Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Charles Reznikoff, Fréderic Forte, Richard Duraj, Dirk Uwe Hansen, Monika Rinck, Hedonistische Internationale, Shakespeare und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Richard Duraj
passage aus ‚im anflug auf oneirograd‘
[…] kameras filmen. häuserwinkel, himmelblau. regelrecht glasiert im gebet in der kapelle zwischen dorf und dörfern (aller art). immer braut, nie jungfer, gesetzt den fall. auf knopfdruck die pflegekräfte. wo rinder, so große glocken. sind teil eines konvois zum geleit, für diesen pass und die täler dahinter, alpen, allgäu aus dem kataster, -volut, revoltierende zeiger der uhr, denn noch ist jahreszeit: hinterm gebimmel, im hohen gras bei einem bach die querfelder, ein pfad hindurch, steter ausbau der infrastruktur im ausgetretenen. vertreter jeweiliger branchen könnten und dürften, es liegen aber recht eng und krumm bach und pfad, auch beieinander, schüchtern, nach oben hin hoffen, auf dass ich ins wasser steige. gebrochener knochen, ins rollen geratene steine. ein ende der pause wird eingeläutet. schüler wie andere, die sich auf dem hof nach ihrer angenommenen bildung gegenseitig raufen, eine impulsion von allem frei. der übergriff der armhand um einen hals zu boden zieht. wer damit dann angefangen und zuerst. eine warnung als trigger, die antworten darauf auch per weisung, eine milch im gelernten fluss. selfies im ensemble; wir bemühen uns, sie beim namen zu nennen, mit anderen worten im nachhinein nämlich, bis, ja bis sie ziehen an haar von der haut ab, greifen die haut auf, wo keine wäre, wenn, legen frei, puhlten an fasern. erfasstes, es ist als ob im spiel. sie schenken ein saftkonzentrat in ausgespülte becher sich nichts, eine art versanden an ufern im lauf, hecheln, berühren. sie ranzen, in den gebärdeten kreis einer mitte zurück, eine reihe sticker mit botschaft die gereichte sammlung, laben sich am von lauge umhüllten teig und alkolat, schokoladenlikör, lakritze, angeleckt, sie in schlichtem licht an den kanten der schülerkunst, die jahrgänge arrangierten und körper in raten zur stunde öffnen können, sie wie sportlerinnen am ziel nun ruhen. die faxen dick, weil juvenil, zur transmission erzittert halb belangen einer vermittlung, und hast du nicht gesehen, im rasengrund versunken nicht maßstäblich gezeichnet, wo sich spinnen ins netz geht. nächste charge. scheibenwischer von links nach rechts nach links und von mir aus nach rechts abgebogen am früheren sexkino, dem landläufigen, lenker, schlenker, leben, wie sie nicht geführt werden, kavaliere zum aus-weichen allenthalben. von transportern werden dafür waren entladen. wegen eines nach hinten verschobenen endes, als sie im bus sitzen. sich erzählen, was es zu berichten gibt. hörbares hupen. und warten. in kabinen unterdruck, cherubische mutanten. vor ihnen ein gesicht gleich nazcas linien aus ihrer nähe, die gräulich oder bräunlich melierten klippen am nächsten tage vielleicht, zünftiges, das angerichtet, augen, die sich müde nicht öffnen. aus vorsorge um eine dose die hand, die dich im schlaf umfasst, wenn die gastgeber anderweitig und so fort am eigenen fabrikat zum beispiel. er sich servierte. konfliktfrei ein windspiel zu hören, gezwitsch, ein daumen übers display gleitet. zu neunzig grad gefalteter raum, jenseitlich kartenhäuser, stadtstraßen, satter das bleiche, das knopflöchern nach themen geordnet wie die reihe nationalmuseen hernach, demselben trödel tand, kunter-farben, eingeschlossener umtausch, die gefilde unter lustverdacht, der werte. jedem wüstling folgt ein frevelein, steht, dazu der tanz, von fängen eingefangen, schmiere, auch damit. notiz genommen, als röter die ampeln, sodann gelesen, einem verantwortlichen mit eigenem innenleben überreicht. dieser nickte. folgerichtig seine vorläufer wie alle anderen schrecken auch sogleich mit einer verklärung in posturen stracks einverstanden, also, und nach einer skizze wie wirksam erneuert, auf befehl fortlaufend. so den pläsierten ermüden sie krank, wenn liderlich, einem bange. ungewollte gewächse am spalier, anbei natur, die nistet, naturbelassen, die hälse streckt, sich jemand kümmert. auch dann bezeichnend keime, die man nicht los wird. von einer telefonzelle aus anrufungen, dass man sich umsieht. im port von rubacava liegen angelegt hingegen sonstig skelettierte yachten, von einem feuerwerk zum gefeierten wiederholt erhellt, weiter schoner, flügel aufsteigender flieger als kontrast, getränke aus dünnem eis auf spesen, witwer, bald die witwen über die stege zu, auch jeweils, eigenen kähnen, die gedrungen angelegt. es wurde abend. ein angestellter im automatenrestaurant gerade an den schwarzen weißen tasten, die einzeln einschnappenden schlösser, schnappschüsse, die sie ins netz stellen. am ende einer letzten zimmerflucht singende kanarien, vom alten schönen lieben arretiert. aber wer hier geburtstag hatte gestern nacht und sich angenehm unterhielt, ist weitergezogen, dass ich sagen muss, ich, der ich, im gleichen atemzug, wasser zu wasser ließ, gleichwie trompeten herausposaunten mit dem begreifen eines sechzehnjährigen, das lemarchands würfel zu lösen versucht. wie ein nationales pärchen auf wanderschaft durchs viertel zur nächsten sause. treffen, taxidermal camoufliert dem karnalen haut durch einen anstrich uhrzeit, glänzt im lämpchenschein, was nicht ermattet, gemäß den erfahrungen substanzieller altbau drunter, den stätten entlang angeordneter straßen, da penis oder vagina, die warzen am rechten fleck ein bedürfnis dem vernehmen nach, zum genuss am genital-bereich die steigung einer steigerung in verschlossen elterlichen schlafzimmern nicht negativ, ein riecher, eine decke dazu ausgebreitet, ausdauerjagd, zur verwirklichung vom ich losgelöst. besetzung einer nicht unromantischen komödie, so niedliches verhalten als solches deklariert, motiviert die hüften in schwung, kadaver eine oberfläche, arme wie beine sich entfalten; den unterschied macht die entropie: noch gala statt galgen, oder fordern statt fordern. monumente, überzählige einkaufszentren, die die gegend aufwerten und deren böden gäblich poliert werden im angrauen, die scheiben gereinigt vom dienst, der sich um den auftrag einer wartung bemühte, bei pausen sorten kaffee aus isolierkannen über ihre behältnisse in andere, zäh, dass sich ein bizeps wölbte, vor dem hotel metropol totgeholt eine brechstange am parkett, was da drunter anklopfte, vor den auffanglagern für regierungstreue. ihnen eigen eingefplanzt die transistoren, die klüger und schneller und wahrhaft machen, eine berührung ihrer hände an meiner wange weich und warm, wenn sie sich um mich kümmern, um mein zerbrechendes, die nahen lippen küssen, aufs prinzipbild von gewalten dabei zeigen, vor aufflatterndem geflügel mit seinen einzelheiten, versunken im morast dem ungelauschten, auch nur bei ihrer gartenarbeit faul, unverdauende, bessere hauttypen, eine ahnung von ahnen, gräuel verdecken mit laub und reisig, in einbäume sie steigen und unterdrückt von eigenen instinkten driften, schieben ganze fruchtstücke mit der zunge, die substanzgemische zur aufbewahrung. bis ins schlick, an dem wir halten bei reptilien. ein stratojet bricht die schallmauer durch. es rettet sich, wer kann. etablierte raumaufteilung auf den parkbänken den eingewiesenen. wohin sich zu setzen und schwellenländlich grasen mit seinem kleinen anteil an der besucherzahl, wenn wieder in sicherheit. zum fest auf empfehlung die horn- und ein einzelpaar paradeochsen, schön ausgeschmückt getrieben. es verlangt die sonnenmilch ein sich zum ende hin verjüngender lägeriger körper. lichteinfall, hohe absorptionsraten. strahlen der killersatelliten schneiden schneisen zumindest zum schutze des zivilen, wie ich weiß, und umläufig ins gelände. in dubio waldbrand, übernommen native symbole. dem geböte sich einhalt. schweißbad. mit, somit durch die initiierung nächster einstelliger instanzen aufgewacht, im pyjama, nonverbal, umrundete morgenstunden bei royaler färbung. bei gedanken, auf die ich nicht gekommen bin. viskoses in der kälte, das verbrennt. das horn in pulverform unterm stößel, ins wasser gemischt. aus der retorte tropfen. einige zauberworte. noch müssen wir warten gleich einer kahlo bei liebsten beschäftigungen auf den anruf, der uns im austausch einen übergabeort verrät. wer bin ich, dass ich abnehme. mitgeteiltes, ich nenne es sicherlich eine dem menschlichen alltag zugewandte kampfschau, oder maßnahme bei -gabe, chicsal, instagrammatisch, queue in händen. hatte ich hier schon mal was vorbereitet, vorgestellt voll, scheuselig, nahe im kommerziellen aroma der düfte im foyer, die olle karaffe aus ruinen, aus der man sich gestärkt, mit einem hinweis auf den menschenschlag, beugten arme oberkörper über tische. der ganze unflat aus oneirograd hoch sich schwemmt, überspielt, woraufs basiert, die erinnerungen. kleine, kleinere und größere, so nichts nachkommt, übernehmen alle qualitäten. das treibt die bösen zungen mir mit bösren aus, freilichkeit und solcherlei. wusste nicht nichts damit anzufangen, was man vergaß, sich zu notieren, und vergaß. scheiteln einer pracht. zum aufflauen den lodenmantel indikativ enger um mich band, aus dem filmstudio schritt, in dem sie inszenierten, ab zum nebenausgang raus, ins zimmer. erkanntes log, und bloße schlupflider transparent. bekömmliches. vor dem verfasser nicht dieser, jedoch anderer zeilen eine reisegruppe rentnerinnen auf freiem fuß […]
Eine Kolumne von Dirk Uwe Hansen
Ich muss einen Text nicht lieben, um ihn zu übersetzen, aber ich muss ihn respektieren, sonst geht die Sache garantiert schief. Allerdings darf der Respekt nie so groß werden, dass er in Angst umschlägt, denn zu übersetzende Texte sind wie Hunde: Sie können Angst riechen — und dann geht die Sache erst recht schief.
Soweit ist alles klar, aber trotzdem gibt es sicher für jedeN ÜbersetzerIn so etwas wie Angstgegner, und meine kommen hauptsächlich aus dem Bereich „Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten“. Das ist natürlich nicht die Sorte Angst, die vor Rezensenten zittern macht — als gelernter Altphilologe kenne ich die rabies philologorum, die Philologentollwut …
Hier gehts zum kompletten Text
Der biennal vergebene Ernst-Jandl-Preis für Lyrik geht heuer an die deutsche Dichterin, Essayistin und Übersetzerin Monika Rinck. Das gab Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) am Mittwoch bekannt. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wird am 1. Juli im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage (30. Juni bis 2. Juli) im steirischen Neuberg an der Mürz vergeben. Drozda würdigte Monika Rinck in der Aussendung als „Meisterin des poetischen Denkens“. „Mit Monika Rincks ganz und gar eigensinnigen und unverwechselbaren Sprachschöpfungen kann man seine Geistesgegenwart trainieren, seinen Blick auf die Gegenwart schärfen und gegen die eigenen Gewohnheiten andenken, also auf höchst amüsante und vergnügliche Weise klüger werden.“ Die Jury* bezeichnete Rincks Werk als „eine große Versuchsanordnung in Sachen Gegenwart“. / Mehr
*) Friederike Mayröcker, Alfred Kolleritsch, Klaus Reichert, Paul Jandl und Thomas Poiss
Jonas Mekas: Where is poetry in your life?
