2012 veröffentlichte der Philologe und Dichter Dirk Uwe Hansen ein Bändchen mit ausgewählten Fragmenten der Sappho in zweifacher Gestalt, als die Scherben der Fragmente (Scherben ist bei einem der Fragmente sogar wortwörtlich wahr: der Text von Fragment 2 Voigt überdauerte eingeritzt in eine Tonscherbe) und als Nachdichtung, Vervollständigung von heute aus. Er schreibt in einer Vorbemerkung: „Mit spitzem Stift als behutsame und maßstabsgerechte Umrisszeichnung, die sich in das verlorene Ganze wieder einsetzen ließe, auf der einen Seite, als Pinselzeichnung, die den flüchtigen Eindruck der einzelnen ins Licht gehaltenen Stücke festhalten will, auf der anderen.“ Mit Erlaubnis des Autors rücke hier in den nächsten Tagen einige dieser Doppelversionen ein.
Heute: aus den drei Fragmenten 51, 52 und 54 Voigt ist, scheints, ein heutiges Gedicht geworden.
Frg. 51 Voigt Ich weiß nicht, was ich tu. Zweifach sind meine Überlegungen.
Frg. 52 Voigt Ich glaube nicht den Himmel zu berühren.
Frg. 54 Voigt Den, der vom Himmel kam und einen purpurnen Mantel anzog.
Was weiß denn ich wo hin und welche ich bin so schnell so weit der Himmel / ist nicht zu berühren und wenn einer kommt von dort der hüllt sich in Purpur.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
H.D. (Hilda Doolittle)
Fragment 113
“Weder Honig noch Biene für mich.”
— SAPPHO
Nicht Honig,
nicht die Beute der Biene
aus Blüten von Wiese oder Sand
oder Busch am Berg;
aus Winterblüten oder Trieben,
geboren aus später Glut:
nicht Honig, nicht den süßen
Farbfleck auf Lippen und Zähnen:
nicht Honig, nicht das tiefe
Eintauchen weichen Bauches
und das Haften der goldrandigen
pollen-bestaubten Beinchen;
blendet Entzücken auch meine Augen,
und kräuselt Hunger auch
meinen Mund dunkel und träge:
nicht Honig, nicht der Süden,
nicht der lange Stengel
roter Zwillingslilien,
noch leichtes Gezweig vom Obstbaum
eingefangen in biegsamem leichtem Gezweig;
nicht Honig, nicht der Süden;
ah, Blüte der purpurnen Lilie,
Blüte der weißen,
oder der Iris, ausdörrend das Gras —
denn ein Fleckchen des Sonnenfeuers
sammelt solche Glut und Kraft,
daß selbst Schattenriß Licht ist,
das durch die Blütenblätter
der gelben Iris fällt;
nicht Iris — altes Sehnen — altes Leiden –
altes Vergessen — alte Pein —
nicht dies, noch überhaupt Blüte,
sondern wenn du dich wieder umwendest,
die Stärke von Arm und Kehle suchst,
berührst wie der Gott;
vergiß den Leierton;
wissend, daß du nirgends am Leibe
ein Beben der Saite
spüren wirst,
sondern Glut, leidenschaftlichere,
des Gebeins und der weißen Schale
und feurig gehärteten Stahls.
H.D., aus: Sappho Fragments (1921). In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 113/115
Sie ist die kluge Sappho.
Platon, Dichter und Philosoph in der gewaltigsten Periode athenischer Kultur, der Perspektive besitzt und auch einen seltenen Vergleichsstandard, wenn er einige Jahrhunderte zurück auf Mytelene schaut, spricht von dieser Frau als einer unter den Klugen.
