Herbstike Landschaft

Itzik Manger (30. Mai 1901 Czernowitz, Österreich-Ungarn – 21. Februar 1969 Gedera, Israel)

Ein Sommergedicht von Itzik Manger kenne ich nicht, dafür mehrere Herbstgedichte. In dem zweisprachigen Band „Dunkelgold“ (Tunklgold / טונקל-גאלד) stehen die Gedichte im jiddischen Original und in der deutschen Übersetzung von Efrat Gal-Ed einander gegenüber. Zusätzlich gibt es im Anhang die Transkription der hebräischen Buchstaben. Ich kann ein bißchen Jiddisch und hab dafür die hebräische Schrift geübt. Im Faksimile unten eine Transkriptionsübung (die überschriebenen Stellen meiner Bleistiftschrift sind die nachräglichen Korrekturen anhand der transkribierten Fassung aus dem Buch).

Statt der Übersetzung hier eine stufenweise Annäherung ausgehend vom Originaltext. Zunächst die Transkription des jiddischen Texts mit einigen Worterklärungen in Klammern:

harbsstike (herbstliche) landschaft

harbsstike landschaft, ejnsam trojerik (traurig) un schejn (schön).
 bald wet (wird) der hejliker (heilige) Bal-Schem-Tow (der legendäre Rabbi ben Elieser) iber dajn tunkeler wisje (Vision) gejn (gehn)
 un doss silberne tajchl ("Teichl", Bach), was schlengelt sich schtil un mid, (der sich still und müd schlängelt)
 un di klejne berjoske (Birke) mit ir schwanen-lid,
 un di rojte (rote) lewone (Mond), was fibert schwer in brent, (in Brand)
 weln (wollen, werden) gringer (geringer) ojssgejn ojf sajne frome hent. (Hände)

Jetzt die reine Transkription und eine Rohübersetzung in zwei Stufen. Hinweis zur Aussprache: ej nicht als Diphtong „Ei“, sondern etwa wie im englischen say. Doppel-s/ß stimmlos, einfaches s stimmhaft. Ch immer wie in Bach (auch am Wortanfang und nach e oder i).

harbsstike landschaft

harbsstike landschaft, ejnsam trojerik un schejn.
 bald wet der hejliker Bal-Schem-Tow iber dajn tunkeler wisje gejn
 un doss silberne tajchl, was schlengelt sich schtil un mid,
 un di klejne berjoske mit ir schwanen-lid,
 un di rojte lewone, was fibert schwer in brent,
 weln gringer ojssgejn ojf sajne frome hent.

Übersetzungsstufe 1 (Deutsch mit Resten des Jiddischen)

Herbstige Landschaft, einsam trauerig und schön,
 bald wird der heilige Bal-Schem-Tow über deine dunkele Visjon gehn
 und das silberne Teichl, das schlängelt sich still und müd,
 und die kleine Berjoske mit ihrem Schwanenlied,
 und die rote Lewone, die fiebert schwer in Brand,
 werden geringer ausgehn auf seiner frommen Hand.

Übersetzungsstufe 2 (korrekte, aber poetische deutsche Prosa)

Herbstliche Landschaft, einsam, traurig und schön,
 bald wird der heilige Bal-Schem-Tow über deine dunkle Vision gehn
 und der silberne Bach, der schlängelt sich still und müd,
 und die kleine Birke mit ihrem Schwanenlied,
 und der rote Mond, der fiebert schwer im Brand,
 werden leichter ausgehn auf seiner frommen Hand.

Das ist fast die Übersetzung aus dem Buch, mit nur zwei kleinen Unterschieden. Statt „Herbstliche Landschaft“ heißt es Herbstlandschaft und in der dritten Zeile haben die Wörter schlängelt und sich die Reihenfolge getauscht.

Eigentlich finde ich die erste Näherungsstufe beim Übersetzen schöner und poetischer. Wer Russisch kann, kennt Berjoska = Birke, und „die Lewone“ kommt gelegentlich in älterer Literatur vor, man kennt die Wendung „schön wie die Lewone“ vielleicht aus dem jiddischen Lied, und warum soll ein aus einer fremden Sprache übersetztes Gedicht nicht ein paar Spuren des Fremden tragen? Das Wort „herbstig“ gibt es nicht, aber jeder versteht es mühelos; und sollten irgendwann populäre Musiker es in der Form singen, geht es vielleicht in den übernächsten Duden ein. Hier also meine Lieblings-Kompromiß-Fassung eines schönen, zugleich verständlichen und rätselhaften Gedichts:

Herbstige Landschaft, einsam, traurig und schön,
 bald wird der heilige Bal-Schem-Tow über deine dunkle Vision gehn
 und der silberne Bach, der schlängelt sich still und müd,
 und die kleine Birke mit ihrem Schwanenlied,
 und die rote Lewone*, die fiebert schwer in Brand,
 werden leichter ausgehn auf seiner frommen Hand.

*) Mond

Abschließend meine Transkription, das Original in hebräischer Schrift und als Anhang ein Miniglossar.

Itzik Manger: Dunkelgold. Gedichte. Jiddisch und deutsch. Hrsg., übers. u. m.e. Nachw. v. Efrat Gal-Ed. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2004

Glossar

הארבסטיקע harbßtike herbstige = herbstliche
טרויעריק trojerik trauerig = traurig
שיינ schejn schön
וועט wet wird
וויזיע wisje Vision
טייכל tajchl Bach
בעריאזקע berjoske Birke
רויטע rojte rote
די לבנה di lewone die Lewone = der Mond

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