Jim Jarmusch: It’s important to me. I read a lot of poetry. I studied with Kenneth Koch and David Shapiro at the New York School, and I’ve been guided by poets all my life. When I was a teenager in Akron I first discovered the 19th century French poets in translation – Baudelaire, Rimbaud and Verlaine. Parts of my life William Blake has been my guide. I wish someday when I’m gone, someone will consider me a descendant of the New York School of poets, they’ve been my guides because of the sense of humour, the kind of exuberance, you know, of Frank O’Hara –
JM: Yes, Frank O’Hara and Kenneth Koch. They have a humour but there’s also something very real and down to earth. Koch still has to be recognised properly.
JJ: Joe Brainard I love also very much, and Ron Padgett. Ron Padgett wrote the poems for our new film. The character is a poet. / More
Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche aus diversen – meist digitalen – Postmappen und Kladden. Mal anonym, mal namentlich.
Interesting that the Portuguese and Spanish are called conquerors in South America, and the English and French in North America are called settlers. / Klaus J. Gerken
S.K.: aus den kommentarspalten: „Is this the common sense conference I have been hearing about?“
Gefällt mir
Love
Haha
Wow
Traurig
Wütend
E.O.: Antwort: Duh.
Gefällt mir · Antworten · 1 · 29 Min
Aufruf der Sektion H.i.G.H. (Hedonisten inna Greifswalder Hochschule)
Die Initiative „Ernst Moritz Arndt bleibt“, die sich für den Fortbestand des würdelosen Namenspatronats an der Greifswalder Universität einsetzt, plant für den kommenden Samstag ein weiteres ihrer wutbürgerlichen Protestevents: Auf dem Greifswalder Marktplatz möchte man laut Ankündigung u.a. 2000 Luftballons zu Ehren des Rassisten und Antisemiten Arndt in den Himmel steigen lassen. Wir, die Sektion H.i.G.H., rufen dazu auf, diese Aktion zu sabotieren!
Wir fordern ein Ende der Kundgebungen, die zum Ziel haben, einen Wegbereiter der biologistisch begründeten Judenfeindschaft zurück auf den Ehrensockel einer Universität zu hieven. Wir verurteilen die jüngsten Huldigungen Arndts, die in ihren Formen Anleihen nehmen bei humanistischen und pazifistischen Protestbewegungen. Rosen niederlegen, Menschenkette, Luftballons steigen lassen. Was kommt als nächstes? Ein Sternmarsch? Weiße Tauben? David Hasselhoff auf ’ner Hebebühne? / blog.17vier
Der Dichter Tom Schulz, 1970 in der Oberlausitz geboren, hat ein aufmerksames Ohr für die Unter- und Zwischentöne, die er zum Klingen bringt und denen er mit grosser Gelassenheit, fast Heiterkeit, ihre Dissonanzen und Wider-Sprüche entlockt – und darin ihren eminent politischen Gehalt offenbart. Deshalb auch ist sein poetisches Ich sich seiner Aufspaltung ins vielstimmige poetische „Wir“ bewusst und nicht nur unbedacht hingesagt. / Andreas Kohm, Literatur und Kunst
Tom Schulz
Die Verlegung der Stolpersteine
Gedichte
Hanser Berlin 2017
128 Seiten, € 18.
geht weiter mit Sonett #27:
WEary with toyle, I hast me to my bed,
Deutsch von Stefan George:
Wenn müd der müh ich auf mein lager eile
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
In Frankreich findet vom 4.-19. März zum 19. Mal der Printemps des Poètes (Frühling der Dichter) statt. Thema in diesem Jahr: Afrique(s). – Noch bis zum 5: März: StAnza 2017, Scotland’s International Poetry Festival. Vom 6.-31. März findet das Festival: Berlin statt. Der 6. März ist seit 2012 der Europäische Tag der Gerechten, gewidmet denen, die ihre moralische Verantwortung im Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Totalitarismus wahrnahmen. 7. März: 7.-18.3. lit.Cologne. Am 7. März 1987 töten taiwanesische Soldaten im Lieyumassaker 19 unbewaffnete vietnamesische Flüchtlinge (Boat people). Am 8. März 1782 beim „Gnadenhütten-Massaker“ (Gnadenhutten, Ohio) erschlagen amerikanische Soldaten 96 christliche Indianer, die zwischen die Fronten des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges geraten sind. Der 8. März ist seit 1926 Internationaler Frauentag. Am 8. März 1010 vollendete der persische Dichter Firdusi sein Schahnameh (Buch der Könige). 10. März ist Gedenktag für den Aufstand in Tibet 1959.
Geburtstage haben am 4. März 1643: Franz Christoph Frankopan, kroatischer Lyriker, 1743: Salomone Fiorentino, italienisch-jüdischer Dichter, 1798: Sigurður Breiðfjörð, isländischer Dichter, 1819: Georg Zetter, Pseudonym: Friedrich Otte, elsässischer Dichter, 1862: Norman Gale, englischer Lyriker, 1869: Eugénio de Castro e Almeida, portugiesischer Dichter, 1870: Thomas Sturge Moore, englischer Schriftsteller, 1873: Oskar Wiener, deutsch-tschechoslowakischer Schriftsteller, 1876: Léon-Paul Fargue, französischer Dichter, 1879: Josip Murn, slowenischer Lyriker, 1894: František Kubka, tschechischer Schriftsteller, 1901: Jean-Joseph Rabearivelo, madagassischer Dichter, 1927: Jacques Dupin, französischer Dichter, 1935: Edward Dębicki, ukrainisch-polnischer Dichter und Musiker, Roma, 1938: F. W. Bernstein, eigentlich Fritz Weigle, deutscher Lyriker, Grafiker und Satiriker, 1938: Kito Lorenc, sorbisch-deutscher Lyriker, 1949: Wolodymyr Mychailowytsch Iwasjuk, ukrainischer Musiker und Dichter, 1954: Irina Borissowna Ratuschinskaja, russische Dissidentin, Dichterin; am 5. März 1703: Wassili Trediakowski, russischer Dichter, 1800: Georg Friedrich Daumer, Lyriker und Übersetzer (Hafis), von Brahms vertont, Erzieher von Kaspar Hauser, 1807: Karl August Timotheus Kahlert, schlesischer Dichter und Literaturhistoriker, 1871: Rosa Luxemburg, polnisch-deutsche Revolutionärin, 1888: Ramón Otero Pedrayo, spanisch-galicischer Schriftsteller, 1888: Friedrich Schnack, deutscher Dichter, 1895: Franz Richard Behrens, deutscher Expressionist, 1895: Fritz Usinger, deutscher Schriftsteller, 1901: Julian Przyboś, polnischer Dichter, 1922: Pier Paolo Pasolini, italienischer Filmregisseur und Dichter; am 6. März 1475: Michelangelo, italienischer Künstler und Dichter, 1495: Luigi Alamanni, italienischer Dichter, 1619: Cyrano de Bergerac, französischer Schriftsteller, 1663: Francis Atterbury, englischer Dichter, 1755: Jean-Pierre Claris de Florian, französischer Dichter, 1781: Ignaz Franz Castelli, österreichischer Dichter, 1806: Elizabeth Barrett Browning, britische Dichterin, 1839: Olegario Víctor Andrade, argentinischer Dichter, 1841: Viktor Burenin, russischer Schriftsteller, 1909: Stanislaw Jerzy Lec, polnischer Aphoristiker, 1929: Günter Kunert, deutscher Schriftsteller; am 7. März 1601: Johann Michael Moscherosch, Barockschriftsteller, 1715: Ewald Christian von Kleist, deutscher Dichter, 1785: Alessandro Manzoni, italienischer Schriftsteller, 1799: František Ladislav Čelakovský, tschechischer Dichter, 1802: Ludwig Halirsch, österreichischer Dichter, 1864: Wilhelm Arent, deutscher Dichter, 1866: Paul Ernst, deutscher Schriftsteller, 1907: Manuel del Cabral, dominikanischer Schriftsteller („poesía negra“), 1909: Léo Malet, französischer Krimischriftsteller und Dichter, 1936: Georges Perec, französischer Schriftsteller, Oulipot, 1944: Jürgen Theobaldy, deutscher Schriftsteller, 1967: Muhsin al-Ramli, irakischer Dichter, Übersetzer aus dem Spanischen; am 8. März 1607: Johann Rist, deutscher Dichter, 1650: Hans von Assig, deutscher Dichter, 1830: João de Deus, portugiesischer Dichter, 1892: Juana de Ibarbourou, uruguayischer Dichter, 1916: Robert Wolfgang Schnell, Berliner Schriftsteller, 1917: Leslie Fiedler, amerikanischer Literaturwissenschaftler, 1921: József Romhányi, ungarischer Lyriker, 1921: Sahir Ludhianvi, indischer Dichter, 1922: Heinar Kipphardt, deutscher Schriftsteller, 1923: Walter Jens, deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, 1931: Neil Postman, amerikanischer Theoretiker, am 9. März 1814: Taras Schewtschenko, ukrainischer Nationaldichter, 1856: Hermann Iseke, Eichsfelder Dichter, 1859: Peter Altenberg, österreichischer Schriftsteller, 1879: Agnes Miegel, deutsche Balladendichterin, begeisterte Anhängerin des Nationalsozialismus, 1883: Umberto Saba, italienischer Dichter, 1892: Josef Weinheber, österreichischer Lyriker, 1947: Keri Hulme, neuseeländische Dichterin, 1974: Marte Huke, norwegische Lyrikerin; am 10. März 1538: Gregor Bersman, lateinischer Dichter aus Sachsen, 1749: Lorenzo da Ponte, italienischer Dichter und Librettist (Hochzeit des Figaro, Don Giovanni, Cosi fan tutte), 1772: Friedrich Schlegel, deutscher Schriftsteller und Kritiker, 1788: Joseph von Eichendorff, deutscher Dichter, 1810: Samuel Ferguson, irischer Dichter, 1854: Arnošt Muka, sorbischer Schriftsteller, 1861: E. Pauline Johnson, kanadische Lyrikerin, 1886: Karl Bröger, deutscher Arbeiterdichter, 1920: Boris Vian, französischer Schriftsteller, 1923: Zdenka Bergrová, tschechische Dichterin, 1925: Manolis Anagnostakis, griechischer Dichter, 1933: Elizabeth Azcona Cranwell, argentinische Dichterin, 1936: Alfredo Zitarrosa, uruguayischer Sänger und Dichter, 1937: Dieter Schneider, DDR-Schlagertextdichter (Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß), 1967: Omer Tarin, englischsprachiger pakistanischer Dichter
