JOHN CLARE
(* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864)
I am—yet what I am none cares or knows; My friends forsake me like a memory lost: I am the self-consumer of my woes— They rise and vanish in oblivious host, Like shadows in love’s frenzied stifled throes And yet I am, and live—like vapours tossed Into the nothingness of scorn and noise, Into the living sea of waking dreams, Where there is neither sense of life or joys, But the vast shipwreck of my life’s esteems; Even the dearest that I loved the best Are strange—nay, rather, stranger than the rest. I long for scenes where man hath never trod A place where woman never smiled or wept There to abide with my Creator, God, And sleep as I in childhood sweetly slept, Untroubling and untroubled where I lie The grass below—above the vaulted sky.
ICH BIN - DOCH WAS, weiß niemand, kümmert keinen. Die Freunde lassen mich, wie man Erinnertes verliert. Ich bin der Selbstverzehrer meiner Leiden. Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt — Wie Schatten in der Liebe Fieberkreisen. Und doch: ich bin und leb — wie Dunst versprüht Ins bare Nichts von Holm und lautem Wind, In die bewegte See von Wachtraumwogen, Wo weder Lebensgrund noch Freuden sind, Nur Schiffbruch meines Lebens, seines Werts betrogen. Den Liebsten selbst, die mir am innigsten gefallen, Bin fremd ich — ja, viel fremder noch als allen. Wo ist der Ort, den noch kein Mann betreten, Wo keine Frau geweint, gelächelt hat? Dort sehn ich mich, mit meinem Gott zu leben Und süß zu schlafen meinen Kindheitsschlaf, Nicht störend und selbst ungestört zu liegen, Mich zwischen Gras und Himmelsgrund zu schmiegen.
Deutsch von Georg von der Vring
In: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson (Englische und amerikanische Dichtung II). Hrsg. Werner von Koppenfels u. Manfred Pfister. München: C.H. Beck, 2000, S. 361/363
„Die Baroness – eine Sprengkraft der frühen Avantgarde“
Yoko Ono
„Kunst ist Religion, daher bin ich eine Priesterin.“
Elsa von Freytag-Loringhoven
Elsa von Freytag-Loringhoven, geb. Elsa Hildegard Plötz (* 12. Juli 1874 in Swinemünde; † 15. Dezember 1927 in Paris)
Hier ein Gedicht aus dem vordadaistischen Frühwerk.
Wetterleuchte
Lass mich deine Lippen trinken –
Lass mich schlucken deinen Atem –
Deiner Wind bepulsten Haut
Atem Zucken lass mich schmecken!
Jede deiner schwarzen Haare
Strähne – stürzt in Liebes Starre –
Dein Gesicht blitzt – donnerfahl
Eine trunkne Blum
ca. 1911
Aus: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach, 2005, S. 47
Lang Leav
Shelter My father was a house, my mother was a home.
(Lang Leav: Sea of Strangers, Simon + Schuster Inc., 2018, Pg 19. ISBN-10: 1449489893, ISBN-13: 978-1449489892)
Noch ein Zitat:
I don’t think you need to be in love to write. But you had to have been once
(Pg 79)
From: Bangladesh Post 9.7.2018
Lang Leav ist eine Autorin aus Thailand
Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
Kleine Schwester Irene,
Bei den Cholerakranken;
Lila Blumen sanken
Auf Abendkähne.
Särge wachsen. Sturm.
Antreten. Trommel. Tod.
Offizier an Grabes Turm
Schnarrt Ehre, Gebot.
Weißer hinter Hügeln
Lemberg, Freude scheint.
Automobile flügeln.
Baracken blutbeweint.
Ärzte ohne Narkose,
Beine ab, zerstampft.
Kleine Schwester, Rose,
Sei den Toten sanft!
Katerina Chandrinou
(Geb. 1979, lebt in Athen)
Puritanismus
Irgendwo im Zentrum meines Bettes ist ein schwarzes Loch,
das führt ins Mittelalter.
Fällst du hinein, triffst du greise Rechtsgelehrte mit schwarzen Talaren,
die Nacht und Tag arbeiten in hohen Büchersälen.
Neben einer Kerze bemühen sie sich,
aufgehobene Regelwerke und Verordnungen wieder in Kraft zu setzen,
die Jahrhunderte lang der Welt das Lächeln raubten.
Aus: Wo man spazieren gehen kann und es keine Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland. Ausgewählt u. übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, S. 29
Clementina Arderiu
(* 6. Juli 1889 in Barcelona; † 17. Februar 1976 ebenda)
EL MEU CANT
De no cantar
jo m’entristia:
per mi és el cant
tal com el pa
de cada dia.
És un parany,
una ferida.
