Dagmar Nick
(* 30. Mai 1926 in Breslau)
Zeit. Alter
Die veränderte Gangart der Uhren.
Wer bemerkte das nicht.
Längst ist die Scheinbarkeit
alternder Ruhe entlarvt,
unüberhörbar das Presto
unter dem bruchsicheren Glas.
Nein, so langsam geht man nicht
in die Knie. Das Finale
verdoppelt das Tempo.
Aus: Dagmar Nick: Wegmarken. Ausgewählte Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2000, S. 52
Vielleicht hat es noch nicht jeder gemerkt – nach 5 Monaten kann ich verraten, daß das Thema meiner Anthologie seit Januar … starke Frauen ist. Heute die Argentinierin Alfonsina Storni zum 126. Geburtstag.
(* 29. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien)
20. Jahrhundert
Ich schmachte nach Leben,
verschwenden, ohne etwas zu tun,
zwischen den vier symmetrischen
Wänden meines Hauses.
He, Arbeiter! Bringt Hacken herbei!
Wände und Dächer sollen fallen,
der Wind soll mein Blut antreiben,
die Sonne soll meinen Rücken verbrennen ..
Ich bin eine Frau des XX. Jahrhunderts;
ausgeruht verbringe ich den Tag,
von meinem Zimmer aus sehe ich zu,
wie ein Ast sich bewegt.
Europa brennt,
und ich betrachte seine Flammen
mit derselben Gleichgültigkeit,
mit der ich jenen Ast anschaue.
Du, der vorbeigeht — guck mich nicht an
von oben bis unten; meine Seele
brüllt ihre Schandtat gerade heraus, deine
verbirgt sie hinter Worten.
Aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Reinhard Streit. Zürich: teamart, 2009, S. 83
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)
Ich werde nicht an deinem Herzen satt,
nicht satt an deiner Küsse Glutergießen.
Ich will dich, wie der Christ den Heiland hat:
Er darf als Mahl den Leib des Herrn genießen.
So will ich dich, o meine Gottheit, haben,
in meinem Blut dein Fleisch und Blut begraben.
So will ich deinen süßen Leib empfangen,
bis du in mir und ich in dir vergangen.
HERTHA KRÄFTNER
Die grausamen Morgen
Die Morgen sind wie Schwertstreiche
durch die schwarzen und grünen
Pflanzen der Nacht.
Wenn ihre vollen Schäfte
rauschend niederbrechen,
verrinnen die süßen Düfte
und die bitteren Säfte,
und ihre Blüten sind Träume
und fallen von uns,
wenn wir uns über die Waschschüssel beugen,
und ertrinken im kalten Wasser.
Edith Södergran
(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien)
Upptäckt
Din kärlek förmörkar min stjärna —
månen går upp i mitt liv.
Min hand är ej hemma i din.
Din hand är lusta —
min hand är längtan.
Entdeckung
Deine Liebe verdunkelt meinen Stern —
Der Mond geht auf in meinem Leben.
Meine Hand ist nicht zu Hause in der deinen.
Deine Hand ist Begier, —
meine Hand ist Sehnsucht.
Deutsch von Nelly Sachs
Aus: Museum der modernen Poesie. Hrsg. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 394f
Sándor Weöres
( * 22. Juni 1913 in Szombathely; † 22. Januar 1989 in Budapest)
Besuch des Einhorns
Zierlichen Schritts betritt ein Tier den Raum,
durchschwimmt die dichte Masse meiner Möbel,
durchsichtig ist sein Leib wie zarter Nebel,
sein blauer Huf berührt den Boden kaum.
Sein Atem streift mein Kissen, mein Gesicht,
sein Auge scheint in meinem Blick zu lesen,
fremd sind die Angst, das Mitleid seinem Wesen,
denn Leben oder Sterben kennt es nicht.
Der Mondstrahl, den sein spitzer Tritt zerfranst,
ist neben ihm wie grober Staub. Du kannst
des Raums lebend’ge Sehnsucht an ihm messen.
Und unfruchtbar wie körperlose Lust,
gleichmütig, seiner Schönheit nicht bewußt,
huscht es dahin ins Mondlicht, ins Vergessen.
