Im dritten Kreis der Hölle, den Dante mit seinem Führer Vergil im sechsten Gesang erreicht, werden die Gefräßigen bestraft. Ihre Seelen liegen im Eisregen auf dem Boden und werden vom Höllenhund Kerberos gequält.Mit einigen Versionen des sechsten Gesangs beende ich meine kleine Danteserie.
Der New Yorker Künstler David Fox zeichnete eine Danteserie. Mit seiner freundlichen Genehmigung hier vier Variationen zum Thema glutton (Vielfraß, Fresser).
Dante
Sonett 1 Du, Guido, Lappo auch und ich, wie sehr Wünscht' ich, daß uns ein Zauberer geschwinde Zu Schiffe brächte, das bei jedem Winde Nach unsrem, meinem Wunsch durchführ' das Meer. So daß kein Sturm, kein böses Ungefähr Des Schiffleins Lauf zu hemmen Kräfte finde, Daß einer wie der andre Lust empfinde, Nach engerem Bund noch wüchse das Begehr; Daß Hanna dann und Bice und mit ihnen Noch jene, der das dritte Zehnt beschieden, Der gute Zauberer zu uns versetzte, Und nichts als Minnetändeln uns ergetzte, Und daß die Frauen allesamt zufrieden So, wie wir, denk' ich, dann uns selbst erschienen.
Aus: Dantes lyrische Gedichte. Neu übertragen und herausgegeben von Albert Ritter. Mit 4 Vollbildern in Kupferdruck [von Dante Gabriel Rossetti]. Berlin: Gustav Grosser, 1921 (2.-6. Tsd.), S. 53
Guido: Guido Cavalcanti und seine Freundin Johanna
Bice: Beatrice, Dantes Liebe
Lappo: unbekannt
DANTE A GUIDO CAVALCANTI
Guido, i’ vorrei che tu e Lapo ed io
fossimo presi per incantamento
e messi in un vasel, ch’ad ogni vento
per mare andasse al voler vostro e mio;
sì che fortuna od altro tempo rio
non ci potesse dare impedimento,
anzi, vivendo sempre in un talento,
di stare insieme crescesse ’l disio.
E monna Vanna e monna Lagia poi
con quella ch’è sul numer de le trenta
con noi ponesse il buono incantatore:
e quivi ragionar sempre d’amore,
e ciascuna di lor fosse contenta,
sì come i’ credo che saremmo noi.
SØREN KIERKEGAARD
(1813-1855)
Glücklich macht mich das Gefühl, an meine Muttersprache gebunden zu sein, gebunden, wie es vielleicht nur wenige sind, gebunden wie Adam es an Eva gewesen, weil da ein anderes Weib nicht war, gebunden, weil es mir unmöglich gewesen ist, eine andre Sprache sprechen zu lernen, und ich daher der Versuchung durchaus enthoben bin, wider die angeborene Sprache stolz und vornehm zu tun, aber auch dessen froh, daß ich an eine Muttersprache gebunden bin, welche innerer Ursprünglichkeit ist, wo sie die Seele ausweitet und wollüstig im Ohre tönt mit ihrem süßen Klang; eine Muttersprache, welche nicht in dem schwierigen Gedanken sich verfangend stöhnt, und eben deshalb glaubt wohl der und jener, sie könne diesen nicht ausdrücken, weil sie die Schwierigkeit, indem sie sie ausdrückt, leicht macht; eine Muttersprache, welche nicht angestrengt keucht und ächzt, wenn Sie vor dem Unaussprechlichen steht, sondern damit sich zu schaffen macht in Scherz und in Ernst, bis es ausgesprochen ist; eine Sprache, welche nicht in der Ferne sucht, was nahe liegt, oder unten in der Tiefe sucht, was gerade bei der Hand liegt, weil sie in einem glücklichen Verhältnis zu ihrem Gegenstande aus- und eingeht gleich einer Elfe,und den Gegenstand an den Tag bringt, so wie ein Kind die glückliche Bemerkung, ohne es recht zu wissen; eine Sprache, die heftig und bewegt ist, jedesmal, wenn der rechte Liebhaber es versteht, der Sprache weibliche Leidenschaft zu entflammen, selbstbewußt und sieghaft im Gedankenstreit‚ jedesmal,wenn der rechte Herr und Gebieter sie anzuführen weiß, geschmeidig wie ein Ringer, jedesmal, wenn der rechte Denker sie nicht losläßt; eine Sprache, welche, auch wenn sie an vereinzelter Stelle arm scheint, es doch nicht ist, sondern nur gering geachtet wie eine bescheidene Liebende, die doch den höchsten Wert hat und vor allem nicht verschandelt ist; eine Sprache, welche nicht ohne Ausdruck ist für das große, das Entscheidende, das Auffallende, jedoch eine anmutige, eine zierliche, eine glückselige Vorliebe hat für den Zwischengedanken und den Nebenbegriff und das Beiwort, und das Flüstern der Stimmung, und das Raunen des Übergangs, und die Innigkeit der Beugung und die verborgene Üppigkeit des heimlichen Wohlseins; eine Sprache, welche Scherz fast besser versteht als Ernst: eine Muttersprache, welche ihre Kinder fesselt mit einer Fessel, welche ‚leicht zu tragen ist — ja! aber schwer zu brechen‘.
