68. Lyrischer Bildungsroman

Rechte Politiker zitieren Hassans wütende Anklagen, sein eigenes Herkunftsmilieu sei verroht, als würden sie beweisen, was sie immer schon gesagt haben: dass diese Leute nicht nach Dänemark passen. Linke wiederum warnen vor Hassans Dichtung, eben weil sie der anderen Seite als Beleg für die Wahrheit ihrer xenophoben und islamfeindlichen Positionen diene. Unterdessen hat der derart instrumentalisierte Dichter so viele Todesdrohungen aus dem islamistischen Milieu erhalten, dass er im Versteck lebt und in der Öffentlichkeit immer von zwei Personenschützern begleitet wird – was wiederum vor allem die Rechte als Bestätigung ihrer Warnungen vor dem Islam verbucht.

Überrascht ist Yahya Hassan von dem Rummel keineswegs. Er habe schon sein ganzes Leben in bedrängter Betreuung verbracht, gibt er mit einiger Abgebrühtheit zu verstehen, nun seien an die Stelle des schlagenden Vaters, der Sonderpädagogen, Jugendfürsorger und Gefängnispsychiater eben Sicherheitsbeamte getreten. Er verachte die Rechtspopulisten genauso wie die Islamisten – beides Extremisten, die Dänemark unerträglich machten und seine Lyrik läsen, als handele es sich um Debattenbeiträge. (…)

Dieses Buch hat Züge eines lyrischen Bildungsromans, es liest sich wie die Geschichte einer Ichwerdung im Medium der Dichtung. Es spielt in Sozialwohnungen, in libanesischen Flüchtlingslagern, im Jugendheim, in den aufgeknackten Wohnungen, die Hassan und seine Kumpel ausräumen, in den Moscheen von Aarhus während des Ramadans – und doch immer im Kopf dieses außergewöhnlichen Mannes. Kaum eines der stets in Kapitälchen geschriebenen Gedichte kommt ohne ein „ich“ aus. Sie sind für die Deklamation geschrieben. Hassan ist – man kann sich auf YouTube davon überzeugen – ein großartiger Vorleser der eigenen Dichtung: Die langen Haare zum Zopf gebändigt, singt er seine Gedichte rhythmisch wie ein ungläubiger Muezzin seiner eigenen Prophetie.

/ Jörg Lau, Die Zeit

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