Gefrorenes Gras

Hannelore Becker

(* 3. Januar 1951 Leipzig; † 12. Februar 1976 Berlin)

Aus: Vier Autorinnen in der frühen DDR. Hrsg. u. kommentiert von Ines Geipel. Berlin: Transit, 1999, S. 223

Notausgang

Richard Pietraß

(* 11. Juni1946 in Lichtenstein (Sachsen))

Aus: Richard Pietraß: Notausgang. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1980

Poetopie

als Rechtshänder mit links schreiben – der Kopf denkt sich seinen Teil

Hansjürgen Bulkowski

Ach, Dichter

CLEMENTINA ARDERIU

(* 6. Juli 1889 Barcelona, † 17. Februar 1976, Barcelona)

«Ach, Dichter, oftmals suche ich …»

Ach, Dichter, oftmals suche ich dein Obdach auf,
vielleicht, daß etwas von dir überströmt auf mich;
und dann, eh ich das Buch geschlossen hab,
tanzen Sardana all die Worte rings um mich.
Ich bleibe höchst verwundert in der Mitte stehen,
gesenkten Kopfs und niederblickend unverwandt …
Süße Musik, der Schritte Lärm, verwehend,
es zieht vorbei, kehrt wieder, da sich das Herz entsann!

Aus dem Katalanischen von Roland Erb

«Poeta, sovintejo …»

Poeta, sovintejo els teus recers
per si quelcom de tu se m’encomana,
i els mots, abans que el llibre jo tanqués,
ja em dansen a l’entorn una sardana.
I resto esbalaïda dreta al mig
amb el cap cot i la mirada lenta …
Música dolça i ondulant trepig
que passa i torna mentre el cor esmenta!

(1916—1920)

Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Katalanisch u. deutsch. Hrsg. v. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 33/32

Sardana: Katalanischer Volkstanz

nein

Heute vor 18 Jahren starb Ernst Jandl. Er fehlt heute.

nein

nein

nein

nein

nein

nein

nein

(beantwortung von sieben nicht gestellten fragen)

Kinder reicher Leute

Mascha Kaléko

(* 7. Juni 1907 Chrzanów, Österreich-Ungarn, heute Polen; † 21. Januar 1975 Zürich)

Kinder reicher Leute

Sie wissen nichts von Schmutz und Wohnungsnot,
Von Stempelngehn und Armeleuteküchen.
Sie ahnen nichts von Hinterhausgerüchen,
Von Hungerslöhnen und von Trockenbrot.

Sie wohnen meist im herrschaftlichen Haus,
Zuweilen auch in eleganten Villen.
Sie kommen nie in Kneipen und Destillen,
Und gehen stets nur mit dem Fräulein aus.

Sie rechnen sich jetzt schon zur Hautevolée
Und zählen Armut zu den größten Sünden.
– Nicht mal ein Auto . . .? Nein, wie sie das finden!
Ihr Hochmut wächst mit Pappis Portemonnaie.

Sie kommen meist mit Abitur zur Welt,
– Zumindest aber schon mit Referenzen –
Und ziehn daraus die letzten Konsequenzen:
Wir sind die Herren, denn unser ist das Geld.

Mit vierzehn finden sie, der Armen Los
Sei zwar nicht gut. Doch werde übertrieben – –.
Mit vierzehn schon! – Wenn sie noch vierzehn blieben.
Jedoch die Kinder werden einmal groß . . .

Aus: Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große. Hamburg: Rowohlt, 1956, S. 22

