Volker Braun
IM ILMTAL
Den Himmel verwildert der Sturm
Voll Wolken grau, das Feld
Ist dunkel am Tag, mein Sinn.
In der gebauten Natur
Geh ich allein, und den Wald schüttelt er
Wie meine Fäuste möchten die steife Weit.
Einmal lebte ich so, freudig
[…]
Auf die Wiese schwärzer tritt, lieber Fluß
Schlage, wie einst einem andern hier
Die Worte aus meiner Brust.
Und ich kannte sie lange, die Tage
Füllte Arbeit zum Rand
In die Nacht ging das laute Gespräch.
Aufwälze, Fluß, den dunklen Grund;
Ich kann nicht leben ohne die Freunde
Und lebe und lebe hin!
[…]
Ich habe mir erlaubt, diesem Gedicht, das ich seit Studententagen kenne, ja was? die Zähne? den Blinddarm? jedenfalls rauszuziehen, wie es grad passt, d.h. wie ich es gestern am Fenster sah. So:

Das Gedicht stand zuerst in dem Band „Gegen die symmetrische Welt“. Hier aus: Volker Braun, Texte in zeitlicher Folge, Band 4, Unvollendete Geschichte. Gegen die symmetrische Welt. Tinka. Schmitten. Notate. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 78
René Crevel
(* 10. August 1900 in Paris; † 18. Juni 1935 ebenda)
Dich plagt das Gewissen ... Dich plagt das Gewissen, den Vater umgebracht, ohne hundert Jahre Erinnerung erworben zu haben. Immer diese Schwäche der Nerven wie die Blumen in der Brotkrume. Wenn du das Spiel wagtest. Die Würfel tanzen. Mann oder Frau? Hund oder Katze? Aber es wird den Hund geben, der zugleich eine Katze ist, noch immer das alte Lied zurückbleibender Abreisen, und dann dieser Lehnstuhl aus Holz. Nur mehr eine Brust hängt ganz oben an den geschlechtslosen Körpern; deine Kindheit verbrachtest du unter Pfarrern in Frauenröcken; in der Krypta von Sacré-Cœur hast du dich nicht verstanden auf die Liebe. In deinem Gehirn ein Gefieder. Dieser Vogel ohne Lieder, Vogel, der nicht flog, Vogel, der nicht sang, fähig zu nutzlosem Schauder allein. Liebend wie ein Bruder wollte er sein zu den kleinen Schiffen, den Kolibri-Schiffen, ausgeschwärmt bedächtig und leicht haben sie gar nichts erreicht. Rost, Blut von Karkassen, im Tode erstarrend, ringsum beharrend das müdschwere Wasser von den Hausfrauen bleiern und bleich die allzuoft Mütter zugleich. Du frierst, doch du kannst weder sterben noch weinen. Traurig zwischen boshaft erbärmlichen Kais, die jedermann hiernieden verachtet, gehst du hin, Fluß der grauen Städte, ohne Ozeanhoffnung.
Aus dem Französischen von Bert Noglik. In: Surrealismus in Paris. 1919-1939. Ein Lesebuch. Hrsg. Karlheinz Barck. Leipzig: Reclam, 1986, 297
Róža Domašcyna
(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)
Puzzle
ich teile meine sprache
das deut… und das sor…
sortiere und deute
wie es den sprachgelehrten gefällt
deute und sortiere
wie es den sprachgelehrten mißfällt
genau ungenau und durchnander
wie es erdichtet wurde
erdichte die sprache im teilen
im erteilen dichte ich
ihr dichte an
und kräftig gemixt dichtet sie mir
das eine und das andere an
indem ich mich teile
teile ich meine sprache mittig
teile mich durch und mit
dir zu
teilst mich mit: wir
sind geteilt sind teile
sind das du und das du im dual
zwei mit männlicher endung
in weiblicher sprache
Aus: Poesiealbum 354. Róža Domašcyna. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2020, S. 5
Der 16. Juni ist Bloomsday. Der Roman Ulysses des Iren James Joyce handelt am 16. Juni 1904 (bis tief in die Nacht des Folgetags). Leopold Bloom ist die Hauptfigur. Es ist ein moderner Roman, er erzählt Dubliner Leben der Zeit, heute feiern die Iren den Tag, aber er erzählt nicht allein in jedem Kapitel auf andere Weise, er ist gespickt mit Poesie, mit Zitaten, Shakespeare, Bibel und noch viel mehr, es gibt Verse und Strophen, auch mal mit den dazugehörigen Noten, und es gibt jede Menge poetischer Verfahren, die oft auch genannt und kommentiert werden. Mein Gedenkblatt bringt heute kein Gedicht, sondern einen kleinen Auszug aus dem 17. Kapitel, in dem die Handlung in Frage und Antwort erzählt wird. Ich bringe den Text des Originals in der gerühmten und geschmähten Gableredition und in der Übersetzung von Hans Wollschläger in der kommentierten Ausgabe von 2004 (aber ohne die Kommentare, die in dieser schönen großformatigen Ausgabe um den Text herum angeordnet sind).