Søren Kierkegaard: Stadien auf dem Lebenswege (1845)
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A.Reitzels Boghandel, 1978, S. 223/225
ALICJA RYBAŁKO
Die polnische Sprache ist voller RascheIn
Die litauische voller Zischeln.
Wie die Schlange auf trocknen Blättern
zwei Hostien auf meiner Zunge.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Język polski jest pełen szelestów,
Iitewski zaś – pełen syków.
Jak żmija na suchych liściach –
dwie hostie na moim języku.
Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 162/163
Sarah Kirsch
Keiner hat mich verlassen
Keiner hat mich verlassen
Keiner ein Haus mir gezeigt
Keiner einen Stein aufgehoben
Erschlagen wollte mich keiner
Alle reden mir zu
Aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1972
ALICJA RYBAŁKO
Seismologie
Zuerst fliegen die Minderheiten weg.
Dann beginnt die Intelligenz zu flattern.
Schließlich bricht das Volk zum Flug auf.
Als letztes erwacht die Regierung.
In der Regel erst nach dem Erdbeben.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Seismologia
Najpierw odlatują mniejszości.
Potem zaczyna trzepotać inteligencja.
Wreszcie naród zrywa sie da lotu.
Ostatni budzi się rząd.
Zwykle bywa już po trzęsieniu ziemi.
Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 164/165
Spruch 54 aus der Hávamál (aus der Lieder-Edda)
Seichter See; seichte Meeresdünung.
Seicht ist vieler Menschen Verstand.
Nicht jeder Mann wurde klug geboren.
In zwei Hälften zerfällt die Welt.
Deutsch von Walter Baumgartner
Lítilla sanda
lítilla sæva
lítil eru geð guma
því at allir menn
urðut jafnspakir
hálf er öld hvar
? [of small sands,]
? [of small seas,]
Small are the minds of men,
because all men
have not turned out equally wise,
? mankind is everywhere halved. (Quelle)
IBN BAQI
Ich armer Dichter, der, wo keine Kunstliebhaber
Und keine Kenner sind, das Volk um Beifall fleht!
Die Reime nur beweinen den verlassenen Araber
In einer Welt, die kein Arabisch mehr versteht.
Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136
Ibn Baqi oder Abu Bakr Yahya Ibn Muhammad Ibn Abd al-Rahman Ibn Baqi (gestorben 1145 oder 1150) war ein arabischer Dichter der almoravidischen Zeit aus Córdoba oder Toledo in Andalusien. Die Almoraviden waren eine Berberdynastie aus dem heutigen Mauretanien und Marokko. 1086 kamen sie auf Bitten der andalusischen Emirate den arabischen Andalusiern gegen die Rückeroberung (Reconquista) Spaniens zu Hilfe. Sie besiegten den spanischen König – und blieben, das heißt sie eroberten die von kultureller Toleranz und Blüte geprägten andalusischen Staaten und setzten einen rigorosen glaubensstrengen und puritanischen Islam durch.
Ibn Hazm
Als man seine Bücher verbrannte
Verbrennt nur die Papiere! Die Gedanken
Sind feuerfest.
Was ich erkannt, kommt dadurch nicht ins Wanken‚
Daß ihr den Geist mit falschen Maßen meßt.
Allüberall, wohin mich Pferde tragen,
Ziehn die Gedanken mit mir auf und ab.
Sie gehn mit mir zu Bett nach mühevollen Tagen,
Und sterb ich, nehm ich sie mit ins Grab.
