der Rechner blockt, irgendwo innen ein Fehler – im Gerät, in mir?
Hansjürgen Bulkowski
Inzwischen lockt die Lyrikberichterstattung die Massenmedien, Kenner auf beiden Seiten der Barrikade:
Lyrik war einst etwas für hoffnungslose Romantiker, Poetry Slams für geistreiche Wirrköpfe. Inzwischen lockt der Dichterwettstreit die Massen – etwa am Mittwochabend auf die Hamburger Trabrennbahn. Mehr als 5000 Menschen kamen zu „Best of Poetry Slam – Open Air“. „Damit ist der Weltrekord geknackt“, stellte Conférencier Michel Abdollahi fest. / dpa/ Heidenheimer Zeitung
Diese* Rezension fängt gut an:
Es gibt Lyriker, die unentwegt wollen, was sie schon können. Ihre Gedichte laufen Gefahr, wie aus dem Register gezogen zu wirken. Sie sind kunstfertig gebaut, elegant im Auftritt, aber durch ihren reibungsarmen Gestus auch wieder schnell vergessen. Der Sirenengesang des leichten Gelingens nimmt sie in seinen Kanon auf. Es gibt aber auch Lyriker, die ihr Können immer wieder am Eigensinn ihres Wollens erproben, an einer Poetik, die nie ganz in Besitz genommen werden kann. Ihre Verse bleiben offen, dem Ungesicherten treu, dem Streben nach der nie zu erreichenden, endgültigen Form. Gerade die ausgehaltene Nähe zur Möglichkeit des Misslingens kann zum überraschenden Glücksmoment bei der Lektüre werden.
Oder eigentlich, es wäre ein guter Anfang eines Essays. Wir dürften erwarten, daß beide Typen an Beispielen vorgestellt und erörtert werden. Der Essay machte, Konjunktiv, einen Vorschlag, wie man die Dinge auch sehen kann. Vorausgesetzt man will was sehen.
Es ist aber kein Essay, sondern eine Rezension. In einer Rezension weiß man spätestens nach dem zweiten, dritten Satz, wie es weitergeht. Es geht gar nicht darum, verschiedene Typen von Autoren vorzustellen. Auf den Ausgangspunkt wird gar nicht zurückgekommen. Es geht um einen Einstieg, einen Aufhänger. Der Verfasser braucht einen dunklen Ausgangspunkt, um seinen Gegenstand, den zu besprechenden, zu lobenden Band umso heller strahlen zu lassen. Der Aufhänger ist leere Rhetorik. So fängt man eben Rezensionen an, mehr ist da nicht. Und Texte der anderen, erörternden Art, gibt es hin und wieder in Essays von Lyrikern, nicht im Feuilleton.
*) Welche Rezension? Es ist für unseren Zusammenhang unwichtig. Wer will, kann sie leicht finden. Es hat nichts mit dem besprochenen Autor zu tun.
Leben des Dichters Ezra Pound in Auszügen (5)
Er mag neunzehn gewesen sein, ich war ein Jahr jünger. Maßlos intellektuell, maßlos überlegen, maßlos ungeschliffen, ein Geschöpf, das keinem der Brüder und der Brüder Freunde und der Jungen glich, mit denen wir tanzten (und er tanzte schlecht). Mit ihm wollte man um dessentwillen tanzen, was er sagen würde.
(…) und, ach, ich litt fürchterlich unter seinem unbeholfenen Tanzen.“
H.D. (Hilda Doolittle): Das Ende der Qual. Erinnerungen an Ezra Pound. Zürich: Arche, 1985, S. 33f, S. 102
Die Frage nach der „Zeit“ und unserem Verhältnis zu ihr ist ein Kernthema aller Literatur und Philosophie. Über alle Genregrenzen hinweg. Neben Günter Grass und Rüdiger Safranski haben wir noch ein interessantes, eher leichtfüßiges Beispiel im Angebot. Andrascz Jaromir Weigoni stellt mit einem Hörspiel unser Zeitempfinden und unsere Vorstellung von Identität auf die Probe. Der vielfach ausgezeichnete ungarisch-deutsche Schriftsteller und Medienpädagoge Weigoni schafft mit seinem Text, Papiergeräuschen und der Stimme von Bibiana Heimes eine Atmosphäre, die uns einem Gedanken ganz schnell auf den Pelz rücken lässt: wir sind alle Gefangene unserer selbst. Laurin Dreyer lässt es knistern. / Radio Bremen (zum Nachhören)
Der britische Dichter und Übersetzer Charles Tomlinson starb im Alter von 88 Jahren in seinem Landhaus in Ozleworth, Gloucestershire, wo er seit 1958 lebte. Für den amerikanischen objektivistischen Dichter George Oppen waren es Tomlinson und Basil Bunting, „die am lebhaftesten zu den amerikanischen Dichtern sprachen“. Tomlinson überbrückte die gewaltige Kluft zwischen europäischer und amerikanischer Dichtung, er beerbte gleichermaßen Dryden und Williams, Coleridge und Pound. Seine 16 Gedichtbände, Essaysammlungen, Übersetzungen und Anthologien sind ein Vorrat für englische Autoren und Leser, und doch wurde er mehr im Ausland als zu Hause geehrt.