Cada cançó
s’emporta un tany
de ma florida.
Però què hi fa,
quin mal hi hauria?
Jo, del meu cant,
en vull ornar
tota ma via.
Mein Gesang
Wenn ich nicht sang
wurde ich traurig:
Mir ist Gesang
so wie das Brot
an jedem Tage.
’ne Falle ists,
und eine Wunde.
Denn jedes Lied
nimmt einen Trieb
aus meinem Blühen.
Doch was macht’s aus,
was ist dran Schlimmes?
Aus meinem Sang
will schmücken ich
den ganzen Weg mein.
[Übertragung: à.s.]
Maria Mercè Marçal († 5. Juli 1998)
Jo que he escanyat la filla
obedient de Tu
i l’he enterrat, convulsa
encara, sota el glaç
no sé ofegar la fosca
ranera que es marida
dòcilment a la teva
enllà del mur. I ençà.
Ella parla per mi.
Sura damunt de l’aigua
immòbil el silenci
d’aquella que no sé
si sóc.
Que el foc emporpri
l’hora muda i desclavi
llengua i camins. Que el dia
neixi, nu, del desglaç.
Ich, die ich die Tochter erwürgte,
die Dir gehorsam war,
und sie, zuckend noch,
unterm Eis vergrub,
kann das dunkle Röcheln nicht ersticken, das fügsam
mit dem deinen sich vereint
jenseits der Mauer. Und diesseits.
Es spricht in meinem Namen.
Auf dem Wasser treibt
reglos das Schweigen
jener, die – ich weiß es nicht –
ich bin.
Möge das Feuer purpurn
die stumme Stunde färben und die Nägel entfernen
von Sprache und Wegen. Möge der Tag
geboren werden, nackt, aus der Eisschmelze.
[aus dem Katalanischen: à.s.]
Christine Lavant (* 4. Juli 1915)
Bernsteingelb ist das Geblüt der Erde,
Mohnsud tropft aus allen Freudenarten
in der Zeit, dem immergrünen Garten,
wächst der Apfel, den ich pflücken werde.
Muß zuvor aus überglasten Stunden
Weh- und Wermut in dein Herz verpflanzen,
während Sterne durch den Mittag tanzen,
die der Hunger in uns losgebunden.
Bei den Hornissen- und Wespennestern
stiehlt mein Denken ein paar wilde Waben,
um ein Brot für dich und mich zu haben,
und die Erde blutet gelb wie gestern.
Trink mit mir von allen Freudenarten!
Weh- und Wermut wachsen jetzt von selber,
auch der Apfel wird schon immer gelber,
wenn er reif ist, steht der Tod im Garten.
Oh, wir werden sie verzückt verzehren,
Tod und Apfel und die schwarzen Kerne –
doch das Feuer unsrer Hungersterne
wird das Erdblut röten und vermehren.
Joan Vinyoli (* 3. Juli 1914)
En bona companyia
Molts jardins amb peònies,
lilàs i pèsols
d’olor, són lloc de bon estar,
quan ja la llum abaixa
la veu i, sense fer remor,
pels engorjats del vespre
s’allunya la tartana
del desesper.
El dia torça el coll
com una espiga plena.
La nit es tota per nosaltres.
Encén el vi.
In guter Gesellschaft
Viele Gärten mit Pfingstrosen,
Flieder und Duftwicken,
ein guter Aufenthaltsort,
wenn das Licht schon die Stimme
senkt und sich, geräuschlos,
durch die Schluchten des Abends
die Kutsche der Verzweiflung
entfernt.
Der Tag neigt den Hals
wie eine volle Ähre.
Die Nacht ist ganz für uns.
Zünd den Wein an.
[aus dem Katalanischen v. Àxel Sanjosé]
Crauss.
männer sind also
wie eine pfütze: die nähe zur gosse
lässt sie erst glänzen. das öl
macht aus verachtung achat.
Aus: A. Kasnitz / C. Wenzel (Hrsg.): Westfalen, sonst nichts? Eine Anthologie. Köln: [SIC] Literaturverlag + parasitenpresse, 2013, S. 41
Das Gedicht erschien in Crauss: Schönheit des Wassers. 66 pseudoromantische Kalligraphien. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2013.
Niki Chalkiadaki
Familienuntergang
Verben sind verloren gegangen in diesem Haus, seltene Verben,
die küssten uns einst auf die Stirn, und brachten uns ins Bett.
Sie sind nicht mehr hinter dem Sofa, in den Schubladen, im Kleiderschrank;
sieh, wenn Mama sie findet beim Auflesen der Tränen,
faltet sie sie, setzt sie in kurzgefasste Tempora.
Wir umarmen einander als gehörten wir unserer Vergangenheit.
