Am 3. November 2001 starb Thomas Brasch mit nur 56 Jahren. Die NZZ schreibt
« Die Wetter schlagen um: Sie werden kälter. Wer vorgestern noch Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter.» In dem Gedicht «Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle» mokiert sich der Autor über die «brüllende Meute», die dem Barden die Höhe der Gage und fehlendes Engagement vorhält; die «dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte der Welt in den Augen» finden nicht die Sympathie eines erklärten Hedonisten, für den zunächst die artifizielle Zuspitzung zählt und nicht die political correctness. Womöglich war er darin sogar seiner Zeit voraus … / Martin Krumbholz, NZZ 5. November 2001
Im November starben auch
Während grosse Verlage mehr und mehr das Risiko scheuen, sogenannte schwierige Literatur zu veröffentlichen, und auf Mainstream, sprich Gutverkäufliches, setzen, entstehen Nischenverlage, deren Ehrgeiz just darin besteht, sich um Entlegenes, Untrendiges zu kümmern. Zu einer dieser löblichen Neugründungen gehört die Edition Korrespondenzen des Wieners Franz Hammerbacher, der schon mit seinem ersten Programm hohe inhaltliche und gestalterische Qualität beweist und ein klares Verlagsprofil erkennen lässt. / Ilma Rakusa, NZZ 1. 11.2001
Es fehlt durchaus nicht an Anerkennung für seine dichterische Begabung, auch nicht an Respekt und Hilfsbereitschaft, aber der Preis für sein Mitmischen in den Wiener Künstlerkreisen, deren Aufbruchselan etwas eigentümlich Nachholendes und Anachronistisches anhaftet, ist eine gewisse Selbstverrenkung: In Wien wird zwanghaft das Kaffeehaus zurückerobert und in einem verspäteten, umso lauteren Bekenntnis zum Surrealismus der Anschluss an die internationale Moderne gesucht. Also verkauft Celan seine Lyrik als surrealistisch und verfasst zusammen mit dem Maler Edgar Jené das großsprecherische Manifest „Eine Lanze“ (das Anagramm der Namen der beiden Verfasser): „Wieder wird ein großer Hammer geschwungen und wen soll er zermalmen, wenn er niedersaust? Ein Geschöpf, den Menschen nicht mehr ähnlich, eine Mißgeburt aus Sodom, Methusalems letzten Sproß, gezeugt mit seiner Todesstunde: den Surrealismus.“ Celan wird diesen Ton nicht lange durchhalten. Wie später in der Gruppe 47 war er auch in Wien ein Fremdkörper… / IJOMA MANGOLD über die Ausstellung Displaced. Paul Celan in Wien FR 28.11.01
Günter Kunert über Probleme mit Gedichten in Schnell-Lesezeiten
Wahrlich, ich lebe in Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Vorbei die gute alte schlechte Zeit, während welcher man noch einander Gedichte vorlas, von ihren Worten bewegt oder erregt, zumindest im Einklang, in seelischer Übereinstimmung mit den Sprachgebilden. Und ganz unauffällig fand bei derlei gemeinsamen Unterhaltsamkeiten auch etwas statt, dass man mit einem trockenen Begriff „Belehrung“ nennen könnte. Nämlich Belehrung über das wundersame Wesen der Sprache.
Zeilen prägten sich dann einem ein. Verse blieben im Gedächtnis, Intonation und Rhythmus weckten die Aufmerksamkeit für Genauigkeit. In einem weitaus umfassenderen und auch strengerem Maße forderte die Dichtung, die Lyrik, etwas vom Leser oder Zuhörer, was ihm oft die Prosa nicht abverlangte. Nämlich sich um Verständnis für verbale Bilder zu bemühen und ihre Hintergründigkeit, manchmal auch ihre Rätsel zu ergründen.
Ich weiß, der heutige, auf Hurtigkeit gestrimmte Leser besitzt nicht mehr, was früher kostenlos vorhanden war, und zwar die Muße, um sich mit einem sprachlichen Kunstwerk zu befassen. Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen. (Laudatio auf Heinz Czechowski , Nordwest- Zeitung 26.11.01)
Kommentar der Lyrikzeitung 2001: Aber woher weiß er das, übrigens? …
Kommentar der Lyrikzeitung 2017: Naja…
Popo-selig, wer erkennt:
Durch Hipperbeln popotent!
