Das Sprachtor

Sehr viel mehr als in dem vorherigen Gedichtband experimentiert Sielaff in „Glossar des Prinzen“ mit der Sprache. In dem Gedicht „Bahnstation, Dorf“ stellt er eine Verbindung her zwischen Lauten und Laufen. Ein Kind artikuliert mit „la – la- laufen“ in der Sprache, was es zu tun beabsichtigt, indem es den Wunsch ins Lautliche überträgt. Sielaffs Gedicht gelingt es, mit diesem Verweis auf das kindliche Wollen ein Einfallstor in den Sprachkosmos zu errichten. Wer das Sprachtor benutzt, kommt entweder an oder der, an den man sich wendet, versteht nur Bahnhof. Der Vokal wird dabei in Sielaffs Gedicht zum Stand- und Spielbein, wobei sich Bewegung und Sprache ergänzen. Das Lallen hält Schritt mit dem Gehen-Wollen und ähnelt einem

„Bahnhofsglühen bei der Einfahrt
des Zuges, ein wildes Versteppen, Lallen, Ins-Kraut-Schießen“.

Der in Dresden lebende Volker Sielaff erhält in diesem Jahr die Ehrengabe der deutschen Schillerstiftung. Auf die Entwicklung, die dieser Dichter nehmen wird, darf man gespannt sein. / Michael Opitz, DLR

Volker Sielaff: „Glossar des Prinzen. Gedichte“
Luxbooks, Wiesbaden 2015
120 Seiten, 19,80 Euro

American Life in Poetry: Column 531

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Many of the poems that have survived the longest are very short. Some of them are a couple of thousand years old. They have somehow managed to perfectly catch life in just a few words and we can still feel those long-ago lives within them. Glenna Luschei, who lives in California, tells us a great deal about comfort in this exemplary poem. Her latest book of poetry is Leaving It All Behind, (Presa Press, 2011).

Home

Dog at my pillow.
Dog at my feet.
My own toothbrush.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright ©2014 by Glenna Luschei, “Home.” Poem reprinted by permission of Glenna Luschei. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Ausschreibung

Das PEN-Zentrum Deutschland schreibt den Kurt Sigel-Lyrikpreis aus. Er wird an eine/n Lyriker/in für Gedichte von hoher ästhetischer Qualität verliehen und ist mit
4.000 € dotiert. Stifter des Preises ist der Frankfurter Schriftsteller Kurt Sigel (Jg. 1931 und seit 1974 Mitglied des PEN), der sich als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden und von Büchern in hessischer Mundart, die er teilweise mit eigenen Zeichnungen und Cartoons illustrierte, einen Namen gemacht hat.

Der Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden, erstmals während der PEN-Jahrestagung 2016 in Bamberg. Einsendeschluss für den Kurt Sigel-Lyrikpreis 2016 ist der 1.12.2015; hier finden Sie die Ausschreibungsbedingungen.

 Für das PEN-Zentrum Deutschland

Regula Venske
Generalsekretärin

Spiky words

My first hours with the spiky words of T.S. Eliot’s ‘‘The Love Song of J. Alfred Prufrock’’ are fixed in a precise location: the cluttered space of my teenage bedroom floor. It’s 1982. The light is low. The parquet tiles are coming unglued. Album covers — Talking Heads, David Bowie, the Clash — fan out around me, and an array of paperbacks sprawl among a week’s discarded clothes. I begin to read: ‘‘Let us go then, you and I,/When the evening is spread out against the sky/Like a patient etherized upon a table’’ — and, with a 17-year-old’s sense of imminent upheaval, feel the stirrings of a new language in me, connected to my own language but having passed through fire. I can’t say whether the voice the poem puts in my head as it extends its opening invitation is stiffly formal, smarmy or seductive. ‘‘Spread yourself out on the floor,’’ it seems to whisper, ‘‘and prepare to be turned inside-out.’’

