Gottfried Benn
(* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin)
Tag, der den Sommer endet,
Herz, dem das Zeichen fiel:
die Flammen sind versendet,
die Fluten und das Spiel.
Die Bilder werden blasser,
entrücken sich der Zeit,
wohl spiegelt sie noch ein Wasser,
doch auch dies Wasser ist weit.
Du hast eine Schlacht erfahren,
trägst noch ihr Stürmen, ihr Fliehn,
indessen die Schwärme, die Scharen,
die Heere weiterziehn.
Rosen- und Waffenspanner,
Pfeile und Flammen weit –;
die Zeichen sinken, die Banner –;
Unwiderbringlichkeit.
Aus: Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 263. Entstanden 6.8.1935. Erstdruck 1936
Manchmal ist eine Übersetzung treuer, weil freier. Oder nur frei möglich? Wie hier bei Eduard Mörike:
Jesu benigne!
A cujus igne
Opto flagrare
Et te amare:
Cur non flagravi?
Cur non amavi
Te, Jesu Christe?
– O frigus triste!*
*) Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl längst vergriffenen Andachtsbuch. Sie sind unnachahmlich schön; indessen fügen wir, um einiger Leser willen, diese Übersetzung bei:
Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie theuer
Wollt‘ ich es hegen,
Wollt‘ ich es pflegen!
Hab’s nicht geheget,
Und nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen,
– O Höllenschmerzen!
Aus: Eduard Mörike: Maler Nolten
George Bacovia
(* 5.jul./ 17. September 1881 greg. in Bacău; † 22. Mai 1957 in Bukarest)
Sonett
Die Nacht so schwer und feucht, man könnt ertrinken.
Im Nebel – müde, rot, kaum noch ein Blinken.
Trübselig, blakend die Laternen glimmen.
Als ob man sich in ekler Kneipe finde.
In tiefres Schwarz die Vorstadt scheint zu sinken …
Auf Dächer trist sich Regengüsse schwingen –
Und bittren, trocknen Husten hört man klingen
Durch Wände, knarrend einsturzreif im Winde.
Wie Edgar Poe ich nun nach Hause wanke,
Oder wie Paul Verlaine, vom Suff bezwungen.
An nichts verliert sich heut noch mein Gedanke.
Drolligen Schritts bin ich dann eingedrungen
Ins finstre Haus, wenn auch ein wenig schwankend,
Und stürz, stürz wieder, red wirr mit dem Munde.
Deutsch von Roland Erb, aus: George Bacovia, Pfahlbauten. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1985, S. 14
Aus dem Band: Plumb (Blei), 1916
SONET
E-o noapte uda, grea, te-neci afara,
Prin ceaţa- obosite, roşii, fara zare-
Ard, afumate, triste felinare,
Ca intr-o craşma umeda, murdara.
Prin mahalali mai neagra noaptea pare…
Şivoaie-n case triste inundara-
Ş-auzi tuşind o tuse-n sec, amara-
Prin ziduri vechi ce stau in daramare.
Ca Edgar Poe, ma reintorc spre casa,
Ori ca Verlaine, topit de bautura-
Şi-n noaptea asta de nimic nu-mi pasa.
Apoi, cu paşi de-o nostima masura,
Prin intunerec bajbaiesc prin casa,
Şi cad, recad, şi nu mai tac din gura.
Alwine Wuthenow
(* 16.9.1820 Neuenkirchen bei Greifswald, † 8.1.1908 Greifswald)
Heute ein Gedicht in niederdeutscher (plattdeutscher) Sprache. Die Autorin Alwine Wuthenow nannte sich, vielleicht um die Familie (Ehemann Bürgermeister in Gützkow und Kreisgerichtsrat in Greifswald, Vater Superintendent in Gützkow) nicht zu kompromittieren, als Autorin Annmariek Schulten (Genitiv von Schult oder Schulte). Fritz Reuter hat sie geschätzt und gefördert. Ihr Biograf Gassen schrieb: „Von ihrem 19. Lebensjahr an war sie leidend (schwermütig), wenn auch zeitweise scheinbar geheilt.“
L&Poe heute platt(deutsch), regional, kindlich und fromm. Rohübersetzung unten.
An de Untofreden.
Ji klagt un slagt de Hänn tosam,
Dat Alls juch kümmt vördwas;
Dat nix as Unglück üm juch rum
Un nix juch mihr to Paß!
