Autoren sind auch blind

Constantijn Huygens

(* 4. September 1596 in Den Haag; † 28. März 1687 ebenda)

Aus: Euphrasia Augentrost

Nur eine Sorte noch: Autoren sind auch Blinde,
besonders die von dir geliebten Dichterfreunde.
Die sind so dicht wie blind; sie sehen nur den Reim
und gehen in der Kunst den Wörtern auf den Leim,
der doch bloß kleben kann, als machten Leim und Schere
statt Hobel, Meißel, Maß dem Schreiner höchste Ehre.
Denn blindlings rühren sie die schwersten Sachen an
und hoffen dass der Reim der Rede folgen kann.
Doch wenn der Reim stagniert, wie sie den Kurs verlegen!
Und fahren kreuz und quer auf wunderlichen Wegen
und driften hin und her und rückwärts her und hin,
so dass die tolle Fahrt am Ende ohne Sinn
gänzlich im Leim erstickt: der Lotse hat geschlafen
und schleppt, selbst mitgeschleppt, dich in den falschen Hafen.
Wie schwankt ihr Reiseziel: sie steuern anfangs an
auf Japan, doch die Fahrt endet in Astrachan.
Das sind mir Käptens, das sind weitblickende Leute!
Bin ich davon nicht selbst das beste Beispiel heute?
(Zeit ist’s, dir zu gestehn, wie blind ich selber bin;
das kam dir, wie ich seh‘, schon früher in den Sinn!):
bedenk‘ nur, wo ich einst den Eislauf angefangen
und wie ich abgeirrt, es ist dir nicht entgangen,
mir gab der liebe Reim den Leim für mein Gedicht
und meine Rede stockt, sobald er mir gebricht.
Bin ja so herzlich blind wie meine Blindgesellen,
ja ich versteige mich sogar mir vorzustellen,
du seist entzückt von dem, was meine Verskunst spinnt.
Was sagst du? Bin ich nun wohl eher blöd als blind?
Das ist Poeten-Art, denn die zu dichten pflegen
sehen kein schöneres Ei als was sie selber legen.
Verprügeln kannst du ihn, doch sagt er unentwegt,
dass kein Poet so schön wie er die Laute schlägt.

Aus: Constantijn Huygens: Euphrasia Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, 913-944

Unverständliche Richtung

Ernst Meister

(* 3. September 1911 in Haspe, heute Stadtteil von Hagen; † 15. Juni 1979 in Hagen)

VOGELWOLKE

Ein Abend,
starrend von Staren . . .
und wärs auch
Wortspiel, es schafft sich
Wahrheit,
so schwarzes Gezwitscher,
ein unerhörtes
im Labyrinth.

Das muß
der Herbst sein. Er
runzelt die Braue:
die Vogelwolke
steigt auf aus
besudelten Wipfeln

und nimmt nach
Norden
unverständliche Richtung.

Aus: Ernst Meister, Ausgewählte Gedichte 1932-1979. Frankfurt/Main: Luchterhand, 1989 (3. Aufl., erw. Neuaufl.), S. 51

„Ausbürgerung gewaltsame Scheidung“

Else Lasker-Schüler

(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)

O wie mir die Scheidung nahe ging,
Von Berlin – viel näher wie ich wusste.
Denn ich liebte schon Berlin,
Unter Wilhelm und Auguste,
Rex und seiner Kaiserin.

O wie mir das nahe ging,
Ich verlor mein bischen Puste,
Da ich auf das ganze ging,
Mich verrannte in Berlin!
Und entfliehen musste.
Im Wehzug spät in der Nacht!

Aus einem Typoskript: „Tagebuchzeilen aus Zürich“, in: Else Lasker-Schüler: Gedichte. Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Ollers. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996, S. 337 (Kritische Ausgabe Bd. 1.1).

Else Lasker-Schüler war am 19. April 1933 „im Wehzug“ aus Berlin geflohen. In einem anderen Fragment schreibt sie: „Die Scheidung meiner Ehe mir begreiflicher, als meine Ausbürgerung gewaltsame Scheidung.“ (ebd. 337).

Todtengräberlied

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

(* 21. Dezember 1748 in Mariensee; † 1. September 1776 in Hannover)

Todtengräberlied

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Weiland groß und edel,
Nickte dieser Schedel
Keinem Gruße Dank!
Dieses Beingerippe,
Ohne Wang‘ und Lippe,
Hatte Gold und Rang!

Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön wie Engel sind!
Tausend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften sich halb blind!

