Das Narrenschiff

Noch ein Gedicht aus der 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ (herausgegeben von Jurij Andruchowytsch).

Oksana Sabuschko

(Geboren 1960)

DAS NARRENSCHIFF 
(Variation zu einem Thema von S. Brant)

Wie in Noahs Arche haben wir uns hineingedrängt in diese Zeit –
Henker und Opfer, Lügner und Schmeichler und solche, denen alles ganz gleich, 
sie keuchen und drängeln, blicken zornig zum Steuer, 
solange Windstille herrscht, gehen wir noch nicht auf Grund. 
Schwer geht das Schiff in alle vier Richtungen scheinbar, 
schaukelt es sehr, dann steh dem einem Gott, dem anderen derTeufel bei...
"Du, Mann über Bord, welche Nation, welcher Glaube?" 
Dann wird gestritten, ob zu retten sich lohnt...
Zieht es einen hinab, kann man den Sarg doch sparen...
/Sich noch mit Toten abzugeben, da den Lebendgen der Platz schon nicht reicht!/ 
Groß ist die Fracht, der Laderaum kann sie kaum fassen, 
die Wasserlinie hat schon das Deck erreicht!..
Ginge es doch nur voran! So viele Jahre ist es gegangen!
Man hört noch das Triebwerk wie einen schwachen Puls...
Wie mit Absicht sind verschwunden vom Deck die Propheten, 
wer sagt uns jetzt, wie man im Nebel den Kurs bestimmt? 
Schaukelt es heftig, hält man sich kaum auf den Beinen, 
gib acht, daß sie dich nicht über Bord stoßen, leise und ohne Kampf.
/Wie herrlich die Zeit, als man wußte, auf wen zu zielen, 
und jeder wußte, woher der Schlag zu erwarten war!/ 
Doch in der Bar wird getanzt, an Deck wird Ordnung geschaffen, 
das Orchester spielt, verschütteter Rotwein wird aufgewischt. –
Der Fliegende Holländer zieht vorüber schon wie viele Male, 
und tief unter uns spürt man unhörbar beben den Grund.

Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 143

Оксана ЗАБУЖКО

КОРАБЕЛЬ ДУРНІВ 
(Варіація на тему С. Бранта)

Наче в Ноїв ковчег, нас упхалось в цей Час непомалу –
Кат і жертва, брехун і підбрехач, і той, кому – так, все одно, –
Всі пліч-о-пліч сопуть і усі норовлять до штурвалу, 
поки все таки штиль і покіль ще не йдемо на дно. 
Як ми трудно пливем на усі сторони на чотири!
Розгойдає – ну що ж: помагай кому Бог, кому чорт... 
Чоловіче за бортом, якої ти нації й віри? –
Розпитають, а потім розважать, – чи варт витягати на борт.. 
А як змило кого, то й таке: заощадимо труни 
/Бо ще й мертвих вози – он живим не стачає де жить!/ 
Ох, тяжкий той вантаж, що уже розпирає нам трюми, 
Що уже ватерлінія врівень з водою дрижить!..
Та вже б якось пливли – хіба ж стільки трималися років? –
Ще вібрує двигун, як нетвердо намацаний пульс...
Тільки з палуби все, як навмисне, змивало пророків –
Хто ж нам вкаже тепер, як лягти у тумані на курс?
А коли хитавиця, на двох таки важко стояти –
Ще й гляди не зіпхнули б – без шуму і без боротьби...
/Ех прекрасен був час, коли знаєш у кого стріляти, 
Коли знаєш, і звідки удару чекати тобі!/ 
...Але в барі танцюють, наводять на палубі глянець, 
Але грає оркестр, і змивають червоне вино –
І вже вкотре повз нас пропливає Летючий Голландець, 
І далеко під нами нечутно здригається дно...

Ebd. S. 142

Über die Autorin

Aufgrund ihrer Ausbildung ist O. Sabuschko als Philosophiedozentin tätig, darüber hinaus Dichterin, Kritikerin und Übersetzerin. Sie gilt als eine der aktivsten Persönlichkeiten im heutigen intellektuell-geistigen Leben der Ukraine. Sabuschko beeindruckt vor allem durch die Weite ihrer poetischen Gedankenwelt, die fast in paradoxer Weise mit einer echten femininen Leidenschaft verbunden ist. Alles, was sie zur Hand nimmt – in der Literatur, Philosophie, Publizistik – ist von starker Schaffenskraft gekennzeichnet.

