Friederike Mayröcker
würde alles tun für dich wenn
du nur lebtest!
als erstes würden wir zur Albertina,
ins Museumscafé dann zum FELDHASEN, 1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge —
Ernst Jandl
bibliothek
die vielen buchstaben
die nicht aus ihren wörtern können
die vielen wörter
die nicht aus ihren sätzen können
die vielen sätze
die nicht aus ihren büchern können
die vielen bücher
mit dem vielen staub darauf
die gute putzfrau
mit dem staubwedel
Aus dem Band die bearbeitung der mütze. In: Ernst Jandl: Werke in 6 Bänden. Bd. 3. München: Luchterhand, 2006, S.130
Angelika Janz
Wie die Bilder abrutschen Unsere Gedanken aneinander: noch kindheitsbeatmet - und atembrüchig die erinnerten Lachrhythmen im Gleichschritt . Im Hörschatten leise zerdehnte Rufe nach jedwelcher Sprache, Glossolalien . Nun, öffne dich - ab heute hörn wir zum Tee Schreie in der Sprache fast schon verdrängter Symbole . Die Ausgesteuerten so federflüchtig zerstoben: ihre Camerablicke verstofflicht aus weichen, nein gleichen Gedanken, zerrieben zu feinem Flimmern, zu feinem Flaum. Sie sind in den Lüften bald wieder vernetzt. Sag’s: Nie mehr geerdet . Es bleiben: Normierte ErbMassen, gegeneinander getriebene Gier- modelle, totverschlossene Werbepanzer unter irdisch und sag’s nun auch : „Unkaputtbar ist so was, an Verlustlust gescheitert, es wird uns immer angehören . Wie der Mensch gilt als ewig reißfestes Gewebekonstrukt ein Aschespiegel schon lange verglühter Sterne.
Emily Brontë
(* 30. Juli 1818 in Thornton, Yorkshire; † 19. Dezember 1848 in Haworth, Yorkshire) – 200. Geburtstag
Stark steh ich hier, hab wohl erlitten
Wut, Haß und Hohn — ein bittres Weh
Stark steh ich, lache, wenn ich seh
Wie alle Welt mit mir gestritten
Mächtiger Schatten, wie ist mir
Verhaßt die ganze Menschelei
Befrei mein Herz, den Geist befrei
Wink mir und ich folge dir
Irrgeleitet dummes Ding,
Denk nicht von der Welt gering
Sonst sinkst du niedrige Kreatur
Tief unter andre Würmer nur
Elende — in Vermessenheit
Fragst du frech mich um Geleit
Mit Bescheidenen will ich gehen
Übermütige laß ich stehen
Aus dem Englischen von Wolfgang Held. Aus: Emily Brontë: Ums Haus der Sturm. Gedichte. Englisch und deutsch. Ausgewählt, übertragen u.m.e. Nachwort versehen von Wolfgang Held. Leipzig: Insel, 1998, S. 35
Strong I stand, though I have borne
Anger, hate, and bitter scorn;
Strong I stand, and laugh to see
How mankind have fought with me.
Shade of history, I condemn
All the puny ways of men;
Free my heart, my spirit free,
Beckon, and I’ll follow thee.
False and foolish mortal know,
If you scorn the world’s disdain,
Your mean soul is far below
Other worms, however vain.
Thing of Dust, with boundless pride,
Dare you ask me for a guide?
With the humble I will be;
Haughty men are naught to me.
November 1837.
Simon Dach
(* 29. Juli 1605 in Memel, Herzogtum Preußen, Königreich Polen; † 15. April 1659 in Königsberg, Herzogtum Preußen)
Horto recreamur amoeno
Der habe Lust zu Würfeln und zu Karten,
Der zu dem Tanz und der zum kühlen Wein,
Ich liebe nichts, als was in diesem Garten
Mein Drangsalstrost und Krankheitartzt kann sein,
Ihr grünen Bäume,
Du Blumen Zier,
Ihr Haus der Reime,
Ihr zwinget mir
Dies Lied herfür.
Mir mangelt nur mein Spiel, die süße Geige,
Die würdig ist, daß sie mit Macht erschall‘
Hie, wo das Laub und die begrünten Zweige
Am Graben mich umschatten überall,
Hie, wo von weiten
Die Gegend lacht,
Wo an der Seiten
Der Wiesen Pracht
Mich fröhlich macht.
Was mir gebricht an Geld und großen Schätzen,
Muß mein Gemüt und dessen güldne Ruh
Durch freies Tun vnd Fröhlichkeit ersetzen,
Die schleußt vor mir das Haus der Sorgen zu.
Ich will es geben
Um keine Welt,
Daß sich mein Leben
Oft ohne Geld
So freudig hält.
Gesetzt, daß ich den Erdenkreis besäße,
Und hätte nichts mit guter Lust gemein,
Wann ich der Zeit in Angst und Furcht genösse,
Was würd es mir doch für ein Vorteil sein?
Weg mit dem allen,
Was Unmut bringt!
Mir soll gefallen,
Was lacht und singt
Und Freud erzwingt.
