Afrikanische Lyrik scheint aus lauter Konstruktionsfehlern zu bestehen. Sie muss die Angst vor dem Verstummen überwinden, muss den Raubeliten des Kontinents die Stirn bieten, um die Schrift erst einmal als eine die Welt ordnende Kraft zu behaupten; zugleich möchte sie sich jenem Wort entziehen, das in Afrika die Formen von Kosmologien, Predigten und Lovesongs angenommen hat – der Senegalese Amadou Lamine Sall appelliert heute an die jungen Dichter seines Landes, die Nationalsprachen zu benutzen anstatt sich zwanghaft auf Französisch auszudrücken; – und schließlich muss es afrikanische Lyrik auch noch mit dem arabischer Paternalismus aufzunehmen, der davon ausgeht, dass die afrikanischen Muslime zu wahren Muslimen gemacht werden müssten. / Wolfgang Koch, taz.blogs
“No sweeter music can come to my ears,” Robert Frost once wrote a friend, “than the clash of arms over my dead body when I am down.”
Frost’s ghost, then, can be grateful to New York Times poetry columnist and Cornell University prof David Orr for this book. It will certainly stir up the kind of tumult that the poet — whom many remember as a kindly if eccentric New England farmer and many others regard as an egomaniacal monster — would have enjoyed.
Orr lays out the battle lines on the book’s cover: “Finding America in the Poem Everybody Loves and Almost Everyone Gets Wrong.” That’s a lot to promise in a subtitle: that the poem most of us have heard proclaimed at commencement exercises, weddings and funerals; have memorized and written school themes about; have Googled — more than any other poem in the English language, Orr reports — and have even had pitched to us in advertisements for Mentos and Nicorette, is also a poem most of us do not understand. That the poet has, in effect, bamboozled us. Frost would like that, too. / Bill Marvel, Dallas News
David Orr: The Road Not Taken: Finding America in the Poem Everyone Loves and Almost Everyone Gets Wrong
(Penguin, $25.95)
Wurde schon im ersten Gedicht Manhattan, also New York, nur einmal tituliert, entfernt sich im zweiten Gedicht der Fokus immer weiter von der City, und allein Begriffe wie ’Terror’ oder ’Aufwind, Abwind’ gemahnen an die Anschläge. Von Opfern und Tätern ist keine Rede mehr. Tatsächlich bleibt New York allein als allgemeine Großstadt und Ort urbaner Entropie wichtig. Durs Grünbein, dessen Lyrik vielfach von Arealen metropolen Lebens beeinflusst ist, bemerkt:
Zugegeben, ich fühle mich in unbesiedelten Landschaften haltloser als in Metropolen mit ihrer heroischen Urbanität. […] Das heißt, im Stadtraum behält man die Deutungshoheit über das, was einem begegnet. […] In New York oder Moskau bleibt man an seinesgleichen gefesselt, man erkennt sich im trüben Brei der Geschäfte und Leidenschaften wieder und bleibt Herr über die eigene Zeit. […] Die Metropole […] belebt sämtliche Gehirnfunktionen.
/ Nathalie Mispagel, literaturkritik.de
Erstaunlich ist, welche Ähnlichkeiten Nerudas und Theodorakis’ Lebenswege haben, trotz ihres Altersunterschieds und der unterschiedlichen Geschichte ihrer Länder. Beide erleben Bürgerkriege, Neruda in Spanien, Theodorakis in Griechenland. Beide werden politisch verfolgt und müssen im Exil leben. Beide sind gewählte Parlamentsabgeordnete. Neruda arbeitet lange Jahre im diplomatischen Dienst Chiles als Konsul und Botschafter, Theodorakis ist zwei Jahre lang Minister in der Regierung von Konstantinos Mitsotakis.
In Kindheit und Jugend liegen die Schlüsselerlebnisse beider, die ihre Identität und Persönlichkeit formen: Neruda sagt: »Die Menschenmenge ist die Lehre meines Lebens gewesen […] kaum bin ich in ihrer Mitte […] bin ich Teil der wesenhaften Mehrheit, bin ich ein Blatt mehr des großen menschlichen Baums […] Denkwürdig und herzbewegend für den Dichter ist es, für viele Menschen eine Minute lang Hoffnung verkörpert zu haben.« (1979 in seinen Memoiren »Ich bekenne, ich habe gelebt«) Und Theodorakis schreibt: »Ich suchte Gott und fand den Arbeiter« (1987 in seiner Autobiographie »Die Wege des Erzengels«).