H.D., aus: The Island. Fragments of Sappho (1920). . In: H.D.: Denken und Schauen. Fragmente der Sappho. Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt u. hrsg. v. Günter Plessow. roughbook 016, Solothurn, Badenweiler u. Berlin, 2016, S. 71
Anm. des Übersetzers: The Wise Sappho: Was ist gemeint, die kluge oder die weise Sappho? Das Deutsche hat hier zwei Worte für zwei sehr unterschiedliche Bedeutungen, im Englischen ist es ein Wort, in dem zwei Bedeutungsfärbungen zusammenfallen. Beide lassen sich auf Sappho anwenden. Platon, hätte er englisch gesprochen und wise gesagt, hätte vermutlich weise gemeint. Der Übersetzer hat sich gleichwohl für klug entschieden, weil es H.D vornehmlich um eine Gefühlsklugheit zu tun ist, die sie an Sappho hervorhebt.
Verzauberung
Nie wird sich die griechische Sprache von der Sauerstoffzufuhr
erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte
zuteil wurde.
Nie sich erholen vom unerhörten A-Laut, mit dem sich die Nacht anmahnt
in einem der Fragmente, nie
von dem Augenblick,
als Aphrodites Epitheton poikilóthronos
ein einziges Mal aufblinkt
wie eine Goldbrosche im unsterblichen Blau einer Mitternacht.
Weshalb hat es kein griechischer Dichter gewagt,
dieses Wort
ein zweites oder
ein drittes Mal zu gebrauchen?
Auch die schwedische Sprache wird sich nicht erholen –
von dem Gedankengang, den Sappho
als erste
in einem Gedicht formuliert hat: «Ich bin mir dessen bewusst.»
Wörtlich steht da: «Das weiß ich zusammen mit mir.»
Syneídésis, Gewissen, conscientia!
Wenn ich sage «ich liebe dich»
musst du darauf vertrauen, was du hörst.
(Zu meinen innersten Gedanken
habe nur ich Zugang.)
Glaube mir meine Worte!
Nur ich kann ja exakt wissen, was ich denke! —
Ludwig Wittgenstein
hätte diese Art
des Konjugierens auf Griechisch
— «ich teile diese Erfahrung mit dir» — kritisiert.
Wie sollte jemand eine Erfahrung
mit sich selbst teilen können?
Wird da unser Gedanke von der Sprache verzaubert?
Es ist Mitternacht. Der Mond untergegangen —
und auch die Plejaden bringen kein Licht
ins Dunkel dieses Gedichts.
Noch immer stehen wir im Zauber der sapphischen Sprache.
Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler
Aus: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011, S.43/45
Dieses Gedicht spielt u.a. auf Fr. 1, 26 und 168B Voigt an.
Neun Bände auf Buchrollen soll es in der Bibliothek von Alexandria gegeben haben. Die sind seit Jahrhunderten nicht mehr: 1. Version: Der große Brand bei Cäsars Belagerung, 700 Jahre später die arabische Eroberung. 2. Version: Den christlich-orthodoxen Eiferern und andern Fundamentalisten war diese offene Frauenstimme ein vorab sittlicher Gräuel. Was wir heute von Sapphos Werken kennen, ist (bruch)stückweise gefunden und glücklicherweise manchmal erkannt und nicht immer weggeworfen worden. Es gibt bis heute ein einziges Gedicht, dessen Text nicht beschädigt ist. Auf Papyros-Verpackungen, -abdichtungen‚ -mitteilungen – um nicht zu sagen Einkaufszetteln —- hat man Abschriften gefunden, die letzten vor ein paar Jahren.
(…) Da Sappho als Dichterin mindestens zwei Premieren in die Welt setzte, die heute Selbstverständlichkeiten sind, wurden sie und ihre Werke in fast allen Epochen «gebraucht».
benutzt Sappho das «Ich» nicht als ferne Beschreibung oder als Wegschiebung, sondern sie sagte Ich und meinte Ich. Das eigene Individuum bekam also einen Namen.