Übertr. von Annemarie Bostroem
Annemarie Bostroem (* 24. Mai 1922 in Leipzig; † 9. September 2015 in Berlin)
Aus: Sándor Weöres: Poesiealbum 135 / Ausw. dieses H.: Paul Kárpáti. Übertr. von Annemarie Bostroem, Heinz Kahlau, Bert Papenfuß, Richard Pietraß, Brigitte Struzyk. Berlin : Verlag Neues Leben, 1978
Elisabeth Alexander
(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)
Liebe
Dieses schwarzumrandete
Wort
dieses Unding
an Kommunismus
diese Lüstermaschine
später Mädchen
sentimentaler Jünglinge
die einzige Angelegenheit
Gottes
die ich täglich essen
möchte.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 10
CHRISTINE LAVANT
Um Mitternacht habe ich Sterne zerkaut,
es war bei der Rast an dem Milchstraßenrand,
die Mondtulpe blühte aus meinem Verstand,
doch eine Nonne hat höher geschaut
mit beiden Hälften der Sonne.
Ich grub nach dem Herzen der Nonne,
ich wollte es essen und fand einen Pfeil,
ließ ab von der Rast, doch der Aufstieg ward steil
und belastet von Tulpe und Waffe.
Ich sagte zum Pfeil: »Nun beschaffe
aus meinem Blut dir den Bogen und flieg,
ich überlasse dort oben den Sieg
dir gänzlich allein, in der Mitte des Herrn,
nur diesen einen gar heilsamen Stern,
den abgesparten vom hungrigen Mund,
den nimm mit hinauf, doch erhalt ihn gesund,
du darfst ihn mir ja nicht durchbohren …«
Dann hab ich die Tulpe verloren
und die Milchstraße war wieder oben und fern.
Das Türkenstroh rauschte, ich schlief nimmer ein,
doch sah ich noch immer den dankbaren Schein
von dem heimgekommenen Stern.
GABRIELE WOHMANN
(* 21. Mai 1932 in Darmstadt; † 22. Juni 2015 in Darmstadt)
Ja es ist möglich
Ja es ist möglich
Ja du bist mein Bein und mein Fleisch
Ja sechseinhalbprozentiges Amstel-Gold
Ja nur einen Anstoß geben
Ja so teuer
Ja zu den Badekarren am Strand
Ja so wird es ja sein
Ja Bessermachen mit einem traurigen Lied
Ja wir sind das Gras
Ja mir hast du Arbeit gemacht
Ja das ist der richtige Bahnsteig
Ja the minute to let her under your skin
Ja das Ja ist
Ja ich komme bald
Ja wir könnens ja nicht lassen
Ja lieber Mensch wer bist du denn
Ja freilich
Ja vielmehr
Ja komm.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 247

Annette von Droste-Hülshoff
(1797-1848)
Durchwachte Nacht
Wie sank die Sonne glüh und schwer,
Und aus versengter Welle dann
Wie wirbelte der Nebel Heer
Die sternenlose Nacht heran! –
Ich höre ferne Schritte gehn –
Die Uhr schlägt Zehn.
Noch ist nicht alles Leben eingenickt,
Der Schlafgemächer letzte Türen knarren;
Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt,
Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren,
Die schlummertrunkne Färse murrend nickt,
Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren,
Sein müdes Schnauben, bis, vom Mohn getränkt,
Sich schlaff die regungslose Flanke senkt.
Betäubend gleitet Fliederhauch
Durch meines Fensters offnen Spalt,
Und an der Scheibe grauem Rauch
Der Zweige wimmelnd Neigen wallt.
Matt bin ich, matt wie die Natur! –
Elf schlägt die Uhr.
O wunderliches Schlummerwachen, bist
Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? –
’s ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt,
Das Dunkel fühl‘ ich kühl wie feinen Regen
An meine Wangen gleiten, das Gerüst
Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
Und dort das Wappen an der Decke Gips
Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.
Wie mir das Blut im Hirne zuckt!
Am Söller geht Geknister um,
Im Pulte raschelt es und rückt,
Als drehe sich der Schlüssel um.
Und – horch! der Seiger hat gewacht!
’s ist Mitternacht.
War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht
Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen,
Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt
Ein langer Klageton aus den Syringen,
Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht
Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; –
O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,
Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.
Da kollerts nieder vom Gestein!
Des Turmes morsche Trümmer fällt,
Das Käuzlein knackt und hustet drein;
Ein jäher Windesodem schwellt
Gezweig und Kronenschmuck des Hains; –
Die Uhr schlägt Eins.
Und drunten das Gewölke rollt und klimmt;
Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale
Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt,
Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle;
An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt,
Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle
Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild,
Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.
Jetzt möcht‘ ich schlafen, schlafen gleich,
Entschlafen unterm Mondeshauch,
Umspielt vom flüsternden Gezweig,
Im Blute Funken, Funk‘ im Strauch
Und mir im Ohre Melodei; –
Die Uhr schlägt Zwei.