Canto General bedeutet wörtlich »Allgemeiner Gesang«, wird aber oft als »Der große Gesang« betitelt. Theodorakis und Neruda verfolgen mit ihren Werken dasselbe Ziel: Neue Inhalte verständlich zu gestalten, damit sie auch den Menschen zugänglich sind, die nicht das Glück hatten, eine umfangreiche Bildung zu erhalten. Die Botschaft von Musik und Text ist der Ruf nach Selbstbestimmung, Freiheit und Unabhängigkeit der Völker.
(…)
Wie kam es zur Auswahl der von Theodorakis vertonten 13 Teile aus dem Gedichtszyklus? Hierzu äußert Theodorakis sich 1983: »Bei meiner ersten Begegnung mit Allende in seinem Haus auf einem Hügel über Santiago erzählte ich ihm, dass ich den Canto General gehört hatte und diese Dichtung vertonen möchte. Mein Wunsch sei nur, das Werk zum ersten Mal in Chile aufzuführen. Allende war sofort von der Idee begeistert und und ließ sich seine Ausgabe des Canto bringen. Da ich kein Spanisch verstand, fragte ich, mit welchem Gedicht ich anfangen sollte, und Allende selbst markierte mit einem blauen Stift die Gedichte, die sich seiner Meinung nach besonders dafür eigneten.
Später, als ich Neruda traf, vervollständigte er mir mit einem roten Stift die Auswahl. »An meine Partei« ist interessanterweise von Allende angekreuzt worden. »Ich werde leben« auch. Neruda kreuzte das Gedicht »Die große Freude« an und den »Flüchtling«. Neruda sagte: ›Das ist mein Leben, und es ist auch dein Leben‹. Ich habe natürlich nicht alle Gedichte vertont, denn man kann aus dem Canto General zweihundert Oratorien machen!« / Gerhard Folkerts, junge Welt
Zuletzt liest Lydia Daher, die Lyrik schreibt, die immer abgedunkelt und zuweilen düster ist. „Die Schwere von Kreuzberg“ heißt ein Text über den gleichnamigen Berliner Stadtteil. Entstanden sei der Text, „als Kreuzberg noch dreckig war“, sagt die Autorin. „Uns bleibt nicht mal Paris“ heißt einer. „Russland hat drei Satelliten verloren“, beginnt ein anderer. „Für die Zukunft habe ich meinen Drei-Punkte-Plan“, liest sie kurz vor Schluss. „Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen.“ / Aus einem Bericht der Rheinischen Post über die Hinterhoflesung in Düsseldorf
Die nächsten Hinterhoflesungen: 20. August, 19 Uhr, Martinstraße 58, mit Jaromir Konecny, André Herrmann und Sven Hensel; 27. August, 19 Uhr, Krahestraße 20, mit Jochen Schmidt, Theresa Hahl und Lisa Schøyen
Im taz-Blog setzt Wolfgang Koch seine Auseinandersetzung mit der Afrikaanthologie von Al Imfeld fort. Auszug:
In dieser Anthologie herrscht eine mystische Unzufriedenheit, ein episches Leiden an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen. Afrika, behauptet einer, sei belastet mit genug Leiden, um den ganzen Planeten zu versenken. Überall Schurken, Halsabschneider, »Tagediebe unseres Schweisses«, die ihr Leben lang herumsitzen und die Afrikaner verspotten.
(…) Schwärze gilt als Grund aller auftauchenden Probleme. Unvernunft, Unsinn, Prostitution. »Die Welt treibt den Ekel immer weiter/ Und wird in ihr Gegenteil verkehrt«.
(…) [Diese afrikanischen AutorInnen] erheben Anspruch auf ihre Aussätzigkeit, auf lange und schaurige Seelenqualen. Das Ergebnis sind säkulare Ersatzpredigten, überpädagogische Sonntagsreden, moralinsaures Geschwafel. In den Sprüchen vietnamesischer Reisbauern liegt mehr Weisheit als im Gros dieser afrikanischen Lyrik.
(…)
Vielleicht werden die literarischen Kosmen Europas und Afrikas, wenn sich der Rauch des Anklagens und Wohlmeinens einmal verzogen hat, doch noch in den aufmerksamen Dialog der Lektüren treten.