(…) ‘‘Prufrock’’ would become the poem that lent my adolescent self protection from the wounds of chronic alienation and gave me tart words to wield against the insipidness of the world. Eliot himself was barely out of his teens when he wrote it, uncannily in touch with the exquisite torments of hypersensitive youth, and with the peculiar burden of seeing through everything without having experienced much of anything. This was a different species of verse. It exuded cinematic urgency rather than exam-ready ‘‘messages’’ and ‘‘themes.’’ It was full of sudden rhythmic jolts and colliding tones, and could make emotional pirouettes on a vowel. Unapologetic, brash, discontinuous, ‘‘Prufrock’’ taught me the thrill of disorientation in language. No matter how often I returned, it was never tamped down by classroom-style explanations. It grew. It seemed to understand me more than I understood it. / Mark Levine, New York Times Magazine 9.8.

American Life in Poetry: Column 530

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Poets often do their best work when they’re telling us about something they’ve seen without stepping into the poem and talking about themselves. Here’s a lovely poem of observation by Terri Kirby Erickson, who lives in North Carolina.

Hospital Parking Lot

Headscarf fluttering in the wind,
stockings hanging loose on her vein-roped
legs, an old woman clings to her husband

as if he were the last tree standing in a storm,
though he is not the strong one.

His skin is translucent—more like a window
than a shade. Without a shirt and coat,

we could see his lungs swell and shrink,
his heart skip. But he has offered her his arm,
and for sixty years, she has taken it.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright © 2014 by Terri Kirby Erickson, “Hospital Parking Lot,” from A Lake of Light and Clouds (Press 53, 2014). Poem reprinted by permission of Terri Kirby Erickson and Press 53. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Lyrikpreis München

Die Juroren für den Lyrikpreis München 2015 sind:

  • Andreas Heidtmann (Verleger Poetenladen, Leipzig)
  • Andrea Heuser (Lyrikerin, Dozentin, München)
  • Wolfram Malte Fues (Germanist, Lyriker, Zürich)
  • Àxel Sanjosé (Lyriker, Dozent an der LMU, München)
  • Daniela Seel (Lyrikerin, Verlegerin kookbooks)

Einsendeschluss ist der 31. August 2015.
Das Finale findet am 24. Oktober 2015 um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig statt.

In Michigan

Ein Buchhändler in den USA kann die Begeisterung über das neue Buch von Harper Lee nicht nachvollziehen. Peter Makin, Inhaber der Buchhandlung Brillant Books in Traverse City, Michigan, erstattet deshalb allen, die bei ihm den Roman „Gehe hin, stelle einen Wächter“ gekauft haben, den Kaufpreis, wenn sie das Buch zurückbringen. Auf seiner Website hat Makin eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er seine Kunden darüber unterrichtet, dass der Roman weder eine Vor- oder Nachgeschichte zu Lees Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“ noch ein ganz neues Buch sei. Es handle sich vielmehr um einen ersten Entwurf, der damals vom Verlag „abgelehnt“ worden sei, und zwar „zu Recht“. „Wir betrachten das Buch eher als interessantes Studienobjekt für Philologen denn als leichte Sommerlektüre“, heißt es auf der Homepage von Brillant Books.

Auch in anderen Fällen nimmt Makin Bücher zurück, deren Inhalt oder Qualität nicht halten, was das Marketing versprochen habe. „Wenn man sich zum Komplizen einer Industrie macht, die Leser bewusst in die Irre führt, sollte man die Konsequenzen tragen und seine Kundschaft entschädigen“, so der Buchhändler. / Süddeutsche Zeitung 7.8.

Virginia Woolf warnt vor den Dichtern von heute

Sehr gern bringt Virginia Woolf das Hohe und das Alltägliche oder Lebenspraktische bildlich zusammen. Trotzdem ist es verwunderlich, dass in Sachen Lyrik bei ihr, der Verfasserin avantgardistischer Romane (siehe die Besprechung der Neuübersetzung ihrer Romanbiografie „Orlando“ auf dieser Seite), eine konservative Ästhetik durchzuschimmern scheint, eine Position, die antike und klassische Maximen wie Schönheit und innere Geschlossenheit einfordert. Mit dem Kunstgriff, in Gestalt des hustenden Mr. Peabody einen so aufgeblasenen wie beschränkten Philister zu verspotten, kann sie selbst scheinbar konservativ sein und sich zugleich von dem lächerlichen Reaktionär absetzen.

