Hans Aßmann von Abschatz
(* 4. Februar 1646 in Breslau; † 22. April 1699 in Liegnitz)
Taback: überſezt aus dem Barclayo. Pflantze/ deren Rauch das Gifft Bunter Schlangen übertrifft/ Welche die Natur verbannt In ein weit-entlegnes Land. Wo der Wilden tummer Geiſt Seine Larven Götter heiſt/ Wo der Barbarn freche Schaar Weyland unbeherrſchet war. Wer/ o mehr als Höllen-Kraut/ Hat der Fichte dich vertraut? Weſſen unbehirntes Haubt War der Sinnen ſo beraubt/ Daß es dich in unſer Land Durch die weite See geſandt? Kunte nicht Neptun das Schiff/ So durch ſeine Wellen liff/ Und dergleichen ſchnöde Laſt Hielt gefangen um den Maſt/ Durch der Winde raſend Heer Stürtzen in das tieffſte Meer/ Treiben auff erhöhten Sand/ Schlagen an der Klippen Wand/ Führen auff ein falſches Bay Schmettern in viel Stück entzwey! Konte nicht der Jupiter Aller Sternen Ober-Herr/ Auff das ſchwancke Waſſer-Hauß Blitz und Donner ſchütten aus/ Und verzehren durch die Glutt Schneller Flammen Schiff und Gutt. Aber/ ach! als Streit und Krieg Uberall behielt den Sieg/ Als ſich unſer Vaterland Richte hin mit eigner Hand/ Als das Blutt aus naher Schoß Durch des Freundes Hände floß/ Als die Mutter ihrem Sohn Halff durch arge Gifft davon/ Fehlte bey dem Krieges-Joch Dieſe Peſt/ diß Ubel noch. Dieſes muſt auff friſcher Bahn Seyn den Fremden nachgethan/ Dieſes muſt in kurtzer Zeit Seyn gelitten weit und breit/ Biß es worden ſo gemein Daß es ärger nicht kan ſeyn. O verkehret-neuer Brauch! O beſchwerter Höllen-Rauch/ Wer kan deinen Nebel-Dunſt Uns beſchreiben nach der Kunſt? Wer kan bringen auffs Papir Was für Schaden ſteckt in dir? Des Avernus ſchwartzer See Schicket nimmer in die Höh Aus dem faulen Schwefel-Bruch Einen ſolchen Mord-Geruch; Wenn ſie Flegeton bewegt Und Cocytus überſchlägt. Wann in Radamantus Haus Ihre Fackeln löſchet aus Die um Schultern Haubt und Haar Viel-beſchlangte Schweſter-Schaar/ Findet ſich kein ſolcher Rauch Als auff dieſes Krautes Brauch/ Welches um die Stirne flieht Und den tollen Kopff durchzieht/ Welches den Verſtand bekriegt/ Angebohrnes Naß beſiegt. O Gewächſe/ deſſen Gifft Baſiliſcen übertrifft/ Hätte bey der alten Welt Herculem den kühnen Held Cacus der verſchlagne Mann Mit Tabac geblaſen an/ Seiner Helden-Armen Krafft Hätte nichts an ihm geſchafft. Hätte deinen Nutz erkannt Das berühmte Grichen-Land/ Würde man/ ſtatt andrer Gifft/ Haben deinen Brauch geſtifft/ Würdeſtu der Dichter Schaar/ So damahls im Leben war/ Von des Höllen-Hundes Speyn Zweiffels-frey entſproſſen ſeyn. So den Vater denn durch Mord Hätt ein Sohn geſchicket fort/ Würde für ihn Brand und Glutt/ Hahn und Affe/ Sack und Flutt/ Creutz und Galgen/ Rad und Strang/ Schweffel/ Pech und Folter-Banck/ Geiſſel/ Bley und andre Pein/ Allzuſchlecht geweſen ſeyn: Des Tabackes Nebel-Nacht Würd ihn haben umgebracht. Antwort. Warum verweiſt man uns der edlen Blätter Brauch? Spielt nicht der kluge Hof/ die meiſte Welt mit Rauch? Manch gutter Einfall glimmt aus unſer Pfeiff herfür. Wer ſpielt und buhlt verderbt mehr Zeit und Geld/ als wir.
Hans Aßmann von Abschatz: Gedichte. Leipzig und Breslau (Christian Bauch) 1704.
Heute vor 300 Jahren wurde Matthias Ettenhuber (oder Mathias Etenhueber) in München geboren, er starb ebendort 1782. Er war (130 Jahre zu spät) ein geschickter lateinischer Dichter, unter dem Einfluß von Dichtern wie Klopstock und Gellert ging er zum Deutschen über. Er machte sich einen Namen, die Kaiserin Maria Theresia verlieh eine goldene Ehrenmedaille, er wurde Hofpoet (unbezahlter). Dann sank sein Stern, er schlug sich mit Gedichten über Hinrichtungen für Wochenblätter durch. Man hält ihn für das Vorbild von Spitzbergs armem Poeten. Seine Gelegenheitsgedichte in Alexandrinern sind nicht state of the art. Kein Klopstock noch Gellert, zu schweigen von Schubart oder den Neutönern Goethe und Lenz. Auf mich wirkt er wie im falschen Jahrhundert geboren (oder im falschen Landstrich oder beides). – Gibts heute in Bayern eine Feier?
Hier ein paar Strophen aus einem Gedicht, für das er sogar ins Gefängnis kam, weil es als „regierungskritisch“ empfunden wurde. Darin beklagt sich das arme Bayern beim undankbaren Österreich.
Vor der Leseprobe ein Zitat aus einem Nachruf
„Er wurde vielleicht zum Dichter geboren, blieb aber, von seinem Zeitalter und seinem Schicksal, das unser ganzes Mitleid verdient, niedergedrückt, meistens nur Versemacher, deren er weit über hunderttausend geliefert hat. […] Zuletzt war er (nicht zu unserm Ruhm) ein Gegenstand der Dürftigkeit und des einzigen Mitleids. […] Dennoch gehören seine Schriften in die Literaturgeschichte – als Werke, die gefallen haben.“
– Nachruf von Lorenz von Westenrieder (aus: Wikipedia)
Aus: Das sich beschwerende Baiern. In einer Ode. So lang der Baier wird gebraucht, heißt es: der brave Mann! ist einmal die Gefahr verraucht, schaut ihn kein Hund mehr an. sein Blut, sein Schweiß, Müh, Geld, und Treu sind in der Noth wie Gold, nach dieser aber Stein , und Bley , der Undank ist sein Sold. Da spricht der aufgeblaßne Pfau: ( der Ausdruck fällt mir schwer: ) such deinen Stall du bair'sche Sau ! man braucht dich jetzt nicht mehr. Renn fort zu deinen Eichelnschmauß, und wasche dir mit Bier den vollgestampften Magen aus, dein Bleiben ist nicht hier. Was hast den denn bey mir zu thun, du ungebethner Gast ? gelüstet dich der Würste nun , und meiner Schweine Mast ? o laß dir doch den Appetit auf eine Zeit vergeh'n! sonst dörfte wohl dein kühner Schritt zu letzt auf Krücken geh'n. Wie oder schmeckt das bair'sche Brod dir gar so treflich wohl ? gesegne dir’s der liebe Gott Iß dich dran satt, und voll! doch sag ich dir's in's Angesicht, hast du einmal genug; laß dich begnügen , fordre nicht den Acker sammt dem Pflug! Jetzt steckt das Schwerdt noch in der Scheid: geh , Schwester ! geh in dich ! sehr kurz ist die Bedenkenszeit: es blitzt schon fürchterlich. Der Sieg ist allzeit ungewiß, spar deiner Völker Blut ! doch bleibet nichts so wahr, als dieß, Der Undank thut kein Gut.
Das Gedicht erschien 1778 anonym.
Der hashtag #Erinna, den ich vor ein paar Tagen verwendete, spülte einen Tweet meines Freundes Dirk Uwe Hansen heran, den ich gern auch hier weitersende.
Hier ein paar Fakten und Vermutungen über die griechische Dichterin, die wohl um das Jahr 350 vor unserer Zeitrechnung lebte und im Altertum berühmt war.
Heute vor zehn Jahren starb die polnische Dichterin Wisława Szymborska (Literaturnobelpreis 1996).
Wisława Szymborska
(* 2. Juli1923 in Prowent; † 1. Februar 2012 in Krakau)
Jemand, den ich seit einiger Zeit beobachte Er kommt nicht haufenweise. Versammelt sich nicht in Scharen. Nimmt nicht massenhaft teil. Feiert nicht rauschend. Er bringt aus sich keine Chorstimme hervor. Verkündet nicht allseits. Behauptet nicht im Namen. Nicht in seiner Anwesenheit die Ausfragerei – wer ist für, wer dagegen, danke, ich sehe keinen. Sein Kopf fehlt, wo Kopf an Kopf, wo Schritt für Schritt, Schulter an Schulter vorwärts zum Ziel mit Flugblättern in der Tasche und dem Hopfenprodukt aus der Flasche. Wo’s nur am Anfang himmlisch idyllisch ist, weil bald ein Reich mit dem andern sich mischt und keiner mehr weiß, von wem, ach, von wem Steine und Blumen, Jubel und Schläge kommen. Unerwähnt. Unspektakulär. In der Stadtreinigung angestellt. Im Morgengrauen, an dem Ort, wo es stattfand, sammelt er, trägt weg, wirft in den Anhänger, was angenagelt an halbtote Bäume, was plattgetreten im geplagten Gras. Zerrissene Transparente, zerschlagenes Glas, verbrannte Puppen, abgenagte Knochen, Rosenkränze, Trillerpfeifen und Präservative. Einmal fand er im Gebüsch einen Taubenkäfig. Er nahm ihn mit und hat ihn behalten, damit er leer bleibt.

Deutsch von Renate Schmidgall, aus: Wisława Szymborska, Glückliche Liebe und andere Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Mit einer Nachbemerkung von Adam Zagajewski. Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 77f
Friedrich Rückert
(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)
Beschwichtigter Zweifel Über meinen eignen Kopf Bin ich nicht im reinen, Hab' ich, wie ein andrer Tropf, Einen oder keinen? In der Schenke, wann der Wein Mir zu Kopfe steiget, Fühl' ich erst der Kopf ist mein, Und der Zweifel schweiget.
Quelle: Friedrich Rückert: Werke, Band 1, Leipzig und Wien [1897], S. 342.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005564719
Tuvia Rübner wurde 1924 in Bratislava geboren. Seine Muttersprache war Deutsch, Slowakisch lernte er privat, 1938 Ausschluss vom Schulunterricht wegen seiner jüdischen Herkunft. 1941 gelangte er als einziger seiner Familie mit dem letzten Flüchtlingstransport aus der Tschechoslowakei nach Palästina. (Aus: Stein will fließen, 1999)
Tuvia Rübner
((טוביה ריבנר), geboren als Kurt Erich Rübner am 30. Januar 1924 in Bratislava, Tschechoslowakei; gestorben am 29. Juli 2019 in Merchavia, Israel)
Taglied Das schmale Licht auf meiner Stirn, das Blütenblatt auf deiner Stirn, wie ruhig fließt die weiche Luft, wir beide nur ein Hauch der Luft, des Vogels Schatten streift das Haar im Winde mischt sich unser Haar, so wandern wir in diesen Tag vorbei am Mond, und es ist Tag.
Aus: Tuvia Rübner: Stein will fließen. Ausgewählte Gedichte. (Lyrik-Taschenbuch 5, Hrsg. B. Albers) Aachen: Rimbaud, 1999, S. 8 (Abschnitt: Frühe Gedichte 1941-1951)
Die Anthologia Graeca, die Mutter aller Anthologien, versammelt über 4000 Epigramme von der klassischen griechischen bis zur byzantinischen Literatur. Beim Verlag Hiersemann erschien eine Neuübersetzung, herausgegeben von Dirk Uwe Hansen.
Band 9 versammelt 834 Epigramme einer speziellen Art, „Epideiktika, Gedichte, die einen Gegenstand oder eine Situation «vorzeigen», d.h. vor Augen führen sollen. Epideiktika lässt sich in einem anderen Sinne freilich auch als «Schaustücke» übersetzen, Gedichte also, bei denen eher die literarische Qualität und die Kunstfertigkeit des Autors im Vordergrund stehen als der Gegenstand oder die Situation, für den oder die das Epigramm als Beschreibung oder gar Aufschrift dienen kann.“ (aus der Einleitung zum 3. Band).
Es sind also überwiegend literarische oder „Buchepigramme“ und nicht Inschriften, wie wohl die ursprüngliche Form des Epigramms. Neben diversen Gegenstände gibt es auch eine große Zahl Epigramme über Dichtungen und Dichter, quasi gedichtete Literaturkritik oder Werbung (Waschzettel). Nummer 190 rühmt die Dichterin Erinna und vergleicht sie mit Sappho. (Beim Lesen kommt mir der Gedanke, ob nicht „die pommersche Erinna“ ein besser geeigneter Name für Sibylla Schwarz wäre als „pommersche Sappho“ – obwohl die eine überaus begabte „melische“ Dichterin war.)
190 (Anonym) Dies ist die lesbische Wabe der Erinna: Klein ist sie, ja, aber zur Gänze von den Musen mit Honig benetzt. Ihre dreihundert Verse sind dem Homer ebenbürtig, Verse einer neunzehnjährigen Jungfrau. Und ob sie auch, aus Furcht vor der Mutter, an der Spindel oder am Webstuhl saß, so bleibt sie doch stets eine Dienerin der Musen. Sappho ist Erinna in der melischen Dichtung um so viel, wie Erinna der Sappho in der hexametrischen überlegen.
Deutsch von Dirk Uwe Hansen, aus: Anthologia Graeca Band III. Übersetzt und erläutert von Jens Gerlach, Dirk Uwe Hansen, Christoph Kugelmeier, Peter von Möllendorff und Kyriakos Savvidis. Herausgegeben von Dirk Uwe Hansen. Bücher 9 und 10. Stuttgart: Anton Hiersemann, 2019, S. 57

William Butler Yeats
(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich)
THE LAMENTATION OF THE OLD PENSIONER I had a chair at every hearth, When no one turned to see, With "Look at that old fellow there, "And who may he be?" And therefore do I wander now, And the fret lies on me. The road-side trees keep murmuring Ah, wherefore murmur ye, As in the old days long gone by, Green oak and poplar tree? The well-known faces are all gone And the fret lies on me.
Author’s note: „‘The Lamentation of the Old Pensioner’ from words spoken by a man on the Two Rock Mountain to a friend of mine“
Die Klage des alten Pensionärs Vorm Regen such ich Zuflucht zwar Mir unter Bäumen meist Doch stand mein Stuhl am Feuer stets. Egal, in welchem Kreis, Ob Liebe, Macht das Thema war, Bis mich verbog die Zeit. Die Jungen schmieden wieder mal Komplotte, das ist alt, Paar Irre spielen verrückt, man schreit: »Macht die Tyrannen kalt!« Doch ich denk nach über die Zeit, Die mich verbog zu bald. Nach einem hohlen Baum dreht sich Kein Weib um weit und breit; Die Schönen, die ich einst geliebt, An die denk ich noch heut; Ich spuck ihr dreist ins Angesicht, Die mich verbog, der Zeit.
Deutsch von Christa Schuenke, aus: William Butler Yeats: Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. München: Luchterhand, 2005, S. 53
(Die deutsche Ausgabe ist einsprachig. Vom Original habe ich nur eine Fassung mit 2 Strophen gefunden.)
Bernd Jentzsch
(* 27. Januar 1940 in Plauen)
Die grünen Bäume starben in uns ab Die grünen Bäume mit den schwarzen Stämmen Wuchsen in uns ein und starben in uns ab. Die Elemente der Erde, Phosphor und Schwefel, Fielen aus den Wolken am Tag und in der Nacht. Sirenen sägten Bunker in den Schlaf, Ein Taschenlampenstrahl war der Abendstern. Die Mäntel trugen wir übereinander. Blicke glitten nach oben, wo auch Stare flögen. Die roten Städte mit den schwarzen Haaren Glichen nicht den Städten aus dem Bilderbuch. Die wir unsere Väter nannten, erklärten nichts. Ihre Stimmen schwiegen unter Befehlen und Schnee. In den Wäldern toter Straßen und im Geäst Des Vogelflugs erwachten wir zu plötzlich. Die uns hätten Gefährten werden können, Trugen keine Haut auf dem Gesicht. Wir suchen nach der Haut unserer Gefährten In den Gesichtern derer, die noch leben. Zorn wohnt in uns, und Hoffnung ist da, Wenn wir an grüne Bäume denken. 1962
Aus: Bernd Jentzsch, Die alte Lust, sich aufzubäumen. Lesebuch. Leipzig: Reclam, 1992, S. 38f
Über den Minnesänger Ulrich von Lichtenstein schrieb Herders Conversations Lexicon 1855:
„Lichtenstein , Ulrich von, ein steiermärk. Ritter, geb. um 1200, dichtete etwa um 1255 den »Frauendienst«, eine gereimte Erzählung 33jähr. Minnelebens jener ungereimten Art, die dem Verfasser des Don Quixote vorschwebte. Uebrigens machen die eingestreuten Büchlein (Liebesbriefe), Lieder und die für die Sittengeschichte jener Zeit merkwürdige Erzählung den Frauendienst genießbar (Prosaübersetzung von Tieck, 1812). Lachmann gab den Frauendienst sowie »der Frauen Buch« heraus 1841, letzteres, ein unbedeutendes Ding, auch Bergmann, 1842. L. st. um 1275.“
Quelle: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 762.
Gestorben ist er heute vor 747 Jahren. Hier ein Gedicht aus der von Tristan Marquardt und Jan Wagner herausgegebenen Anthologie „Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen (Hanser 2017)


L i e d X I V
(Bechstein II,115; Lachmann 399,9)
Eine tanzwîse, diu niun und zweinzigest
1
Owê daz ich bî den wolgemuoten alsô lange muoz belîben ungemuot
unde ich doch der grôzen swære bin ze kranc.
sol ab ich si minnen diu mich hazzet? sol mir lieben diu mir alsô leide tuot?
jâ, sô wil daz herze und aller mîn gedanc.
sî nimt mir fröide, diu mich sorgen solde machen frî.
nû lâts alsô rouben: sî mac fröiden mich vil wol behern:
ab einez kan si niht erwern,
mir ensî noch fröiden hoffenunge bî.
2
Sî vil ungenædic wîp, diu mich sô roubet sinne sælde und al der fröiden mîn,
waz mac ir gewalt mir liebes mêr benemen?
ich wil einer fröiden immer, al die wîle ich lebe, von ir unberoubet sîn,
diu mir âne ir danc muoz rehte wol gezemen.
sô rîcher fröiden wünsche ich, daz mich tuot daz wünschen frô.
hei waz lieber dinge bringent mir von ir die wünsche mîn!
sol iemen frô von wunsche sîn,
sô stât ouch von wunsche mîn gemüete hô.
3
Owê sold ich ir vil lieben, ir vil guoten hôchgemuoten, alsô nâhen sîn,
daz ich ir von mînem wunsche müeste sagen,
wes ich mir von ir ze guote, wes ich ir von mir ze dienste in dem herzen mîn
hân gewünschet her in mînen senden tagen!
waz obe si daz wünschen lieze lîhte sunder haz?
zürnde ab sî, diu guote, daz versuonde ein küssen an ir munt,
erwünschet dar wol tûsent stunt,
nâher unde nâher baz und aber baz.
4
Von ir liehten ougen spilnde blicke, von ir munde ein minneclîcher friundes gruoz,
süeze in triuwen wol geliutert alse ein golt,
obe ich des iht innerclîchen wünsche? jâ, sô mir der sorgen nimmer werde buoz:
ich hân nâch in beiden jâmers vil gedolt.
vil dicke ich eines dâ bî wunsche, des ich niemen hil,
daz si liebe guote mitten in mîn herze möhte sehen,
dar inne mîn gemüete spehen,
wes ich mit gedanken gen ir hulden spil.
5
Guotiu wîp, ir helfet wünschen daz ich werde der vil lieben werden alsô wert
daz si mîn ze herzen friunde müeze jehen.
würde ich immer von ir mînes wunsches sô ze wunsche und alsô wünneclîch gewert,
seht, sô möhte man mich hôchgemuoten sehen.
wan man sô fröiderîchen al diu werelt nie gewan,
alse ich denne wære, swanne ich ir vil minneclîchez jâ
vernæme von ir munde sa:
sô begunde ich fröide, der ich nie began.