Doch dies Autodafé der Pergamente
Ist dumm und eine Schmach der Wissenschaft.
Stützt eure Meinungen durch Argumente!
Dann wird sich zeigen, wo der Irrtum klafft.
Ihr sitzt zu Unrecht auf dem Richterstuhle
Und seid von euren Zielen weit entfernt.
Ihr geht am besten auf die Fibelschule,
Daß ihr erst mal die Anfangsgründe lernt.
Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136
Der Titel ist irreführend – hat den ein Praktikant geschrieben? Sogar „Abendland“ wäre richtiger, denn diese Gedichte entstanden im arabischen Andalusien, im äußersten Westen (= Maghreb) des damaligen arabischen Kulturkreises.
Ibn Hazm (Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī, arabisch أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي, Abū Muḥammad ʿAlī ibn Aḥmad Ibn Ḥazm aẓ-Ẓāhirī al-Andalusī) wurde am 7. November 994 in Córdoba geboren; er starb am 16. August 1064 auf dem Gut Casa Montija bei Niebla. Er war ein arabischer Dichter und Universalgelehrter im Kalifat von Córdoba. Seine Familie war wohl westgotischer Abstammung.
„Da er aber Anhänger der muslimischen Rechtsschule der Zahiriten war, erhielt er in der Großen Moschee Lehrverbot und wurde auch später deshalb immer wieder vertrieben. In Sevilla wurden sogar seine Werke verbrannt. Ein weiterer Grund für seine mehrmalige Verbannung war seine angeblich pro-umayyadische Gesinnung, die in den Taifa-Königreichen verdächtig war. Nachdem er zeitweise Wesir unter dem umayyadischen Kalifen Abd ar-Rahman V. (1023–1024) gewesen war, zog er sich aus der Politik zurück.“ (Wikipedia)
Richard Weiner.
Jean Baptiste Chardin
Dies ist mein Tisch,
Dies meine Hausschuh,
Dies ist mein Glas,
Dies ist mein Kännchen.
Dies meine Etagere,
Dies meine Pfeife,
Dose für Zucker,
Großvaters Erbstück.
Dies ist mein Eßzimmer,
Dies meine Ecke,
Dies ist mein Hund,
Dies meine Katze.
Hier ist mein Wegdewood,
Dort ist mein Sevres.
Das lustige Bildchen,
Fragos Geschenk.
Bläuliche Schalen
Hab‘ ich sehr gern.
Blumen im Fenster
Liebe ich sehr.
Fuchsien aber
Seh ich am liebsten.
Meine Charlotte
Liebet den Flieder.
Täglich um elfe
Frühstücken wir.
Abends um achte
Deckt man zu Tisch.
Esse am liebsten
Spargel mit Sauce,
Wildbret auf Pfeffer,
Erdbeer mit Creme.
Und die Charlotte
Liebt ihre Austern,
Hühnchen auf Schwammerln,
Hummerragout.
Gut ist’s zu Hause,
Sehr gut zu Hause.
Dies meine Ecke,
Dies meine Hausschuh.
Glattes Email
Glanzüberquillt.
Dies ist mein Weib.
Dies ist mein Bild.
Keine Parodie auf Günter Eichs „Inventur“, sondern das Urbild. Dieses Gedicht des tschechischen Schiftstellers Richard Weiner erschien 1916 in der Reihe „Die Aktions-Lyrik“ im Band „Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie“. Sehr wahrscheinlich kannte Eich das Gedicht. Ich weiß nicht, ob die Anleihe bewußt war oder ob Jahrzehnte später eine irgendwann gelesene Form fernwirkte. Ich halte nichts von der manchmal geäußerten Meinung, erst Eich habe der Form den „ihr entsprechenden“ Inhalt gefunden. Beide Gedichte können für sich stehen.
Richard Weiner wurde am 6. November 1884 in Písek geboren und starb am 3. Januar 1937 in Prag.
Auswahl deutscher Ausgaben
In seiner Werkstatt Sonntags früh
Steht unser treuer Meister hie:
Sein schmutzig Schurzfell abgelegt,
Einen saubern Feierwams er trägt,
Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten,
Die Ahl steckt an den Arbeitskasten;
Er ruht nun auch am siebnten Tag
Von manchem Zug und manchem Schlag.
