Noch ein Gedicht aus der 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ (herausgegeben von Jurij Andruchowytsch).
Oksana Sabuschko
(Geboren 1960)
DAS NARRENSCHIFF (Variation zu einem Thema von S. Brant) Wie in Noahs Arche haben wir uns hineingedrängt in diese Zeit – Henker und Opfer, Lügner und Schmeichler und solche, denen alles ganz gleich, sie keuchen und drängeln, blicken zornig zum Steuer, solange Windstille herrscht, gehen wir noch nicht auf Grund. Schwer geht das Schiff in alle vier Richtungen scheinbar, schaukelt es sehr, dann steh dem einem Gott, dem anderen derTeufel bei... "Du, Mann über Bord, welche Nation, welcher Glaube?" Dann wird gestritten, ob zu retten sich lohnt... Zieht es einen hinab, kann man den Sarg doch sparen... /Sich noch mit Toten abzugeben, da den Lebendgen der Platz schon nicht reicht!/ Groß ist die Fracht, der Laderaum kann sie kaum fassen, die Wasserlinie hat schon das Deck erreicht!.. Ginge es doch nur voran! So viele Jahre ist es gegangen! Man hört noch das Triebwerk wie einen schwachen Puls... Wie mit Absicht sind verschwunden vom Deck die Propheten, wer sagt uns jetzt, wie man im Nebel den Kurs bestimmt? Schaukelt es heftig, hält man sich kaum auf den Beinen, gib acht, daß sie dich nicht über Bord stoßen, leise und ohne Kampf. /Wie herrlich die Zeit, als man wußte, auf wen zu zielen, und jeder wußte, woher der Schlag zu erwarten war!/ Doch in der Bar wird getanzt, an Deck wird Ordnung geschaffen, das Orchester spielt, verschütteter Rotwein wird aufgewischt. – Der Fliegende Holländer zieht vorüber schon wie viele Male, und tief unter uns spürt man unhörbar beben den Grund.
Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 143
Оксана ЗАБУЖКО КОРАБЕЛЬ ДУРНІВ (Варіація на тему С. Бранта) Наче в Ноїв ковчег, нас упхалось в цей Час непомалу – Кат і жертва, брехун і підбрехач, і той, кому – так, все одно, – Всі пліч-о-пліч сопуть і усі норовлять до штурвалу, поки все таки штиль і покіль ще не йдемо на дно. Як ми трудно пливем на усі сторони на чотири! Розгойдає – ну що ж: помагай кому Бог, кому чорт... Чоловіче за бортом, якої ти нації й віри? – Розпитають, а потім розважать, – чи варт витягати на борт.. А як змило кого, то й таке: заощадимо труни /Бо ще й мертвих вози – он живим не стачає де жить!/ Ох, тяжкий той вантаж, що уже розпирає нам трюми, Що уже ватерлінія врівень з водою дрижить!.. Та вже б якось пливли – хіба ж стільки трималися років? – Ще вібрує двигун, як нетвердо намацаний пульс... Тільки з палуби все, як навмисне, змивало пророків – Хто ж нам вкаже тепер, як лягти у тумані на курс? А коли хитавиця, на двох таки важко стояти – Ще й гляди не зіпхнули б – без шуму і без боротьби... /Ех прекрасен був час, коли знаєш у кого стріляти, Коли знаєш, і звідки удару чекати тобі!/ ...Але в барі танцюють, наводять на палубі глянець, Але грає оркестр, і змивають червоне вино – І вже вкотре повз нас пропливає Летючий Голландець, І далеко під нами нечутно здригається дно...
Ebd. S. 142
Über die Autorin
Aufgrund ihrer Ausbildung ist O. Sabuschko als Philosophiedozentin tätig, darüber hinaus Dichterin, Kritikerin und Übersetzerin. Sie gilt als eine der aktivsten Persönlichkeiten im heutigen intellektuell-geistigen Leben der Ukraine. Sabuschko beeindruckt vor allem durch die Weite ihrer poetischen Gedankenwelt, die fast in paradoxer Weise mit einer echten femininen Leidenschaft verbunden ist. Alles, was sie zur Hand nimmt – in der Literatur, Philosophie, Publizistik – ist von starker Schaffenskraft gekennzeichnet.