Wer ob der Hippnose witzelt,
Wird von Popo scharf bespitzelt.
Hippopot, ganz Hippospot,
Tritt ihn eigenhändig tot.
,,Hippopotamos“ (zu Deutsch: Flusspferd) heißt das Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen. Der Russe Wjatscheslaw Kuprijanow hat es geschrieben. / Frankenpost 24.11.01
»Wer Gedichte schreibt, hat ´nen Stich«, räumt die Geraer Lyrikerin Annerose Kirchner vor dem Bergaer Publikum ganz freimütig ein. / Ostthüringer Zeitung 23.11.2001
Der Gedicht-Titel „Entmystifizierung des Sex“ klingt bei Marlies Jensen viel lieblicher: ¸“Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis“ ist gleichzeitig der Buchtitel. Drastisches vermeidet sie: Wenn Fried vom „Bumsen“ schreibt, so übersetzt sie es mit „elste nüe Woort“ (das eklige neue Wort).
Manches akzentuiert sie anders: „Krieg“ nennt sie „Mord und Dootslag“, und die von Fried so geschätzte „innere Ruhe“ wird bei ihr zu „Kehrdiannix“ (Scher dich um nichts). Frei übersetzt sie das „Computerzeitalter“ mit „Tieden vun de Orwellsche Schrievmaschin“ (Zeiten der Orwellschen Schreibmaschine).
Erich Fried, Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis, Agimos Verlag, Kiel, 146 Seiten, 29,90 Mark. / Südwest Presse 23.11.01
Das „Liedertagebuch“ stelle, so der editorische Bericht der Herausgeber, das „größte geschlossene Poesiewerk des Neunzehnten Jahrhunderts“ dar. Es sei, so Wollschläger bei der Präsentation, ein Werk, das geeignet sei, das Bild, das sich Zeitgenossen und Nachwelt von Rückert gemacht haben, entscheidend zum Positiven hin zu korrigieren. Diese rund 10 000 Verse, die im Schweinfurter Archiv „ruhten“, bis sie vor einem Dutzend von Jahren von den Herausgebern gesichtet und in ihrem Wert erkannt wurden, stellten die „gewichtigere Hälfte von Rückerts Werk“ dar, im Vergleich zu den von Rückert selbst zu Lebzeiten in Druck gegebenen Schriften. / Main-Post 16.11.01
Die Welt 11.11.01 (Interview mit Wolf Biermann)
Jetzt wächst Deutschland zusammen, und wir so genannten Intellektuellen kippen auseinander.
WamS: Nirgends wurde das deutlicher als im Golfkrieg.
Biermann: Da ging es ja auch an die Substanz. Wie auch heute wieder. Klar: Für den Frieden sind wir alle. Aber wenn es dann um das Wie geht, schließen sich die Menschen gegenseitig aus der Menschheit aus, und es entsteht die von Hölderlin besungene stumme, kalte Zwietracht.
Es gibt kaum eine andere literarische Gattung, die sich der vermeintlichen Verstehbarkeit der Welt so dezidiert entgegenstellt wie die Poesie. Dutli definiert die Lyrik nachgerade als den «dauernd inszenierten Totalverlust aller Gewissheit». … Bereits im 11. Jahrhundert verfasste der provenzalische Dichter Guilhem IX. einen unerhört modernen Text, der mit den Zeilen beginnt: «Ich mach ein Lied aus reinem Nichts.» Solch kalkulierte Informationsverweigerung lenke die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Eigentliche: auf die musikalische Konstruktion des literarischen Gebildes. Dabei diktiere die Sprache selbst den lyrischen Sinn: Der Dichter sei nur ein Troubadour, der das in der Wort- oder Satzstruktur bereits Angelegte «finde». Im Gedicht vereinigen sich Autor und Leser, so Dutli, zu einer magischen Sprachzelebration. / NZZ 10.11.01
Wie reagiert die deutsche Literaturkritik, wenn die Texte eines Autors, einer Autorin aus der Türkei zu bewerten sind? Ignorant und snobistisch.
/ Monika Carbe NZZ 10.11.01
„Unser Wahn“: Die Krise arabischer Intellektueller
Zweifellos sind Araber und Muslime ungerechter Behandlung ausgesetzt. Wenn wir aber nur dies sehen, so bedeutet das, daß wir vom anderen noch gar nichts gelernt haben.