Von Staaten und Menschen

Wie heißen wir? Wem gehören wir? Mascha Kaléko wird im kalendarischen Teil der Wikipedia eine deutsch-russische Dichterin genannt, in ihrem Lexikoneintrag „eine deutschsprachige, der Neuen Sachlichkeit zugerechnete Dichterin“. *) Geboren wurde sie als Golda Malka Aufen, das nichtehelich geborene Kind des „jüdisch-russischen Kaufmanns“ Fischel Engel und der „österreichisch-jüdischen“ Rozalia Chaja Reisel Aufen. 1914 zogen die unverheirateten Eltern mit dem Kind auf der Flucht vor Pogromen nach Deutschland. Der Vater wurde, ’s war leider Krieg, sogleich als „feindlicher Ausländer“ interniert. Sie besuchte die Schule in Frankfurt am Main, Marburg und Berlin. 1922 heirateten die Eltern, sie erhielt den Namen Mascha Engel.  1928 heiratete sie den Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko, sie hieß nun Mascha Kaléko. Unter diesem Namen erschienen ab 1929 ihre Gedichte. Die Initiatoren der Bücherverbrennung 1933 wußten nicht, daß sie Jüdin war, so blieb sie zunächst verschont und konnte noch publizieren. 1936 wurde ihr Sohn Evjatar Alexander Michael in Berlin geboren, er war nicht von ihrem Ehemann, sondern von dem ebenfalls aus Polen stammenden Dirigenten Chemjo Vinaver. 1938 wurde ihre Ehe geschieden und sie heiratete Vinaver. Noch im selben Jahr emigrierten sie in die Vereinigten Staaten. Der Name des Kindes wurde in Steven geändert. 1944 wurden sie US-amerikanische Staatsbürger. 1960 wanderten die Eheleute Vinaver nach Israel aus. In Deutschland wurde sie wieder gedruckt, aber das Land blieb unheimlich. „1960 wollte man ihr den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin (West) verleihen; wegen eines ehemaligen SS-Mitgliedes in der Jury, Hans Egon Holthusen, lehnte sie dies jedoch ab. Der Geschäftsführer der Akademie Herbert von Buttlar wusch Holthusens SS-Mitgliedschaft rein und empfahl den Emigranten, wenn es ihnen nicht gefalle, fortzubleiben.“ (Wikipedia). 1968 starb ihr Sohn in New York, 1973 ihr Mann in Tel Aviv. 1974 war sie noch einmal in Berlin, sie trat noch einmal auf und spielte mit dem Gedanken, neben Jerusalem eine kleine Wohnung in Berlin zu beziehen. Auf der Rückreise machte sie Station in Zürich, wo sie am 21. Januar 1975 starb. In Zürich ist sie begraben.

Geboren wurde sie in Chrzanów, das damals Schidlow hieß und zum von Österreich-Ungarn besetzten Teil Polens gehörte. Ihr zweiter Ehemann kam aus dem von Rußland annektierten Teil Polens, aus Warschau.

Chrzanów war bei der dritten Teilung Polens dem zu Österreich-Ungarn gehörenden Westgalizien zugeschlagen worden. 1809 bis 1815 kam die Stadt zum Herzogtum Warschau von Napoleons Gnaden. Der Wiener Kongress schlug sie der Republik Krakau zu, die unter dem gemeinsamen Protektorat der Großmächte Russland, Preußen und Österreich bis 1846 bestand. 1846 kam sie zum Großherzogtum Krakau, das zum Königreich Galizien und Lodomerien das zum Kaisertum Österreich gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Chrzanów zum nun unabhängigen Polen. Am 4. September 1939 wurde Chrzanów von deutschen Truppen besetzt, bis 1945 hieß sie Krenau. Am 24. Januar 1945 wurde sie von der Roten Armee eingenommen. Heute gehört sie zur Woiwodschaft Kleinpolen. Diese Darstellung verkürzt die komplexe Geschichte. Erwähnt sei noch eine Zugehörigkeit zu Sachsen, die sich bis heute im Stadtwappen spiegelt.

Was die Dichterin betrifft, ich fasse zusammen: Golda Malka Aufen alias Mascha Engel / Kaléko / Vinaver,  7. Juni 1907 – 21. Januar 1975, in der Schweiz gestorbene und begrabene österreichisch-russisch-polnisch-jüdisch-deutsch-US-amerikanisch-israelische Autorin.

Wie dem sei. Ich fände es in Ordnung und sogar sehr gut, wenn man sie in Deutschland als deutsche, in Österreich als österreichische, in Polen als polnische, in den USA als amerikanische (in New York gibt es wie in Berlin eine Tafel an ihrem Wohnhaus), in Israel als jüdische oder israelische Dichterin lesen und würdigen würde.

