Objektiv und hellsichtig

Nur eine Woche nach seiner [Rimbauds] Rückkehr nach Charleville erhob sich die Hauptstadt gegen die Versailler Regierung; am 28. März wurde die Kommune proklamiert. Begeistert verfolgte der junge Dichter diese Ereignisse aus der Ferne. Die alte Ordnung war zusammengebrochen, und im „heiteren Arbeiter-Paris der Kommune“ (Marx) schienen die kühnsten Träume der utopischen Sozialisten wahr zu werden. War die Pariser Kommune ein Versuch, Politik und Gesellschaft von Grund auf zu erneuern, so sollte eine neue Generation von Poeten auch den ästhetischen Horizont der bürgerlichen Welt überschreiten. Rimbaud schrieb, ihre ebenso aktuelle („moderne“) wie „objektive“ Dichtung solle „weder beschreiben noch belehren“; sie solle vielmehr das, was bisher „unaussprechlich“ gewesen sei, zur Sprache bringen und für die neuen Themen und Sujets neue Formen finden. In seinen poetologischen Briefen heißt es, der Dichter müsse sich „hellsichtig“ machen, um mehr und weiter zu sehen als seine Zeitgenossen. Nur durch Grenzüberschreitungen und Tabubrüche könne er sich von den Vorurteilen seines Milieus befreien; er müsse „verlumpen“, sich auf verpönte Praktiken einlassen und zu einem Paria werden. / Helmut Dahmer, Der Standard

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