Schreibt Abbas Baydoun. Der libanesische Dichter wurde 1945 geboren. Er ist Feuilletonchef der Tageszeitung “ As-Safir“ in Beirut. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 09.11.2001
Oskar Kanehl, Lyriker, Publizist und später Anarchist, war ein ausgesprochener Querdenker, der 1913 von Greifswald nach Wieck zog und Lust bekam, „eine Bombe ins schwarze Ketzernest Greifswald zu werfen“. Am 16. Juli erscheint die erste Ausgabe des „Wiecker Boten“. Das Blatt findet Beachtung, erntet Widerspruch, zieht den Hass der Korpsstudenten und die Missbilligung der Universität auf sich. Die Schrift, dem Expressionismus zugetan, versteht sich als kritischer Beobachter, als „Parteiblatt der Parteiüberwinder“. Kanehl wird 1914 einberufen, der widerspenstige „Wiecker Bote“ verschwindet.
Heute ist das [1995 wiederbegründete] Blatt weniger widerspenstig, aber noch immer kritischer Beobachter seiner Zeit. / MARKUS KOWALZYCK, Ostsee-Zeitung 7.11.01
Kult
Volly Tanner wird alt. Der Underground-Poet geht neuerdings bei Grün über die Straße. Volly Tanner ist schüttere, kränkliche 31; doch dafür hat er etwas geschafft, das an keiner Umrahmung seiner gepflegten Feindbilder notiert ist: Er genießt Kult-Status. / Leipziger Volkszeitung 6.11.01
Zwar hatte sich bereits die frühere Swahili-Literatur – die ersten schriftlichen Zeugnisse gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück – mit Politik beschäftigt, doch ausschliesslich in einem affirmativen Sinne. Sexualität dagegen war früher nie ein Thema; das Erscheinen von [des Tansaniers] Euphrase Kezilahabis erstem Roman im Jahre 1971 führte denn auch zu einem Skandal. Zu Diskussionen Anlass gaben auch seine in freien Versen geschriebenen Gedichte, bestimmten doch Reim und Metrum ausnahmslos die traditionelle Swahili-Lyrik. / Heinz Hug, NZZ 1. November 2001
Verschwunden
25 Jahre nach ihrem Tod ist die bedeutende Dichterin Martha Saalfeld, von Elisabeth Langgässer einst als „pfälzische Sappho“ apostrophiert, aus der literarischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. / Michael Buselmeier, Freitag 45/01
Nur noch 333 Tage bis Jahresende
Ein Kommentar von Michael Gratz
Seit 20 Jahren wird in Greifswald wieder über den Namen der Universität diskutiert.
500 Jahre lang war die zweitälteste Universität nördlich von Heidelberg überhaupt ohne Personennamen ausgekommen. 1933 erhielt sie den Namen „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ aus den Händen des zuständigen Ministers Hermann Göring. Beantragt hatte die Namensgebung Professor Walter Glawe, Mitglied von DNVP, Stahlhelm und dann NSDAP. Zwischen 1945 und etwa 1954 war der Namenszusatz „Ernst-Moritz-Arndt“ gestrichen, dann führte ihn die SED wieder ein. Professor in Greifswald war immer noch Walter Glawe, jetzt SED.
Vor fünf Jahren kam im Senat nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit für eine Namensänderung zustande. Vor zwei Wochen wurde erneut abgestimmt, diesmal waren 24 Senatorinnen und Senatoren für die Streichung, 11 dagegen. Eine klare Mehrheit gegen Arndt und eine knappe Zweidrittelmehrheit, die Namensänderung ist damit beschlossen. Die Landesregierung muß noch zustimmen.
Noch während die Sitzung lief, begann der Aufschrei der Arndtanhänger in sozialen Medien. Einer rief die Greifswalder auf
Wo bleibt der Aufstand der Eingeborenen?