Sie hat zwei Gedichtsammlungen herausgegeben: „Rauhreif im Mai“ (1985) und „Der Dirigent der letzten Kerze“ (1990). Aus diesem letzten Band stammt Das Narren Schiff. (ebd. S. 141)

Du bist eine Dichterin, sagen sie

Aus aktuellem Anlass erweitere ich den Frauenchor des L&Poe Journal um ein Gedicht in englischer Sprache von einer ukrainischen Dichterin.

Iryna Wikyrtschak 

„(ukrainisch Ірина Вікирчак; Transliteration Iryna Vikyrčak; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil) ist eine ukrainische Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Kulturmanagerin. (…) Einige Semester unterrichtete sie Englisch an der Universität von Czernowitz, sie unterrichtete Creative Writing und lebte in Lwiw. … Sie wirkt seit Herbst 2019 als Kulturmanagerin der „Olga-Tokarczuk-Stiftung“ in Breslau. Außerdem arbeitet sie beim Literaturhaus Breslau (Wrocławski Dom Literatury), weshalb sie inzwischen in Breslau lebt.“ (Wikipedia)

Originally Written in English
 
You are a poet, they say, we expect you 
to give us answers
you are a poet, they say, explain us 
everything with a poem
a painful one, strong, render your loss 
and grieve over your dead 
with some new metaphors
make the words in your language meet
in the order they’ve never met before
you are a poet, they say.

What can I answer them, as a poet, a woman, 
a friend who lost their friends 
to the monster of war? 
Who has friends and friends of friends 
who will never return? 
Who left their home libraries burn 
with the buildings destroyed by the lethal arms
so they themselves can fleet and live? 
Homeless, bookless, wordless, but yet alive.

Who am I as a poet, not coming form the regions affected, 
a war victim impostor, an empath 
with cinematographic imagination
the free verses  in my head,
not giving myself the right to speak
on the war that is not even mine. 

You are a poet, they say,
you come from THAT country
we expect you to be giving answers
to write poems, you know. 

How can I answer them with a poem, 
when anxiety cut off my voice,
played on my vocal cords, ate up my words? 
Haven’t you read it all in the
New York Times, in The Guardian and also 
your local press? 
Haven’t you used your empathy and
some visuals from movies you’ve seen? 
Would you like me to send you a link? 

I am not even writing this poem 
in the language of victims
although I should
for it’s all them who are seeking the answers, 
for it’s not up to me to know any.

Deutsche Fassung von Gerrit Wustmann

du bist eine dichterin, sagen sie, wir erwarten
dass du uns antworten gibst
du bist eine dichterin, sagen sie, erkläre uns
alles mit einem gedicht
ein schmerzhaftes, starkes, zeichne 
deinen verlust und die trauer über deine toten
mit neuen metaphern
vereine worte in deiner sprache
wie sie noch nie zuvor vereint wurden
du bist eine dichterin, sagen sie

was kann ich ihnen antworten, als dichterin, als frau
als freundin, die ihre freunde verloren hat
an das monster namens krieg?
wer hat freunde und freunde von freunden
die nie zurückkehren werden?
wer ließ seine bücher brennend zurück 
die häuser zerstört von tödlichen waffen
um selbst zu flüchten und zu leben?
obdachlos, buchlos, wortlos, aber noch am leben.

wer bin ich als dichterin, die nicht aus den betroffenen regionen kommt,
eine kriegsopferdarstellerin, eine empfindende
mit cinematographischer vorstellungskraft
die freien verse in meinem kopf
geben mir nicht das recht, zu sprechen
über den krieg, der nicht meiner ist.

du bist eine dichterin, sagen sie,
du kommst aus DEM land
wir erwarten antworten von dir,
dass du gedichte schreibst, du weißt schon.

wie kann ich mit einem gedicht antworten,
wenn angst mir die stimme verschnürt,
mit meinen stimmbändern spielt, meine wörter verschlingt?
hast du es nicht alles 
in der new york times, im guardian, in der lokalzeitung
gelesen?
hast du nicht deine empathie und ein paar bilder
aus filmen, die du sahst?
soll ich dir einen link schicken?

ich schreibe dieses gedicht nichtmal
in der sprache der opfer
obwohl ich sollte
denn sie sind es, die antworten suchen,
und ich bin es nicht, die sie kennt.