Todestage am 4. März 1872: Johannes Carsten Hauch, dänischer Dichter und Physiker, 1872: Johann Friedrich Raeder, deutscher Kaufmann und Kirchenlieddichter, 1916: Franz Marc („Als der Blaue Reiter war gefallen“), 1963: William Carlos Williams, amerikanischer Schriftsteller („No idea but in things“), 1970: Rodolfo Moleiro, venezolanischer Lyriker, 1977: Anatol E. Baconsky, rumänischer Dichter, 2000: Jón úr Vör, eigentlich Jón Jónsson, isländischer Dichter, 2002: Margarete Neumann, DDR-Schriftstellerin, 2009: Carl Guesmer, deutscher Lyriker, 2014: Mark Freidkin, russischer Dichter, Sänger, Übersetzer; am 5. März 1926: Otto Ernst, deutscher Dichter, 1944: Max Jacob, französischer Dichter, 1953: Josef Stalin, Generalissimus, „Verdienter Mörder des Volkes (Brecht), 1962: Wendelin Überzwerch, Schüttelreimer, 1966: Anna Achmatowa, russische Dichterin, 2014: Leopoldo María Panero, spanischer Dichter, am 6. März 1888: Louisa May Alcott, amerikanische Schriftstellerin, 1912: Heinrich Kämpchen, Arbeiterdichter, am 7. März 322 v. Chr.: Aristoteles, 1553: Wolfgang Dachstein, deutscher Organist und Kirchenlieddichter, 1833: Rahel Varnhagen von Ense, deutsche Schriftstellerin, 1913: E. Pauline Johnson, kanadische Lyrikerin, 1922: Carl Ludwig Schleich, Arzt und Schriftsteller aus Pommern, 1934: Ernst Enno, estnischer Dichter, 1945: Adolf Bartels, völkischer und antisemitischer Schriftsteller und Literaturhistoriker, 1957: Wyndham Lewis, britischer Schriftsteller und Maler, Mitbegründer des Vortizismus, 1975: Michail Bachtin, sowjetrussischer Literaturwissenschaftler, 2014: Ned O’Gorman, amerikanischer Dichter, am 8. März 1841: Christoph August Tiedge, deutscher Dichter („Urania“), 1876: Louise Colet, französische Dichterin, 1890: Hermann Conradi, deutscher Schriftsteller, 1897: Friedrich Emil Rittershaus, deutscher Dichter, 1941: Sherwood Anderson, amerikanischer Schriftsteller, 1986: Hubert Fichte, deutscher Schriftsteller, am 9. März 1589: Paul Dolscius (Dölsch), deutscher Mediziner und Dichter, 1825: Anna Laetitia Barbauld, britische Dichterin, 1831: Friedrich Maximilian Klinger, deutscher Dichter, 1892: Vita Sackville-West, englische Schriftstellerin, 1902: Hermann Allmers, norddeutscher Heimatdichter, 1918: Frank Wedekind, deutscher Schriftsteller, 1947: Jhaverchand Meghani, indischer Dichter (Gujarati), 1994: Charles Bukowski, amerikanischer Schriftsteller; am 10. März 1510: Johann Geiler von Kaysersberg, deutscher Prediger und Schriftsteller, 1819: Friedrich Heinrich Jacobi, deutscher Schriftsteller, 1861: Taras Schewtschenko, ukrainischer Dichter und Maler, 1897: Savitribai Phule, indische Dichterin, 1930: Misuzu Kaneko, japanische Dichterin, 1948: Zelda Fitzgerald, amerikanische Autorin und Tänzerin, 1966: Frank O’Connor, irischer Schriftsteller, 1977: Friedrich Schnack, deutscher Dichter
Neu im L&Poe-Regal:
Viel Lob und ein wenig Kritik auch im März 2002. Peter Geist lobt Grünbein und Drawert. Michael Braun lobt Beyer. Alban Nicolai Herbst lobt Filips. Leipziger Volkszeitung lobt Kuhligk. Neue Zürcher lobt Ilma Rakusa. Wolf Biermann lobt Moses Rosenkranz aus Czernowicz. Kraus spottet über Hofmannsthal. Mosebach kritisiert Schlaffer. Außerdem New Nigerian Poetry, „Getürkte“ Lyrik und viel mehr hier.
in der Nacht sehnlich den Schlaf erwartet – nichts gemerkt, als er dann kam
Norbert Wehrs Schreibheft ist seit Jahrzehnten verläßliche Informationsquelle in Sachen Weltliteratur. Poetische Kontinente, die es einfach nicht auf Deutsch gäbe. Auch die neue Ausgabe so voll, daß ich wohl zwei Wochen brauche, um alles recht zu bedenken. Immerhin danke ich es dem sog. „Ruhestand“, daß ich so einen Brocken sofort lesen kann. Das waren zwei aufregende Lesetage!
Nummer 88 beginnt mit „Minutenopern“, einem Werk des französischen Dichters Fréderic Forte, mit dem er zum Mitglied der Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle – „Werkstatt für Potentielle Literatur“) wurde. Dagmara Kraus hat sie ins Deutsche geschmuggelt. Beim Schreibheft muß man auch die Anmerkungen über die Autoren mitlesen. Dagmara Kraus über Forte:
Wünschte Lichtenberg sich in seinen Sudelbüchern noch, „einen Finder zu erfinden für alle Dinge“, hat Fréderic Forte mit seinen Opéras-minute (2005) einen ebensolchen Finder erfunden: wenngleich nicht für „alle Dinge“, so doch für ein ganzes Konzeptbuch von (Bild-)Gedichten, die sich aus einer einzigen, fundamentalen Textproduktionsregel bzw. „contrainte“ generieren, der Titel gebenden „Minutenoper“.
Seit Erscheinen des Bandes Mitglied bei Oulipo, umreißt Forte seinen „Finder“ in einem ereignispartiturhaften Kurztext wie folgt: „Auf einem Blatt einen einfachen vertikalen Strich von der Länge 7,62 cm ziehen, der ‚Szene‘ und ‚Kulissen‘ trennt. Sich dazu zwingen, durch das konstante Spiel von Variationen das Potential des so definierten typographischen Raums in 110 Minutenopern zu erforschen. In der zweiten Hälfte des Buches 55 verschiedene feste poetische Formen (etwa Haiku, Quintine, Lai, Algol-Gedicht oder perfektes Rondeau) ‚als Minutenopern fixieren‘.“
Die wesentlich musikalische Idee der Minutenoper bestimmt mithin durchgängig Gestaltung und lnhalt des Buches. Die Kapiteltitel ausgenommen, spielt sich die poetische Handlung auf jeder Seite in verschiedenen, manchmal osmotischen Konstellationen links und rechts des linearen Vorhangs ab. Zu der strengen Zweiteilung kommt hier und da noch ein kleiner Handlungraum hinzu, ein im etymologischen Sinn obszönes Moment des Textes, ein Off, eine Art Orchestergraben in Miniatur. Unter den contraintes, die sich innerhalb einer Minutenoper umsetzen lassen, finden sich zahlreiche oulipotische Glanzstücke verschiedener Autorschaft wie die Grangaudsche Anagrammsestine (poteau) [(Pfeiler)], die zugleich eine der größten übersetzerischen Herausforderungen des Bandes darstellt.
(Der Strich ist im Heft fast 1 Zentimeter länger, was vielleicht daran liegt, daß der deutsche Text immer etwas länger wird als das Original).
Folgt ein Dossier zu Wolfgang Welt: Die Pannschüppe. Roman. Fragment mit Beiträgen von Peter Handke, Frank Witzel und Hermann Lenz. Wolfgang Welt lebte von 1952 bis 2016. Zuletzt arbeitete er als Nachtportier im Schauspielhaus Bochum. Peter Handke gerät ins Schwärmen: „Ausdruck meines Staunens über das, was er mit seinen Sekunden-, Zehntel- und Hundertstelsekundensätzen im Lauf seines oft mehr als schwierigen Lebens geschafft und geschaffen hat (…) Ich lese, habe gelesen und werde lesen Bücher von Wolfgang Welt als eine grundandere Art von Geschichtsschreibung (…) wie eben ich, der Leser, mit ihm, seinen Sekunden, seinen Bruchteilsekundensätzen mitstreune, mitirre, mithasple, mitstolpere, mittapere (…)“. Mini-Leseprobe aus dem Fragment:
Erstaunlicherweise hatten mein Bruder und seine Kumpels einen Buddy Holly- und keinen Beatles-Club gegründet. Die hörten sie zwar auf BFN oder auf Radio Luxemburg, aber sie waren nicht so begeistert wie von dem toten Texaner, von dessen Ableben sie erst überzeugt waren, als auch sie mit den B-Jugend nach Holland reisten und von den Einheimischen erfuhren, daß Buddy Holly tatsächlich ’59 mit dem Flugzeug abgestürzt war. Erst als dem Mummu die 37 Singles, die er von dem Peggy Sue-Sänger hatte, geklaut wurden, löste sich der Verein auf und die Jungs orientierten sich mehr nach Liverpool.
Drei weitere Dossiers folgen. Norbert Lange hat das erste zusammengestellt zu dem amerikanischen Dichter Charles Reznikoff (1894-1976). Abgedruckt wird eine Probe aus dem 500 Seiten langen Gedicht Testimony / Zeugnis. Die Vereinigten Staaten (1885-1915). Rezitativ mit Übersetzungen von Tobias Amslinger, Hannes Becker, Michael Duszat, Rainer G. Schmidt und Claudia Sinnig. Der Titel deutet schon an, daß es sich um eine „objektive“ Lyrik handelt – Objektivismus heißt eine Strömung in der amerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. In meinem Anglistikstudium an der Universität Rostock kamen die objektivistischen Dichter wie Louis Zukofsky oder George Oppen nicht vor, allenfalls William Carlos Williams als einer der Anreger und vor allem Edgar Lee Masters (1869-1950) mit seiner Spoon River Anthology, von der in der DDR 1966 eine Lizenzausgabe erschienen war (Die Toten von Spoon River). Masters zeichnet das Porträt der amerikanischen Provinz anhand von Grabgedichten, wie dies:
Amanda Barker
Henry hat mir ein Kind gezeugt
Und wußte dabei, daß ich Leben nicht geben könnte,
Ohne meins zu verlieren.
So trat ich jung in die Tore des Staubs.
Wandrer, sie glauben im Dorf, wo ich lebte,
Gattenliebe sei es bei Henry gewesen,
Aber ich ruf aus dem Staube dir zu,
Daß er mich tötete, weil er mich haßte.
(Übersetzt von Wolfgang Martin Schede).
HENRY got me with child,
Knowing that I could not bring forth life
Without losing my own.
In my youth therefore I entered the portals of dust.
Traveler, it is believed in the village where I lived
That Henry loved me with a husband’s love,
But I proclaim from the dust
That he slew me to gratify his hatred.
Reznikoffs Großgedicht hat vieles mit Masters gemein, Masters war zweifellos eine Anregung, ebenso wie Carl Sandburg, aber beide waren keine „Objektivisten“. Masters wie Sandburg wollten ein „Porträt“ der Vereinigten Staaten geben, aber beide liefern eine Moral mit, ob bürgerlich-sentimental oder „progressiv“-propagandistisch. Reznikoffs „Porträt“ der USA 1885-1915 ist aus Zeugenaussagen vor amerikanischen Gerichten komponiert. Nur die Namen der Personen und Orte seien verändert, sagt der Autor. (Michael Duszat vergleicht in einem Aufsatz an einem Beispiel Gedicht und Aktenlage).
Hier ein Beispiel aus Reznikoffs Gedicht:
DER SÜDEN / Auszug
HÄUSLICHE SZENEN
1
Es war fast hell, da brachte sie das Kind zur Welt,
sie lag auf der Steppdecke,
die er für sie gefaltet hatte.
Er hob das Kind auf seinen linken Arm
und trug es aus dem Zimmer,
und sie hörte ein platschendes Geräusch.