What lines concluded his first piece of original verse written by him, potential poet, at the age of 11 in 1877 on the occasion of the offering of three Prizes of 10/-, 5/- and 2/6 respectively for competition by the Shamrock, a weekly newspaper?
An ambition to squint
At my verses in print
Makes me hope that for these you’ll find room.
If you so condescend
Then please place at the end
The name of yours truly, L. Bloom.
Did he find four separating forces between his temporary guest and him?
Name, age, race, creed.
What anagrams had he made on his name in youth?
Leopold Bloom
Ellpodbomool
Molldopeloob
Bollopedoom
Old Ollebo, M. P.
What acrostic upon the abbreviation of his first name had he (kinetic poet) sent to Miss Marion (Molly) Tweedy on the 14 February 1888?
Poets oft have sung in rhyme
Of music sweet their praise divine.
Let them hymn it nine times nine.
Dearer far than song or wine.
You are mine. The world is mine.
Welche Verse beschlossen sein erstes lyrisches Originalwerk, welches er als potentieller Dichter im Alter von 11 im Jahre 1877 bei Gelegenheit der Ausschreibung dreier Preise in Höhe von 10/- respektive 5/- respektive 2/6 durch den Shamrock, eine Wochenzeitung, in freiem Wettbewerb verfaßt hatte?
Wenn Ihr wertes Blatt
Vielleicht Platz hierfür hat,
So erhoff‘ ich mir baldigen Ruhm.
Bitte drucken Sie dann
Als Verfasser hintendran
Ihren hochachtungsvollen L. Bloom.
Stellte er vier trennende Kräfte fest zwischen seinem vorübergehenden Gast und sich selbst?
Namen, Alter, Rasse, Glauben.
Welche Anagramme hatte er aus seinem Namen in seiner Jugend gebildet?
Leopold Bloom
Ellpodbomool
Molldopeloob
Bollopedoom
Old Ollebo, M.P.
Welches Akrostichon auf die Kurzform seines Vornamens hatte er (kinetischer Dichter) an Miss Marion (Molly) Tweedy am 14. Februar 1888 geschickt?
Preis und Lob die Dichter weihn
Oft der Schönheit, süß und rein.
Laß sie singen im Verein.
Du, die lieber mir als Wein
Ist und Sang, oh, du bist mein!