Wie er die Frühlings-Sonne spürt,
Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert:
Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In seinem Gehirne brütend hält,
Daß die fängt an zu wirken und leben,
Daß er sie gerne möcht von sich geben.
Er hätt ein Auge treu und klug
Und wär auch liebevoll genug,
Zu schauen manches klar und rein
Und wieder alles zu machen sein;
Hätt auch eine Zunge, die sich ergoß
Und leicht und fein in Worte floß;
Des täten die Musen sich erfreun,
Wollten ihn zum Meistersänger weihn.
Da tritt herein ein junges Weib,
Mit voller Brust und rundem Leib;
Kräftig sie auf den Füßen steht,
Grad, edel vor sich hin sie geht,
Ohne mit Schlepp und Steiß zu schwänzen,
Oder mit den Augen herum zu scharlenzen.
Sie trägt einen Maßstab in ihrer Hand,
Ihr Gürtel ist ein gülden Band,
Hätt auf dem Haupt einen Kornähr-Kranz,
Ihr Auge war lichten Tages Glanz;
Man nennt sie tätig Ehrbarkeit,
Sonst auch Großmut, Rechtfertigkeit.
Die tritt mit gutem Gruß herein;
Er drob nicht mag verwundert sein;
Denn wie sie ist, so gut und schön,
Meint er, er hätt sie lang gesehn.
Die spricht: »Ich hab dich auserlesen
Vor vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschicklichs magst beginnen.
Wenn andre durcheinander rennen,
Sollst das mit treuem Blick erkennen;
Wenn andre bärmlich sich beklagen,
Sollst schwankweis deine Sach fürtragen;
Sollst halten über Ehr und Recht,
In allem Ding sein schlicht und schlecht;
Frummkeit und Tugend bieder preisen,
Das Böse mit seinem Namen heißen.
Nichts verlindert und nichts verwitzelt,
Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt;
Sondern die Welt soll vor dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn:
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innre Kraft und Ständigkeit.
Der Natur-Genius an der Hand
Soll dich führen durch alle Land,
Soll dir zeigen alles Leben,
Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,
Schieben, Reißen, Drängen und Reiben;
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert;
Mag dir aber bei allem geschehn,
Als tätst in einen Zauberkasten sehn.
Schreib das dem Menschenvolk auf Erden,
Obs ihm möcht eine Witzung werden.«
Da macht sie ihm ein Fenster auf,
Zeigt ihm draußen viel bunten Hauf,
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihrs mögt in seinen Schriften lesen.
Wie nun der liebe Meister sich
An der Natur freut wunniglich,
Da seht ihr an der andern Seiten
Ein altes Weiblein zu ihm gleiten;
Man nennet sie Historia,
Mythologia, Fabula;
Sie schleppt mit keichend-wankenden Schritten
Eine große Tafel, in Holz geschnitten:
Darauf seht ihr mit weiten Ärmeln und Falten
Gott Vater Kinderlehre halten,
Adam, Eva, Paradies und Schlang,
Sodom und Gomorras Untergang,
Könnt auch die zwölf durchlauchtigen Frauen
Da in einem Ehren-Spiegel schauen;
Dann allerlei Blutdurst, Frevel und Mord,
Der Zwölf Tyrannen Schandenport,
Auch allerlei Lehr und gute Weis,
Könnt sehn Sankt Peter mit der Geiß,
Über der Welt Regiment unzufrieden,
Von unserm Herrn zurecht beschieden.
Auch war bemalt der weite Raum
Ihres Kleids und Schlepps und auch der Saum
Mit weltlich Tugend- und Laster-Geschicht.
Unser Meister das alles ersicht
Und freut sich dessen wundersam,
Denn es dient wohl in seinen Kram.
Von wannen er sich eignet sehr
Gut Exempel und gute Lehr,
Erzählt das eben fix und treu,
Als wär er selbst geseyn dabei.
Sein Geist war ganz dahin gebannt,
Er hätt kein Auge davon verwandt,
Hätt er nicht hinter seinem Rucken
Hören mit Klappern und Schellen spucken.
Da tät er einen Narren spüren
Mit Bocks- und Affensprüngen hofieren
Und ihm mit Schwank und Narreteiden
Ein lustig Zwischenspiel bereiten.
Schleppt hinter sich an einer Leinen
Alle Narren, groß und kleinen,
Dick und hager, gestreckt und krumb,
Allzu witzig und allzu dumb.
