Etwa an einen blassen Neuklassiker

Alfred Lichtenstein

(23. August 1889 Wilmersdorf – 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)

Aus: Die Gedichte des Kuno Kohn

Etwa an einen blassen Neuklassiker

Du, früher August, fühlst dich jetzt Hellene.
 Dahin sind Hurenhuld und Schiebetänze,
 Die Poesie berliner Äppelkähne
 Entschwand dir in dem Blau der Griechenlenze.

Die Zeiten ändern sich. Der Mann wird reifer,
Hübsch licht und weich wird seine saure Seele.
 Du zwitscherst jetzt mit Macht und vielem Eifer
 Dein sanftes Lied aus der geölten Kehle.

Was du gelernt von Journalisten hast,
 Umgibst du schön mit klassischen Fassaden.
 Und mit geschwollnen Segeln an dem Ast,
 Gelangst du bald zu fetteren Gestaden.

Wer trillert nun die imitierte Flöte:
 Verlogner Shakespeare und erborgter Goethe.

Erstdruck in: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst.
Jg. 4, 1914, Nr. 29, 18. Juli, Sp. 628.

Unter den Nesseln

Christine Busta

(23. April 1915 Wien – 3. Dezember 1987 Wien)

UNTER DEN NESSELN

Es sprengte die zarte, wunderbare
Wurzel der Nessel den lastenden Stein.
Durchs brennende Dickicht verschütteter Jahre
dringen wir in die Grabkammer ein.

Heimgang ins fremdgewordene Innen.
Unsere Sohlen rührt kultischer Staub:
war es ein Dornkranz, kindliches Linnen
oder des Ölzweigs zerbröckeltes Laub?

An den langverfinsterten Wänden
tasten wir blind nach Zeichen hin
und erkennen mit scheuen Händen
wieder die Lampe und den Delphin.

Aus: Unter dem sapphischen Mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Hrsgg. von Oda Schaefer. München: Piper, 1957

Finde du mich

Oda Schaefer

(21. Dezember 1900 Wilmersdorf b. Berlin – 4. September 1988 München)

Die Verzauberte

Den grünen Leib der Libelle,
Das Auge der Unke dazu,
So treibe ich auf der Welle,
Dem murmelnden Mund der Quelle,
Die strömt aus dem dunklen Du.

Hörst du mich?
Siehst du mich?
Ach, ich bin unsichtbar,
Im weißen Spinnenhaar,
Im wirren Gräsergarn,
Unter Dorn und Farn.

Alles, was flüstert und schäumt,
Alles, was schauert und bebt,
Bin ich, die einsam träumt
Und im Entschweben lebt.

Im Schilf, im Ried,
Singt ein Vogel mein Lied,
Liegt das Schwanenkleid
Meiner Flucht bereit.

Suche du mich!
Finde du mich
Bis ich dir wiederkehr
So federleicht
Ist alles still und leer,
was mir noch gleicht.

Aus: Unter dem sapphischen Mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Hrsgg. von Oda Schaefer. München: Piper, 1957

Mein Beitrag zum Staat

Günter Eich (1. Februar 1907 Lebus – 20. Dezember 1972 Salzburg)

BEETHOVEN, WOLF UND SCHUBERT

Ach und O sind zwei Gedichte, die jeder versteht. Und verhältnismäßig kurz, sie erfordern keine langjährige Übung im Lesen. Ob sie jedem gefallen, ist eine andere Frage, sie passen nicht, wenn man den schönen Götterfunken voraussetzt. Bravo oder bis bis wäre da viel besser, aber nicht so kurz. Jedenfalls führt Schwermut in die Anarchie, so einfach ist das. Entzückt verzehrt der Wolf sein Bein, das ihm ein Tellereisen abgerissen hat. Gesegnet sei der Tag, der mir Nahrung gab, ruft er. Der Wolf soll uns ein Beispiel sein. Eine tabula rasa ist besser als ein leerer Tisch, von der fabula rasa kam ich darauf, die Welt ist ein Druckfehler.

Das soll uns nicht verdrießen. Was man fürs Leben braucht, lernt man in jedem Tellereisen, und für Kybernetik hat man Fachkräfte. Oder Geometrie, – sie ergibt sich von selbst: Beim Sitzen kann man Wechselwinkel an Parallelen erreichen, wenn man sich Mühe gibt; Schlafen, das heißt hundertachtzig Grad; rechte Winkel beim Kartoffelklauben. Die Welt ist auch eine harmonische Anstalt, ob wirs wissen oder nicht. Franz Schubert schlief mit Brille, aber das geht, und wenn sie zerdrückt wird, setzt das den Optiker in Bewegung. Für äußerste Fälle habe ich ein Medikament erfunden, eine Art Whisky mit Yoga, kleine grüne Pillen, die für und gegen alles helfen, vor allem für alles, wogegen sie helfen. Jeder weiß wie wichtig das ist. Meine Erfindung, mein Beitrag zum Staat. Auf dieser Lorbeere ruhe ich aus.

Horrid Laughter

B.K. Tragelehn

Horrid Laughter
                                für K. D. Wolff

Karthago ist zerstört und Cato spottet
 Was ist Rom ohne seine Feinde  Nichts
 Untergegangen die Armada Spanien 
 Träumt und Britannia rules the waves usw.
 Die Mauer ist gefallen in Berlin
 Nein keine Wende nur ein Weiter-so
 Und wo ist jetzt der Feind Sieh in den Spiegel
 Die Festung Europa wartet auf den Süden
 Wie einst Rom hat gewartet auf den Norden
Shoppen Und Ficken goldener Zeitvertreib
 Dauernd der Lärm die Stille rasend Wer
Niemals zuvor gelacht hat lacht jetzt sehr
Und wer stets lachte lacht jetzt umso mehr

Aus: Poesiealbum 333. B.K. Tragelehn. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2017

(Dieses Heft zum 50jährigen Bestehen der Reihe ist ein Bonusheft für Abonnenten)

Außerdem: 334 Immanuel Weißglas | 332 Adolf Dresen | 331 Reinhard Bernhof | 330 Sarah Kirsch | 329 Michael Hamburger | 328 Eugen Roth | 327 Arthur Silbergleit | 

Das ECHTE Poesiealbum

Zurufe

Paul Klee

Zurufe

Krummfahrer! Bösharrer! Schmutzstarrer!
Pelzläuser! Wissbesser!
Schmerling!
Duckmäuserlehrling!!
*
Alle alle hatt ich gern
und jetzt bin ich kühler Stern.
*
Grosswendig. Schwerhendig
anhaltig-glattfaltig
vieleinig.
*
ferne Seele bitt um Gnade
mach mich tief.
*
weil ich ging
ward Abend
Wolkenschleier
hüllten das Licht
dann schattete das nicht
über Allem
*
Hat Hut
was Glut
sengt dein Blut,
was Kohlen
weiss holen.
*
durch Rinnsal leuchte
Siebenschleier gesiebt Gesicht!
Einst werd ich liegen im Nirgend
bei einem Engel irgend.
*

Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Sammlung Luchterhand, 1990 (1. Aufl. 1946, 2. 1963)

Klänge

Wassily Kandinsky (* 4. Dezemberjul. / 16. Dezember greg.  1866 in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

»München beherbergte damals einen Künstler, der dieser Stadt vor allen andern deutschen Städten durch seine pure Anwesenheit einen Vorrang der Modernität verlieh: Wassily Kandinsky. Was ihn beschäftigte, war die Wiedergeburt der Gesellschaft aus der Vereinigung aller artistischen Mittel und Mächte. Keine Kunstgattung hatte er versucht, ohne ganz neue Wege zu gehen, unbekümmert um Hohn und Gelächter. Wort, Farbe, Ton waren in seltener Eintracht in ihm lebendig. . .« (Hugo Ball: Die Flucht aus der Zeit.)

Nachdem Kandinsky 1920 an die Universität Moskau berufen wurde und dort 1921 die »Russische Akademie der Kunst und Wissenschaft« gegründet hatte, kommt er 1922 an das Bauhaus von Weimar und später nach Dessau, bis dann 1933 seine Übersiedlung nach Paris erfolgt, wo er in ungebrochener Vitalität bis zum 13. Dezember 1944 lebte und arbeitete.

Sehen

Blaues, Blaues hob sich, hob sich und fiel.
Spitzes, Dünnes, pfiff und drängte sich ein, stach aber nicht durch.
An allen Ecken hat’ s gedröhnt.
Dickbraunes blieb hängen scheinbar auf alle Ewigkeiten.
Scheinbar. Scheinbar.
Breiter sollst du deine Arme ausbreiten.
Breiter. Breiter.
Und dein Gesicht sollst du mit rotem Tuch bedecken.
Und vielleicht ist es noch gar nicht verschoben: bloss du hast dich verschoben.
Weisser Sprung nach weissem Sprung.
Und nach diesem weissen Sprung wieder ein weisser Sprung.
Und in diesem weissen Sprung ein weisser Sprung. In jedem
weissen Sprung ein weisser Sprung.
Das ist eben nicht gut, dass du das Trübe nicht siehst: im
Trüben sitzt es ja gerade.
Daher fängt auch alles an — — —
— — — es hat gekracht.