(…)
Er war offen für andere Poesien und andere Künste: Musik, Architektur, Bildhauerei, Malerei. Er war selbst ein hervorragender Graphiker. Er wurde es nie müde, durch Räume und Sprachen zu wandern, doch kehrte er stets in sein Gloucestershire-Haus zurück und zu einem Englisch, das er angereichert hatte mit Übersetzungen aus dem Russischen Fjodor Tjutschews, dem Spanischen von Antonio Machado, César Vallejo und Octavio Paz, dem Italienischen von Giuseppe Ungaretti und anderen sowie der französischen Dichter. Mit Jacques Roubaud, Edoardo Sanguineti und Octavio Paz schrieb er ein viersprachiges Renga (1979). Er gab das Oxford Book of Verse in English Translation (1980) heraus, das die zentrale Rolle der Übersetzung in der Geschichte unserer elsternhaften Literatur herausstellte. Mit dem amerikanischen Dichter Kenneth Rexroth war er der Meinung, daß „Übersetzung uns vor unseren Zeitgenossen schützt“. Einige etwas ältere amerikanische Dichter waren es auch, die ihn vor seinen englischen Zeitgenossen bewahrten: William Carlos Williams, Marianne Moore, Wallace Stevens wurden beinahe übermächtig für ihn, eine Gegengabe Williams und Pound half. Auch Louis Zukofsky und Robert Creeley, Robert Duncan und Charles Olson beeinflußten ihn. / Michael Schmidt, The Guardian
Alfred Charles Tomlinson, 8. Januar 1927 – 22. August 2015.
Der syrisch-libanesische Lyriker Ali Ahmad Said erhält in diesem Jahr den mit 25.000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück. Der unter dem Künstlernamen Adonis bekannte Lyriker werde für sein Eintreten für die Trennung von Religion und Staat, die Gleichberechtigung der Frauen in der arabischen Welt sowie für eine aufgeklärte arabische Gesellschaft geehrt, sagte ein Sprecher am Donnerstag. Die Auszeichnung wird dem 85-Jährigen am 20. November im Friedenssaal des Rathauses überreicht. / Tagesspiegel
Ist eine Papierhülle schon Lyrik? Mit Flarf Disco tastet Hartmut Abendschein die Synergien zwischen moderner Lyrik und Popsong neu aus. Alle zwei Monate erscheint das Popkultur-Magazin Spex mit einer CD als Zugabe. Ausgehend von den Musiktiteln auf der Papierhülle arrangiert der Lyrikband 60 Popgedichte in sechs Zyklen.
Flarf ist Googles Werk und Autors Beitrag, wie einmal die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ titelte. Man gebe zwei Begriffe in die Google-Suche ein, wähle einige Ergebnisse aus und forme sie zu Gedichten. Diese werden wiederum über Websites und Mailinglisten verbreitet und neuverwertet. Das ist das Grundkonzept des Flarf-Kollektivs rund um die New Yorker Gary Sullivan, Sharon Messmer und K. Silem Mohammad. In Anschluss an einen Wettbewerb hat sich Flarf Anfang des neuen Jahrtausends in den Vereinigten Staaten, mehr noch als in Deutschland, als Bewegung etabliert. Ein Beispiel: Aus den Suchbegriffen „Michael Jackson“ und „Latex“ wird bei Sharon Messmer „What in the latex-rainbow-Monistat hell / is that big-haired pensioner doing / wriggling around to ‚Don‘t Stop Till Get Enough‘ / in a skin-tight latex leotard?“ Irritiert fragt sich das frisch ergoogelte Ich, weshalb der Rentner im Latex-Anzug zu Jacksons Disco-Funk-Song tanzt. Zwar steht Flarf in der Spannung aus technischem Know-how und kreativem Prozess, doch würde man es sich zu einfach machen, Flarf als Algorithmen-Lyrik abzutun. Flarf ist ein Konzept – teils aleatorisches Spiel und teils komponierendes Prinzip – ähnlich wie der Remix in der Musik. / Julian Gärtner, literaturkritik.de
Hartmut Abendschein: Flarf Disco. Popgedichte.
edition taberna kritika, Bern 2015.