Hier ist’t nich nog un dor to veel,
To kort hier, dor to lang,
Hier is’t to dick un dor to dünn
Un nix is juch to Dank.
Sünst is dat All vel beter west,
So meint juch kloke Sinn –
Jo, wohrlich, ‚lett, as op leiw Gott
Gor nich mihr husholln künn!
Un wenn ji ‚t doch man weten wullt,
Hei ’s ümmer noch de Oll,
Is ümmer as he ständig dahn,
Bedacht noch up juch Wol.
Is, wat he ümmer wesen deed,
Rath, Helfer, Trost un Fründ
Un is noch Vader jede Stund,
Doch bünt ji uk sin Kind?
He hett sik hollen stets to juch,
Doch hollt ji ok to em?
Ach hürt, ik glöw, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.
Hei is noch immer vuller Gnad,
Vull söte Leiw un Huld,
Un wenn kein Stülp nich passen will,
Glöwt mi, de Pott hett Schuld!
Das bedeutet ungefähr (die anderthalb Zeilen, die ich nicht verstanden habe, bleiben im originalen Wortlaut – vielleicht liest jemand mit, der es mir erklärt?):
An die Unzufriedenen.
Ihr klagt und schlagt die Händ‘ zusamm‘,
Dass Alls euch kommt verquer;
Dass nix als Unglück um euch rum
Und nix euch mehr zu Paß!
Hier ist’s nicht genug und da zu viel,
zu kurz hier, da zu lang,
Hier ist’s zu dick und da zu dünn
Und nix ist euch zu Dank.
Sonst ist das Alls viel besser gewest,
So meint eu’r kluger Sinn –
Ja, wahrlich, s’ist, als ob der lieb‘ Gott
Gar nicht mehr haushalten könnt!
Und wenn ihr’s doch mal wissen wollt,
er ’s immer noch der Oll,
Ist immer wie er stets getan,
Bedacht auf Euer Wohl.
Ist, was er immer gewesen ist,
Rat, Helfer, Trost und Freund
Und ist noch Vater jede Stund,
Doch seid ihr auch sein Kind?
Er hat gehalten stets zu euch,
Doch halt’t ihr auch zu ihm?
Ach hört, ich glaub, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.
Er ist noch immer voller Gnad,
Voll süßer Lieb und Huld,
Und wenn kein Deckel passen will,
Glaubt mir, der Topf hat Schuld!
Quelle des Originaltexts: Nige Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren [Neue Blumen aus Annmariek Schulten ihrem Garten] von A. W. Greifswald und Leipzig: Koch / Kunike, 1861, S. 63f

Baldur Óskarsson
(* 28. März 1932 in Hafnarfjörður, † 14. April 2013)
An einen alten Freund
Beim ersten Kennenlernen ist ein Gedichtband
eine Stadt gesehen vom Meer
Du segelst die Küste entlang
Straßen öffnen sich und Sunde
und wahrscheinlich ist es schon Zeit
einen Hafen aufzusuchen
Du betrittst die Anlegebrücke
Gesichter begegnen dir
- Gesichter Gesichter Gesichter -
Du begegnest dem Blick
Lichter flammen auf
Wahrscheinlich empfängt dich die Stadt mit offenen Armen
Aus dem Isländischen von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer.
Aus: Wolfgang Schiffer (Hrsg.): Am Meer und anderswo. Isländische Autoren in deutscher Übersetzung. Lyrik und Kurzprosa. Silver Horse Edition, 2015, S. 68
Àxel Sanjosé
Man liest, wohin man liest, nur noch ein Wort: Corona.
Nicht Lorbeer-, Dornen-, Gold- noch Lilien- können weilen –
die Kron’ der Schöpfung muss den Rang mit Viren teilen,
der Dichter dichtet aus und schont die Ärmelschoner.
Nicht Mailand, nicht Madrid und auch nicht Barcelona
gewähren Zuflucht noch. Wohin sollen wir eilen?
Wir arbeiten remote und hörn zwischen den Zeilen
das Ticken unsrer Uhr. Schlägt uns die hora nona?
Beständiger als Erz wähnten wir Geisteswerke,
doch jetzt erhält Horaz einen ganz neuen Wert:
das Zellstoffpotential der Bände wird zur Stärke,
Ovid himself tät solch Metamorphose loben.
Was bleibt, das stiften nun die Ticker unversehrt,
man liest: »Jüngstes Gericht auf unbestimmt verschoben«.