Es war 700 v. Chr. auch im relativ kulturell hoch stehenden Griechenland fast unerhört, dass eine Frau sich durch ihre Sprache, ihre Texte selbständig machte und sich bis jetzt etwa 2700 Jahre behauptete. Ohne schützende, fördernde Hand eines Despoten — im Gegenteil: der Chef von Lesbos hat sie ein paarJahre nach Sizilien in die Verbannung geschickt, und sie danach wieder zurückkehren lassen.
Beat Brechbühl, in: Jesper Svenbro: Echo an Sappho. Gedichte. schwedisch-deutsch. Frauenfeld: Waldgut, 2011
Morgen: Nie wird sich die griechische Spache von der Sauerstoffzufuhr erholen, die ihr durch Sapphos Gedichte zuteil wurde.
Wenn es noch einen Amateur-Leser auf der Welt gibt – oder irgendjemanden, der einfach nur liest, um zu lesen –, so bitte ich ihn oder sie mit unaussprechlicher Zuneigung und Dankbarkeit, sich in die Widmung dieses Buches mit meiner Frau und meinen zwei Kindern zu teilen.
Jerome D. Salinger, Widmung zu Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt. Erzählungen.
Hebt hoch das Türschloss,* Hymenaion, hebt es hoch, ihr Handwerker; Hymenaion. Der Bräutigam kommt, dem Ares ähnlich, "Hymenaion," als ein großer Mann viel größer. "Hymenaion,"
Sappho, Fr. 111 Voigt
Anm. bei Bagordo: „Es handelt sich um den Refrain eines Hochzeitsliedes (…), bei dem die Körpergröße des Bräutigams auch die sexuelle Begabung desselben suggerieren könnte (als Beispiel für die bei Hochzeitsliedern häufig vorkommende rituelle Obszönität).“
*) In den meisten Übersetzungen steht „hebt das Dach hoch“ oder „den Türbalken hoch“
Anne Carson:
up with the roof! Hymenaios– lift it, carpenters! Hymenaios– the bridegroom is coming in equal to Ares, Hymenaios– much bigger than a big man! Hymenaios!
Sappho Fr. 102 Voigt
Süße Mutter, ich vermag nicht das Gewebe zu spinnen, von der Begierde bezwungen für einen Jungen der delikaten Aphrodite wegen
(Bagordo)
sweet mother I cannot work the loom I am broken with longing for a boy by slender Aphrodite
(Anne Carson)
Carson kommentiert: slender: not an attribute of Aphrodite generally in literature or art, so some editors emend the text and transfer the adjective to the boy
Bagordo: Eine Imitation dieses Distichons, dessen Motiv an eine nicht näher definierbare volkstümliche Tadition erinnert, findet sich bei Horaz (…*). Das Fragment, dessen einziges exegetische Schwierigkeit in der Definition des Attributs βραδίναν für Aphrodite besteht („schlank, wendig“, „zart, delikat“ oder gar „schelmisch“?), ist von Sapphos erotischer Sprache geprägt.
*) Dir nimmt fort den Wollkorb Kythereas Knabe mit den Flügeln, dir das Gewebe und der eifrigen Minerva Werk nimmt fort, Neobule, de Glanz des lipareischen Hebros…“ Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch/Deutsch. Hrsg. Bernhard Kytzler. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 109. Seine Anmerkungen: Amor, der Sohn der Venus, die nach ihrem Kultort Kythere benannt ist. – Von der Insel Lipari stammend; zugleich Wortspiel mit griechisch liparos = glänzend
Achtung Achtung, wir unterbrechen unsere Sapphoserie für eine wichtige Duchsage:
Gottfried Benn
Satzbau
Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,
damit wollen wir uns nicht befassen,
das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.
Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau
und die ist dringend:
warum drücken wir etwas aus?
Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen
direkt oder als Spiegelbild
oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier
unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,
letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf
sich unheimlich niedrig hinziehend
in bestimmter Anordnung?
Überwältigend unbeantwortbar!
