Georg Philipp Harsdörffer
Ständchen
Nun der übermüde Tag
Mehr zu wachen nicht vermag,
Schleicht der süße Schlaf herein,
Legend aller Sorgen Klag‘
In den finstern Schattenschrein.
Alles liegt in sanfter Ruh‘
Vieler Augen schließet nu
Mancher vorverübte Traum,
Blühend so dem Morgen zu,
Gleich dem edlen Mandelbaum.
Wie dann, daß die Liebe wacht,
Und mit Schmerzen sich beklagt
Ueber Angst und Herzeleid,
Bis die Sonne wieder tagt
Und sich von dem Meere scheid’t?
Quelle:
Auserlesene Gedichte von Georg Philipp Harsdörffer, Johann Klaj, Sigmund von Birken, Andreas Scultetus, Justus Georg Schottel, Adam Olearius und Johann Scheffler, Leipzig 1826, S. 20-21.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004994833
Martin Luther
Das deudsch Sanctus.
Jesaia dem propheten das geschach,
das er ym geyst den herren sitzen sach
auff eynem hohen thron ynn hellem glantz,
seines kleides saum den kor fullet gantz.
Es stunden zween seraph bey yhm daran.
Sechs flugel sach er eynen ydern han,
mit zwen verbargen sie yhr antlitz klar,
mit zwen bedeckten sie die fusse gar,
vnd mit den andern zwen sie flogen frey,
gen ander ruffen sie mit grossem schrey:
Heylig ist Gott der herre zebaoth.
Heilig ist Gott der herre zebaoth.
Heilig ist gott der herre zebaoth,
Sein ehr die gantze welt erfullet hat.
von dem schrei zittert schwel vnd balcken gar,
das haus auch gantz vol rauchs und nebel war.
Quelle:
Martin Luther: Werke. 120 Bände, Band 35, Weimar 1888 ff., S. 454-455
Heutige musikalische Fassung http://www.luther-gesellschaft.de/assets/pdf/lieder/jesaja_dem_propheten_das_geschah.pdf
Else Lasker-Schüler
Sulamith
O, ich lernte an deinem süßen Munde
Zuviel der Seligkeiten kennen!
Schon fühl ich die Lippen Gabriels
Auf meinem Herzen brennen
Und die Nachtwolke trinkt
Meinen tiefen Zederntraum.
O, wie dein Leben mir winkt!
Und ich vergehe
Mit blühendem Herzeleid
Und verwehe im Weltraum,
In Zeit,
In Ewigkeit,
Und meine Seele verglüht in den Abendfarben
Jerusalems.
Paul Celan
Es STAND
der Feigensplitter auf deiner Lippe,
es stand
Jerusalem um uns,
es stand
der Hellkiefernduft
überm Dänenschiff, dem wir dankten,
ich stand
in dir.
Entstanden: Paris 17.10. 1969 (Am Tag der Rückkehr von seiner einzigen Israelreise vom 30.9.-17.10. 1969)
Mit Ilana Shmueli zusammen war Celan am 9.10. 1969 in Jerusalem morgens beim Denkmal des Dänenschiffs (er wohnte in der Nähe bei Freunden).