(März 2020)
Werner Dürrson
(* 12. September 1932 in Schwenningen am Neckar; † 17. April 2008 in Neufra)
Der
ist nicht
in Sätze zu zwingen
der steht
nicht zum Wort
wir lassen ihm
Raum frei zwischen
den Zeilen
hoffen
er falle
durch sie hindurch
Aus: Werner Dürrson: Ausleben. Gedichte. Moos & Baden Baden: Elster, 1988, S. 45
Thomas Kling / Natalie Schellander
gedicht für übersetzerstudentn
poemistraforestundenslateronsowellaniewollane
wemailedsdry!(fig.a):«newheresemesecreepeloneye»
,«’nslater!»«honeyecome»(figa.b.),«b.b.goforworko
olybee….keep’emoneybeekeeper’speek’ree»(’nee:ras
chaschasch….brachalanlano….;)dem’n‘ofinga:WHER
EtHEBEELEGSWEREDEMENtLt)armsbirndaloxee’ns’layt
orbeetraytor«tür’k’n’n’t’raubn!»omen=omengelleds
pretend’tweredersernerderserner(sig.)
gedicht für übersetzerstudentn
übertragun‘!, wi komnu zus über
übn-tragn! (fig. 1): »voll an di
waffel gekriecht«, »übersetzn si«
»durchkrochne wabn« (fig. 2), »a-
beizbienchen losgejagt, jäger- und
dreiimkerübertragun’« (nie übers
hetzn, indi kohle hant gesprochnes
sprachelchen..; es folgt, unfiguriert:
DER DENKGESEZZE ÄDERUN‘) bewaffnetn
aux betrachtet heißt »dat rübn setz«,
geändert, simultan gezeichnet: doktor serner.
(für Andreas F. Kelletat)
Aus: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hrsg. Urs Engeler. Nr. 23, Oktober 2004: Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer, S. 202f
Thomas Kling (* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)
Natalie Schellander (* 1978 in Wien)
Noch einmal Adelaide Crapsey. Ich finde es wunderbar, dass der gestrige Beitrag mehrere Versionen ihres Gedichts gebracht hat. Das Cinquain ist einerseits von japanischen Gedichten inspiriert und andererseits eng mit den amerikanischen Modernisten verbunden, ich nenne Ezra Pound und Hilda Doolittle (H. D.). Ich finde, ein wunderbares Zusammenfallen von asiatischer Kunst, westlichem Modernismus und zugleich eben doch – zumindest beim Cinquain – Eingängigkeit bis hin zum didaktischen Cinquain. Eher Zugänglichkeit als Hermetismus.
Heute ist der Geburtstag von H. D., aber ich bringe noch einmal Adelaide Crapsey. Ein Fünfzeiler, ich weiß nicht, ob sie ihn als Cinquain bezeichnet hat, er hält sich nicht streng an Silbenzahlen, aber ähnelt dieser Form doch sehr. Das Gedicht behandelt die biblische Gestalt der Judith (die auch für die junge Barockdichterin Sibylla Schwarz um 1637 Leitfigur war).
Adelaide Crapsey
(1878-1914)
Judith Israel! Wake! Be gay! Thine enemy is brought low— Thy foe slain—by the hand, by the hand Of a woman!
Meine Rohübersetzung:
Judith Israel! Freu dich! Wach auf! Dein Feind, er liegt im Staub – Er liegt erschlagen von der Hand, von der Hand einer Frau!
Sibylla Schwarz
(1621-1638)
Aus einem Glückwunschgedicht für ihre beste Freundin Judith Tanck. Es ist während des Dreißigjährigen Kriegs, Mars hält das Land in eisernen Banden, Judith soll helfen. Abra, Hebräisch = Magd, ist in Luthers Bibelübersetzung Judiths Magd. Die Dichterin schreibt sich als Abra in den Kampf gegen Mars ein, zwei junge Frauen sollen den Krieg der Männer beenden. Was für eine kühne, verzweifelte Utopie.