Hier einige ihrer ukrainischen Gedichte auf Deutsch.

Die Sünderin

Am 27. Februar 1943 wurden bei der später so genannten »Fabrikaktion« in Deutschland tausende Juden verhaftet und in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen ist die Dichterin Gertrud Kolmar, die am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Sie wurde nicht als Häftling registriert, sondern vermutlich sofort nach der Ankunft am 3. März »selektiert« und in der Gaskammer ermordet.

Gertrud Kolmar 

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken, den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 130f.

Königreich des Regens

Yevgeniy Breyger wurde in Charkiw geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. In seinem Gedichtband „Gestohlene Luft“ spricht er auch von den historischen Verbrechen, der Nazis, der Roten Armee, an der jüdischen und nichtjüdischen Zivilbevölkerung in der Ukraine, von intergenerationellem Trauma und heutiger Heuchelei. Hier das Auftaktgedicht seines Zyklus „Königreiche“. (Diese Einleitung übernommen von der Facebookseite des Verlags Kookbooks).

Yevgeniy Breyger veröffentlichte auf Facebook einen Kommentar zur Haltung Deutschlands zur Ukraine, der offenbar von mehreren Lesern als Hassrede gemeldet und gelöscht wurde, bei Androhung einer Sperre. (Oh, schon öfter habe ich unflätige Beschimpfungen und übelste Bedrohungen zum Beispiel antisemitischer Art „gemeldet“ und jedesmal die Antwort erhalten: „Dieser Beitrag verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards). Inzwischen hat die Tageszeitung Die Welt den Artikel veröffentlicht.


Königreich des Regens

In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet, erfährt sie
ihre Bestimmung, die großen Felsen zu beschießen.
Am Flusslauf warten sie wie Augen. Entschieden,
ruhig kriecht Stein über Stein – Von ihr weg?

Wieder eine falsche Richtung, gröber als Sand,
Pulver, das ihr nicht gehorcht. Diese trockene Ader,
kann ich sie fassen? Felder – Felder. Wälder – Getier.
Im Denken verschwimmt eine Erinnerung. Sie läuft

in den Wind. Durch die innere Welt, entschlossen zum Fels,
hört Schüsse. Geschichte schießt auf Geschichte,
Hunde erschießen sich, Dorf schießt auf Stadt, Tiere
schießen Pflanzen auf Mineralien. Flinten gleiten

durch Hände. Substanzen beschießen ein weiches
Gemisch aus Gummi und Erde – Vogelschwärme
existieren als solche Geschosse, denkt sie,
und verschwinden zwischen Himmel, zwischen

Boden, in einer Brust. Weder Ankommen noch
Verschwinden ist möglich, wenn du so stark liebst.
Tritt hinaus, selbst der Fels hat gelernt zu verzeihen.
Tritt über zu den Menschen, ihre Körper

halten sich am Leben, indem sie wie Knospen
aufgehen, wenn es warm wird. Jahrlang Frühling,
wohin soll ich gehn? Aufgeben sei dir Gewinn.
Vergiss, was du tust, folge einem Gesang.

#StandWithUkraine

Hier das Gedicht, gelesen vom Autor

Reden, schweigen und erneut reden

Im Vorwort zur 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ schreibt Jurij Andruchowytsch:

Die Poesie und Volksdichtung war im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte für die Ukrainer die einzige Überlebensmöglichkeit, sie füllte den gesamten geistigen Freiraum aus, der dem Volk in seinem kolonialen Dasein geblieben war.

