Zum Geburtstag

Friederike Mayröcker

(* 20. Dezember 1924, heute vor 95 Jahren, in Wien)

Parlando

was für ein Widerspruch denke ich. Nie
so denke ich, wirst du meine schwärmerischen
Vorstellungen.
Hast du je ein Instrument? Tagebücher? frage ich dich
vor dem Aufbruch. Plötzlich
hatte ich eine Menge zu sagen. Meist fürchte ich
dich nicht zu erreichen mit meinem
unsicheren Schweigen.
Trompete, Klavier, (glissando)
Tagebuch, auf einer Fahrt.
Etwas Verdecktes, Unterdrücktes, manchmal
verstehe ich kaum ein Wort von dem was du sagst, mir erklärst,
und ich weisz nicht auf welche Art
dein Denken geschieht.
Aber ich nicke dazu, möchte alles begreifen.
Deine Wasserflut, Beiläufigkeit, unschlüssig
steh ich vor dir, ich weisz nicht war es etwas das ich nur nachts,
im Traum, oder
hast du es mir im Wachen getan? meine
Vorstellung deine Hand zu mir hin, aber eher,
eher habe ich es geträumt du streichst flüchtig meine Brust,
ich will deine Nähe.
Und obwohl ich nur deine Kleider, mit meiner Wange,
habe ich plötzlich das Gefühl von Übertretung :
vielleicht weil so viel Abwehr dich umgibt.
Starr, ausgelöscht, in schrecklicher Nüchternheit,
beklommen. Achtlos mit meinen Schallplatten, Büchern. So
werfe ich alles auf die angeräumte Couch. Wo
schläfst du denn? hast du
Geburtstag? keine
Klavierstücke bitte keine Klavierstücke.
Wahllos
raufe ich Worte, Gedanken. Und merke
ich bin nicht ich selbst wenn du bei mir bist: aber ich lebe
nur auf diese Zeit hin
. Wir hätten
uns auswärts treffen können sagst du. Schreib mir am Morgen
sagst du und wirf es erst abends ein, sagst du wenn ich erzähle
dasz ich dir oft bei Nacht
Briefe schreibe die ich am Morgen zerreisze.
Das Mittagslicht hier ist schön, auch
das Nachmittagslicht. Ein Zwang sich zärtlich
eingeschlossen zu fühlen. Kurzatmig,
euphorisch. In diesem engen Geviert
das immer nur die gleichen Formen zuläszt, einander zu begegnen.
Später im Taxi dein ausgestreckter Arm an meiner
Schulter. In meinen
Ohren betäubendes Rauschen, die
Trittspur der Stunden.

Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 262f

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