Eva Zeller, geb. Feldhaus, verh. Dirks (* 25. Januar 1923 in Eberswalde – Heute vor 95 Jahren)
Die Liebenden
Ihre Haut ist
ein enges Trikot
sie sind beide
beherzt dennoch
arbeiten sie mit Netz
zwar schwereloser als
alle Liebenden vor ihnen
als hätten sie Flügel
als sei das Wiedererfassen
ihrer Hände
zwischen Trapez und
Trapez sicherer
als der Tod
ach ihre Gewißheit
sich im Schwung zu
erreichen ihr Geworfen-
sein ins Vertraun
und dann ihr Fallen
in Schlaf
wobei sich
nun jeder
um die
durch seinen
Schwerpunkt
gehende
Achse
dreht
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 251
„Sehen Sie, ich bin Redakteurin im Ullstein-Verlag. Die Ullsteins stammen auch von Juden ab. Aber in Deutschland machen wir nicht viel Aufhebens darum, ob ein Haus von Juden abstammt. Das sind rein religiöse Fragen. Ich bin nicht religiös, also betrachte ich mich nicht als Jüdin – noch bin ich jemals als solche angesehen worden.“
– Vicki Baum, Interview mit der Jewish Times, 1. Mai 1931. Zitiert nach Henry M. Broder: Jüdischer Kalender 2009–2010. 30. August/20. Elul
Deutschland schien fast auf dem Weg, der Menschheit nach 1000 Jahren antijüdischen Hasses ein Beispiel zu strahlen. Es kam anders. Deutschland riß das Ruder rum und versuchte sich erfolgreich an einem Beispiel im anderen Extrem. Sie überlebte, weil sie es rechtzeitig verließ.
Wolfgang Koeppen, im Januar 1933 ein junger Zeitungsschreiber, der seiner unglücklichen Liebe nach München gefolgt war und deshalb die Ereignisse der sogenannten „Machtergreifung“ verpaßte, schrieb Jahrzehnte später, 1933 habe er erfahren, daß viele seiner Freunde Juden waren. (Seine unglückliche Liebe auch. Sie konnte aus Deutschland fliehen, ihr Vater, ein deutscher Unternehmer und Lyriker, wurde von Deutschen ermordet.) Koeppens erste Bücher erschienen 1934/35 in einem jüdischen Verlag. Kein guter Start im neuen Deutschland.
Vicki Baum, auch Vicky Baum, eigentlich Hedwig Baum (* 24. Januar 1888, heute vor 130 Jahren in Wien; † 29. August 1960 in Hollywood)
von Jakob Michael Reinhold Lenz zu seinem 267. Geburtstag
(* 12. Januar alten/ 23. Januar 1751 neuen Stils in Seßwegen, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 24. Mai alten/ 4. Juni 1792 neuen Stils in Moskau)
Lied zum teutschen Tanz
O Angst! tausendfach Leben!
O Muth, den Busen geschwellt,
Zu taumeln, zu wirbeln, zu schweben,
Als giengs so fort aus der Welt!
Kürzer die Brust
Athmet in Lust.
Alles verschwunden,
Was uns gebunden.
Frey wie der Wind,
Götter wir sind!
Quelle:
Jakob Michael Reinhold Lenz: Gedichte, Berlin 1891, S. 120-121.
http://www.zeno.org/nid/20005249643
Mascha Kaléko, geboren als Golda Malka Aufen, * 7. Juni 1907 in Krenau (Chrzanów), Österreich-Ungarn, heute Polen; † 21. Januar 1975 in Zürich)
Die Leistung der Frau in der Kultur
(Auf eine Rundfrage)
Zu deutsch. „Die klägliche Leistung der Frau“
Meine Herren, wir sind im Bilde.
Nun, Wagner hatte seine Cosima
Und Heine seine Mathilde
Die Herren vom Fach haben allemal
Einen vorwiegend weiblichen Schatz.
Was uns Frauen fehlt, ist „Des Künstlers Frau“
Oder gleichwertiger Ersatz.
