Vogel Frühling

Uwe Greßmann

(* 1. Mai 1933 in Berlin; † 30. Oktober 1969 in Berlin)

Die Sage vom Vogel Frühling

Wer Dichter sein will, heißt es in dem Dorf der Eichen,
Der trinke aus dem Brunnen der Träume Wein,
Und schau! Wie Arnim und Brentano an dem Pumpenschwengel hängen
Und in des Strahles Wunderhorn blasen.
Und viele kommen und halten beider Hände Schalen darunter;
Denn wer Dichter sein will, heißt es in dem Dorf der Eichen:
Der trinke aus dem Brunnen der Träume Weine.

Oh, ihr Kinder Erdes! horchet: nur wenige suchte der Vater der Künstler,
Der Vogel Frühling, aus den Leuten und ernannte sie zu Dichtern;
Jedem gab er als Rucksack der Flügel Paar,
Damit sich die Geister, Bienen, Hornissen… erhöben und summten
In den Lüften blau und schwärmerisch die Weise:
Oh, ihr Kinder Erdes, horchet!

Also entstanden dort die Sagen und gingen in die Literaturgeschichte ein,
Das große Familienalbum, dergleichen die Völker da
Im Wohnzimmer aufbewahrten,
Auch noch in späteren Jahren ihrer Eltern zu denken.

Die lustigen Bienen summten seitdem im Haar der Liebsten
Der Linden und Lüfte und Wiesen … aus Fleisch,
Zu naschen aus dem Sektglas der Blüten und perlenden Blätter des Walds
Und verewigten, wie Volksmund meint, den Vogel Frühling.
Oh, die lustigen Bienen!

Aber die Söhne der Dichter, davon auch manche Ferkel und Anton heißen mögen,
Oh, sie grunzen; doch die Mäuler der Sagen verstummen,
Wenn die Menschen im Stall arbeiten und älter werden
Und sich dem Kumm nähern, das Vieh zu füttern,
Sie, die alles schon gefressen haben.

Und manche der Modern(d)en zogen einen Kittel an, die Künstlerlaboranten
Und suchten in Latrinen und Müllhaufen, Versuchsstationen später Kunst,
Den einstigen Glanz des Wortes; auf Emaille der Pfützen auch:
Mülleimer steht da. Und doch! Was bleibt den Spätlingen übrig,
Da ihr aschener Mund des Volkes Lied nicht mehr singen kann,
Als den Abschiedsgesang, der ganz zerfetzt wie Papier von Müllkutschern ist.
Mit den Händen der Schaufel zusammenzufegen und aufzuladen
Das Experiment der Kunstlaboranten.

Aber die Leute lachen: Lieder wie Goethe singt ihr nicht mehr.
Ihr seid ja zu prosaisch wie der Artikel einer Zeitung oder eines Geschäftes geworden;
Da passen euch keine Reime mehr, die viel zu altmodischen Anzüge.
Und wer von der Prosa bedient ist, der höflichen und nüchternen Verkäuferin,
Und dennoch meint, daß sich das reimt,
Dem lachen die Leute ins Gesicht: „Geh, sei stille!
Wie Goethe singst du ja doch nicht mehr.“

Oh, ihr uralten Dichter! Unterdrücker unserer Worte seid ihr.
Die wir hätten singen mögen, heißt es auch auf Massenkundgebungen
Arbeitsloser Künstler. Oh, wären wir früher geboren.
So aber bleibt uns nur noch, die Transparente der Zeit zu tragen,
Die Volksmund noch persönlich gekannt hat. Unsere Demonstrationen sind das:
Vor Arbeitsämtern, Poststellen der Verlage, häufen wir uns
Und gehen wie Briefe wegen des Eingangsdatums zum Stempeln.
Und welcher Lektor nimmt uns da noch ab,
Wenn wir es so schwerverständlich, das soziale Elend der Kunst, sagen müssen,
Euch nicht zu wiederholen.

Und sieht mancher zum Dorf der Eichen zurück,
Der einstigen Heimat der Dichter, die er verlassen hat,
Sucht er nach dem Brunnen Brentanos
Des Strahles und der Pumpe Wunderhorn. Im Museum des Rundfunks
Noch ist das Lied zu hören gewesen, äußert des Dorfkrugs Radio.

