Die Sünderin

Am 27. Februar 1943 wurden bei der später so genannten »Fabrikaktion« in Deutschland tausende Juden verhaftet und in Vernichtungslager deportiert. Unter ihnen ist die Dichterin Gertrud Kolmar, die am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Sie wurde nicht als Häftling registriert, sondern vermutlich sofort nach der Ankunft am 3. März »selektiert« und in der Gaskammer ermordet.

Gertrud Kolmar 

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken, den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 130f.

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