Mag sie auch keine Venus sein
Mit lieblichem Rosenmund‚
So tippt sie die Manuskripte doch fein
Und kocht im Hintergrund.
Und gleicht sie auch nicht Rautendelein
Im wallenden Lockenhaar,
So macht sie doch täglich die Zimmer rein
Und kassiert das Honorar.
Wenn William Shakespeare fleißig schrieb
An seinen Königsdramen,
Ward er fast niemals heimgesucht
Vom „Bund Belesner Damen“;
Wenn Siegfried seine Lanze zog,
Don Carlos seinen Degen,
Erging nur selten an ihn der Ruf,
Den Säugling trockenzulegen.
Petrarcas Seele, weltentzückt,
Ging ans Sonette-Stutzen
Ganz unbeschwert von Pflichten wie
Etwa Gemüseputzen.
Doch schlug es Mittag, kam auch er,
Um seinen Kohl zu essen,
Beziehungsweise das Äquivalent
In römischen Delikatessen.
Gern schriebe ich weiter
In dieser Manier,
Doch muß ich, wie stets,
Mich ruft mein Gemahl.
Er wünscht, mit mir
Sein nächstes Konzert
Zu besprechen.
Aus: In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlaß. dtv, (dtv 1294), München 1977
Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien
Heute vor 106 Jahren steckte Rilke die erste Duineser Elegie ins Briefkuvert. L&Poe heute klassisch-kanonisch.
DIE ERSTE ELEGIE WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum uns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht, die ersehnte, sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter? Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los. Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug. Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du's? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen, da doch die großen fremden Gedanken bei dir aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.) Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl. Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn immer von neuem die nie zu erreichende Preisung; denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt. Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte, dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen, dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie? Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends. Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur Heilige hörten: daß die der riesige Ruf aufhob vom Boden; sie aber knieten, Unmögliche, weiter und achtetens nicht: So waren sie hörend. Nicht, daß du Gottes ertrügest die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre, die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet. Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir. Wo immer du eintratest, redete nicht in Kirchen zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an? Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf, wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa. Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts Anschein abtun, der ihrer Geister reine Bewegung manchmal ein wenig behindert. Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen, kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben, Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben; das, was man war in unendlich ängstlichen Händen, nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug. Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam, alles, was sich bezog, so lose im Raume flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig Ewigkeit spürt. – Aber Lebendige machen alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden. Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung reißt durch beide Bereiche alle Alter immer mit sich und übertönt sie in beiden. Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten, man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft seliger Fortschritt entspringt –: könnten wir sein ohne sie? Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang; daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling plötzlich für immer enttrat, die Leere in jene Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.
Edeltraut Eckert
(* 20. Januar 1930 in Hindenburg O. S., Provinz Oberschlesien; † 18. April 1955 in Leipzig)
Eine junge Lyrikerin, der keine Zeit zur Entwicklung blieb. Bei Kriegsende Flucht aus Oberschlesien, Abitur in Brandenburg, Mitglied der Freien Deutschen Jugend, Aufnahme eines Lehrerstudiums an der Ostberliner Humboldt-Universität – doch sie kommt nicht weit. Sie erfährt von der Existenz sowjetischer Gefangenenlager in der DDR, schließt sich einer Widerstandsgruppe an, verteilt Flugblätter in Rathenow, wird denunziert, verhaftet, mißhandelt und zu 25 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Sie kann Rilkes Cornett fast auswendig, memoriert, schreibt Gedichte – nach dem Aufstand des 17. Juni gibt es für kurze Zeit Hafterleichterungen, sie darf ihre Gedichte in ein Heft schreiben. 1955 stirbt sie an den Folgen eines Arbeitsunfalls im Zuchthaus Hoheneck.
Vom Leben trennt dich Schloss und Riegel
Und deiner Muße bleibt nur eins:
Du schaust in den blind gewordenen Spiegel
Deines eigenen vergangenen Seins.