Aus: Uwe Greßmann, Der Vogel Frühling. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1966 (2. 1967), S. 65-68

Selbstzersetzung

Frank Wedekind

(* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München)

Selbstzersetzung

Hochheil’ge Gebete, die fromm ich gelernt,
Ich stellte sie frech an den Pranger;
Mein kindlicher Himmel, so herrlich besternt,
Ward wüsten Gelagen zum Anger.

Ich schalt meinen Gott einen schläfrigen Wicht;
Ich schlug ihm begeistert den Stempel
Heillosen Betrugs ins vergrämte Gesicht
Und wies ihn hinaus aus dem Tempel.

Da stand ich allein im erleuchteten Haus
Und ließ mir die Seele zerwühlen
Von grausiger Wonne, von wonnigem Graus:
Als Tier und als Gott mich zu fühlen.

Auch hab ich, den mördrischen Kampf in der Brust,
Am Altar gelehnt, übernachtet,
Und hab mir, dem Gotte, zu Kurzweil und Lust,
Mich selber zum Opfer geschlachtet.

Wach ich oder bin ich tot?

Emmy Hennings

(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)

Aether

An die Scheiben schlägt der Regen,
Eine Blume leuchtet rot,
Kühle Luft weht mir entgegen,
Wach ich oder bin ich tot?

Eine Welt liegt weit, ganz weit;
Eine Uhr schlägt langsam vier,
Und ich weiss von keiner Zeit,
In die Arme fall ich dir.

Aus: Die Aktion 33, 14. August 1912, Sp. 1042

Ich bin der Wald

Johannes R. Becher

DER WALD

Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nässe.
Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen,
Der Kerker, daraus braust die wilde Messe,
Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche.

Ich bin der Wald, der muffige Kasten groß.
Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene!
Ich bette euere Schädel weich in faules Moos,
Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene!

Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen,
Mit Blätterbäumen lang und komisch ausgerenkt.
In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . .
Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt.

Horcht, wie es aus schimmlichten Sümpfen raunt
Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper!
Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt
Ein Käfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe.

Nehmt euch in Acht vor mir, heimtückisch-kalt!
Der Boden brüchig öffnet sich, es spinnt
Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt
Gewitter auf in berstendem Labyrinth.

Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mähne,
Von sanftem Luftzug glatt zurückgekämmt.
Gekniet vor mich, von stechender Hagel Tränen
Aus klobiger Wolken Schaff grau überschwemmt.

Ich bin der Wald, der einmal lächelt nur,
Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst.
Weicher umschlinget dürren Hals die Schnur.
Böses Getier sich in die Höhlen schleicht.

Die Toten singen, Vögel aufgewacht,
Von farbenen Strahlen blendend illuminiert.
Heulender Hund verreckt die böse Nacht.
Duftender Saft aus Wundenlöchern schwiert.

Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone
Verfallenden Mondes über deinem Scheitel grad.
Du schläferst ein mich Strolch mit schwerem Mohne,
Du, die im Traum ihm, blonder Engel, nahst.

Ich bin der Wald . . . Goldbäche mir entsprungen,
Sie rascheln durch Schlinggräser mit Geflüster.
Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen.
Es raset über mir der Sterne Lüster.

Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Länder
In meines letzten Brandes blutigem Höllenschein.
Es knicken um der eisigen Berge Bänder,
Gell springt der Meere flüssiges Gestein.

Ich bin der Wald, der fährt durch abendliche Welt, gelöst
Vom Grund, verbreitend euch betäubenden Geruch,
Bis meine Flamme grell den Horizont durchstößt,
Der löscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch.

Es ward der Blumen Wiese Gewölbe meines Grabes.
Aus meiner Trümmer Hallen sprießen empor der bunten Sträuße viel.
Da jene Ebene sank zu mir hinab,
Wie klingen wir schön, harmonisch Orgelspiel.

Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe,
Da Lästerung und Raub und Mord ward abgebüßt,
Ich nicht Verhängnis mehr und schneidende Strafe.
Mein Dunkel euere brennenden Augen schließt.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Rowohlt 1920, S. 108-110

Expressionist Artillerist

Franz Richard Behrens

Expressionist Artillerist

Für Jakob von Uexküll, auf dessem granatgegitterten Heimatboden einer Feldwache dies wuchs.