Ihr Greifswalder müsst damit leben, also lauft Sturm und lasst euch nicht so vorführen. #sturmaufbastille
Man sprach von „Hinterhofdemokratie, die jeglicher Legitimation entbehrt“, „Handstreich“ und „Nacht und Nebelnummer“, von „Geschichtsexorzismus“ und „tiefen Gräben zwischen Bürgern und Universität“. Der AfD-Abgeordnete Prof. Weber nannte eine erfundene Zahl von mindestens €300000, die die Umbenennung kosten würde. Alle verbreiten die Zahl weiter, #fakenews. Bald sprang die regionale Ostsee-Zeitung auf den Zug auf. Wie zu DDR-Zeiten während der Biermann-Ausbürgerung druckt sie tagelang Stellungnahmen von Greifswaldern, allesamt gegen die Umbenennung, Zustimmung gibt es anscheinend nicht, nicht bei der Zeitung. Die „Junge Union“ meldete sich zu Wort, die CDU fordert eine Sondersitzung der Bürgerschaft und sogar des Landtags. „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“. Mein Kommentar:
„Die Greifswalder“, schallt es jetzt überall, sind stolz auf den „traditionellen“ (seit 1933) Namen. Da werden sie wohl im Recht sein. Das Ding heißt doch nicht Einsteinuniversität. Diese Stadt, die jetzt lautstark den Aufstand probt und mit Stimmen von CDU und alten Linken der schon gescheiterten Provinzpegida noch einmal die Chance gibt, sich als „mächtige Volksbewegung“ in Szene zu setzen, hat sich den Namen verdient.
Wenn die Uni stur bleibt und die Landesregierung nicht vor organisiertem und selbstinduziertem Volkszorn einknickt, können sie ja ihre Stadt in Ernst-Moritz-Arndt-Stadt umbenennen, damit ihre „Identität“, von der auf einmal alle posaunen, gewahrt bleibt. Deutschland 2017. Wohin auswandern.
Lichtmeß
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
22
MY glasse shall not perswade me I am ould, So long as youth and thou are of one date, But when in thee times forrwes I behould, Then look I death my daies should expiate. For all that beauty that doth couer thee, Is but the seemely rayment of my heart, Which in thy brest doth liue, as thine in me, How can I then be elder then thou art? O therefore loue be of thy selfe so wary, As I not for my selfe, but for thee will, Bearing thy heart which I will keepe so chary As tender nurse her babe from faring ill, Presume not on thy heart when mine is slaine, Thou gau'st me thine not to giue backe againe.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 glasse Spiegel
2 are of one date gleich alt werden
3 forrwes furrows (Furchen, Runzeln) Gildon 1710 verbessert: sorrows
4 expiate sühnen, hier: beenden: dann hoffe ich, daß der Tod meine Tage beenden wird
6 seemely seemly (passend) rayment
9 wary wachsam
10 will: will be wary
11 chary behutsam, sanft
13 presume not on beharre/bestehe nicht auf slaine erschlagen, getötet
14 gau’st gavest
Deutsche Fassung von Stefan George:
Quellen
Auch in Sachen Lyrik ist Sinn und Form vornehm (ich sage nicht: akademisch)[✺]. Bei deutscher Gegenwartslyrik eher zurückhaltend, lieber einem kleinen Stamm von Autoren die Treue haltend als neueste Namen riskierend. Und sonst auf Klassizität und große Namen orientiert. Das erste Heft des Jahrgangs 2017 beginnt mit dem 2016 verstorbenen französischen Dichter Yves Bonnefoy großartig mit dem Abdruck des auf Deutsch noch nicht veröffentlichten Langgedichts Weiter vereint, das Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzt haben, eine Lebensbilanz, Auszug:
Was haben wir gewollt?
Nur das, den Worten einen Sinn bewahren.
Sie waren unser Becher, die Sprache,
ich hebe ihn für euch und mit euch,
sind das unsere Stimmen, dies Durcheinander
von Echos unter dem Gewölbe, dunkel, dann diese Stille?
Mit Gewalt sind Unbekannte bei uns eingedrungen,
sie gehen wie ein Wind durch uns hindurch,
und unser Saal wird voll, wird leer.
Dem folgt eine Erinnerung an Bonnefoy von Wolfgang Matz. Der „späte“ Auftritt des Dichters in Berlin im Juni 2011 wird so beschrieben:
… und als nach den mehr oder minder lauten Auftritten der zeitgenössischen Lyrik-Szene dieser alte Mann langsam auf die Bühne ging und anhob zu seiner wie aus der Zeit gefallenen, feierlichen, sehr französischen Rezitation, da spürte man ergriffenes Staunen bei dieser Begegnung mit etwas fast Vergessenem: der großen Poesie.