Grabe, Spaden, grabe,
Alles was ich habe
Dank ich, Spaden, dir!
Reich‘ und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einst zu mir!

Erstdruck: Musenalmanach für 1777. Herausgegeben von Johann Heinrich Voss. Hamburg

Du mußt anders werden

Wolfgang Hilbig

(* 31. August 1941 in Meuselwitz, Landkreis Altenburg; † 2. Juni 2007 in Berlin)

Pro domo et mundo

Nun wird es dunkel: du mußt anders werden
die Wasser fließen schneller und ihr kalter Dunst gerinnt
ein schwarzer Tag entsteigt dem tiefer blauen Meer –
und nichts mehr zählen die noch glücklich Heimgekehrten
jetzt zählen die schon lang vergessen und verloren sind.

Und Ströme schießen wie von anderen Gestaden her
aus Felsenwelten ausgebrannt doch nie berührt von Sonnen
es ist ein Fluten das sich nicht mehr wendet:
der Urwellen Anfahrt hat begonnen.

Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet
und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst
was gestern licht und wert war ist verschwendet –
und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.

Aus: Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen. Gedichte. Mit Radierungen von Horst Hussel. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2001, S. 60

Nichts

Francis Picabia

(* 22. Januar 1879 in Paris; † 30. November 1953 ebenda)

Dada riecht nicht,
es bedeutet ja nichts, gar nichts.
es ist wie Euere Hoffnumgen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere politischen Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künstler: nichts
wie Euere Religionen: nichts.

In: Theo van Doesburg, Was ist Dada. In: Doesburg / Schwitters: Holland ist DADA. Ein Feldzug. Hrsg. Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus, 1992, S. 21f.

Theo van Doesburg

(* 30. August 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos, Schweiz)

Der Dadaist, der sogar für das Leben die Logik ablehnt, läßt sich in der Lyrik nicht vom üblichen 2×2=4 leiten. Mag dies für die Logik nützlich sein, in der Lyrik gilt 2×2=5.

Ebd. S. 33

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Ich habs gewagt mit Sinnen
und trag des noch kein Reu,
mag ich nit dran gewinnen
noch muß man spüren Treu;
damit ich mein
nit eim allein,
wenn man es wolt erkennen:
dem Land zu gut,
wiewol man tut
ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden lügen
und reden was er will;
hätt Wahrheit ich geschwiegen,
mir wären Hulder viel:
nun hab‘ ichs g’sagt,
bin drum verjagt,
das klag ich allen Frommen,
wiewol noch ich
nit weiter fliech,
vielleicht werd wieder kommen.

Es ist oft dieser gleichen
geschehen auch hievor,
daß einer von den Reichen
ein gutes Spiel verlor,
oft große Flamm
von Fünklein kam,
wer weiß ob ichs werd rächen!
Staht schon im Lauf,
so setz ich drauf:
muß gehen oder brechen!

Daneben mich zu trösten
mit gutem Gewissen hab,
daß keiner von den Bösten
mir Ehr mag brechen ab,
noch sagen daß
auf einig Maß
ich anders sei gegangen
dann Ehren nach,
hab diese Sach
in Gutem angefangen.

Will nun ihr selbst nit raten
dies fromme Nation,
ihrs Schadens sich ergatten,
als ich vermahnet hon,
so ist mir leid;
hiemit ich scheid,
will mengen daß die Karten,
bin unverzagt,
ich habs gewagt
und will des Ends erwarten.

Ob dann mir nach tut denken
der Kurtisanen List:
ein Herz läßt sich nit kränken,
das rechter Meinung ist;
ich weiß noch viel,
woll’n auch ins Spiel
und solltens drüber sterben:
Auf! Landsknecht gut!
und Reuters Mut!
laßt Hutten nit verderben!

Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.

Verrücktes Manifest

Kazimierz Wierzyński

(* 27. August 1894 in Drohobytsch, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 13. Februar 1969 in London)

Verrücktes Manifest

Nieder die Dichter! Rührselige Idioten!
Geist und Vernunft sind nur blauer Dunst!
Hoch, was verrückt ist, Porno und Zoten!
Leben muß man! Wozu braucht man Kunst?

Pfeift auf sterile Formen und Stile,
Pfeift auf Probleme und Psychologie!
Steigt statt auf Pegasus auf Krokodile!
Alle Nüsse der Welt knacken sie!

Fliegt in die Wolken und stürzt euch zu Tode!
Salto mortale und Kaiserschnitt,
Fußballspiel mit der Sonne sind Mode,
Gott schießt die Tore, macht munter mit.