Egal, wo man diese Sammlung aufschlägt, fragt man sich nach ein paar Minuten: Besitzt Afrika wirklich nur so wenige gute SchriftstellerInnen, oder verfälscht hier der Schweizer Herausgeber das Bild durch seine sozialphilosophische Brille?
Ich denke, der Hang zum Moralisieren, der ist in den Köpfen dieser Dichtergenerationen schon da. (…)
Wenn Literatur unbedingt politisch wirken will, worin ich keinen Fortschritt zu sehen vermag, so ist es der sicherste Weg ihren Inhalt durch den politischen Gegner definieren zu lassen. Also, welche Dichter und welche Werke haben denn in den letzten Jahren öffentliche Erregung und staatliches Handeln in Afrika nach sich gezogen?
Das erste Werk des 2011 verhafteten Kameruner Schriftstellers und Historikers Dieudonné Enoh Meyomesse war ein Gedichtbuch; – das wäre ein würdiges politisches Objekt der Übersetzungtätigkeit gewesen.
Der ivorische Schriftsteller Josué Guébo hat im Vorjahr mit Songe à Lampedusa/ Denk an Lampedusa für Aufsehen gesorgt. Das hätten wir bestimmt als ein erinnerungswertes politisches Statement aufgefasst.
© Wolfgang Koch 2015
Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht, 586 Poeme auf 815 Seiten, zweisprachig abgedruckt, Offizin Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-03-8, EUR 60,-
Vgl. hier
Der Schriftsteller Navid Kermani sprach mit dem Magazin Eulenfisch über den Skandal der europäischen Flüchtlingspolitik.
Die Fragen stellte Christopher Paul Campbell
Sie gingen bereits 2001 in Ihren detailreichen Aufsätzen und Reportagen, etwa in »Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen«, aufgrund von Beobachtungen, die sie auf ihren Reisen in Nordafrika und dem südeuropäischen Mittelmeerraum gemacht haben mit Europa hart ins Gericht. Manche sagen, sie schimpfen über Europa. Stimmt das?
Ich schimpfe über Europa, weil es mir etwas bedeutet. Diese oft belächelte oder so verächtlich gemachte Europäische Union ist ja eine der größten Errungenschaften in der Menschheitsgeschichte.
Sie sagen: Europa tötet jeden Tag. Was ist an diesem Projekt gelungen?
Frieden zu schaffen auf einem so kriegerischen, vom Nationalismus entstellten Kontinent. Ich kann mich an meine eigene Schulzeit erinnern, da hatten meine deutschen Mitschüler noch in den frühen 80er Jahren Probleme, eine französische Gastfamilie zu bekommen, weil die meisten französischen Großeltern keinen Deutschen bei sich zu Hause haben wollten. Deutsche sollten nicht mal ihr Haus betreten dürfen, so zerrüttet waren die Verhältnisse noch. Aber das europäische Projekt ist nicht nur ein Friedensprojekt, es ist auch ein Projekt der Aufklärung. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von klugen, ja genialen Politikern verwirklicht, aber als Projekt wurde es im 19. Jahrhundert von Dichtern und Denkern geschaffen, gerade auch solchen, die nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehörten, um einen heutigen Begriff zu verwenden.
Was trugen kulturelle und religiöse Minderheiten zum Projekt Europa bei?
Besonders in Auseinandersetzung mit dem Aufkommen von Nationalismus und nationalem Chauvinismus sind sie relevant. Nationalistische Chauvinismen in allen gesellschaftlichen Schichten versuchen, alle anders denkenden Gruppen und vor allem die kulturellen Minderheiten an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Gerade das späte 19. Jahrhundert zeigt, wie sehr etwa jüdische Intellektuelle Vorreiter des europäischen Projekts waren, indem sie auf Teilhabe drängten. Aussicht auf gleiche Rechte hatten die Minderheiten und hatten speziell die Juden nur innerhalb eines gemeinsamen europäischen, also multiethnischen, multikulturellen Gemeinwesens. / Weiter
„Unter Blinden / sei der Einäugige König / so sagt man // aber / die Monarchie ist abgeschafft / und jeder / der von der Norm abweicht / ist verdächtig“: Norbert Kraus war die personifizierte Abweichung von der Norm, ein Mann, der mit Anfang 20 Gedichte schrieb. Ende der 1970er, Anfang der 1980er war das, und wenn man die kleinen Bändchen der Regensburger Autorengruppe Schattenschrei heute wieder aufschlägt, kann man das immer noch lesen. Gedichte, die sich 35 Jahre lang halten („ohne Konservierungsstoffe“, so der Titel eines Schattenschrei-Lyrikbändchens 1983), die taugen was. (…) Jetzt ist Norbert Kraus im Alter von 57 Jahren gestorben. / Florian Sendtner, Mittelbayerische
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I once knew an artist who seemed to live on those little envelopes of free sugar that one can find on tables in restaurants. And he took the little “watercolor pans” of jelly, too, stuffing his pockets. Here’s a poem by Ned Balbo, who lives in Baltimore, about another sugar snatcher.