Honoraraussicht ist es nicht,
viele verhungern darüber. Nein,
es ist ein Antrieb in der Hand,
ferngesteuert, eine Gehirnlage,
vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,
auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,
er wird vorübergehn,
aber heute ist der Satzbau
das Primäre.
„Die wenigen, die was davon erkannt“ − (Goethe) −
wovon eigentlich?
Ich nehme an: vom Satzbau.
Wer das Wesen einer Sache verstehen will, möge die ältesten Exemplare aufsuchen, die er finden kann, meint Ezra Pound. Sappho ist eine gute Adresse, nahe an der Erfindung der Poesie. Sappho ist eine Macherin, oft eine Erstmalsmacherin.
Sie liebt Windmetaphern oder -gleichnisse. Das Bild von den hin und her tragenden Winden kommt schon in der Odyssee vor. Sappho verfährt lyrisch. In Fr. 37 ist es die neuartige, kühne Verknüpfung von Konkretem und Abstrakten:
für mein Jammern *** Wer aber mich rüffelt, mögen ihn die Winde forttragen und die Kümmernisse
In Fr. 47 ist es der Eros. Die Wirkung auf den liebenden Menschen (vgl. das „Liebessymptomgedicht“ hierunter) wird hier mit dem Wind verglichen, der Wind mit der Erschütterung durch den Eros verbunden:
...und Eros erschütterte mir das Herz, wie Wind, der auf dem Berg gegen die Eichen stößt
In weiteren Fragmenten kommt der Sturm und der „von oben wehende Wind“ vor.
(Zitiert in der Übersetzung von Andreas Bagordo)
Anne Carson übersetzt:
37
in my dripping (pain) the blamer may winds and terrors carry him off
47
Eros shook my mind like a mountain wind falling on oak trees
Ich bleibe noch etwas bei Sappho.
„Übersetzungen Sapphos waren bis vor einigen Jahren auf absurde Weise unangemessen… Heute gibt es eine ausreichende Anzahl wörtlicher Übersetzungen durch moderne Dichter, die es dem Leser ermöglichen, Sappho zu erfassen und zu bestimmen, wie man weit entfernte Sterne durch Triangulierung ausgehend von irdischeren Gegenständen bestimmt. Dann wird deutlich, daß wir uns nicht täuschen. Es gibt keinen Dichter, der ihr gleicht. Wo immer genügend Worte übriggeblieben sind, um einen zusammenhängenden Kontext zu bilden, ergeben sie einen einzigartigen Glanz, ein unvergleichliches Leuchten. Darstellende Unmittelbarkeit des Bildes (Presentational immediacy of the image), überwältigende Dringlichkeit persönlichen Betroffenseins (overwhelming urgency of personal involvement) – bei keinem anderen Dichter entwickeln diese zwei Hauptfaktoren lyrischen Sprechens soviel Kraft.“ – Kenneth Rexroth, Classics Revisited
“Translations of Sappho, until recent years, have been fantastically inappropriate. . . . Today a sufficient number of literal translations by modern poets may enable the reader of English to envelop Sappho and measure her as we do distant stars by triangulation from more mundane objects. It then becomes apparent that we are not deluding ourselves. There has been no other poet like this. Wherever enough words remain to form a coherent context, they give one another a unique luster, an effulgence found nowhere else. Presentational immediacy of the image, overwhelming urgency of personal involvement — in no other poet are these two prime factors of lyric poetry raised to so great a power.”
—Kenneth Rexroth, Classics Revisited
Ich beginne einen Rundgang durch vor allem kürzere Fragmente der griechischen Dichterin. Heute Voigt 24 (ich benutze die Zählung von E.-M. Voigt, die sowohl Bagordo als Carson verwenden).