Daraus ein Gedicht von Hryhorij Tschubaj (1949-1982)

CHRONIK

                                                                  Ihor Kalynez gewidmet 

damals zogen die ganze Nacht statt der Wolken Doppelbetten 
          über unsere Stadt und es hieß daß gegen morgen 
          aus ihnen ein Kopekenregen niederfiel 

die Gesichter der Uhren waren damals leichenblaß 
          die Tränen der Minuten fielen immer 
          gleichmäßiger zu Boden

Unsere Pferde hatten sich im welken Laub versteckt 
und mit dem Laub trug sie der Wind davon

als wir unseren Kaffee zu Ende tranken erschien 
          ein kleiner Taschenmessias und sprach

          spielt nicht alle gleichzeitig den Helden ihr ähnelt 
          sonst den Marktfrauen die die gleiche Ware feilbieten 
          stellt euch an für das Heldentum und wartet

solltet ihr jedoch sterben ohne etwas Heldenhaftes 
          vollbracht zu haben dann war zumindest euer 
          Anstehen für das Heldentum heldenhaft genug

schließlich schleppte sich eine wahnsinnige Kirche 
          am Café vorbei die vor Einsamkeit und Leere 
          den Verstand verloren hatte

1971

Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 103

ХРОНІКА

                                                                  Ігорю Калинцю 

тоді всю ніч над нашим містом пливли двоспальні
          ліжка замість хмар повідали що з них ран­-
          ком ішов копійчаний дощ

тоді обличчя годинників були смертельно бліді 
          і крапали на підлогу сльози хвилин щораз 
          рівномірніше

          заховалися наші коні в буланому листі і 
          разом із листям їх вітер кудись погнав

а як ми допивали каву то явився нам кишеньковий 
          месія й прорік

          не будьте героями всі одночасно бо станете 
          тоді схожими на перекупок що пропонують 
          один і той самий товар ставайте в чергу 
          на героїзм і чекайте

а якщо ви так і помрете не звершивши нічо­го 
          геройського то ж хіба не геройством було 
          ваше доброчесне стояння в черзі на героїзм

а ще божевільна церква що збожеволіла од са­моти 
          й порожнечі повз кав'ярню поволі тоді брела

1971

Ebd. S. 102

Über den Autor

Im ukrainischen literarischen „Underground“ der siebziger Jahre spielte Hryhorij Tschubaj eine Schlüsselrolle. Für Ihn typisch ist eine in der ukrainischen Lyrik bis dahin ungekannte, spannungsgeladene Vereinigung des Philosophischen mit scharfsinnigem Gefühlsreichtum. Seine zumeist recht hermetischen Werke sind schwer zugänglich. Sie beeindrucken indes durch ihre Vollkommenheit und die absolute Zweckgebundenheit jedes einzelnen Buchstabens. Isoliert von der „großen Literatur“ durch Repressionsmaßnahmen des Regimes, verfolgt und ohne jegliche Möglichkeit zu publizieren, starb Tschubaj im Alter von 33 Jahren.

Sein einziger Gedichtband „Reden, schweigen und erneut reden” 1990 erschien in Kiew acht Jahre nach seinem Tod.

Zum 401. Geburtstag

Heute ist der 401. Geburtstag der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz. Vier Wochen vor dem 400. Geburtstag war der erste Band der von mir herausgegebenen Werkausgabe erschienen. Der abschließende zweite geht dieser Tage in Satz. Zum Fest eins ihrer trunkenen, funkenden, ungezähmten Gedichte, in dem es so klingt

Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / 
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / 
Der Geist steht auf dem  Sprunck / die Sprach ist ungehemt / 
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. 

Sibylla Schwarz

(24.2.1621 Greifswald – 10.8.1638 Greifswald)

Verachtung der Welt. 
Mehrer theils auß dem Niderlen=
dischen verteutscht. 

