Mordnilap-Amor*

3 Zitate aus einer Besprechung von Titus Meyers Palindrom-Roman „Andere DNA“, palindromisch angeordnet und philologisch kommentiert

3

Nein, ein Roman ist es nicht**, auch wenn Hesse und Trakl drin vorkommen. Eher ein vertracktes Gewebe, das den Leser immerfort zum Entschlüsseln zwingt, weil die Satzlogik oft genug auf dem Kopf steht und schon gar nicht aus der Logik der vorangehenden Sätze folgt****. Aber man liest, wie weit sich Sprache reduzieren und – mit einiger Kopfakrobatik – auch noch entschlüsseln lässt. Quasi selbst zur DNA wird, die man immer wieder neu zusammenbauen kann. Was ja nicht heißt, dass jedes Mal ein funktionsfähiges Lebewesen dabei herauskommt. Manchmal wird’s auch nur Ulk, manchmal herrlicher Sprachspaß, der nach einer harten Tour durchs Bergwerk der Worte dann immer wieder in solche Passagen mündet: „Liebe ist fies. Liebe ist Ahnung.“

Mehr muss man über das Thema eigentlich nicht sagen. Aber da es mitten im Text erscheint, muss sich, wer hinfinden will, auch durcharbeiten. Aber das ist auf jeden Fall noch aufregender als jeder abendliche Börsenbericht im Fernsehen.

2

Auf Artikel verzichtet Meyer sowieso††, das & macht er zum Satzzeichen†††, konjugiert wird auch nicht. Der Autor lebt folglich in einem permanenten Jetzt, in dem ihn die Dinge und Zustände regelrecht überfallen, zum sofortigen Reagieren zwingen und damit zu einem Stakkato der Aufgeregtheiten, das einem doch irgendwie vertraut vorkommt, denn man kennt es ja aus Teilen der heutigen Jugendkultur und Teilen der Jugendsprache, die einige Medien und Forscher regelrecht faszinierend finden, weil die Grammatik dort förmlich zu Boden geht.

1

Denn „Annasusanna“, das kann jeder. Besonders gut konnte es der Satiriker Hansgeorg Stengel††††. Unsere Sprache hat diese herrlichen kleinen Gewächse des wortwörtlichen Spaßes. Aber darum geht es Titus Meyer nicht. Er lotet in ganz anderen Tiefen und seine Aufgabenstellung heißt: Wie weit kann ich gehen? Wann beginnt unsere Sprache sich zu verweigern? Wann werden die Texte unverständlich? Brüchig? Wann funktioniert Sprache nicht mehr als lesbarer Text?

/ Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Titus Meyer: Andere DNA, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro.

*) Den Kalauer konnte ich nicht unterdrücken. In Wirklichkeit handelt es sich ohnehin um ein gelehrtes, nämlich Goethezitat.

**) Ceci n’est pas un roman. Immerhin: das Wort „Roman“ kommt auf der ersten Seite viermal vor (plus einmal palindromisch versteckt in „Na morse“)***), zweimal „Plot“, „Poesie“ dagegen nur einmal. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist!

***) Gleich mal nachsehen, wie er viermal „Amor“ am Schluß vermeidet. Da sind sie: Genieredner rann am Ort; wenn Amor-Rede; Genieredner rann am Ort nie; Nieser rann. Am? Ordne Saat.

****) Vergleiche aber die schon vermerkte Schlüsselwort-Dichte. Ein Roman, bei dem Wörter die Handlung vorantreiben. Wort-Plot. Roman im Sitzen†.

†) Gottfried Benn

††) Das wäre zu überprüfen. Immerhin ergibt „der“ den wichtigen Wortstamm „red“, „die“ wird zu „eid“ und auch „ein“ und „nie“ sind schwer zu vermeiden. Und siehe da, die Artikel purzeln nur so. Nur nicht jedesmal wo der Leser sie erwartet. Aber dazu lesen wir ja Literatur, sonst reichte die Zeitung aus.

†††) wie Sibylla Schwarz & e.e. cummings

††††) Hansgeorg Stengel: Annasusanna. Ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser. Eulenspiegel-Verlag, Ost-Berlin 1984

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