Gestorben

„Unter Blinden / sei der Einäugige König / so sagt man // aber / die Monarchie ist abgeschafft / und jeder / der von der Norm abweicht / ist verdächtig“: Norbert Kraus war die personifizierte Abweichung von der Norm, ein Mann, der mit Anfang 20 Gedichte schrieb. Ende der 1970er, Anfang der 1980er war das, und wenn man die kleinen Bändchen der Regensburger Autorengruppe Schattenschrei heute wieder aufschlägt, kann man das immer noch lesen. Gedichte, die sich 35 Jahre lang halten („ohne Konservierungsstoffe“, so der Titel eines Schattenschrei-Lyrikbändchens 1983), die taugen was. (…) Jetzt ist Norbert Kraus im Alter von 57 Jahren gestorben. / Florian Sendtner, Mittelbayerische

American Life in Poetry: Column 533

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I once knew an artist who seemed to live on those little envelopes of free sugar that one can find on tables in restaurants. And he took the little “watercolor pans” of jelly, too, stuffing his pockets. Here’s a poem by Ned Balbo, who lives in Baltimore, about another sugar snatcher.

The Sugar Thief

If it was free, you taught, I ought to grab it
as you did: McDonald’s napkins, pens,
and from the school where you were once employed
as one of two night shift custodians,
the metal imitation wood wastebasket
still under my desk. But it was sugar
that you took most often as, annoyed
on leaving Dunkin’ Donuts, pancake house,
and countless diners, I felt implicated
in your pleasure, crime, and poverty.
I have them still, your Ziploc bags of plunder,
yet I find today, among the loose
change in my pockets, packets crushed or faded—
more proof of your lasting legacy.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright ©2010 by Ned Balbo, “The Sugar Thief,” from The Trials of Edgar Poe and Other Poems, (Story Line Press, 2010). Poem reprinted by permission of Ned Balbo and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Ingolds Einzeiler

Schau! dort in der dröhnenden Wiese das Kauern. Ein Ja! das schützt. Kein Schritt. Bloss Atem alles.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Landschaft

Jürgen Becker im Interview mit der Rheinischen Post:

Es geht mir weniger um Natur als um Landschaft. Die Natur hat sich ja aus der Landschaft – jedenfalls aus der, in der wir leben – weitgehend entfernt. Die Landschaft am Rande der Städte ist die von mir bevorzugte, da, wo Vorstadt allmählich in Landschaft übergeht und wieder die nächste Stadt vorbereitet. All das, was in der Natur einmal vorhanden und für uns Menschen eine Alternative zu sein schien, hat sich verflüchtigt. (…) es geht darum, zu erkennen, wie sich in der Landschaft auch Geschichte abbildet: die Geschichte der Menschheit, der Politik, der Kriege. Die Landschaft ist für mich eine Art Collage, in der sich verschiedene Zeitschichten entdecken lassen. / Mehr

Schief gelaufen?

Wolfgang Koch meint: 

Kann eine neue Anthologie dem so entstandenen Dichterkanon heute neue Namen hinzufügen? Findet Imfelds Sammlung einen Ansatz jenseits von Blackness und Négritude, der die weißen AutorInnen aus Südafrika nicht mehr ausgrenzt? Oder will er uns nur mit antikolonialer Agitationsware Geld aus der Tasche ziehen?

Gewiss, eine Anthologie ist ein Marktplatz. Aber hat denn die singende Seele des schwarzen Erdteils heute überhaupt etwas Dringliches zu sagen? Spricht die Arabellion in brauchbaren Versen? Ist die aufregendste Literaturproduktion seit den 1960er-Jahren nicht eher in Südamerika zu Hause denn in Afrika?

Insgesamt birgt Afrika im Gedicht über 1.150 Texte. Die 570 Gedichte, entstanden zwischen 1960 und 2014, sind zweisprachig abgedruckt und ausgerüstet mit Quellenangaben, Worterklärungen sowie einem zünftigen Autorenverzeichnis. Die Gedichte und Begleittexte kommen auch keineswegs als öde Bleiwüste daher, sondern unterteilt in 63 sogenannte Cluster.
(…)

Achtzehn beachtenswerte Lyriker von 258 insgesamt; zirka zwanzig lesens- und empfehlenswerte Gedichte aus einem ungeheuren Berg von 570 Poemen– Moment mal, soll das wirklich die Bilanz dieses Mammutunternehmens sein?