Ein bleiches Bild sieht dir entgegen,
Von keines Künstlers Hand verschönt,
Du ließest dich in Fesseln legen,
Und frei zu sein hast du ersehnt.
Vielleicht, dass sich dein Morgen naht,
Vielleicht bringt auch die Nacht die Wendung,
Du weißt noch nicht, führt dieser Pfad
Zum Wahnsinn oder zur Vollendung.
NOVEMBER 1951
Aus: Edeltraud Eckert: Jahr ohne Frühling. Gedichte und Briefe. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 18
Elisabeth Dauthendey
(* 19. Januar 1854 in Sankt Petersburg; † 18. April 1943 in Würzburg)
Das kausale Denken ist für das ungeübte Gehirn eine schmerzhafte Prozedur und zerstört allerdings manche bequeme Dunkelheit, räumt mit den Truggebilden liebgewordener Vorurteile auf und schafft vorerst eine große Leere um sich her, mit der man sehr lange nichts anzufangen weiß. Doch dem treuen Ausharren wächst langsam eine neue herrliche Welt aus den Ruinen, die der alten Illusion nicht mehr bedarf, da ihrem Horizonte das Licht der Erkenntnis leuchtet, das die Gefühle auf den realen Boden von Ursache und Wirkung stellt und ihnen damit ihre Enge und Fesselung nimmt.
Auch das Gebiet des Liebes- und Geschlechtslebens verändert sich unter diesem Licht. Es wird einfacher und verwickelter zugleich. Was nur die eine, ewig alte Frage schien, teilt sich plötzlich in viele neue, die aber alle von unabänderlichen Gesetzen wieder zur Einheit geschlossen werden. Und dieser vielfachen Bedeutung der Fragen und ihrer einschneidenden Wirkungen auf die leibliche, seelische und soziale Lebensentfaltung gegenüber überkommt den Erkennenden mit bewußter Deutlichkeit das Gefühl der Verantwortung, das der Wissende dem Leben gegenüber hat.
Aus: Elisabeth Dauthendey – Die urnische Frage und die Frau. Essay. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität, Herausgegeben von Dr. med. Magnus Hirschfeld, VIII. Jahrgang, Verlag von Max Spohr, Leipzig, 1906, S. 285-300. Mehr
Heute ein Gedicht ohne Anlaß. Oder drei Spruchweisheiten unter einer Überschrift. Paul Heyse war der erste Deutsche, der den Literaturnobelpreis erhielt. Trotzdem oder deshalb liest ihn keiner mehr.
Philosophie
Wenn sich die Sprüche widersprechen,
Ist’s eine Tugend und kein Verbrechen.
Du lernst nur wieder von Blatt zu Blat
Daß jedes Ding zwei Seiten hat.
Nachdenken doch immer Mühe macht,
Wie gut man euch auch vorgedacht.
Vor deine Dialektik stellt
Sich wie im Stereoskop die Welt
Zwiefach geteilten Scheines.
Doch hast du wahren Tiefsinns Kraft,
So schaue, was auseinanderklafft,
Lebendig wieder in eines.
Okay, noch ein Spruch unter der Überschrift Senilia:
Altwerden ist keine leichte Kunst.
Frauen und Dichter müssen sie lernen,
Wenn kühl die Jungen sich entfernen,
Die einst gebuhlt um ihre Gunst.
Dann gilt’s erst, liebenswert zu bleiben,
Auch wenn du selbst nicht mehr beliebt
Und keiner sich mehr die Mühe gibt,
Dir einen Liebesbrief zu schreiben.
Emmy (Ball-)Hennings
Emmy Hennings oder Emma Maria Ball-Hennings (* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
AUFHÄNGEN
Ein Mann hängt sich auf und beobachtet sich.
Er spielt mit seinen Beinen.
Er möcht um seine Dummheit weinen.
Obgleich das Leben von ihm wich.
Er möchte doch so gern versuchen,
Karriere machen und auch Geld.
Und Streifenhosen, Haar gewellt.
Zu spät ist alles. Er muß fluchen.
Der Strick ist auch nicht eingeseift.
Herr Wedekind verlangts ja nicht.
Im Nebenzimmer brennt noch Licht.
Er ist nicht für die Tat gereift.
Und dies bemerkt er noch mit Schrecken,
Da fliegt vorbei die Kinderzeit.
Dann wirds auf einmal süß und weit –
O Annelies! O langes Strecken!
Aus: Die Aktion 5. 1915. Sp. 423f
Inger Christensen
(* 16. Januar 1935 in Vejle, Dänemark; † 2. Januar 2009 in Kopenhagen)
Ich hab immer geglaubt
Ich hab immer geglaubt die wirklichkeit
sei etwas das man werde
wenn man erwachsen wird.
Auf dem marktplatz steht Fata Morgana
mit müder miene und ruft:
morgenzeitungen – morgenzeitungen.
Aus: Inger Christensen: Lys / Licht. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Münster: Kleinheinrich, 2008, S. 37 (Dänische Literatur der Moderne Bd. 16)
Haß, Neid und Mißverstand verfolgten die Poesie auch im 18. Jahrhundert. Und erst recht die von Frauen. Sidonia Hedwig Zäunemann, heute vor 307 Jahren in Erfurt geboren, dichtete:
Die Dichtkunst bleibt nicht nur ein Stief=Kind stets vom Glücke,
Ihr Lohn sind noch darzu der Mißgunst Feuer=Blicke,
Absonderlich wenn sich das Frauen=Volk bemüht,
Und nach der Musen Art die Sayten künstlich zieht.
Da sieht man Haß und Neid sich auf den Schau=Platz stellen;
Sie borgen von dem Hund das ungezähmte Bellen;
Sie knirschen mit dem Mund wenn unsre Lorbeer blühn,
Und suchen uns den Ruhm durch Lästern zu entziehn.
Der Ehre stoltzes Schif wird als vom Wind bestürmet,
Mit giftgen Schaum umringt, von Wellen aufgethürmet,
Um seinen schnellen Lauf nur Einhalt bald zu thun.
Ihr Toben läßt sie nicht bey unsern Siegen ruhn.
Der Neid, das Ungeheur das sich doch selber quälen
Und endlich fressen muß, wohnt in so vielen Seelen,
Die toben wider uns, wenn irgend unser Geist,
Ein Philosophisches und Dichter=Feuer weist.
Ihr dummer Hochmuth meint, wir dürften mehr nicht lesen,
Als nur wer Ismael und Moses Weib gewesen,
Wie dort Rebeccens Hand mit Isaacs Baarte scherzt,
Wie Hiob allen Hohn von seiner Frau verschmerzt.
Des Salomonis Spruch und Syrachs Sitten=Leben
Wär uns, nur Seneca und Plato nicht gegeben.
Blieb uns Sanct Paulus nur bekannt und offenbar,
So wär es schon genug: Uns gienge Pallas Schaar
Und Phöbus gar nichts an. Wir hätten gnug zu singen,
Die zarten Kindergen in Schlaf und Ruh zu bringen.
Zwirn, Nadel, Flachs und Garn, die Küche und der Heerd
Wär nur vor uns bestimmt; nicht aber Kiel und Schwerd.
Der Männer Eigenthum sey Feder, Buch und Waffen;
Nur ihnen wär allein ein Löwen=Herz erschaffen.
Gar recht! ihr brüllt zu Haus so arg als Löw und Bär.
Wie feurig, wie ergrimmt lauft ihr oft hin und her?
Ihr meint die Tapferkeit sey euch nur angebohren.
Ihr habt so manchem Glaß, o That! den Tod geschworen.
Ihr nennet euch beherzt; ihr kämpftet ritterlich;
Ich widerspreche nicht, denn dieses zeiget sich
Im Krieg, wo Cypripor der Venus Feldherr worden.
Ihr sagt: Die Wissenschaft wär nur dem Männer=Orden
Vom Schöpfer zugedacht: Ihr müstet nur allein
Beherrscher über Buch, und Kunst und Federn seyn.
Aus:
Sidonia Hedwig Zäunemann
Die von denen Faunen gepeitschte Laster
Aufgeführt von Sidonia Hedwig Zäunemannin,
Kayserlich gekrönter Poetin.
1739
Dehmel, Ida
1870-1942 / Lyrikerin
So steht es im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Aber unter den 13 verzeichneten Büchern ist kein Lyrikband. Wo sind ihre Gedichte? Freundin Stefan Georges, Gattin Richard Dehmels, Frauenrechtlerin, Kunstförderin… hat sie ein Werk? Wikipedia weiß:
Ida Dehmel (* 14. Januar 1870 in Bingen am Rhein als Ida Coblenz; † 29. September 1942 in Hamburg) war eine deutsche Kunstförderin, Gründerin künstlerischer Vereinigungen und Frauenrechtlerin.
Ida Dehmel kam 1870 als Tochter des jüdischen Weinhändlers Simon Zacharias Coblenz in Bingen zur Welt. Bereits in der Jugend zeigte sie großes Interesse an Literatur, Musik und Malerei. 1892 schloss sie Freundschaft mit dem Dichter Stefan George.
Auf Wunsch des Vaters heiratete sie 1895 den Berliner Kaufmann und Konsul Leopold Auerbach. In ihrer Wohnung am Tiergarten begründete Ida Auerbach einen fortschrittlichen Salon und verschaffte modernen Künstlern ein Publikum. Unter ihnen waren Edvard Munch, Conrad Ansorge und Stanisław Przybyszewski. Sie begegnete dem Lyriker Richard Dehmel und inspirierte ihn zu aufsehenerregenden Gedichten, so z. B. zu Verklärte Nacht, das Arnold Schönberg vertonte.
Aber eigene schrieb sie schon auch. Hier zwei davon (aus einem Gedichtband ihres Ehemanns):
Ida Dehmel
DAS PERLGEWEBE
Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände;
weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben? – Mein Leben.
Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend,
ein morgenblauer Himmel über mir.
Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen.
Viele kleine Blumen will ich weben,
zart ein glückliches Lachen dazwischen,
Alles leuchtet dem spielenden Kind.
Mutter starb. Die Farben werden blasser.
Dunkle Trauerzweige sprießen auf,
schwanke Linien aus flimmerndem Grund,
Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen.
Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten;
sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich.
Und nun mischen sich die bunten Perlen:
stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch
durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten,
hell im Kampf mit strengen grauen Mächten
bäumt die aufwärtsflammende Seele sich:
rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau.
Und aus Rot und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe.
Rosen blühn aus meinen Händen auf,
jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum.
Schwer in Büscheln rankt sich ein Clematisstrauch
um die Rosen lilasanft ins Blaue;
die Verheißung glüht aus allen Blüten.
Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.
Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp
über meine Wiesen, meinen Blumenteppich;
und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln.
Da – ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton.
Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht,
und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen.
Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau;
auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot.
Und über Alles breitet sich sein Glanz.
O wie sich unsre Farben herrlich einen:
Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen,
aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste,
mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste –
So kann ich meine Träume und mein Leben
zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.
Aus: Richard Dehmel, Schöne wilde Welt. Berlin: S. Fischer, 1913, S. 74–75
Richard Dehmel und Ida Dehmel
PSALM ZWEIER STERBLICHEN
DER MANN
Göttin Zukunft,
mit gefesselten Händen hältst du
eine geschlossene Schriftrolle,
drin mein Schicksal verzeichnet steht.
Langsam, Tag für Tag,
ringe ich deinen Fingern
Zoll für Zoll die Urkunde ab,
Zeile für Zeile.
Bis der Augenblick kommt,
wo das entrollte Papier,
eh ich das letzte Wort noch las,
meinem erschöpften Arm entfällt;
und mit gefesselten Händen
gibst du den Winden zur Sage anheim,
was ich tat.