Bäh
drüben fliegt ein Eisenvogel ab, kerzengrader
als alle Vögel der Erde
Ein-und-zwanzig
die Linie kennt die Natur nicht
zwei-und-zwanzig
der Organismus ist sie
drei-und-zwanzig
den Blick nicht verlieren
Ob teuer Opfer schließlich wert
Fünf-und-zwanzig
Schäumende Schrapnells kleben Sonne Sehnsucht
Sechs-und-zwanzig
Mein Seelensingen brechen im Muß
Sieben-und-zwanzig
Zweckblitz ducken droben die sieben Haubitzen,
Acht-und-zwanzig
Verdammt echtes Lebensgefühl bornt verflucht
heißen Ausdruck.
Neun-und-zwanzig
die Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle
Blutabsinth
die Luft ist Stahl und rein
Ein-und-dreißig
die Granattrichter tüpfeln garnicht harmonisch
Zwei-und-dreißig
der feindliche Beobachter findet das höchst
glücklich
Drei-und-dreißig
Die Blüten weinen Licht unter Donnererschlagendem Krachen
Vier-und-dreißig
Die Zentralisierung des Willens ist die Kraft des Kommandeurs
Fünf-und-dreißig
Im Leichenblut schöne Farben sehen. Alte Jacke
Knochensplitter sein, Impressionisten und Naturalisten
Sieben-und-dreißig
Sein und Uebersein.
Acht-und-dreißig
Mein Geschütz steht in Wechselwirkung zum sechsten,
Neun-und-dreißig
Keinen Meter mehr nach rechts darf es stehen,
Ein-und-vierzig
Kanonen macht man.
Granaten werden gemacht
Zwei-und-vierzig
Kanonaden entstehen
drei-
Ich glaube aufzugehn
-und
Ich drücke mich hoch heilig
-vierzig
Aus
Fetzen Fratzen Platzen
   Ende

Aus: Der Sturm Heft 21/22,:Februar 1916, S. 130

Du darfst nicht töten

Franz Richard Behrens

(* 5. März 1895 in Brachwitz (Wettin-Löbejün); † Mai 1977 in Ost-Berlin)

DU DARFST NICHT TÖTEN

Für Ludwig Rubiner

Mondblaß Rosenroß
Blutsäulen elefanten korallen
Schimmel im Schnee mit Purpurhufen
Zypresse vor Feuer
Spur
Sternenschritt.

Aus: Die Aktion 7 / 8 -1918, Sp. 94

Quark

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Quark

Man frißt sich so durch seine Jahre
und wird mit jedem Jahre älter
und ist am Ende ohne Haare
doch immer noch ein Hinterhälter.

Man ißt und trinkt und man poussiert,
zeugt unfreiwillig ein paar Kinder,
indes die Jahre exaltiert
fortsausen Tag für Tag geschwinder.

Man packt sich aus, man streckt sich hin
und macht sich reuevoll ans Sterben,
um so als letzten Reingewinn
sich einen Nachruf zu erwerben.

Aus: Zu Unrecht vergessen. Anthologie. Hrsg. Paul Hühnerfeld. Hamburg: Marion von Schröder, 1957, S. 246

Der Sturm ist da

Heute vor 110 Jahren erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Der Sturm“ mit Gedichten von René Schickele (Vorortballade). Hier ein Gedicht aus Nummer 3 vom 17. März 1910.

Nymphenburg
Von Ferdinand Hardekopf

Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und
  Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte,
  rasengrüne Parkavenuen.
Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste,
Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete)
  die lichte Scheidekraft verstellt.
..... Es quoll ein grünes Auge;
In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen
  Eisenbahnschienen,
Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste
  Amerikaner,
Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar,
  knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und
  Frauen-Nägeln.
Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plät-
  scherten die weißblauen, wolkenzarten Adern
  eines sehr hellen Nervenbeins
(Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!).
Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen
  Dampf.
Und es wurde Orphisches doziert.
Ich versank — lächelnd, vergiftet.