Als er wiederkam,
fragte sie nach dem Kind.
Er sagte: „Da draußen — im Wasser.“
Er schürte das Feuer
und kam mit einer Ladung Holz
und kam mit dem Kind
und legte das tote Kind ins Feuer.
Sie sagte: „Oh John, bitte nicht!“
Er blieb stumm,
aber wandte sich zu ihr um und lächelte.
(Deutsch von Tobias Amslinger)
Die Zeugenaussagen berichten, was geschehen ist, gesagt und gehört wurde, ohne Vermutungen und Schlußfolgerungen. Roubaud spricht von radikalem Objektivismus. Reznikoff erklärt sein Verfahren im Vergleich mit einer Zeugenaussage vor Gericht. Da könne man nicht sagen: dieser Mensch war fahrlässig, sondern müsse schildern, wie er gehandelt hat. Die Geschworenen im Gericht, die Leser des Gedichts sind es, die Schlußfolgerungen ziehen.
Masters und Sandburg waren ziemlich erfolgreich weit über den kleinen Kreis der Lyrikleser hinaus. Sandburgs Gedichte werden heute spottbillig in Chicagoer Souvenirläden feilgeboten. Anders mit Reznikoff. Er druckte fast alle seine Bücher selber auf einer Druckerpresse im Keller und verkaufte sich schlecht. Obwohl sein „Zeugnis“ alles andere als schwer verständlich ist. Eliot Weinberger nennt Testimony „das am wenigsten faßbare Langgedicht der Moderne“. Unfaßbar! Die meisten Kritiken seien „furchtbar“ gewesen, schreibt Weinberger. Er „belästige und verstöre“, die Gedichte seien „schmutzig und schmerzhaft“, und selbst C.P. Snow, damals und auch in meinem Rostocker Studium ein berühmter Gesellschaftskritiker, der ein Vorwort zum ersten „sichtbaren“ Gedichtband beisteuerte, das war 1962!, meinte, das Werk habe, „soweit ein Goy das beurteilen kann“ (ach ja, vergaß ich zu erwähnen, der Autor war also Jude), „Beiklänge außergewöhnlicher Fremdheit“. Zu groß war der Abstand zu den herrschenden Vorstellungen von Schönheit und Poesie, gleich ob bei Lesern, Literatur- oder Sozial-Kritikern. Weinberger urteilt: „Die größte Nähe zu Testimony – dem gewiß kein amerikanisches Gedicht im Entferntesten ähnelt – mögen in der Literatur merkwürdigerweise die isländischen Sagas haben, die Reznikoff liebte: Szenen des schieren menschlichen Dramas, in der schmucklosesten Weise geschildert“.
Auf Roubauds Aussagen über den Vers bei Reznikoff werde ich in der nächste Folge in Verbindung mit dem Dossier zu drei französischen Dichtern eingehen.
Absolute Leseempfehlung!
(Michael Gratz)
Schreibheft 88, Februar 2017. 200 Seiten, € 13,00
(Hansens Flaschenpost)
Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Ich muss einen Text nicht lieben, um ihn zu übersetzen, aber ich muss ihn respektieren, sonst geht die Sache garantiert schief. Allerdings darf der Respekt nie so groß werden, dass er in Angst umschlägt, denn zu übersetzende Texte sind wie Hunde: Sie können Angst riechen — und dann geht die Sache erst recht schief.
Soweit ist alles klar, aber trotzdem gibt es sicher für jedeN ÜbersetzerIn so etwas wie Angstgegner, und meine kommen hauptsächlich aus dem Bereich „Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten“. Das ist natürlich nicht die Sorte Angst, die vor Rezensenten zittern macht — als gelernter Altphilologe kenne ich die rabies philologorum, die Philologentollwut (nein, das ist keine sprichwörtliche Redensart sondern eine Diagnose) zu gut, um mich bange machen zu lassen. Fehler zu machen schreckt mich also nicht, auch wenn Sprichwörter eine reichlich fließende Fehlerquelle sind, und mir der Kater, den man bekommt, wenn man eine Nacht lang versucht hat, in eulenspiegelscher Manier Ärmel an ein Wams zu werfen, wohl vertraut ist. Aber dagegen sind genug Kräuter gewachsen. Für das Neugriechische habe ich ja stets Muttersprachler an der Seite, und im Altgriechischen gibt es wohl kaum ein Wort, das in den letzten Jahrhunderten nicht schon zwei- oder dreimal umgedreht worden wäre, und das Umdrehen in umfangreichen Kommentaren und Lexika dokumentiert, für den Fall, dass sich eine Wendung nicht aus dem Stegreif übersetzen lässt; aus dem Steg-Reif, dem Steigbügel also ohne dafür extra vom Pferd abzusteigen. Und wenn nicht, dann kann man damit auch leben; wenn etwa in einem Fragment aus einer Komödie Menanders gesagt wird: „Das Schwein ist im Gebirge, wie man so sagt…”, dann könnte hier ein Sprichwort gemeint sein: Der Jäger prahlt schon mit seiner Beute, aber das Schwein ist noch lebendig und im Gebirge. Sicher ist das nicht, denn dieses Sprichwort lässt sich erst für das mittelalterliche Sizilien nachweisen. Also sollte auch der Übersetzer die Haut des Bären nicht vorzeitig zu Markte tragen und das Schwein eben in den Bergen lassen.
Angst habe ich vielmehr davor, den Lesern meiner Übersetzung ein Vergnügen vorenthalten zu müssen, das ich als Leser des Originals empfunden habe, und – vielleicht noch schlimmer – sie bevormunden zu müssen, als dürfte man ihnen die Spannung, die aus der Möglichkeit entsteht, den Blick zwischen der mehr oder weniger banalen Bedeutung und der vielschichtigen Formulierung eines Sprichwortes wandern zu lassen, nicht zumuten; als dürften sie nicht selbst entscheiden, ob sie „aus dem Stegreif“ nur als „schnell und einfach“ verstehen, oder ob sie Steigbügel und schnellen Ritt vor Augen und das Schnauben der Pferde im Ohr haben wollen (oder ist der Stegreif schon in tausend schalen Mündern so rundgelutscht, dass wir die heimliche Botschaft so wenig hören wie der Esel die Lyra, sozusagen?).
Ich fühle mich dabei oft wie ein Maler, der versucht, ein Aquarell mit Acrylfarben zu kopieren: Wo im Original durch die obere Farbschicht der übertragenen immer noch die untere Schicht der wörtlichen Bedeutung hindurchleuchtet, muss ich mit dem tumben Spachtel die eine unter der anderen begraben und es bleibt nur eine entweder eindeutig langweilige oder eine fremdartig unverständliche Schicht sichtbar.
Τὼ βόε μοι· σῖτον δὲ τετεύχατον, ἵλαθι, Δηοῖ,
δέχνυσο δ‘ ἐκ μάζης, οὐκ ἀπὸ βουκολίων·
δὸς δὲ βόε ζώειν ἐτύμω καὶ πλῆσον ἀρούρας
δράγματος, ὀλβίστην ἀντιδιδοῦσα χάριν.
σῷ γὰρ ἀρουροπόνῳ Φιλαλήθεϊ τέτρατος ἤδη
κτάδος ἑνδεκάτης ἐστὶ φίλος λυκάβας,
οὐδέποτ‘ ἀμήσαντι Κορινθικόν, οὔ ποτε πικρᾶς
τῆς ἀφιλοσταχύου γευσαμένῳ πενίης.
Wieder ein Genrestückchen aus der Anthologia Graeca (6,40), diesmal zum Thema „Lob der Bescheidenheit” von Makedonios Hypatos. Ein alter Bauer opfert der Demeter zwei aus Brotteig geformte Stiere, weil sein Vermögen für ein größeres Opfer nicht ausreicht.
Zwei Rinder; die haben mir mein Brot verschafft; sei gnädig, Deo,
nimm sie aus Teig geformt an, nicht wie sie aus dem Stall kommen.
Lass die Rinder am Leben, die echten, und fülle mein Land
mit Getreide; so erweist du mir die größte Gegengunst.
Denn dein Pflüger Philalethes lebt schon das vierte
Jahr seiner neunten Dekade,
hat nie korinthische Ernte eingebracht, hat aber auch nie
die bittere, ährenhassende Armut gekostet.
Das Problem ist die „korinthische Ernte”. Korinthisch steht im Griechischen sprichwörtlich für eine besonders reiche Ernte. Das lässt sich im Lexikon nachschlagen. Ich kann also den Farbtupfer, der ja zugleich neben diesem schlichten Bauern und seinem schlichten Opfer das prächtige Korinth dem Leser vor Augen bringt, im Text stehen lassen und in den Fußnoten erklären. Oder ich spachtele eben die aus dem Lexikon entnommene Bedeutung in der Übersetzung darüber („…hat nie besonders reiche Ernte eingebracht…”) und aus ist es mit der schönen Assoziation. Aber man kann ja mit Acrylfarben zwar nicht in Schichten malen, mischen kann man sie aber doch: „…hat nie gelebt wie Gott in Frankreich, hat aber auch nie die Armut kosten müssen.” Natürlich ist eine solche Übersetzung in die Gegenwartsprache verführerisch, macht den Übersetzer ein bisschen stolz und ja, Korinths Image in der Antike (luxuriös, kultiviert und ein bisschen frivol) spiegelt sich sehr schön im Image, das Frankreich in dieser Wendung anhaftet. Oder doch nicht? Hintergehe ich nicht den Leser der Übersetzung, wenn ich ihm den Eindruck vermittle, ein antiker Dichter habe so gesprochen und gedacht wie einer des 19. oder 20. Jahrhunderts? Es ist ein Elend; und ich habe, bevor ich mich für die erste Lösung entschieden habe, bestimmt einen ganzen Nachmittag mit Tupfen, Spachteln, Mischen und wieder abkratzen der Farbschichten verbracht.
Es kann aber auch passieren, dass ich in eine Falle tappe, in der ich mich so wohl fühle, dass ich sie gar nicht mehr verlassen mag. για ανέμους και για νερά (über Winde und Wasser) sagt man im neugriechischen sprichwörtlich für „über dieses und jenes sprechen”. Das wusste ich nicht nur nicht, die Wendung hat mir in dem Gedicht „Es ist untersagt” von Katerina Angelaki-Rooke so gut gefallen, dass ich in der Übersetzung auch dann nicht davon lassen wollte, als meine griechischsprachigen Freunde darauf hingewiesen haben. Der Farbtupfer allein hätte den Leser irregeführt, ihn zuzuspachteln habe ich nicht übers Herz gebracht, so wenig wie neu mischen (von Hölzchen auf Stöckchen kommen?) und am Ende haben wir beide Farbflächen einfach nebeneinander gesetzt.
Hier das ganze Gedicht in der Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir, im Anschluss das griechische Original:
Es ist untersagt
Komm nicht näher;
ich kenne diesen Gang in der Dunkelheit,
die sich genauso anschleicht.
Geh nicht auf Zehenspitzen,
denn ich stelle mir deine Fußnägel vor wie kleine Muscheln,
die leuchten an deinem ozeanischen Körper.
Sprich nicht; ich kenne diese Unterhaltung,
angeblich über Winde und Wasser, über dies und das,
in Wahrheit jedoch über die Wesen und wie sie sich fühlen,
wenn du sie berührst.
Denk nicht; ich kenne diese Gedanken,
angeblich an Gott,
der im Tempel deiner Brust wohnt,
in Wirklichkeit aber,
damit du mich fernhältst
von jeder fleischlichen Schlussfolgerung.