Ja, so ist Sinn und Form. Staunenswert Matz‘ Bericht vom späten Bonnefoy. Am 1. Juli 2016 ist er gestorben. Wenige Wochen zuvor waren noch zwei Bücher erschienen, das eine beginnt mit dem Gedicht Weiter vereint. Das Spätwerk, schreibt Matz, verändere „in extremis den Blick auf Yves Bonnefoys gesamtes Werk, ja dieses gesamte Werk selber“. Bonnefoy, der einen 1964 begonnenen Text vernichten wollte und ihn zuvor noch einmal liest, „glaubt … zum ersten Mal seinen eigenen Text, glaubt sich selber zu verstehen und damit auch das, was das Gedicht immer unabschließbar gemacht hat“. Weder verbrennt er es noch schreibt er es einfach fort, sondern er fügt ihm eine ungewöhnliche „Selbsterforschung, Selbstdeutung“ hinzu, nicht um anderen seine Poetologie zu erklären, sondern um für sich selber herauszufinden, „was ihn angetrieben hat sein ganzes langes Leben“. An der Übersetzung dieses Buchs, „L’écharpe rouge“ (Der rote Schal) wird gearbeitet. Sinn und Form, wie ich sie liebe.
Auch Ulla Berkéwicz schreibt Erinnerungen auf. Erinnerung ist vielleicht das Schlüsselwort für die Vornehmheit dieser Zeitschrift. Nicht die Niederungen der Gegenwart sind ihr Feld, sondern die durch Erinnerung beschworene große Zeit. Sie schreibt Erinnerungen an Wolfgang Koeppen. Was für ein Elternhaus:
Koeppen kannte ich von Kindesbeinen, im Elternhaus wurde er vorgelesen, und für die Prosaverse gab’s dort ein Flügelwort: „Koeppen“. Koeppen wie Jazzen wie Rocken.
Berkéwicz schreibt wider den öffentlichen Unsinn über Koeppen. Wunderbar diese Szene:
Einmal stellte er sich: „Meine Herren, Ihre Fragen machen mich verlegen, meine Antworten werden mir schaden“, sprach er freundlich lächelnd und fuhr fort: „Ich durfte jung die Carceri von Piranesi betrachten und bin in diesem bewundernswerten grausamen Labyrinth verirrt geblieben, gefesselt, geängstigt und unbegreiflich entzückt. Es war die Gewalt des Ästhetischen, des Möglichen, des Spiels. Vielleicht aber war mir aufgegeben, nach einem Ausweg zu suchen, den ich nicht finden werde. – Vergessen Sie also alle Deutungen und das Mißgefasel. Es ist komplizierter, meine Herren. Die Idee ist zu erschreckend für die Schreibmaschine.“
Und auf die Frage: „Wie lenken Sie sich von der Verzweiflung ab?“ antwortete er: „Ich lenke mich überhaupt nicht ab, ich riskiere den Wahnsinn.“
Sinn und Form 1/ 2017. 69. Jahr. 144 Seiten, 11 Euro
aka|de|misch <Adj.>:
1. an einer Universität od. Hochschule erworben, erfolgend, üblich, vorhanden: eine -e Position; a. [vor]gebildet sein.
2. a) (bild. Kunst abwertend) herkömmlich u. formal musterhaft, aber unlebendig u. ohne Verve: eine Kunst von -er Blässe; ein a. gemaltes Porträt;
b) (abwertend) lebensfern, trocken, theoretisch, voller Abstraktionen: ein in -em Stil verfasster Aufsatz;
c) müßig, überflüssig: wenn es bei diesem Preis bleibt, wird die Frage sowieso a.
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
Der türkische Dichter Yılmaz Odabaşı wurde am Mittwoch zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er in einer Kolumne im Jahr 2015 den Präsidenten beleidigt haben soll.
Das Innenministerium hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, daß gegen 10.000 Menschen Untersuchungen wegen Verdachts auf „terroristische Propaganda“ oder Beleidigung hoher Beamter in sozialen Medien laufen. In den letzten 6 Monaten seien 1656 Benutzer sozialer Medien verhaftet worden. 1203 davon seinen „zur Bewährung“ entlassen worden. Die Zusammenarbeit mit Twitter, Facebook, Youtube und nationalen und internationalen Providern sei auf eine neue Stufe geführt worden.