Komm, Kolumbus, entdeck neue Zonen,
Such in Europa den dritten Pol!
Nur als ein Jux kann das Leben sich lohnen!
Was auf dem Kopf steht, erhebt zum Symbol!

Laßt doch die Skribifaxe verrecken!
Längst lacht das Volk darüber sich krumm,
Tanzt nach Belieben mit Gänsen und Gecken
Auf der Nase den Klassikern rum!

Perlen vor Säue? Wem soll das nützen?
Doch, wenn nur „Hopp!“ schreit irgendein Schranz,
Sieht man schon Honig aus Leitungen spritzen,
Und alle Elstern ziehn ein den Schwanz.

Podagra kriegen die Pessimisten,
Gras hört man wachsen sogar auf Asphalt,
Schach spielen Hühner auf Eierkisten,
Texas ist überall, wo es knallt.

Auf der Hand sprießen Wimpern und Brauen,
Türken erkennt man am Chapeau claque.
Jeder Nonsens läßt sich verdauen,
Babys kommen zur Welt schon im Frack.

Auf! Vereint euch, Banausengesindel!
Stellt untern Scheffel nicht euer Licht!
Peitscht allen Dummköpfen ein jeden Schwindel,
Schont euer Pegasus-Krokodil nicht!

Aus dem Polnischen von Martin Remané, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 71f

Lied der Übertriebenen

Andreas Koziol

Lied der Übertriebenen

Wir haben zu lange gestammelt
Wir waren zu lange aus Holz
Materie, zu Zunder vergammelt
Agenten des herbstlichen Golds

Bei Gott das sind wir gewesen
Flammendes Herz in der Luft
Laub für den eisernen Besen
Schrei der sich selbst widerruft

Wir spielten zu oft mit dem Feuer
Wir waren zu oft durch den Wind
Dafür wuchs der Wunsch ungeheuer
den Sternen zu sagen wir sind

wie Schläfer auf brennenden Leitern
träumend vom rettenden Sprung
ein Schritt auf uns zu und ein Scheitern
des Lebens mitten im Schwung

Es zog uns zu oft in das Land fort
das wenn man es findet zerfällt
Wir waren zu lange die Antwort
auf Fragen die niemand mehr stellt

Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur. Nr. 92, Heft 2/2019, S. 9. Meißen: Edition Dreizeichen, 2019

E-Book: Lügen und Wahrheiten – Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg. Von Andreas Koziol (Kostenloser Download)

Rückmeldung

Das war eine lange technisch bedingte Pause. Ab sofort funktioniert mein Netz wieder. Erwarten Sie ab sofort wieder: jeden Tag ein frisches Gedicht.

Sinnsang des Verstands

Zum 98. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Abschnitt eines Gedichts in vier Versionen mit vielen Anmerkungen. Mit diesem Gedicht verabschiedet sich die Lyrikzeitung aus technischen Gründen für ein paar Tage. Bleiben Sie gesund!

Das Gedicht trägt den Titel »Blagovest umu«, auf Deutsch »Glockengeläut dem Verstand«. Es besteht aus Abwandlungen des Wortes um (Geist), mehr verraten die Anmerkungen unten. Es umfasst vier nummerierte Abschnitte, von denen hier nur der vierte mitgeteilt wird. Der (teilverdeutschten) Transkription des russischen Originals folgen nacheinander die Nachdichtungen Franz Mons (des kopfes glockengeläut), Gerhard Rühms (glockenlauten für den geist) und Peter Urbans (Sinnsang vom Sinn). Auf die vier Versionen folgen die Anmerkungen Peter Urbans aus dem Band Velimir Chlebnikov: Werke. Poesie Prosa Schriften Briefe. Hrsg. v. Peter Urban. Rowohlt 1985 (zuerst 1972 als Rowohlt Taschenbuch in zwei Bänden).

 

Blagovest umu

IV
Suum.
Izum.
Neum.
Naum.
Dvuum.
Treum.
Deum.
Bom!
Koum.
Koum.
Soum.
Poum.
Glaum.
Raum.
Noum.
Nuum.
Vyum.
Bom!
Bom! bom, bom!

Das ist das große Läuten der Glocke des Verstandes.
Göttliche Klänge, die von oben herabfliegen zur Provokation des Menschen.

Herrlich ist das Glockengeläute des Verstandes.
Herrlich – diese reinen Klänge!