92 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783905846348
Rücksicht nehmen muss ein Mensch in diesem Alter nicht mehr; erst recht nicht ein Künstler. Von den Alterswerken der Maler ist bekannt, dass sie sich oft durch einen freieren, kühneren Strich auszeichnen. Auch Grass’ letzte Gedichte atmen den Geist der poetischen Freiheit: Haiku-artige Vierzeiler wechseln sich mit mehrseitigen Elegien ab, prosaische Texte mit mehrstrophigen Gedichten. Dazu die Zeichnungen: formatfüllend über eine Doppelseite oder als Vignetten zu den Texten, feingestrichelt und flächig schraffiert, ausgeführt und grob skizziert – Vanitasmotive vor allem: Tierskelette, Stillleben, fliegende Federn, welke Blätter, krumme Nägel – und, tatsächlich, das Gebiss des lyrischen Ich neben einem Elchschädel.
(…) Abschied vom verehrten Vorbild Rabelais („mir fehlts an Kraft, mit grobem Keil / den groben Klotz zu spalten“), Abschied – im vielleicht grandiosesten Gedicht des Bandes – „vom Fleisch“: Da bricht sie noch einmal mit aller Macht auf, die Sinnlichkeit des Grass’schen Schreibens: „atmendes Fleisch, das ich besinge, seit Adam besinge“. Eine solche künstlerische Kraft hätte man Günter Grass nicht mehr zugetraut. Was für ein Vermächtnis! / Bettina Schulte, Badische Zeitung
Günter Grass: Vonne Endlichkait. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 184 Seiten, 28 Euro.
1956 beauftragte die niederländische Firma Philips den schon damals berühmten Architekten Le Corbusier damit, für die Weltausstellung in Brüssel zwei Jahre darauf einen einzigartigen Pavillon zu errichten und künstlerisch zu gestalten. Le Corbusier hatte die Idee zu einem, wie er sagte, „elektronischen Gedicht“. Dazu entwarf sein Assistent, der Komponist und Architekt Iannis Xenakis, nach mathematischen Regeln erst einmal die Räumlichkeiten, einen Pavillon, der von außen so aussah wie drei miteinander verschmolzene Indianerzelte.
Stefan Weinzierl: „Das war ein Gebäude, in dem ungefähr 500 Personen Platz hatten. Das Gebäude hat den Grundriss eines Magens gehabt. Und die Idee von Le Corbusier war quasi, dass der Zuschauer diesen Magen betritt und nach verdautem Zustand, also nach künstlerischem Genuss, wieder als neuer Mensch verlässt.“
Innen wurde der Pavillon in unterschiedliche Farben eingetaucht; von Le Corbusier persönlich ausgewählte Schwarz-Weiß-Fotos und kleinste Filmsequenzen wurden an die Wände projiziert und gaben einen Abriss der Menschheitsgeschichte und einen positiven Ausblick in die Zukunft. Währenddessen war eine sekundengenau auf die achtminütige Projektion abgestimmte avantgardistische Komposition von Edgar Varèse zu hören. Aber nicht an einem festen Ort. Vielmehr wanderte der Ton über 350 Lautsprecher, die in Form von zehn Routen angeordnet waren und den ganzen Pavillon durchzogen. / Tobias Wenzel, DLR
Nach seiner Emeritierung nahm Hincks wissenschaftlich-essayistische Produktivität noch einmal staunenswert zu: Unter anderem entstanden das Buch über Heine und den Antisemitismus sowie eine Geschichte der deutschen Lyrik in 100 Einzelinterpretationen – sie wird man ob der sensibel-genauen Lektüre der Texte und ihrer Einbettung in weitläufige Zusammenhänge als Sternstunde der Germanistik bezeichnen dürfen.
Über all dies hinaus bleibt Hinck den vielen, die ihn kannten, als lebhaft-liebenswürdiger, stets zur Diskussion wie zum Feiern aufgelegter, als neugieriger und von weltoffener Liberalität beflügelter Zeitgenosse in Erinnerung.
