Georgs Versuche an einem Gedicht

Jan Faktor

Georgs Versuche an einem Gedicht

  1. Versuch:
    heute früh beim Aufstehen
  2. Versuch:
    heute beim Frühstück
  3. Versuch:
    heute früh in der Straßenbahn überfiel mich das Gefühl
  4. Versuch:
    heute Vormittag überfiel mich das Gefühl daß
  5. Versuch:
    heute nach der Arbeit überfiel mich das Gefühl als ob
  6. Versuch:
    heute beim Abendbrot überfiel mich das Gefühl
  7. Versuch:
    heute im Bett überfiel mich das Gefühl als ob daß wenn

(nicht aufgeben)
(nicht aufgeben)

In: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle und Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 101

Dantejahr

Günter Eich

Beitrag zum Dantejahr

Chandler ist tot
und Dashiell Hammett.
Mir liegts nicht,
mich an das Böse schlechthin
zu halten und
Dante zu lesen.

Aus: Lange Gedichte (1966)

Die Albigenser

Nikolaus Lenau

Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen,
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten;
Den Albigensern folgen die Hussiten
Und zahlen blutig heim, was jene litten;
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten,
Die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter,
Die Stürmer der Bastille, und so weiter.

Beichte

Günter Kunert

Beichte

Jedesmal schlägt das Herz
viel zu schnell. Nur Pflichten
machen nicht glücklich. Der Abend ist leer
und die Gespräche wie er. Schon wieder
sind wir um ein Jahrhundert gealtert
und wissen es nicht.
Selbst von unserer Hinrichtung
hat niemand uns Mitteilung gemacht: Merkmal
daß die wahren Freunde uns fehlen.
Adieu du mein Haar
Adieu du mein Glaube.
Nur Goethe ist zu beneiden: nicht um
die Unsterblichkeit seiner Potenz
sondern wegen der kristallinen Substanz
seiner Seele: sie zerlegt
alles Erfahrene in ein harmonisches Spektrum
und filtert gewisse Farben heraus:
die gebrochenen.

Beim Übertritt
an allen Grenzen zwischen hier und dort
zwischen Oberlippe und Unterlippe
zwischen Wahrheit und Sicherheit
schlägt uns jedesmal das Herz viel zu schnell.

Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 7

William Blake Triptychon

WILLIAM BLAKE TRIPTYCHON

Kinder einer bessern Zeit
Wenn euch meine Wut anschreit
Wißt, daß jenen Zeiten alt
Liebe als Verbrechen galt

 

WILLIAM BLAKE´S GARTEN DER LIEBE

Ich ging zum Garten der Liebe.
Und sah, was ich niemals gesehn:
Eine Kirche stand da inmitten,
Wo ich sonst zu spielen pflegte.

Und die Kirchtore waren verschlossen,
Und „Verboten!“ stand obendrauf;
Da ging ich zurück zum Garten,
Der so viele Blumen getragen;

Und ich sah ihn voller Gräber,
Grabsteine an Stelle der Blumen;
Und Priester in schwarzen Gewanden die banden
All meine Wünsche, meine Freuden.

 

WILLIAM BLAKE´S KLEINER JUNGE, VERLOREN

Wie kann den Nächsten wie mich selbst
Ich lieben, unmöglich ist es, wie
Dem Gedanken, sich einen andern
Größer als mich zu denken:

Und, Vater, wie könnt ich Dich
Oder die Brüder, mehr noch lieben?
Ich liebe dich, wie den Vogel,
Der Krümel am Weg aufpickt.

Der Priester hörte den Jungen,
Ergriff ihn in zitterndem Eifer:
Zog ihn an Haar und Mantel,
Alles lobte des Priesters Eifer.

Und er stand hoch am Altar.
Seht! seht den Teufel! so spricht er,
Setzt die Vernunft zum Richter
Über das hohe Geheimnis des Glaubens!

Der Junge weinte ungehört,
Die Eltern weinten vergebens;
Man zog ihn bis aufs Hemdchen aus,
Band ihn in eiserne Fesseln;

Und verbrannte ihn an der heiligen Statt,
Wo so viele zuvor schon verbrannt:
Die Eltern weinten vergebens.
Geschieht DAS an Albions Strand?