Sie hat zwei Gedichtsammlungen herausgegeben: „Rauhreif im Mai“ (1985) und „Der Dirigent der letzten Kerze“ (1990). Aus diesem letzten Band stammt Das Narren Schiff. (ebd. S. 141)
Aus aktuellem Anlass erweitere ich den Frauenchor des L&Poe Journal um ein Gedicht in englischer Sprache von einer ukrainischen Dichterin.
Iryna Wikyrtschak
„(ukrainisch Ірина Вікирчак; Transliteration Iryna Vikyrčak; * 17. Mai 1988 in Salischtschyky, Oblast Ternopil) ist eine ukrainische Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Kulturmanagerin. (…) Einige Semester unterrichtete sie Englisch an der Universität von Czernowitz, sie unterrichtete Creative Writing und lebte in Lwiw. … Sie wirkt seit Herbst 2019 als Kulturmanagerin der „Olga-Tokarczuk-Stiftung“ in Breslau. Außerdem arbeitet sie beim Literaturhaus Breslau (Wrocławski Dom Literatury), weshalb sie inzwischen in Breslau lebt.“ (Wikipedia)
Originally Written in English You are a poet, they say, we expect you to give us answers you are a poet, they say, explain us everything with a poem a painful one, strong, render your loss and grieve over your dead with some new metaphors make the words in your language meet in the order they’ve never met before you are a poet, they say. What can I answer them, as a poet, a woman, a friend who lost their friends to the monster of war? Who has friends and friends of friends who will never return? Who left their home libraries burn with the buildings destroyed by the lethal arms so they themselves can fleet and live? Homeless, bookless, wordless, but yet alive. Who am I as a poet, not coming form the regions affected, a war victim impostor, an empath with cinematographic imagination the free verses in my head, not giving myself the right to speak on the war that is not even mine. You are a poet, they say, you come from THAT country we expect you to be giving answers to write poems, you know. How can I answer them with a poem, when anxiety cut off my voice, played on my vocal cords, ate up my words? Haven’t you read it all in the New York Times, in The Guardian and also your local press? Haven’t you used your empathy and some visuals from movies you’ve seen? Would you like me to send you a link? I am not even writing this poem in the language of victims although I should for it’s all them who are seeking the answers, for it’s not up to me to know any.
Deutsche Fassung von Gerrit Wustmann
du bist eine dichterin, sagen sie, wir erwarten dass du uns antworten gibst du bist eine dichterin, sagen sie, erkläre uns alles mit einem gedicht ein schmerzhaftes, starkes, zeichne deinen verlust und die trauer über deine toten mit neuen metaphern vereine worte in deiner sprache wie sie noch nie zuvor vereint wurden du bist eine dichterin, sagen sie was kann ich ihnen antworten, als dichterin, als frau als freundin, die ihre freunde verloren hat an das monster namens krieg? wer hat freunde und freunde von freunden die nie zurückkehren werden? wer ließ seine bücher brennend zurück die häuser zerstört von tödlichen waffen um selbst zu flüchten und zu leben? obdachlos, buchlos, wortlos, aber noch am leben. wer bin ich als dichterin, die nicht aus den betroffenen regionen kommt, eine kriegsopferdarstellerin, eine empfindende mit cinematographischer vorstellungskraft die freien verse in meinem kopf geben mir nicht das recht, zu sprechen über den krieg, der nicht meiner ist. du bist eine dichterin, sagen sie, du kommst aus DEM land wir erwarten antworten von dir, dass du gedichte schreibst, du weißt schon. wie kann ich mit einem gedicht antworten, wenn angst mir die stimme verschnürt, mit meinen stimmbändern spielt, meine wörter verschlingt? hast du es nicht alles in der new york times, im guardian, in der lokalzeitung gelesen? hast du nicht deine empathie und ein paar bilder aus filmen, die du sahst? soll ich dir einen link schicken? ich schreibe dieses gedicht nichtmal in der sprache der opfer obwohl ich sollte denn sie sind es, die antworten suchen, und ich bin es nicht, die sie kennt.