6
Sî vil minneclîchiu guote, guot von rehter güete, guot für elliu guoten wîp,
wâ hât mir ir güete vor verborgen sich?
ich hân bî ir güete sende swære, ein sende herze, und âne trôst vil senden lîp:
dâ vor solde ir güete wol behüeten mich.
jâ herre, fünde ich iender trôst für trûren anderswâ,
ê daz ich verdürbe mîner fröiden, mîner besten zît!
der trôst ot an ir einer lît.
jâ dâ sol er sîn und ist ân ende dâ.
https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/13Jh/Liechtenstein/lie_fd13.html#14
Aus dem Haiku-Band „Guuder Moond“ von Fitzgerald Kusz (ars vivendi verlag, 6 € )

Auf die Frage, warum nicht „reddung“, antwortet Kusz: „Das Substantiv „Rettung“ existiert im Dialekt nicht. Da muss man wie so oft auf die Hochsprache zugreifen. In der Linguistik nennt man sowas eine Interferenz!! Ohne Übernahmen aus der Standardsprache würde die Kommunikation nicht funktionieren. Im 19. Jahrhundert hat man französiche Wörter wie partout übernommen. Der Dialekt meiner Großmutter war noch voll davon. Jetzt werden Wörter aus der Standardsprache und dem Englischen mit Hilfe der fränkischen Phonetik eingefränkelt. Aus Rettung wird in der Aussprache Reddung.“
Jiří Karásek ze Lvovic
(eigentlich Josef Karásek („aus Lvovic“), * 24. Januar 1871 in Smíchov, heute Teil von Prag; † 5. März 1951 in Prag)
SPLEEN Mein einziger Freund, der stets mich treulich mußt begleiten, Mein Spleen! Wenn Mitternachts am Himmel stehn die Sterne, Seh ich der Hoffnung Grab, seh düstre Stunden schreiten Wie Tänzerinnen matt und schleichen in die Feme . . . Es schweigt die Welt. In mir verglimmt des Lebens Funken. Das Herz ist leer und öd, kann nimmer sich entzünden. Und Lieb? — — An ihrem Quell hab einmal ich getrunken. Und Ruhm? Ich seh ihn trüb auf immer mir entschwinden. Nichts haben, sterben . . .! Müd macht alles, und gebrochen. Und Liebe kündet nichts, als was sie stets gesprochen, Stets steigt ein Qualm vom Licht, das einst uns hat erhellt. Nur Öde bringt der Traum und trügerische Beute. Wer gestern ward geliebt, ist gleichgültig uns heute, Der Schatten an der Wand ist mehr als alle Welt.
Deutsch von J.V. Lovenbach, aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. Hg. Franz Pfemfert. Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion, 1916 (Reihe: Die Aktions-Lyrik), S. 56
Das Original habe ich nicht gefunden – hier offenbar ein anderes Gedicht mit gleichem Titel, aus der Sammlung „Zazděná okna“ (Vermauerte Fenster). Gedichte, 1894.
SPLEEN Den za dnem plouží se tak mdlý, tak mdlý, jak z cel když v kápích chodbami jdou mniši. Šer zhuštěný, v němž barvy uhasly, vše zalévá, že oko nerozliší, kde nebe šedivé, kde země šedá, kde křivka obzoru je zsinalá a bledá. Vše prší popelem a mísí se a smývá v tom svitu klamivém, jenž zpola roven stínu. A zrak se v prázdno jen a v slité kouře dívá a v chmury sražené, z nichž cítit vlhkost cínu. Hned duše po noci, hned zase po dni touží. Hned tmou se zpíti chce, hned zase žárem spálit. Krok prázdnou jizbou zní, kde únava se plouží. A posléz znudí vše v tom svitu, mhou jenž zalit A deštěm popela a smutkem jeho skonu, V tom šeru bez kontur a ostrých čar a rysů, Bez barev záchvějův a bez hýření tónů, Kde v stíny plíživé vše dlouží se a schvívá. A duše znavena se smutkem všeho splývá. ze sbírky Zazděná okna, 1894
Peire Cardinal, Troubadour, geb. um 1150 in Le Puy, gest., fast hundertjährig, vor 1250, besaß in seiner Vaterstadt eine Pfründe und zog viel umher. Er war der Meister des moralischen Sirventes. Seine Gedichte (zusammen gegen 70) sind meist gegen den Klerus und den hohen Adel gerichtet, deren Schäden er schonungslos aufdeckte. Vgl. Diez, Leben und Werke der Troubadours (2. Aufl., Leipz. 1882).