Bagordo
24 Voigt
… ihr werdet euch erinnern …
denn auch wir in der Jug[end
haben dasselbe getan:
denn viele und schöne (Dinge)
…….., Stadt/Bürger…
…
24b
…
gefal(len)
…
24c
…
… wir leben …
…
…
…
… Kühnheit…
…Mensc(h…
…
…ganz(e)
24d
…
…
…
… dünn-
stimm(ig) …
…
Carson
] ]you will remember ]for we in our youth did these things yes many and beautiful things ] ] ] 24C ]]we live ] the opposite ] daring ] ] ] 24D #] ] ] ] ] ]in an thin voice ]
Beide Ausgaben geben keinen Kommentar zu diesem Fragment. Die Ausgabe Lobel/Page gibt als Quelle einen Papyrus aus Oxyrhynchos an: P. Oxy. X (1914) 1231, fr. 13
Quellen
Links

Sapphos „Liebessymptomgedicht“, auch „Sapho’s Ode out of Longinus“ genannt (Voigt 31), ist doppelt überliefert. In seiner wichtigen Schrift „Über das Erhabene“ zitiert es der (Pseudo-)Longinos genannte spätgriechische Autor als Beispiel für treffende Affektschilderung, und der römische Dichter Catull hat es ins Lateinische übersetzt.
Auszug aus „Über das Erhabene“
So nimmt zum Beispiel Sappho die dem Liebeswahnsinn anhangenden Affekte jedesmal aus den Begleiterscheinungen und aus der Wirklichkeit selbst. Wo aber zeigt sie ihre Meisterschaft? Wenn sie die hervorragenden und bedeutsamsten Züge ebenso kunstverständig auswählt als miteinander verbindet.
Selig preis ich, seligen Göttern acht ich Gleich den Mann, der dir gegenüber sitzet Und in deiner Nähe der süßen Rede Töne dir ablauscht. Und das süß anmutige Lächeln! — O dann Zuckt mein Herz im Busen mit jähem Schmerz auf! Wenn ich dich erschaue, so bin ich keines Lautes mehr mächtig; Festgebannt erstarret die Zung’ und leises Feuer rieselt über die Haut mir plötzlich, Vor den Augen dunkelt es mir, und stürmisch Brausen die Ohren. Kalter Schweiß bricht aus, und ein Zittern schüttelt Alle Glieder, falber denn Gras erblaß ich, Wenig fehlt und nieder in Todesgrauen Sink ich bewußtlos.
Aus: Ästhetik der Antike. Herausgegeben von Joachim Krueger. Berlin und Wemar: Aufbau, 1983, S. 309f
In einer Übersetzung von 1742 wird das Gedicht in deutsche Reimstrophen übersetzt:
Der ist den Göttern gleich zu schätzen,
Der sich dir gegen über setzen,
Und deine Stimme hören kan:
Er sieht dich mit Vergnügen an,
Und wenn dein Mund liebkosend lacht,
So wird er ausser sich gebracht.
Kaum seh‘ ich dieß, so muß ich fühlen.
Wie Gluth und Brand in Adern wühlen;
Die Zunge starrt, und kan nicht fort;
Im Munde stockt so gar das Wort;
Den starren Augen fehlt das Licht;
Es saußt das Ohr, und hört doch nicht.
Ein Schauer fährt durch alle Glieder;
Mein Leib erzittert, und sinkt nieder;
Mein Mund verwelkt, der Athem fehlt;
Es scheint, als wär ich schon entseelt.
Doch, wer nicht hat, wagt auch das Letzte. etc.
Aus: Dionysius Longin vom Erhabenen Griechisch und Teutsch, Nebst dessen Leben, einer Nachricht von seinen Schrifften, einer Untersuchung was Longin durch das Erhabene verstehe, Und Einer Neuen Vorrede
Auf Kosten des Uebersetzers, 1742
Das Gedicht ist häufig ins Englische (Phillip Sidney, Tobias Smollett, Byron, Tennyson, William Carlos Williams, Robert Lowell, Louis Zukovsky, Basil Bunting, Anne Carson), Französische (Ronsard, Boileau, Racine), Deutsche (Philander von der Linde, Benjamin Neukirch, Thomas Kling) und andere Sprachen übersetzt worden.