 

des kopfes glockengeglocke

IV

abkopf.
auskopf.
unkopf.
ankopf.
zweikopf.
dreikopf.
dekopf.
bom!
zokopf.
dochkopf.
abkopf.
vorkopf.
glakopf.
rakopf.
neinkopf.
loskopf.
inkopf.
bom!
bom! bom! bom!

das große geglocke der glocke des kopfes.
aus der höh die hehren klänge zur verlockung der menschen.

solch herrliches glockengeglocke des kopfes.
so herrlich das reine geglocke!

 

glockenlauten für den geist

IV

halbgeist.
jengeist.
ungeist.
ingeist.
zweigeist.
dreigeist.
eigeist.
bum!!
ruckgeist.
brückgeist.
glückgeist.
zückgeist.
zeigeist.
ohgeist.
nichtgeist.
machtgeist.
neugeist.
bom!!
bim!! bam!! bumu!!

so läuten laut des geistes glocken —
geistliche klänge schwingend locken!

klingt herrlich geistes glockenlauten —
herrlicher klang der klaren glocken!

 

Sinnsang vom Sinn

IV

Seisinn.
Aussinn.
Unsinn.
Ansinn.
Zweisinn.
Dreisinn.
Eisinn.
Sing!
Hersinn.
Hinsinn.
Mitsinn.
Besinn.
Dasinn.
Rasinn.
Ohnsinn.
Schonsinn.
Insinn.
Sinn!
Sing! Sing! Sing!

Das ist der Sinngesang vom Sinn!
Er singt in Klängen zur Besinnung der Menschen.

Wie singt und klingt dieser Sinnsang vom Sinn!
Wie singt er Sinn!

 

Anmerkungen

Geschrieben 1921/22. E: in Zangezi, 1922.

Dieses Gedicht, das, eher unbewußt, Elemente der konkreten Poesie enthält, kann man als eine Art Synthese des Chlebnikovschen Sprachuniversums ansehen; es verbindet Lautdichtung mit Sternensprache (vgl. die folgenden Kapitel), es hat — neben seiner onomatopoetischen Seite — auch eine semantische.

Sämtliche Wörter bestehen aus einer Vorsilbe und dem maskulinen Substantiv «um», wobei diese «Vorsilben» teilweise keine echten Präfixe, sondern auch selbständige Wörter und Wortpartikel sind (z. B. «da» bedeutet «ja», «by» ist die Partikel zur Bildung des russ. Konjunktivs u. ä.). (Richtig zu lesen ist, da das Russische keine Diphthonge kennt: Go-um, o-um usw.). Zum Wort «um» sagt das Pavlovskijsche Wörterbuch: «um (gen. usw.) s. m. (eig. nur) der (auch den Thieren eigne) Verstand;  (bisw. aber gebraucht für) die (nur Menschen gegebene) Vernunft (razum); (oft auch) der Sinn, die Besinnung, der Kopf; umý (pl. oft) die Gemüther;

matematiceskij u. ein mathematischer Kopf, Verständniß Begabung für Mathematik; […] sto golov, sto umov soviel Köpfe, soviel Sinne» usw.

In seinem Versepos Zangezi hat Chlebnikov dem Blagovest umu ein Liste mit Erklärungen nachgeschickt; in eckigen Klammern jeweils weitere Erläuterungen.

(…)

auch Interjektion.]

Izum — Sprung über die Grenzen des alltäglichen Verstandes hinaus.
[Präposition mit Genitiv, «von … her», «aus … her»; als Präfix in derselben Bedeutung.]

Daum — bestätigender, [«da» — ja.]

Noum — bestreitender.

Suum – Halbverstand.
[«s», erweitert zu «so» und selten «su»: bezeichnet als verbales Präfix «von … herab», «ab-»; als Präposition («s») mit Instrumental: «zusammen mit».]

Soum – Vernunft-Helfer, [siehe Suum].

Nuum — befehlender.
[«Nu!» — Interjektion der Aufforderung, Ermunterung.]

Choum – geheime, verborgene Vernunft.
[«Cho»: Kürzel der Sternensprache, das sich von «chovat’»: verbergen, verstecken herleitet.]

Byum — wünschender Verstand [oder: sich Vernunft wünschender um], nicht zu dem geschaffen, was er ist, sondern zu dem, was er sein will.
[«by»: Partikel der Konjunktivbildung, z. B. chotel by: Ich möchte.]

Nium — negativer.
(«Ni»: Konjunktion, in Zusammensetzung mit Pronomina: nicht, z. B. ni-kto («nicht wer»): niemand: ni – ni: «weder noch».]

Proum — Voraussicht.
[Als Verbalpräfix bedeutet «pro»: «ver-», «durch-».]