Da wußte ich meine heiteren Gefahren,
Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloß ich mir
  das volkgemiedne Land.
 ... Schon formt sich in der Stachelhülle,
Was schmelz-duftig, nebelreif-atmend die kältere
  Erde grüßen wird;
Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume,
  weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (.. die
  Lust ...),
Eine weiße Fontäne zischelt Médisance, Marquise
  in gepuderter Wellen-Perücke,
Die Marmorgötter lauschen und kichern und
  schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern
(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine
  Dianens?),
Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spie-
  gelleiber heiliger Teiche,
Schwäne sind ihre Brüste,
Brüste,
Sich einbetten in Festungswälle,
Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schul-
  tern, Pagenschultern.

Entschuldigung vorab

Friedrich Hölderlin

Friedensfeier

Ich bitte dieses Blatt nur gutmüthig zu lesen. So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig seyn. Sollten aber dennoch einige eine solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.
Der Verfasser gedenkt dem Publikum eine ganze Sammlung von dergleichen Blättern vorzulegen, und dieses soll irgend eine Probe seyn davon.

Der himmlischen, still wiederklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seeliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk‘ und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.

[…]

Einmal noch

Noch zwei Talismane aus dem Buch der Sprüche*

(Goethe über soziale Medien)

Ueberall will jeder obenauf seyn,
Wie’s eben in der Welt so geht.
Jeder sollte freylich grob seyn,
Aber nur in dem was er versteht.


Laß dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden streiten.

Aus: West-östlicher Divan: Buch der Sprüche (1819)


*) Goethe über den Spruch oder Talisman:

Alles Uebel treibt er fort,
Schützet dich und schützt den Ort:
Wenn das eingegrabne Wort
Allahs Namen rein verkündet,
Dich zu Lieb‘ und That entzündet.
Und besonders werden Frauen
Sich am Talisman erbauen.

 

Goethes Vorschlag zur Güte

Johann Wolfgang Goethe

Aus Rendsch Nameh. Buch des Unmuths.

Aergert’s jemand daß es Gott gefallen
Mahomed zu gönnen Schutz und Glück,
Um den stärksten Balken seiner Hallen
Da befestig‘ er den derben Strick,
Knüpfe sich daran! das hält und trägt,
Er wird fühlen daß sein Zorn sich legt.

Aus: West-Östlicher Divan (1819)

Goethe zum Hölderlinjahr

Johann Wolfgang Goethe

Aus: West-östlicher Divan (1819)

Befindet sich einer heiter und gut,
Gleich will ihn der Nachbar peinigen;
So lang der Tüchtige lebt und thut,
Möchten sie ihn gerne steinigen.
Ist er hinterher aber todt,
Gleich sammeln sie große Spenden
Zu Ehren seiner Lebensnoth
Ein Denkmal zu vollenden,
Doch ihren Vortheil sollte dann
Die Menge wohl ermessen,
Gescheiter wär’s den guten Mann
Auf immerdar vergessen.

(Rendsch Nameh. Buch des Unmuths. A.a.O. S. 85)

Die feindliche Erde

Ludwig Rubiner

(* 12. Juli 1881 in Berlin; † 27. Februar 1920 in Berlin)

Die feindliche Erde

Der Eiter der Erde lag in den Häusern. Unter hellen Lichtern saßen schmatzende Jobber.

In Nebenzimmern ragten gelangweilt lange schwarze Strümpfe, trägzuckende Schenkel über schwere geile Rücken.

Hintern tanzten vor polierten Klavieren, dunkle Langhaare geigten.

Kluge hielten in seidnen Salons Vorträge, daß alles auf Erden immer gleichbleibe.
Weiche Bartlose sprachen unter sich von dem Ekel am Weibe.
In steinernen Museen schritten sanft die ausgeschlafenen Kenner.
In heißen Redaktionen schrieb man die Lebensläufe berühmter Männer.

Die Zimmer der Stadt wölbten sich wie ein ungeheurer fetter Bauch, die Dachkuppeln lagen krumm strähnig über der breiten flachen Stirne.
Hinter den Fenstern saßen schnaufend träge Menschen steil wie dicke Riesenfinger.