Diese zeitgenössischen Gedichte hätten weder „Ohren noch Augen, weder Fußsohlen noch Handflächen“, so Woolf, sie entsprängen einem „buchgefütterten Gehirn“. Und während die Dichter vormals die Liebe oder den Hass auf einen Tyrannen besungen hätten – Themen, die jedermann zugänglich sind –, zeigten die Gedichte der Gegenwart einen extrem gesteigerten Subjektivismus. Der Dichter heute sitze allein in seinem Zimmer, schreibt sie, bei heruntergelassenen Jalousien. Doch sei es nicht die Aufgabe des Dichters, sich narzisstisch zu bespiegeln, sondern aus dem Fenster zu schauen und über andere Menschen zu schreiben. Und weiter: Er solle unser Leben in Dichtung verwandeln und darin die Tragödie und die Komödie aufscheinen lassen. Und die geheime Affinität aufspüren, die zwischen Disparatem besteht. Der Dichter möge aus dem Fenster schauen, bis ein Ding ins andere zerfließt, bis aus den separaten Fragmenten ein Ganzes entstanden ist, bis die Taxis mit den Osterglocken tanzen. / Eva Schäfers, Süddeutsche Zeitung 4.8.

Virginia Woolf: Brief an einen jungen Dichter. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 32 Seiten, 8 Euro.

Virginia Woolf im Modernismus-Lab von Yale

eBuch: Essays von Virginia Woolf

Mark Strand

In den USA, wo er 1990/91 das Amt des Poet Laureate im Dienst der Library of Congress bekleidete, war er eine fast populäre Figur, wenn das für einen Lyriker wie ihn, der nur ein schwaches Bedürfnis nach öffentlicher Selbstdarstellung verspürte, nicht eine fragwürdige Bezeichnung wäre.

Als er im letzten November mit 80 Jahren starb, blieb dies hierzulande so gut wie unbemerkt. Tatsächlich liegt mit der Auswahl „Dunkler Hafen“ bei Suhrkamp nur ein einziger Gedichtband vor. Daneben haben es nur noch Strands Betrachtungen zu Gemälden von Edward Hopper ins Deutsche geschafft: Zeugnisse einer Geistesverwandtschaft, die Hopper sehr viel rätselhafter erscheinen lassen, als es die Poster-Massenware seiner berühmtesten Werke nahelegt. Für die anhaltende Kraft von Mark Strands Poesie steht allerdings die nicht abreißende Reihe von Würdigungen in den USA. So schmückt das Krementz-Foto eine Besprechung der „Collected Poems“ in der „New York Review of Books“ (9. Juli), die sich um sein Andenken besonders verdient gemacht hat. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

American Life in Poetry: Column 529

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

People speak of “hearts and flowers” when they’re talking about poems with predictable sentimentality, but here’s an antidote to all those valentines, from Sally Bliumis-Dunn, who lives in New York. Her most recent book of poems is Second Skin, Wind Publications, 2010.

Heart

She has painted her lips
hibiscus pink.
The upper lip dips
perfectly in the center

like a Valentine heart.
It makes sense to me—
that the lips, the open

ah of the mouth
is shaped more like a heart
than the actual human heart.
I remember the first time I saw it—

veined and shiny
as the ooze of a snail—
if this were what
we had been taught to draw

how differently we might have
learned to love.

We do not accept unsolicited submissions. American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln.

Poem copyright © 2014 by Sally Bliumus-Dunn and reprinted by permission. Introduction copyright © 2015 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006.