Die neuen Verordnungen zum Ausnahmezustand vom 6. Januar erlauben es der Polizei, Informationen über die Identität von Internetnutzern einzuholen. / turkeypurge.com
Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –
*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. Heute mit: Hefter, Jeschke, Trump, Khider, Draesner, Orwell in Moskau und mehr. Weiter mit Shakespeare: Sonett 21 im Original und deutsch von Max Josef Wolf mit Anmerkungen. Viel Afrika! Im übrigen: 20. Jänner ist Lenztag und alle vier Jahre Inauguration day. Spruch der Woche: Hör auf zu leben, lies! Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Martina Hefter
Auszug aus Die Halbtoten. Dramatische Dichtung
Der Igel da.
Was?
Er schaut so treuherzig.
Ich finde ja, er schaut kritisch.
Ich dachte erst, der Umriss des größten Igels wäre ein Feuer.
Doofe Avatare.
Ich hätt lieber was anderes gebastelt. Was Abstrakteres. Einen viereckigen belanglosen Raum.
Na da sitzt du doch tagaus tagein drin.
Gerade deswegen. Ich hätt gern ein Modell davon.
O Hybris.
Den belanglosen Raum kannst du herstellen, indem du ein kleines Fliegenpilzhäuschen auf das große klebst, und auf das kleinere noch kleineres.
Und dann noch ein kleineres.
Genau. Und noch eins. So lang, bis der kleinste Fetzen Buntpapier nicht mehr faktisch ist.
Bis ich da fertig bin, bin ich ja faktisch tot.
Tot bis du, wenn du belanglosen Raum gar nicht mehr definier kanns.
Schaut mal, ich hab mal schnell einen kleinen belanglosen Raum gebastelt. Einfach die vier Ecken eines Quadrats umgeschlagen, dann die Querseiten umgeklappt, einmal auf die andere Seite gedreht, die entstandenen Falzen an den eingeklappten Ecken rausgezogen, und dann in die Mitte ein Loch.
Wozu denn das Loch?
Damit Licht reinfällt.
Sehr schön. In der Zeit, die du da rumgebastelt hast, hast du trotzdem keinen Besuch bekommen. Da hättest du auch einen Igel basteln können.
Er hat ja eh kein Freund, die ihn besuch könnten. Alle längs tot.
Bei wem ist der belanglose Raum gerade?
Ich hab ihn! Hier, fang!
Hepp!
Gib!
Los, zu mir!
Da! Stülp ihn dir drüber!
Kuckuck!
Jetzt hört doch auf mit den Faxen. Ich will meinen Kako- Kaba- Kato-
Kakao.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Aus einem 2018 bei Kookbooks erscheinenden Buch.
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On Martin Luther King Jr. Day, some of America’s most celebrated authors gathered on the steps of the New York Public Library to protest Donald Trump’s attacks on freedom of speech.
Poet Laureate Robert Pinsky wrote a poem for the occasion, inspired by the battles against oppression of Gwendolyn Brooks and Polish poet Czesław Miłosz. “Now my fellow dissidents, we endure a moment of charismatic indecency. Charismatic indecency and sanctimonious falsehood beyond shame. Our polish grandfather Milosz and our African American grandmother Brooks endured worse than this. First fight then fiddle, she wrote,” read Pinsky from the poem.
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Als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Das Gedicht nennt Obama einen Tyrannen, dessen usurpierte Macht ihm von Held Domhnall (schottisch für Donald) aus den Klauen gerissen wird. Held Domhnall rettet auch die Frauen, die Schwarzen und die Einwanderer (natürlich die Richtigen, z.B. Schotten, nicht die mörderischen Horden aus der Hölle Mexiko. Leider keine Parodie! Mehr hier
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Mathias Jeschke
Inauguration
Mann TRUMP, geh mir FORD! Ich KENNEDY,
ich weiß, was für ein LINCOLN Typ du bist!
Was WILSON POLK wie du schon bewirken,
wer kauft denn schon den CARTER im BUSH!