Andreas Bagordo schreibt im Kommentar der Tusculum-Ausgabe: „Die hippokratische Medizinsprache bietet viele Parallelen zu Sapphos Symptomatik.“
Berlin-Hellersdorf ist nicht der einzige Ort in der Welt, der sich einer Gedichtwand rühmen (oder auch schämen) kann. Auf dem Bild eine Hauswand in Leiden (Niederlande) mit einem altgriechischen Gedicht. Es ist Fragment 55 Voigt der Dichterin Sappho, die um 600 vor unserer Zeitrechnung auf der Insel Lesbos lebte.
In Leiden gibt es über 100 Gedichte auf Hauswänden, viele davon in fremden Sprachen wie Russisch, Japanisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch, Neugriechisch und eben auch Altgriechisch. Da braucht man viele Semesterpausen*, um die alle auszuforschen.
Das Gedicht ist vielleicht sowieso brisant, aber offenbar auch im Hinblick auf die deutsche Debatte über ein (1) Mauergedicht. Es handelt in polemischer Schärfe von einer Frau, die nichts von Poesie versteht und von der deshalb keine Erinnerung bleiben wird:
Und tot wirst du liegen und niemals wird Erinnerung von dir
bleiben, auch †niemals† später: Denn du hast keinen Anteil an den Rosen
aus Pierien, sondern unscheinbar auch in Hades‘ Haus
wirst du verkehren mit düsteren Toten, bist du erst einmal weggeflogen.
Eine düstere Hinleitung zu dem gestern hier geposteten Auszug aus Dantes „Hölle“. – Das Wort für Erinnerung ist Mnemosyne: die Gottheit, die mit Zeus die Musen zeugte. Pierien ist schon bei Hesiod als Sitz der Musen benannt (die deshalb auch Pieriden heißen).
Das Gedicht hat (fragmentarisch) überlebt, weil es bei Plutarch und Stobaios zitiert wird. Auf der Seite der Leidener Mauergedichte gibt es eine niederländische und zwei englische Fassungen. (Die Überschrift „Ode out of Longinus“ ist falsch, denn das bei (Pseudo-)Longinos zitierte Gedichte ist Voigt 31).
*) Im Offenen Brief des AStA der Hellersdorfer Alice Salomon Hochschule vom 12. April 2016, der mit Verspätung die jetzt seit Monaten anhaltende deutsche Debatte auslöste, hieß es:
Sehr geehrtes Rektorat der Alice Salomon Hochschule,
wir als Studierende haben die vorlesungsfreie Zeit genutzt, um uns etwas genauer mit dem Gedicht an der Südfassade der Hochschule zu beschäftigen: „avenidas“ von Eugen Gomringer, Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011.
Ich finde die Vorstellung fast lustig und gut: Arbeitsgruppen von Studenten, Arbeitern, Angestellten und Literaturprofessoren dutzender Fachrichtungen würden ausschwärmen und die jetzt wohl mindestens 111 Gedichte in Leiden analysieren...
Die deutsche Fassung des Sapphofragments aus: Sappho, Gedichte. griechisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Andreas Bagordo (Sammlung Tusculum). Düsseldorf: Aremis und Winkler, 2009.
Dante Alighieri: Inferno
Translated by MARY JO BANG
Canto VI
When I come to, after fainting
From the intense distress of hearing the story
Of two I now felt I knew and felt close to,
I look around and see more torments
And more tormented; on all sides, I see nothing but
Regardless of where I turn and look.
I‘m in the third circle of hell and under assault by rain—
Cold, heavy, odious, and always.
The continual downpour never varies.
Enormous hailstones, sewer water, and snow,
Mix with the soaking rain and add more weight to it.
The ground reeks.
Savage and bestial Cerberus, three-headed freak,
Barks like a Doberman—through each of his three throats—
Over those who are forced to wallow in the slop.
