Rajzel Żychliński
(poln. Rajzla Żychlińska, jidd. רייזל זשיכלינסקא; geb. 27. Juli 1910 Gąbin, Polen; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien, USA)
di lewone
di lewone is doss ponem
fun ale mentschn
fun ale zajtn.
ajngeschlofn senen ale angsstn
zwischn schotnss fun tojte gedanken.
fun ale zwejflen —
ejn fuler zinischer schmejchl,
fun ale midigkajtn —
silberne ru.
DER MOND
Der Mond ist das Gesicht
aller Menschen
aus allen Zeiten.
Eingeschlafen alle Ängste
zwischen Schatten toter Gedanken.
Aus allen Zweifeln
ein volles zynisches Lächeln,
aus allen Müdigkeiten
silberne Ruh.
Aus: Rajzel Żychliński: di lider. 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg./Ü: Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 554f
Franziska zu Reventlow
(* 18. Mai 1871 in Husum; † 26. Juli 1918 in Locarno, Schweiz – 100. Todestag)
Treulos bin ich gewesen
und hab dich einst doch geliebt,
Kannst du mir vergeben,
wenn ich dein Leben getrübt?
Treu hatt‘ ich dir geschworen,
Liebe und ewige Treu.
Aber in wilden Stürmen
brach sie entzwei.
Als du heim aus der Fremde kehrtest,
war ich dein nicht mehr.
Ich lag in anderen Armen
von brennender Liebe verzehrt.
Wüßtest du, was ich gelitten,
könnt ich dir’s sagen:
Welten von Qual und Schmerz
in jenen Tagen.
Kalte Fernen
trennen jetzt unser Leben.
Ich folge anderen Sternen –
Kannst du mir vergeben?
Aus: Liebesgedichte von Frauen. Frankfurt/Main: Insel, 2003
Felix Philipp Ingold
Fortschritt (1) Als Betonkeiler schießt an jedem Ende ein "Wir sind!" empor, mit tollem Pathos und in blödem Einerlei nimmt das vereinte "Wir!", bevor "Ich bin!" zum letztenmal das Sagen hat, feist überhand und ist schon da und hält die Luft besetzt. Zu fragen, was "Ich bin!" dem "Wir sind!" noch an Da- sein ist, ist weit gefehlt, solang das Massenschwein, was schön und Frei- heit sei, allein bestimmt. "Wir sind!" meint Hang nach vorn, ist Stoß- und Saugwut, heißt dabei auch "Bin!", doch ohne Personalpronomen. "Sind wir?" (Striktes Tierverbot.) "NO MEN!"
Aus: Felix Philipp Ingold, Unzeit. Gedichte. Stuttgart: Klett-Cotta, 1981, S. 16
Ángeles Mora
Heb deine Manneskünste auf für andere
Entfernungen, subtilere.
Hier in der Offenheit
zwischen uns beiden bevorzuge ich
die Abwesenheit von Rhetorik.
Aus: Poetik. Drei Gedichte. Aus dem Spanischen von Maria Meinel. In: die horen 270 (2018), S. 156
Ángeles Mora, geb. 1952 in Rute (Spanien), ist Vorsitzende des Vereins für Frauen und Literatur Verso libre und Mitglied der Academia de Buenas Letras de Granada.
Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise am 29. und 30. März 2019 in der Centralstation Darmstadt
Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der 15.09.2018
„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einer angehenden Lyrikerin oder einem angehenden Lyriker, sondern es ist Georg Büchners Stück „Leonce und Lena“ entnommen. Nach diesem hintergründigen Lustspiel unseres großen Darmstädter Dichters haben wir den inzwischen renommiertesten deutschen Lyrikpreis* benannt.
Wer Georg Büchner kennt, weiß wie nah seine schöne, klare und vieldeutige Sprache an der Lyrik liegt. Nicht selten erscheinen seine Sätze wie Gedichten entnommen. Unter welch schwierigen Bedingungen der hochpolitische Büchner arbeiten musste, ist heute kaum vorstellbar. Zensur war noch das Geringste in einer Zeit, in der die kleinste Missbilligung der Obrigkeit mit drastischen Strafen geahndet wurde. Wer hier schrieb, der musste seine Kritik gut verschlüsseln, um nicht sofort in den Kerker zu wandern. So ist auch Büchners scheinbar nettes Lustspiel, nach dem der „Leonce-und-Lena-Preis“ benannt wurde, in Wirklichkeit eine Polit-Satire. (mehr)
*) schreiben die Veranstalter
Die Blume der Blumen
Philipp Otto Runge
(* 23. Juli 1777 in Wolgast; † 2. Dezember 1810 in Hamburg)
Es blüht eine schöne Blume
in einem weiten Land;
Die ist so selig geschaffen
und Wenigen bekannt,
Ihr Duft erfüllet die Thale,
ihr Glanz erleuchtet den Wald;
Und wenn ein Kranker sie siehet,
er gesundet alsobald.
Wo kommt im Morgenwinde
die blitzende Sonne her?
Was glüht am kühlen Abend
auf Bergen, an Wolken, im Meer?
Die Bäch‘ und Seen erglänzen
im klaren Mondesschein;
Am Himmel sind unsre Hütten,
drinn‘ leuchten Sternelein.
Drei Könige kamen gezogen
zu einem Heiligthum,
Der Stern stand über dem Hause,
drinn‘ lag die süße Blum‘;
Wenn ich zween Augen erblicke
die funkeln hin und her,
So wünsch‘ ich: daß im Herzen
dies süße Blümlein wär!