Dann ist da aber einiges schief gelaufen beim Brückenbauen zum neueren Afrika. / blogs.taz.de

Vgl. hier

Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht, 586 Poeme auf 815 Seiten, zweisprachig abgedruckt, Offizin Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-03-8, EUR 60,-

POLITISCHE POPLYRIK

„gedichte sind nur noch gedichte … alle geister sind angestellte der werbung“
Tom de Toys alias Bruno Brachland

G&GN-INSTITUT / Im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ untersuchte Johannes Ullmaier 2001 den Unterschied zwischen echter Pop- und seichter Popperliteratur. Im letzten Kapitel über Slampoetry war ein Auszug aus dem Gedicht „INFLATION“ zu hören. Es stammt von 1993 und eröffnet die PDF-Publikation „HYSTERiE HELAAF!“ von Tom de Toys, die nun in einer erweiterten 3.Auflage vorliegt. Das Finale bildet das aktuelle Antigedicht seines Pseudonyms Bruno Brachland. Während der Untertitel in den ersten beiden Auflagen noch lautete „Gedichte zum Mondanheulen“ heißt es jetzt: 15 Direkte Gedichte gegen die Betriebsamkeit. De Toys zählt zu einer Mikroszene politischer Dichter, die vom Feuilleton nicht nur totgeschwiegen werden, sondern weit schlimmer: deren „engagierte“ Literatur dank der Ignoranz der Medien angeblich gar nicht existiert. Der Ruf nach einer fehlenden Politisierung ist zwar wieder in Mode gekommen, aber die diesbezüglichen Dichter, die nie unpolitisch waren und seit Jahrzehnten gesellschaftskritische Lyrik publizieren, bleiben unbeachtet, weil der biedere Blick nicht über den Tellerrand von Preisträgern und Standardanthologien hinausreicht. Dabei liegt die Wahrheit manchmal nur einen Mausklick entfernt… Kostenloser PDF-Download @ www.POPLYRIK.de – das Gedicht „INFLATION“ ist außerdem vollständig zu hören hier: www.ANTILYRIK.de

Bruno Brachland Nr.68, 31.7.2015 © POEMiE™

NEUROLOGISCHE DESILLUSIONIERUNG

ich habe vergessen warum man gedichte schreibt ich habe vergessen wozu man gedichte schreibt ich habe vergessen warum und wozu und wie man gedichte schreibt ich habe verlernt wie sich gedichte von selber schreiben ich frage mich andauernd was soll man denn schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben was soll man schreiben ich sehe die welt und ich sehe die menschen ich sehe die sterne und die natur alles ist da alles existiert alles hat einen namen und alles verschwindet die liebe die sehnsucht die hoffnung und gott jede blume die blüht jedes baby das schreit jeder soldat der verteidigt jeder präsident der betrügt jedes volk das verzweifelt jede tierart die ausstirbt jedes essen das sättigt jede sportart die spaß macht das ganze leben das ganze universum das ganze sein ist nur vorläufig vorhanden ist nur in dieser sekunde in diesem einzigartigen augenblick jedes problem erledigt sich irgendwann ganz von selbst es verschwindet und hinterlässt keine spur jeder mensch der jetzt jammert wird irgendwann nie wieder jammern und jeder mensch der keine sorgen hat wird irgendwann nie wieder keine sorgen haben ich rede hier nicht vom normalen tod der sowieso irgendwann kommt sondern davon daß auch der tod irgendwann nicht mehr kommt weil einfach gar nichts mehr kommt wenn alles verschwindet wenn alles weg ist wenn die unendlichkeit in ihre eigene leere zurückkehrt das ganze treiben im hauptbahnhof das ganze treiben über die weltmeere die partys und die parolen die ängste der hass und der neid die gefahren und alle gedanken alle gedanken sind nur gedanken über gedanken über gedanken was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben was soll ich schreiben wenn wörter nur wörter sind wie rosinen rosinen galaxien galaxien und kaulquappen kaulquappen gedichte sind nur noch gedichte das göttliche badet nicht mehr in buchstaben der sprachschaum besteht nur aus hörbarer luft alle geister sind angestellte der werbung

American Life in Poetry: Column 532

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

How’s this poem for its ability to collapse all the years from childhood to middle age in a matter of fifteen short lines? George Bilgere is one of this column’s favorite poets. He lives and teaches in Ohio.

The Wading Pool

The toddlers in their tadpole bodies,
with their squirt guns and snorkels,
their beautiful mommies and inflatable whales,
are still too young to understand
that this is as good as it gets.