O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen / 
Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen / 
Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit / 
Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit !
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / 
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / 
Der Geist steht auf dem  Sprunck / die Sprach ist ungehemt / 
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. 
Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten / 
Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten / 
Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk / 
Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk. ¶
Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden / 
Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden / 
Jch seh ein klares Nas und Christallinen Bach / 
Jch seh den Lebensbaumb / Jch seh der Tage Tag / 
Jch hör ein großes Volck des Herren Thaten singen / 
Wohin doch / (O Vernunfft !) wie weit wiltu dich zwingen ?
Jch seh das reine Lamb / und die geliebte stehn / 
O mögt Jch (Lieber Gott : ) O möcht ich weiter gehn !
Wegk / wegk / du schnöde Welt mit deinen argen Rencken / 
Jch will itzt höher gehn / und dein nicht mehr gedencken.
Du bist nur wandelbahr / dich frist die schnelle Zeit / 
Dein gantzes Thun ist Staub / balt Lust balt wieder Leidt.
Was will Jch dir / O Wellt ! für einen Nahmen finden !
Jch zweiffle / was ich thu / undt kan dich nicht entbinden / 
Du Gordianscher Knopf  / du grosser Labyrinth / 
Du Jrwisch / wer dir folgt / verirt / verwirt / verschwindt.
Man hört ja offtermahls die Frewde selber klagen :
Wie schnell ist doch die Zeit / die alles kan verjagen ?
Es scheint / daß ein Gespänst uns aus der Welt vertreibt / 
Es ist nur Wasser / Windt / was nicht beständig bleibt.
Liebt Jemand einen Freundt in Lieb / in Lust / in Leiden / 
Es kompt in kurtzer Zeit / es kompt ein bitter scheiden / 
Wie mehr man dan mit ihm in süßer Lust verirrt / 
Wie schwerer uns hernach das schwere Scheiden wirt.
Asverus grosses Fest / von hundert achtzig Tagen / 
Hat lengst die schnelle Zeit mit sich hinwegk getragen ;
Das Leit hat auch sein Ziel / die Frewd ist leicht gethan / 
Das / was der Welt beliebt / ist nichts als lauter Wahn.
Doch in des HERren Hauß / da so viel tausent Scharen
Zusahmen sollen sein / zusahmen sollen fahren / ¶
Da ist das bitter Wort / das Scheiden nicht bekandt / 
Da ist die Fröligkeit / da bleibt sie mit bestandt.
Wen schon die gantze Welt bestünd in Wasserwogen / 
Und alle tausendt Jahr da kehme zugeflogen
Ein leichtes Federthier / und nehm ein Trüpflein Nas
Aus dieser großen See / so hett es eine Mas / 
So würde doch zuletzt nach so viel tausent Jahren / 
Und tausent noch darzu / die See zu ende fahren / 
Und entlich nicht mehr sein ; der Brunn der Ewigkeit
Wirdt nimmer außgeschöpfft / hat weder Ziel noch Zeit.
Jst jemandt auff der Wellt / der allzeit geht in springen / 
Bei Wein / bei schöner Speiß / bei tausent schönen dingen / 
Jn dem er unter des sein innigs Hertze fragt / 
So fint er etwas doch / das seine Sehle nagt.
Du siehst hir / was du siehst / kein dingk kan hir bekleiben / 
Der Häuser Hauß / die Welt / kan selbst nicht ewig bleiben / 
Und ist bei Gottes Hauß nur als ein Schwalbennest / 
Das nur / weiß nicht worvon / ist an der Mauwren fest.
Wan jemandt sachen sieht / geziert an allen Kandten / 
Mit weißer Perlein Schar / mit schönen Diamanten / 
Das (ob das Auge schon es schetzet überfein)
Jst doch nur Kinderspiel / ist doch nur lauter schein.
Die Lust wirt mannigmahl auch diesen zugelassen / 
Die Gottes Feinde sindt / und gute Sitten hassen.
Jhr / wens euch wiederfehrt / so denckt / so denckt / daran / 
Was Gott den seinen selbst für Schetze geben kan ?
Wann Jemandt Garten sieht mit schönen Blumen prangen
So wirdt sein gantzes Hertz mit fröligkeit umbfangen / 
Er wirdt von schöner Frucht / von Bäumen baldt ergetzt / 
Jm fall er sich zur Lust ins grüne niedersetzt. ¶
Er hört die Nachtigall so lieblich tirilieren / 
Und kan mit höchster Lust den Garten durchspatzieren :
Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt / 
Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt :
Was wirdt der guhte Gott den seinen Kindern geben / 
Die nach der kurtzen Zeit noch ewig mit Jhm leben ?
Was wirdt doch seine Gunst ihn’n werffen in den Schooß / 
Wen Jhr entsehlter Leib ist dieses Leben looß ?
Jm fall die güldne Sonn / mit Klarheit gantz ümbfangen / 
Kömpt als ein Breutigam auß ihrer Kammer gangen / 
Jm fall der klare Mon / und all das Sterne=Licht
Vergünt der gantzen Wellt Jhr angenehm Gesicht / 
So wirt ja unsre Sehl mit frewden übergoßen ;
Denckt / dis ist nur die Thür / darin noch ist beschloßen / 
Der überschöne Schatz / den eh kein Mensche schawt / 
Eh Gottes Braut / die Kirch / Jhm Ehlich wirdt vertrawt.
Drümb last uns für dem Todt / ihr Christen / nicht verzagen / 
Eß kompt ein Frewdentagk nach diesen trüben tagen / 
Was in die Wellt nur kompt / muß alles auch hinnauß / 
Muß in der Erden Schlundt / und in ein höltzern Hauß.
Es geh mir nun hinfort / es geh mir / als es will / 
Es geh mir böß und guht / es geh mir wüst und stil / 
Es geh mir / als es pflegt auff dieser Erden gehen / 
Gott thu mir was er will / Jhm will ich stille stehen / 
Jn Jhm bin ich allein zu frieden und in Ruh / 
Jn Jhm drückt man zu letzt mir Hertz und Auge zu.
Was dieser Welt beliebt / soll mir nicht mehr belieben / 
Was diese Welt betrübt / soll mich nicht mehr betrüben / 
Was nun auff dieser Welt mein wacker Auge sicht / 
Das treckt hinfort die Sehl / das treckt mein Hertze nicht. ¶ 
Nun wündsch ich mir zu letzt den besten Wundsch auff Erden :
Jn Christi JESV Bluht gereiniget zu werden / 
Und dann auch sanfft und still auß diesem Jammerthal
Zu scheiden / wann Gott wil ! das ist mein Wündschen all.