Jn summa / was du siehst in diesem grossen Runden / Ja selbst das grosse Rundt / ist durch und durch gebunden / O Mars / durch deinen Bandt / du ungebetner Gast Hast unser armes Landt ietzt grausahm umbgefast. Wer hilft uns doch von dir ? Jst dann kein Raht zu finden ? Vor hat ein Weibesbildt die Waffen künnen binden / O Freundin thu du auch / was Judith vor gethan / Nimb / nechst dem Nahmen / auch der Judith Thaten an ! O Judith / Judith / komb / und hilf uns ietzt auß Nöten / Weil Holofernes Här uns gäntzlich fast will tötten ! Komb / uns verlangt nach dier / thu wegk den Weiber=Muth / Dem gantzen Vaterlandt / und dir und mir zu guth ! Komb / komb / es ist schon Zeit / sonst sint wir balt verlohren / Wir haben ja den Wolff itzund schon bey den Ohren ! Komb / Holofernes geht / beladen von dem Wein / Komb / komb / hier ist ein Schwert / kom / ich wil Abra sein !
Aus: Auff Jungfer Judith Tanckin Namenstagk, in meiner Ausgabe #61. Der erste Band wird in diesem Herbst erscheinen, der zweite im Jahr des 400. Geburtstags der Dichterin Sibylla Schwarz, 2021.
Adelaide Crapsey
(* 9. September 1878 in Brooklyn Heights, New York; † 8. Oktober 1914 in Rochester, New York)
Die amerikanische Dichterin ist außer der englischen Wikipedia nur der ägyptischen, italienischen, japanischen, polnischen und ukrainischen Version bekannt. Was ich da (also in dem Teil, den ich entziffern kann) fand, weckt aber Interesse. Sie ist besonders bekannt für eine Gattung Fünfzeiler, die sie Cinquain nannte. Auch das gibt es bei Wikipedia nur in wenigen Sprachen, darunter Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch und Tschuwaschisch. Der französische Eintrag verlinkt auf Quintil, eine französische Gattung von Fünfzeilern mit zwei Reimen, die es vom Mittelalter bis zur Moderne, so bei Guillaume Apollinaire, gab. Die englische Wiki kennt das amerikanische Cinquain als eine besondere Form des Fünfzeilers, den Adelaide Crapsey erfunden hat, inspiriert vom japanischen Tanka. Daneben gibt es didaktische Cinquains und andere Formen: Tanka, Tetractys und Lantern. Cinquain wiederum leitet auf den Oberbegriff Quintain, verstanden als jede poetische Form von fünf Zeilen, worunter außer Cinquain auch Tanka, Quintilla und Limerick behandelt wird.
Aber zum amerikanischen Cinquain, welches auf Crapsey zurückgeht und auch bei anderen englischsprachigen Autoren Verbreitung fand (und variiert wurde). Wiki Russisch erwähnt, daß didaktische Cinquains 1997 auf Russisch erschienen.
Das amerikanische Cinquain hat die Silbenfolge 2-4-6-8-2. Oft aber nicht immer ist es jambisch. Crapsey gibt ihren Gedichten – im Unterschied zu den japanischen Fünfzeilern – eine Überschrift, im Grunde also eine sechste Zeile. Crapseys Cinquain basiere auf der strengen Struktur und intensiven Naturbildern (intense physical imagery), um eine Stimmung oder ein Gefühl auszudrücken.
Als berühmtes Beispiel (hah, nicht berühmt bei uns!) wird dies angeführt:
November Night
Listen…
With faint dry sound,
Like steps of passing ghosts,
The leaves, frost-crisp’d, break from the trees
And fall.
Ich versuche eine nicht wort- sondern silbengetreue Übersetzung:
Novembernacht
Hör hin…
Der schwache Ton
Als trippelten Geister
Blätter von Bäumen gefallen
Frostbleich.
Nicht dasselbe, aber ein Versuch. Adelaide Crapsey.
Helga M. Novak
(* 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)
LERNJAHRE SIND KEINE HERRNJAHRE
mein Vaterland hat mich gelehrt:
achtjährig
eine Panzerfaust zu handhaben
zehnjährig
alle Gewehrpatronen bei Namen zu nennen
fünfzehnjährig
im Stechschritt durch knietiefen Schnee
zu marschieren
siebzehnjährig
in eiskalter Mitternacht Ehrenwache
zu Stalins Tod zu stehen
zwanzigjährig
mit der Maschinenpistole gut zu treffen
dreiundzwanzigjährig
meine Mitmenschen zu denunzieren
sechsundzwanzigjährig
das Lied vom guten und schlechten
Deutschen zu singen
wer hat mich gelehrt
Nein zu sagen
und ein schlechter Deutscher zu sein?