 

WILLIAM BLAKE´S LACHLIED

Wenn die grünen Wälder mit Freudenhall,
Und der Strom dort vorbeilacht, die Bäche all;
Wenn die Luft auch lacht mir im Gleichklang mit,
Und die grünen Hügel in gleichem Tritt;

Wenn die Wiesen lachen im Sonnenschein,
Und der Grashüpfer lacht in die Szene hinein,
Wenn Marys und Susans und Emilys
Süße Mäulchen singen ihr „Ha, Ha, Hi!“

Wenn die hölzernen bunten Vögel am Haus,
Und der Tisch auch mit Kirschen und Augenschmaus,
Erwachen und froh in die Melodie
Des süßen Chors einfallen: „Ha, Ha, Hi!“

(1789/ 1794)

Deutsch von Michael Gratz

Female Author

Sylvia Plath

Female Author

All day she plays at chess with the bones of the world:
Favored (While suddenly the rains begin
Beyond the window) she lies on cushions curled
And nibbles an occasional bonbon of sin.

Prim, pink-breasted, feminine, she nurses
Chocolate fancies in rose-papered rooms
Where polished highboys whisper creaking curses
And hothouse roses shed immoral blooms.

The garnets on her fingers twinkle quick
And blood reflects across the manuscript;
She muses on the odor, sweet and sick,
Of festering gardenias in a crypt,

And lost in subtle metaphor, retreats
From gray child faces crying in the streets.

Aus: Sylvia Plath: The collected Poems. Edited by Ted Hughes. New York u.a.: HarperCollins, 2015, S. 301

Der Herausgeber dieser zuerst 1981 erschienenen Ausgabe, ihr Ehemann Ted Hughes, entschied sich dafür, dieses Gedicht in einem Anhang unter der Rubrik Juvenilia zu veröffentlichen. Bestimmt hatte er seine Gründe.

23. JANUAR 1986 + 1989

Tom de Toys

(geb. 24.1.1968: https://lyrikszene.jimdo.com/performer/tom-de-toys/)

13.11.2016, für Louis de Attides

23. JANUAR 1986 + 1989

mein eigener abschied vom
20. jahrhundert begann
schon am tage vor meinem
18. geburtstag als der einzige
bei dem ich gerne studiert hätte
starb: Joseph Beuys – und der
abschied setzte sich nahtlos
drei jahre später fort als 1989
Salvador Dali ebenfalls an
einem 23. januar verstarb
aber am meisten traf mich
diese nachricht daß Antonin
Artaud an meinem geburtstag
1947 seinen letzten auftritt
absolvierte (21 jahre vor meiner
geburt)… ich frage mich jetzt
wer noch sterben könnte um
den abschied zu vervollständigen
oder ob schon alle wichtigen
gegangen sind von denen nur
die werke bleiben? und mein herz
wird schwer wie das gesamte
universum ohne vater
unendliche namenlose stille

Noch eins

Was heißt noch eins – DAS i-Gedicht:

Kurt Schwitters (1922)

I

Heute ein I-Gedicht von Idili Indris, ich korrigiere: Odile Endres

I

i i is * i i is * i i in — in it — innis it
ínnmitt it ínvis it ínsis int ík niss
is isis ist I ist I ist invinnmin is
ívin in mílliwin in mílliwin in ívin
íllinnin illinin ill ill íllinnin illinin ill ill
I I I * I I I iss/vittis / I I iss/vittis I iss I /
Vitt issis Vitt issis issfiss vitfit

Insili insili – inst inst inst – Insili insili – inst inst inst
insis insis iiiiiii – insis insis iiiiiii
igítt – igíttigitt – igíttigíttigitt
igíttigíttigíttigíttigítt
igitt igitt
igi igi
ig ig
i i
i

Credo

Pega Mund

Veröffentlich in: STILL magazine #4, 2016

Zusatz zur Performance

Martina Hefter

Zusatz zu “Es könnte auch schön werden”
Dieser Zusatz zur Performance wird nicht gesprochen. Er ist fürs stille Lesen gedacht.

Es folgen ein paar Überlegungen poetologischer Natur.
Ich lass mich mehrmals hinfallen, stehe auf, falle wieder hin.

Gleich sag ich was. Gebe euch vorher meine Telefonnummer, ihr könnt mich anrufen, wenn ihr euch herausgefordert fühlt.
Anrufen bitte, keine E-Mails schreiben.
Sprechen müsst ihr, ins Handy oder in die Sprechmuschel vom Festnetzapparat.
Ruft an, wenn ihr meint, mich niederknüppeln zu müssen.
Wenn ihr mir gern zwei Worte mit dem Zeigefinger auf die Stirn malen wollt,
fuck und you.
Oder auch, wenn ihr mich umarmen wollt.
Ihr könnt euch während des Telefonats vorstellen, wir befänden uns während dieser Umarmung in einem Raumschiff
das von irgendwoher kam, nur nicht von der Erde.
Gratis ist diese Umarmung natürlich nicht.