Atme nicht mehr;
du sagst mir, dass es nötig ist,
damit du leben kannst.
Ich glaube es nicht; du tust all das,
um mich in Versuchung zu führen,
um mich umzubringen.
Existiere nicht; es gibt kein „Warum“. Einfach so.
Komm nicht näher.
Απαγορευτικό
Μην πλησιάζεις΄
το ξέρω αυτό το βήμα μες στο σκοτάδι
που σιμώνει κι αυτό.
Μη νυχοπατάς΄
γιατί φαντάζομαι τα νύχια των ποδιών σου
να λάμπουν σαν αχηβαδάκια στην άκρη του ωκεάνιου σώματός σου.
Μη μιλάς΄ την ξέρω αυτή την κουβέντα
για ανέμους δήθεν και για νερά
στην ουσία όμως για όντα και πώς νιώθουν αυτά
όταν τ΄αγγίζεις.
Μη σκέφτεσαι΄ τις ξέρω αυτές τις σκέψεις
για το Θεό τάχα
που κατοικεί στο ναό του στήθους σου
στην πραγματικότητα όμως
για να με κρατάς
έξω από κάθε ζωικό συμπέρασμα.
Μην ανασαίνεις΄
πως είναι μου λες απαραίτητο για να ζεις.
Δεν τα πιστεύω εγώ αυτά΄
για να με δαιμονίσεις το κάνεις να με πεθάνεις.
Μην υπάρχεις΄ δεν έχει «γιατί». Γιατί έτσι.
Μην πλησιάζεις.
Diese Seite aus Wrocław/Breslau ist auf Polnisch geschrieben, aber auch wer von der Sprache nichts versteht, kann sie mit Gewinn ansehen. Sie bringt bei uns zu Unrecht kaum bekannte Beispiele konkreter Poesie von Stanisław Dróżdż (1939-2009) aus Wrocław, die man wegen der visuellen Komponente eben sehen kann, bevor man was versteht. Ich rücke hier einige Beispiele ein, bei denen ich die im Bild vorkommenden polnischen Wörter übersetze. Die meisten der ausgewählten Beispiele haben außer mit Wort und Bild auch mit Mathematik zu tun.






Hrsg. von Urs Engeler. 52 Seiten. Einzelheft 6 € (D)
Stephan Broser: Gedichte.
Nicolai Kobus: bildgebende verfahren. studien zur selbstwahrnehmung: Gedichte zu Bildern von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Giorgi de Chirico, Andy Warhol u.a. Jedes Gedicht in einer anderen Form, z.B. reimlos, Strophenformen Zwei-, Drei-, Vier, Fünf- u. Mehrzeiler, Terzine usw. Das Gedicht zu Hogarth beginnt mit „eigentlich sollte das hier ein sonett / werden aber mir ist gerade so jazzy / ums gemüt improvisieren das gebot“. Das Gedicht zu einem Selbstbildnis von de Chirico endet so:
(…) und diese frage: was ich lieben
werde wenn den letzten schatten schräg
ich an den lichteinfall gelehnt die schiefe
ebene so träg ins bild gezogen haben werde:
scheiß latein und scheiß zentrale perspektive
Die dazugehörigen Bilder sind nicht mit abgedruckt, aber exakt bezeichnet. Man kann sie aus dem Text imaginieren oder ggf. danach googeln.
S.T. Coleridge: This Lime-Tree Bower My Prison (as published in Sibylline Leaves, 1817) im Original und der Übersetzung von Florian Bissig.
Joseph Joubert (1754-1824), aus den Carnets. Auswahl und Übersetzung Martin Zingg mit einem Essay des Übersetzers. Die für mich bemerkenswerteste Entdeckung dieses wie jede Mütze an vergnüglicher und spannender Lektüre sowie Entdeckungen reichen Heftes. Maurice Blanchot nannte ihn „einen der ersten ganz modernen Schriftsteller (…), da er der Kreislinie das Zentrum vorzog, die Ergebnisse der Aufdeckung ihrer Bedingungen opferte, und nicht schrieb, um Buch an Buch zu reihen, sondern um die Herrschaft über jenen Punkt zu erlangen, aus dem, wie er meinte, alle Bücher hervorgehen und der ihn, hätte er ihn einmal gefunden, der Aufgabe entheben würde, welche zu schreiben.“ Er schrieb fast täglich, veröffentlichte aber kein einziges Buch. In Kenntnis der französischen Literatur würde man ihn für einen Aphoristiker halten und den Moralisten zurechnen, tatsächlich wurden seine postumen Veröffentlichungen lange „Pensées“, Gedanken genannt und in thematische Ordnungen gebracht seit dem ersten Auswahlband, der 1838 in einer Miniauflage von 50 Exemplaren erschien, herausgegeben von seinem Freund und Verehrer Chateaubriand. Aber es sind keine Aphorismen, es fehlt die „Prozedur des Pointierens“ und „jedes Rechthaben- und Verblüffenwollen“. Ich mußte beim Lesen an Wolfgang Koeppen denken, der, seit er Suhrkampautor wurde, kein einziges Buch mehr schrieb und über dessen Schreibunlust oder -unfähigkeit die Kritiker zu Lebzeiten und postum rätselten und orakelten. Von Schreibfaulheit war und ist oft die Rede, aber er schrieb und füllte tausende Seiten mit zumeist geschliffener Prosa, nur er „lieferte nicht“. Joubert schrieb mehrfach von seinem Widerwillen gegen „zu viele Bücher“, die große Zahl nehme ihm die Lust und töte das Vergnügen, und überhaupt sei er, wie Montaigne, „ungeeignet für den fortlaufenden Gedankengang“. Blanchot: „Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben“. Erst 100 Jahre nach seinem Tod begann man seine Eigenart zu respektieren und nicht „Gedanken“ zu Themen herauszuziehen, sondern seine Hefte, Carnets, in chronologischer Folge zu edieren, 250 gebundene Notizbücher fanden sich im Nachlaß.
Ein paar Kostproben:
Manchmal ist das ungenaue Wort dem genauen vorzuziehen. Es gibt, nach einer Äußerung von Boileau, elegante Dunkelheiten; es gibt majestätische; es gibt sogar notwendige: das sind jene, die den Geist das imaginieren lassen, was ihn die Klarheit nicht sehen lassen könnte.
Geplagt vom verfluchten Ehrgeiz, immer ein ganzes Buch auf eine Seite zu bringen, jede Seite in einen Satz, und diesen in ein Wort.
Es müssen viele Stimmen zusammen in einer Stimme sein, damit sie schön ist. Und verschiedene Bedeutungen in einem Wort, damit es schön ist.
Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt.
Robert Kelly: Gewissheiten. Die Maximen von Martin Traubenritter. Robert kelly: Interview Teil II. Hier zwei der Maximen:
2.
Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Sed stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht.
14.
Wahrheit hängt davon ab.
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
25
LOrd of my loue, to whome in vassalage Thy merrit hath my dutie strongly knit; To thee I send this written ambassage To witnesse duty, not to shew my wit. Duty so great, which wit so poore as mine May make seeme bare, in wanting words to shew it; But that I hope some good conceipt of thine In thy soules thought (all naked) will bestow it: Til whatsoeuer star that guides my mouing, Points on me gratiously with faire aspect, And puts apparrell on my tottered louing, To show me worthy of their sweet respect, Then may I dare to boast how I doe loue thee, Til then, not show my head where thou maist proue me
Einige Anmerkungen zum Text:
Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:
Herr meiner Liebe, dessen heil'ge Banden Mit königlicher Macht mein Herz umschlingen, Dir send' ich diesen schriftlichen Gesandten, Um treue Huldigung dir darzubringen. So große Pflicht kann zwar mein armer Geist Nicht, wie sich's ziemt, geschmückt dir übersenden; Doch deiner Seele Reichthum macht mich dreist. Du selbst wirst huldreich edlen Schmuck ihr spenden. Vielleicht strahlt bald herab mit holder Gunst Ein freundliches Gestirn auf meine Bahn, Das meine Liebe schmückt mit reicher Kunst, Daß ich kann würdig deinem Blicke nah'n. Dann darf ich kühn, wie ich dich liebe, sagen; Jetzt, wo du bist, nicht mich zu zeigen wagen.
Plessow übersetzt den Schlußreim so:
Dann wag ichs, wie ich liebe, stolz zu preisen; noch zeig ichs nicht –– aus Scheu, es zu erweisen.
Quellen
In der Ausgabe der Lyrikzeitung vom 17. gab es einen Bericht über meine fast zwei Begegnungen mit Hadayatullah Hübsch. Teil zwei: ein Gesprächsprotokoll.
Ein nicht geführtes Gespräch mit Hadayatullah Hübsch (Ex Libris – Fundstücke in meiner Bibliothek)
Anmerkung: Alle unter seinem Namen veröffentlichten Worte sind original Hadayatullah Hübsch aus verschiedenen Quellen, höchstens gelegentlich die Zeichensetzung leicht angepaßt und ein winziger Zusatz in eckiger Klammer.
G: Wir sprachen gestern über Rumi. Du meintest, es sei ein westliches Vorurteil, Dichter wie Hafis und Rumi hätten auch über Wein und irdische Freuden geschrieben…
Hübsch: „Trink, was in dem Glas ist“, sagt er und meint damit, dass der Rahmen, das Gefäß, zwar zu beachten, aber nicht über Gebühr zu bewerten sei, dass wir sehen, indem wir die Einheit des anderen …
G (unterbricht): Immer kommt einer der es besser weiß und und sagt was gemeint ist.
Hübsch (lächelt)
G: Was meinst du, war Rumi ein frommer Moslem?
H: Muslim…
G: meinetwegen Muslim, war er?
H: Es gibt keinen Zweifel daran …
G (will unterbrechen, aber H redet weiter)
H: … dass Rumi sich an alle 700 Gebote des Qurâns gehalten hat, dass es gerade dieser Gehorsam dem Gesetz gegenüber gewesen ist, der ihn im Innen und Außen, in Ekstase und Erklärung hat zum Meister werden lassen. Er meint ja eben auch nicht, dass er etwa kein Muslim mehr sei,
G: Na wenn du’s sagst, glaub ich’s mal…
H (einfach weiter): … wenn er bedeutet: „Was ist zu tun, o Moslem?
G (will einwenden)
H: … Ich kenne mich selbst nicht mehr. / Ich bin weder Christ noch Jude,/ weder Perser noch Moslem.“
G: Ah, und damit will er sagen…
H: Was er klar machen will, ist die Bedeutung von Muslim-Sein…
G: Alles klar.
H: Rumi in einem anderen Gedicht:
Es klopfte einer an des Freundes Tor
Wer bist du, sprach der Freund,
wer steht davor?
Er sagte: Ich; Sprach der:
so heb dich fort –
an diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!
Den Rohen kocht das Feuer
Trennungsleid –
Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!
Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
Im Trennungsfunken brannt er
ganz und gar.
Reif kam dann der Verbrannte
von der Reise,
Dass wieder er des Freundes Haus
umkreise.
Er klopft ans Tor mit hundertlei Acht,
Dass ihm entschlüpf‘ kein Wörtlein
unbedacht.
Es rief der Freund: Wer steht dort
vor dem Tor?
Er sagte: Du Geliebter, stehst davor!
Nun, da du ich bist, komm,
o Ich, herein –
zwei Ich schließt dieses enge Haus
nicht ein!