[Aus «Klänge»]

Aus: Anthologie der Abseitigen. Hrsg. Carola Giedion-Welcker. Sammlung Luchtrhand, 1990 (1. Aufl. 1946, 2. 1963)

Sie kommen dann / und würgen mich

Selma Meerbaum-Eisinger (Selma Merbaum)

5. Februar 1924 Czernowitz, Bukowina (damals Rumänien, heute Ukraine) – 16. Dezember 1942 Zwangsarbeitslager Michailowka (Ukraine)

Aus: Poem

Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.

Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

Links

Chronik – Dezember 2017

(wird laufend ergänzt)

Was im Dezember geschah: Preise, Ausstellungen, #metoo geht weiter, Skandal um einen israelischen Geldschein, „Not in my name“ in Indien, Ovid wird postum begnadigt und darf zurück nach Rom, Stefan Zweig kriegt postum einen Orden …

  • 2. Dezember: Der Kurt-Wolff-Preis 2018 (26.000 €) geht an an Elfenbein Verlag Berlin, der „seit gut zwei Jahrzehnten in schön gestalteten Büchern die Literatur der Gegenwart mit der Erinnerung an im Schatten liegende Traditionen der ästhetischen Moderne verbindet“, der Förderpreis (5.000 €) an die Edition Rugerup, „die angelsächsische und skandinavische Lyrik, Prosa und Essays in Übersetzung oder in zweisprachigen Ausgaben veröffentlicht und, nachdem der Verlagssitz Schweden 2010 zugunsten Berlins aufgegeben wurde, die deutsche Literaturszene ungemein bereichert.“ Verliehen wird er am 11. März auf der Leipziger Buchmesse. buchmakt.de
  • 3. Dezember. Der zum 12. Mal verliehene Internationale Argana-Lyrikpreis (Prix international Argana de poésie) geht an den Tuaregdichter Mohamadine Khawad. Die Preisjury besteht aus Issa Makhlouf (Dichter, Libanon), Sanae Ghouati, Abderrahmane Tankoul und Khalid Belkassem (marokkanische Kritiker) und Najib Khedari, Morad Kadiri, Abdeslam Moussaoui, Mounir Serhani (marokkanische Dichter). Khawad wurde 1950 in Niger geboren und lebt gegenwärtig in Frankreich.
  • 4. Dezember. Der einflußreiche sephardische Rabbiner Benzion Mutzafi hat seinen wie nennt man das: Anhängern? Gläubigen? Schützlingen? verboten, den 2014 eingeführten 50-Schekel-Schein anzusehen. Begründung: Er trägt das Bild eines Abtrünnigen, des Dichters Saul Tschernichowski (Bild unten). Der hatte eine russische Christin geheiratet und sich geweigert, sie zum Übertritt zum Judentum zu bewegen. Der Hebräisch schreibende Dichter wurde 1875 in Rußland geboren und starb 1943 in Jerusalem. Nach einem Beschluß von 2011 wurden vier Dichter für die neuen Geldscheine ausgewählt, neben Tschernichowski sind das Nathan Alterman, Leah Goldberg und Rachel Bluwstein („Rachel die Dichterin“). (Ein Hauch Pragmatismus gleichwohl: man muß den ketzerischen Geldschein nicht verbrennen, es reicht, ihn im Geldbeutel mit dem Gesicht nach unten zu verwahren.) Mehr 
  • 5. Dezember. Die österreichische Autorin Petra Piuk wird mit dem erstmalig verliehenen WORTMELDUNGEN – Literaturpreis ausgezeichnet. Die Autorin seziert in ihrem Text „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ die Mechanismen von Machtmissbrauch und Sexismus hinter der Fassade einer scheinbar heilen Welt. „Ausgezeichnet wird ein Text, der auf beklemmende Art und Weise von der Ausweglosigkeit angesichts alltäglicher Gewalt erzählt, und durch sprachliche und szenische Radikalität und brachialen Witz überzeugt“, so die Begründung der Jury. Die Preisträgerin Petra Piuk wird am 6. Mai 2018 im Rahmen einer Preisverleihung mit Podiumsdiskussion im Schauspiel Frankfurt geehrt.  Im Anschluss daran wird ein Förderprogramm ausgeschrieben, das NachwuchsautorInnen dazu aufruft, sich literarisch mit dem Thema und den inhaltlichen Positionen der Preisträgerin auseinanderzusetzen, und sich mit einem kurzen Text für den Förderpreis zu bewerben. Mehr:  www.wortmeldungen.org 
  • 5. Dezember. Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown hat den Lyriker Gary Snyder in die Hall of Fame des Staates aufgenommen. Mit der von der früheren First Lady Maria Shriver etablierten Auszeichnung werden Personen geehrt, die den innovativen Geist des Staates verkörpern. Unter den Ausgewählten sind der Filmregisseur Steven Spielberg und die Schamanin und Korbflechterin Mabel McKay vom Stamm der Pomoindianer. Snyder (87) veröffentlichte mehr als 20 Bände Lyrik und Prosa. / Poetry Foundation
  • 6. Dezember. Lorin Stein, Herausgeber der angesehenen Zeitschrift The Paris Review, die seit mehr als 60 Jahren erscheint, trat im Zusammenhang mit einer internen Untersuchung, die seinen Umgang mit weiblichen Angestellten und Autorinnen betrifft, trat von seinem Amt zurück. In einem Schreiben bedauerte er sein Fehlverhalten. In einem 2011 erschienenen Artikel der New York Times war er als der neue „Party Boy“ der Zeitschrift und als „serial dater“ bezeichnet worden. Mehr