Mit einem großen Farrenschwanz
Regiert er sie wie ein’n Affentanz:
Bespöttet eines jeden Fürm,
Treibt sie ins Bad, schneidt ihnen die Würm
Und führt gar bitter viel Beschwerden,
Daß ihrer doch nicht wollen wenger werden.
Wie er sich sieht so um und um,
Kehrt ihm das fast den Kopf herum:
Wie er wollt Worte zu allem finden?
Wie er möcht so viel Schwall verbinden?
Wie er möcht immer mutig bleiben,
So fort zu singen und zu schreiben?
Da steigt auf einer Wolke Saum
Herein zu’s Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschauen,
Wie ein Bild unsrer lieben Frauen.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit
Immer kräftig wirkender Wahrheit.
Sie spricht: »Ich komm, um dich zu weihn,
Nimm meinen Segen und Gedeihn!
Ein heilig Feuer, das in dir ruht,
Schlag aus in hohe lichte Glut!
Doch daß das Leben, das dich treibt,
Immer bei holden Kräften bleibt,
Hab ich deinem innern Wesen
Nahrung und Balsam auserlesen,
Daß deine Seel sei wonnereich,
Einer Knospe im Taue gleich.«
Da zeigt sie ihm hinter seinem Haus
Heimlich zur Hintertür hinaus,
In dem eng umzäunten Garten
Ein holdes Mägdlein sitzend warten
Am Bächlein, beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug
Sitzt’s unter einem Apfelbaum
Und spürt die Welt rings um sich kaum,
Hat Rosen in ihren Schoß gepflückt
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt,
Mit hellen Knospen und Blättern drein:
Für wen mag wohl das Kränzel sein?
So sitzt sie in sich selbst geneigt,
In Hoffnungsfülle ihr Busen steigt;
Ihr Wesen ist so ahndevoll,
Weiß nicht, was sie sich wünschen soll,
Und unter vieler Grillen Lauf
Steigt wohl einmal ein Seufzer auf.
Warum ist deine Stirn so trüb?
Das, was dich dränget, süße Lieb,
Ist volle Wonn und Seligkeit;
Die dir in Einem ist bereit,
Der manches Schicksal wirrevoll
An deinem Auge sich lindern soll;
Der durch manch wunniglichen Kuß
Wiedergeboren werden muß.
Wie er den schlanken Leib umfaßt,
Von aller Mühe findet Rast,
Wie er ins runde Ärmlein sinkt,
Neue Lebenstag‘ und Kräfte trinkt;
Und dir kehrt süßes Jugendglück,
Deine Schalkheit kehret dir zurück.
Mit Necken und manchen Schelmereien
Wirst ihn bald nagen, bald erfreuen.
So wird die Liebe nimmer alt,
Und wird der Dichter nimmer kalt!
Weil er so heimlich glücklich lebt,
Da droben in den Wolken schwebt
Ein Eichkranz, ewig jung belaubt,
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt;
In Froschpfuhl all das Volk verbannt,
Das seinen Meister je verkannt.
Das Gedicht entstand Anfang 1776 und wurde schon im April in der Zeitschrift Teutscher Merkur gedruckt,
Der Holzschnitt ist wahrscheinlich fiktiv. Hier ein zeitgenössisches Bildnis von Hans Sachs

Thomas Brasch
IHR QUATSCHT DARÜBER, OHNE ES ZU KENNEN
Ihr verdammt es,
das was ich Nichts nenne.
Weil mir besseres Wort fehlt.
Ihr nennt Nihilisten Idioten,
weil ihr keine seid.
Ihr nennt sie dumm, nicht denkend
Aha!
Na und?
Woran denkt ihr?
An Honig, Weiber, Betten, Arbeit.
Ich auch!
Und an nichts denk ich,
an das,
was ihr vergeßt,
was in leeren Schränken ist
und mich überrascht,
an das,
was in verpaßten Gelegenheiten ist,
was mir die Stirn zerfrißt,
was mich erinnert,
an die Lampe, die keine ist
an das Lied, das keiner singt
Ich lebe, überrascht, daß ich lebe,
ich lebe voll, saugend
aber die Hauptsache
vergeß ich nicht,
ihr Idioten!
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 424 (Erstdruck)
Das Gedicht entstand wahrscheinlich Anfang der 60er Jahre.