Quellen:
James Joyce, Ulysses. The corrected text edited by Hans Walter Gabler …Vintage Books. A Division of Random House, New York, 1986, S. 554f
James Joyce, Ulysses. Roman. Übersetzt von Hans Wollschläger. Hrsg. u. kommentiert von Dirk Vanderbeke, Dirk Schultze, Friedrich Reinmuth und Sigrid Altdorf…Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 914f
Dieses Zitat aus einem Haiku habe ich seit Jahrzehnten im Kopf, aber weiß ich, wer er ist? In meiner Bibliothek stehen 3 Dutzend Bände japanischer Verse, in vielen auch Haiku von Issa (dessen Geburtstag heute ist) – aber die meisten Haikuanthologien sind nach den Jahreszeiten geordnet und streuen Issas Haikus bunt darunter, und kein Register. Dabei gibt es Bücher von ihm, ein autobiographisches mit Versen, aber das habe ich nur auf Englisch: „The year of Issa“. Issa ist eigentlich der Vorname, Wikipedia weiß:
Kobayashi Issa (jap. 小林 一茶; * 15. Juni 1763 in Kashiwabara, Provinz Shinano (heute: Stadtteil von Shinano, Präfektur Nagano); † 5. Januar 1828 ebenda; bürgerlicher Name: 小林 信之 Kobayashi Nobuyuki, Kindheitsname: 小林 弥太郎 Kobayashi Yatarō)
Aber wir bleiben bei dem Namen, mit dem er sich selber nennt, Issa. Wiki sagt: „Fröhlichkeit, buddhistische Genügsamkeit und Zufriedenheit bestimmen Issas Werke.“ Hmm – etwa dieses Bild geben viele Haikuanthologien her. Natürlich, schöne kleine Jahreszeit-Stimmungen, aber wars das? In meiner ersten Anthologie –das Penguin-Taschenbuch für damals sehr üppige 21,85 Mark gekauft – liegt ein Lesezeichen aus einem Kalender vom März 1983, direkt daneben steht:
One bath
after another –
how stupid.
Winter lull
no talents,
thus no sins.
Harmlosfröhlich klingt das nicht. Und aus dem autobiographischen Buch kenne ich das Gedicht auf den Tod eines seiner Kinder:
The world of dew
Is the world of dew,
And yet …
And yet …
Liebe Verlegerinnen, liebe Dichter, gebt uns bitte mehr vom yet! Es müssen nicht immer 17 Silben sein, wenn es deutlich kürzer geht, wie die englischen Beispiele zeigen. Merkwürdigerweise scheint auch die deutsche Sprache oft weniger als 17 Silben für den gleichen Inhalt zu brauchen, und dann? „Poetische“ Füllsel? Bitte nicht. Ja, es gibt auch geschwätzige Haiku – in Übersetzungen. Die drei englischen Beispiele sollen mein Geburtstagsblatt sein.
René Char
(* 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; † 19. Februar 1988 in Paris)
EINGESUNKENES ERDREICH
Zum Vaterland hat die Beere
Die Finger der Winzerin.
Sie aber, wen hat sie,
Am Ende des schmalen Pfades den grausamen Weinberg entlang?
Den Rosenkranz der Traube;
Am Abend die göttliche Frucht, die im Untergehn
Den letzten Lichtfunken blutet.
Übertragen von Johannes Hübner und Lothar Klünner
Aus: Poesiealbum 74: René Char. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 28
FONTIS
Le raisin a pour patrie
Les doigts de la vendangeuse.
Mais elle, qui a-t-elle,
Passé l’étroit sentier de la vigne cruelle?
Le rosaire de la grappe;
Au soir le très haut fruit couchant qui saigne
La dernière étincelle.
Ich zitiere nach der Ausgabe, in der ich als Student zum ersten Mal Texte von René Char las – das Poesiealbum, damals noch von Bernd Jentzsch herausgegeben, war nicht nur ein Ort zum Debütieren für junge Dichter, das auch, aber eben auch die erste Adresse für moderne Weltliteratur für DDR-Leser mit zahlreichen DDR-Erstveröffentlichungen, zum unschlagbaren Preis („EVP“) von 90 Ostpfennig am Zeitungskiosk erhältlich (wenn man Glück hatte, die hohe Auflage war oft schnell ausverkauft). – Mit Originaltext in René Char, Draußen die Nacht wird regiert. Poesien. Französisch und Deutsch. Mit einem Nachwort von Albert Camus. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1986, S. 192.
Theodor Däubler
(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)
Aus: Das Nordlicht / Der äthiopische Totentanz
(…)
Eine Lotosblume ragte
Nun verduftend in die Nacht:
Als die Glut der Liebe tagte,
Ist die Blume hold erwacht:
Und vor solcher Pracht verzagte
Mein Begehr, der brunstentfacht
Jede tolle Frage wagte,
Um zu wissen, was, vollbracht,
Jede Antwort kühl versagte:
Klar hab ich da nachgedacht!
