Momodou Sallah
(Gambia)
Barca or Berserk
I must go to Barca or Berserk
I must go
I must fly away
From this jail
And look for bail
I drink the Atlantic
And eat the Sahara
I swim with sharks
To escape the economic barks
I must go to Barca or Berserk
Aus Innocent Questions (2012)
Mein Übersetzungsversuch:
Barca oder Berserk
Ich muss nach Barca oder Berserk
Ich muss gehn
Ich muss
Diesem Gefängnis entfliehn
Und Auslöse suchen
Ich trinke den Atlantik
Und esse die Sahara
Ich schwimme mit Haien
Um zu entkommen
Ich muss nach Barca oder Berserk
Ich fand das Gedicht bei Asymptote, „the premier site for world literature in translation“. Dort heißt es:
In addition to “push factors”—joblessness at home, hunger, civil conflict, climate change, limited political space, and above all, hopelessness—which the poet describes ominously as “jail,” this migration also has “pull factors”—the promise of economic security and a better life. However, the journey to Europe involves risky, unsafe stowaway boats over the shark-filled Atlantic or crossing the Sahara Desert, playing hide and seek with religious and tribal extremist militias, and transiting through the “failed state” of Libya to get to “Barca” or “Barcelona.” The poem has even more relevance and urgency now as we watch the news of desperate migrants being captured while on transit and sold as slaves in open auctions in Libya.
When I asked Sallah what inspired the “Barca or Berserk” poem, he noted that above all he wanted to subvert the dominant, erroneous narrative that those making these journeys are “idle and idiotic, aimless, young people.” To Sallah, a poet sensitive to the plight of young people, these push factors, which are only becoming worse, must be recognized. The poem’s title and refrain is a pun. “I must go to Barca or Berserk” demonstrates the unquenchable compulsion that drives the youth to get into Europe. “Barca” may be a reference to Barcelona, or an allusion to any of the migrant-receiving nations of Southern Europe. “Berserk” seems to play with multiple, though similar meanings—whether it means, as in English, “uncontrollable or destructive rage” or “going crazy”; or whether it is a play on the Wolof word, Barsak, which means “afterlife.” Either way, the choices are extreme: the persona in the poem must go to Europe or to craziness; must go to Europe or to death. It is a sinister, youthful calculus. / Tijan M. Sallah
Dorothy Parker
Finis
Schluß — vorbei! Und aus der Traum!
Warum hat sich nichts verändert?
Jedes Ding steht goldberändert,
Sonne merkt den Abschied kaum.
Leute rennen, flennen, grienen —
Grab und Heirat, Bier und Brot —
Weiß denn keiner unter ihnen:
unsre Liebe ist ja tot — —
Paare flirten, Kinder lachen,
Straßen brausen im Verkehr.
Keinem scheint’s was auszumachen:
Unsre Liebe ist nicht mehr!
Keiner weiht ihr eine Träne,
niemand stoppt bei ihrer Qual —
Schatz von gestern, notabene‚
ich bin auch schon ganz normal!
Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 82
Dorothy Parker
( * 22. August 1893 in Long Branch, New Jersey, USA; † 7. Juni1967 in New York)
Faute de Mieux
Reisen, Trubel, ein Gedicht,
ein Kuß, Musik, ein Kleid —
Gott — Herzensnahrung ist das nicht ——
doch es vertreibt die Zeit.
Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 85
Travel, trouble, music, art,
A kiss, a frock, a rhyme-
I never said they feed my heart,
But still they pass my time.
Automatische Übersetzung von Google:
Reisen, Ärger, Musik, Kunst,
Ein Kuss, ein Kittel, ein Reim
Ich habe nie gesagt, dass sie mein Herz füttern,
Aber sie vertreiben immer noch meine Zeit.
Die französische Redewendung des Titels bedeutet: notgedrungen, wohl oder übel
Elisabeth Alexander
(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)
Aus: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. Hrsg. Dagmar Ottmann, Markus Symmank. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 21
Maria Luise Weissmann
* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München
Wald
Die Toten meiner Jahrtausende
Sind auferstanden. Meines Vaters Blick
Ging über mich, es wandelte
Leicht die Nähe der erwachenden.