The Sugar Thief
If it was free, you taught, I ought to grab it
as you did: McDonald’s napkins, pens,
and from the school where you were once employed
as one of two night shift custodians,
the metal imitation wood wastebasket
still under my desk. But it was sugar
that you took most often as, annoyed
on leaving Dunkin’ Donuts, pancake house,
and countless diners, I felt implicated
in your pleasure, crime, and poverty.
I have them still, your Ziploc bags of plunder,
yet I find today, among the loose
change in my pockets, packets crushed or faded—
more proof of your lasting legacy.
We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.
Poem copyright ©2010 by Ned Balbo, “The Sugar Thief,” from The Trials of Edgar Poe and Other Poems, (Story Line Press, 2010). Poem reprinted by permission of Ned Balbo and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.
Schau! dort in der dröhnenden Wiese das Kauern. Ein Ja! das schützt. Kein Schritt. Bloss Atem alles.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
Jürgen Becker im Interview mit der Rheinischen Post:
Es geht mir weniger um Natur als um Landschaft. Die Natur hat sich ja aus der Landschaft – jedenfalls aus der, in der wir leben – weitgehend entfernt. Die Landschaft am Rande der Städte ist die von mir bevorzugte, da, wo Vorstadt allmählich in Landschaft übergeht und wieder die nächste Stadt vorbereitet. All das, was in der Natur einmal vorhanden und für uns Menschen eine Alternative zu sein schien, hat sich verflüchtigt. (…) es geht darum, zu erkennen, wie sich in der Landschaft auch Geschichte abbildet: die Geschichte der Menschheit, der Politik, der Kriege. Die Landschaft ist für mich eine Art Collage, in der sich verschiedene Zeitschichten entdecken lassen. / Mehr
Wolfgang Koch meint:
Kann eine neue Anthologie dem so entstandenen Dichterkanon heute neue Namen hinzufügen? Findet Imfelds Sammlung einen Ansatz jenseits von Blackness und Négritude, der die weißen AutorInnen aus Südafrika nicht mehr ausgrenzt? Oder will er uns nur mit antikolonialer Agitationsware Geld aus der Tasche ziehen?
Gewiss, eine Anthologie ist ein Marktplatz. Aber hat denn die singende Seele des schwarzen Erdteils heute überhaupt etwas Dringliches zu sagen? Spricht die Arabellion in brauchbaren Versen? Ist die aufregendste Literaturproduktion seit den 1960er-Jahren nicht eher in Südamerika zu Hause denn in Afrika?
Insgesamt birgt Afrika im Gedicht über 1.150 Texte. Die 570 Gedichte, entstanden zwischen 1960 und 2014, sind zweisprachig abgedruckt und ausgerüstet mit Quellenangaben, Worterklärungen sowie einem zünftigen Autorenverzeichnis. Die Gedichte und Begleittexte kommen auch keineswegs als öde Bleiwüste daher, sondern unterteilt in 63 sogenannte Cluster.
(…)Achtzehn beachtenswerte Lyriker von 258 insgesamt; zirka zwanzig lesens- und empfehlenswerte Gedichte aus einem ungeheuren Berg von 570 Poemen– Moment mal, soll das wirklich die Bilanz dieses Mammutunternehmens sein?