Also, Stifte oder Handys raus, ich diktiere: 0157 585 154 28
Ich hole nochmal einen Handwärmer unter dem T-Shirt vor.
Knicke das Plättchen, presse das Wärmekissen gegen meine Stirn.
Wenn ich, anstelle die Performance zu zeigen, Gedichte geschrieben hätte –
ich weiß nicht, worin die Freude läge.
Es gibt eh keine Freude.
Nur Ablenkung.
Wer hat bloß die News von der Freude erfunden?
Und eigentlich gibts nicht mal die Ablenkung.
Es gibt Bauwerke hoch und Seen tief,
stürzen und sinken.
Gibt es.
Ich dreh mich um und renne weg, erst mal nur nach hinten in eine Ecke des Raums,
wo das Licht nicht mehr hingelangt. Man nennt das draußen sein.

Mein Herzchen und ich, wir sind draußen, mein Herzchen schlägt natürlich auch hier.
Ich glaube nicht so richtig an die Kraft von Wörtern.
Pause.
Ich drehe mich vom Publikum weg, schaue dann über die linke Schulter wieder zurück und reiße gleichzeitig meine rechte Hand an den Mund. Löse sie wieder.

Und das meine ich keineswegs ironisch. Alles was ich hier sage, meine ich ernst und werde es nicht zurücknehmen.

(…)

Die Möwe

Stan Lafleur

Die Möwe

niemand hat uns überliefert, daß die Sprache
der Möwen der Wind sei. daß er ihre Methode
sei. ihr Testkanal. ihre eigene Lebensgeschichte

die sie kreuz und quer an den Himmel schreiben
erst als wir begannen sie zu digitalisieren, haben
wir die Sprache der Möwen entschlüsselt. sie

wirkt unmotiviert, sprunghaft, frei und verhuscht
ihre Parameter tanzen und gleichen erstaunlich
den Parametern unseres Bluts. die Sprache der

Möwen ist kaum zu begreifen. wie still sie dort
hocken, aufgereiht, am Kai. die Schnäbel rot
geschminkt. voll Sehnsucht nach dem Fliegen

Aus dem gerade erschienenen Bändchen MINI WELT (Lyrik-Edition Rheinland, Düsseldorf 2017)

Giovanni Santi malt eine Fliege

Gerd Sonntag

GIOVANNI SANTI MALT EINE FLIEGE

Siehe, ein Paar entfaltete Hände:
Giovanni wischt sie von der Wange
und malt den Erlöser, von zwei Engeln gestützt;
er sitzt auf seinem Sarg und zeigt die Wunden,

doch wichtig ist die Fliege auf der Brust.
Sie malt er zuletzt, und rasch,
kaum kann dem Tändelflug das Auge folgen,
zu Bader, Schinder und von Robespierres

zum abgetrennten Schweinekopf.
Ob auf dem weißen Elefanten oder dir,
Fliegen kennen keine Auren.
Jede Entität ist eine Sitzgelegenheit.

Die Nacht der OTAN

Georg Leß

Die Nacht der OTAN (2015)

Der Student von Prag (DEU 1913)
Les Démoniaques (FRA/BEL 1974)

Les Diaboliques (FRA 1955)
Epidemic (DNK 1987)

Taste of Fear (GBR 1961)
Et mourir de plaisir (FRA/ITA 1960)

[Aus einer Gedichtreihe, polylingual bzw. unter Verwendung der Universalsprache Horrorfilm – dies ist die korrekte Fassung]

Unterwegs

Horst Samson

UNTERWEGS

„Heimreisen
sind immer länger als Irrwege,
länger als ein Leben…“
Bei Dao (geb. 1949, Peking)

Du und ich wir treiben
Flussabwärts. Es ist eine Reise

Ohne Grund. Wir
Schlagen den Sonnenuntergang auf,

Unser Buch. Fahren
Die Antennen aus und bereiten uns vor.

Die Abendglocken leiten
Uns auf unbekannte Wege.

In den Obstgärten leuchten die
Birnen heller als das

Paradies. Nie kommen wir dort an.

(2016)