Der Vater ist allein im schwarzen Wasser geschwommen
und gelangte ans andere Ufer; er wartet auf uns,
die wir unseren Trauerflor am Arm trugen wie Männer,
die wir auf unseren Schultern das Mahagoni getragen haben und das Kirschholz.
Du musst nicht weinen, Mama. Für dich lasse ich mein Haar lang wachsen.
Aus: Wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland ausgewählt und übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2018, S. 23
Mohammed Al-Faituri
(‚Mohammed Moftahh Rajab Elfitory, Mohammed Miftah Rajab Elfitory, Muhammad al-Fayturi, El fitory, محمد الفيتوري)
Der Fremde
Wer magst du sein?
Dein Anblick gießt Erstaunen in meine Augen
Deine wundersame Erscheinung zieht mich an
Deine spitzen kleinen Augen
Deine trübsinnige lange Gestalt
Deine alten verblichenen Schuhe
Deine müden Schritte
Und dein unordentlich gebundener Schlips
Der wie eine grüne Ähre
Deinen Hals umschlingt.
Wer magst du sein?
Die Tropensonne
Hat dein edles Haupt verbrannt
Und deine Wangen überzogen
Mit schöner Farbe
Mit der Frische des Kakaos, der Oliven und Dattelpalmen
Du Fremder
Vielleicht bist du über Steine gestolpert
Tausendmal, ehe du müde wurdest
Vielleicht hast du deine Hände ausgestreckt nach einem
Brunnen mit vertrockneter Brust
Und der deinen Durst nicht stillen konnte.
Vielleicht bist du in einem Schneesturm gestürzt
Vielleicht bist du ausgezogen, um die weit entfernten
Meere und Einöden zu befragen
Nach den Leuchttürmen
Nach einer Bucht
Vielleicht hast du eines Tages kein Nachtlager gefunden
Du, in deiner herrlichen Fremdheit
Nein . . . nein, sag nicht, daß du der Verlorenste bist
Wir sind gleich . . . halte ein.
Bleib einen Augenblick stehen
Mein Herz ist mir dir.
Die Menschen werden als Fremde geboren
Aber wenn Fremdheit mit Fremdheit zusammentrifft
Auf einem Weg
Wird das Kind der Liebe und der Erkenntnis geboren
Etwas Schöneres als dieses Kind haben die Augen nie gesehen.
Denn, werden Kinder des Lebens geboren
Grünen sie für die Dauer eines Augenblicks
Reifen und fallen ab
Umfaßt von der Faust des Sturms
Aber das Kind der Erkenntnis
Wird zu grünen Bäumen am Weg.
Wer ist al-Faituri? Für manche ein libyscher, sudanesischer oder ägyptischer Dichter. Geboren etwa 1930 in AlGineina in West-Darfur, Sudan, in einer Familie, die nach der Besetzung durch Italien vor dem 1. Weltkrieg Libyen verlassen hatte. Wegen diverser politischer Verwerfungen wechselte er oft die Länder. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Alexandria in Ägypten. Dort besucht er die Koranschule und eine islamisch-theologische Bildungsstätte. 1949 geht er nach Kairo und studiert zunächst Theologie, später arabische Sprache. Sein erster Gedichtband, Afrikanische Gesänge, erschien 1955 in Kairo. Damit wurde er als Vertreter des „neuen Gedichts“ in freien Rhythmen bekannt. Er wurde Kulturredakteur der Kairoer Zeitung al-Gumhuriya und publizierte dort auch Gedichte und Kritiken. 1958 ging er in den inzwischen unabhängigen Sudan, kehrte aber bald nach Kairo zurück und arbeitete als Experte für Kultur bei der Arabischen Liga (1968-70). 1969 ging er nach Sudan zurück, mußte das Land aber schon 1971 aus politischen Gründen verlassen. Er ging nach Beirut, wurde aber schon 1974 wegen seiner progressiven politischen Haltung ausgewiesen. Er ging nach Libyen; 1975 konnte er in den Libanon zurückkehren, weil zahlreiche arabische Intellektuelle gegen die Ausweisung protestiert hatten. Später übernahm ihn Gaddafis Regime in den diplomatischen Dienst, er arbeitete als kultureller Berater der libyschen Botschaft in Italien, als Konsultant und Botschafter an der libyschen Botschaft in Libanon und Konsultant der libyschen Botschaft in Marokko. „Die Menschen werden als Fremde geboren“. Er starb am 24. April 2015
Aus: Mohammed Al-Faituri: Musik eines wandernden Derwischs. Berlin: Volk & Welt, 1987, aus dem Arabischen nachgedichtet von Johanna und Moustapha Haikal (Weiße Lyrikreihe), S. 32f
Neueste Kommentare