion.
Verträgt Lyrik eine solche Behandlung? Lässt sich in einer globalisierten Gesellschaft nach dem Kontinentalcharakter fragen wie einst nach dem von Völkern und Nationen?
Was als wesenhaft afrikanisch gelten könnte, wird in den versammelten Gedichten selten direkt angesprochen. In einigen Fällen aber doch: * Ein ausgeweitetes System des Ausgleichs. * Dass der ganze Clan, die flexible Großfamilie, bei der Tür hereinstürmt und erwartet, dass die Hausfrau wohlwollend lächelt. * Mit der Kraft von Generationen zu lieben. * Naturkatastrophen. * Sich satt essen und dann weg zu schleichen. * Zaudern; denn vielleicht verliert die Ungeduld ja ihren Mut angesichts der eigenen Unschlüssigkeit. * Zuwarten, bis jemand nach einem fragt.
Über diese Selbstzuschreibungen hinaus müsste nach der Lektüre das Anklagen als ein übergreifendes Charakteristikum Afrikas angesehen werden. Die Poesie am Kontinent der Habenichtse erscheint wie eine einzige moralisierende Veranstaltung.
/ Wolfgang Koch, taz.blogs
Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht, 586 Poeme auf 815 Seiten, zweisprachig abgedruckt, Offizin Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-03-8, EUR 60,-
Bertram Reinecke veröffentlichte in den signaturen eine polemische Auseinandersetzung mit Nora Bossongs Aufruf an die Lyriker in der Zeit, sich „in die Mitte zu trauen“. Daraus entstand zunächst auf facebook eine kleine Diskussion (zu finden in den Kommentaren unter der Verlinkung des Artikels am 8. Juli !!), die dann unter einem Eintrag in der lyrikzeitung eine Fortsetzung fand. Diese Fortsetzung fand dann nochmals eine Fortsetzung in den Kommentaren auf einem weiteren Eintrag der lyrikzeitung und abschließend sogar nochmals auf fixpoetry. So viel Diskussion war selten, bedenkt man auch, dass diese Diskussionen schon Vorläufer hatten, z.B. der äußerst umstrittene Spiegel-Artikel über Jan Wagner.
Nun macht die Literaturwerkstatt am 24.9. einen Abend zu diesen Vorgängen und lädt Hendrik Jackson, Nora Bossong und Sabine Scho ein, die Um-und Tatbestände dieser Debatten noch einmal zu sondieren. Deshalb hier noch einmal alle links versammelt um den Stein des Anstosses. (Übernommen von lyrikkritik.de)
Die gebrannte Performance. Eine Audio-Retrospektive.
Bestenliste der Schallplattenkritik

Wortkonzert, Sprechperformance, Konfrontation. Thomas Klings Werk und der Performancecharakter seiner Lesungen prägten die deutschsprachige Lyrik auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Das im Frühjahr erschienene Hörbuch „Die gebrannte Performance“ ist eine Audio-Retrospektive zum Werk des Lyrikers. Sie wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert (Bestenliste 3-2015).
Am Donnerstag, 20. August 2015, wird die einzigartige Sammlung von Tondokumenten auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg von Norbert Wehr, Ulrike Janssen und Norbert Hummelt multimedial vorgestellt. Beginn 19.30 Uhr.
Thomas Kling hatte stets eine genaue Vorstellung von dem Vortrag seiner Gedichte vor Publikum: „1. Kein Genuschel bitte. 2. Didaktik hat weder im Gedicht noch auf der Bühne etwas verloren. Also: bitte keine autoexegetischen Turnübungen. 3. Bittebitte keine Mätzchen mehr! Und 4. siehe 1.: Kein Genuschel bitte.“ Was zunächst formstreng klingt, steht in keinem Verhältnis zu der eigenwilligen und experimentierfreudigen Art des literarischen Auftritts, für den Kling den Begriff „Sprachinstallation“ prägte. Auf außergewöhnliche kunstvolle Weise näherte sich Kling seinem Sprachstoff, forschte nach seiner Geschichte, zerlegte ihn, setzte ihn neu zusammen und wusste ihn so zu inszenieren, dass er einen neuen, sinnlichen Zugang zum Wort und zum Gedicht ermöglichte. Nicht zuletzt mit seiner Stimme gelang es Kling, Sprach-Räume zu gestalten.
Das im April 2015 im Lilienfeld Verlag Düsseldorf erschienene Hörbuch „Die gebrannte Performance – Lesungen und Gespräche“ stellt als einzigartige Sammlung von Tondokumenten eine Art Biografie in Auftritten dar und setzt die typischen Kräfte einer Kling-Lesung wieder frei. Auf vier in der Schriftenreihe der Kunststiftung NRW erschienenen CDs sind seine prägnantesten Lesungen aus den 1980er und 1990er Jahren sowie zwei Gespräche mit dem Autor gebannt. In der multimedialen Präsentation des Hörbuchs auf dem Kulturgut stellen die Herausgeber Norbert Wehr und Ulrike Janssen sowie der Autor und Kling-Freund Norbert Hummelt den herausragenden Dichter und seine literarischen Verfahren vor, die zwar in der Literaturgeschichte wurzeln, von dort aus aber ganz eigene Wege einschlagen.
Thomas Kling (1957-2005) lebte und arbeitete auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss. Er erhielt zahlreiche renommierte Preise, darunter 1994 den Else-Lasker-Schüler-Preis für Lyrik, 1999 den Deutschen Kritikerpreis und 2001 den Ernst-Jandl-Preis. Zum Sommersemester 2011 richtete die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn zu Ehren des 2005 verstorbenen Lyrikers eine Thomas-Kling-Poetikdozentur ein.