Nachtrag: Thomas Sparr widmet ihr ein Kapitel in seinem Buch Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem. Berlin: Berenberg, 2018.

*) Andere Versionen der Wikipedia sagen: a Jewish German language poet (Englisch), une poétesse et écrivain allemande, eine deutsche Dichterin und Schriftstellerin (Französisch), deutsche Dichterin (Italienisch, Polnisch), eine bekannte Dichterin deutscher Sprache (Spanisch), deutschsprachige Dichterin (Slowenisch), deutsch-jüdische Dichterin (Kroatisch, Hebräisch), deutschsprachige jüdische Dichterin (Schwedisch), deutsche Dichterin jüdischer Herkunft (Tschechisch). Ungarisch kann ich nicht überprüfen, Google übersetzt zsidó származású német költőnő. mit: in Deutschland geborene Dichterin jüdischer Herkunft.

Und niemand stellt mir Mäusefallen auf

Christine Lavant

(* 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)

Kaum habe ich die Lampe ausgelöscht
gehn meine beiden dummen Augen über
und eine Maus nagt unter meinem Bett.
Doch greift dann niemand, wie bei meinen Schwestern,
durchs Dunkel her und fragt: Bist du denn traurig? —
Und niemand stellt mir Mäusefallen auf.
Da wundern sich die Leute, daß mein Fenster
oft bis zum Morgenrot erleuchtet ist.

Aus: Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte (Werke in vier Bänden, 1). Göttingen: Wallstein, 2014, S. 527

tyroler jagdgesezze

Gestern Nachmittag und die ganze Nacht mindestens bis zum Morgen war das Netz gestört, nicht nur in meiner Wohnung, sondern auch am anderen Ende der Innenstadt, wohin ich ausweichen wollte. Deshalb hier verspätet ein Gedicht: noch eine seiner „Landschafts-Photographien“ aus Titoltyrol.

Thomas Kling

Tiroltyrol 2

WARNUN’!: wildernde hünde, § 34
tyroler jagdgesezze, oder solche
dies werdn wolln (hirsch—heraldig),
die also sich auszer einwirkun’
ihres HErrn befindn wern
erschossm. halali.

Aus: Thomas Kling: brennstabm. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 90

mit herzhunt hant

Thomas Kling

(* 5. Juni 1957 Bingen am Rhein; † 1. April 2005 Dormagen)

(exitus 1941)
innixt verbundn/mit
herzhund hant,/ den
liebn-der-heimat dem
bauernstant/ zog er als
einziger/ schwer in den krieg,
bis er als lezzter-des-stammes
gefallen!/ betrauert von vielen
geehrt von uns allen

Aus: TIROLTYROL: 23-teilige landschafts-photographie. In: Thomas Kling: brennstabm. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 95

Ideal

Thekla Lingen

Ideal

Ja, sie ist reizend, die Kleine
mit dem Kindergesicht,
wenn sie lächelt und wenn sie spricht.
Und das Figürchen
so fein
und Händchen und Füßchen
so klein.
Und schlägt sie die Unschuldsaugen auf,
so ist es, als ginge der Himmel auf.
Und plaudern kann sie,
es ist eine Lust,
von tausend Dingen —
ganz unbewußt.
Geht über die Straße nie allein,
ist ganz fromm und rein, —
doch zählen kann sie nicht bis sieben —
aber die Männer werden sie lieben.

Die Bewußte

Thekla Lingen

(* 6. März alten, 18. März neuen Stils 1866 in Goldingen (Kurland), † 7. November1931 in Eitenau (??) )

Thekla Lingen gehört zu den AutorInnen, die von den Damen und Herren der geschätzten Wikipedia als nicht relevant verworfen wurden. Arbeit am Kanon, so oder so.

Die Bewußte

Sie rennen jeder Schürze nach
zu ihrer Sinne Zeitvertreib,
und werden ihre Lenden schwach,
so jammern sie: er starb am Weib.