Novels by poets

„Bestenlisten“ haben immer etwas Unernstes. Gut wenn es Spiel ist. Von Übel wenn sie tun, als lieferten sie auf knappem Raum „Unsere Besten“ (so hießen in der DDR Tafeln mit Porträts der besten Sekretärin oder LPG-Bäuerin, heute beim ZDF). Also nicht „The 10 best Novels by Poets“, wie die Überschrift verspricht, sondern Naja Marie Aidts momentane Auswahl: her 10 favorite novels by poets. So wird die Liste benutzbar: Anregung, Vergleich, Debatte…

Die Lyrikerin sagt:

As a poet, it is almost impossible for me to read literature not centered on the language itself – which is why I have severe difficulties reading most crime fiction. A good plot or great story is not enough for me. I need the language to be precise, sensual, intense, and distinctive. I love novelists like Vladimir Nabokov, Marguerite Duras, Paula Fox (please read Desperate Characters if you haven’t already!), and Per Petterson for just this reason. But these aren’t poets; even if their language verges on the poetic, they still fit the usual paradigm that poets write only poetry, fiction writers only fiction.

Ihre Auswahl:

  • Azorno by Inger Christensen
  • The Murder of Halland by Pia Juul
  • The Bell Jar by Sylvia Plath
  • The Notebook by Agota Kristof
  • The Notebooks of Malte Laurids Brigge by Rainer Maria Rilke
  • The Making of Americans by Gertrude Stein
  • Malina by Ingeborg Bachmann
  • Insel by Mina Loy
  • Autobiography of Red by Anne Carson
  • Leaving the Atocha Station by Ben Lerner

/ Publishers Weekly

Poetopie

an der Ostsee brennt die Sonne von dir eine Farbkopie – die zeigst du stolz überall herum

Hansjürgen Bulkowski

Licht in der Höhle des Grottenolms

Die Lyriker Heinrich Detering und Jan Wagner, derzeit Stipendiaten in München, über sehr spezielle Tier-Gedichte, das Politische an der Gier im Giersch sowie die zunehmende Popularität der Poesie – und ihre Rückzugsräume vor dem Literaturbetriebs-Getöse. Kultur-Sommerinterview von Antje Weber, Süddeutsche Zeitung 7.8. (L&Poe berichtet)

Alfonsina Storni

Ihre Texte schrieb sie auf Spanisch. Keller, die Storni-Expertin, sieht in ihr eine selbstbewusste Argentinierin, wie fast alle Argentinier ihrer Generation «mit Migrationshintergrund», den sie nicht verleugnete. (…) «Ich wünsche mir, dass Stornis Gesamtwerk in der Schweiz bekannt wird,» sagt Keller und erklärt, dass das Nachdenken über Storni auch ermögliche, «die Schweiz aus einer heute fast vergessenen Perspektive, nämlich als Auswanderungsland» zu sehen.

Storni stand für ihre Werte ein: Sie war rebellisch, nonkonformistisch, wollte nicht an Althergebrachtem festhalten, bloss um der Tradition willen. Gleichzeitig lebte sie selbst weit weg von der Tradition, denn sie hatte zahlreiche Affären, ohne je verheiratet gewesen zu sein. Aus einer dieser Affären stammte ein Sohn, den sie allein grosszog.

(…)

Mehr von Storni und ihrer Expertin hört man in Hochdorf. Hat man schon den Weg auf sich genommen, besucht man am besten gleich die anderen Lesungen des poetischen Sommers. Den ganzen Tag über wird Lyrik aus Kolumbien, Syrien, Italien oder Nidwalden gelesen. Die Vorträge sind unter verschiedenen Themen wie «Festival der Muttersprachen» oder «Salon de Musique» gewidmet. / Basellandschaftliche Zeitung

16. Seetaler Poesiesommer: 8.8. Hochdorf, 10–20 Uhr; 9.8. Beinwil am See, 19 Uhr; bis Ende September Lesungen in Italien, Frankreich, Schweden etc.