Denn der Blüte blasse Blätter
Wiegten sich gar wollustbleich,
Blutdurchglüht und leicht violetter
Schmiegten sie sich weiblichweich,
Immer fleischlicher und fetter,
Endlich weißen Leibern gleich,
Eins ans andre, als erkletter
Jede Wallung aus dem Teich,
Fiebernd, wie ein fernes Wetter,
Leiblich schon und wollustreich,
Ein erzuckendes Empfinden,
Das als Buhlin sich ergibt:
Und ich ahnte, hier verbinden
Bündel, was sich rings verschiebt!
Wenn wir selbst in Lust uns winden,
Wenn die Brunst als Glück zerstiebt,
Sucht das Weib vom Weib zu finden,
Was im Rausch dem Mann entsiebt,
Und der Mann will sich entrinden,
Der den Mann im Weibe liebt!
Welturanisch, unerklärlich
Liebt sich selbst das tiefste Ding:
Ewig still und unversehrlich
Schließt sich der Uräus-Ring!
Die Geschlechter sind begehrlich,
Doch das Übel ist gering,
Für sich selber nur gefährlich,
Weil sich drin der Schmerz verfing,
Bleibt ihr Dasein unentbehrlich,
Daß die Liebe sich entschwing!
In den letzten Brunstgewittern,
Die ganz kraftlos sind und satt,
Sprüht die Liebe noch aus Zwittern,
Fast affektlos schon und matt;
Ohne Fernen zu durchwittern,
Ist die Liebe satt und platt,
Kaum geschlechtlich mehr, erzittern
Leib an Leib verlegen, glatt;
Und hier zucken und verwittern
Weib an Weib als Lotosblatt. —
(…)
Walter Rheiner
(* 18. März 1895 in Köln; † 12. Juni 1925 in Berlin-Charlottenburg)
Nachtschnellzug
Dunkel der Nacht, das ruhig schien und fest,
zieht sich zusammen, kreist um eine Stelle
in immer engrem Strudel, wildrer Schnelle,
einschlürfend wie ein Maelstrom. Doch es läßt,
endlich aufschießend wie verirrte Welle,
zwei Lichter blühen aus dem schwarzumrasten
Zentrum des Wirbels. Und aus dem verglasten,
entfachten Horizont bricht das Gebelle
der angstgestreckten Wagenkörper vor,
die aus zerborstner Tiefe in die Helle
einbrausen: ins geduckte Hallentor
des aufgeschreckten Bahnhofs, der erzittert,
im Tanz der Räder schwillt, aufspringt und gelle
berauschte Schreie brüllt und dröhnend splittert.
Aus: Walter Rheiner, Kokain. Lyrik Prosa Briefe. Mit Illustrationen von Conrad Felixmüller. Hrsg. Thomas Rietzschel. Leipzig: Reclam, 1985, S. 31
Richard Pietraß
Zuspruch
Schmerz, verschmerze, Blut, erblühe. Fenster, verjag
Die Gespenster. Mut, gib dir Mühe.
Herz, nur zu. Niere, denk dran. Lippen, steht Schmiere
Vorm Hippenmann. Leib schwill. Brust, bleib still.
Nacht, wache. Tag, sag, ist das seiner Fäuste Schlag?
Gelind! Geschwind! Kind, mach Wind!
Aus: Richard Pietraß, Freiheitsmuseum. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1982, S. 59
Linda Hogan
(…)
Da ist der Mund eines Mannes,
seine Zunge,
verschwistert dem Gras und dem Licht
und den vierbeinigen Geschöpfen.
Er spricht von einem neuen Morgen.
Er gibt den kleinen Tieren eine Stimme.
Er gibt den Adlern das Mitspracherecht.
Er spricht für die Fische.
Das Licht der Schöpfung erstrahlt.
Licht.
Helleuchtend.
Die Welt beginnt neu.
Ich will diesen Zauber nicht brechen.
Ich will, daß diese Worte ihre Kraft bewahren.
Ich will diesen Zauber nicht brechen.
Linda Hogan, von Chickasaw- und weißer Abstammung, wurde 1947 in Denver geboren. Sie ist in
Oklahoma aufgewachsen, dem Land, in das die Chickasaw aus ihren ursprünglichen Stammesgebieten im Südosten zwangsübersiedelt worden waren. Nach Abschluß des Studiums an der Universität von Colorado führte ihre Lehrtätigkeit (u. a. über indianische Literatur) die Autorin in viele Staaten der USA. Linda Hogan veröffentlichte Lyrik und Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien.