Im abend aber entschliefen sie
Plötzlich, aus ihren Augenhöhlen
Brachen Blumen, ihres Atems Stille griff
Nach meinem Herzen, eine blaue Hand.
Aus:
Maria Luise Weissmann: Ausgewählte Gedichte. Potsdam : Udo Degener Verlag, 2010 (edition grillenfänger 8).
Heute vor einem Jahr starb der Maler und Dichter K.O. Götz
Spitze Äpfel
Ein Apfel fällt und steigt empor
Begegnet einer Nadel
Am Horizont bei Tageslicht
Ein Riesenmesser rostet
Ein Apfelbaum zieht Nadeln an
Sie stechen nicht sie grünen
Sie blähn sich auf und fallen ab
Kein Messer nimmt sich ihrer an
Ein Apfel spitzt sich zu und rostet
Die andern gleiches tun
Sie schweben fern am Horizont
Und träumen von den Nadeln
Sie schlagen Wurzeln in der Luft
Und denken nicht ans Rosten
Das Messer schält sich selbst und grünt
Die spitzen Äpfel heulen
1951
Aus: K.O. Götz: Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud, 1992, S. 47
Alma Johanna Koenig
Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust‚ hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:
Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!
Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.
Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!
Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110
Alma Johanna Koenig (Pseudonym Johannes Herdan; * 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)
Gabeba Baderoon
Ein Gedicht, das man nicht übersetzen muss:
Aus: Gabeba Baderoon: The History of Intimacy. Poems. Kapstadt: Kwela Books, 2018
Gabeba Baderoon (* 21. Februar 1969 in Port Elizabeth, Südafrika) ist eine südafrikanische Dichterin und Wissenschaftlerin. Sie lebt in Kapstadt und Pennsylvania, wo sie Professorin für Frauenforschung und Afrikanische und Afroamerikanische Studien ist.
Kalter Augusttag
1.
Wir standen unter alten Riesenulmen,
An unsers Gartens Rand. Mein Arm umschlang
Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt,
Das schöne, blasse, still an meiner Schulter.
Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd
Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
In grauer Luft, unübersehbar, lag
Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet.
Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten
Auf seine Kühe, deutlich hör‘ ich noch
Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden,
Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
Und eine Oede, nordisch unbehaglich,
Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten,
Laut krächzend, über’n Garten. Schläfrig zog
Am Horizont die Mühle ihre Kreise.
Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks.
Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.
2.
Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff
Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend
Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume,
In blauer Luft schaut‘ ich am Horizont
Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn.
Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
Und teilnahmlos kehrt‘ ich zurück ins Haus.
In: Detlev von Liliencron: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig 1883
Olga Orozco
* 17. März 1920 in Toay, La Pampa, Argentinien; † 15. August 1999 in Buenos Aires
Para este día
Reconozco esta hora.
Es esa que solía llegar enmascarada entre los pliegues de otras horas;
la que de pronto comenzaba a surgir como un oscuro arcángel detrás de la neblina
haciendo retroceder mis bosques encantados,
mis rituales de amor, mi fiesta en la indolencia,
con sólo trazar un signo en el silencio,
con sólo cortar el aire con su mano.
Esa, la de mirada como un vuelo de cuervo y pasos fantasmales,
que venía de lejos con su manto de viaje y las mejillas escarchadas,
y se iba bajando la cabeza, de nuevo hasta tan lejos
que yo buscaba en vano la huella del carruaje en el pasado.
Hora desencarnada,
color de amnesia como dibujada en el vacío del azogue,
igual que una traslúcida figura enviada desde un retablo del olvido.
¿Y era su propio heraldo,
el fondo que se asoma hasta la superficie de la copa,
la anunciación de dar a luz las sombras?