Soon they must leave the wading pool
and stand all day at the concession stand
with their hormones and snow cones,
their soul patches and tribal tattoos,
pretending not to notice how beautiful they are,

until they simply can’t stand it
and before you know it
they’re lined up on lawn chairs,
dozing in the noonday sun
with their stretch marks and beer bellies,
their Wall Street Journals and SPF 50.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright ©2014 by George Bilgere from his most recent book of poems, Imperial, (Univ. of Pittsburgh Press, 2014). Poem reprinted by permission of George Bilgere and the publisher. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Das Sprachtor

Sehr viel mehr als in dem vorherigen Gedichtband experimentiert Sielaff in „Glossar des Prinzen“ mit der Sprache. In dem Gedicht „Bahnstation, Dorf“ stellt er eine Verbindung her zwischen Lauten und Laufen. Ein Kind artikuliert mit „la – la- laufen“ in der Sprache, was es zu tun beabsichtigt, indem es den Wunsch ins Lautliche überträgt. Sielaffs Gedicht gelingt es, mit diesem Verweis auf das kindliche Wollen ein Einfallstor in den Sprachkosmos zu errichten. Wer das Sprachtor benutzt, kommt entweder an oder der, an den man sich wendet, versteht nur Bahnhof. Der Vokal wird dabei in Sielaffs Gedicht zum Stand- und Spielbein, wobei sich Bewegung und Sprache ergänzen. Das Lallen hält Schritt mit dem Gehen-Wollen und ähnelt einem

„Bahnhofsglühen bei der Einfahrt
des Zuges, ein wildes Versteppen, Lallen, Ins-Kraut-Schießen“.

Der in Dresden lebende Volker Sielaff erhält in diesem Jahr die Ehrengabe der deutschen Schillerstiftung. Auf die Entwicklung, die dieser Dichter nehmen wird, darf man gespannt sein. / Michael Opitz, DLR

Volker Sielaff: „Glossar des Prinzen. Gedichte“
Luxbooks, Wiesbaden 2015
120 Seiten, 19,80 Euro

American Life in Poetry: Column 531

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Many of the poems that have survived the longest are very short. Some of them are a couple of thousand years old. They have somehow managed to perfectly catch life in just a few words and we can still feel those long-ago lives within them. Glenna Luschei, who lives in California, tells us a great deal about comfort in this exemplary poem. Her latest book of poetry is Leaving It All Behind, (Presa Press, 2011).

Home

Dog at my pillow.
Dog at my feet.
My own toothbrush.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright ©2014 by Glenna Luschei, “Home.” Poem reprinted by permission of Glenna Luschei. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Ausschreibung

Das PEN-Zentrum Deutschland schreibt den Kurt Sigel-Lyrikpreis aus. Er wird an eine/n Lyriker/in für Gedichte von hoher ästhetischer Qualität verliehen und ist mit
4.000 € dotiert. Stifter des Preises ist der Frankfurter Schriftsteller Kurt Sigel (Jg. 1931 und seit 1974 Mitglied des PEN), der sich als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden und von Büchern in hessischer Mundart, die er teilweise mit eigenen Zeichnungen und Cartoons illustrierte, einen Namen gemacht hat.

Der Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden, erstmals während der PEN-Jahrestagung 2016 in Bamberg. Einsendeschluss für den Kurt Sigel-Lyrikpreis 2016 ist der 1.12.2015; hier finden Sie die Ausschreibungsbedingungen.

 Für das PEN-Zentrum Deutschland

Regula Venske
Generalsekretärin

Spiky words

My first hours with the spiky words of T.S. Eliot’s ‘‘The Love Song of J. Alfred Prufrock’’ are fixed in a precise location: the cluttered space of my teenage bedroom floor. It’s 1982. The light is low. The parquet tiles are coming unglued. Album covers — Talking Heads, David Bowie, the Clash — fan out around me, and an array of paperbacks sprawl among a week’s discarded clothes. I begin to read: ‘‘Let us go then, you and I,/When the evening is spread out against the sky/Like a patient etherized upon a table’’ — and, with a 17-year-old’s sense of imminent upheaval, feel the stirrings of a new language in me, connected to my own language but having passed through fire. I can’t say whether the voice the poem puts in my head as it extends its opening invitation is stiffly formal, smarmy or seductive. ‘‘Spread yourself out on the floor,’’ it seems to whisper, ‘‘and prepare to be turned inside-out.’’

(…) ‘‘Prufrock’’ would become the poem that lent my adolescent self protection from the wounds of chronic alienation and gave me tart words to wield against the insipidness of the world. Eliot himself was barely out of his teens when he wrote it, uncannily in touch with the exquisite torments of hypersensitive youth, and with the peculiar burden of seeing through everything without having experienced much of anything. This was a different species of verse. It exuded cinematic urgency rather than exam-ready ‘‘messages’’ and ‘‘themes.’’ It was full of sudden rhythmic jolts and colliding tones, and could make emotional pirouettes on a vowel. Unapologetic, brash, discontinuous, ‘‘Prufrock’’ taught me the thrill of disorientation in language. No matter how often I returned, it was never tamped down by classroom-style explanations. It grew. It seemed to understand me more than I understood it. / Mark Levine, New York Times Magazine 9.8.

American Life in Poetry: Column 530

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Poets often do their best work when they’re telling us about something they’ve seen without stepping into the poem and talking about themselves. Here’s a lovely poem of observation by Terri Kirby Erickson, who lives in North Carolina.