Das Haus ist hier sicherlich
G (höhnisch): sicherlich!
H (unbeirrt) … sicherlich zunächst die Kaaba,
G: Zunächst, das ist gut, gefällt mir echt!
H: das Gotteshaus in Mekka, während Mekka für die Erlebnissphäre, den Bewusstseinsrahmen des Reisenden steht.
Die Kaaba ist dabei die Brust des Menschen, die von den Götzen der Heuchelei zu befreien erste und wichtigste Aufgabe des Pilgers ist, nachdem er die Religion vor Allah, Islam, angenommen hat.
Der Stein in der Kaaba ist das Herz des Menschen. Der Geliebte ist das Herz des Freundes. In ihm vereinigt sich der Liebende zu sich, indem er die Geheimnisse und Schmerzen der Liebe zu ihm auf sich nimmt.
G: Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlos, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?
H: Dass er in diesem Bereich der Offenbarung lebt, unterscheidet ihn von den anderen seiner Umgebung. So ist er weder den Elementen verhaftet, noch den Oberflächen, sondern in dem ekstatischen Sein der „Trunkenheit und Lustbarkeit“. Diese Symbole haben nichts zu tun mit jenen Ausschweifungen, die der „Rohen Ort“ sind.
G: Schade eigentlich.
H (erfreut über die Anteilnahme): So werden auch ungewöhnliche Vergleiche von dem islamischen Mystiker in der Reinheit des hinter den Reizen stehenden Erfahrens benutzt, und nicht etwa als Zustandsbeschreibung oder Mitteilung über akute Erlebnisse bloß körperlicher Art. Die Dimension des Zungengenusses wird aufgehoben und durch den Seelengenuss ersetzt. Dabei hat jedes Nahrungsmittel seinen symbolischen, spirituellen Wert und seine moralische Entsprechung, was uns auch einen Grund dafür eröffnet, dass das ‚schweinische Schwein’ als Nahrungsmittel abgelehnt wird und der körperliche Weinrausch als grober und verwirrender Reiz zudem.
G: Da frag ich mich, wie der Wein als Symbol für so erhabene Seelenwerte taugt, wenn man ihn gar nicht kennt. Aber gut, morgen mehr über Rumi und Hafis. Von dem gibts wunderbare Schenkengedichte und Liebesgedichte! – Eigentlich wollten wir über Politik sprechen, über Dschihad.
H: In den westlichen Medien wird dieses quranische Wort „Dschihad“ meist mit „Heiliger Krieg“ übersetzt,
G: Sagen das nicht auch Islamisten ähnlich?
H: … und unwissende, törichte Leute, die aus Ländern stammen, in denen es eine islamische Tradition gibt, haben
G: Lesen die denn westliche Medien?
H: … haben mit ihrem Unverständnis des Qurans diesen „Heiligen Krieg“ zu Terrorismus pervertiert. Ich versichere [dir], daß es im gesamten Quran keinen einzigen Vers, noch einen Hinweis dafür gibt, daß aggressive Gewalt ein Prinzip der Politik sein kann.
G: Und was ist mit Steinigungen von Ehebrechern, Haftstrafen und Auspeitschungen für Leute, Moslems, die „vom Glauben abfallen“ (komischer Ausdruck, als wär der Glauben ein Pflaumenbaum im Herbst)? Was mit Mord an westlichen Karikaturisten und Übersetzern?
H: Weder steht auf Gotteslästerung, noch auf Beleidigung des Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, noch auf Ehebruch die Todesstrafe.“
G: Dein Wort in Gottes Gehörgang, sagt man bei uns.
(sage ich und schäme mich sofort, weil ich vergessen habe, daß er auch einer „von uns“ ist, ein Konvertierter, wie sein Verlag sagt.)
H (lächelt)
G: Aber sag, wie meinst du das mit Büchner, du hast gestern so was angedeutet?
H: Georg Büchner, der, wie kaum ein anderer seiner Zeit, visionär vorausahnte, soll 1837, als er im Schweizer Exil im Sterben lag, der Überlieferung gemäß gesagt haben: „O Deutschland, wenn ich etwas für dich wünschen könnte, dann eine neue Religon.“
G: Ach, wenn das nicht sein frömmlerisches Weib erfunden hatte, weil sie Angst vor Gottes und der Obrigkeit Strafe hatte. Wahrscheinlich hat die doch auch sein letztes Stück deshalb vernichtet?
H (unbeirrt): Für ihn hatte, nimmt man das ihm zugeschriebene letzte Wort ernst, seine Lebensleistung – revolutionäre Umtriebe nach dem Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ …
G: ja, bekannt …
H: … hatte seine Lebensleistung nur in dem einen Sinn und Bestand, was man in der Epoche der sozialen und technischen Veränderungen am wenigsten gern hörte: Nämlich der Sehnsucht nach einem Lebensweg, der Gott und Welt vereint. Religion, das, was Büchner herbeiflehen wollte …
G: Komm, jetzt überziehst du aber. Erst sagst du korrekt, „der Überlieferung gemäß“ soll, SOLL er das gesagt haben, und zwei Halbsätze behandelst du das als Gewißheit und baust deine Schlußfolgerung drauf, als wär sie Büchners. – Sag mal, hast du was zum Trinken da?
H (lächelt jetzt nachsichtig, und weist mit dem Handrücken nach dem Küchentisch. Ah, er hat sich gemerkt, was mein Lieblingsbier war.)
Wir sprachen nachher noch von Hitler, Büchner, Allah und Deutschland. Als mein Bier aus war, verabredeten wir uns auf morgen. Diesmal wollten wir bestimmt über Literatur sprechen, über seine literarische Karriere vor und nach der Konversion oder, wie er immer sagte, den drei Wundern, die ihn gerettet hätten. Auch über seine Erfahrungen mit Performance und Social Beat. Und über islamische Mystik! Aber diesmal ohne Öffentlichkeit, „bring dein Aufnahmegerät gar nicht erst mit“, ja, darin waren wir uns einig.
Benutzte Literatur von Hadayatullah Hübsch:
Hier kann man mehrere Broschüren, Faltblätter und Bücher von Hadayatullah Hübsch kaufen und zum Teil sich kostenlos schicken lassen oder als Pdf herunterladen.
Für Oper und Ballett geben die Städte des Ruhrgebiets pro Jahr über 150 Millionen Euro aus. Für das Sprech-Theater über 50 Millionen. Und für die institutionelle Förderung der Literatur den vergleichsweise läppischen Betrag von rund 100.000 Euro. Da sind zum einen die seit anderthalb Jahrzehnten nicht erhöhten 50.000 Euro, die der Regionalverband Ruhr (RVR) der Literatur zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen Breckerfeld und Xanten pro Jahr zukommen lässt. 5000 Euro davon gehen an das Literaturbüro in Unna und 45.000 an das mit zwei „vollzeitnahen Teilzeitstellen“ ausgestattete Gladbecker Literaturbüro Ruhr, das davon vor allem den alljährlich verliehenen Literaturpreis Ruhr organisiert. Der ist mit 10.000 Euro für den Hauptpreis und 2555 Euro für zwei Förderpreise dotiert. Und da sind zum anderen die 44.800 Euro pro Jahr, die von der Stadt Dortmund an das dortige Literaturhaus überwiesen werden.
Den wesentlichen Beitrag zur Pflege von Dichtung und Wahrheit, Lyrik und Prosa in der selbsternannten 5-Millionen-Metropole Ruhr aber leisten nach wie vor private Initiativen und Vereine. Von denen gibt es zwar mehr als in den meisten deutschen Großstädten – aber ihre Wahrnehmung reicht selten über die Grenze einer Stadt hinaus. / Jens Dirksen, WAZ
Von Sabine Scho, hier ein Auszug:
1953 eröffnete H. C. Artmann seine „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ wie folgt: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen.“
Das war weniger Koketterie als Notwehr einer später als Wiener Gruppe bekannt gewordenen Lyrik-Avantgarde, die schlicht zunächst weder Publikations-, noch Auftrittsmöglichkeiten hatte. Dichter*innen-Avantgarden, das ist 2016 nicht viel anders, finden und fanden sich zunächst jenseits der ausgetretenen Pfade. Zumal, als um 1996 bei vielen Publikumsverlagen die Mischkalkulationen fielen, große Konzerne das Ruder übernahmen und aktuelle Lyrik kaum noch verlegt wurde, war dies das Rebirthing einer Avantgarde aus Notwehr.
Neue Non-Profit-Verlage entstanden im Anschluss beinahe ausschließlich für Dichtung, allen voran Kookbooks, der von Daniela Seel zusammen mit ihrem Gestalter Andreas Töpfer gegründet wurde und jenseits der Literaturhäuser selber Lesungen und Performances an ständig wechselnden Örtlichkeiten organisierte.
Kollektive wie die G13 und Kollaborationen, die ganz neue Formate ins Leben riefen, wie die rottenkinckschow, folgten. Letzte liefert ein forschungsbasiertes Bühnenformat zur Erzeugung von Anschaulichkeit, das von den Autorinnen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho 2008 ins Leben gerufen wurde.
Die Einmaligkeit der Themendarbietung ist darüber hinaus singulär. Man setzt, ganz entgegen künstlerischer Verwertungslogiken, auf das Prinzip der Nicht-Wiederholbarkeit.
Wer also den Lyrik-Avantgarden folgen will, muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonist*innen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter*innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press. / (vollständig lesen!) Mehr hier
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Hadayatullah Hübsch, Tom Raworth, Dagmara Kraus, Kladde & Ingolddebatte, Shakespeare und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Dagmara Kraus
çatodas
drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
ah, das wusstest du schon, na dann
drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
die eine hockt noch schief im rachen, indes die andern
angenähte tanten machen, wie damals die aus
liza stara, am saalrand die, parade rara
drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
und rührst dir was aus drei familien, führst krudes
in die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
kuckuckskinder, bülbülschinder, wie du wörtchen
aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol
verschraubst, was syntaktisch, synku, sich nie binden
ließe. pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind
betrogen, um die eine muttersprache; alles dreimal
3 x strachy, 3 ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
deine zunge, kindlein, splisst: père, quoi to ist, äquator
Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Weiter hier
His poetry is, maybe above all, provocative, upending readers’ expectations about how a text should operate, and inviting a level of interpretive participation that pushes the poet, the text, and the audience toward equality as co-partners in making it. Writers have characterized his work by its “laconic egolessness” (Geoff Ward); its speed, “half-emotional, like someone laughing at his own joke while he is telling it” (Fanny Howe); its “tragedian’s sense of the comic as one of life’s fated inevitabilities” (Lyn Hejinian). / Mehr
Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche, ausnahmsweise nicht von mir, sondern aus meinen Postmappen
In den Untiefen [wer wohnt in ’ner Ananas ganz tief im Meer? sprich oberflächlich also nicht?] moderner [definiere er] Dichtung ringen seit jeher [jwd] zwei [why?] widerstreitende [Steuerfestsetzungen, nein ..] Prinzipien [zwei Seelen wohnen, ach] um die Vorherrschaft [totale Poetik?]. Das Unverständliche kämpft mit dem Verständlichen [das Unverständliche kämpft also zumindest verständlich?], das Hermetische mit dem Zugänglichen [das Hermetische verschränkt einfach nur die Arme], das Autistische [Sowas macht mich sauer. Es gibt keine autistischen Texte. In diesem Fall aber einen unreflektierten Rezensenten, der sich anschickt, Autismusdiagnöschen zu verteilen] mit dem Kommunikativen [zumal autistisch und kommunikativ keine Gegensätzlichkeiten sind]
Aus & zu: Webforum für Lyrik. Glückliche Missverständnisse. Muss große Dichtung schwierig sein? Eine Kolumne zum ewigen Streit zwischen dem Verständlichen und dem Unverständlichen. Von Gregor Dotzauer. Tagesspiegel
Am 2. Februar veröffentlichte Felix Philipp Ingold einen Artikel über Stilverfall und Sprachverflachung in der Gegenwartsliteratur. Auszug:
Der Trend zu unreflektiertem literarischem Tun ist, wohlgemerkt, nicht bloss in Erzähltexten zu beobachten, er bestimmt auch die zeitgenössische deutschsprachige Poesie. Sie hat sich mehrheitlich – vorab in den privilegierten Genres des Liebes- und des Naturgedichts – zu einer Art Plauderlyrik gewandelt, bei der einzig der Zeilenfall oder ein parodistisch gesetzter Endreim noch kundtut, dass der Text als Gedicht zu lesen ist.
