Wir Hybriden

Als „semiotische[r] / singsang“ beschreibt er beispielsweise das Zwitschern der Vögel, ein Bild, dessen Tragweite wohl nicht jeder Leser ohne weiteres erfassen kann. Da die fachsprachlichen Termini allerdings hauptsächlich einzelne Bilder in den Gedichten verstärken, bleiben die Gedichte dennoch zugänglich, ohne etwa abgehoben zu wirken.

Wahrnehmungen, die jedem bekannt sind, setzt Skudlarek somit in neue, der Lyrik bisher noch unbekannte Bilder um – wie beispielsweise der Wechsel der Jahreszeiten in dem Gedicht „als karnivorer winter“: Hier klingt der Herbst „höchstens noch als schwache resonanz“, während „im november die erste testphase abgeschlossen“ ist. An anderer Stelle wird ein grauer Wintermorgen metaphorisch als „ein blue screen über der stadt“ eingefangen. Wer schon einmal solch einen Blue Screen nach einem kritischen Systemabsturz auf seinem Computerbildschirm erlebt hat, weiß sich in diese fatale Situation hineinzuversetzen. Die Metaphern hinken bei Skudlarek keinesfalls, sie treffen unmittelbar den Kern unserer Gegenwartserfahrung. Durch sie entsteht oft ein ernster Ton, warnend vor der Entmenschlichung und der Entfremdung von der Natur. Der Gegensatz Mensch-Maschine wird bei Skudlarek gänzlich aufgehoben und die Menschen werden zu hybriden Wesen. Bei Kälte schrauben die unbekannten Akteure eines Gedichtes ihre „körper / temperaturen“ herunter. Die Körper werden zu Maschinen, zu „karosserien aus fleisch / und kunstblut“. Das Cover und die Illustrationen, die von der Lyrikerin Simone Kornappel stammen, unterstreichen diesen Konflikt. Es sind hauptsächlich Collagen, die alte Schwarzweißfotographien von Männern und Frauen in verkabelte, skurrile, andersartige Umgebungen setzen. Die Körper sind teils verformt, tragen bizarre Auswüchse auf dem Kopf oder an den Beinen. An dieser Stelle kommt die existenzielle Frage auf, wer oder was die Menschen, was wir, eigentlich sind. Skudlareks Antwort darauf beschreibt das unendlich Komplexe unseres Inneren mit den einfachen, aber treffenden Worten „wir sind auch nur touristen in unseren körpern“. / Isabel Steinmetz, literaturkritik.de

Jan Skudlarek: ELEKTROSMOG. Gedichte.
luxbooks, Wiesbaden 2013.
100 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783939557746

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: