wir – was für Leute waren das nochmal?
Hansjürgen Bulkowski
Ulrich Koch
NEUNTER DEZEMBER
Das vollkommene Gedicht ist eine Landkarte
in einer menschenleeren Gegend.
Ich halte sie in Händen und blicke von oben
aus der Vogelperspektive
herab.
Dort, sehe ich, stehe ich
lesend.
Es ist ganz einfach.
Dann gehst auch du hinein
und wirst nie mehr hinausfinden.
Sándor Weöres
ENTWURF FÜR EINE NEUE DICHTUNG
Auf die Gedichte von Tamas Szentjóby, Dezsö Tandori, Imre Oravecz und anderer unserer jungen Dichter, herzlich
„Das Merkmal eines Verses ist der Sinn.”
Wozu, gestattet, dann noch ein Gedicht?
In Prosa packst du jeden Inhalt leichter,
Präzisern Ausdruck finden die Ideen.
Womöglich ist der Vers gemacht, daß Schüler
Die reimgeschmückte Lehre leichter pauken?
Ergreift er uns am lockren Westenknopf
Und tönt: Dieses alles gilt’s zu wissen!
Vor solcher Dichtung lauf ich fort
In Stille und Musik, ein Narr zu bleiben.
„Das Merkmal eines Verses ist die Form.”
Der reine Klang, das saubere Karee:
Zum Sterben öd: Bist du imstande, János
Kiss, Károly Szász zu lesen? Arany
Schrieb mit Fehlern, Petöfi desgleichen.
Doch jene: über Glaubenseifer, linde
Lüfte, saubere Moral und Vaterland,
Von Vogelsang umrahmt allüberall.
Am rechten Platze alles: Metrum, Reim,
Akzent; die reinste Form und ungenießbar.
Wenn Inhalt nicht, nicht Form, was dann?
Ein guter Vers ist Leben wie ein Apfel.
Beschau ich ihn, gibt er den Blick zurück,
Sagt anderes dem Hungrigen, dem Satten,
Ist anders hoch am Ast, im Korb, im Mund.
Beschloßner Inhalt, feste Formen sind
Ihm fremd. Er lebt nur und macht leben.
Noch tiefern Sinn erfuhr er nicht und will
Er gar nicht wissen. Ein Sinn und tausend
Sind in ihm, wenn wir ihn sehen, fühlen, essen.
Übertragen von Richard Pietraß
Aus: Poesiealbum 135. Sándor Weöres. Auswahl Paul Kárpáti. Berlin: Neues Leben, 1978
Seitdem die Kerm richtig groß begangen wird, gibt es den Kirchweih-Generaler. Das ist eine Kirchweihzeitung, in der alle „Ständerle“ – kurze Gedichte – bei den Wirtsleuten, der mit spitzer Feder verfasste Prolog und Geschichten aus dem Leben der Gärtner niedergeschrieben sind. Der erste Generaler wurde 1949 herausgebracht. Seit fast 70 Jahren druckt ihn die Kitzinger Druckerei Kummor. Inzwischen liefert Kummor-Seniorchef Siegfried Herrmann den Etwashäusern schon seit Jahrzehnten jährlich 1500 druckfrische Exemplare. Der Verkauf trägt seit Jahrzehnten zur Finanzierung des Umzugs bei. Den Prolog für die Premieren-Ausgabe schrieb Hannes Hirth. Emil Engelbrecht verlas ihn in seiner Eigenschaft als Polizeidiener mit Pickelhaube auf dem Kopf und servierte die Ständerle gleich dazu. / inFranken.de
Aus: Band 6 von Trübners deutsches Wörterbuch. Walter de Gruyter, 1955
Felix Philipp Ingold
Vorspruch
Macht die Nacht die Farben aus,
dann ist es wieder Zeit und sind die Farben eins.
(aus dem Notizbuch eines Malers, anonym, 1942)
Ein Ah! ist der Anfang von allem und heisst
soviel wie Schra… wie Schwarz. Soviel wie nichts. Drin
gehn die Farben unter wenn die Nacht sie dimmt
und … da! … schon sind sie enthalten. Schon bedeuten sie
die ganze Finsternis. Behaupten sich wabernd
in ihrer Sinnlosigkeit. Was übrigens auch für die Vokale
gilt. Für Eh! das nichts von dieser Schwärze
weiss. Für Iii! das s-si-sirenengleich die Morgenröte
auf die Spitze treibt. Für Uh! das ewig grünt und
Oh! das jedem Blau des Himmels gilt. Doch das Ende
von allem ist dann wie immer der morgige Tag
der nur einfach alles Heutige zum Gestrigen macht.
Aus: Felix Philipp Ingold: Niemals keine Nachtmusik. Gedichte. Klagenfurt und Gaz: Ritter, 2017, S. 7
Richard Anders
Wort Wo das abstrakte Wort grenzenlos in Duft- frische übergeht,endet auch die Macht dei- nes nach Asche süchtigen Zunders, dessen selbstverzehrende Glut fruchtlos ist. Mach dir nichts vor: Der Widerschein deines Au- todafés in Leserköpfen hindert diese nicht daran, im Heu, das noch nicht trocken ist, mit steifen Nasen und nassen Mündern übereinander herzufallen.
Aus: Richard Anders: Verscherzte Trümpfe. Prosa. Mit Zeichnungen von Horst Hussel. Berlin: Edition Galrev, 1993, S. 75
Die Anthologie, deren Beilagen ich gestern vorstellte, ist auch in sich sehr ergiebig:
Liederdichtung und Spruchweisheit der alten Hellenen. In Übertragungen von Oberstudienrat Lorenz Straub. Berlin u. Stuttgart: W. Spemann, o.J. [1908]
Ergiebig für die Suche nach ältesten Exemplaren aller möglicher Gattungen und Formen. Viel Material zum Beispiel für die Beschäftigung mit Monostichen.
Der erste Abschnitt bringt Homer und die Homeriden. Hesiod und die Lehrdichtung. Aus dem vorletzten Teilkapitel drei „Monostichen“ (ich setze es zunächst in Anführungsstriche, weil es vom modernen Herausgeber aus größeren Werken Herausgezogenes ist (a) oder von antiken Zeugen Zitiertes (b, c).
a)
Armut blödet den Geist, Reichtum gibt sichere Keckheit.
(Hesiod, Werke und Tage 319)
b)
Orpheus (?)
Mitläufer.
Thyrsosträger genug, und der Gottesbegeisterten wenig!
c)
Pigres
Ein Vielwisser.
Viel zwar wusste der Mann; doch wusst' er es alles nicht richtig.
Die Überschriften bei b und c sind natürlich editorische Zutat.
Kurze Kommentare zu Alter und Erfindungen.
Hesiod ist natürlich mit Homer der Erste und Erfinder von fast allem, was wir über die ältesten Griechen wissen. Man nimmt an, daß er um 700 v.u.Z. lebte, also gut 100 Jahre vor Sappho. Homers und Hesiods Form ist der Hexameter. Man muß wohl davon ausgehen, daß ihren Werken jahrhundertelange Übung vorausging.
Orpheus ist noch stärker als die beiden eine mythische Figur. Sein Vater ist der (ebenfalls mythische) thrakische König Oiagros, seine Mutter die Muse Kalliope. Ein Jahrhundert kann man da nicht angeben. Interessant ist aber, daß er bei Homer und Hesiod nicht erwähnt wird. Die älteste bekannte Erwähnung scheint von dem Dichter Ibykos zu stammen – er sagt nur in zwei Wörtern, daß sein Name berühmt ist. Von Pindar wissen wir die Namen der Eltern. (Es gibt jedoch auch andere Berichte, nach denen Apollo selber als Vater gilt). Die meisten antiken Quellen akzeptieren seine Existenz, wenige, darunter aber Aristoteles, bezweifeln, daß es ihn wirklich gab. Das Fragment b scheint den Dionysuskult oder zumindest seine Adepten zu kritisieren. Verständlich scheint es auch heute noch, unmittelbar und auch ohne mythische Bezüge.
Pigres ist schon eher historisch und auch deutlich später. Wir sind etwa 200 Jahre nach Hesiod. In der Zwischenzeit liegen Archilochos, Alkaios, Sappho, zu den heroischen Dichtungen in Hexametern sind individuellere, der Lebenswirklichkeit der Menschen nähere gekommen – das Distichon erlaubt es, dem hexametrischen Höhenflug etwas Skepsis beizugesellen, vieles kommt uns unmittelbar „modern“ vor. Noch näher am modernen, reflexiven, skeptischen Menschen ist der Jambus, mit dem man auch mal, wie bei Archilochos, den Heldenkult lächerlich machen oder über den Steuereintreiber schimpfen kann. Und dann die lyrischen Strophen bei Alkaios und Sappho…
Pigres hat das nicht erfunden. Aber offenbar hat er sich dieser Erfindungen der Vorfahren bedient. Er soll die Ilias „bearbeitet“ haben, indem er zwischen die Hexameter jeweils Pentameter einfügte, was elegische Verse ergibt. Schade, wenn wir das Ganze hätten, könnten wir besser beurteilen, inwiefern das elegische Versmaß den heroischen Mythos unterläuft. Vielleicht ist es kein Zufall, daß die älteren heroischen (staatstragenden) Dichtungen komplett überkommen sind, während die modernen, individuellen, skeptischen und alltagsnahen späteren nur in kleinen Fragmenten überliefert sind? Umberto Ecos Fiktion die Komödie betreffend könnte auch auf Sappho, Archilochos oder Pigres passen.
Pigres jedenfalls ist einer der Erfinder. Er war offenbar der erste, der den jambischen Trimeter einführte.
Antiquare leben von alten Büchern, die sie weiterverkaufen. Einmal traf ich einen, der verkaufte mir die Erstausgabe von Goethes Faust spottbillig. Ich hab ihn nicht gefragt warum, ich hab schnell bezahlt. Ich nehme an, er hat die Abnutzungsspuren stark preismindernd verrechnet. Es war schon fast abgeschrieben. Ich weiß nicht, ob er sein Geschäft noch hat.
Ich liebe alte Bücher. Was ich grad lese, ist von 1908, Vorbesitzer haben keine Namen hineingeschrieben, es gibt nur wenige sehr behutsame Bleistiftnotizen (Lebensdaten wenig bekannter griechischer Dichter), ein paar Lesezeichen und zwei beiliegende, gefaltete A4-Zettel. Einmal in Handschrift und einmal mit Schreibmaschine stehn darauf dieselben sieben Sapphofragmente „aus den Übertragungen von Ernst Morwitz“. Hier zwei von den drei Seiten in Fotokopie. Morwitz gehörte zum Freundeskreis Stefan Georges. 1936 konnten noch in Nazideutschland seine Sapphoübertragungen bei Bondi erscheinen. 1935 war er wegen seiner jüdischen Herkunft als Beamter entlassen worden. 1938 verließ er Deutschland und ging in die USA. Die Abschriften eine Art Konterbande.
Dirk Uwe Hansens zweite Version, die Nach-Dichtung, von Fragment Voigt 55, mit dem unsere kleine Sapphoserie begonnen hatte:
Frg. 55 Voigt
Tot wirst du sein und begraben, wird keiner sich deiner erinnern, hier, denn die Rosen der Musen sind dir nichts. Durchsichtig, dort, in den Hades geweht wirst zwischen Blinden schwirren.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Aus Dirk Uwe Hansen: Sappho. Scherben – Skizzen
Frg. 1 Voigt
Unsterbliche Aphrodite auf dem bunten Thron Tochter des Zeus, listenreiche, ich bitte dich: nicht mit Sorgen und Kummer bedränge Herrin, mein Herz. Sondern komm her, wenn du schon einmal von anderswo mein Rufen gehört hast von fern, deines Vaters Haus verlassen, das goldene, und kamst; den Wagen hattest du angespannt, schöne Spatzen zogen dich über die schwarze Erde, flatterten heftig mit den Flügeln, vom Himmel herab durch die Mitte des Äthers kamen sie schnell. Du, Selige, lächeltest mit unsterblichem Antlitz und fragtest, was ich schon wieder habe, warum ich schon wieder rufe, und was ich mir am meisten wünsche, dass es geschehe, mit rasendem Herzen: „Welche soll ich überreden? ... in Freundschaft mit dir? Welche, Sappho, tut dir etwas Böses? Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen, wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen, wenn sie nicht liebt, wird sie bald lieben, auch wenn sie nicht will.“ Komm auch jetzt zu mir, aus der schweren Sorge erlöse mich, was auch immer mein Herz wünscht, dass es mir geschehe, vollende es, du selbst sei meine Kampfgenossin.
Alle Farben der Welt hast du, gerissene Tochter des Zeus, Aphrodite, auf deinem Thron, hast du auch früher schon vor dem Haus deines Vaters dem goldenen Wagen die Sperlinge vorge spannt und schwirrten im hohen Bogen, schnell kopfüber hinab zu mir. Und du mit deinem Göttergesicht: was ich schon wieder wollte, wolltest du wissen: „Wer ist es diesmal? Welche soll ich dir schenken?“ Das wärs, was ich mir wünsche: Komm! Bleib! an meiner Seite.
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Im Oktober Preise, Preise und Festivals, nichts Neues in der Sache Gomringer-ASH (oder doch?), ein Skandal um Herta Müller in Belgrad, viel Jan Wagner und 25 Jahre Zeitschrift „Das Gedicht“, Hán Nôm in Vietnam, Leonard Cohen… und nicht zu vergessen: Gedichte in den Wahlurnen (in Island!).
(Wird noch eine Zeitlang laufend ergänzt)
Heute Dirk Uwe Hansens Doppelfassung des „Pleiadengedichts“. Obwohl es nicht einmal sicher ist, ob es wirklich von Sappho stammt, ist es heute eins ihrer bekanntesten Gedichte. Überliefert ist es ohne Nennung eines Autornamens in einem antiken Metrikhandbuch. In einer Anthologie aus dem 15. Jahrhundert wird es erstmals Sappho zugeschrieben. – Ist es ein Überbleibsel eines längeren Gedichts oder vielleicht doch ein – uns modern anmutendes – Kurzgedicht?
Frg. 168b Voigt
Untergegangen ist der Mond und die Pleiaden. Mitte der Nacht, vorüber geht die Stunde ich aber schlafe allein.
Unter der Mond gegangen gegangen Pleiaden aus aus die Stunde geblieben geblieben wieder allein
Aus: Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: udo degener verlag, 2012
Gestorben im Oktober
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