Hier einige ihrer ukrainischen Gedichte auf Deutsch.
Am 27. Februar 1943 wurden bei der später so genannten »Fabrikaktion« in Deutschland tausende Juden verhaftet und in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen ist die Dichterin Gertrud Kolmar, die am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Sie wurde nicht als Häftling registriert, sondern vermutlich sofort nach der Ankunft am 3. März »selektiert« und in der Gaskammer ermordet.
Gertrud Kolmar
(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)
Die Sünderin Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ? Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht, Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken? Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme. Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein; Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein. Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme. Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen; Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb, Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ? Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen. Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald. Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt, Und nie hat sich stürzender Funke den starken, den reinen Händen des Jünglings geweigert. Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte, Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand, So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land, Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte. Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse, Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht, Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht. Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse! Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen, Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin. Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin. Meine Seele kniet und singt Psalmen.
Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 130f.
Yevgeniy Breyger wurde in Charkiw geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. In seinem Gedichtband „Gestohlene Luft“ spricht er auch von den historischen Verbrechen, der Nazis, der Roten Armee, an der jüdischen und nichtjüdischen Zivilbevölkerung in der Ukraine, von intergenerationellem Trauma und heutiger Heuchelei. Hier das Auftaktgedicht seines Zyklus „Königreiche“. (Diese Einleitung übernommen von der Facebookseite des Verlags Kookbooks).
Yevgeniy Breyger veröffentlichte auf Facebook einen Kommentar zur Haltung Deutschlands zur Ukraine, der offenbar von mehreren Lesern als Hassrede gemeldet und gelöscht wurde, bei Androhung einer Sperre. (Oh, schon öfter habe ich unflätige Beschimpfungen und übelste Bedrohungen zum Beispiel antisemitischer Art „gemeldet“ und jedesmal die Antwort erhalten: „Dieser Beitrag verstößt nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards). Inzwischen hat die Tageszeitung Die Welt den Artikel veröffentlicht.
Königreich des Regens In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet, erfährt sie ihre Bestimmung, die großen Felsen zu beschießen. Am Flusslauf warten sie wie Augen. Entschieden, ruhig kriecht Stein über Stein – Von ihr weg? Wieder eine falsche Richtung, gröber als Sand, Pulver, das ihr nicht gehorcht. Diese trockene Ader, kann ich sie fassen? Felder – Felder. Wälder – Getier. Im Denken verschwimmt eine Erinnerung. Sie läuft in den Wind. Durch die innere Welt, entschlossen zum Fels, hört Schüsse. Geschichte schießt auf Geschichte, Hunde erschießen sich, Dorf schießt auf Stadt, Tiere schießen Pflanzen auf Mineralien. Flinten gleiten durch Hände. Substanzen beschießen ein weiches Gemisch aus Gummi und Erde – Vogelschwärme existieren als solche Geschosse, denkt sie, und verschwinden zwischen Himmel, zwischen Boden, in einer Brust. Weder Ankommen noch Verschwinden ist möglich, wenn du so stark liebst. Tritt hinaus, selbst der Fels hat gelernt zu verzeihen. Tritt über zu den Menschen, ihre Körper halten sich am Leben, indem sie wie Knospen aufgehen, wenn es warm wird. Jahrlang Frühling, wohin soll ich gehn? Aufgeben sei dir Gewinn. Vergiss, was du tust, folge einem Gesang. #StandWithUkraine
Hier das Gedicht, gelesen vom Autor
Im Vorwort zur 1996 erschienenen Anthologie „Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts“ schreibt Jurij Andruchowytsch:
Die Poesie und Volksdichtung war im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte für die Ukrainer die einzige Überlebensmöglichkeit, sie füllte den gesamten geistigen Freiraum aus, der dem Volk in seinem kolonialen Dasein geblieben war.
Daraus ein Gedicht von Hryhorij Tschubaj (1949-1982)
CHRONIK
Ihor Kalynez gewidmet
damals zogen die ganze Nacht statt der Wolken Doppelbetten
über unsere Stadt und es hieß daß gegen morgen
aus ihnen ein Kopekenregen niederfiel
die Gesichter der Uhren waren damals leichenblaß
die Tränen der Minuten fielen immer
gleichmäßiger zu Boden
Unsere Pferde hatten sich im welken Laub versteckt
und mit dem Laub trug sie der Wind davon
als wir unseren Kaffee zu Ende tranken erschien
ein kleiner Taschenmessias und sprach
spielt nicht alle gleichzeitig den Helden ihr ähnelt
sonst den Marktfrauen die die gleiche Ware feilbieten
stellt euch an für das Heldentum und wartet
solltet ihr jedoch sterben ohne etwas Heldenhaftes
vollbracht zu haben dann war zumindest euer
Anstehen für das Heldentum heldenhaft genug
schließlich schleppte sich eine wahnsinnige Kirche
am Café vorbei die vor Einsamkeit und Leere
den Verstand verloren hatte
1971
Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Reich mir die steinerne Laute. Ukrainische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Deutsch-Ukrainische Edition Lyrik. Auswahl und Einführung Jurij Andruchowycz. Reichelsheim: Brodina, 1996, S. 103
ХРОНІКА
Ігорю Калинцю
тоді всю ніч над нашим містом пливли двоспальні
ліжка замість хмар повідали що з них ран-
ком ішов копійчаний дощ
тоді обличчя годинників були смертельно бліді
і крапали на підлогу сльози хвилин щораз
рівномірніше
заховалися наші коні в буланому листі і
разом із листям їх вітер кудись погнав
а як ми допивали каву то явився нам кишеньковий
месія й прорік
не будьте героями всі одночасно бо станете
тоді схожими на перекупок що пропонують
один і той самий товар ставайте в чергу
на героїзм і чекайте
а якщо ви так і помрете не звершивши нічого
геройського то ж хіба не геройством було
ваше доброчесне стояння в черзі на героїзм
а ще божевільна церква що збожеволіла од самоти
й порожнечі повз кав'ярню поволі тоді брела
1971
Ebd. S. 102
Über den Autor
Im ukrainischen literarischen „Underground“ der siebziger Jahre spielte Hryhorij Tschubaj eine Schlüsselrolle. Für Ihn typisch ist eine in der ukrainischen Lyrik bis dahin ungekannte, spannungsgeladene Vereinigung des Philosophischen mit scharfsinnigem Gefühlsreichtum. Seine zumeist recht hermetischen Werke sind schwer zugänglich. Sie beeindrucken indes durch ihre Vollkommenheit und die absolute Zweckgebundenheit jedes einzelnen Buchstabens. Isoliert von der „großen Literatur“ durch Repressionsmaßnahmen des Regimes, verfolgt und ohne jegliche Möglichkeit zu publizieren, starb Tschubaj im Alter von 33 Jahren.
Sein einziger Gedichtband „Reden, schweigen und erneut reden” 1990 erschien in Kiew acht Jahre nach seinem Tod.
Heute ist der 401. Geburtstag der Greifswalder Dichterin Sibylla Schwarz. Vier Wochen vor dem 400. Geburtstag war der erste Band der von mir herausgegebenen Werkausgabe erschienen. Der abschließende zweite geht dieser Tage in Satz. Zum Fest eins ihrer trunkenen, funkenden, ungezähmten Gedichte, in dem es so klingt
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / Der Geist steht auf dem Sprunck / die Sprach ist ungehemt / Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt.