Einmal wurde ihm freilich seine jeder starren Weltanschauungsdogmatik abholde Toleranz zum Verhängnis: Hinck unterhielt ausgezeichnete Beziehungen zu zwei Antipoden des Literaturbetriebs, die ihrerseits einander nicht ausstehen konnten: Hans Mayer und Marcel Reich-Ranicki. Nichts Böses ahnend oder gar wollend, hatte Hinck sie zu einer Party in seinem Haus in Rösrath-Hoffnungsthal eingeladen. Der Zufall wollte es, dass in der riesigen Schar der Gäste ausgerechnet diese beiden einander über den Weg liefen. Es kam zum Eklat – mit Austausch von Beleidigungen und wutschnaubendem Verlassen der Location. / Markus Schwering, Kölner Stadtanzeiger
Протестовать против ввода войск в Чехословакию в 1968 году вышло семь человек. Протестовать против приговора Сенцову в Москве вышла одна женщина – и КАКАЯ женщина! Красота и мужество женщины спасет если не мир и не Россию, то репутацию российской интеллигенции. Аминь. Танечка, мы гордимся тобою и любим тебя!
Gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 protestierten sieben Menschen. Gegen die Verurteilung [des ukrainischen Filmregisseurs Oleg / Oleh] Senzow [vor einem russischen Gericht in Rostow zu 20 Jahren Lagerhaft wegen Terrorismus] protestierte eine Frau. Und was für eine Frau! Schönheit und Mut einer Frau retten nicht die Welt und nicht Rußland, aber den Ruf der russischen Intelligenz. Amen. Tatotschka, wir sind stolz auf dich und lieben dich!
Der russischsprachige ukrainische Schriftsteller Boris Chersonskij auf seiner Facebookseite zu einem von Gennadiy Panchenko geteilten Bild von Tatjana Konkowa (Татьяна Конькова). Sie steht vor dem Obersten Gericht der russischen Föderation. Auf dem Schild steht: Je suis Senzow. *)
*) Jetzt zu den üblich gewordenen hämischen Anti-je suis-Kommentaren im so freien Westen freigegeben!
Über die Verurteilung von Oleg Senzow hier.
In Erinnerung an den Poeten und Sprachkünstler H.C. Artmann vergibt die Stadt Salzburg gemeinsam mit dem Literaturhaus Salzburg seit 2008 jährlich das H.C. Artmann-Literaturstipendium für einen zwei- bis dreimonatigen Aufenthalt als Stadtschreiber in Salzburg. Bisherige Preisträger sind: 2008 Stefan Weidner (Deutschland), 2009 Armin Senser (Schweiz), 2010 Sigitas Parulskis (Litauen) und 2011 Ruth-Johanna Benrath (Deutschland). Im Sommer 2012 war die mazedonische Autorin und Übersetzerin Lidija Dimkovska als Writer in residence in Salzburg und hat einen Roman fertig gestellt. 2013 fiel die Wahl auf den jungen Südtiroler Autor Gerd Sulzenbacher, 2014 war der ukrainische Schriftsteller Ljubko Deresch in der Traklstadt. Von Mitte September bis Ende Oktober 2015 ist Boris Chersonskij aus Odessa diesjähriger H.C. Artmann-Stipendiat. Er liest am 17. September im Literaturhaus. / Literaturhaus Salzburg
Da sitzt an unserem Schreibtisch auf der noch regennassen Wiese Serkan Erol und rezitiert Goethe, Paul Celan, Rilke und andere Dichter, auch türkische wie Orhan Veli Kanik. Auf dem Rücken seines schwarzen Shirts steht in weißen Lettern: „Staune vor Poesie“. Wir staunen. Serkan, geboren 1985 in Bobingen als Sohn türkischer Eltern, ist einer, der an die Wunderkraft der Poesie glaubt.
Mit Gedichten, mit der Lyrik hat der angehende Lehrer (…) sein Lebensthema gefunden. Serkan verbreitet nicht nur als ein Botschafter der Poesie die Faszination für die Lyrik. Er dichtet auch selbst, weil er sagt: „Wer zuviel Poesie aufsaugt, muss sie auch abgeben. Es ist wie Honig sammeln.“ Zusammen mit seinem Freund Burhan Kaçar, der gerade in der Türkei ist und dort Steine mit eigenen Gedichten beschreibt und am Strand für glückliche Finder auslegt, arbeitet Serkan Erol an Projekten, die Lyrik auch didaktisch einsetzt. Die beiden nennen sich „O-Poesie“ und engagieren sich in Schulen, wo sie spielerisch mit Kindern Gedichte tanzen und Sprachlust entfachen. Ihr Ziel: Schüler wachsen durch die Poesie zu Weltbürgern heran.
/ Magnet Kulturstraße – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine
aus wie vielen lüften besteht die atmosphäre
und wie viele davon sind gerade in gebrauch?
Von heute bis Sonntag: jeden Tag ein Zweizeiler von Tristan Marquardt aus der Kategorie „fragen der wahrnehmung“ als Gedicht der Woche auf www.signaturen-magazin.de
Neueste Kommentare