No supe descifrar su profecía,
ese susurro de aguas estancadas que destilan a veces los crepúsculos,
ni logré comprender el torbellino de plumas grises con que me aspiraba
desde un claro de ayer hasta un vago anfiteatro iluminado por lluvias y por lunas,
allá, entre los ventisqueros del irreconocible porvenir;
aquí, donde ahora se instala, maciza como el demonio del advenimiento,
en su sitial de honor en medio de la asamblea de otras horas, pálidas, transparentes,
y me dice que mis bosques son luces extinguidas y aves embalsamadas,
que mi amor era erróneo, como un espejo que se contempla en otro espejo,
que mi fiesta es un cielo replegado en el sudario de mis muertos.
Y se queda esta vez, sin bajar la cabeza.
Für diesen Tag
Ich erkenne diese Stunde wieder.
Es ist diese, die vermummt zu kommen pflegte zwischen den Faltungen
der anderen Stunden;
die plötzlich hervorzutreten begann wie ein dunkler Erzengel hinter dem leichten Nebel,
so dass meine verzauberten Wälder zurückwichen,
meine Liebesrituale, mein Fest in der Gleichgültigkeit,
durch bloßes Hinmalen eines Zeichens in der Stille
durch bloßes Schneiden der Luft mit ihrer Hand.
Diese da, die einen Blick hat wie ein Rabenflug und geisterhafte Schritte,
die von fern kam mit ihrem Reiseumhang und den Rauhreifwangen
und wegging, den Kopf senkend, erneut bis so fern,
dass ich vergebens die Spur des Gefährts in der Vergangenheit suchte.
Entfleischte Stunde,
amnesiefarben, wie ins Leere des Quecksilbers gezeichnet,
wie eine durchscheinende Gestalt, aus einem Altar des Vergessens hergesandt.
Und war sie ihr eigener Herold,
der Boden, der hervorschaut bis zur Oberfläche des Glases,
die Verkündigung, dass die Schatten ans Licht gebären werden?
Ich wusste ihre Prophezeihung nicht zu entziffern,
dieses Flüstern von stehenden Gewässern, das die Sonnenuntergänge manchmal
ausdünsten,
noch gelang es mir, den Wirbel grauer Federn zu begreifen, mit dem sie mich aufsog,
von einer Lichtung des Gestern hin zu einem vagen Amphitheater, beleuchtet von
Regen und Monden,
dort, zwischen den Windpässen der nicht wiederzuerkennenden Zukunft;
hier, wo sie sich jetzt einrichtet, massiv wie der Teufel der Herankunft,
auf ihrem Ehrensitz mitten in der Versammlung anderer – blasser, durchsichtiger –
Stunden,
und mir sagt, dass meine Wälder ausgelöschte Lichter sind und einbalsamierte Vögel,
dass meine Liebe ein Irrtum war wie ein Spiegel, der sich in einem anderen Spiegel
betrachtet,
dass mein Fest ein Himmel ist, zürückgefaltet in das Leichentuch meiner Toten.
Und sie bleibt dieses Mal, ohne den Kopf zu senken.
[Aus dem Spanischen v. Àxel Sanjosé]
Eines der bekanntesten christlichen Lieder im englischsprachigen Raum, angeblich von der Band auf der sinkenden Titanic als letztes Stück gespielt. Die anderen Werke der Autorin – teils ebenfalls mit christlichen, teils mit emanzipatorischen Inhalten – sind weitgehend vergessen.
Bartomeu Rosselló-Pòrcel
* 13. August 1913 in Ciutat de Mallorca [auch: Palma]; † 5. Januar im Sanatori del Brull, (Provinz Barcelona)
A Mallorca, durant la guerra civil
Verdegen encara aquells camps
i duren aquelles arbredes
i damunt del mateix atzur
es retalles les meves muntanyes.
Allí les pedres invoquen sempre
la pluja difícil, la pluja blava
que ve de tu, cadena clara,
serra, plaer, claror meva!
Sóc avar de la llum que em resta dins els ulls
i que em fa tremolar quan et recordo!
Ara els jardins hi són com músiques
i em torben, em fatiguen com en un tedi lent.
El cor de la tardor ja s’hi marceix,
concertat amb fumeres delicades.