Red eyes, filthy bilious whiskers, swollen belly;
With his claws, he excoriates the ghosts–
Then rips their skin off and quarters them.
The rain makes the poor unfortunates howl like dogs;
They continually turn from side to side,
Uselessly trying to protect themselves from the onslaught.
When Cerberus, that vicious creature, caught sight of us,
He opened his mouths, curled his lips, and showed his fangs.
Every muscle in his body rippled in response.
My teacher reached down several times
And grabbed huge fistfuls of mud and threw them
Into the creature‘s three ravenous gullets.
Just as any hungry canine will set up a racket until knick
Knack, paddy whack, it gets a doggy bone–then snaps it up
And settles down, totally absorbed, to gnaw it clean–
So Cerberus, his demonic faces contorted with chewing,
Quieted, which gave a few seconds of relief to the ghosts
Who were so undone by his barking they wished they were deaf.
We were walking on the ghosts who were stunned
By the deadening rain. Beneath our feet,
They were bodiless, yet seemed to have dimension.
From: Dante Alighieri: Inferno. Translated by MARY JO BANG. Illustrations by Henrik Drescher. Minneapolis: Graywolf Press, 2012, p. 63 f
Hier einige metrische Übersetzungen der ersten 4 Terzinen des sechsten Gesangs von Dantes Hölle
Karl Streckfuß (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]
Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,
Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.
Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]
In ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stark qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.
66: VI. 1 – 3. Dante beschreibt nicht, wie er vom zweiten Kreise in den dritten gekommen, wahrscheinlich um anzudeuten, daß er auch nach seinem Erwachen von der Ohnmacht sich noch zu tief erschüttert gefunden habe, als daß er auf den Weg Achtung hätte geben sollen. Erst die neuen Strafen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich.
67. Hier im dritten Kreise finden wir die Schlemmer, ewigem Regen ausgesetzt, der nichts erzeugt, als ekelhaften Schmutz, in welchem sie versinken. Erheben sie sich auch einen Augenblick, doch fallen sie bald wieder zurück, und zwar zuerst mit dem Haupte, dem Sitze der geistigen Kraft, welche durch wüßte Schwelgerei unterdrückt und zu Boden gezogen wird. (V. 91–93.)
Aus: Dante Alighieris Göttliche Komödie. Übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Übertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1876
Otto Gildemeister (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,
Erblickt‘ ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.
Im dritten Kreis, des Regens, wandert‘ ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.
Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.
Aus: Dantes Göttliche Komödie. Übersetzt von Otto Gildemeister mit sämtlichen Illustrationen von Gustav Doré. Emil Vollmer Verlag, o.J., S. 76 (Zuerst 1888)
Josef Kohler (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):
Nun kehrte das Bewußtsein zögernd wieder,
Das mir geraubt des Mitleids schwer Gebot,
Und neue Kraft erfaßte meine Glieder.
Ich spähte rings; doch überall nur Not
Erschaut mein Blick; – wohin ich mich auch wende,
Nur Seufzerqualen, Leid und ew’gen Tod.
Schon sind wir in dem dritten Schmerzgelände;
Ein Regen träuft, die Luft ist fieberkrank,
Ein Fluch ringsum ohn‘ Anfang und ohn‘ Ende.
Vom dunklen Himmel ewig sinkt und sank
Ein schwarzes Wasser, stechend gleich dem Feuer,
Und auf dem Boden gährt ein wild Gestank.
Aus: Josef KOHLER, Dantes heilige Reise. Freie Nachdichtung der Divina Commedia von J[osef] Kohler. Inferno. Berlin, Köln, Leipzig: Albert Ahn, 1902. S. 32
Wilhelm G. Hertz (Terzinen mit alternierend männl. und weibl. Reimen):
Als wieder zur Besinnung ich erwacht,
Die mir geraubt das Mitleid mit den beiden,
Das mich vor Trauer ganz verwirrt gemacht,
Erblickt ich neue Leidende und Leiden;
Auf allen Seiten werden sie geplackt,
Gleichviel, wohin wir drehen, spähen, schreiten.