Bisher sind drei Gedichtbände von ihr erschienen. Sie ist im „American Indian Movement“ und in der Anti-Atom-Bewegung engagiert.
Aus: Auch das Gras hat ein Lied. Indianertexte der Gegenwart. Ausgewählt und übertragen von Käthe Recheis und Georg Bydlinski. Wien, Freiburg, Basel: Herder, 1988, S. 10

Der Mond ist aufgegangen Die gold’nen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar Der Wald steht schwarz und schweiget Und aus den Wiesen steiget Der …
Er ist nur halb zu sehen
Julius Kurth
Einer der berühmten sechs großen Dichter, der Sojo (Bischof) Henjo, hat folgendes köstliche Lied ersonnen:
Hachisu-ba no
nigori ni shimanu
kokoro mote,
nanikawa tsuyu wo
tama to asamuku?
Das heißt wörtlich: „Wenn das Herz des Lotusblattes nicht mit Schmutz besudelt ist, warum lügt es dann seinen Tau als Edelsteine?“ Das gibt K. Florenz „Dichtergrüße“ p. 59 wieder:
„Daß vom Schmutz und allem Makel frei
Stets das Herz des Lotusblattes sei,
Hab ich tausendmal gehört. —
. Doch wie läßt sich das damit vereinen,
Daß es seinen Tau gleich Edelsteinen
Glitzern läßt, und also uns betört?
Fraglos sehr hübsch und dem Verständnis des deutschen Lesers durch Erweiterungen nahe gebracht! Was aber dies Gedicht so äußerst reizvoll macht, geht aus der Übersetzung nicht hervor: Das glatte, fast lederartige Blatt des Lotus hat die Eigentümlichkeit, daß der Tau nicht feuchtend zerrinnt, sondern wirkliche Perlenkugeln bildet. Es müßte also eine noch weitere Umschreibung gewählt werden — und damit würde die Pointe der Kürze totgemacht! — oder es genügt eine Wiedergabe im Silbenumfange des Originals mit einer kurzen Fußnote. Wenn diese Note dem Leser die Eigentümlichkeit des Lotusblattes bekanntmacht, so versteht er das Gedichtchen ohne besondere umdichtende Erweiterung.
Nun ist ja „Herz“ als „Seele“ und „Inneres“ des Blattes doppelsinnig, ebenso „Schmutz“ als äußerlich und innerlich. Darum gilt es, bei wortgetreuer Übersetzung auch im Deutschen mit einem Worte den Doppelsinn zu umgreifen, und bei der ungeheuren Bildungsfähigkeit unserer Muttersprache ist das meist möglich.
Ich habe folgende Übersetzung vorgeschlagen:
Es trübt kein Fleckchen
Das Herz des Lotusblattes —
Warum doch lügt es,
Daß Edelsteine seien
Die Kugeln seines Taues?
Die Übersetzung ist fast wörtlich und gibt mit der genauen Silbenzahl zugleich die Pointe und den Doppelsinn des Originales. Allerdings müssen japanische Gedichte noch mehr gesehen, als gehört werden.
Aus: Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Originalen übertragen von Dr. Julius Kurth. 3. Aufl. München und Leipzig: Piper, o.J., S. II-IV
Henjo (815—890) ist einer der 6 „göttlichen“ Dichter (unter denen übrigens eine Frau ist, Ono
no Komachi).
Andere Fassungen, die ich gefunden habe:
Manfred Hausmann
Nichts ist so rein
wie die Seele der Lotosblume.
Warum will sie uns glauben machen,
die Tautropfen auf ihren Blättern
seien Perlen?
Aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte. Übertragen von Manfred Hausmann. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1960, S. 38.
Paul Lüth
WEIDEN IM FRÜHLING
VON SADJO HENJO
In hartem Grün hängen
Kostbare Fäden von blinkenden Ästen herunter.
Weiße Tropfen von Tau drängen
Wie Perlen sich dran: – Frühlingswunder . . .