Thomas Brasch
DAS FÜRCHTEN NICHT UND NIE DAS WÜNSCHEN
darf mir abhanden kommen, auch mein täglich sterben nicht
das seellos süchtig sein auf keinen fall
nur hirnlos reimen wie ein wicht muß beendet werden
da ist ein gott und setzt sich zwischen alle stühle
er sieht genauso aus wie ich mich fühle
Aus: Thomas Brasch, Wer durch mein Leben will, muß durch mein Zimmer.
Gedichte aus dem Nachlaß. Frankfurt: Suhrkamp, 2002.
Thomas Brasch starb am 3. November 2001 in Berlin. Begraben ist er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken/ Johann Klaj
Aus: Pegnesisches Schäfergedicht
Als sie nun solchem Geschrey nachgiengen/ funden sie in der Nähe die Melancholische Schäferin Pamela/die ihr sicherlich einbildete/ sie were das arme und in letzten Zügen liegende Teutschland. In dieser Raserey ließ sie sich vernemen nach folgender Schwarmreden:
Es schlürfen die Pfeiffen/ es würblen die Trumlen/
Die Reuter und Beuter zu Pferde sich tumlen/
Die Donnerkartaunen durchblitzen die Lufft/
Es schüttern die Thäler/ es splittert die Grufft/
Es knirschen die Räder/ es rollen die Wägen/
Es rasselt und prasselt der eiserne Regen/
Ein jeder den Nechsten zu würgen begehrt/
So flinkert/ so blinkert das rasende Schwert.
Ach wer wird mir Ruhe schaffen/
Wann die niemals müde Waffen/
Wüten mit Nahm/ Raub und Brand/
In des Kriegers Mörderhand.
Welche meine Schmertzenflamme
Treiben/ sind vom Teutschen Stamme:
Kein Volk hat mich nie bekriegt
Und den Meinen obgesiegt.
Sehet an die freyen Anken/
Welche man heut nennet Franken/
Haben sie der Galljer Kron
Nicht erhaben in den Thron?
Sehet an der Gothen Ahnen/
Kennet ihr die Löwenfahnen?
Sind sie nicht von alter Zeit
Von der Teutschen Adelheit?
Wie kan dann die Drachengallen
Unter Nahgesipten wallen?
Wie hat doch der Haß forthin
Gantz durchbittert ihren Sinn?
Meine Söhne/ jhr seyd Brüder/
Leget eure Degen nieder!
Schauet doch mein Mutterherz
Threnen/ ob dem Heldenscherz!
Last ihr euch nicht erbitten erbitterte Brüder?
Sind das dann Freundesitten vereinigter Glieder?
Mein Bitten ist ümsunst/
Umsonst ist alles Bitten/
Die hohe Kriegesbrunst
Läst sich nicht so entschütten.
Sie flammet liechterloh/
Geschwinder als das Stroh/
Die Zehren fliesset ab
Und gräbt der Städte Grab.
Sol dann mich/ mich Mutterland/ meiner Söhne Schand beflekken?
Und als eine Mördergrub mit verruchten Greul bedekken?
Muß ich da zum Raube werden/ als des Krieges Jammerbeute/
Und zwar nicht durch fremde Waffen/ sondern meiner Landesleute.
Ihr nicht so meine Söhn’/ erweichet euren Sinn/
Bedenket wer ihr seyd und wer ich Arme bin.
Georg Philipp Harsdörffer / Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. 1644–1645, Herausgegeben von Klaus Garber, Tübingen: Niemeyer, 1966.
Georg Philipp Harsdörffer
Ständchen
Nun der übermüde Tag
Mehr zu wachen nicht vermag,
Schleicht der süße Schlaf herein,
Legend aller Sorgen Klag‘
In den finstern Schattenschrein.
Alles liegt in sanfter Ruh‘
Vieler Augen schließet nu
Mancher vorverübte Traum,
Blühend so dem Morgen zu,
Gleich dem edlen Mandelbaum.
Wie dann, daß die Liebe wacht,
Und mit Schmerzen sich beklagt
Ueber Angst und Herzeleid,
Bis die Sonne wieder tagt
Und sich von dem Meere scheid’t?
Quelle:
Auserlesene Gedichte von Georg Philipp Harsdörffer, Johann Klaj, Sigmund von Birken, Andreas Scultetus, Justus Georg Schottel, Adam Olearius und Johann Scheffler, Leipzig 1826, S. 20-21.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004994833
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