I les herbes es cremen a turons
de cacera, entre somnis de setembre
i boires entintades de capvespre.
Tota la meva vida es lliga a tu,
com en la nit les flames a la fosca.
An Mallorca, während des Bürgerkriegs
Noch grünen jene Felder
und bestehen jene Haine
und auf demselben Azur
zeichnen sich meine Berge ab.
Dort rufen die Steine immer
den seltenen Regen an, den blauen Regen,
der von dir kommt, helle Bergkette,
du meine Hochebene, Lust, Helligkeit!
Ich geize mit dem Licht, das mir in den Augen bleibt
und das mich beben lässt, wenn ich dich erinnere!
Jetzt liegen die Gärten dort wie Musikstücke
und verwirren mich, ermüden mich wie in quälendem Überdruss.
Das Herz des Herbstes welkt schon dort,
im Einklang mit zarten Rauchwolken.
Und die Gräser brennen in Haufen
für die Jagd, zwischen Septemberträumen
und abendgefärbten Nebelschwaden.
Mein ganzes Leben verbindet sich mit dir
wie nachts die Flammen mit der Dunkelheit.
[Aus dem Katalanischen: àxel sanjosé]
Am Puschkin-Denkmal, bei den Stufen,
sind wir uns dann zuletzt begegnet.
Dies Moskau hatte unsre Köpfe
mit roten Sternen zugeregnet.
Und als wir voneinander schieden,
die Lippen zuckten ein »Mach’s gut«,
sahn wir: der bronzne Alexander
verbarg die Wunde und das Blut.
Das ist die erste Strophe des Gedichts »Perez Markisch« von Abraham Sutzkever, aus dem Jiddischen übersetzt von Hubert Witt (in: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann Verlag 2009). Das vollständige Gedicht fand ich in planet lyrik.
Am 12. August 1952 wurden in der »Nacht der ermordeten Dichter« im Zuge einer der sog. stalinistischen Säuberungen zwölf jüdische Intellektuelle hingerichtet, darunter die jiddischen Schriftsteller David Bergelson, Itzik Feffer, David Hofstein, Leib Kwitko und Perez Markisch. Ich dachte, es würde ein Leichtes sein, im www ein Gedicht eines der Ermordeten zu finden. Es war aber nicht so. Die Schreibweise der Namen (Itzik/Itsik, Feffer/Fefer, David/Dovid, Leib/Leyb, Kwitko/Kvitko, Perez/Peretz etc.) schwankt (s. Lyrikkalender), aber Google berechnet das mit ein. Mein Ergebnis: es scheint kaum Online-Texte zu geben. Ich fand drei von vierzehn Strophen des Gedichts »Ikh bin a yid« von Feffer (s. Nr. 3 des verlinkten Dokuments, allerdings auf Jiddisch, dessen ich nicht mächtig bin:
Der vayn fun doyresdikn doyer Hot mir geshtarkt in vanderveg, Di beyze shverd fun payn un troyer Hot nit farnikhtet mayn farmeg. Mayn folk, mayn gloybn un mayn blien, Zi hot mayn frayhayt nit geshmidt. Fun unter shverd hob ikh geshrien: Ikh bin a yid! Der kluger kneytsh fun Reb Akive, Di khokhme fun Yeshayes vort Hobn gebert mayn dursht, mayn libe, Un zi mit has tsunoyfgeport. Der shvung fun makabeyer heldn, Bar Kokhbas blut in maynem zidt, Fun ale shtayers fleg ikh meldn: Ikh bin a yid! Un oyf tsepikenish di sonim, Vos greytn kvorim shoyn far mir, Vel ikh unter di fraye fonen Nokh hobn nakhes on a shir. Kh'vel mayne vayngertner farflantsn Un fun mayn goyrl zayn der shmid, Kh'vel nokh oyf di sonims keyver tantsn! Ikh bin a yid!