  

Werkausgabe:

Sibylla Schwarz (1621-1638): Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021. 269 Seiten, Hardcover, 40 € / Es gibt auch eine wohlfeile broschierte Ausgabe mit sämtlichen Texten, aber in kompakterem Layout. 192 Seiten, 20 €

Für Anna Achmatowa

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

Für Anna Achmatowa

Das Regenrohr und eine Eisenleiter
Ich höre den Regen. Wieder stemmt er sich
Dem Dach entgegen
 
Wie der Regen an die Scheiben trommelt!

Solange gewartet, bis der Granit
Weicher als Wachs wurde.

Frisch wehte der Wind den Mai herbei
Durch alle Regenfälle steil vom Himmel

Es legen sich die vordiktierten Zeilen
Aufs reine Weiß.
bis alles schwebt-



Der Dorfdadaist

Hugo Ball 

(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)

Der Dorfdadaist

In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett 
Hat er den Winter überstanden,.
Als Schlangenmensch im Teufelskabinett 
Gastierte er bei Vorstadtdilletanten.

Nun sich der Frühling wieder eingestellt 
Und Frau Natura kräftig promenieret, 
Hat ihn die Lappen- und Atrappenwelt 
Verdrossen erst und schließlich degoutieret.

Er hat sich eine Laute aufgezimmert 
Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben.
Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert, 
Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben.

Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße. 
Er schwenkt jucheiend seinen Brautzylinder. 
Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese 
Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder ...

Aus: VERSENSPORN Heft für lyrische Reize Nr. 47: Hugo Ball . Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27f

Broschur, Klammerheftung 36 Seiten Umschlagmotiv: Marcel Janco Erste Auflage 2021: 120 Exemplare Preis: 4,00 €. Beilage: Mini-CD mit Lautgedichten von Ball, gesprochen von Salome Kammer

Steinbacher Stunden

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

Steinbacher Stunden

Aus Richtung Hallenburg 
Da kommt er, stolpert
Zum Unterricht hinauf
Ich schnell hinunter
Die Mutter unterrichtet ihn
Im Flötenspiel.
Treppengeländer runter
Vom zweiten Stock 
Irgendwo unten hör ich Füjerstei,
Bonbons hier auf der Straße?
Es rattert der Scherenschleifer 
Die Glocke in der Hand. Er schreit.
Ich sitz am Bordstein, höre zu
Wie er die Kornblumen zerteilt
Mit scharfer Schere
Pferdegetrappel hinter ihm
Und neben mir das Knarren
Von frisch besohlten Schuhen.
Die Kötze voller Äpfel eine Frau
Und eine Kötze voller Holz die andre,
Voll hoch gestapeltem Holz
Ein Bauer klopft die Pfeife aus
Und wieder Pferde
Heuwagen, obendrauf
schrill lärmende Kinder
Das große Fleisch wankt auf mich zu
Und wirft den Springinsfeld so hoch,
dass er die Schweine pfeifen hört,
Ich sehe: Da geht er wieder
Der große Junge mit der Flötentasche
Aus Beiderwand.
Die Mutter ruft.