Angelika Janz
Version zwei
Meine Gedanken vernetzt,
nicht geerdet,
notverschlossen,
ausgesteuert,
gegeneinander getrieben
von Werbepanzern.
Diese Gedanken
Noch einmal
gegeneinander geschossen,
noch kindheitsbeatmet,
noch atemlos
noch unkaputtbar,
weil reißfestes Gedächtnis.
Vernimm im Hörschatten
unartikuliert Rufe nach einer Sprache,
die tanzt.
Stattdessen Schreisalven.
Blickgesten in der Sprache
verdrängter Symbole.
Rudolf Ditzen (Hans Fallada)
Mordzimmer
Wie seltne Blumen blüht an falben Wänden
Verspritzten Blutes klebriges Gerinnsel,
Am Tisch ein Abdruck noch von roten Händen
In einer Ecke hockt gemordetes Gewinsel.
In bunten Teppich angstgezähnt verbissen,
Liegt stumm am Boden eines Weibes Leiche,
Von blauem Messerschnitt die Brust zerrissen,
Ein trüber Seich tropft dumpf aus ihrer Weiche.
Die Augen offen — und sie sehen weiter
Als in des Zimmers abgestorbnes Schweigen —
Indes die Hände frech und lüstern heiter
Die Scham der Toten kühlen Blicken zeigen.
Die fremden Blumen purpurn an den Wänden
Verhohlen höhnt des Bettes Messingknauf,
Die Augen schaun und schaun, und aus den Lenden
Schreit quäkend rauh ein Neugebornes auf.
Rudolf Ditzen wurde heute 8 Uhr früh vor genau 125 Jahren in Greifswald geboren. Wer sich beeilt, schafft es noch zur Geburtstagsfeier. Heute Nachmittag ab 16 Uhr in Greifswald, Steinstraße 58. Oder zur Stadtführung auf den Spuren Falladas und anderer Autoren ab 14 Uhr Karl-Marx-Platz.
Eine Auswahl seiner Jugendgedichte erschien soeben bei VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize
Nr. 32: Rudolf Ditzen
Broschur, Klammerheftung
32 Seiten
Umschlagmotiv: Otto Dix
Erste Auflage 2018: 200 Exemplare
Preis: 4,00 €
Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Cordelia
Ich weiß nicht, ob es gut war, daß ich schwieg:
wen Ekel stumm macht, wer’s verschmäht hat, sich zu wehren,
ist schuldig, wenn sie Schritt für Schritt das Recht verkehren;
er weckt Gewalt, am Ende brüllt der Krieg.
Ich hätte bleiben müssen: betteln gehn,
um Wahrheit wider Trug Verblendeten zu weisen.
Ich ließ sie rollen in den abgrundsichern Gleisen;
jetzt ist’s zu spät, das Rad zurückzudrehn.
Ich stürze mit: ein Ende ohne Ruhm,
nur hell von Einsicht und nicht ganz bedeckt von Schande.
Mit meinem Untergang bezeuge ich dem Lande
des alten Rechtes neues Heiligtum.
Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945. Hrsg. Horst Bingel. München: dtv, 1963, S. 66
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)
Wo hast du all die Schönheit hergenommen,
Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
Weil du das Leben hast, muß alles sterben,
Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
Weil du der Himmel bist, gibt’s keinen dort!
„Ein dem Alkaios, vielleicht auch der Sappho zugeschriebenes Fragment“, Übersetzung H. Fränkel:
… Vögeln vom See zu dieser Stadt …
… von Gipfeln her, von denen wohlriechende …
… neben blaugrüner Weinrebe grünes Ried …
… frühlingshaft …
… weithin sichtbar …
zit. bei Walther Killy: Elemente der Lyrik. München: dtv, 1983, S. 198 (zuerst C.H. Beck 1972)
Abraham Sutzkever
(hebräisch אברהם סוצקבר , jiddisch אַבֿרהם סוצקעווער; auch Avrom oder Avrohom Sutzkever oder Sutzkewer; * 15. Juli 1913 in Smorgon, heute Smarhoń, Weißrussland; † 19. Januar 2010 in Tel Aviv)
JIDDISCH
Soll ich beginnen von Anbeginn?
Soll ich, der ich kein Abraham bin,
aus Bruderschaft zerhacken alle Götzen?
Laß ich mich, einen Lebenden, übersetzen?
Sollen wir einpflanzen unsere Zungen
und warten, bis sie sich verwandeln
nach Urväterart
in Rosinen und Mandeln?
In was für mißlungnen
Witzen
predigt mein Dichterbruder mit dem Backenbart,
daß meine Muttersprache bald untergeh?
Wir werden ersichtlich in hundert Jahren noch sitzen
und am Jordan darüber verhandeln.
Denn eine Frage nagt und bohrt:
Ob er weiß, genau wo
Berditschewers Gebet,
Jehoaschs Lied
und Kulbaks Wort
dem Untergang entgegenzieht?
Und da wäre noch das Problem,
wohin denn die Sprache untergeht,
vielleicht zur Klagemauer in Jerusalem?
1948
Aus: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Zürich: Ammann Verlag, 2009, S. 117
HERTHA KRÄFTNER
(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)
Die grausamen Morgen
Die Morgen sind wie Schwertstreiche
durch die schwarzen und grünen
Pflanzen der Nacht.
Wenn ihre vollen Schäfte
rauschend niederbrechen,
verrinnen die süßen Düfte
und die bitteren Säfte,
und ihre Blüten sind Träume
und fallen von uns,
wenn wir uns über die Waschschüssel beugen,
und ertrinken im kalten Wasser.
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