(Ich bin nicht ganz sicher, ob es das gleiche Gedicht ist, es ist aber möglich… Man war halt so frei…).
Aus: Frühling, Schwerter, Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik … von Paul Lüth Berlin: Paul Neff Verlag, 1942, S. 92.
Hans Bethge
DAS LOTUSBLATT
HENJO
Ganz ohne Makel, weiß und leuchtend, blüht
Das Lotusblatt. Es scheint ganz ohne Trug —
Und dennoch lügt es: denn das eitle will
Uns glauben machen, daß im edeln Schmucke
Von Diamanten es erstrahle, — und
Es sind doch Tropfen Taus nur, die es zieren!
Aus: Hans Bethge, Japanischer Frühling. Leipzig: Insel, 1911, S. 39
Nach all den zum Teil wortreichen Umdichtungen noch einmal die nackte Prosa, die mir am stärksten im Uhr klingt.
Wenn das Herz des Lotusblattes nicht mit Schmutz besudelt ist, warum lügt es dann seinen Tau als Edelsteine?
(Warum gibt man bei japanischen oder chinesischen Gedichten den Nachdichtungen nicht immer die Prosafassung bei?)
Heute haben so viele Dichter Geburtstag, Ulf, Fabjan, Hendrik, ich grüße euch mit einem Gedicht von Gerard Manley Hopkins, der zwar nicht an einem 8. Juni geboren ist, aber an den man trotzdem jeden Tag denken kann, so auch heute. L&Poe hatte das Gedicht schon mal, aber: wiederhol es, hol es wieder! Heute in erweiterter Form.
Gerard Manley Hopkins
(* 28. Juli 1844 Stratford, † 8. Juni 1889 Dublin)
Repeat that, repeat. 4 Fassungen
Repeat that, repeat, Cuckoo, bird, and open ear wells, heart springs, delight- fully sweet, With a bailad, with a ballad, a rebound Off trundled timber and scoops of the hillside ground hollow hollow hollow ground : The whole landscape flushes on a sudden at a sound.
Dorothea Grünzweig
Sing’s wieder, wieder Kuckuck, Vogel, öffne Ohrborn, Herzquell, süße Lieder, Rückprall Hall von Zockelholz dem reizenden Gesang, Gesang, von Kellen in dem Grund vom Hang, hohler hohler hohler Hang: Errötet alle Landschaft jählings bei dem Klang
Aus: Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache. Gedichte, übertragen und kommentiert von Dorothea Grünzweig. Hörby: Edition Rugerup, 2009, S. 87
Felix Philipp Ingold
Wiederhol es, hol es wieder, Hol's der Kuckuck, Vogel, mach, dass Ohren knospen, Herzen blühn - sing Gurrelieder, Stimm Sang um Sang an, Hall und Widerhall Von Holz, das rollt, Gerät, das gräbt am Berg, im Tal, der Erdgrund hohl und hohl der Hall: Ein großer Klang ist plötzlich da, ist überall.
Aus: Zwischen den Zeilen 7-8, März 1996
Oskar Pastior
rolls joyce uns, rolls joyce, curcubita! und hopkins uns orwell, herz(!)schrittmacher, wie's in leyden geschieht wiesen zwischen-wissen, wiesen ballast-pallas, auf ruck-zuck-balz und windbruchmaterial im schnalzer (nativ) aus halden halden halden, holunder hollander zylinder – und das halbe flachsland rauscht auf einmal flaschenpost
(Ebd.)
In dem Heft von Zwischen den Zeilen gibts noch mehr:
Ein Gedicht von Gerard Manley Hopkins
in Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, Oskar Pastior,
Joachim Sartorius, Raoul Schrott und Schuldt
mit einem kommentierenden Versuch von Hans-Jost Frey
(Fragen Sie Ihre Bibliothek, ob sie, diese Zeitschrift werden Sie ja wohl haben, oder?)
Hölderlinjahr. Vor 250 Jahren und rund 3 Monaten wurde Friedrich Hölderlin geboren. Heute vor 177 Jahren starb er in Tübingen, wo er fast die Hälfte des Lebens als amtlich anerkannter Geisteskranker gelebt hatte.