Ulrike Janssen ist freie Hörfunkautorin und -regisseurin. Für das auf einem Gedichtzyklus von Thomas Kling basierende Hörspiel „vogelherdrecherche“, eine Koproduktion von Deutschlandfunk und Hessischem Rundfunk, erhielt sie 2011 den Karl-Sczuka-Förderpeis. Norbert Wehr ist Herausgeber des „Schreibheft. Zeitschrift für Literatur“ sowie Literaturkritiker, Hörfunkautor und Moderator. Zuletzt erschien von ihm (hrsg. zusammen mit Ute Langanky): Thomas Kling, „Das brennende Archiv“ (2012). Der Lyriker, Essayist und Übersetzer Norbert Hummelt lehrte u.a. am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ist Redakteur der Zeitschrift Text + Kritik und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Für seine Gedichte wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
DO 20.08.2015 | 19.30 Uhr
Lesung – Hörbuchpräsentation
Thomas Kling: Die gebrannte Performance. Ein Hörbuch.
Vorgestellt von Ulrike Janssen, Norbert Wehr und Norbert Hummelt
In Kooperation mit der Kunststiftung NRW.
Eintritt: VVK 7,00 EUR / 5,00 EUR; AK 9,00 EUR / 7,00 EUR
Weitere Informationen unter Tel.: 0 25 29 / 94 55 90 und www.kulturgut-nottbeck.de
Museum für Westfälische Literatur – Kulturgut Haus Nottbeck
Landrat-Predeick-Allee 1
59302 Oelde-Stromberg
Öffnungszeiten: Dienstag – Freitag: 14.00 – 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: 11.00 – 18.00 Uhr
Über die Gedichte der 23-jährigen amerikanischen Lyrikerin Mira Gonzalez, die soeben bei Hanser auf Deutsch erschienen, wird seit Tagen in sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert. Knallhart kalkulierter Marktcoup oder herausragender Band und eine der wichtigsten jungen Stimmen ihrer Generation?
Jetzt erscheinen erste Besprechungen. Fast ungeteilte Zustimmung im Blog von Jan Drees
Ihre Gedichte, die nun bei Hanser in einer schönen, zweisprachigen Ausgabe erscheinen, übersetzt von Verleger Jo Lendle, sind Schlüssellochblicke in das Leben einer Anfang-20-Jährigen, die schon jetzt geübt ist im künstlerischen Zugriff auf die ernüchternde Welt einer weißen, urbanen und privilegierten Bohème.
Kritik am Verhalten des Verlags und ausführlicher Hinweis auf die problematische Seite einer vielleicht schon gescheiterten Bewegung bei Kristoffer Cornils (auf Fixpoetry) – ich beschränke mich auf kurze Zitate, die keineswegs repräsentativ für Cornils‘ Informationen und Thesen ausfallen:
Alt Lit, ein weitestgehend US-amerikanisches Phänomen, setzte der schönen neuen Welt eine radikale Aufrichtigkeit entgegen.
Plötzlich ging es wieder weniger um ästhetische Diskurse denn um das eigene Leben. Eine Generation, die sich per sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook unablässlich selbst zum Ausdruck brachte, nahm den nächsten logischen Schritt. Alt Lit ist eine Art Naturalismus des 21. Jahrhunderts: Ungeschönt, direkt und mit dem Ziel versehen, die eigenen Erfahrungswerte möglichst transparent zu machen. (…)
Gonzalez ist eine (Zu-)Spätkommerin der Alt Lit-Szene, ihr erster Gedichtband i will never be beautiful enough to make us beautiful together erschien 2013 und damit ein Jahr, bevor die bis dahin weitestgehend heile Welt der literarischen Bewegung einen vernichtenden Rückschlag erhielt. Hanser legt ihn jetzt auf Deutsch auf, um die Übersetzung hat sich Verlagschef Jo Lendle selbst gekümmert. (…)
Gonzalez skizziert mit knappen, gestisch abgeklärten Worten – Gedichte sind für sie so etwas wie in Breite ausgeführte Tweets – Szenarios von gegenseitiger Ausbeutung. Sie entspringen der internalisierten Entfremdung, ihr Ausgangspunkt ist »an inability to experience phenomena first-hand«. (…)
Obwohl es sich verbietet, das Dargestellte mit der Darstellung und erst recht nicht mit Affirmation zu verwechseln: Dessen Vermarktung muss unbedingt hinterfragt werden. Denn die stützt sich, ob sie will oder nicht, auf die Verharmlosung des Einzelfalls und damit auch des Gesamtkontextes.
Mira Gonzalez
Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können
Übersetzung: Jo Lendle
Hanser
2015 · 112 Seiten · 16,90 Euro
ISBN: 978-3-446-24940-0
Am 5. August starb die portugiesische Schriftstellerin, Künstlerin und Philologin Ana Hatherly im Alter von 86 Jahren in Lissabon. Zu ihrem vielseitigen Schaffen gehörten Filme, malerische und plastische Kunstwerke, Gedicht-, Prosa- und Essaybände, visuelle Poesie (Google-Bildersuche nach Ana Hatherly zeigt besonders viele Beispiele dafür), kritische Editionen und Anthologien. Auf Deutsch erschien eine Auswahl ihrer „Tisanas“ genannten Prosagedichte. Sie definierte sie so: „Sie sind Prosagedichte und Anti-Fabeln; sie sind aphoristisch und epigrammatisch; sind Schöpfung oder Wiedererschaffung von Mythen; sie sind Metasprache und Metaliteratur; sind parodistische Überschreitung; sie sind ein offenes Werk; sie sind eine Reflexion über die Kunst als Illusion der Wahrheit (…)“. (Tisanas, 1998, S. 8).
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