35. Mühsams Tagebücher

Diese Hefte, an der Zahl 42, die er bis zu seiner Entlassung 1924 aus der Festungshaft (er war Regierungsmitglied in der Räterepublik gewesen) mit persönlichen, literarischen und politischen Empfindungen und Geschehnissen füllte, erwartete ein bizarres Schicksal: Zehn Jahre später, kurz nach Mühsams Tod. wanderte seine Witwe, Zenzl, eigentlich Kreszentia Elfinger (1884 – 1962), – das gerettete Archiv im Gepäck – zunächst nach Prag und später nach Moskau aus: Die Kominterngenossen interessierten sich für den Nachlass des zwar offen antimarxistischen, aber durch seine satirischen Schriften und seinen wahrlich heroischen Tod legendär gewordenen Poeten und Publizisten. Zenzl wurde versprochen, dass Mühsams Werke in viele Sprachen übersetzt würden, was mitnichten geschah. Wahrscheinlich erwiesen sich seine Schriften als unverwertbar für die schlichte sowjetische Propaganda. Am 23.4.1936 wurde sie verhaftet. Nach fast zwei Jahrzehnten in Straflagern und in sibirischer Verbannung durfte Zenzl Mühsam 1954 ausreisen. In die DDR. Ihr folgten Mikrofilme des Mühsam-Nachlasses, die der ostdeutschen Akademie der Künste (nicht der Witwe!) übergeben wurden. Acht Hefte aus den Jahren 1910/11 und 1916 – 1919 gelten als verschollen, wobei nicht klar ist, wo sie zu suchen sind: beim KGB? bei der Komintern? im Moskauer Institut für die Weltliteratur?

Die übergebenen Hefte erfuhren in der DDR sämtliche Höhen und Tiefen des offiziellen Interesses an Mühsam, der immer „unkoscher“ blieb, was er wahrscheinlich mit der ihm eigenen fröhlichen Kindlichkeit gern bejaht hätte. Nach der Wende kam die Suche nach willigen Verlagen – jetzt wurde nicht die Ideologie, sondern die Ökonomie zum Hindernis für die Veröffentlichung der 8000 Tagebuch-Seiten. Schließlich kamen Chris Hirte und Conrad Piens, die Herausgeber des Tagebuchs, zur Entscheidung, es ins Netz zu stellen. Und auch ein Verlag hat sich gefunden, der Berliner Verbrecher-Verlag, der im Sommer 2011 begonnen hat, den „reinen Text“, ohne Kommentare und Register, zu publizieren. Der ersten Bände der fünfzehnbändigen Ausgabe sind wunderschön, brauchen aber unbedingt die Netzunterstützung unter der Adresse http://muehsam-tagebuch.de, wo der Kommentar und das Namensregister zu finden sind. Ich glaube, das ist eine hervorragende Lösung, und warte ungeduldig auf jeden neuen Band: nicht nur des Zeitgeschichtlichen wegen und nicht allein wegen dieser faszinierenden Persönlichkeit, die die Eigenschaften eines verzogenen Kindes und eines wahren Helden, eines Bohemiens und eines überaus fleißigen Literaten in sich vereinte, sondern auch wegen der zauberhaften Prosa, die auf fast jeder dieser 8000 Seiten aufglänzt. / Oleg Jurjew, Fixpoetry

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: