RENATE RASP
(Renate Rasp-Budzinski; * 3. Januar 1935 in Berlin; † 21. Juli 2015 in München)
Suffragetten
rissen uns ein neues Fenster auf,
und ein frischer Wind
wehte mit den Blättern
in die guten Stuben,
wirbelte den Staub von Büchern,
Sonne schien in Ecken,
die im Dunkeln lagen,
wo ein blasser Schatten
sich erhebt,
eine Frau aufsteht
und das Fenster zumacht.
Aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Hrsg. Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008, S. 79
Mit Gedichten kann man viel machen – das ist das Gute daran. Man kann sie zum Beispiel lieben, hassen, bekämpfen oder ignorieren. Verstehen und mißverstehen sowieso / sowieso nicht.
Das Gedicht Schatten Rosen Schatten von Ingeborg Bachmann, das ich gestern hier gepostet habe, es erschien zuerst 1956, könnte man für eine Variation des Themas Blumen und Straßen aus Eugen Gomringers im letzten Jahr viel diskutierten Gedichts Avenidas halten (es entstand nur wenige Jahre früher, Gomringers). Avenidas, das verweist ja auf Fremde, in dem kurzen Gedicht Bachmanns kommt das Wort dreimal vor. Gemeinsamkeiten? Unterschiede? Wenn jemand eine gute Interpretation schreibt, bedeutet es das. (Auch).
Hier noch einmal der Text:
Ingeborg Bachmann
Schatten Rosen Schatten
Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten
(In: Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München, Zürich: Piper, 1998, S. 143)
Oder man könnte fragen, was es bedeutet, dass dem Gedicht das in ihrer frühen Lyrik typische Parlando fehlt. Nichts von Verzetteln und Verquatschen, wie es Brecht monierte (er bearbeitete einige ihrer Gedichte, indem er sie radikal zusammenstrich).
Es gibt aber auch einen privaten Hintergrund. Das Gedicht verweist auf ein 1951 entstandenes Gedicht von Paul Celan, Stille! In dem Gedicht kommen die Zutaten Rose und Schatten vor, nur das Fremde fehlt ganz.
Die Kommentierte Gesamtausgabe von 2003/2005 sagt zu dem Gedicht, es sei wahrscheinlich das erste nach dem Beginn der Liebesbeziehung zwischen Celan und seiner späteren Frau Gisèle de Lestrange entstandene Gedicht:
Paul Celan
Stille!
Stille! Ich treibe den Dorn in dein Herz,
denn die Rose, die Rose
steht mit den Schatten im Spiegel, sie blutet!
Sie blutete schon, als wir mischten das Ja und das Nein,
als wirs schlürften,
weil ein Glas, das vom Tisch sprang, erklirrte:
es läutete ein eine Nacht, die finsterte länger als wir.
Wir tranken mit gierigen Mündern:
es schmeckte wie Galle,
doch schäumt‘ es wie Wein –
Ich folgte dem Strahl deiner Augen,
und die Zunge lallte uns Süße . . .
(So lallt sie, so lallt sie noch immer.)
Stille! Der Dorn dringt dir tiefer ins Herz:
er steht im Bund mit der Rose.
Aus: „Mohn und Gedächtnis“, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Man hat das Gedicht mit Kristallnacht (Glas, das erklirrte) und Holocaust zusammengebracht, ich will überhaupt nichts ausschließen. Aber die Autoren der Kommentierten Gesamtausgabe legen andere Spuren, darunter eben prominent die Liebesgeschichte. Und Bachmann? Wenn sie das Gedicht im Erstabdruck in einer Zeitschrift las, fand sie, hätte sie dort für die drittletzte Zeile gefunden:
(So lallt sie, Geliebte, noch immer.)
Wer ist die Geliebte, Gisèle oder Ingeborg? Letztere hatte ihn noch 1951 in Paris besucht, entschlossen, mit ihm zu leben, aber es ging nicht. Was beide nicht hinderte, die Liebesgeschichte fortzusetzen.
Bachmann schreibt sich/ihren Schatten in Celans Gedicht:
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten
Ingeborg Bachmann
(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)
Schatten Rosen Schatten
Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten
Anne Sexton
(* 9. November 1928 in Newton, Massachusetts als Anne Gray Harvey; † 4. Oktober 1974 in Weston, Massachusetts)
Knielied
Auf die Kniekehle geküßt
zu werden ist eine Motte
am Fliegenfenster und
ja mein Liebling ein Punkt
auf dem Echolot ist
Tinkerbell mit ihrem Husten
und zweimal verzichte ich auf meine
Ehre und Sterne stecken
wie Reißnägel in der Nacht
ja oh ja ja ja zwei
kleine Schnecken an der Kniekehle
entfachen Freuden—
feuer so etwas wie Augen-
Wimpern so etwas zwei Feuerzeuge
zünden ja ja ja klein
und ich Schöpfer.
Aus: Anne Sexton: Liebesgedichte. Love Poems. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. Elisabeth Bronfen. Aus dem Amerikanischen übersetzt u. m.e. Nachwort von Silvia Morawetz. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verl., 1997, S. 115
Originaltext hier
Eduard Mörike
Maschinka Dieser schwellende Mund, den Reiz der Heimat noch atmend, Kennt die Sprache nicht mehr, die ihn so lieblich geformt: Nach der Grammatik greifet die müßige Schöne verdrießlich, Stammelt russischen Laut, weil es der Vater befiehlt. Euer Stammeln ist süß, doch pflegt ihr, trutzige Lippen, Heimlich ein ander Geschäft, das euch vor allem verschönt!
(1838)
Gertrude Stein
Old Dogs.
Old dogs.
Old dogs are we.
Old dogs
Old dogs merrily
We see.
Hurrah.
Sunday.
oide hunt
mir oidn hunt
hom kane zent im mäu
so kemma a nix beissn
owa sauffn kemma no
samma froh.
a jeda dog
a sundog.
Ernst Jandl
Aus: Gertrude Stein: Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer. Zürich: Arche, 1993, S. 52f
Zwei 19. Nahbellpreis-Gedichte von Sophie Reyer & Tanja Lulu Play Nerd
G&GN-INSTITUT – Düsseldorf, den 21. Juni 2018 / Der Nobelpreis wird zwar nur „verschoben“ (wie viel Einfluss hat die königliche Änderung der noblen Statuten auf die Jury?), dafür wird der NAHBELLPREIS dieses Jahr erstmalig VERDOPPELT: es gibt erstmals 2 Gewinner, besser gesagt: GewinnerINNEN! Und beide Damen sind aus Österreich! Der „alternative Lyriknobelpreis für lebenslängliche Zeitgeistresistenz und Unbestechlichkeit im lyrischen Gesamtwerkprozess“ geht 2018 an zwei Vertreterinnen eines Neuen Feminismus, die unterschiedlicher und doch auch ähnlicher nicht sein könnten: Sophie Reyer (1984) & Tanja Lulu Play Nerd (1982). Beide verbindet die Liebe zum Klang der Sprache: Sophie experimentiert und wird theatralisch aufgeführt, Tanja improvisierte jahrelang auf Slambühnen. Von Sophie erscheint dieses Jahr schon der dreizehnte Gedichtband, während Tanja erst kürzlich ihren Debutband mit dreizehn Gedichten herausgab. Die vollständigen Exklusiv-Interviews vom Mai 2018 mit beiden Autorinnen anlässlich der Preisverleihung finden sich (1 Jahr lang bis zum 21.6.2019, danach auf http://www.lyrikszene.de verlinkt) auf der brandneu gelaunchten Website hier: http://www.POESIEPREIS.de Darin beziehen Reyer & Play Nerd Stellung zu ihren Werken und ihrem Werdegang, hier ein Auszug:
3.NAHBELLFRAGE (Tom de Toys): „Welche klassischen und/oder zeitgenössischen Dichter(innen) haben Dich beeinflusst oder begeistern Dich heute noch? Magst Du die Dadas wie z.B. Hans Arp? Kennst Du sein Gedicht SOPHIE? Bei den Zeilen >>Ich spreche kleine, alltägliche Sätze leise für mich hin. (…) Die Sterne sind Blumen, die im Himmel blühen.<< musste ich grad an Deine Kostprobe denken, weil es fast schon wie ein poetologisches Programm wirkt, von kleinen, alltäglichen Sätzen zu sprechen. Das trifft auf Deine Lyrik doch auch zu?
3.NAHBELLANTWORT (Sophie Reyer): „Freilich sehe ich eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Literatur als Um und Auf für mein gegenwärtiges Schreiben. Insofern habe ich mich immer intensiv mit historischen Strömungen aller Art auseinander gesetzt, die von der Literatur babylonischer Epen über die griechische Antike und Texte des Mittelalters -insbesondere Christine de Pizan war eine besondere Entdeckung für mich- bis hin in die Gegenwart hinein reichen. Alle Neuerungen und Umbrüche finde ich grundsätzlich spannend. Dazu gehören für mich natürlich auch sämtliche Strömungen des Dadaismus, Surrealismus und Expressionismus, wobei ich diese auch immer wieder in meinen Poetik- Vorlesungen auf der Schreibpädagogik Wien präsentiert habe. Einer meiner besonderen Lieblingskomponisten dieser Zeit ist der wunderbare John Cage. Doch auch Hans Arps Werk hat mich immer wieder inspiriert.“
6.NAHBELLFRAGE (Tom de Toys): „Dem Inneren zuzuhören, klingt ja schon beinahe wie eine Meditationspraxis, was mich wiederum an John Cage erinnert, dessen vielleicht berühmtestes Konzert aus stundenlanger Stille bestand, in der man nur die Geräusche von draußen hörte. Seit wann lauscht Du Deinem Inneren? Gab es ein einschneidendes Erlebnis, einen Aha-Effekt? Oder wie wurdest Du zur Dichterin? Wie und wann begann das alles bei Dir?“
6.NAHBELLANTWORT (Sophie Reyer): „Ich denke, dass man als Künstler dem Inneren lauschen muss – sonst schafft man nur Arbeiten, die formal angelegt sind, jedoch keinen Inhalt oder Gehalt aufweisen. Ich habe schon als Kind zugehört: dem Rauschen der Birken hinterm Haus, der Bewegung des Schilfs, dem Quaken der Frösche und dem Rauschen der Autobahnen, den Gutenachtgeschichten meines Vaters und so fort – und das Innere schwingt da von jeher mit, es ist in allen Dingen, man muss nur lauschen und sich Zeit nehmen. Ich glaube, ich wurde nie zur Dichterin. Entweder bin ich es schon immer – oder ich werde es ohnehin nie, da bin ich mir nie so sicher. Geschrieben habe ich schon als Kind, Tonnen von Tagebüchern liegen noch bei uns im Keller, die ersten Bücher -damals im von mir geschaffenen S-Verlag- schrieb ich mit 9, über eine Vampir-Elfe genannt Brunhilde…“
Also: Ein Drei D- Drucker ist nicht alles.
Da fehlst was. Und wissen sie auch, was?
Ein Kind.
Ein Kind das ein Stern war und wieder zu den Sternen möchte.
Demnach ein Vogelkind. Ein Kind mit Flügelchen.
Ein optimiertes Kind, wissen sie.
Ein Kind wie aus Wachs.
Ein Kampfkind.
Ganz ohne Emotionen, sie verstehen.
Das man formen und kneten kann.
Präparieren.
Arrangieren.
Montieren.
Et cetera.
(Anm.: Bei Skyborg handelt es sich um einen spezialisierten Cyborg, dessen Aufgabe es ist, Kampfdrohnen zu ersetzen)
Tanja Lulu Play Nerd
titelgeschichte
ist es nicht wirklich fantastisch wie
reibungslos unsere welt funktioniert
alles hängt irgendwie mit allem
zusammen und dreht sich im uhr-
zeigersinn (das ist der letzte und
einzige sinn) um sich selbst von der
subatomaren bis hin zur hyper-
galaxtischen dimension ohne jemals
dem schwindel anheim zu fallen denn
du bist ein rädchen im unendlichen
perpetuum mobile aus dem nichts
in das nichts aus dem anfänglichen
in das endgültige von dem einen
vergessen ins andere deine taten
sind heilige antworten auf fang-
fragen der ebenso unwissenden ur-
großeltern das wunder hat keinerlei
ursache wir tun einfach alle nur das
was wir noch nie lassen konnten
(Anm.: Erstveröffentlichung für Lyrikzeitung & Fixpoetry)
2.NAHBELLFRAGE (Tom de Toys): „Mir scheint, daß seit einigen Jahren vorallem der richtige Mix aus obszöner Comedy und zynischer Politik genau das ist, was die Leute an Poetryslams wertschätzen. Ich meine, diesen Mix auch aus Deinen Gedichten herauszulesen. Und gerade weil Du diesem lebensphilosophischen Zynismus noch Deine ehrliche, emotionale Sehnsucht nach einer besseren Welt überstülpst, wird doch daraus echte Lyrik, oder nicht? Eine Einflussnahme aufs gesellschaftliche Geschehen ist damit allerdings wohl ebenso unwahrscheinlich wie live on stage beim Poetryslam?“
2.NAHBELLANTWORT (Tanja Lulu Play Nerd): „im grunde ist doch die poesie heutzutage genauso ein megapestizidvergifteter supermarkt wie die politik: alles ist völlig tabulos erlaubt, aber nichts hat eine auswirkung auf wirklich schreckliche weltprobleme! mag sein, daß auch ich zu obszöner comedy neige, das kam eben immer am besten an, aber mir liegt wesentlich mehr an dem, was du ehrlich emotional nennst: eine gewisse literarische renaissance der engagierten emotionalität, ohne sentimental oder fanatisch zu werden, sondern auf einem seismografischen seelischen level berührt, wie du es in deiner netten rezension auf amazon über meinen gedichtband LEB JETZT schon geschrieben hast.“
3.NAHBELLFRAGE (Tom de Toys): „Ist das eine neue Art von Spiritualität, die uns seit Eckhart Tolle zur Beruhigung der Nerven verklickert wird, um in erleuchteter innerer Balance für nichts mehr Partei zu ergreifen, sondern nur noch hypnotisch gechillt zu bleiben? Du gehörst mit Deinem sozialkritischen Impuls ja nun wirklich nicht zur neuen Generation Overchill! Da verbindet sich in Deinen Texten doch irgendwie beides miteinander: das stille Angekommensein mit der lautstarken Aufgeregtheit? Ist DAS vielleicht das wirklich Neue an Deinem engagierten Stil? Und könnte genau das nicht auch bei Slams gute Wirkung erzielen: der leise Gong mit dem lauten Gaga vereint in der Performance?
3.NAHBELLANTWORT (Tanja Lulu Play Nerd): „also ich denke auf jeden fall, daß sich die allerjüngste generation overchill durch die handy-ära entwickelt hat: alles wird über den minimonitor kommuniziert und konsumiert, und das perverse daran: selbst die spiritualität wird über apps konsumiert! yogaapp, meditationsapp, spiritualbookapp: alles kommt dir digital ins haus, niemand braucht dafür in echt mehr raus! auch politik lässt sich per mausklick erledigen: petitionen werden per touchscreen signiert. touchscreen against torture! (…) ich brauche den abstand zur zivilisation, um sie dadurch umso gestochener vor dem inneren auge zu analysieren und anzugreifen. ob sich da gaga und gong so vereinen, daß es auch slamtauglich wäre, müsste ich erstmal testen.“
GLEICHNISSE
Tschuang-Tse
(Zhuāngzǐ, „Meister Zhuang“, Zhuāng Zhōu, chinesischer Philosoph und Dichter, 370 v.u.Z. – 287 v.u.Z.)
Gleichnisse sind meine Reden zumeist
und Worte, vor mir von anderen geprägt.
Der Becher, der täglich zum Trunke kreist,
doch den Abglanz des Ewigen in sich trägt.
Der weitaus größte Teil meiner Reden sind Gleichnisse, das heißt, ich bediene mich äußerer Bilder in meinen Erörterungen. So wie der eigene Vater nicht gern selbst den Werber macht für seinen Sohn. Denn es ist besser, wenn der Sohn von einem andern gelobt wird als von seinem eigenen Vater. Daß ich so reden muß, ist aber nicht meine Schuld, sondern Schuld der anderen.
Denn jeder stimmt nur dem gern zu, was mit seiner eigenen Ansicht übereinstimmt, und widerspricht dem, was seiner eigenen Ansicht widerspricht, und hält nur das für wahr, was seiner eigenen Ansicht entspricht, und das für falsch, was seiner eigenen Ansicht widerspricht.
Darum benutze ich meistens Worte, die vor mir von anderen fest geprägt sind, um so dem Streit um Worte ein Ende zu machen, weil jene als Autoritäten verehrt werden.
Aus: Tschuang-Tse: Dichtung und Weisheit. Aus dem chinesischen Urtext übersetzt von Hans O.H. Stange. Frankfurt/Main: Insel, 1989 (5. Aufl.), S. 5
«Tausende von männlichen Alkoholikern
haben eine Frau als Schutz
zwischen sich und dem unkontrollierten Trinken
Frauen
haben diesen Vorteil nicht»
Dagens Nyheter, 26. Juni 1977
Aus: Märta Tikkanen: Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Roman in Gedichten. Deutsch von Verena Reichel. Reinbek: Rowohlt, 1981, S. 56
Elfriede Gerstl
kleines morgen grauen mit angst erwachen gedanken bebrüten am tor des schlafs die sinne behüten die glieder liegen da wie ein kleid aus blei schnell aufstehen dann geht der spuk vorbei
Aus: Elfriede Gerstl: alle tage gedichte. schaustücke. hörstücke. Wien/München: Deuticke, 1999, S. 161
Sándor Weöres
AUTOBIOGRAFIE
Für Imre Bori
Was sollte schon sein: dies war mein Leben.
Augen zu. Mund auf. Das dauernde Wunder.
Aas. Schaum. Berge, die sich nicht erheben.
Tal. Wiese. Sumpf. Blühender Holunder.
Leben im Tod. Tod im irdischen Streben.
Schwarzer Tag. Flackernde Nacht. Im Bunker.
Dämmerschlaf. Nebel, die am Felsen kleben.
Heidenangst. Steißruhe. Gespür. Raufrunter.
Schlaf am Tage. Nächtens der Keim der Idee.
Haar. Mal. Apfel. Graben. Brennender Hasel.
Brüste. Argwohn. Stilabenteuer. A gleich B.
Starre Ewigkeit. Flüchtiges Rasen.
Nicht Kind. Mann. Nicht Weib. Aphrodite.
Taumelnde Jahre. Das meiste: Gefasel.
Übertragen von Richard Pietraß
Aus: Sándor Weöres. Poesiealbum 135. Berlin: Neues Leben, 1978, S. 30
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