DAS WEIB
(Von Ida Dehmel)
Schicksalsgöttin,
ich liege vor dir auf den Knieen.
Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen
eine goldene Tafel,
drin die Namen nur derer eingegraben stehn,
die Unvergeßliches taten.
Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,
bitte ich dich:
Laß mich nicht ins Namenlose versinken!
Spreng deine Fesseln – oder
nur einen Augenblick
reich mir die goldene Tafel,
und neben die Runen der Helden und der Weisen
schreibe ich hinsinkend:
Ich liebte.
Aus: Richard Dehmel, Schöne wilde Welt. Berlin: S. Fischer, 1913, S. 72–73
Gerty Spies
Straßenbild
Links die Fabrik mit steilem Schlot
Und rechts ein langes, graues Haus.
Im Hintergrunde – farbentot –,
Ein Hügel. – Und die Welt ist aus.
Darüber gießt der Philosoph,
Der Mond, sein bleiches Lächeln aus.
Die Säge schwirrt. Und aus dem Hof
Tönt Pfiff und Ruf durchs leere Haus.
Die Telegraphenstange träumt
Am Eck. Die Fenster starren leer.
Und über eine Mauer schäumt
Ein junger Busch, von Knospen schwer.
Die Amsel übt ihr Nachtgebet
Und wundert sich, daß Frühling ist:
Der Morgen kommt, der Abend geht —
O Herr, daß du so ferne bist!
(aus: Theresienstadt. Gedichte. Mit vier Bildern von O. Nückel. München: Freitag-Verlag, 1947, S. 38)
Gerty Spies (* 13. Januar 1897 als Gertrud Gumprich in Trier; † 10. Oktober 1997 in München), deutsche Schriftstellerin, wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebte und kehrte als eine von nur 200 Überlebenden der ehemals 12.000 jüdischen Einwohner Münchens zurück. 1947 erschien der Band Theresienstadt in einem kleinen Münchner Verlag. Darüber hinaus interessierte die Öffentlichkeit sich erst in den 80er Jahren für ihr Werk. Sie starb im 101. Lebensjahr.
Jakob Michael Reinhold Lenz
(* 12. Januarjul./ 23. Januar 1751greg. in Seßwegen, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 24. Maijul./ 4. Juni 1792greg. in Moskau)
Da der Dichter Lenz im Russischen Reich geboren wurde und starb, werden seine Lebensdaten auch nach dem damals dort noch gültigen julianischen Kalender angegeben. Der 12. Januar nach julianischem Kalender ist zwar erst in 11 Tagen; aber ich beschließe, ihn zweimal zu feiern. Zum ersten:
Einige Epigramme
Über die kritischen Nachrichten vom Zustande des deutschen Parnasses
G.
Es wimmelt heut zu Tag von Sekten
Auf dem Parnaß.
L.
Und von Insekten.
Ob das Epigramm eine Gattung der Poesie zu nennen?
Und gab denn die Natur
Dem Bienenvolk den Honig nur?
Ihr Stachel ist, am unvernünftgen Viehe,
Das sie verstört, der Rächer ihrer Mühe.
Klopstocks gelehrte Republik
Ein Götterhaft Gerüst,
Der Menschen Thun zu adeln!
Wer darf, wer mag da tadeln?
…………………………….Antwort:
Wem’s unersteiglich ist.
Über die Dunkelheiten in Klopstock etc.
………..Schmeichler:
Ich bitte, gebt mir Licht,
Herr, ich versteh Euch nicht.
………..Antwort:
Sobald Ihr mich versteht,
Herr, bin ich ein schlechter Poet.