  • 8. Dezember. Appell von Liao Yiwu, chinesischer Schriftsteller im Exil, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012, zur Freilassung der Witwe des Schriftstellers Liu Xiaobo, Liu Xia: „Ich hoffe, dass die chinesische Regierung aus Gründen der Humanität und des Gesetzes einen Menschen frei lässt, der niemals irgendeines Verbrechens beschuldigt wurde, und der an schwerer Depression leidet. Ich hoffe, dass die Regierungen von Deutschland, Frankreich, USA und alle demokratischen Länder sich dafür einsetzen, und alle Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten. Für die Freiheit der Witwe des Friedensnobelpreisträgers von 2010.“ Mehr
  • 10. Dezember. Im Paul-Valéry-Museum der südfranzösischen Stadt Sète ist ein Saal dem libanesischen Dichter Salah Stétié (88) gewidmet. Der Dichter wolle mit einer Schenkung die beiden Küsten des Mittelmeers zusammenbringen. Valéry (1871-1945) stammte aus Sète. Ausgestellt sind 70 Kunstwerke (Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen), 14 Manuskripte und rund 190 Bücher. Salah Stétié war 1995 mit dem Grand Prix de la Francophonie der Académie française für sein Gesamtwerk geehrt worden. / Mehr
  • 13. Dezember. Zum 80. Geburtstag Robert Gernhardts zeigt das Caricatura- Museum Frankfurt eine Ausstellung, die bis April gezeigt wird. Mehr
  • 13. Dezember. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili hat auf Gut Böckel in Rödinghausen den mit 4.000 Euro dotierten Hertha Koenig-Literaturpreis 2017 für eine deutschsprachige Gegenwartsautorin erhalten. Der Förderpreis (1.000 Euro) ging an die Lyrikerin Lina Atfah. (…) Die Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert und wird an eine deutschsprachige Gegenwartsautorin für ihr Lebenswerk oder einzelne herausragende Veröffentlichungen im Bereich Prosa oder Lyrik vergeben. Der Literaturpreis ist eine Hommage an Hertha Koenig, Dichterin, Schriftstellerin und Mäzenin, die einen großen Teil ihres Lebens auf ihrem Landgut Böckel verbrachte. Der mit 1.000 Euro ausgestattete Hertha Koenig-Förderpreis wird auf Vorschlag der Preisträgerin an eine Nachwuchsautorin vergeben. / Börsenblatt
  • 13. Dezember. A 91-year-old man voiced his anguish, while a schoolgirl held up a placard. „Not in my name,“ they said, as people gathered to protest against hate crimes in the country. Urdu poet Gulzar Dehlvi spoke about „Ganga Jamuni Tehzeeb“, the syncretic culture that embraces Hinduism and Islam at the „Not In My Name“ meeting, described by its organisers as a citizens‘ protest against the killing of Afrazul Khan in Rajasthan, and other victims of violence.The world, the poet said, was proud of the tradition that embraced multiple languages and religions. „And today it is being attacked. Hindu religion doesn’t teach this hate. It talks of humanity, mankind, human race,“ he said, ruing that people were trying to divide the people in the name of Hinduism and Islam.Under the „Not In My Name“ banner, protests had earlier been organised against the killing of teenager Junaid and of journalist Gauri Lankesh. / Business Standard
  • 15. Dezember. Mehr als 2000 Jahre nach der Verbannung des Dichters Ovid aus Rom hat die Stadt Rom offiziell die Strafe aufgehoben. Ovid war im Jahr 8 von Kaiser Augustus nach dem fernen Tomis (heute Constanța in Rumänien) verbannt worden. Er starb dort im Jahr 17, ohne Rom wiedergesehen zu haben. Die Gründe für den Zorn des Kaisers sind unbekannt, Ovid spricht von carmen et error, ein Gedicht und ein Irrtum. / Telegrap 