traumfassaden

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Odile Endres

ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt

oder

die amygdala macht sachen

traumfassaden. traumrazaden. die flirrenden flächen multipler skulpturen. & kuben die atmen. erkennst du den grundriss der traumstädte? du sagst: nicht im angesicht des wandels. hier gleiten die architekturen, fließen ihre schatten. elevatorgeheimnis. raumschwünge: die kurven der traumzeit. passerellen von haus zu haus, in duftiger höhe. du sagst ihr lebt im luftraum. ihr geht nicht mehr den weg. alles irdischen. hieroglyphentreppen, codiceskonjekturen, satztempel aus rauchigem glas. kristalline spiralen die sich aufwärts schrauben. im innern lichtkaskaden. barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien, die hängenden gärten von onyron. auf dem asphaltmuseum wächst gras. dort: die filigranen schwebbögen der erinnerung. traufgesimse aus jaspis. du träumst vom amethyst der mythen. du träumst dich rückwärts ins rispenwispern. unter eine andere kuppel. in die bahn eines anderen sterns. in dieser stadt ist schweben pflicht. wer den boden berührt hat verloren. dann lösen sich auf die traumfassaden.

Georg Weerth 200

Vor 200 Jahren und 2 Tagen wurde der Dichter und Revolutionär Georg Weerth geboren. Die Revolution scheiterte, und so starb er in Kuba.

(* 17. Februar 1822 in Detmold; † 30. Juli 1856 in Havanna, Kuba)

Kein schöner Ding ist auf der Welt,
Als seine Feinde zu beißen,
Als über all die plumpen Geselln
Seine lustigen Witze zu reißen.

So dacht ich und stimmte die Saiten schon:
Da ward ich versetzt in Ruhstand.
Aus war der Spaß; die heil'ge Stadt Köln
Ward erklärt in Belagerungszustand.

Von Bajonetten starrte die Stadt
Wie ein Stachelschwein. Rings um den Neumarkt
Wogten die preußischen Erzengel bis
Zum Hahnentor und zum Heumarkt.

Und ein Leutnant zog vor unsere Tür
In kriegerischer Begleitung
Und proklamierte trommelnd den Tod
Der Neuen Rheinischen Zeitung. –

Da griff ich zum Stab, und ich eilte fort,
Die Brust voller Kummer und Ärger.
Zu Herrn Soherr nach Bingen floh ich; dort trinkt
Man vorzüglichen Scharlachberger.

Herr Soherr, der ist ein fröhlicher Mann,
Und im ganzen Lande wird sich
Kein Scharlachberger finden wie der
Des Herrn Soherr von sechsundvierzig.

Herr Soherr ist vierundsechzig alt,
Und sein Wein ist von sechsundvierzig;
Er duftet nach Veilchen und Rosen und schmeckt
Wie die Liebe erquickend und würzig.

Quelle:
Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 1, Berlin 1956/57, S. 269-270.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005876478

Lügen die Menschen weil

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

Fragmenttext

worte

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Fotos: Angelika Janz

Schanzengraben

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

 Schanzengraben

Wo sich die Wiesenseiten senkten
Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen
Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen
Und in den Weiden Kletternester
Im Hohlen lockten die Verstecke
Den Weg hinab, den schmalen Weg
Ein Rinnsal mehr als Bach mit Balsaminen

Das langersehnte Rauschen dann das Strömen
Wenn Schnee verschwand der hohe Schnee
das Rinnsal wurde Bach der Bach zum Strom
Das ganze Tal geflutet meine Freude
ein Reißen riss die alte Welt 
Es war noch kalt sonst hätte ich gebadet
Nun stehen Einfamilienhäuser da

Ach, altes Ach

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

 Ach, altes Ach

Keine Achterbahn
Eine Allee
Kastanienbäume, nackt,
mit seltsam weißen Kronen
vom Schnee gezuckert.

Es läuten die Glocken
Der Herderkirche
es fliegen die Vögel
die Flügel im Schnee

Und geschwärzt hat sich schon
Alles Weiße im Wind
Kerzengrade wird Nacht
In den Schnee geweht