David Rokeah
Paul Celan
Als Paul Celan nach Jerusalem kam
verstreuten sich die Schlüsselworte seiner Gedichte
zwischen dem Tor des Erbarmens
und dem Tor der Löwen
und kehrten nicht zurück zu ihm
bis zum Tag seines Todes
Manchmal, in Jerusalem,
sehe ich ihn streicheln
das schwarze Haar eines jemenitischen Mädchens
und seine großen Augen
sprechen aus die Trauer einer versäumten Liebe
Die Worte die er zusammenfügte
wie in einem Notarikon
die Stürme die sich heraufzogen
zwischen den Worten
und den Warnzeichen an der Wand
und das Verstummen dann
und das Gedicht dann
Jizchak Katzenelson
Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen von Wolf Biermann. Aus dem 13. Gesang
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Die Chaluzim bezogen ihre Posten, alle haben sich verteilt
Dicht an der Tür, die Treppe hoch, im Flur, am Kellergang
Vom Fenster aus sah einer auf die Straße runter. Was passiert
Hat er uns zugeflüstert. Durch ein’ Schlitz sah ich: Da sind
Schon wieder welche festgenommen. Schau, sie werden abgeführt
Zum Umschlagplatz. Sie laufen von SS bewacht die Straße lang
Sie sagen keinen Ton, die Köpfe tief gebeugt. Ach, meine letzten ihr
Vom Judenvolk. Stocktaub möchte ich sein und lieber blind
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Still! ein Getrampel. Knobelbecherschritte. Deutsche. Zwei
Haun panisch ab. Die kommen wieder und genau hier hin
Zu mehreren. Sie legen Feuer am Gebäude da, jetzt brennt
Das kleine Haus, grad gegenüber. Von der Feuerwehr ein Held
Anstatt zu löschen, facht er noch die Flammen an und schreit
Auf Polnisch zu dem Deutschen: Ganze drei sind da noch drin
Versteckt. Nun schleppt man sie heraus, sie wehren sich
Schon rötet sich der weiße Schnee, das Blut dampft in der Kält’
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Still! Psst! jetzt sind sie schon bei uns. Ich seh nicht das Gesicht
Von diesem Deutschen, seh nur seinen Rücken, sein Gewehr
Ich sage dir, daß keiner diesen Deutschen in den Rücken schoß
Der erste fiel, der andere auch. Die Kugel traf ihn vorne in die Brust
»Die Juden schießen ja!« – hat noch der eine von den zwein
Erstaunt geröchelt. Gutmann, Sacharia hat geschossen, der
Eliëser auch – Chaluzim und Pfadfinder vom »Haschomer Hazair«
Er hat’s kapiert! Ja, Juden schießen auch — das hatt’ er nicht gewußt
[3.‚ 4.‚ 5.1.44]
Jizchak Ketzenelson: Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk. Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk. Aus dem Jiddischen von Wolf Biermann. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994. 5. Aufl. 1996, S. 145

Jerusalem
Deine Steine will ich schleifen
bis meine Begierde sich in dir spiegelt –
Stolz der Fichten, Harz ihres Herzens
In den Kristallen des Morgens
sammle ich
das Abbild deines Tages
der früh erwacht
über der Stadtmauer.
Eine Ähre aus Licht
im erzenen Mörser
Deine Steine will ich schleifen
bis mein Traum dich durchdringt
wie ein Fluß der deine Felsen sprengt –
dein Begehren, Wanderer
Deutsch von Nelly Sachs
Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 15
Else Lasker-Schüler
Alfred Kerr
Jakobsohn und Jakobfritzen
Lassen die Tinten spritzen
Wasserfarbenrot.
Und Mühsam, eh ichs vergesse,
Kain heißt seine Presse;
Kein Jakob schlägt sie tot.
Und Pfemfert der Aktionäre,
Zieht mich in die Affaire:
Ob Dr. Kerr tut not?
Was Dr. Kerr bedeute
Für die Literatur von heute –
Ein Silberling im Brot.
Else Lasker-Schüler
Ich liege wo am Wegrand
(Treulosen Freunden)
Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere kalte Nacht –
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.
Wo soll ich auch noch hin – von Grauen überschattet –
Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht
Und weite Himmel blauvertausendfacht.
Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist Gottes Ebenbild….!
Fahrlässig umgebracht.
Darum auch lebten du und ich in einem Schacht!
Und – doch im Paradiese trunken blumumblattet.
Aus: Mein blaues Klavier
Frühere Fassung:
Ich liege wo am Wegrand übermattet
Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere, kalte Nacht
Und zähl schon zu den Toten, längst bestattet.
Wo soll ich auch noch hin von Grauen überschattet,
Schutzengel haben nur auf Kinder acht –
Doch glaubt ich, daß ihr Menschen lieb mich hattet.
Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht,
Und weite Himmel blauvertausendfacht;
Nur weil ihr Gott zur Ehre alles tatet.
Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist ja Sein Ebenbild! – Ihr habt es umgebracht,
Zu dem ihr herzhinpochend einst gewallfahrtet.