Kommunikationsguerilla

Aus einem Interview über den Aufruf der „Epidemie der Künste“ zu einem „Jahrbuch der Refusés“ und politische Lyrik, das Kristian Kühn mit Kai Pohl führte (Signaturen):

KP: Zu „Brecht oder Fried“ fallen mir spontan Andreas Paul und Jannis Poptrandov ein, die in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle spielen. Aber sie gehören zu den durchaus vorhandenen lebenden Verfassern renitenter Lyrik; nicht zu vergessen Bert Papenfuß, der 1998 den Erich-Fried-Preis bekam. Und klar, Auswahlprozesse sind mühsam. Man wühlt sich durch einen Haufen Müll, um eine Perle zu finden.

(…)

KK: Wollt ihr – wer ist eigentlich die Redaktion oder Jury, die die Auswahl trifft – hauptsächlich politische Texte bringen, sofern sie wirklich eingereicht wurden beim Jahrbuch? Was ihr als Kriterium in eurem Aufruf nennt, ist ja mehr als vieldeutig, fast verschwörungstheoretisch – im Nachwort schreibt die Mitherausgeberin des Jahrbuchs: „Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“ Oder wollten? Oder nicht eingereicht wurden? Ihr sagt: „Da könnte sie sich irren!

KP: Ich kenne ein paar Einsendungen von Kollegen, in denen sich Texte finden, die über den Horizont des heurigen Jahrbuchs hinausweisen. Insofern hat das Ganze mit Verschwörungstheorie nichts zu tun. Wir werden die Auswahl nicht auf eine Thematik bzw. Herangehensweise beschränken, wir werden sicher nicht ausschließlich „politische Texte“ aussuchen.

KK: Ihr geht noch mehr in die Verschwörungsschiene, indem ihr zum Schluss sagt, es seien auch Texte bei euch erwünscht, von denen der Einreicher oder Nichteinreicher glaube, „wenn ich sie eingesandt hätte, wäre ich nicht vertreten.“ Pappelschnee ist auch so ein Wort, das dionysisch dunkel und nahezu todesmutig ist. Habt ihr keine Angst, Ärger mit dem Verlag des Jahrbuchs und den Herausgebern zu bekommen? 
KP: (…) Nora Gomringer weiß doch, daß sie aus einer privilegierten Position spricht, wenn sie im Nachwort des Jahrbuches sagt, daß die Leser „Dinge vermissen“ könnten, “die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“ Unser Aufruf ist ja keine Kritik am Jahrbuch selbst, wir sind keine Rezensenten. Der Aufruf kritisiert die Intransparenz des Prozesses, wie das Jahrbuch zustande kam, in der merkwürdigen Art der Verschleierung, die durch die Äußerung der Herausgeberin belegt ist. Mir ist schon klar, daß Herausgeber autonome Entscheidungen treffen müssen. Nur sollen sie dann auch dazu stehen, und nicht in vorauseilender Entschuldigung Dinge behaupten, die ihnen keiner abnimmt.
(…)  Ein, zwei Tage nachdem wir den Aufruf gesendet hatten, wurde uns klar, daß die Sache ein großer Spaß ist. Mit Aufmerksamkeitsheischerei hat das nichts zu tun, uns geht es um die Brauchbarkeit der Lyrik und darum, den lyrischen Zirkel zu erweitern, damit ein besseres Bild entsteht. Ein stringenter Nachweis, welche Texte eingesendet wurden oder nicht, ein klares Wieso-Weshalb-Warum, wird nicht möglich sein und war auch nicht unsere Absicht.
 (…) Wir warten jetzt mal die Einsendungen ab und sehen dann, was daraus zu machen ist. Ein „Gegenbuch“ soll es nicht werden, eher ein Ergänzungsband, ein ernstgemeinter Scherz vielleicht, weil die Vorgehensweise die legitimen oder für legitim gehaltenen Formen des literarischen Diskurses unterläuft im Sinne einer Kommunikationsguerilla.