Dann ist da aber einiges schief gelaufen beim Brückenbauen zum neueren Afrika. / blogs.taz.de
Vgl. hier
Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht, 586 Poeme auf 815 Seiten, zweisprachig abgedruckt, Offizin Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-03-8, EUR 60,-
G&GN-INSTITUT / Im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ untersuchte Johannes Ullmaier 2001 den Unterschied zwischen echter Pop- und seichter Popperliteratur. Im letzten Kapitel über Slampoetry war ein Auszug aus dem Gedicht „INFLATION“ zu hören. Es stammt von 1993 und eröffnet die PDF-Publikation „HYSTERiE HELAAF!“ von Tom de Toys, die nun in einer erweiterten 3.Auflage vorliegt. Das Finale bildet das aktuelle Antigedicht seines Pseudonyms Bruno Brachland. Während der Untertitel in den ersten beiden Auflagen noch lautete „Gedichte zum Mondanheulen“ heißt es jetzt: 15 Direkte Gedichte gegen die Betriebsamkeit. De Toys zählt zu einer Mikroszene politischer Dichter, die vom Feuilleton nicht nur totgeschwiegen werden, sondern weit schlimmer: deren „engagierte“ Literatur dank der Ignoranz der Medien angeblich gar nicht existiert. Der Ruf nach einer fehlenden Politisierung ist zwar wieder in Mode gekommen, aber die diesbezüglichen Dichter, die nie unpolitisch waren und seit Jahrzehnten gesellschaftskritische Lyrik publizieren, bleiben unbeachtet, weil der biedere Blick nicht über den Tellerrand von Preisträgern und Standardanthologien hinausreicht. Dabei liegt die Wahrheit manchmal nur einen Mausklick entfernt… Kostenloser PDF-Download @ www.POPLYRIK.de – das Gedicht „INFLATION“ ist außerdem vollständig zu hören hier: www.ANTILYRIK.de
Bruno Brachland Nr.68, 31.7.2015 © POEMiE™
NEUROLOGISCHE DESILLUSIONIERUNG
ich habe vergessen warum man gedichte schreibt ich habe vergessen wozu man gedichte schreibt ich habe vergessen warum und wozu und wie man gedichte schreibt ich habe verlernt wie sich gedichte von selber schreiben ich frage mich andauernd was soll man denn schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben ich sehe die welt und ich sehe die menschen ich sehe die sterne und die natur alles ist da alles existiert alles hat einen namen und alles verschwindet die liebe die sehnsucht die hoffnung und gott jede blume die blüht jedes baby das schreit jeder soldat der verteidigt jeder präsident der betrügt jedes volk das verzweifelt jede tierart die ausstirbt jedes essen das sättigt jede sportart die spaß macht das ganze leben das ganze universum das ganze sein ist nur vorläufig vorhanden ist nur in dieser sekunde in diesem einzigartigen augenblick jedes problem erledigt sich irgendwann ganz von selbst es verschwindet und hinterlässt keine spur jeder mensch der jetzt jammert wird irgendwann nie wieder jammern und jeder mensch der keine sorgen hat wird irgendwann nie wieder keine sorgen haben ich rede hier nicht vom normalen tod der sowieso irgendwann kommt sondern davon daß auch der tod irgendwann nicht mehr kommt weil einfach gar nichts mehr kommt wenn alles verschwindet wenn alles weg ist wenn die unendlichkeit in ihre eigene leere zurückkehrt das ganze treiben im hauptbahnhof das ganze treiben über die weltmeere die partys und die parolen die ängste der hass und der neid die gefahren und alle gedanken alle gedanken sind nur gedanken über gedanken über gedanken was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben wenn wörter nur wörter sind wie rosinen rosinen galaxien galaxien und kaulquappen kaulquappen gedichte sind nur noch gedichte das göttliche badet nicht mehr in buchstaben der sprachschaum besteht nur aus hörbarer luft alle geister sind angestellte der werbung
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
How’s this poem for its ability to collapse all the years from childhood to middle age in a matter of fifteen short lines? George Bilgere is one of this column’s favorite poets. He lives and teaches in Ohio.
The Wading Pool
The toddlers in their tadpole bodies,
with their squirt guns and snorkels,
their beautiful mommies and inflatable whales,
are still too young to understand
that this is as good as it gets.
Soon they must leave the wading pool
and stand all day at the concession stand
with their hormones and snow cones,
their soul patches and tribal tattoos,
pretending not to notice how beautiful they are,
until they simply can’t stand it
and before you know it
they’re lined up on lawn chairs,
dozing in the noonday sun
with their stretch marks and beer bellies,
their Wall Street Journals and SPF 50.
We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.
Poem copyright ©2014 by George Bilgere from his most recent book of poems, Imperial, (Univ. of Pittsburgh Press, 2014). Poem reprinted by permission of George Bilgere and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.
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