Aus: Helga M. Novak: Grünheide Grünheide. Gedichte 1955-1980. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand, 1983, S. 32
Catharina Regina von Greiffenberg
(* 7. September 1633 auf Schloss Seisenegg in Viehdorf bei Amstetten in Niederösterreich; † 10. April 1694 in Nürnberg)
Uber ein Lustbringendes Regenlein Der Regen schadet nichts / als daß er uns die Lust nur tausendmal verschönt / und angenemer machet. Die Sonn / nach hartem Strauß / mit klaren Strahlen lachet. der Himmel seuget nur die Erd mit seiner Brust. Er ist der Nectar Tranck / der Lust-erweckend Must. Er schläfft die Sonne ein / daß sie nur frischer wachet. Der kurz-verdeckte Schein / mehr Gier und Zier ursachet; Entziehung / wünschen mehrt; wie jederman bewust. Er ist des Himmelsgeist / der sich hell distilliret: der Balsam / der die Welt mit Blumen Ruh erfüllt / wann Gott der Wolken Glaß zerbricht / mit Freuden quillt; Als Himmlische Tinctur / mit Gold die Erden zieret. Es ist der Segensafft / aus Gottes Mund herfliesset: des Wollust-Nutzbarkeit / das ganze Land geniesset! Quelle: Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 236. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004880137
Die Nacht vom 6. auf den 7. September 1780 verbrachte Goethe in einem Häuschen auf dem Kickelhahn genannten Berg bei Ilmenau. Dort schrieb er das Gedicht mit dem berühmten Anfang „Über allen Gipfeln ist Ruh“ mit Bleistift auf die Holzwand. Er kam öfter wieder, 1813 erneuerte er die Handschrift und signierte: „Ren(ovatum) 29. August 1813.“ Zuletzt besuchte er das Haus am 27. August 1831. Das „Goethehäuschen“ genannte Haus wurde ein Wallfahrtsort der Literaturfreunde. Drunter auch der ein und andre Frevler, der etwas dazuschrieb – einer wollte gar das Stück heraussägen, wurde aber überrascht und mit Faustschlägen davon abgebracht. Am 12. August 1870 benutzten Beerensammler das offene Haus, um die regennassen Kleider zu trocknen. Weil sie die Glut nicht löschten, brannte das Haus ab. Immerhin war die Inschrift fotografisch gesichert worden.
Das Gedicht des Tages heute in der Bretterwandfassung, so gut sie sich entziffern lässt:
Über allen Gipfeln
ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
kaum einen Hauch!
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Goethe druckte das Gedicht zuerst in einer Werkausgabe 1815 mit wenigen Abweichungen: Großschreibung der Zeilenanfänge, Normalisierung der Zeichensetzung und als einzige Abweichung im Wortlaut: Vögelein statt Vögel. In Abschriften des Gedichts von Herder und L. v. Göchhausen steht statt Gipfeln: Gefilden. In dieser Form ist das Gedicht ohne Goethes Zustimmung bereits 1803 von Kotzebue veröffentlicht worden, anscheinend nach einem früheren Raubdruck von 1800. Im Februar 1801 erschien es in der britischen Zeitschrift „The Monthly Magazine“, ebenfalls in leicht abweichender Form:
Ich schließe mit einer englischen Fassung von Henry Wadsworth Longfellow:
O’er all the hilltops
Is quiet now,
In all the treetops
Hearest thou
Hardly a breath;
The birds are asleep in the trees:
Wait, soon like these
Thou too shalt rest.
Christian Wernicke
(* im Januar 1661 in Elbing; † 5. September 1725 in Kopenhagen)
Auf die wunderbahre Wirckungen des Gemüths und des Glücks
DAß ich heut Freuden-voll / bedachtsam und gescheut
Und morgen saur / zerstört / und voller Traurigkeit /
Und diß wie das ohn‘ Ursach bin ;
Daß ich heut gantz gewiß gewinn /
Und morgen gantz gewiß verlier ;
Daß dieser Wechsel hält Gesetzte Maaß und Ziel /
Doch offtmahls früh- bald später sich einfindt /
Ist das was kein Descartes nicht ergründt :
Ich steh zwar offtmahls auff der Wach /
Und suche nach dem unerforschten Gut /
Ich grüble den unkennbarn Zeiten nach /
Umsonst ! Es ist des Glücks / des Hauptes Ebb und Fluth.
Aus: Das Zeitalter des Barock. Texte und Zeugnisse. Hrsg. Albrecht Schöne. München: C.H. Beck, 1963, S. 686
Neueste Kommentare