Oh, schon wieder zwei Jahr her, daß der alte Haudegen Bert Papenfuß (er hat jetzt seinem Vornamen einen Kringel beigefügt, Bęrt, hinten Gorek schon lange weg und vorne jetzt Elsmann dran) einen runden Geburtstag feierte. Zur Feier des Tages las er Anagramme (aber wenn ers nicht angesagt hätte, dem Vortrag hätte man es kaum angemerkt). Im Buch könnte man immerhin nachzählen oder auch nur ohr- und augenscheinlich vermuten, daß benachbarte Zeilen oder Wörter die gleiche Buchstaben- oder Lautanzahl haben… Papenfuß macht auch bei Anagrammen keine Verrenkungen nirgends.
Hier nun zwei Jahre später zwei Pröbchen aus dem im Jubeljahr bei Brueterich erschienenen Band Seifensieder. Angewandte Schrunst für eingewiesene Ausgeweihte.
Ich wähle zwei Stellen aus, die mit ästhetischen Grundfiguren als wie: Effekt, Wahrheit, Spiel, Verstehen, Interpretieren… zu tun haben. Bei P. sind auch die Fußnoten Teil des hinterfotz- sowie -sinnigen Spiels, das das Gedicht ist. Oder so. Jetzt P.:
Abrißrundblicke vom BasisDruck Berlin aus
Für Stefan Ret
1. Kassensturz
Fasten soll der Entsafter*, und Festraten zahlen
dem Inhaber aus Bahrein; zinstragend sei Adstringenz.
Auf Direktkredit folgt Meisterstrieme: Maischen muß Maschine.
Ein Ungar vom Fach spart Rauchfang, Hilfe vom Senat
garantiert Heilfasten; die Argo aus Nirosta für den Organisator
forciert die Deroute aus der Redoute: Darauf eine Stiege Bürzel-Pinsler!
Geltung soff Trotz, Urstoff glotzt eng,
gestutzt flog Fron; Fortsetzung folgt.
*) Dieser Text sagt vorerst nichts Richtiges bzw. Wahres oder vorgeblich Stimmiges über Stefan Ret und den BasisDruck Verlag aus; hinter Anagrammen verbergen sich lediglich mehr oder weniger effektvolle Verbiegung, Verbeugung, Deklination. In 100 Jahren allerdings stellen sich Stimmigkeiten ein, in 200 Jahren ist das Elaborat dann wohl wahr. Wird der strikte Metriker und stringente Lyrikprofessor King Buzzo — Sänger, Texter und Gitarrist seiner Band Melvins -‚ auf die Bedeutung seiner Texte angesprochen, antwortet er meist, daß sie nichts bedeuten, sie sollen einfach nur cool klingen. So geht es auch, aber andererseits ist die „Zeitspanne anne Spitze“ knapp: An der „Spitze“ treffen die Stadtbezirke Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow aufeinander und breiten sich aus, solange die Laken reißen.
„In jeder Schlagzeile sind alle Salze gleich“,
verriet mir mein alter Freund und Sketchprüfer Entsafter*.
„Hausfrau schrubbte Hubschrauberfaust“, hätte er gelesen,
gemeint sei aber gewesen: „Als ihr Traum vom Einfamilienhaus
auf eine Manie hinauslief, hätte Sahra Wagenknecht kokett
mit den Haaren geschwankt, und ihr Aktionär Alfons, den sie
gern ‚Satan, Falke, Orion‘ nennt, wenn er sie denn mal überrennt,
der bei Fachlehrer Stalin schon wegen der Alleinherrschaft
nachgefragt hatte — der nu’ wieder hätte als durchtriebenster
Testmixer, der er nu’ ma’ is’ – auf keine Fragen geantwortet,
die ja so auch nicht gestellt worden waren. Der elitäre Trip
der Parteileiter wird mit Standpauke und Sudanpaket pariert;
aber dann, voll aus der Kalten, sagt er als der eitlere Pirat zu ihr:
…. ,Dank Peanuts kommt Undank spät.
…. Dankt Pausen mit Standpauken!
…. Mit aller Überheblichkeit sage ich dir,
…. die Küche bleibt erst ma’hier.´“
… solche Interpretationen lob ich mir.
*) Stefan Ret, Leiter des BasisDruck Verlages in Berlin.
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