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908
UNMUT Ich seh die Welt so voll und schwer Von Gier und Geiz, so falschgesinnt. Daß selbst der Vater seinem Kind Nicht traut und dieses ihm nicht mehr. Und darob sorg' ich mich so sehr Und weiß kein Wort, das klänge hold. Es sei denn, daß ich lügen wollt’. Oh, daß die Welt doch anders wär!
Deutsch von Karl Vossler, aus: Jaspert, Reinhard (Hrsg): Lyrik der Welt. Lyrik und Weisheit des Auslandes. Berlin: Safari-Verlag 1953
Ich danke Anne Bennet, die den Originaltext gefunden hat. Ich hatte auch gesucht, aber nur bei den kurzen Coplas. Der Übersetzer hat leider nicht angemerkt, dass er nur die erste Strophe einer Sirvente übersetzt hat. Dadurch verfälscht er das Gedicht zu einer allgemeinen Aussage über den Zustand der Welt – während es in allen anderen Strophen gegen die Kirche wettert.
Tan vei lo segle cobeitos Plen de maleza e d’engan, Que ges lo paire en l’enfan No-s pot fizar-denguns d’abdós. Per qu’ieu n’estauc tan consirós Qu’a penas en puesc nuil ben dir, Si doncx non volía mentir: Per qu’ieu volgra c’autre monz fós. https://www.cardenal.eu/T33.htm
Wer ist Walter Werner: DDR-Lyriker, Thüringer Heimatdichter, Natur-, Landschaftsdichter? Mag von allem etwas sein, aber da ist mehr. Adolf Endler, der einen Auswahlband bei Reclam Leipzig herausgab, attestierte „geradezu sprunghafte Qualitätssteigerung und immer wieder überraschende Neuansätze“ und stellte ihn in die Reihe der Mickel, Czechowski, Kirsch, Braun, Lorenc. (Und ich erinnere mich, dass Elke Erb ihrerseits von den „kindischen Anfängen unserer Generation“ sprach.) Zum 100. Geburtstag lese ich in Endlers und Gerhard Wolfs Auswahlbänden und in dem 1982 erschienenen Band „Der Baum wächst durchs Gebirge“ und entscheide mich für 2 Gedichte aus diesem.
Walter Werner
(* 22. Januar 1922 in Vachdorf; † 6. August 1995 in Untermaßfeld)
Entdeckung Der Baum wächst durchs Gebirge, Steine schüttelt er aus dem Haupt. Vögel sind in ihm untergegangen und Sterne, Gedichte und Gerüchte, Gesänge und Gehenkte. Sein Blatt das letzte Wort auf abgeschnürter Lippe. Im Schneelicht gitterscharf geschnitten sein Himmel und im Windfall unwiderstehlich die friedliche Welt.
Erfahrung zur Unzeit Dunkel wie der Regen flüstern und liegen die zweigeschlechtlich Hungrigen, die Doppelzüngigen, mit den silbensüßen Lippen der Souffleure, mit den verschenkten Kämpfen zwischen den Beinen. Zwei Körper wachsen zu einem Leib, der eine fliegt mit blinden Vögeln der andere schläft mit toten Mädchen.
Aus: Walter Werner: Der Baum wächst durchs Gebirge. Gedichte. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1982, S. 5 und 60.
Der mittelenglische Versübersetzer Robert Mannyng of Brunne
Aus der Einführung zu der »Rhyming Chronicle of England« , 1338
»Rhyming Chronicle of England« Einführung Will jemand mich tadeln, aus Bourne ich stamme, Robert Mannyng ist mein Name; Gottes Segen sei vergönnt, Wer mich gerne Robert nennt. In Eduards des Dritten Zeit Schrieb den Bericht ich lang und breit In der Sixhill Priorei; Robert Malton war dabei. (...) Schrieb ihn ab aus Freundlichkeiten, Um Vergnügen zu bereiten. Hab alles in mein Englisch umgesetzt. In simpler Sprache tat ich’s kund, Der leichtesten im Menschenmund. Ich schrieb ja nicht für Literaten, Für Dichter und Fachadressaten, Aus Liebe nur zum simplen Mann, Der Kunstenglisch nicht kennen kann.


Aus: Hier hatte ich einst viel Pläsier. Volkstümliche englische Dichtung des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. übersetzt von Martin Lehnert. Leipzig: Insel, 1980, S. 38-41
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