Bei seiner Entlassung aus dem Kerker der Inquisition

Fray Luis de León (1527 – 23. August1591)

BEI SEINER ENTLASSUNG AUS DEM KERKER DER INQUISITION

Mißgunst hielt mich hier und Lüge
hinter Kerkerwand gefangen,
doch den Weisen nachzuhangen
lernt ich, die dem Weltgefüge
in die Einsamkeit entgangen.
Glücklich, wer nach Tages Frieden
sich am kargen Mahle weidet,
das ihm Gott als Gast beschieden,
und sich selber lebt hienieden,
neidisch nicht und nicht beneidet.

Im Dezember 1576 an die Wand der Gefängniszelle in Valladolid geschrieben, wo er fünf Jahre als Gefangener des Inquisitionstribunals gehalten wurde. Der beliebte Hochschullehrer wurde beschuldigt, den hebräischen Urtext der Bibel für gültiger als die lateinische Vulgata gehalten und obendrein das Hohelied übersetzt und verbreitet zu haben. Als er nach der Haft an die Universität zu Salamanca zurückkehrte, begann er seine erste Vorlesung mit den Worten „Dicebamus hesterna die… / Wir waren das letzte Mal stehengeblieben…“. Er gilt als einer der größten Lyriker Spaniens.

Aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Eingeleitet, hrsg. u. übertragen von Rudolf Grossmann. Bd.1: Vom Mittelalter bis zum Barock. Leipzig: Dieterich’sche Verlagshandlung, o.J. (1948), S. 241

AL SALIR DE LA CÁRCEL DONDE ESTUVO PRESO

Aqui la envidia y mentira
me tuvieron encerrado:
dichoso el humilde estado
del sábio que se retira
de aqueste mundo malvado;
y con pobre mesa y casa
en el campo deleitoso,
con solo Dios se compasa
y á solas su vida pasa
ni envidiado ni envidioso.

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