Praum — Vernunft eines fernen Landes, Verstandes-Vorfahre.
[«Pra»: in Zusammensetzungen soviel wie «Ur-», «Vor-», das lat. prae.]

Boum — der Stimme der Erfahrung folgender.
[«Bo»: Konjunktion, «weil, denn».]

Voum — Nagel des Gedankens, eingerammt ins Brett der Dummheit.
[«vo»: «in … hinein», vgl. «Veum».]

Vyum — der herabgefallene Reifen der Dummheit, keine Grenzen und Schranken kennender, strahlender, glänzender Verstand.

Raum — Seine Worte sind Rahörner.
[«Ra» ist keine Präposition, kein Präfix, sondern Sternensprache.]

Zoum – gespiegelter/reflektierter Verstand.
Ebenfalls Sternensprache, vgl. Wörterbuch der Sternensprache zum stimmhaften «Se».

[…]

Aus: A.a.O. S. 44–51, 525ff

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Kein gelbes Tuch

Şafak Sarıçiçek

Gewogen und gedroschen

Aschewinter liegt und liegt in Starre auf Haut, auf Straßen.
Auf Straßenhaut. Die Ahnung einer Straße. Eine Straße
aus der Füße Gewicht. Sie geht als Denkmal
von altblauen Falten. Sie geht und mit ihr
eine Wärme aus roten Strickwollen und mit ihr
stapft durch die Ahnung an eine Straße –

Ein Frühling auf dem Helm gelben Tuchs.
Ach! Und das Stemverglühn eines Erkennens, wieder
und wieder. Vergessen Wir auch nicht – wer
noch mit ihr schreitet – Denkmal aller Lastenträger:
Wir – Langschnauze Maultier auf der Treue
vorgematschtem Eisgraus und Schlamms.

Es ist keine vorgematschte Wanderung, den
Frühling und Sommer im Winter. Den
knisternd Auferstehungs-Ton von Flamme
und Fackel zu tragen. Kein gelbes Tuch.
Sie wird in der Ahnung einer Zuflucht beten.
Ja das wird sie. Die Milch wiegen

in der Krippe und auf sie Rot eindreschen.
Kräuter ohne Atem! Fels-und Höhenartisten,
ihr Steinclowns, ihr steinböckisch, störrisch
Ziegen! Eure Milch muss gewogen
und gedroschen werden. Süßes Höhenkraut.
Steinleere Abgrund (Sieh doch: Most!)

Sie haben die Schweife und Schnuppen eingeschmolzen,
Sie haben dem Kargen abgetrotzt ein Hühnenbestehn.
Sie haben die Opfer erbracht dem Innewohnen
von All und Leben – der montagne sacrée. Sie haben.
Eingeschmolzen und aufgehängt Teppiche und Kilims.
Im All.
Jenes– Schweifen und Schnuppen, lebend … Sterne
Zu den Sternen. Sie haben

Aus:
Şafak Sarıçiçek: Jamsids Spiegelkelch. Dortmund: edition offenes feld, 2019.

Hinweis
Eine Besprechung dieses Bandes erscheint in wenigen Wochen im L&Poe-Journal, einem neuen Format der Lyrikzeitung. Mit Gedichten von Autorinnen, Kritik und Tabu. Demnächst in diesem Theater.

Abrechnung der Trümmer

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zur Version eines Feuergiftes oder sogar
zum Ungeziefer der Metalle…

Aus: Poesiealbum Nr. 231: Aimé Césaire. Übers. Janheinz Jahn, Klaus Laabs, Brigitte Weidmann. Berlin: Neues Leben 1986.

Lächelnd

Hermann Kasack

Lächelnd

Alle großen Einsamen müssen einmal in Müdigkeit sinken.
Dann gehen sie zur Frau und sagen: Gib uns zu trinken.

Immer taucht uns Musik in Schlaf und Nacht.
Und der Morgen (der Jahre vielleicht) sieht uns verwirrt erwacht.

Händedruck, Kuß und Traum hebt über Lügen uns fort.
Schön ist Herbst; feierlich ohne Grimasse und Wort.

Schlimmer als Wahnsinn und Schwachheit Warten quält..
:Wann wieder erlöst uns ein Mund, der Märchen erzählt?

Aber der furchtbare Kreis zwingt uns zum Weitergehn.
Milde müssen wir werden — und lächelnd verstehn.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. Wolf Przygode. 1. Folge / Erstes Buch. München: Roland-Verlag, 1918, S. 73