FILMORE müsste ein ganz, ganz andrer her,
NIXON fetter GARFIELD im REAGAN wie du,
Ein Typ, sehr COOLIDGE und TAFT, ja, Mann,
das wäre HAYES, das ist TRUMAN! Nun aber:
Möge bloß der Höchste sich unsrer OBAMA!
mathiasjeschke.de
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Der Schriftsteller Abbas Khider erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung (der 2017 zum letzten Mal vergeben wird). Mit diesem Preis wird sein bisheriges Gesamtwerk geehrt. Darin erweise sich Abbas Khider „als sprachsensibler Beobachter der Verzweiflung, Verstörtheit, Wut und Hoffnung junger Männer, die ihre Heimat verlassen müssen und Zuflucht in Europa suchen“, so die Begründung der Jury.
(…) Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad/Irak geboren. Aus politischen Gründen verfolgt, floh er 1996 aus dem Land. Vier Jahre lang zog er als illegaler Flüchtling durch Jordanien, Libyen und die Türkei. 2000 beantragte er in Deutschland Asyl, studierte in München und Potsdam Philosophie und Literaturwissenschaft. Heute lebt Abbas Khider in Berlin. Er veröffentlichte Gedichte in arabischer und in deutscher Sprache. Für seinen ersten Roman „Der falsche Inder“ (2008) erhielt er 2010 den Chamisso-Förderpreis. Mehr
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Die Frankfurter Neue Presse berichtet über die erste Poetikvorlesung von Ulrike Draesner:
Und dann erging es ihr wohl ähnlich wie in dem Lyrikband „Subsong“ von 2014, einer sehr experimentellen Sprach- und Klang-erforschungsreise in Buchform. „What is poetry?“ heißt eine Gedichtüberschrift, ziemlich zum Schluss. Doch ausgerechnet unter diesem sehr theoretischen Titel wird Draesner so handlungsprall wie kaum je zuvor. Auf einmal nämlich, wenn alle Möglichkeiten ausgelotet und Grenzen immer wieder überschritten wurden, schießen Sprache, Laut, Satz und Handlung zusammen zur Geschichte. Dem Geheimnis auf die Spur zu kommen heißt immer auch: es als solches zu akzeptieren.
(…) In den nächsten Vorlesungen wird es weitergehen mit dem Roman, der Lyrik, der Übersetzung und dem Schreiben nach der Natur.
Campus Westend, Hörsaal 1, Frankfurt, bis 7. Februar, immer dienstags, 18.15 Uhr. Am 23. Januar liest Draesner um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt
Russischer Dichter Alexander Byvshev wird erneut wegen eines Gedichts zur Unterstützung der Ukraine angeklagt – unter sehr Orwellschen Umständen. (Sein russischer Wikieintrag ist mal vorsorglich verschwunden) Hier
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L&Poe berichtete vergangene Woche, daß die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin, das russische PEN-Zentrum verlassen hat. Jetzt erklärt das PEN-Zentrum, Alexijewitsch sei nie Mitglied gewesen. Außerdem hätten nur 10% der Mitglieder protestiert, 90% unterstützten die Politik des Zentrums. Lesen Sie hier
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geht weiter mit Sonett #21: SO is it not with me as with that Muse, deutsch von Max Josef Wolff: Nicht jener Muse gleichet mein Gedicht.
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
Kommenden Donnerstag ist Australia Day. Wieso werden so viele Fußballer am 26.1. geboren? Diese Woche Gedenktage für einen König, der im 18. Jahrhundert Homosexuelle vorm Tode rettete, sowie für Matthias Claudius, Joseph Scaliger, John Donne, Rainer Brambach (100. Geburtstag), Jakob Michael Reinhold Lenz, Jesse Thoor, Derek Walcott, Ernst Blass, Wilhelm Klemm, Kaiser Hadrian, Peter Paul Zahl, Robert Burns, Dorothy Wordsworth, Eva Zeller, Wladimir Wyssozki, Gérard de Nerval und viele andere. Lesen Sie hier
Thomas Kling und die Poeterey der Adenauer-Generation. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. Dank des Zaubers der Poesie darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. Abu Nuwas (763 ca. 813) besang in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein, der im Islam verboten ist, und die homosexuelle Liebe. Dafür wurde er ausgelöscht. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.
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des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.
nach den schweren Stürmen ruht auf dem Boden ein leichter Schnee
Seit 2013 versendet Hansjürgen Bulkowski wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.
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