Und immer heller wird der süße Klang,
Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen
Gleich Bildern von Daguerre die Deck‘ entlang,
Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen;
Mir ist, als seh ich lichter Locken Hang,
Gleich Feuerwürmern seh‘ ich Augen glühen,
Dann werden feucht sie, werden blau und lind,
Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.
Es sieht empor, so fromm gespannt,
Die Seele strömend aus dem Blick;
Nun hebt es gaukelnd seine Hand,
Nun zieht es lachend sie zurück;
Und – horch! des Hahnes erster Schrei! –
Die Uhr schlägt Drei.
Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild,
Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel!
Die unerfreulich graue Dämmrung quillt,
Verloschen ist des Flieders Taugefunkel,
Verrostet steht des Mondes Silberschild,
Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel,
Und meine Schwalbe an des Frieses Saum
Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.
Der Tauben Schwärme kreisen scheu,
Wie trunken in des Hofes Rund,
Und wieder gellt des Hahnes Schrei,
Auf seiner Streue rückt der Hund,
Und langsam knarrt des Stalles Tür –
Die Uhr schlägt Vier.
Da flammt’s im Osten auf, – o Morgenglut!
Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle
Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut,
Das Leben quillt aus schäumendem Pokale,
Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut,
Im nahen Forste schmettern Jagdsignale,
Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land
Zerrinnend in des Horizontes Brand.
Ich las gestern im Jahrgang 1972 der Akzente – so Jugenderinnerungen. Konkrete Poesie aus Spanien. Heute sah ich das Inhaltsverzeichnis durch und stellte erwartungsgemäß fest, daß kaum weibliche Autoren vertreten sind. Es gab Gedichte von Astel, Bisinger, Born, Eisendle usw. usf. bis Ungaretti, aber nur zwei Frauen, Taschau und Wohmann. Und dann noch zwei versteckte aus Finnland. Die eine gut versteckt im Buch ihres Papas. Väinö Kirstinä schrieb über Kinderreim und Lettrismus und gab Gedichte (Akzente setzt es in Anführungsstriche) seiner dreijährigen Tochter, wie dieses:
Es war einmal ein Mann,
der immerfort ein bißchen passierte
und lebte
und lebte
Dann weiter:
„Die Kinderbuchautorin Kirsi Kunnas arbeitete ganz ähnlich, als sie 1956 in ihrem Tiitiäisen satupuu (Tiitiäinens Märchenbuch) zum Beispiel vom Herrn Pii Poo erzählte, wie er aus dem Boden »Rosinen, Erdbeeren, Äpfel, Kartoffeln, Mohrrüben, Prinzessinen, Würste« stampfte, oder vom Kessel und den Kartoffeln (Kattila ja perunnat):
o diese hetze hetze hetze
schrien die kartoffeln diese hetze
nimmt kein ende ende ende
tanzen müssen wir polka polka polka
zeit drängt feuer ist im schuh
laufen müssen wir galopp galopp galopp
ohne rast und ruh ohne rast und ruh
klappern müssen wir um die ecke ecke ecke
blieben wir nur am leben leben leben
O diese hetze hetze hetze
nimmt kein ende“
Aus: Ehnert/Saukko-Niinimäki/Tauriainen: Konkrete Dichtung in Finnland. Akzente 1972, S. 573
Voilá: Konkrete Poesie von weiblichen Autoren / aus Finnland / mit Humor.
Zwei der drei Autoren des Aufsatzes sind Frauen.
CHRISTINE BUSTA
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Kleine Morgengabe
Früh in der Morgendämmerung
wird über meiner Stadt der Himmel
manchmal so apfelgrün,
daß ich ihn riechen kann.
Ich werde heut nacht nicht schlafen,
um ihn zur rechten Stunde zu pflücken
und in dein fernes Fenster zu legen,
daß er dir duftet.
Adrienne Rich
(* 16. Mai 1929 in Baltimore, Maryland; † 27. März 2012 in Santa Cruz, Kalifornien)
Deutsch von Jürgen Brôcan aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. München: Lyrik Kabinett, 2006, S. 235
Und den Schluß würde ich so übersetzen: „Weil ihr noch zuhört, weil es in Zeiten wie diesen, / damit ihr überhaupt zuhört, notwendig ist, / ein Gespräch über Bäume zu führen.“ Und in der zweiten Strophe: „das ist kein russisches Gedicht, es ist nicht irgendwo sondern hier“.
Original bei Poetry Foundation
Und natürlich Brecht
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