Die Häuser glotzten wie die Freßzähne an einem ungeheuren, gähnenden Jahrmarkts-Ringer.
Die Erde faulte länglich auf zur wimmelnden himmlischen Birne.
Der Himmel rollte herum dunkel funkelnd im schwarzen hohlen Oval.
Das Licht war eingesogen in stampfende Kessel und Telegraphenstrahl.
Der Lampenschein strich klein durch die Straßen wie Wurmaugen nachts im Korn.
Das Licht war fort von der kleinen Erde, niemand saß in der Sonne oder blickte zum mondlichen Horn.

Die Trägheit schlug an die Ufer, faulende Riesenalgen wanden sich erdenrund um die Schimmelgrüne.
Drunten im Trüben schrieben wimmelnde Menschen noch eilige servile Telegramme, Briefe, Denunziationen voll Ranküne.
Tänzerinnen, Barone, Agenten, Geheimräte, Schutzleute, Ehefrauen, Studenten, Hauswirte freuten sich auf ihre dampfende Nacht.

Aber der arme Mob schaute das Wunder und war zur neuen Zeit auf gewacht.
Die böse gestörte Wut zitterte über die verregneten Telegraphenstangen,
Als die mürben Armen ohne Essen und Trinken zum göttlichen Himmel marschierten, wurden sie mit hartreißenden Flintenkugeln empfangen.

Aus: Ludwig Rubiner: Der Dichter greift in die Politik. Ausgewählte Werke 1908-1919. Leipzig: Reclam, 1976, S. 21ff

Orient

Konstantin Biebl

(* 26. Februar 1898 in Slavětín nad Ohří; † 12. November 1951 in Prag)

Orient

Immer schon hab ich die Köchinnen
Um Muskat Vanille Zimt beneidet

Auch liebe ich Weihnachten so sehr
Diese mohammedanischen Feiertage

Abends zur Weihnachtsstunde teilte
Mutter langsam die Goldorange
In zwölf krumme türkische Säbel

Und bescherte jeden von uns

Aus dem Tschechischen von Franz Fühmann

In: Konstantin Biebl, Poesiealbum 117. Berlin: Neues Leben, 1977, S. 3

Von diesem Gedicht gibt es eine bairische Nachdichtung von Harald Grill, die so beginnt:

bin scho allerwal ana jedn köchin neidig gwen
wegam zimt da vanülln und am muskat

Das Original:

„Dort unten liegt, ein graues Steingetürm, Paris“

Oskar Loerke

(* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz, heute Wiąg, Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin)

ABEND AUF DER TERRASSE VON SAINT CLOUD

Bang ists, — als stände wer gebeugt auf unsre Erde;---
Verhüllt sein Leib von Städten, Strömen, Moor und Lehm,
Sein Haupt von stürmevollem Wolkendiadem,
Und nur die Arme, wie mit brünstiger Gebärde
Am Horizont entlanggebreitet, sieht man fahl
Durch goldnen Rauch. Und aus den Höhen in das Tal
Geht seine Stimme. Um die Lippen spielt der Qualm!
Der leuchtet feurig, bricht durch ihn des Riesen Psalm.
Von ängstend großer Liebe bebend ruft er dies
Auf eine Stadt:   
                   Ma Sœur! - ma Sœur! — ma Sœur!
Dort unten liegt, ein graues Steingetürm, Paris,
In Dunst bis zu den Nebelburgen Sacré Cœur.

Und Jemand wartet, - atmet mit profundem Zuge.---
Da fliegt dicht neben mir ein Abendvogel aus,
Deckt zu das Pantheon und Unsrer Dame Haus,
Ob er gleich klein ist. Denn er wächst an seinem Fluge
Und Wurfe aus des Westens in des Nordens Schein.
Schon scheint er mehr als unter ihm die Stadt zu sein.
Weil die geheimnisvolle Brunst aus Wolkenqualm
Sich an ihn drängt und jenes dunklen Riesen Psalm,
Vor Liebe graunvoll, ihm nur jauchzt. Ich höre dies
Wie innern Sturm:      
                    Ma Sœur! - ma Sœur! — ma Sœur!
Jemand verwarf für einen Vogelflug Paris.
Nacht schluckt den weißen Marterberg um Sacré Cœur.

Aus Wanderschaft (1911), in: Oskar Loerke: Die Gedichte. suhrkamp taschenbuch 1049, 1984, S. 33