L&Poe dokumentiert Ingolds Fazit der sich anschließenden Debatte.
Drei Übersetzer, die sich in besonders exponierte Randzonen vorwagten, haben wir aufgesucht, um etwas über den Umgang mit solchen Schwierigkeiten zu erfahren. Es handelt sich um sprachlich und kulturell disparate Projekte, die aber gerade deshalb exemplarische Fragen aufwerfen.
William Wordsworths «The 1805 Prelude», erstmals übersetzt von Wolfgang Schlüter, tritt die lyrische Bewegungsfähigkeit einer Sprache hervor. Rainald Simon unternimmt bei seiner Übertragung des altchinesischen «Shijing» den Versuch, zwei disparate Sprachsysteme und damit Kulturen zu verbinden – das grammatisch offene, monosyllabische Chinesisch mit einer durchdeklinierten indoeuropäischen Sprache. Die für die Übersetzerin Beate Thill wegweisende Begegnung mit dem frankofonen Dichter Tchicaya U Tam’si aus der Volksrepublik Kongo wiederum illustriert die interkulturelle Wandlungsdynamik einer europäischen Ausgangssprache. / Martin Zähringer, Neue Zürcher Zeitung
Eine Performance von Christoph Winkler über Lyrik, Übersetzung und Tanz in Berlin
Die chinesische Lyrikerin Yu Xiuhua wurde mit dem Gedicht „Crossing Half of China to Sleep with You“ über Nacht zum Star. Das Gedicht wurde vielfach ins Englische übersetzt. Diese Texte differieren mitunter nur in wenigen Worten – und doch ändert sich so ihre Bedeutung. Jede Übersetzung beinhaltet ein Scheitern. Für den Choreografen Christoph Winkler und den Performer Naishi Wang ist das der Ausgangspunkt für eine neue Performance:
Beide folgen beim Übertragen der Wörter in Bewegungen, Gesten und Posen einer Subjektivität, die dem Gebrauch der Worte ähnlich ist. So entstehen Kombinationen physischer Symbole und lyrischer Metaphern, die oszillieren, ineinander verschmelzen und sich gegenseitig irritieren. Über den Atem des Tänzers, werden Yu Xiuhuas Worte und Laute eingesogen und finden Resonanz in Körper und Bewegung. Das Scheitern des Übersetzungsvorgangs wiederholt sich bei der Übertragung in die Sprache des Körpers und kreiert eine Atmosphäre der Uneindeutigkeit./ Mehr
Premiere: 22. Februar 2016, 20 Uhr, Vierte Welt| Neues Zentrum Kreuzberg| Galerie 1. OG | Kottbusser Tor| Adalbertstr. 96.
geht weiter mit Sonett #25:
LEt those who are in fauor with their stars,
Deutsch von Dorothea Tieck:
Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte,
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
Die Stadt Hausach und der Hausacher LeseLenz vergeben in Kooperation mit der Neumayer Stiftung und dem Verein zur Förderung des Hausacher LeseLenzes e.V. drei Arbeits- und Aufenthaltsstipendien ohne Gegenleistung.
Zum einen in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch, zum anderen ein Stipendium für Lyrik oder Prosa. Ein drittes Stipendium trägt den Namen „Gisela-Scherer-Stipendium des Hausacher LeseLenzes“. Dieses Stipendium soll an Gisela Scherer erinnern, die im Jahr 2010 verstorben ist. Sie war Mitbegründerin des Hausacher LeseLenzes vor 20 Jahren und hatte die Idee der Hausacher Stadtschreiber-Stipendien mitentwickelt. Das Gisela-Scherer Stipendium kann sowohl für Lyrik und Prosa als auch in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch vergeben werden.
Die Stipendien werden jeweils für drei Monate zugeteilt und bestehen aus der Bereitstellung einer Wohnung in Hausach und der Zahlung von € 1.500.- pro Monat und Stipendium.
Einsendeschluß: 30.4. Mehr hier
Der libanesische Dichter Akl Awit erhält den Prix Nikos Gatsos für sein Buch «L’échappée», L’Orient des Livres, aus dem Arabischen übersetzt von Antoine Roumanos. / L’Orient, Le Jour
Am 19. ist Brancusitag in Rumänien, am 20. Welttag der Sozialen Gerechtigkeit (UNO). Am 20. Februar 1909 wurde das Futuristische Manifest in der Zeitung Le Figaro veröffentlicht. Am 20. Februar 1933 traf sich Hitler heimlich mit deutschen Industriellen zur Finanzierung seines Wahlkampfs für die letzte Reichstagswahl, zu der andere Parteien als die NSDAP zugelassen war. 21. ist Internationaler Tag der Muttersprache (UNO) und in der evangelischen Kirche Gedenktag für den „Apostel der Lappen“ Lars Levi Læstadius. Am 21. Februar 1989 wird Václav Havel wegen „Rowdytums“ zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilt. Noch im selben Jahr wurde er Staatspräsident seines Landes, so schnell geht es manchmal.
Geburtstage haben: am 18. 1867: Hedwig Courths-Mahler, 1898: Luis Muñoz Marín (puertorikanischer Dichter), 1925: Jack Gilbert, amerikanischer Dichter, 1926: A. R. Ammons, 1931: Toni Morrison, 1933: Yoko Ono, 1934: Audre Lorde, 1938: Elke Erb, am 19. 1473: Nikolaus Kopernikus, 1747: Heinrich Leopold Wagner, 1812: Zygmunt Krasiński, polnischer romantischer Dichter, 1826: Claus Pavels Riis, norwegischer Dichter, 1869: Howhannes Tumanjan, armenischer Dichter, 1881: Paul Zech, deutscher Dichter, 1888: José Eustasio Rivera, kolumbianischer Dichter, 1896: André Breton, 1917: Margarete Neumann, 100. Geburtstag der DDR-Schriftstellerin, Mutter von Gert Neumann, 1920: Jaan Kross, estnischer Schriftsteller, 1936: Frederick Seidel, amerikanischer Dichter, am 20. 1751: Johann Heinrich Voß, deutscher Dichter und Übersetzer, 1894: Curt Corrinth, deutscher Schriftsteller, 1909: Heinz Erhardt, 1967: Kurt Cobain, 50. Geburtstag, am 21. 1837: Rosalía de Castro, spanische Dichterin, die außer Spanisch auch Galizisch schrieb und eine Wegbereiterin der Moderne wurde, 1846: Svatopluk Čech, tschechischer Dichter, 1871: Paul Cassirer, deutscher Verleger (Else Lasker-Schüler, Walter Hasenclever, Kasimir Edschmid, René Schickele, Wolfgang Koeppen) und Galerist, 1895: Erich Knauf, Journalist, Schriftsteller und Liedtexter („Mit Musik geht alles besser“), von den Nazis hingerichtet, 1903: Anaïs Nin, 1903: Raymond Queneau, 1907: W. H. Auden, 1920: Ishigaki Rin, japanische Dichterin, 1926: Karl Otto Conrady, deutscher Literaturwissenschaftler, Gedichtanthologie „Der Conrady“, 1944: Ingomar von Kieseritzky, 1955: Gerhard Gundermann, Liedermacher, am 22. 1788: Arthur Schopenhauer, 1819: James Russell Lowell, US-amerikanischer Lyriker, Essayist und Diplomat, 1886: Hugo Ball, Dada-Mitbegründer, Pionier des Lautgedichts, 1892: Edna St. Vincent Millay, 1914: Karl Otto Götz, (K. O. Götz,) Maler des Informel, surrealistischer Lyriker, 1925: Gerald Stern, am 23. 1899: Erich Kästner, 1899: Elisabeth Langgässer, 1942: Fernanda Seno, portugiesische Dichterin, 1945: Robert Gray, australischer Dichter, 1952: Knud Wollenberger, deutschsprachiger Lyriker dänischer Nationalität, am 24. 1304: Ibn Battuta, marokkanischer Gelehrter und Reisender, am 24. (14. alten Stls) 1621: Sibylla Schwarz (396. Geburtstag), 1786: Wilhelm Grimm, Sprachwissenschaftler, 1837: Rosalía de Castro, spanische, galizische Autorin, 1895: Wsewolod Wjatscheslawowitsch Iwanow, russischer Schriftsteller, Mitgründer der Serapionsbrüder, 1885: Stanisław Ignacy Witkiewicz, polnischer Schriftsteller, 1902: Richard Alewyn, deutscher Germanist, 1909: Abu al-Qasim asch-Schabbi, tunesischer Dichter, 1935: Ryhor Baradulin, weißrussischer Dichter
Todestage: am 18. 814: Angilbert, fränkischer Hofkaplan, Diplomat und Dichter am Hof Karls des Großen, Spitzname Homer, 1294: Kublai Khan, bekannt durch ein berühmtes Gedicht von Coleridge, 1405: Timur Lang (Tamerlan), mongolischer Herrscher, berühmt durch Mickels Gedicht „Der See“, 1546: Martin Luther, der Mönch, Reformator, Übersetzer, Antisemit war auch ein großer Dichter, 1564: Michelangelo, 1780: Kristijonas Donelaitis, litauischer Dichter, schrieb auch auf Deutsch, 1803: Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1807: Sophie von La Roche, 1854: Thomas Abbott, englischer Dichter, 1939: Jakub Lorenc-Zalěski (Lorenc „hinter dem Walde“), bedeutender sorbischer Dichter und Publizist, Großvater von Kito Lorenc, 2001: Hermann Adler, deutschjüdischer Schriftsteller und Publizist, 2013: Otfried Preußler, am 19. 1837 (vor 180 Jahren): Georg Büchner, 1887: Multatuli, niederländischer Schriftsteller, 1952: Knut Hamsun, 1988: René Char, 2016: Umberto Eco, am 20. 2003: Maurice Blanchot, am 21. 1721: Christoph Heinrich Amthor, deutscher Lyriker, von Telemann vertont, 1841: Dorothea Tieck, Shakespeare-Übersetzerin, 1862: Justinus Kerner, 1918: Hedwig Lachmann, Lyrikerin und Übersetzerin (ungarische Lyrik, Edgar Allen Poe), 1980: Alfred Andersch, 2006: Gennadi Ajgi, tschuwaschischer Lyriker, am 22. 1671: Adam Olearius, 1913: Ferdinand de Saussure, Schweizer Sprachwissenschaftler, 1939: Antonio Machado, spanischer Lyriker, 1943: Hans und Sophie Scholl, 1945: Ossip Brik, 1985: Salvador Espriu, 2006: Hilde Domin, am 23. 1653: Georg Rodolf Weckherlin, 1821: John Keats, 1904: Friederike Kempner, schlesischer Schwan (Textkette), 1984: Uwe Johnson, 1955: Paul Claudel, am 24. 1799: Georg Christoph Lichtenberg, 1836: Dániel Berzsenyi, ungarischer Dichter, 1940: Ludwig Kessing, Bergmann, Arbeiterdichter, 1941: Oskar Loerke, 1975: Hans Bellmer, deutscher Künstler
Thomas Kling lebt, schreibt über 9/11 und zitiert Petrarca von 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ – Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt, sagen die Ösis. Überhaupt, die österreichische Literatur ist keine Unterabteilung
der deutschen. Borchardt beim Duce, Literaturvereinswesen, Zoff um Anne Carson.