Sibylla Schwarz
(24.2.1621 Greifswald – 10.8.1638 Greifswald)
Verachtung der Welt. Mehrer theils auß dem Niderlen= dischen verteutscht. O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen / Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen / Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit / Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit ! Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / Der Geist steht auf dem Sprunck / die Sprach ist ungehemt / Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten / Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten / Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk / Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk. ¶ Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden / Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden / Jch seh ein klares Nas und Christallinen Bach / Jch seh den Lebensbaumb / Jch seh der Tage Tag / Jch hör ein großes Volck des Herren Thaten singen / Wohin doch / (O Vernunfft !) wie weit wiltu dich zwingen ? Jch seh das reine Lamb / und die geliebte stehn / O mögt Jch (Lieber Gott : ) O möcht ich weiter gehn ! Wegk / wegk / du schnöde Welt mit deinen argen Rencken / Jch will itzt höher gehn / und dein nicht mehr gedencken. Du bist nur wandelbahr / dich frist die schnelle Zeit / Dein gantzes Thun ist Staub / balt Lust balt wieder Leidt. Was will Jch dir / O Wellt ! für einen Nahmen finden ! Jch zweiffle / was ich thu / undt kan dich nicht entbinden / Du Gordianscher Knopf / du grosser Labyrinth / Du Jrwisch / wer dir folgt / verirt / verwirt / verschwindt. Man hört ja offtermahls die Frewde selber klagen : Wie schnell ist doch die Zeit / die alles kan verjagen ? Es scheint / daß ein Gespänst uns aus der Welt vertreibt / Es ist nur Wasser / Windt / was nicht beständig bleibt. Liebt Jemand einen Freundt in Lieb / in Lust / in Leiden / Es kompt in kurtzer Zeit / es kompt ein bitter scheiden / Wie mehr man dan mit ihm in süßer Lust verirrt / Wie schwerer uns hernach das schwere Scheiden wirt. Asverus grosses Fest / von hundert achtzig Tagen / Hat lengst die schnelle Zeit mit sich hinwegk getragen ; Das Leit hat auch sein Ziel / die Frewd ist leicht gethan / Das / was der Welt beliebt / ist nichts als lauter Wahn. Doch in des HERren Hauß / da so viel tausent Scharen Zusahmen sollen sein / zusahmen sollen fahren / ¶ Da ist das bitter Wort / das Scheiden nicht bekandt / Da ist die Fröligkeit / da bleibt sie mit bestandt. Wen schon die gantze Welt bestünd in Wasserwogen / Und alle tausendt Jahr da kehme zugeflogen Ein leichtes Federthier / und nehm ein Trüpflein Nas Aus dieser großen See / so hett es eine Mas / So würde doch zuletzt nach so viel tausent Jahren / Und tausent noch darzu / die See zu ende fahren / Und entlich nicht mehr sein ; der Brunn der Ewigkeit Wirdt nimmer außgeschöpfft / hat weder Ziel noch Zeit. Jst jemandt auff der Wellt / der allzeit geht in springen / Bei Wein / bei schöner Speiß / bei tausent schönen dingen / Jn dem er unter des sein innigs Hertze fragt / So fint er etwas doch / das seine Sehle nagt. Du siehst hir / was du siehst / kein dingk kan hir bekleiben / Der Häuser Hauß / die Welt / kan selbst nicht ewig bleiben / Und ist bei Gottes Hauß nur als ein Schwalbennest / Das nur / weiß nicht worvon / ist an der Mauwren fest. Wan jemandt sachen sieht / geziert an allen Kandten / Mit weißer Perlein Schar / mit schönen Diamanten / Das (ob das Auge schon es schetzet überfein) Jst doch nur Kinderspiel / ist doch nur lauter schein. Die Lust wirt mannigmahl auch diesen zugelassen / Die Gottes Feinde sindt / und gute Sitten hassen. Jhr / wens euch wiederfehrt / so denckt / so denckt / daran / Was Gott den seinen selbst für Schetze geben kan ? Wann Jemandt Garten sieht mit schönen Blumen prangen So wirdt sein gantzes Hertz mit fröligkeit umbfangen / Er wirdt von schöner Frucht / von Bäumen baldt ergetzt / Jm fall er sich zur Lust ins grüne niedersetzt. ¶ Er hört die Nachtigall so lieblich tirilieren / Und kan mit höchster Lust den Garten durchspatzieren : Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt / Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt : Was wirdt der guhte Gott den seinen Kindern geben / Die nach der kurtzen Zeit noch ewig mit Jhm leben ? Was wirdt doch seine Gunst ihn’n werffen in den Schooß / Wen Jhr entsehlter Leib ist dieses Leben looß ? Jm fall die güldne Sonn / mit Klarheit gantz ümbfangen / Kömpt als ein Breutigam auß ihrer Kammer gangen / Jm fall der klare Mon / und all das Sterne=Licht Vergünt der gantzen Wellt Jhr angenehm Gesicht / So wirt ja unsre Sehl mit frewden übergoßen ; Denckt / dis ist nur die Thür / darin noch ist beschloßen / Der überschöne Schatz / den eh kein Mensche schawt / Eh Gottes Braut / die Kirch / Jhm Ehlich wirdt vertrawt. Drümb last uns für dem Todt / ihr Christen / nicht verzagen / Eß kompt ein Frewdentagk nach diesen trüben tagen / Was in die Wellt nur kompt / muß alles auch hinnauß / Muß in der Erden Schlundt / und in ein höltzern Hauß. Es geh mir nun hinfort / es geh mir / als es will / Es geh mir böß und guht / es geh mir wüst und stil / Es geh mir / als es pflegt auff dieser Erden gehen / Gott thu mir was er will / Jhm will ich stille stehen / Jn Jhm bin ich allein zu frieden und in Ruh / Jn Jhm drückt man zu letzt mir Hertz und Auge zu. Was dieser Welt beliebt / soll mir nicht mehr belieben / Was diese Welt betrübt / soll mich nicht mehr betrüben / Was nun auff dieser Welt mein wacker Auge sicht / Das treckt hinfort die Sehl / das treckt mein Hertze nicht. ¶ Nun wündsch ich mir zu letzt den besten Wundsch auff Erden : Jn Christi JESV Bluht gereiniget zu werden / Und dann auch sanfft und still auß diesem Jammerthal Zu scheiden / wann Gott wil ! das ist mein Wündschen all.![]()
Werkausgabe:
Sibylla Schwarz (1621-1638): Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Leipzig: Reinecke & Voß, 2021. 269 Seiten, Hardcover, 40 € / Es gibt auch eine wohlfeile broschierte Ausgabe mit sämtlichen Texten, aber in kompakterem Layout. 192 Seiten, 20 €
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Für Anna Achmatowa Das Regenrohr und eine Eisenleiter Ich höre den Regen. Wieder stemmt er sich Dem Dach entgegen Wie der Regen an die Scheiben trommelt! Solange gewartet, bis der Granit Weicher als Wachs wurde. Frisch wehte der Wind den Mai herbei Durch alle Regenfälle steil vom Himmel Es legen sich die vordiktierten Zeilen Aufs reine Weiß. bis alles schwebt-
Hugo Ball
(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)
Der Dorfdadaist In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett Hat er den Winter überstanden,. Als Schlangenmensch im Teufelskabinett Gastierte er bei Vorstadtdilletanten. Nun sich der Frühling wieder eingestellt Und Frau Natura kräftig promenieret, Hat ihn die Lappen- und Atrappenwelt Verdrossen erst und schließlich degoutieret. Er hat sich eine Laute aufgezimmert Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben. Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert, Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben. Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße. Er schwenkt jucheiend seinen Brautzylinder. Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder ...
Aus: VERSENSPORN Heft für lyrische Reize Nr. 47: Hugo Ball . Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2021, S. 27f
Broschur, Klammerheftung 36 Seiten Umschlagmotiv: Marcel Janco Erste Auflage 2021: 120 Exemplare Preis: 4,00 €. Beilage: Mini-CD mit Lautgedichten von Ball, gesprochen von Salome Kammer
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Steinbacher Stunden Aus Richtung Hallenburg Da kommt er, stolpert Zum Unterricht hinauf Ich schnell hinunter Die Mutter unterrichtet ihn Im Flötenspiel. Treppengeländer runter Vom zweiten Stock Irgendwo unten hör ich Füjerstei, Bonbons hier auf der Straße? Es rattert der Scherenschleifer Die Glocke in der Hand. Er schreit. Ich sitz am Bordstein, höre zu Wie er die Kornblumen zerteilt Mit scharfer Schere Pferdegetrappel hinter ihm Und neben mir das Knarren Von frisch besohlten Schuhen. Die Kötze voller Äpfel eine Frau Und eine Kötze voller Holz die andre, Voll hoch gestapeltem Holz Ein Bauer klopft die Pfeife aus Und wieder Pferde Heuwagen, obendrauf schrill lärmende Kinder Das große Fleisch wankt auf mich zu Und wirft den Springinsfeld so hoch, dass er die Schweine pfeifen hört, Ich sehe: Da geht er wieder Der große Junge mit der Flötentasche Aus Beiderwand. Die Mutter ruft.