Ich bringe zum Anlaß eine Strophe aus der zweiten (er hatte ja schon ein paar Jahrzehnte vorher in Tübingen studiert, wo er eine Stube mit Hegel und Schelling teilte) Tübinger Zeit, die man poetisch die „Turmzeit“ nennt, weil er in einem Turm überm Neckar ein relativ freundliches Asyl gefunden hatte. Ich teile die isolierte Strophe in 4 Textfassungen mit, jeweils mit Herausgeberkommentar. Die Textfassung dieser 4 Zeilen unterscheidet sich zwar nur in wenigen, mancheR vielleicht unwesentlich erscheinenden Details, die Angaben zur Entstehungszeit dafür umso mehr, wie auch immer: ein wenig Skepsis gegenüber dem Text, den man zufällig in irgendeiner Ausgabe vor sich hat, ist immer angebracht, nicht nur bei Hölderlin.
(Noch eine persönliche Anmerkung: wegen Corona ist die hiesige Universitätsbibliothek noch geschlossen, ich persönlich denke zwar, dass die Universität mit besserem Konzept hätte Wege finden können und sollen, die nicht gerade oft überlaufene Bibliothek auch schon vor der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs mit wenig Aufwand zu öffnen. In meiner Privatbibliothek habe ich viele Hölderlinbände, aber für alle relevanten Bände war das Budget um einige tausend Mark und Euro zu klein. So habe ich von der ziemlich teuren Frankfurter Ausgabe nur die mir wichtigsten 3 letzten Bände hier stehen. Die 17 anderen stehen in der Unibibliothek, also leider noch nicht zugänglich. Eigentlich habe ich eine Aktie an deren Bestand – in der wilden Gründerjahren nach 1990, als manchmal Gelder flossen, war es mir gelungen, die bisher in 2 Jahrzehnten erschienen Bände für die Germanistik zu bestellen, die Bibliothekarin freute sich über meine Bücherlisten, lang ists her. Smiley.).
Stuttgarter Ausgabe, Hrsg. Friedrich Beißner 1944ff:
s p ä t e s t e g e d i c h t e NICHT ALLE TAGE. . . Nicht alle Tage nennet die schönsten der, Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo Ihn Freunde liebten wo die Menschen Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.
Bd. 2,1, S. 280
Kommentar:
Hölderlin, Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 9. Luchterhand 1984, S. 59:
Nicht alle Tage…
Ernst Zimmer teilte die Strophe am 22. Dezember 1822 einem Ungenannten, vermutlich dem Grafen Schack mit und schrieb dazu: Daß Höld: zuweilen seinen Zustandt fühlt ist keinem Zweifel unterworfen Er machte vor ein paar Jahren folgenden vers auf Ihn selbst (vgl. LX: 68 ff.). Nach der ungefähren Zeitangabe dürfte diese letzte bekannt gewordene alkäische Strophe um 1830 oder Ende der zwanziger Jahre entstanden sein.
Emendation bei: 2 zurücksehnt
Emendierter Text
Nicht alle Tage nennt die schönsten der, Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo Ihn Freunde liebten wo die Menschen Über dem Jüngling mit Gunst verweilten.
Hölderlin, Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente (Bremer Ausgabe). Hrsg. D.E. Sattler. Bd. 12, 1806-1843, München: Luchterhand 2004, S. 25:
1809
Nicht alle Tage nennt…
Ernst Zimmer teilt die alkäische Strophe am 22. Dezember 1834 mit und setzt hinzu, er machte vor ein paar Jahren folgenden Vers auf ihn selbst. Wahrscheinlich scheute er sich, dem Adressaten, vmtl. Adolf Friedrich von Schack, die so lange zurückliegende, in der Nähe der ihm gewidmeten Ode einzuordnende alkäische Strophe mitzuteilen.
Nicht alle Tage nennet die schönsten der, Der sich zurüksehnt unter die Freuden wo Ihn Freunde liebten wo die Menschen Uber dem Jüngling mit Gunst verweilten.
Hölderlin, Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. D.E. Sattler. Frankfurt/Main, Basel: Stroemfeld/ Roter Stern, 2008, S. :
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