Liebessymptomgedicht

Sapphos „Liebessymptomgedicht“, auch „Sapho’s Ode out of Longinus“ genannt (Voigt 31), ist doppelt überliefert. In seiner wichtigen Schrift „Über das Erhabene“ zitiert es der (Pseudo-)Longinos genannte spätgriechische Autor als Beispiel für treffende Affektschilderung, und der römische Dichter Catull hat es ins Lateinische übersetzt.

Auszug aus „Über das Erhabene“

So nimmt zum Beispiel Sappho die dem Liebeswahnsinn anhangenden Affekte jedesmal aus den Begleiterscheinungen und aus der Wirklichkeit selbst. Wo aber zeigt sie ihre Meisterschaft? Wenn sie die hervorragenden und bedeutsamsten Züge ebenso kunstverständig auswählt als miteinander verbindet.

Selig preis ich, seligen Göttern acht ich
 Gleich den Mann, der dir gegenüber sitzet
 Und in deiner Nähe der süßen Rede
   Töne dir ablauscht.

 Und das süß anmutige Lächeln! — O dann
 Zuckt mein Herz im Busen mit jähem Schmerz auf!
 Wenn ich dich erschaue, so bin ich keines
   Lautes mehr mächtig;

 Festgebannt erstarret die Zung’ und leises
 Feuer rieselt über die Haut mir plötzlich,
 Vor den Augen dunkelt es mir, und stürmisch
   Brausen die Ohren. 

 Kalter Schweiß bricht aus, und ein Zittern schüttelt 
Alle Glieder, falber denn Gras erblaß ich, 
 Wenig fehlt und nieder in Todesgrauen
   Sink ich bewußtlos.

Aus: Ästhetik der Antike. Herausgegeben von Joachim Krueger. Berlin und Wemar: Aufbau, 1983, S. 309f

In einer Übersetzung von 1742 wird das Gedicht in deutsche Reimstrophen übersetzt:

Der ist den Göttern gleich zu schätzen,
Der sich dir gegen über setzen,
Und deine Stimme hören kan:
Er sieht dich mit Vergnügen an,

Und wenn dein Mund liebkosend lacht,
So wird er ausser sich gebracht.
Kaum seh‘ ich dieß, so muß ich fühlen.
Wie Gluth und Brand in Adern wühlen;

Die Zunge starrt, und kan nicht fort;
Im Munde stockt so gar das Wort;
Den starren Augen fehlt das Licht;
Es saußt das Ohr, und hört doch nicht.

Ein Schauer fährt durch alle Glieder;
Mein Leib erzittert, und sinkt nieder;
Mein Mund verwelkt, der Athem fehlt;
Es scheint, als wär ich schon entseelt.

Doch, wer nicht hat, wagt auch das Letzte. etc.

Aus: Dionysius Longin vom Erhabenen Griechisch und Teutsch, Nebst dessen Leben, einer Nachricht von seinen Schrifften, einer Untersuchung was Longin durch das Erhabene verstehe, Und Einer Neuen Vorrede
Auf Kosten des Uebersetzers, 1742

Das Gedicht ist häufig ins Englische (Phillip Sidney, Tobias Smollett, Byron, Tennyson, William Carlos Williams, Robert Lowell, Louis Zukovsky, Basil Bunting, Anne Carson), Französische (Ronsard, Boileau, Racine), Deutsche (Philander von der Linde, Benjamin Neukirch, Thomas Kling) und andere Sprachen übersetzt worden.

Andreas Bagordo schreibt im Kommentar der Tusculum-Ausgabe: „Die hippokratische Medizinsprache bietet viele Parallelen zu Sapphos Symptomatik.“

2 Comments on “Liebessymptomgedicht

  1. Wunderbar. Eines meiner Lieblingsgedichte, das mich schon länger begleitet. Besonders liebe ich die letzte Zeile, die ich erstrmalig bei Gerhard Härle (Lyrik-Liebe-Leidenschaft) fand und die nicht bei allen Übersetzungen vorhanden ist. Auch hier fehlt sie:
    Alla pan tolmaton – Alles aber lässt sich ertragen.

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    • in der von mir zitieren ausgabe „ästhetik der antike“ fehlt sie tatsächlich, keine ahnung warum. danke für die aufmerksamkeit – bei manchen anderen nachdichtern fehlt sie vielleicht, weil sie entweder ein „ästhetisches ganzes“ herstellen wollten oder aus catulls lateinischer version übersetzen, die stattdessen eine weitere strophe hat. in der ausgabe von 1742 fehlt sie nicht, sie lautet nur anders. das kommt wahrscheinlich daher, daß die lesart des handschriftlichen originals von longinus unsicher ist, und daß grammatische unsicherheit wegen des textverlusts entsteht. darüber streiten die philologen. bei bagordo steht „Alla pan tolmaton, epei [kai panêta]“, er übersetzt: „Aber alles kann man durchhalten, weil …“. In der ausgabe von 1742 steht für den gleichen griechischen text, nur ohne die klammern „Doch, wer nichts hat, wagt auch das Letzte etc“
      man findet auch Alla pan tolmaton . . . bzw. Alla pan tomaton . . .
      hier ein paar andere versionen der letzten zeile:

      Anne Carson: But all is to be dared, because even a person of poverty
      Willis Barnstone: I must suffer everything, being poor.
      derselbe in einer späteren ausgabe: yet, being poor, must suffer
      everything.
      Guy Davenport: But endure, even this grief of love.
      Diane Rayor: But all must be endured, since . . .
      Jim Powell: But all must be endured, since even a poor . . .

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