  • 15. Dezember. Die Annette von Droste zu Hülshoff Stiftung hat Dr. Jörg Albrecht zum Gründungsdirektor und Künstlerischen Leiter auf Burg Hülshoff in Havixbeck bei Münster bestimmt. Vorstand und Kuratorium der Stiftung hatten eine Findungskommission mit der Sichtung aller Bewerbungen beauftragt. Nach ausführlichen Beratungen fiel die Wahl einstimmig auf Albrecht, der am 1. Februar auf Burg Hülshoff starten wird.  „Unter Albrechts Regie soll an den authentischen Arbeits- und Lebensorten der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff ein kulturelles Leuchtturmprojekt im Herzen des Münsterlandes aufgebaut werden“, so Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Vorstandsvorsitzende der Droste-Stiftung und Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Ziel sei ein interdisziplinär ausgerichteter Museums-, Lern-, Residenz- und multifunktionaler Veranstaltungsort, ein Ort der Begegnung und des Gedankenaustauschs, eine kreative Ideenwerkstatt im Zeichen ästhetischer und gesellschaftlicher Alternativen. Mehr
  • 18. Dezember. Stefan Zweig ist rund 75 Jahre nach seinem Tod mit der höchsten Auszeichnung für Ausländer in Brasilien geehrt worden. Österreichs Botschafterin Irene Giner-Reichl wurde am Montag stellvertretend der Orden „Cruzeiro do Sul“ vom brasilianischen Außenminister Aloysio Nunes überreicht, teilte die Casa Stefan Zweig am Montag mit. Der „Ordem Nacional do Cruzeiro do Sul“ war 1822 vom brasilianischen Kaiser Dom Pedro I. mit dem Namen „Ordem Imperial do Cruzeiro“ eingeführt worden. (…) Zweig war vor den Nationalsozialisten nach Brasilien geflüchtet und schrieb dort unter anderem seine weltberühmte „Schachnovelle“. Mehr
  • 20. Dezember. Maria Alechina von der Punk Band „Pussy Riot“ ist am Morgen in Moskau festgenommen worden. Das meldet Deutschlandfunk Kultur unter Berufung auf Alechinas Band-Kollegin Olga Borisova. Grund der Verhaftung: Alechina hatte anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung der sowjetischen Geheimpolizei TscheKa vor dem Russischen Inlandsgeheimdienst (FSB) ein Plakat mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch, Henker“ entrollt. Der Jahrestag wird in Putins Rußland feierlich begangen. Ob sie in Kürze wieder freigelassen wird, ist unsicher. Ein Vertrauter fürchtet, als „Wiederholungstäterin“ könnten ihr bis zu zwei Jahren Haft drohen.
  • 21. Dezember. Lisa Robertson is the inaugural recipient of a new $40,000 prize created by the Foundation for Contemporary Art with funds from artists Ellsworth Kelly (1923-2015) and Jack Shear, in memory of poet C.D. Wright. „The award will be made each year to a poet over the age of 50 whose work exemplifies Wright’s vibrant lyricism, seriousness, and striking originality. It will be one of the few, significant unrestricted poetry awards in the country. The inaugural C.D. Wright Award will be made to poet Lisa Robertson,“ the organization’s press release explains. More
  • 24. Dezember. Georgian Poet Zviad Ratiani claims the police officers, who were carrying out police control, arrested and then physically and verbally abused him in a car and later at the police department.Ratiani claims he was at the ATM, when several policemen, dressed in common clothes, approached him and laughed at his orange coat. He says the situation escalated when the policemen grabbed him and put in the car, where they beat him. The poet says he was taken to Dighomi police department, where he was again mistreated.“Several policemen, around 7-8 men, were beating me. I do not know the reason. As they said they did not like my orange coat. I do not know anything else,” the poet told reporters.The detained man was released on December 25, after spending night at the isolator. He says he applied to doctor, who confirmed he has around 10 injures and bruises on the face and body. / Georgia Today
  • 28. Dezember. Auf der SWR-Bestenliste für Januar 2 Lyriktitel unter den ersten 10: Platz 6 (36 Punkte) Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen – Platz 8 (30 Punkte) Katharina Schultens: Untoter Schwan
  • 28. Dezember. Der Lyriker Slaheddine Lahmadi wurde auf dem 20. Kongreß des Tunesischen Schriftstellerverbandes für 3 Jahre zum Präsidenten wiedergewählt. Mehr

Chanukkah 5692

An Chanukkah 1932, kurz vor der „Machtergreifung“ Hitlers, fotografierte Rahel, die Frau des Rabbiners Dr. Akiba Posner in Kiel, den Chanukkah-Leuchter der Familie vor dem Hintergrund des gegenüberliegenden Gebäudes, das mit Nazifahnen geschmückt war.
Auf die Rückseite des Fotos schrieb Rahel Posner einen deutschen Vierzeiler:

Chanukkah 5692 (1932)

„Juda verrecke“
Die Fahne spricht –
„Juda lebt ewig“
Erwidert das Licht.

Familie Posner verließ 1933 Deutschland, Foto und Leuchter befinden sich heute in Yad Vashem. Hier mehr über die Geschichte.

Erwachen

Regina Ullmann (14. Dezember 1884 St. Gallen, Schweiz – 6. Januar 1961 Ebersberg, Oberbayern)

Erwachen

Ich lag in dir noch unverzweigt,
Du tiefer Felsen einer Nacht;
So kalt wie Stein und trostesarm.

Da fühlt ich plötzlich, wie der Tag
Sich an dem Sein im Licht verfing
Und liebewarm und flammenhaft
Sich an die kleinsten Dinge hing.

Da war ich wach.
Doch war mir noch ein Silberklang,
Der sich an einem Zimbal schlug,
Erhörbar,
Und meines Engels Morgengang.

Aus: Regina Ullmann: Gedichte. Leipzig: Insel, 1919

Hier ein Faksimile einer wohl um 1950 entstandenen eigenhändigen Abschrift

Ausgabe: Gesammelte Werke. 2 Bände, zusammengestellt von Regina Ullmann und Ellen Delp. Einsiedeln/Zürich: Benziger, 1960. – Neu hrsg. v. Friedhelm Kemp: Erzählungen, Prosastücke, Gedichte. 2 Bände, zusammengestellt von Regina Ullmann und Ellen Delp. München: Kösel, 1978

Link: Peter von Matt: Zu Regina Ullmanns Gedicht „Alles ist sein…“ Planet Lyrik

Die alten bösen Lieder

Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Lyrisches Intermezzo

LXV

Die alten bösen Lieder
Die Träume schlimm und arg,
Die laßt uns jetzt begraben,
Holt einen großen Sarg.

Hinein leg ich gar Manches,
Doch sag ich noch nicht was;
Der Sarg muß sein noch größer
Wies Heidelberger Faß.

Und holt eine Totenbahre,
Von Brettern fest und dick:
Auch muß sie sein noch länger
Als wie zu Mainz die Brück.

Und holt mir auch zwölf Riesen,
Die müssen noch stärker sein
Als wie der heilige Christoph
Im Dom zu Köln am Rhein.

Die sollen den Sarg forttragen
Und senken ins Meer hinab,
Denn solchem großen Sarge
Gebührt ein großes Grab.

Wißt ihr, warum der Sarg wohl
So groß und schwer mag sein?
Ich legt auch meine Liebe
und meinen Schmerz hinein.

Honig und Sprache

Elvio Romero (1926-2004)

SPÄT

Jemand erzählt mir etwas
aus meinem Land, erinnert mich an seinen Regen,
seine unbegreifliche Verlassenheit, formt
Worte und Worte, Honig und Sprache, rein,
meines Landes.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.

Jemand spricht zu mir .
von einem glänzenden Vergehen, vom Vergehen der Sonne,
die ein Mädchen im Sand verbrennt,
im vollsten Licht, und sie selbst ist es, die
mir jetzt zulächelt, das Antlitz der Sonne zugewandt.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt für mich.

Deutsch von Fritz Rudolf Fries

Aus: Poesiealbum 62. Elvío* Romero. Berlin: Neues Leben, 1972

Der paraguayische Dichter wurde am 12. Dezember 1926 in Yegros (Paraguay) geboren; er starb am 19. Mai 2004 in Buenos Aires. 1947 emigrierte er nach Argentinien. Nach dem Sturz des Diktators Alfredo Stroessner wurde er Mitglied der Academia Paraguaya de la Lengua Española und des paraguayischen PEN-Clubs und Diplomat in der paraguayischen Botschaft in Buenos Aires. 

*) Der Name heißt korrekt Elvio (nicht Elvío), das ist ein Fehler in dem sonst überaus schätzenswerten Poesiealbum von 1972 (danke an die aufmerksamen Augen, die mich darauf aufmerksam machen!)

Nekrolog – November 2017

Gestorben im November 2017

  • Am 1. Wladimir Makanin, russischer Schriftsteller der „Moskauer Schule“ (80) Mehr (Russisch)
  • Am 1. Ana Ilce Gómez (72), nikaraguanische Lyrikerin
  • Am 1. Roland Verlooven (79), belgischer Komponist, Textdichter (Olé, olé, olé, we
    are the champions) und Produzent
  • Am 2. Sarah Maguire, britische Dichterin und Übersetzerin (60). 2004 gründete sie das Poetry Translation Centre an der Universität London. Sie übersetzte u.a.  Machmud Darwisch (Palästina), Al-Saddiq Al-Raddi (Somalia) und Naderi Partaw (Afghanistan). Ihre Gedichte wurden u.a. in Arabisch und Malayalam übertragen. Guardian
  • Am 4. Jizchak Luden (95), israelischer jiddischer Journalist und Schriftsteller, geboren 1924 in Warschau
  • Am 5. George Edward Tait, amerikanischer Lyriker (73). Poet laureate von Harlem, auch „poet laureate of Afrikan nationalism“ mehr
  • Am 5. Roman Bratny, polnischer Schriftsteller und Publizist
  • Am 6. Jansug Charkviani, 86, georgischer Dichter und Politiker, Ministerpräsident  1995–2003, Schota-Rustaweli-Preis 1984) mehr
  • Am 7. Dolores Kendrick, 90, amerikanische Lyrikerin, poet laureate von Washington seit 1999 mehr
  • Am 8. Cho Chung-kwon, 68, südkoreanischer Lyriker und Kritiker
  • Am 8. Roger Grenier (98), französischer Schriftsteller, „Regent“ des Instituts für Pataphysik
  • Am 9. Rubén Ackerman, venezolanischer Lyriker
  • Am 10. Peter Trower, 87, kanadischer Schriftsteller
  • Am 10. Moniz Bandeira (81), brasilianischer Politiker und Schriftsteller
  • Am 10. Iwan Tertytschnij (Тертычный, Иван Алексеевич, 64), sowjetischer und russischer Dichter
  • Am 13. Badrutdin Mahomedow (74), dagestanischer Dichter
  • Am 14. Dschambulat Mahomedow (67), dagestanischer Dichter und Journalist
  • Am 15. Kunwar Narayan, 90, indischer Dichter mehr
  • Am 18. Giorgio Antonucci (84), italienischer Schriftsteller und Arzt
  • Am 18. Bolesław Bork, polnischer Wissenschafler und Schriftsteller
  • Am 22. Bobi Jones, walisischer Schriftsteller (88)
  • Am 22. Jean Anglade, französischer Schriftsteller (102)
  • Am 24. Isaac Esaú Carrillo Can (34), mexikanischer Schriftsteller und visueller Künstler
  • Am 24. Jerzy Ściesiek, polnischer Lyriker und Maler
  • Am 25. Julio Cabrales Venerio (73), nikaraguanischer Dichter
  • Am 25. Mahomed-Rasul Rasulow (81), sowjetischer und russischer dagestanischer Schriftsteller
  • Am 26. Peggy Vining, 88, amerikanische Lyrikerin, poet laureate von Arkansas mehr
  • Am 26. Musafar Alimbajew (Мұзафар Әлімбаев, 94), sowjetischer und kasachischer Dichter und Übersetzer, Volksschriftsteller Kasachstans (1994)
  • Am 29. Rogelio Echavarría, kolumbianischer Lyriker und Journalist (91)
  • Am 29. Dora Koster, Schweizer Schriftstellerin (78)
  • Am 29. Verena Stefan, Schweizer Schriftstellerin (70)
  • Am 29. Rogelio Echavarría (91), kolumbianischer Lyriker
  • Am 30. Habibollah Chaichian (94), iranischer Dichter

Dichterinnen-Netzwerk

Am 11. Dezember 1728 wurde Polyxena Christiane Auguste Dilthey (Christiana Büsching) in Köthen, Anhalt geboren. Sie war gebildet, spielte Klavier und dichtete. Hier die Titel von zweien ihrer Bücher:

  • Proben poetischer Uebungen eines Frauenzimmers. Altona: Korte, 1751
  • Der Jungfer Polyxenen Christianen Augusten Dilthey, Kaiserl. gekrönten Poetin, und Ehrenmitglieds der Königl. deutschen Geselschaft in Göttingen, Uebungen in der Dichtkunst. Halle: Carl Christian Kümmel, 1752

Sie war durchaus erfolgreich.

Durch Förderung von Franz Dominikus Häberlin verlieh ihr die Universität Helmstedt1751 die Dichterkrone. Die Deutsche Gesellschaft zu Göttingen ernannte sie im selben Jahr zum Ehrenmitglied. Sie war das neunte weibliche Ehrenmitglied der Gesellschaft, die Frauen nicht als Mitglieder aufnahm. Empfohlen hatte sie der Theologe und Geograf Anton Friedrich Büsching, ein Jugendfreund ihres Bruders, mit dem sie seit 1750 verlobt war. Er schrieb am 9. April 1751 an Rudolf Wedekind, den Sekretär der Gesellschaft: „Vielleicht halten Sie die Jungfer Polyxena Christiane Auguste Dilthey in Stadhagen […] vor würdig, Sie unter die Mitglieder Ihrer Deutschen Gesellschaft aufzunehmen. Sie schreibt in ungebundener Rede wie ein gelehrter, und behauptet unter den gelehrten Frauenzimmer einen ansehnlichen Platz […].“ Außerdem war sie Mitglied der adligen Brunnengesellschaft in Karlsbad. (Wikipedia)

Eine Strophe aus einer Ode auf die Würde der weiblichen Geschäfte:

Ja, Schwestern, lernt! ja lernt nur denken,
Blos denkend könnt ihr glücklich seyn.
Müst ihr euch ganz der Wirthschaft schenken,
So geht den Schluß nur denkend ein:
Ja, folget freudig dem Geschicke,
Auf was vor Wegen es euch führt,
O wenn man nur an unserm Blicke
daß unsre Seele denkt, und edel denket, spührt.

In folgendem Gedicht relativiert sie ihr poetisches Genie, und es ist vielleicht nicht nur der Bescheidenheitstopos. Interessant ist es für uns, weil sie Bezugsgrößen weiblichen Schreibens aufmacht:

Gedanken bey Lesung der Verse der Jungfer Zieglerin

Dir feuerreiche Schöne
Dir laß ich deine Scherze,
Und deine Schrift von Liebe,
Und was du sagst vom Weine.
Du singest zwar sehr reizend,
Ich nur aus matten Thönen,
Doch sollen meine Lieder,
So schlecht ich sie auch singe,
Von solchen Dingen handeln,
Die ein gesetztes Wesen,
Das muntre Jahre zieret,
Das selbst die Schönen zieret,
In meiner Brust zu gründen
Mir Lust und Beystand reichen.
Ich bin zwar keine Langin,
und lange keine Walthern,
Und so wie diese dichten,
Die so erhaben dichten,
Werd ich auch niemals dichten:
Doch ihren starken Thönen
Die zugleich zärtlich rühren
Wil ich vergnügt zuhören,
Und darnach meine Seyten
Auch immer besser stimmen.

Ihr Gedicht nennt vielleicht Christiana Mariana von Ziegler (1695–1760), auf deren Texte Bach 9 Kantaten verfaßt hat; sie war die erste und einzige Frau in Gottscheds „Deutscher Gesellschaft“ in Leipzig und wurde 1733 zur „Poeta laureata“ von der Universität Wittenberg gekrönt. Wahrscheinlicher aber Johanna Charlotte Unzer geb. Ziegler (1724-1782), die wie Christiane Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft Göttingen war und 1753 zur Dichterin gekrönt.

Anna Dorothea Lange (-1764), Frau des Dichters Samuel Gotthold Lange, die selber zur Hallischen Schule gerechnet wurde.

Eleonora Walther (1723-1754), ebenfalls Ehrenmitglied der Göttinger und anderer Gesellschaften.