Ihr alten Bäum‘ und ihr noch junge Pflanzen,
Ringsum verwahrt vor aller Winde Stoß,
Wo um und um sich Freud und Ruh verschantzen,
Senkt alle Lust herab in meinen Schoß.
Ihr sollt imgleichen
Durch dies mein Lied
Auch nicht verbleichen,
So lang man Blüt
Auf Erden sieht.
Rajzel Żychliński
di schpet-nachtike musik
a. glanz-lejelessn
di schpet-nachtike musik
fun jener sajt want
firt mich zu erter,
zu schtet,
woss wundern sich kejnmol nischt
wen ich kum on,
un schmejchlen lib wen ch´gej awek.
ch’wejss nischt wer ss’wojnt
fun jener sajt want,
a froj zi a man?
is si jung?
is er alt?
un efscher wojnt dort un ss’benkt dort
schopen?
bajtog is dort schtendik schtil — — —
MUSIK SPÄT IN DER NACHT
Für Aaron Glanz—Lejeless
Musik spät in der Nacht
hinter der Wand
führt mich an Orte,
in Städte,
die sich nie wundern,
wenn ich sie besuche,
und herzlich lächeln,
wenn ich wieder geh.
Ich weiß nicht, wer
wohnt hinter der Wand —
eine Frau, ein Mann?
Ist sie jung? Ist er alt?
Und vielleicht wohnt da und sehnt sich
Chopin?
Tagsüber ist es dort immer still.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 842f
Rajzel Żychliński
(poln. Rajzla Żychlińska, jidd. רייזל זשיכלינסקא; geb. 27. Juli 1910 Gąbin, Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien, USA)
di lewone
di lewone is doss ponem
fun ale mentschn
fun ale zajtn.
ajngeschlofn senen ale angsstn
zwischn schotnss fun tojte gedanken.
fun ale zwejflen —
ejn fuler zinischer schmejchl,
fun ale midigkajtn —
silberne ru.
DER MOND
Der Mond ist das Gesicht
aller Menschen
aus allen Zeiten.
Eingeschlafen alle Ängste
zwischen Schatten toter Gedanken.
Aus allen Zweifeln
ein volles zynisches Lächeln,
aus allen Müdigkeiten
silberne Ruh.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 554f
Franziska zu Reventlow
(* 18. Mai 1871 in Husum; † 26. Juli 1918 in Locarno, Schweiz – 100. Todestag)
Treulos bin ich gewesen
und hab dich einst doch geliebt,
Kannst du mir vergeben,
wenn ich dein Leben getrübt?
Treu hatt‘ ich dir geschworen,
Liebe und ewige Treu.
Aber in wilden Stürmen
brach sie entzwei.
Als du heim aus der Fremde kehrtest,
war ich dein nicht mehr.
Ich lag in anderen Armen
von brennender Liebe verzehrt.
Wüßtest du, was ich gelitten,
könnt ich dir’s sagen:
Welten von Qual und Schmerz
in jenen Tagen.
Kalte Fernen
trennen jetzt unser Leben.
Ich folge anderen Sternen –
Kannst du mir vergeben?
Aus: Liebesgedichte von Frauen. Frankfurt/Main: Insel, 2003
Felix Philipp Ingold
Fortschritt (1) Als Betonkeiler schießt an jedem Ende ein "Wir sind!" empor, mit tollem Pathos und in blödem Einerlei nimmt das vereinte "Wir!", bevor "Ich bin!" zum letztenmal das Sagen hat, feist überhand und ist schon da und hält die Luft besetzt. Zu fragen, was "Ich bin!" dem "Wir sind!" noch an Da- sein ist, ist weit gefehlt, solang das Massenschwein, was schön und Frei- heit sei, allein bestimmt. "Wir sind!" meint Hang nach vorn, ist Stoß- und Saugwut, heißt dabei auch "Bin!", doch ohne Personalpronomen. "Sind wir?" (Striktes Tierverbot.) "NO MEN!"
Aus: Felix Philipp Ingold, Unzeit. Gedichte. Stuttgart: Klett-Cotta, 1981, S. 16
Ángeles Mora
Heb deine Manneskünste auf für andere
Entfernungen, subtilere.
Hier in der Offenheit
zwischen uns beiden bevorzuge ich
die Abwesenheit von Rhetorik.
Aus: Poetik. Drei Gedichte. Aus dem Spanischen von Maria Meinel. In: die horen 270 (2018), S. 156
Ángeles Mora, geb. 1952 in Rute (Spanien), ist Vorsitzende des Vereins für Frauen und Literatur Verso libre und Mitglied der Academia de Buenas Letras de Granada.
Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise am 29. und 30. März 2019 in der Centralstation Darmstadt
Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der 15.09.2018
„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einer angehenden Lyrikerin oder einem angehenden Lyriker, sondern es ist Georg Büchners Stück „Leonce und Lena“ entnommen. Nach diesem hintergründigen Lustspiel unseres großen Darmstädter Dichters haben wir den inzwischen renommiertesten deutschen Lyrikpreis* benannt.