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Odile Endres
ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
oder
die amygdala macht sachen
traumfassaden. traumrazaden. die flirrenden flächen multipler skulpturen. & kuben die atmen. erkennst du den grundriss der traumstädte? du sagst: nicht im angesicht des wandels. hier gleiten die architekturen, fließen ihre schatten. elevatorgeheimnis. raumschwünge: die kurven der traumzeit. passerellen von haus zu haus, in duftiger höhe. du sagst ihr lebt im luftraum. ihr geht nicht mehr den weg. alles irdischen. hieroglyphentreppen, codiceskonjekturen, satztempel aus rauchigem glas. kristalline spiralen die sich aufwärts schrauben. im innern lichtkaskaden. barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien, die hängenden gärten von onyron. auf dem asphaltmuseum wächst gras. dort: die filigranen schwebbögen der erinnerung. traufgesimse aus jaspis. du träumst vom amethyst der mythen. du träumst dich rückwärts ins rispenwispern. unter eine andere kuppel. in die bahn eines anderen sterns. in dieser stadt ist schweben pflicht. wer den boden berührt hat verloren. dann lösen sich auf die traumfassaden.
Vor 200 Jahren und 2 Tagen wurde der Dichter und Revolutionär Georg Weerth geboren. Die Revolution scheiterte, und so starb er in Kuba.
(* 17. Februar 1822 in Detmold; † 30. Juli 1856 in Havanna, Kuba)
Kein schöner Ding ist auf der Welt, Als seine Feinde zu beißen, Als über all die plumpen Geselln Seine lustigen Witze zu reißen. So dacht ich und stimmte die Saiten schon: Da ward ich versetzt in Ruhstand. Aus war der Spaß; die heil'ge Stadt Köln Ward erklärt in Belagerungszustand. Von Bajonetten starrte die Stadt Wie ein Stachelschwein. Rings um den Neumarkt Wogten die preußischen Erzengel bis Zum Hahnentor und zum Heumarkt. Und ein Leutnant zog vor unsere Tür In kriegerischer Begleitung Und proklamierte trommelnd den Tod Der Neuen Rheinischen Zeitung. – Da griff ich zum Stab, und ich eilte fort, Die Brust voller Kummer und Ärger. Zu Herrn Soherr nach Bingen floh ich; dort trinkt Man vorzüglichen Scharlachberger. Herr Soherr, der ist ein fröhlicher Mann, Und im ganzen Lande wird sich Kein Scharlachberger finden wie der Des Herrn Soherr von sechsundvierzig. Herr Soherr ist vierundsechzig alt, Und sein Wein ist von sechsundvierzig; Er duftet nach Veilchen und Rosen und schmeckt Wie die Liebe erquickend und würzig.
Quelle:
Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 1, Berlin 1956/57, S. 269-270.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005876478
(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)
Fotos: Angelika Janz











(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Schanzengraben Wo sich die Wiesenseiten senkten Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen Und in den Weiden Kletternester Im Hohlen lockten die Verstecke Den Weg hinab, den schmalen Weg Ein Rinnsal mehr als Bach mit Balsaminen Das langersehnte Rauschen dann das Strömen Wenn Schnee verschwand der hohe Schnee das Rinnsal wurde Bach der Bach zum Strom Das ganze Tal geflutet meine Freude ein Reißen riss die alte Welt Es war noch kalt sonst hätte ich gebadet Nun stehen Einfamilienhäuser da
(L&Poe Journal #02 Neue Texte)
Brigitte Struzyk
Ach, altes Ach Keine Achterbahn Eine Allee Kastanienbäume, nackt, mit seltsam weißen Kronen vom Schnee gezuckert. Es läuten die Glocken Der Herderkirche es fliegen die Vögel die Flügel im Schnee Und geschwärzt hat sich schon Alles Weiße im Wind Kerzengrade wird Nacht In den Schnee geweht
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