*

Ist bitter euer Los,
am Weib zu sterben,
viel bittrer ist’s,
am Manne zu verderben.

Reue nach dem Shoppen

Elaine Equi

(* 1953  in Oak Park, Illinois)

Reue nach dem Shoppen

Warum hab ich das gekauft?
Was dachte ich mir dabei?
Das alles ist falsch.
Kitsch, aber von der unguten Sorte.
Sieht nach Vorstadt aus.
Sagt jedem: Hausfrau.
Allzu mütterlich-nährend.
Ich habe nicht mal Kinder.
Niemand wird mich ernst nehmen.
Es muß die Beleuchtung gewesen sein.
Ich war in Eile.
Ich möchte‘s nicht zurückbringen.
Einfach bloß loswerden.
Es wegschmeißen.

Jürgen Brôcan: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2006. S. 67

PENELOPE SPRICHT

Katerina Angelaki-Rooke

PENELOPE SPRICHT

Ich habe nicht gewebt, ich habe nicht gestrickt,
ich habe etwas zu schreiben begonnen und verlosch
unter dem Gewicht der Worte,
denn der vollkommene Ausdruck wird verhindert,
wenn das Innere bedrückt ist von Schmerzen.
Und auch wenn Abwesenheit das Thema meines Lebens ist
— Abwesenheit vom Leben —‚
gelangt Weinen auf das Papier
und der natürliche Schmerz des Körpers,
der Entbehrungen leidet.

Ich verlösche, zerreiße, ersticke
die lebendigen Rufe:
„He, wo steckst du? Ich warte auf dich.
Dieser Frühling ist nicht wie die anderen.”
Und ich beginne den Morgen
mit neuen Vögeln und weißen Laken,
die in der Sonne trocknen.
Niemals wirst du hier sein
mit dem Schlauch, um die Blumen zu gießen,
während die Decken tropfen,
vollgesogen vom Regen,
und mein Ich still und herbstlich
aufgelöst ist in deinem …
Dein erlesenes Herz
— erlesen weil ich es auserwählt habe —
wird immer anderswo sein,
und ich werde immer mit Worten
die Fäden zerschneiden,
die mich an diesen einen Mann binden,
nach dem ich mich sehne,
bis er zum Inbegriff wird der Sehnsucht: Odysseus‚
und bis er, in jedermanns Denken,
auf den Meeren segelt.
Leidenschaftlich vergesse ich dich
jeden Tag,
damit du von der Sünde
der Süße und des Duftes erlöst wirst
und vollkommen gereinigt
eintrittst in die Unsterblichkeit.
Das ist harte und schwere Arbeit.
Mein einziger Lohn ist,
dass ich am Ende begreife,
was menschliche Anwesenheit ist
und was Abwesenheit,
wie das Ich funktioniert in solcher Einsamkeit, so lange,
warum niemals das „Morgen“ aufhört,
dass der Körper sich selbst wiederherstellt;
er erhebt sich und fällt auf das Bett,
wie behauen,
manchmal krank, manchmal verliebt
in der Hoffnung,
was er bei der Berührung verliert
wiederzugewinnen in der Erkenntnis.

(1977)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 11f

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Katerina Angelaki-Rooke

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Die Gedichte können nicht mehr schön sein,
seit die Wahrheit hässlich geworden ist.
Die Erfahrung ist jetzt der einzige Körper der Gedichte,
und je reicher die Erfahrung wird,
desto mehr nährt und stärkt sich das Gedicht.
Meine Knie schmerzen
und ich kann mich der Dichtung nicht mehr
                                        zu Füßen werfen,
nur meine erfahrenen Wunden kann ich ihr schenken.
Die Adjektive sind verblüht:
Ich kann jetzt nur noch mit meinen Phantasien
die Dichtung ausschmücken.
Und doch werde ich ihr dienen,
immer und solange sie mich will,
denn nur sie kann mich ein wenig
den verschlossenen Horizont meiner Zukunft
vergessen machen.

(2011)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte. Übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 72