Dies und mehr hier.
wir – Billardkugeln, die knallend aneinanderstoßen, die Stöße lautlos weitergeben
Nachüberlegungen zum NZZ-Essay „Sie schreiben, wie sie talken“ (2017-02-02) und zur anschliessenden Debatte in der Presse und im Internet
Dass man meine nüchternen Beobachtungen und Überlegungen zur sprachlichen Verfassung der Gegenwartsliteratur für „polemisch“ halten kann, bleibt mir ebenso unbegreiflich wie deren Einschätzung als Plädoyer für das „Erhabene“.
Aus den zahlreichen Feedbacks auf den kleinen stilkritischen Essay in der NZZ – insgesamt ein Dutzend privat, drei via die Redaktion, weitere im Internet – kann ich, egal ob lobend oder kritisch reagiert wird, kaum Gewinn ziehen.
Auffallend sind vorab Missverständnisse und Vorurteile. Missverstanden wird fast durchweg der von mir verwendete Stilbegriff. Es geht mir keineswegs darum, guten und schlechten Stil in Widerstreit zu bringen – alle Stillagen haben ihre Berechtigung, und ich halte ja explizit fest, dass es mir nicht um deren hierarchische Bewertung geht, vielmehr um deren Koexistenz.
Ich wende mich freilich gegen die Vermengung aller möglichen Silformen zu einem General- oder Zeitstil, der individuelle Stilbildungen zunehmend verdrängt. Stets sind es Personalstile gewesen, die die Literatur als Kunst vorangebracht haben, Epochenstile waren und bleiben in ihrer Konventionalität befangen.
Stillosigkeit bezeichnet bei mir mithin einen Mangel an individueller stilistischer Ausprägung, und nicht einen grundsätzlich „schlechten“ Stil:
Stillos, in meinem Verständnis, kann auch ein noch so brillant praktizierter Zeitstil sein, und umgekehrt ist es, wie bei Handke oder Strauss, durchaus gängig, dass ein unverkennbarer, „starker“, „schwieriger“ Personalstil reichlich ungeschlacht daherkommt – nicht durch Anpassung an die defizitäre Alltagssprache, sondern in Durchsetzung der eigenen sprachlichen Unverkennbarkeit.
Dass im Übrigen weithin auch die Handschrift als individuelle sprachliche Äusserung in Verfall gekommen ist, mag als zusätzliches Argument für meine These gelten:
Die übliche Schreibbewegung ist heute der Tasten- oder Sensordruck, allenfalls das Wegwischen, derweil die meisten Zeitgenossen (Autoren, Autorinnen nicht ausgenommen) kaum mehr in der Lage sind, mit der Hand einen zusammenhängenden, unverkennbar persönlichen Schriftzug zu entfalten, ganz zu schweigen von persönlichen handschriftlichen Briefen, die neuerdings bloss noch als Kuriositäten durchgehen.
Meine Sorge gilt allgemein dem Schwinden individueller Freiheits- und Ausdrucksambitionen – jedes noch so ausgefallene Verhalten oder Gestalten wird sogleich zum Trend, die einzelne, verifizierbare und belangbare Person verliert sich im Dunst des aktuellen, bunt und doch bloss dumpf brodelnden Zeitgeists.
Eigentlich sollte man doch den herben Verlust beziehungsweise die bewusste Vernachlässigung individueller, eben auch sprachlicher, literarischer Qualitäten bedauern dürfen, ohne deswegen den „grauen Häuptern“ zugeordnet zu werden.
Nachbemerkung: Fortschritt ist, zumindest in kulturellen Dingen, einzig noch durch Rückschritte zu verwirklichen. Autoren wie Camus, Char, Hemingway, Beckett, Nabokov, sogar Solshenizyn haben – vor einem halben Jahrhundert – bei all ihrer Unterschiedlichkeit einen jeweils individuellen Stil entwickelt, der sich auf jeder Seite, in jeder Strophe ihres Werks unverkennbar manifestiert. Dennoch, nein, eben deswegen fanden sie bei der Kritik wie auch beim breiten Publikum damals ein Interesse, von dem kaum etwas übriggeblieben ist.
Felix Philipp Ingold
2017-02-10
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
25
LEt those who are in fauor with their stars, Of publike honour and proud titles bost, Whilst I whome fortune of such tryumph bars Vnlookt for ioy in that I honour most; Great Princes fauorites their faire leaues spread, But as the Marygold at the suns eye, And in them-selues their pride lies buried, For at a frowne they in their glory die. The painefull warrier famosed for worth, After a thousand victories once foild, Is from the booke of honour rased quite, And all the rest forgot for which he toild: Then happy I that loue and am beloued Where I may not remoue, nor be remoued.
Einige Anmerkungen zum Text:
Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:
Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte, In öffentlichen Würden stolz sich blähn, Ich, den Fortuna nicht so glänzend schmückte, Genieße meiner Ehren ungesehn. Ein Fürstengünstling spreizt der Blätter Kranz, So wie die Primel in dem Licht der Sonne; Doch nur in ihm begraben liegt sein Glanz: Ein Zürnen, und er stirbt in seiner Wonne. Der Thatendurst'ge Held, an Ehre reich, Nach tausend Siegen, einmal überwunden, Wird aus dem Buch des Ruhm's verlöschet gleich, Vergessen sind die Müh'n, die Todeswunden. Wohl mir! ich gab und fand der Liebe Freuden. Wo ich nie scheide, nichts mich zwingt zu scheiden.
Quellen
Im Regal unter „H“ stehen 6 Titel von Hadayatullah Hübsch, es ist überfüllt, aber an Hübsch liegt es nicht. Gerade mal einen halben Zentimeter brauchen die 6 Titel. Es gibt noch an anderen Stellen Verschiedenes: so die von ihm herausgegebene Anthologie „social beat D“, Edition Druckhaus 1995. Irgendwo muß es auch einen Gedichtband geben, momentan nicht auffindbar wie etliche weitere von den dünnen Heften und Faltblättchen.
Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Zuerst über die Lesung bzw. die Vortragsweise. Er hatte Vorschläge. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sonst sprachen, kurz vor Schluß fragte er mich, ob ich nicht mal einen Aufsatz über ihn schreiben wolle.
Im nächsten Jahr an gleicher Stelle kam ich beim Stand des Verlags Der Islam vorbei. Nach meiner Gewohnheit sichtete ich den Drehständer mit Flyern und Heftchen, und da ich als Laufkunde auf der Suche nach Prospekten nicht aufdringlich erscheinen wollte, sah ich den Herrn dahinter nur aus dem Augenwinkel an. Er trug einen dunklen Bart und mir schien, er hätte mich fragend, fast forschend angesehen, ich erwiderte den Blick nicht, steckte meine schmale Beute ein und ging. Zehn Meter weiter im Gedränge des Messehallengangs fiel mir ein: Mensch, das war Hübsch! Meine Ignoranz tat mir leid, aber ich kehrte nicht um. Man trifft sich immer zweimal im Leben, aber nicht immer ein drittes Mal. Ein paar Jahre später die Nachricht von seinem Tod.
Eins der Hefte in meinem Regal trägt den Titel „Mein Weg zum islam“. Es hat eine ISBN, aber keinen Preis und keine Jahreszahl. Es war noch zur D-Mark-Zeit. 22 Seiten in recht großer Schrift. Der Autor erzählt sein Leben von der Geburt in Chemnitz 1946, der Flucht vor den Russen, der Schulzeit und Jugend zwischen Rockmusik, rebellischer Dichtung und linker Politik. Haschisch und LSD tauchen auf und werden alltägliche Praxis. Er versucht eine Kommune zu gründen, aber als er merkt, „daß die Leute, mit denen ich in einem Haus zusammenlebte, mich als Führer haben wollten, während ich davon träumte, als gleicher unter gleichen zu leben“, geht er eines Tages grußlos weg. Er kommt zur Mutter der Kommunen, der Kommune I in Berlin. „Ich wurde dort auch aufgenommen und führte bald das Rauchen von Haschisch ein.“ Beim Jahreswechsel 1968/69 nimmt er eine Überdosis und erlebt schlimme 8 Tage und Nächte, er landet im Irrenhaus. Der Anwalt eines großen Verlages, bei dem von ihm, dem einst Günter Grass eine große Zukunft als Lyriker prophezeit hatte, 1969 ein erster Gedichtband erscheinen sollte, boxt ihn nach 14 Tagen raus. Er geht nach Frankfurt zurück, verkauft Drogen und beschäftigt sich mit Zen-Buddhismus. Mehrere Aufenthalte in der Irrenanstalt. Er reist nach Marokko, wo ihm amerikanische Hippies Haschisch anbieten. Es wird immer schlimmer. Eines Tages auf einer Autofahrt durch Marokko, auf dem absoluten Tiefpunkt „ein Wunder“. „Eine unsichtbare Kraft hielt mich fest. Ich stand wie verwurzelt, schaute in den Himmel, und aus meiner Brust kam das Gebet: ‚O Allah, bitte reinige mich!‘ “
Er kannte den Islam nicht, nur Zen und Christentum. Aber er betete zu Allah, für ihn eine Art Offenbarung.
Noch nicht die Heilung. Schlimme Zeiten folgen. Gefängnis und Irrenhaus in Spanien. Dann in Frankfurt ein zweites Wunder. Beim Hören pakistanischer Musik im Haus der Mutter erscheint aus dem Wort OM, im Hinduismus ein Wort für Gott, ein weißer Blitz – direkt zu der Stelle im Regal, wo der Koran steht. „Ich hatte nur wenige Zeilen gelesen, als mir plötzlich ganz klar wurde, daß hier Gott zu mir sprach.“ Er sagt der Mutter, er sei Muslim geworden – sie hält ihn für verrückt. Er findet eine Moschee, man nimmt ihn auf und hilft ihm. Noch ist er sehr krank. Er träumt vom Teufel, erschrickt über die vielen Sünden, die er begangen hat, und beschließt, auf die Pilgerreise nach Mekka zu gehen. In Spanien nimmt er eine Fähre nach Marokko, aber man läßt ihn nicht herein. In Spanien folgt Gefängnis, Krankenhaus, wieder Gefängnis, ein Prozeß. Schließlich in Frankfurt bringt ein drittes Wunder den Durchbruch. Zwei dicke weiße Strahlen, „wie Laser-Strahlen“, aus den Augen des 3. Khalifen der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, der gerade in Frankfurt weilt, direkt in seine Augen. Die weiße Farbe der Strahlen bedeutet, wie er später erfährt, daß die Person, von der sie ausgingen, erleuchtet ist.
Das dritte Wunder ist der Durchbruch und die Heilung.
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Lyrikzeitung das Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs, daß ich postum mit Hadayatullah Hübsch führte.
Neueste Kommentare