Hospital Parking Lot

Headscarf fluttering in the wind,
stockings hanging loose on her vein-roped
legs, an old woman clings to her husband

as if he were the last tree standing in a storm,
though he is not the strong one.

His skin is translucent—more like a window
than a shade. Without a shirt and coat,

we could see his lungs swell and shrink,
his heart skip. But he has offered her his arm,
and for sixty years, she has taken it.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright © 2014 by Terri Kirby Erickson, “Hospital Parking Lot,” from A Lake of Light and Clouds (Press 53, 2014). Poem reprinted by permission of Terri Kirby Erickson and Press 53. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Lyrikpreis München

Die Juroren für den Lyrikpreis München 2015 sind:

  • Andreas Heidtmann (Verleger Poetenladen, Leipzig)
  • Andrea Heuser (Lyrikerin, Dozentin, München)
  • Wolfram Malte Fues (Germanist, Lyriker, Zürich)
  • Àxel Sanjosé (Lyriker, Dozent an der LMU, München)
  • Daniela Seel (Lyrikerin, Verlegerin kookbooks)

Einsendeschluss ist der 31. August 2015.
Das Finale findet am 24. Oktober 2015 um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt.

In Michigan

Ein Buchhändler in den USA kann die Begeisterung über das neue Buch von Harper Lee nicht nachvollziehen. Peter Makin, Inhaber der Buchhandlung Brillant Books in Traverse City, Michigan, erstattet deshalb allen, die bei ihm den Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“ gekauft haben, den Kaufpreis, wenn sie das Buch zurückbringen. Auf seiner Website hat Makin eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er seine Kunden darüber unterrichtet, dass der Roman weder eine Vor- oder Nachgeschichte zu Lees Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“ noch ein ganz neues Buch sei. Es handle sich vielmehr um einen ersten Entwurf, der damals vom Verlag „abgelehnt“ worden sei, und zwar „zu Recht“. „Wir betrachten das Buch eher als interessantes Studienobjekt für Philologen denn als leichte Sommerlektüre“, heißt es auf der Homepage von Brillant Books.

Auch in anderen Fällen nimmt Makin Bücher zurück, deren Inhalt oder Qualität nicht halten, was das Marketing versprochen habe. „Wenn man sich zum Komplizen einer Industrie macht, die Leser bewusst in die Irre führt, sollte man die Konsequenzen tragen und seine Kundschaft entschädigen“, so der Buchhändler. / Süddeutsche Zeitung 7.8.

Virginia Woolf warnt vor den Dichtern von heute

Sehr gern bringt Virginia Woolf das Hohe und das Alltägliche oder Lebenspraktische bildlich zusammen. Trotzdem ist es verwunderlich, dass in Sachen Lyrik bei ihr, der Verfasserin avantgardistischer Romane (siehe die Besprechung der Neuübersetzung ihrer Romanbiografie „Orlando“ auf dieser Seite), eine konservative Ästhetik durchzuschimmern scheint, eine Position, die antike und klassische Maximen wie Schönheit und innere Geschlossenheit einfordert. Mit dem Kunstgriff, in Gestalt des hustenden Mr. Peabody einen so aufgeblasenen wie beschränkten Philister zu verspotten, kann sie selbst scheinbar konservativ sein und sich zugleich von dem lächerlichen Reaktionär absetzen.

Diese zeitgenössischen Gedichte hätten weder „Ohren noch Augen, weder Fußsohlen noch Handflächen“, so Woolf, sie entsprängen einem „buchgefütterten Gehirn“. Und während die Dichter vormals die Liebe oder den Hass auf einen Tyrannen besungen hätten – Themen, die jedermann zugänglich sind –, zeigten die Gedichte der Gegenwart einen extrem gesteigerten Subjektivismus. Der Dichter heute sitze allein in seinem Zimmer, schreibt sie, bei heruntergelassenen Jalousien. Doch sei es nicht die Aufgabe des Dichters, sich narzisstisch zu bespiegeln, sondern aus dem Fenster zu schauen und über andere Menschen zu schreiben. Und weiter: Er solle unser Leben in Dichtung verwandeln und darin die Tragödie und die Komödie aufscheinen lassen. Und die geheime Affinität aufspüren, die zwischen Disparatem besteht. Der Dichter möge aus dem Fenster schauen, bis ein Ding ins andere zerfließt, bis aus den separaten Fragmenten ein Ganzes entstanden ist, bis die Taxis mit den Osterglocken tanzen. / Eva Schäfers, Süddeutsche Zeitung 4.8.

Virginia Woolf: Brief an einen jungen Dichter. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 32 Seiten, 8 Euro.

Virginia Woolf im Modernismus-Lab von Yale

eBuch: Essays von Virginia Woolf