Darum auch lebten du und ich in einem Schacht
Und doch im Paradiese blumumblattet –
Bis wir erlagen hold versunken schwarzer Niedertracht.
Versöhnung
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen …
Wir wollen wachen die Nacht,
In den Sprachen beten,
Die wie Harfen eingeschnitten sind.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht –
So viel Gott strömt über.
Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüß.
Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?
Grenzt nicht mein Herz an deins –
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.
Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.
Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen.
Yitzhak Laor
Begriff
Wenn die Welt gedunsen ist
wie eine Leiche, ist das Flugzeug
über ihr nicht eine Fliege? Oder
vielleicht weniger? Eine von allen
Fliegen? Und was ist dies Verlangen
sich die Welt vorzustellen
über ihr zu sein
Flugzeug/ Fliege?
Und das Verlangen
die Welt sei geborgen
in Stille
vollständig
in einem
Vergleich? Was ist
dies Verlangen
eine Leiche
zu sein
was gibt es
in einer Leiche
in einer
Leiche
Aus dem Hebräischen von Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel
Aus: Der Vogel fährt empor als kleiner Rauch. Ein deutsch-israelisches Lesebuch. Hrsg. Efrat Gal-Ed u. Christoph Meckel. Göttingen: Steidl, 1995, S. 156
David Rokeah
Eine Pinie sein
Eine Pinie sein in Jerusalem.
Eine Antenne für Stimmen
die zurückkehren aus dem Weltall.
Eine Säule von grünem Feuer
in Kreidezonen.
Eine Pinie sein. Harz speichern
für Tage der Bedrängnis;
Sich sträuben wie ein Igel;
Eine Pinie sein auf dem Scopusberg.
Hinunterblicken Stufe um Stufe
bis zum Toten Meer
Deutsch von Gerhard Schoenberner
Aus: David Rokeah: Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hebräischen. Hrsg./Nachwort Michael Krüger. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 13
So war das damals – z.B. 1975:
Kunert und Heine begegnen einander zwischenzeitlich
Wie wohl Übersicht erlangen
in der historischen Niederung
umgeben von engen Horizonten
in der Gestalt von Menschen
mit Plattheiten überhäuft
und so wenig Aussicht
auf bessere Aussichten.
Man braucht einen Gipfel!
„Ich baue am Berg…“
Das war sein letztes Wort
am Postwagen.
Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 88
Bertolt Brecht
Klage des Seami über den Tod seines Sohnes Motomasa
Ich erlernte meine Kunst von meinem Vater; er
Unterwies mich in den Vorschriften und Überlieferungen.
Sie waren geheim, es gab kein Buch.
Seami ist ein japanischer Autor und Schauspieler des 14. Jahrhunderts. Brecht las von ihm und seinem Sohn bei Arthur Waley: The No Plays of Japan (erschienen 1921 in London). Das vielleicht fragmentarische Gedicht wurde erstmals 1993 im 15. Band der Großen Kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe veröffentlicht, es steht dort auf S. 286
Heinrich Heine
Rationalistische Exegese
Nicht von Raben, nein mit Raben
Wurde Elias ernähret –
Also ohne Wunder haben
Wir die Stelle uns erkläret.
Ja, anstatt gebratner Tauben,
Gab man ihm gebratne Raben,
Wie wir deren selbst mit Glauben
Zu Berlin gespeiset haben.
Entstanden 1850
Aus der Bibel, 1. Könige 17:
Der Prophet Elia aus Tischbe in Gilead sagte eines Tages zu König Ahab: »Ich schwöre bei dem HERRN, dem Gott Israels, dem ich diene: Es wird in den nächsten Jahren weder Regen noch Tau geben, bis ich es sage!« 2 Danach befahl der HERR Elia: 3 »Du musst fort von hier! Geh nach Osten, überquere den Jordan und versteck dich am Bach Krit! 4 Ich habe den Raben befohlen, dich dort mit Nahrung zu versorgen, und trinken kannst du aus dem Bach.« 5 Elia gehorchte dem HERRN und versteckte sich am Bach Krit, der von Osten her in den Jordan fließt. 6 Morgens und abends brachten die Raben ihm Brot und Fleisch, und seinen Durst stillte er am Bach.
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