Die Ukrainer an die Polen

Russische Propagandisten haben oft erzählt – zuletzt der Präsident höchstpersönlich in seiner Nicht-Kriegserklärung am 24. Februar –, dass es die Ukraine gar nicht gäbe und sie künstlich von Lenin (nach manchen auch von den Deutschen) geschaffen wurde. Dabei lebte der „Nationaldichter“ des Landes, Taras Schewtschenko, von 1814 bis 1861. „Das literarische Werk des ukrainischen Nationaldichters legte den Grundstein zur Schaffung der modernen ukrainischen Literatur und seine Dichtung trug stark zur Entwicklung der modernen ukrainischen Sprache und zum Erwachen des ukrainischen Nationalbewusstseins bei.“ (Encyclopedia of Ukraine, zitiert nach Wikipedia).

Im Frühjahr 2014 tauchte ein Propagandafoto in asozialen Netzwerken auf, auf dem man am Rathaus in Kiew die Hakenkreuzfahne hängen sah. Marina Weisband (damals Piratenpartei) war gerade in Kiew und stellte richtig, dass dort das Porträt von Taras Schewtschenko hängt. (Es hilft nichts, manche glauben bis heute an die Propagandalüge und an ihre eigene grenzenlose Ignoranz, und Putin schickt eine ganze Armee, um das Land mit Bomben und Raketen zu „entnazifizieren“).

Heute ein Gedicht von Taras Schewtschenko aus der Vorgeschichte nationalen Hasses. In der DDR erschien 1987 eine Auswahl seiner Gedichte auf Grundlage einer zweibändigen sowjetischen Ausgabe in deutscher Sprache von 1951. In dieser Auswahl fehlen „natürlich“ alle Hinweise auf die nationale Unterdrückung der Ukrainer, aber gegen Pfaffenlug und Zar konnte man schon frei reden. 1847 wurde Schewtschenko zum ersten Mal verhaftet und zu Verbannung mit gleichzeitigem Schreib- und Malverbot verurteilt. Gleichzeitig wurde ihm auf Lebenszeit die Rückkehr in die Ukraine verboten. Wider dem Verbote begann er dieses Gedicht in der Festung zu schreiben.

Taras Hryhorowytsch Schewtschenko 

(ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, * 25. Februarjul. / 9. März 1814greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februarjul. / 10. März 1861greg. in Sankt Petersburg) 

Den Polen

Als einst wir noch Kosaken waren, 
Noch nicht verführt vom Pfaffenlug, 
Wie fröhlich unser Herze schlug!
Als noch der Steppen freie Scharen 
Den freien Polen Brüder waren; 
Im stillen Garten unsres Glücks 
Uns Töchter blühten, lilienschöne.
Stolz war die Mutter auf die Söhne, 
Die freien Söhne... Kühnen Blicks 
Wuchsen sie auf, vor ihrem Lachen 
War alle Grämlichkeit verbannt...
Bis es das Pfaffentum verstand, 
Der Zwietracht Brände zu entfachen 
Im stillen Land. Im Blut ertränkt.
Die Freiheit und das Recht verkamen; 
So haben sie in Christi Namen 
Das arme Volk ans Kreuz gehängt... 
Gebeugt nun standen die Kosaken, 
Wie wenn der Wind den Wald zerbrach. 
Die Ukraine weint! Vom Nacken 
Die Köpfe fielen, tausendfach.
Der Henker wütet. Und dazu ja 
Gehört des Pfaffen Plapperei 
Und sein: „Tedeum! Halleluja!...“

So war das, Pole, Freund und Bruder! 
Seit Priester und Magnat am Ruder, 
Hat man entzweit uns und verhetzt; 
Wir könnten leben so auch jetzt!
Gib deine Hand, uns zu verbrüdern, 
Gib uns dein Herz, das rein und treu! 
Baun wir in Christi Namen wieder 
Das alte Paradies uns neu!

Festung Orsk, nach dem 22. Juni 1847 / Nishni Nowgorod, 1858

Deutsch von Erich Weinert, aus: Taras Schewtschenko: Meine Lieder, meine Träume. Gedichte und Zeichnungen. Verlag der Nation, Berlin; Verlag Dnipro, Kiew, 1987, S. 209f

Полякам

Ще як були ми козаками, 
А унії не чуть було, 
Отам-то весело жилось! 
Братались з вольними ляхами, 
Пишались вольними степами, 
В садах кохалися, цвіли, 
Неначе лілії, дівчата. 
Пишалася синами мати, 
Синами вольними... Росли, 
Росли сини і веселили 
Старії скорбнії літа... 
Аж поки іменем Христа 
Прийшли ксьондзи і запалили 
Наш тихий рай. І розлили 
Широке море сльоз і крові, 
А сирот іменем Христовим 
Замордували, розп'яли. 
Поникли голови козачі, 
Неначе стоптана трава. 
Украйна плаче, стогне-плаче! 
За головою голова 
Додолу пада. Кат лютує, 
А ксьондз скаженим язиком 
Кричить: “Te deum! алілуя!..” 

Отак-то, ляше, друже, брате! 
Неситії ксьондзи, магнати 
Нас порізнили, розвели, 
А ми б і досі так жили. 
Подай же руку козакові 
І серце чистеє подай! 
І знову іменем Христовим 
Ми оновим наш тихий рай. 

[Після 22 червня 1847, 
Орська кріпость — 1850, Оренбург]

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