Ein kurzer Blick in die Online-Kataloge der Deutschen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek bestätigt, dass es – zumindest im deutschsprachigen Raum – keine Bände der genannten Autoren gibt jenseits derjenigen, die zu ihren Lebzeiten (überwiegend in den 1910er bis 1930er Jahren) erschienen. Falls dem nicht so ist, bitte ich um Hinweis. [ich = für ein paar Tage stellvertretend: à. sanjosé]
Róža Domašcyna
(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)
Cyklen
meine urgroßmutter, die bei weitem keine uroma war, sondern eine prawowka, sprach nur wendisch, wie sie es mir auf sorbisch erklärten meine großmutter, die bei weitem keine oma und auch keine uroma war, sondern eine wowka und prawowka, sprach nicht nur wendisch‚ wie sie es mir auf wendisch erklärte meine mutter‚ die eine wowka und prawowka ist‚ dazu eine oma und uroma, was keiner zu ihr sagt, spricht sorbisch, wie sie es mir auf wendisch und deutsch erklärt ich, die ich eine oma bin und selten wowka, spreche wendisch—sorbisch, was ich hier auf deutsch erkläre meine tochter, die längst noch keine oma ist und niemals wowka sein will, spricht nur deutsch, was sie gern erklärt meine enkelin, die eine wnutschka ist, spricht zu hause nur deutsch, wie sie es mir auf sorbisch erklärt, was ja eigentlich wendisch ist
Anmerkung: Bezeichnungen für Uroma, Oma, Tochter (in sorbischer, sorbisch-phonetischer und deutscher Sprache)
Aus: Róža Domašcyna: Feldlinien. Gedichte. Bucha bei Jena: quartus-Verlag (Edition Ornament), 2014, S. 6
Róža Domašcyna schreibt Sorbisch und Deutsch
Heute vor 380 Jahren, am 10. August 1638 – in Pommern schrieb man nach julianischem Kalender den 31. Juli – starb die Tochter des Greifswalder Bürgermeisters, Sibylla Schwarz, nicht einmal siebzehneinhalb Jahr alt. Hier ihr »Christliches Sterblied«.
Das Gedicht ist sangbar und in Strophen gegliedert (nach damaliger Sitte markiert sie die Strophen nicht durch Leerzeilen, sondern nur durch Einrückung des Strophenanfangs). Mindestens in der letzten Strophe zeigt die junge Dichterin, daß sie auch bei dem ernsten Thema auf der avançierten Klaviatür der allerneusten Dichtungsart spielen kann.
Ein Christliches Sterblied. WJltu noch nicht Augen kriegen / O du gantz verbößte Welt / Da du doch siehst niederliegen Manchen außgeübten Helt / Da du doch offt siehst begraben / Die es nicht gemeinet haben ! Wie lang wiltu Wollust treiben ? Wielang / meinstu / hastu Zeit ? Jn der krancken Welt zu bleiben ? Wielang liebstu Uppigkeit ? Da doch einer nach dem andern Muß auß disem Leben wandern. Ey / was hastu fur Gedancken / Wan da so viel Leichen stehn ? Wan da liegen so viel Krancken / Die den Todt für Augen sehn ? Wan die Götter dieser Erden Selber auch begraben werden ? Wirstu dich nicht eh bedencken / Eh der warme Geist entweicht / So wirstu dich ewig krencken / Darümb / weil der Todt uns schleicht Stündlich nach auff allen Seiten / Soll man sich dazu bereiten. Gib mir Gott ein Sehlig Ende / Führ mich durch des Todes Thal / Nimb mich fest in deine Hende / Kürtze mir des Todtes Qual / Laß mein Hertze nicht verzagen Für des Todes grimmen Plagen ! Laß mir nach die schweren Sünde / Gib mir deinen Frewdengeist / Das ich Ruh der Sehlen finde ! Darüm bitt ich allermeist / Laß mich auch ja nicht berauben / Sondern mehr mir meinen Glauben ! Hier mein Gott / hie schlag und plage ! Hier / HERR JEsu / reck undt streck ! Hier hier trenne / brenn undt jage ! Hier reiß / schmeiß / krenck / senck undt schreck ! Laß mich hier die Straffe spüren / Die mir solte dort gebüren !
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