Im dritten Kreise strömt, ein Katarakt,
Der Regen nieder, kalt, im monotonen
Ununterbrochenen, argen, gleichen Takt.
Da sich ergießt durch diese finsteren Zonen
Des Hagels, Schnees und schmutzigen Wassers Fluß,
So stinkt die Erde in den Sumpfregionen.
Aus: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Aus dem Italienischen von Wilhelm G. Hertz. München: dtv, 1978, 9. Aufl. 1997, S. 29 [zuerst 1955]
Der Anfang des 6. Gesangs des Inferno aus Dantes Comedia in der Prosafassung von Georg Peter Landmann (kursiv sein Kommentar):
Bei der wiederkehr meiner sinne, die sich verschlossen hatten vor dem leid der beiden verwandten, als die trauer mich ganz betäubte, sehe ich neue qualen und neue gequäIte rings um mich, wohin ich auch mich bewege, wohin ich mich wende, wohin ich spähe. Ich bin im dritten kreis, dem des regens, der ewig und verflucht, kalt und schwer fällt, unveränderlich nach maass und art. Grober hagel, trübes wasser und schnee ergiesst sich durch die finstre luft; die erde stinkt, die das aufnimmt. Cerberus, das grausame und sonderbare vieh, bellt hündisch aus drei rachen über dem dort versenkten volk. Mit roten augen, fettem, schwarzem bart, dickem bauch und krallenpfoten zerkratzt und schindet und zerfetzt er die geister. Der regen lässt sie heulen wie hunde; mit ihrer einen flanke schirmen sie die andere, und oft drehn sie sich, die unglückseligen weltkinder.
Als Cerberus, das grosse untier, uns bemerkte, riss er die mäuler auf und zeigte uns die hauer; kein glied an ihm, das nicht gebebt hätte. Und mein führer spreizte seine hände, ergriff erde und mit vollen fäusten warf er sie in die lechzenden röhren. Wie ein hund bellend giert und sich beruhigt, sobald er futter beisst, weil er nur ringt und sich abmüht es zu verschlingen, so taten die dreckigen schnauzen des dämons Cerberus, der die seelen so durchdröhnt, dass sie am liebsten taub wären. Wir schritten über die schatten, die der schwere regen niederwirft, und setzten unsere sohlen auf ihre menschengleiche nichtigkeit.
Sie lagen allesamt auf dem boden ausser einem, der sich rasch zum sitzen hob, sobald er uns vor sich vorübergehen sah. „Du da, den man durch diese hölle schleppt, sagte er mir, erkenne mich, wenn du kannst; du warst schon am leben bei meinem ableben.“ Und ich zu ihm: „Deine bedrängnis entzieht dich vielleicht meinem sinn; mir ist nicht, dass ich dich je gesehen hätte. Aber sag mir wer du bist, der du an so einen schreckensort verwiesen bist und zu solcher strafe – vielleicht sind andre schwerer, doch ist gewiss keine so widerlich.“ Und er zu mir: „Deine stadt, die so voll haders ist, dass der sack schon überquillt, beherbergte mich im heitern leben. Ihr bürger nanntet mich Ciacco. Für die zerstörende schuld des gaumens siehst du mich hier im regen bersten. Und ich bin nicht die einzige trauernde Seele: denn diese alle hier stehn in gleicher pein für gleiche schuld.“ Mehr sprach er nicht.
Dieser Ciacco – sein spottname „das schweinchen“ – war ein geistvoller mensch, wohl auch verfasser von gedichten, der sich zu allen schmausereien gern einladen liess oder selber einlud. Nun büsst er bei den schlemmern, denen als teufel mit sinnreichem bezug der dreimäulige Cerberus zugordnet ist.
Aus: Dante Alighieri: Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997 (2. Aufl. 1998), S. 19
Neueste Kommentare