Wer Georg Büchner kennt, weiß wie nah seine schöne, klare und vieldeutige Sprache an der Lyrik liegt. Nicht selten erscheinen seine Sätze wie Gedichten entnommen. Unter welch schwierigen Bedingungen der hochpolitische Büchner arbeiten musste, ist heute kaum vorstellbar. Zensur war noch das Geringste in einer Zeit, in der die kleinste Missbilligung der Obrigkeit mit drastischen Strafen geahndet wurde. Wer hier schrieb, der musste seine Kritik gut verschlüsseln, um nicht sofort in den Kerker zu wandern. So ist auch Büchners scheinbar nettes Lustspiel, nach dem der „Leonce-und-Lena-Preis“ benannt wurde, in Wirklichkeit eine Polit-Satire. (mehr)
*) schreiben die Veranstalter
Die Blume der Blumen
Philipp Otto Runge
(* 23. Juli 1777 in Wolgast; † 2. Dezember 1810 in Hamburg)
Es blüht eine schöne Blume
in einem weiten Land;
Die ist so selig geschaffen
und Wenigen bekannt,
Ihr Duft erfüllet die Thale,
ihr Glanz erleuchtet den Wald;
Und wenn ein Kranker sie siehet,
er gesundet alsobald.
Wo kommt im Morgenwinde
die blitzende Sonne her?
Was glüht am kühlen Abend
auf Bergen, an Wolken, im Meer?
Die Bäch‘ und Seen erglänzen
im klaren Mondesschein;
Am Himmel sind unsre Hütten,
drinn‘ leuchten Sternelein.
Drei Könige kamen gezogen
zu einem Heiligthum,
Der Stern stand über dem Hause,
drinn‘ lag die süße Blum‘;
Wenn ich zween Augen erblicke
die funkeln hin und her,
So wünsch‘ ich: daß im Herzen
dies süße Blümlein wär!
Angelika Janz
Version zwei
Meine Gedanken vernetzt,
nicht geerdet,
notverschlossen,
ausgesteuert,
gegeneinander getrieben
von Werbepanzern.
Diese Gedanken
Noch einmal
gegeneinander geschossen,
noch kindheitsbeatmet,
noch atemlos
noch unkaputtbar,
weil reißfestes Gedächtnis.
Vernimm im Hörschatten
unartikuliert Rufe nach einer Sprache,
die tanzt.
Stattdessen Schreisalven.
Blickgesten in der Sprache
verdrängter Symbole.
Rudolf Ditzen (Hans Fallada)
Mordzimmer
Wie seltne Blumen blüht an falben Wänden
Verspritzten Blutes klebriges Gerinnsel,
Am Tisch ein Abdruck noch von roten Händen
In einer Ecke hockt gemordetes Gewinsel.
In bunten Teppich angstgezähnt verbissen,
Liegt stumm am Boden eines Weibes Leiche,
Von blauem Messerschnitt die Brust zerrissen,
Ein trüber Seich tropft dumpf aus ihrer Weiche.
Die Augen offen — und sie sehen weiter
Als in des Zimmers abgestorbnes Schweigen —
Indes die Hände frech und lüstern heiter
Die Scham der Toten kühlen Blicken zeigen.
Die fremden Blumen purpurn an den Wänden
Verhohlen höhnt des Bettes Messingknauf,
Die Augen schaun und schaun, und aus den Lenden
Schreit quäkend rauh ein Neugebornes auf.
Rudolf Ditzen wurde heute 8 Uhr früh vor genau 125 Jahren in Greifswald geboren. Wer sich beeilt, schafft es noch zur Geburtstagsfeier. Heute Nachmittag ab 16 Uhr in Greifswald, Steinstraße 58. Oder zur Stadtführung auf den Spuren Falladas und anderer Autoren ab 14 Uhr Karl-Marx-Platz.
Eine Auswahl seiner Jugendgedichte erschien soeben bei VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize
Nr. 32: Rudolf Ditzen
Broschur, Klammerheftung
32 Seiten
Umschlagmotiv: Otto Dix
Erste Auflage 2018: 200 Exemplare
Preis: 4,00 €
Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Cordelia
Ich weiß nicht, ob es gut war, daß ich schwieg:
wen Ekel stumm macht, wer’s verschmäht hat, sich zu wehren,
ist schuldig, wenn sie Schritt für Schritt das Recht verkehren;
er weckt Gewalt, am Ende brüllt der Krieg.
Ich hätte bleiben müssen: betteln gehn,
um Wahrheit wider Trug Verblendeten zu weisen.
Ich ließ sie rollen in den abgrundsichern Gleisen;
jetzt ist’s zu spät, das Rad zurückzudrehn.
Ich stürze mit: ein Ende ohne Ruhm,
nur hell von Einsicht und nicht ganz bedeckt von Schande.
Mit meinem Untergang bezeuge ich dem Lande
des alten Rechtes neues Heiligtum.
Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945. Hrsg. Horst Bingel. München: dtv, 1963, S. 66
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